Diazepam bei Delfinen

Delfinarien stehen seit Jahrzehnten unter strenger Beobachtung von Tierschutzorganisationen und einzelnen Tierschützern. Jede Geburt, jeder Tod, jeder technische Mangel wird genau unter die Lupe genommen und ständig wird die Schließung der Delfinarien gefordert. Das Delfinarium im Allwetterzoo Münster und das im Vergnügungspark Connyland schließen, von Duisburg und Nürnberg wird es nach wie vor gefordert, obwohl die neue Delfinlagune (Nürnberg) noch sehr jung ist, entspricht sie nicht den Ansprüchen der Tierschützer.
In manchen Belangen haben die Tierschützer durchaus Recht (und ich persönlich gebe zu, dass ich nicht traurig um die Schließung des Münsteraner Delfinariums bin), aber leider muss man auch sagen, dass die Tierschützer immer wieder mit denselben Argumenten kommen, ebenso wie Tierparkdirektoren und Kuratoren…
Ein endloser Kreis.
Ich erlaube mir mal den neuesten „Skandal“ anhand von Pressemitteilungen und Wikipediaeinträgen zu erläutern, enthalte mich aber einer Interpretation.

25.07.2012
Psychopharmaka im Delfinarium des Tiergarten Nürnberg
Hagen (ots) – Nach einer Akteneinsicht im Delfinarium des Tiergarten Nürnberg sind Biologen des Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) geschockt. Die Delfine würden regelmäßig mit Psychopharmaka und Antibiotikum behandelt, so das Ergebnis. Die Medikamentenliste sei lang und weise über 20 Medikamente aus. 38 Nürnberger Delfine hätten seit Bestehen des Delfinariums im Jahr 1971 den Tod gefunden. „Die tiermedizinischen Unterlagen des Nürnberger Delfinariums lesen sich wie der Bericht einer Intensivstation“, so WDSF-Geschäftsführer Jürgen Ortmüller.
Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte die Stadt Nürnberg verurteilt, die Akten offen zu legen, nachdem Tierschützer dies jahrelang vergeblich gefordert hatten.
Die Delfinakten würden eine regelmäßige Verabreichung von Diazepam ausweisen, einem verschreibungspflichtigen Psychomarmaka gegen Angst- und Spannungszustände, das nur in geringer Einzeldosis und wegen seines Suchtpotentials nicht fortlaufend verabreicht werden dürfe, so das WDSF. Innerhalb von vier Monaten seien beispielsweise dem nierenkranken Delfin Jenny 145 mg Diazepam verabreicht worden. Der Delfin Anke erhielt bei einem Transfer von Holland nach Nürnberg im Frühjahr eine Höchstdosis von 30 mg Diazepam und Antibiotika.
Anke muss sich bei diesem Transport stark stark verletzt haben. In dem Tiergarten-Bericht heißt es: „Anke hat sich beim Fangen hinter Blasloch, kaudal an der Finne (blutet am meisten), am rechten Flipper und an der Fluke aufgeschlagen.“
Die vom WDSF eingeschaltete Staatsanwaltschaft würde nun zu prüfen haben, ob das Delfinarium geschlossen werden muss, um eine fachkompetente Oberaufsicht für die Delfinbehandlung zu gewährleisten. „Hier scheinen alle Entscheidungsträger vom Tiergartendirektor bis hin zur zuständigen Tierärztin versagt zu haben“, sagt Ortmüller.
Das WDSF lässt jetzt prüfen, ob die Antibiotika-Behandlung zum mehrfachen Tod von Delfinen in Nürnberg geführt hat. Ortmüller: „Wir haben einen Hinweis eines Biologen von der Ruhr-Universität Bochum vorliegen, dass die Antibiotika-Behandlung der Delfine zur sogenannten „Herxheimer Reaktion“ führen kann, die mit Todesfällen verbunden ist, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird.“

Und hier die Reaktion des Tiergarten:

