Die Stammesgeschichte der Laufvögel

Viele Fragen in Zusammenhang mit den Laufvögeln sind ungeklärt. So wurde insbesondere diskutiert, ob diese Gruppe wegen ihrer Flugunfähigkeit besonders „primitiv“ sei. Das Kleinhirn der Ratiten unterscheidet sich kaum von dem der flugfähigen Vögel. Auch das reduzierte Flügelskelett folgt dem gleichen Grundschema wie das der fliegenden Arten. Den Laufvögeln fehlen jedoch die Luftsäcke in den Langknochen, wie sie für Flugvögel typisch sind. Die meisten Fachleute gehen heute davon aus, dass Laufvögel von flugfähigen Vögeln abstammen.
Laufvögel gehen bis auf das Paläozän zurück, in Form der Lithornithiformes. Nandus sind seit dem Eozän bekannt, Kasuare seit dem Oligozän, Strauße, Moas und Steißhühner seit dem Miozän, und Elefantenvögel und Kiwis seit dem Pleistozän.

Lithornithiformes sind den Steißhühnern sehr ähnlich, besaßen aber gut entwickelte Flügel, eine ausgeprägtere Flugfähigkeit und hatten große, gekrümmte Krallen, die noch für ein Aufsitzen in Bäumen geeignet waren. Die Krallen der bodenbewohnenden Steißhühner sind flach. Die Schädelknochen waren nur unvollständig zusammengewachsen, das Brustbein gekielt, ein nur schwach zusammengewachsenes Pygostyl trug einen kurzen Schwanz.
Der Erstbeschreiber Peter Houde verglich ihren Schnabel mit dem der Kiwis und nahm an, dass sie damit im Erdreich der baumbestandenen Überflutungsebenen des westlichen Nordamerika des Paläogen nach wirbellosen Tieren stocherten.

Der Ursprung der Familie der Straußenvögel ist rätselhaft. Als ältester Vertreter gilt manchen Fachleuten der sogenannte Urstrauß Palaeotis weigelti, dessen Fossilien aus dem Eozän in der Grube Messel und im Geiseltal gefunden wurden. Dieses Tier zeigt nach neuen Erkenntnissen noch mehr Ähnlichkeiten mit den Nandus und könnte daher passender als „Urnandu“ benannt werden.
Vögel, die unbestritten zu den Straußen gehören, sind seit dem Miozän belegt. Damit ist Struthio eine sehr alte Vogelgattung. Struthio orlovi aus dem Miozän Moldawiens ist die älteste bekannte Art. Im Pliozän lebten mehrere Arten in Asien, beispielsweise in der Mongolei und in Ostasien (Struthio chersonensis, Struthio mongolicus, Struthio wimani). Der Asiatische Strauß (Struthio asiaticus) lebte im Pleistozän in den Steppen Zentralasiens. Im Pleistozän tauchte der heute lebende Afrikanische Strauß auf, dessen Verbreitungsgebiet während der letzten Eiszeit auch Spanien und Indien umfasste.

Diogenornis fragilis

Diogenornis fragilis

Die frühen Nandus werden oft der eigenen Familie Opisthodactylidae zugeordnet. Benannt ist dieses Taxon nach Opisthodactylus patagonicus, einem südamerikanischen Vogel des Miozäns, der anders als heutige Nandus eine vierte Zehe hatte – eines von mehreren Merkmalen, die als Beleg einer gemeinsamen Abkunft von Nandus und Steißhühnern angeführt werden. Der älteste Vertreter, Diogenornis fragilis, aus dem Paleozän Südamerikas, ist auch der älteste bekannte Laufvogel.
Die eigentlichen Nandus (Rheidae) sind seit dem Pliozän fossil belegt.

