Warum manche Tiere nicht züchten sollten 2 – Lars

Der Zoo Wuppertal gab am 17. Januar 2011 folgende Pressemittteilung bekannt:
Im Wuppertaler Zoo hat es am 4. Januar Nachwuchs für das Eisbärenpaar Vilma und Lars gegeben. Nur eins der beiden Jungtiere überlebte, nun gibt es dank Überwachungskamera einen ersten Blick auf das Wollknäuel.
Eines der Jungen lebte nur eine Woche und wurde drei Tage später von Vilma nach Eisbärenart „beerdigt“. Das andere Jungtier ist wohlauf. Es wird voraussichtlich erst im April mit der Mutter aus der Wurfhöhle kommen. Bis dahin ist laut Wuppertaler Zoo äußerste Ruhe notwendig. Eisbärenmütter, die in Ihrer Polarheimat die Jungtiere in selbst gegrabenen Schneehöhlen zur Welt bringen, sind sehr anfällig gegen Störungen.
In den vergangenen Jahren hat es im Wuppertaler Zoo mehrmals erfolgreiche Aufzuchten von Eisbären gegeben, die erste Geburt schon am 27. November 1931. „Lars“ ist im Zoo Berlin, seiner vorherigen Heimat, Vater des berühmten Eisbären „Knut“ geworden.
Wieder ein niedlicher kleiner Eisbär, der dem Zoo vermutlich eine Menge Besucher bescheren wird. Und vermutlich mit größter Wahrscheinlichkeit ein weiterer Todeskandidat.
Knut, der Vorzeigesohn von Lars starb am 19 März 2011. Bereits als Kind war er der Liebling der Nation, seine Geschichte ging um die ganze Welt:

