Kryptozoologie

1955 erschien das Buch „Sur la Piste des Bêtes Ignorées“ des belgisch-französischen Zoologen Bernard Heuvelmans in einer französischsprachigen Ausgabe in zwei Bänden und wurde gleich zu einem Bestseller. Heuvelmans musste seine gesamten Forschungen selber finanzieren, da ihn keine Universität, wegen seiner unorthodoxen Herkunft unterstützte. „Deshalb musste ich meine Bücher immer für die größtmöglichste Leserschaft faszinierend machen“, so Heuvelmans. Es wurde 1958 ins Englische (On the Track of Unknown Animals) übersetzt, mehr als eine Million Exemplare wurden weltweit in über 20 Sprachen verkauft, darunter Japanisch, Serbokroatisch und Slowenisch – aber bis heute ist es noch nicht auf deutsch erschienen.

Der erste Band befasst sich mit verborgenen landlebenden Tieren in Süd-Ostasien und Ozeanien, der zweite mit solchen in Afrika, Amerika und Sibirien. Die Wirkung von „Sur la Piste des Bêtes Ignorées“ und der späteren englischen Übersetzung war enorm. Ein Kritiker bemerkte damals: „Weil seine Forschung auf einer strengen Widmung der wissenschaftlichen Methode und Lehre und seinem Hintergrund als Zoologe basiert, sind Heuvelmans Feststellungen durch die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft respektiert“.

Das Buch inspirierte auch den bekannten Geschäftsmann und Amateurforscher Thomas „Tom“ Baker Slick eine Expedition zur Findung des Schneemenschen durchzuführen. Er initiierte aufgrund seiner bahnbrechenden Wirkung zudem die Gründung einer internationalen, kryptozoologischen Organisation im Jahr 1982 sowie zahlreiche Expeditionen von Forschern und Laienforschern in den Kongo, nach Südchina und viele Orte mehr. Das Buch brachte Heuvelmans genug Geld ein, sein restliches Leben seiner speziellen Suche nach unbekannten Tieren zu widmen, obwohl er im Laufe der Jahre auch immer wieder andere zoologische Themen, wie die Initiale Bipedie, anschnitt. Seit den 1960er Jahren engagierte sich Heuvelmans zudem auch im Fernsehen mit der Sendung „Sherlock au Zoo“ oder im Radio mit „Les Coulisses de l’Arche de Noé“.

1959 wurde der Begriff „Kryptozoologie“, den Heuvelmans zuvor nur in privaten Korrespondenzen benutzte, zum ersten Mal nachweislich in einem Heuvelmans gewidmeten Buch von Lucien Blancou über die Canidae (Hundeartige) gebraucht („Heuvelmans, Maitre de la Cryptozoologie“). Der Begriff setzt sich aus den drei altgriechischen Wörtern kryptos „verborgen“, zoon = „Tiere“ und logia „Lehre“ zusammen. In Anlehnung an diesen Begriff wurde auch das Wort Kryptid (Plural: Kryptiden), für die Tiere, mit denen sich die Kryptozoologie beschäftigt, geprägt und von Heuvelmans sofort übernommen. 1975 gründete er ein Zentrum für Kryptozoologie in Le Bugue, Südwestfrankreich, welches später nach Le Vésinet in der Nähe von Paris umzog und bis zu seinem Tod die große private Bibliothek sowie seine komplette Datensammlung beherbergte.

Als es auf Betreiben des Biologen Roy P. Mackal und des Ökologen J. Richard Greenwell 1982 darum ging, eine internationale Vereinigung für die Kryptozoologie zu gründen, die Expeditionen unterstützt und Publikationen zum Themengebiet herausgibt, wurde der Begriff natürlich mit in die Namensgebung einbezogen. So wurde die International Society of Cryptozoology (ISC) gegründet, die jährlich das Magazin Cryptozoology herausgab und vierteljährlich einen Newsletter. Bernard Heuvelmans, der „Vater der Kryptozoologie“, wie er von einigen respektvoll genannt wurde und wird, wurde zum ersten Präsidenten gewählt (in dieser Funktion blieb er auch Zeit seines Lebens), Roy P. Mackal zum Vize-Präsidenten und Richard J. Greenwell zum geschäftsführenden Sekretär und Redakteur. In ihrer Blütezeit zählte die ISC rund 850 Mitglieder, nach jahrelanger Inaktivität und dem Tod wichtiger Mitglieder wie Bernard Heuvelmans selbst oder Grover Krantz ist sie heute de facto aufgelöst. Von ihrem Beispiel beeindruckt tauchen jedoch seit vielen Jahren weltweit andere Organisationen, Vereine und Forschungszentren auf, die sich mit Kryptozoologie beschäftigen – jedoch mit unterschiedlichem Erfolg und unterschiedlicher Seriosität.