Fossilfunde von Kasuaren sind selten. Die meisten Funde sind nur Fragmente, die nicht sicher Emus oder Kasuaren zugeordnet werden können. All diese Funde stammen aus Australien. Ein Fund, der sicher einem Bennettkasuar zugeordnet werden konnte, stammt aus dem Pleistozän von New South Wales und deutet darauf hin, dass Kasuare in Australien einst eine wesentlich weitere Verbreitung als heute gehabt haben dürften. Nur ein Fossilfund ist älter als das Pleistozän; er stammt aus dem Pliozän Australiens vor 4 Mio. Jahren, und seine Zuordnung zu den Kasuaren ist unsicher.

Kiwi-Fossilien kennt man lediglich aus dem Pleistozän und Holozän. Allerdings werden Vermutungen, dass sie eine sehr alte Tiergruppe sind, durch Fußabdrücke aus dem Miozän gestützt, die den Kiwis zugewiesen werden. Eine gelegentlich genannte fossile Art aus dem Pliozän Australiens (Metapteryx bifrons) ist nach Ansicht der meisten Zoologen in Wahrheit ein Jungtier aus der Verwandtschaft der Emus.

Anomalopteryx didiformus

Anomalopteryx didiformus

Der älteste Fund eines Moas im Fossilbericht ist Anomalopteryx aus dem späten Pliozän vor etwa 2,5 Millionen Jahren. Aus dem Pleistozän sind 33 fossile Überreste von Moas bekannt. Funde aus Ablagerungen vor dem Holozän sind demnach sehr selten, dies trifft jedoch für die fossile Überlieferung auf den neuseeländischen Inseln insgesamt zu. Alle bislang gefundenen Moa-Fossilien lassen sich den aus dem Holozän bekannten Arten zuordnen. Demnach sind während des Pleistozäns keine Moa-Arten ausgestorben oder entstanden, sondern lebten nahezu unverändert fort, bis sie beinahe gleichzeitig vom Menschen ausgerottet wurden. Es lässt sich lediglich oft eine leichte Größenabnahme zwischen dem Pleistozän und dem Holozän feststellen.
Auch wenn entsprechende fossile Belege fehlen, sind die Moas eine weit ältere Tiergruppe als ihr Fossilbericht es bislang dokumentiert. Von den Vorfahren der Moas konnten bislang keine Fossilien gefunden werden.

Die Elefantenvögel sind eine ausgestorbene Familie der Laufvögel mit den zwei Gattungen Aepyornis und Mullerornis, sie auf Madagaskar endemisch war. Sie ist durch Fossilien und zahlreiche subfossile Eifunde bekannt. Die erstmalige Entdeckung eines Fossils dieser Vögel gelang dem Franzosen Alfred Grandidier während einer seiner Forschungsreisen auf der Insel zwischen 1865 und 1870.
Man stimmt weitestgehend darüber überein, dass das Aussterben des Elefantenvogels auf menschliche Einflüsse zurückzuführen ist. Womöglich dienten die großen Vögel als wichtige Fleischlieferanten. Es gibt mehrere Belege von geschlachteten Elefantenvögeln. Insbesondere die Eier der Elefantenvögel dürften gefährdet gewesen sein, es gibt Belege dass diese als Mahlzeiten zubereitet wurden. Wahrscheinlich spielte auch die von den Ureinwohnern betriebene Brandrodung eine zusätzliche Rolle, da sie große Flächen des Lebensraums des Elefantenvogels zerstörte. Des Weiteren ist möglich, dass Krankheiten, übertragen durch eingeführtes Geflügel, eine Rolle spielte.
Das Datum des Aussterbens der Elefantenvögel ist nicht sicher belegt. Archäologische Beweise belegen ein Fortleben bis mindestens zum Jahr 1000.
Gelegentlich wird über ein Überleben des Elefantenvogels bis in das 17. Jahrhundert spekuliert. Der erste Gouverneur Madagaskars, Étienne de Flacourt, berichtete von einem großen Vogel, welcher die Eier eines Straußes legte und die Ampartes bewohnte. Dieser Vogel suche sich die entlegensten Regionen, um nicht von Menschen bedroht zu werden.

Abbildung (Diogenornis fragilis) mit freundlicher Genehmigung von Geraldo de França Jr.

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