Die erste Eisbärengeburt im Zoologischen Garten Berlin seit mehr als 30 Jahren fand zunächst ein großes regionales und sehr schnell auch internationales Medienecho. Das Tier wurde eine der größten Attraktionen des Berliner Zoos. Während allein in Deutschland seit 1980 bereits rund 70 Eisbären weitgehend unbeachtet von der Presse geboren und aufgezogen wurden, wurde der von Hand aufgezogene Knut zu einem internationalen Medienphänomen.
Knuts Eltern sind die ebenfalls im Zoologischen Garten Berlin lebende Bärin Tosca und der Bär Lars. Der am 12. Dezember 1993 geborene Vater stammt aus dem Münchner Tierpark Hellabrunn und wurde dem Tierpark Neumünster übergeben, als ihm mit Erreichen der Geschlechtsreife sein Vater Michi in München hätte gefährlich werden können. Von dort aus kam er nach Berlin, wo er Knut zeugte, und wechselte im Oktober 2009 zum Zoo Wuppertal. Tosca wurde 1986 in Kanada geboren, früher im Staatszirkus der DDR gehalten und gehörte dort zur Eisbärengruppe von Ursula Böttcher.
Die 20-jährige Eisbärin brachte nach einer problemlosen Tragezeit am 5. Dezember 2006 zwei männliche Jungtiere zur Welt. Es handelte sich dabei um die erste Eisbärengeburt in Berlin nach 20 Jahren. Die Mutter nahm ihren Nachwuchs nicht an, und eines der Jungtiere verendete nach vier Tagen. Das verbliebene Jungtier Knut, das bei der Geburt 810 Gramm wog, wurde von Tosca getrennt und durch ein Team des Berliner Zoos versorgt. Die ersten 44 Lebenstage verbrachte es in einem Brutkasten. Das Jungtier wurde rund um die Uhr von Tierpfleger Thomas Dörflein umsorgt, der eigens ein Zimmer im Zoologischen Garten Berlin bezog, um Knut alle vier bis sechs Stunden mit Futter versorgen zu können.
Knut erreichte bei einer Untersuchung am 15. März 2007 ein Gewicht von 8,2 Kilogramm. Um das Tier in den ersten Tagen seines Lebens zu schonen, hatte die Zooverwaltung eine Grenze von acht Kilogramm für die öffentliche Präsentation festgelegt. Deshalb wurde Knut erst am 23. März im Alter von 15 Wochen und mit einem Gewicht von neun Kilogramm offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt. Schon am folgenden Tag zog er Tausende von Besuchern an.
Am 28. November 2007 berichtete das Flensburger Tageblatt, dass Knut dem Tierpark Neumünster gehöre. Knuts Vater Lars wurde seit 1999 vom Neumünsteraner Zoo an Berlin ausgeliehen, und es sei vertraglich vereinbart worden, dass das erste geborene Jungtier – in diesem Falle Knut – dem Zoo von Neumünster gehöre. Der Direktor des Berliner Zoos, Bernhard Blaszkiewitz, bestätigte den Vertrag. Am 7. Juli 2009 wurde eine Übereinkunft zwischen dem Berliner Zoo und dem Tierpark Neumünster bekannt gegeben. Knut blieb im Berliner Zoo, während der Tierpark Neumünster eine Ausgleichszahlung in Höhe von 430.000 Euro erhielt.
Von September 2009 bis Juli 2010 teilte Knut eine Freianlage mit der etwa gleichaltrigen Eisbärin Giovanna, die während des Umbaus der Eisbärenanlage im Tierpark Hellabrunn im Berliner Zoo untergebracht war. Anschließend wurde er gemeinsam mit den drei ausgewachsenen Eisbärinnen Tosca, Nancy und Katjuscha auf der großen Eisbärenfreianlage untergebracht.
Am 19. März 2011 starb Knut, der sich zu diesem Zeitpunkt allein in der Außenanlage des Eisbärgeheges des Berliner Zoos befand, vor den Augen der Zoobesucher. Zuvor hatte er sich mehrfach im Kreis gedreht und war in das Wasserbecken gefallen, in dem er dann leblos trieb. Das Tier wurde vier Jahre alt. In freier Wildbahn erreichen Eisbären schätzungsweise ein Alter von 25 bis 30 Jahren, in Gefangenschaft können sie hingegen weit über 30 Jahre alt werden.
Am 22. März wurde als erstes Resultat der Sektion bekannt, dass Knut an einer Hirnerkrankung gelitten habe. Man habe „deutliche Veränderungen am Gehirn festgestellt“. Diese könnten als Grund für den plötzlichen Tod von Knut angesehen werden, so die leitende Pressesprecherin des Berliner Zoos. Am 1. April gaben der Berliner Zoo und das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) „Ertrinken“ als Todesursache von Knut an. Aufgrund einer Gehirnentzündung, die durch eine Infektion ausgelöst worden war, sei er ins Wasser gefallen und ertrunken. Auch das Rückenmark sei durch die Entzündung krankhaft geschädigt gewesen. Aufgrund der massiven Entzündung wäre der Eisbär, auch ohne den Sturz in das Wasserbecken, nach einiger Zeit ohnehin gestorben. (Wikipedia)