Die Kryptozoologie ist am Existenzbeweis von Großtieren interessiert, die außerhalb der existierenden Klassifikationsschemata angeordnet sind oder die als schon lange ausgestorben gelten. Ein Beispiel einer früher als ausgestorben angesehenen Ordnung ist der Quastenflosser. Daneben gibt es Berichte über relativ große Tiere, die als lokal bekannt gelten oder in der Volkskunde erwähnt werden, aber von der traditionellen Zoologie wegen fehlender konkreter Beweise für ihre Existenz ignoriert werden. Kryptozoologen weisen gerne darauf hin, dass der Komodowaran den Hintergrund asiatischer Drachenlegenden bilden könnte. Daneben belegen die relativ neuen Beschreibungen (u. a.) des Riesenwaldschweins (1904) oder des Saola (1993), dass es in der Welt noch unentdeckte größere Tierarten gibt. Insbesondere entlegene und unerforschte Gebiete, wie etwa die Tiefsee, können noch unbekannte größere Tierarten bergen. Allerdings sollten hier klare Trennlinien gezogen werden, denn wenn eine neue Tierart entdeckt wird, handelt es sich schlicht um ein neuentdecktes Wesen, keinen Kryptiden. So ist etwa der Quastenflosser kein Kryptide gewesen, denn er wurde vollkommen zufällig entdeckt, während er für die Einheimischen, die ihn schon lange kannten und zuweilen auch fingen, einzig ein großer Fisch war. Viele heute recht gut bekannte Wesen waren noch im frühen 20. Jahrhundert nur durch zum Teil phantastische Geschichten bekannt, etwa der Berggorilla, dessen tatsächliche Existenz vielfach angezweifelt wurde, bis seine Existenz durch Forscher und Jäger nachgewiesen werden konnte. Von anderen kannte man lange Zeit kein lebendes Exemplar, sondern lediglich einzelne Felle, Schädel oder Körperteile, wie beim Okapi oder dem Kongopfau.

Ungeklärte Phänomene, Mysterien u. ä. sind populäre Themen, die für die Kryptozoologie bedauerlicherweise ein Image-Problem hervorgerufen haben. Oft wird in den Medien, im Internet oder im allgemeinen Gedankengut die Kryptozoologie mit diesen Themen in Verbindung gesetzt und der Eindruck hervorgebracht, es handle sich um außerirdische oder paranormale Zoologie.
Kryptozoologie ist jedoch keineswegs eine „arkane oder okkulte Zoologie“ wie bereits Heuvelmans feststellte. Geister, Vampire, Werwölfe usw. sind keinesfalls kryptozoologisch, sondern basieren (wissenschaftlich gesehen) auf menschlichen Psychosen oder anderen Krankheiten. Theorien über paranormale Eigenschaften oder Erklärungen die (vor allem in den Jahren zwischen 1970 und 1980) für einige Kryptide („verborgene“ Tiere, die für die Kryptozoologie von Interesse sind) aufgestellt wurden, basieren in der Regel nur auf unzulänglichen Kenntnissen und Datenanalysen beziehungsweise -sammlungen.
Die Kryptozoologie ist im Rahmen der anerkannten Natur- und Geisteswissenschaften einzig und allein auf der Suche nach möglicherweise existierenden Tieren!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Kryptozoologie

  1. Sabine sagt:

    Mich fasziniert es, welche erstaunlichen Lebewesen in der Tiefsee entdeckt wurden.
    Und ich bin sehr gespannt auf die nächsten Entdeckungen. Aber ich glaube nicht, dass größere Fische, Mollusken usw. darunter sein werden. Schade eigentlich …

    • tylacosmilus sagt:

      Ich würde nicht unbedingt ausschließen, dass noch große Tiere gefunden werden. Die zweite Quastenflosser-Art wurde erst 1998 entdeckt, wer weiß, vielleicht gibt es noch mehr und der eine oder andere Kalmar könnte sich auch noch verbergen. Die meisten neu entdeckten Tiere sind zwar klein, aber ich würde nicht ausschließen, dass noch etwas Größeres entdeckt wird.

Kommentar verfassen