26.7.2012
Tiergarten: „Delphine werden bestens betreut“
Tiergartendirektor Dr. Dag Encke bezieht Stellung zu den Vorwürfen von Tierschutzorganisationen bezüglich der Delphinhaltung im Tiergarten der Stadt Nürnberg. „Die Aktivisten der Tierschutzorganisationen ‚Whale & Dolphin
Conservation Society‘ (WDCS) und ‚Wal- und Delphinschutz-Forum‘ (WDSF) haben richtig erkannt, dass sich der Tiergarten mit hohem personellem und finanziellem Aufwand um seine Tiere kümmert.
Die unhaltbare Kritik an der Verabreichung von Medikamenten im Tiergarten hingegen zeugt von einer tierschutzwidrigen Einstellung zur Haltung von
Tieren. Im Tiergarten der Stadt Nürnberg leben rund 2 500 Tiere, die unter anderem von 60 Tierpflegerinnen und Tierpflegern und zwei Fachtierärztinnen und -ärzten betreut werden. Kranke Tiere, lebensschwache junge Tiere, altersschwache alte Tiere, verletzte Tiere, kurz: jedes Tier, das auf Hilfe angewiesen ist, wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fachgerecht betreut, versorgt und bei Bedarf behandelt. Jede Tierart wird spezifisch, entsprechend ihrer
physiologischen und anatomischen Eigenarten behandelt. Für diese komplexe Aufgabenstellung bedarf es zusätzlich zum regulären Tiermedizinstudium der Qualifikation ‚Fachtierarzt für Zoo-, Gehege- und Wildtiere‘. Darüber hinaus gibt es die Qualifikation ‚Fachtierarzt für Tierschutz‘. Die Tierärzte im Tiergarten Nürnberg verfügen über diese Zusatzqualifikationen. Nicht nur der Tiergarten, sondern jeder Tierhalter ist nach dem Tierschutzgesetz verpflichtet, notwendige tierärztliche
Behandlungen durchführen zu lassen.
Selbstverständlich unterhält der Tiergarten eine Apotheke, die weit mehr
als nur 20 verschiedene Medikamente beinhaltet.
Selbstverständlich werden kranke Tiere behandelt.
Selbstverständlich werden unterschiedliche Tierarten und Tierindividuen entsprechend der jeweiligen Indikation mit den notwenigen Medikamenten versorgt.
Selbstverständlich achtet der Tiergarten darauf, dass Tiere auf Transporten keinem unnötig hohen Stress ausgesetzt werden und setzt dafür prophylaktisch auch – je nach Tierart und Transportlänge – Beruhigungsmittel ein, um die Tiere zu
schonen.
Selbstverständlich schaut der Tiergarten nicht tatenlos zu, wenn Tiere nicht genug Futter oder Wasser zu sich nehmen. Selbstverständlich verabreicht der Tiergarten keine Medikamente ohne Grund!
Selbstverständlich kümmert sich der Tiergarten um seine Tiere und zwar um jedes Individuum und zu jeder Zeit!
Selbstverständlich kommt auch den Delphinen diese Fürsorge zugute.
Sieben Große Tümmler leben im Tiergarten in zwei Gruppen, die zurzeit kerngesund und sozial ausgesprochen ausgeglichen sind. Die beiden Bullen Joker und Arni leben mittlerweile in der Lagune in direkter Nachbarschaft zur Zuchtgruppe. Beide Gruppen kommunizieren miteinander, was vor allem den beiden Bullen gut tut.
Vier der sieben Tiere sind in Delphinarien geboren und von ihren Müttern groß gezogen worden. Die drei Tiere, die noch aus freier Wildbahn stammen, haben die normale Lebenserwartung von Delphinen bereits überschritten. Eines der Tiere, Moby, ist mit etwa 52 Jahren einer der ältesten Delphine weltweit. Das wiederum ist nicht selbstverständlich.
Der Versuch der Aktivisten von WDCS und WDSF, Diagnosen aufgrund von verabreichten Medikamenten zu stellen, war a priori zum Scheitern verurteilt. Die Lektüre von Beipackzetteln reicht für eine Diagnose nicht aus. Die Skandalisierung der Verabreichung des Medikaments Diazepam, das den Appetit anregt und bei hohen Dosierungen auch als Beruhigungsmittel eingesetzt werden kann, ist gelungen, aber falsch. Es handelt sich um ein gängiges Mittel in der Tiermedizin, das vor allem im Haustierbereich regelmäßig zur Appetitanregung verschrieben wird und auch im Tiergarten bei entsprechender Indikation eingesetzt wird. Eine veterinärmedizinisch – in der angesprochenen Dosierung – gängige
Therapiemaßnahme. Pharmakologisch gehört Diazepam zur Gruppe der Psychopharmaka.
Die von WDSF und WDCS geäußerten Mutmaßungen zu Ursachen und Wirkungen in der Wildtiermedizin entbehren einer erkennbaren fachlichen Basis und Belastbarkeit. Für den Tiergarten ist kein wissenschaftlich nachvollziehbarer Ansatz in der losen Aneinanderreihung von Einzelaussagen zu erkennen. Schlussfolgerungen erscheinen zusammenhanglos in den Raum gestellt.
Dass die zitierten und kritisierten Behandlungen zum Erfolg, nämlich der Genesung und Langlebigkeit der Tiere führten und führen, scheint nicht wichtig zu sein; ebenso wenig dass Moby, Jenny, Anke, Noah und Sunny ein harmonisches und stabiles Sozialleben haben und das auch täglich zeigen.
Die Meere steuern auf einen ökologischen Kollaps zu. Als große Beutegreifer stehen die Delphine an der Spitze der Nahrungspyramide. Sie sind deshalb wichtige Bioindikatoren für den Gesamtzustand des Ökosystems. Um die Nachrichten, die uns die Delphine über den Zustand ihres Lebensraums geben können, überhaupt lesen zu können, müssen wir die einzelnen Arten biologisch verstehen lernen. Erst dann können wir ihnen helfen und ihren Lebensraum effektiv schützen. Weder die Verklärung der Lebensbedingungen von Tieren in freier Wildbahn noch die Verteufelung der Haltung von Tieren in Menschenhand tragen zum Schutz der Tiere und zur Aufklärung der Menschen bei. Dank
der Delphinhaltung und der damit verbundenen Sensibilisierung der Besucher konnten die Artenschutzgesellschaft „Yaqu pacha“ und der Tiergarten Nürnberg mit mehr als 1 000 000 Dollar Projekte zum Schutz und zur Erforschung von Delphinen in Südamerika unterstützen.“
Tiergarten der Stadt Nürnberg, i. A. Dr. Dag Encke, Leitender Direktor

Diazepam bei Wikipedia

Dieser Beitrag wurde unter Nürnberg, Zoo abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.