Das es auch anders geht zeigte eine Pressemittteilung des Tierrechtlers Frank Albrecht vom 21. März 2011:
Tod von Eisbär Knut war nur eine Frage der Zeit
Tierrechtler sieht möglichen Zusammenhang zwischen Inzest, Erbkrankheit und Stress
Berlin/ Nürtingen Tierrechtler Frank Albrecht ist bei der Sichtung von historischen und aktuellen Material auf mysteriöse und ähnlich verlaufende Todesfälle bei verwandten Eisbären von Knut gestoßen. So sei eines von Eisbärin Lisas (Knuts Oma) Geschwistern 1975 im Tierpark München nach Gleichgewichtsstörungen und einem Anfall ebenfalls im Alter von 4 Jahren plötzlich im Wasser ertrunken. JERKA, ebenfalls mit Knut verwandt, und Knuts Vater LARS erkrankten 2009 im Zoo Wuppertal plötzlich an der Leber und zeigten Vergiftungserscheinungen. Während LARS gerettet werden konnte starb JERKA an den Folgen der Erkrankung. Auch MICHI, Opa von KNUT, starb in München gerademal 18 jährig an den Folgen einer Herzerkrankung. Zudem liegt die bisherige Jungtiersterblichkeit bei Nachkommen von Eisbär LARS, Knuts Vater, mit dem Tod von Knut nun bei fast 100 Prozent. Ähnlich schlecht liegt die Jungtiersterblichkeit bei Eisbärin LISA und MICHI, die Eltern von Knuts Vater Lars. Alle oben genannten Verstorbenen oder erkrankten Verwandten, einschließlich KNUT, hatten zudem meist mit plötzlich und massiv auftretende Stresssituationen (Umzug, neue Partner) zu kämpfen, die sich wiederum negative auf die Gesundheit oder einer vererbten Erkrankung auswirken können. Albrecht schlussfolgert daher, dass Knut womöglich unter einer vererbten Vorerkrankung (Folge von Inzucht) litt, die dann im unmittelbaren Zusammenhang mit Dauerstress, zum Tode führte.
„LARS, der Vater von KNUT, ist durch Inzest gezeugt worden. Die extrem hohe Sterberate der Nachkommen bei Inzucht ist in Gefangenschaft keine Seltenheit, denn das Risiko von Erbschäden ist bei Inzucht viel zu hoch. Lars hätte also nie zur Zucht herangezogen werden dürfen“, so der Zookritiker Frank Albrecht abschließend. „Womöglich hat auch der Dauerstress, den der handaufgezogene Knut mit den drei erwachsenen Eisbärinnen hatte, einen Krankheitsverlauf und den Todzeitpunkt noch beschleunigt. Aufgrund dieser vielen Zusammenhänge war der Tod von Knut für mich nur noch eine Frage der Zeit. In- und Inzestzucht, die mittlerweile in beiden Berliner zoologischen Einrichtungen fast schon Alltag ist, sollten nun endlich auch in Zoogefangenschaft als Qualzucht betrachtet und endlich auch rechtlich verfolgt werden.“

Stammbaum von Lars

Stammbaum von Lars

Wenn man einen genauen Blick auf den Stammbaum von Lars, dem Vater von Lars wirft, ist es ein Wunder, warum man nach wie vor versucht, mit diesem Eisbären zu züchten. So schön es auch ist, wenn ein Zoo mit einem kleinen Tier aufwarten kann, so traurig ist der Tod eines solchen und dann gerät der Zoo in Erklärungsnot. Und das Geschrei von Tierschutzorganisationen wird lauter (zu Recht):

MICHI, der Vater von Lars, hatte in seinem ganzen Leben bisher vier Mal Nachwuchs gezeugt.
Drei Babys starben noch an ihrem Geburtstag. Nur Lars lebt noch.
Michi starb 18jährig 2006

LISA, die Mutter von Lars (und Michi), hatte in ihrem Leben sieben Mal Nachwuchs zur Welt gebracht.
Drei Babys starben noch am Geburtstag. Zwei Babys starben nach einem Tag.
Nur MICHI und LARS wurden älter.
Lisa starb 33jährig 2009.

LARS hat in seinem bisherigen Leben elf Mal Nachwuchs gezeugt.
Acht Babys davon, darunter Knuts Zwillingsbruder, starben noch am Geburtstag.
Ein männliches Baby wurde nur 8 Tage alt.
Knut war mit insgesamt 4 Lebensjahren der älteste Nachwuchs von LARS.

Jetzt bleibt die Frage, wie lange sich Wuppertal über den 11. Nachkommen von Lars freuen kann. Wünschenswert wäre ein langes Leben, aber bei einer von Toden geprägten Vorgeschichte glaube ich nicht daran.

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