Mensch und Hirsch

Das Beladen der Rennthiere beim Aufbruch zur Sommerreise (Die Gartenlaube, 1875)

Das Beladen der Rennthiere beim Aufbruch zur Sommerreise (Die Gartenlaube, 1875)

Einzelne Hirscharten sind schon seit langem von großer Bedeutung für den Menschen. Dabei sind die Beziehungen von Mensch und Hirsch nicht immer mit positiven Auswirkungen verbunden.
Das Rentier ist die einzige Hirschart, die domestiziert wurde.
Es ist unbekannt, welches Volk zuerst Rentiere domestizierte. Die Nutzung des Rens verbreitete sich um etwa 1000 v. Chr. von Sibirien nach Skandinavien. Das Vorbild dieser spätesten Domestikation eines Großsäugers lieferten offenbar nach Norden vorgedrungene Viehhalter aus bäuerlichen oder viehzüchterischen Kulturen. In Nordeuropa waren die Samen auf diesem Gebiet sehr erfolgreich. Bis zum 17. Jahrhundert wurden Rentiere vor allem als Last- und Zugtiere genutzt. Die anschließende Ausweitung der Domestizierung auf ganze Herden fand erst durch den Zwang zu höheren Steuerzahlungen an die Kolonialherren statt. Noch heute wird in Lappland Rentierzucht betrieben. In Norwegen und Schweden ist sie ein Privileg der Samen, in Finnland wird sie hauptsächlich von Finnen ausgeübt. Die Herden können frei umherwandern, die Menschen folgen ihnen. Die Rentiere werden zu festgelegten Zeiten zusammengetrieben, um die Kälber zu markieren oder ausgewählte Tiere zu schlachten. Das Zusammentreiben großer Herden wird heute teilweise mittels Hubschraubern und/oder Motorschlitten erledigt.
Da Rentiere Temperaturen aushalten können, bei denen jedes andere Nutztier sterben würde, hat man noch im 20. Jahrhundert domestizierte europäische Rentiere in Grönland, Alaska und Kanada eingeführt, wo die einheimischen Völker zuvor nur Wildrener gejagt und niemals selbst domestiziert hatten. In Alaska schlug der Versuch allerdings fehl, da die Inuit ihre Jägermentalität beibehielten. Auch auf einigen subantarktischen Inseln wie Südgeorgien oder den Kerguelen hält die (hauptsächlich aus Forschern bestehende) Einwohnerschaft heute kleine Rentierherden.
Rentiere sind nicht unbedingt scheu; im nördlichen Finnland oder Schweden laufen sie häufig auf den Landstraßen und verlassen sie auch nicht sofort, wenn ein Auto kommt. Man kann daher auf etwa ein bis zwei Meter an sie heranfahren, ohne dass die Tiere fliehen. Zu Fuß ist ein Abstand von weniger als fünf bis zehn Metern allerdings nur bei solchen Tieren möglich, die Menschen gewohnt sind.
Andere Hirscharten sind vor allem zu Jagdzwecken und als Parkwild in vielen Teilen der Welt eingeführt worden: Rothirsche, Sikahirsche, Chinesische Muntjaks, Weißwedelhirsche und Europäische Damhirsche sind nur einige Beispiele für Neozoen. Teilweise sind diese Hirscharten in ihren neuen Verbreitungsgebieten sehr häufig und richten große Schäden an.

ROTHIRSCH UND MENSCH

Röhrender Hirsch auf einer Lichtung vor Fels (Moritz Müller, 1896)

Röhrender Hirsch auf einer Lichtung vor Fels (Moritz Müller, 1896)

Auf die Bedeutung des Rothirsches als jagdbares Wild weisen bereits die Höhlenmalereien hin, wie sie steinzeitliche Menschen hinterlassen haben. Als ältestes überliefertes Jagdbuch gilt das von Xenophon verfasste „Kynegetikos“ aus dem vierten Jahrhundert vor der Zeitenrechnung. Es befasst sich unter anderem auch mit der Jagd auf den Hirschen. Die Jagd auf den Rothirsch stand mindestens zum Ende des Römischen Reichs noch allen offen. In Europa begann sich spätestens ab dem 8. Jahrhundert allmählich ein Jagdrecht zu entwickeln, dass die Jagd zunehmend einschränkte und als ein Privileg des Adels definierte. Dabei zählte das Rotwild neben dem Wildschwein und dem Rehwild sehr frühzeitig zu dem Wild, dessen Bejagung nur dem Hochadel als Privileg zustand. Zu den frühen Jagdmethoden in Mitteleuropa gehörte die Heckenjagd, die sich vermutlich bereits in germanischer Zeit entwickelte. Dabei pflanzte man Hecken mit Durchlässen so an, dass das vor Treibern flüchtende Wild die Durchlässe passieren musste. Daraus entwickelte sich allmählich die Hetz- und Überlandjagden, die zu den herrschaftlichen Vergnügungen zählten und vor allem in Frankreich praktiziert wurden. Für diese Form der Jagd brauchte man gut geschulte Hundemeuten: La chasse du cerf (Die Bejagung des Hirschen) aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zählt zu den ältesten Werken der Jagdliteratur, das sich ausschließlich der Rothirschjagd widmet. In dieser in Versform verfassten Lehrschrift wird besonders ausführlich die Ausbildung des Leithundes beschrieben. Um ausreichend Wild für die herrschaftlichen Jagden zur Verfügung zu haben, wurde eine Wilddichte gefördert, die auf den Feldern der Bauern zu erheblichen Wildschäden führte.
Dies änderte sich auch während des Barocks nicht. Die repräsentative Jagd auf den Rothirsch war unverzichtbarer Bestandteil des höfischen Zeremoniells, zu deren Ausübung aufwändig gestaltete Waffen gehörten. Prestigeträchtiges Wild waren Rothirsch und Wildschwein. Dem Reh wurde ein weit geringerer Wert beigemessen. Neben der nach wie vor praktizierten Parforcejagd auf Hirsche sind sogenannte „eingestellte Jagden“ für diese Zeit typisch. Dazu wurden Rothirsche und Wildschweine über einen Zeitraum von vier bis fünf Wochen auf eine zunehmend kleiner werdende Fläche zusammengetrieben. War die Fläche hinreichend klein, wurde sie mit Lappen, Netze und Tücher so eingezäunt, dass die Gefahr eines Ausbrechens gering war. Mit der Vorbereitung und Bewachung des Wildes waren bis zum eigentlichen Jagdtag Hunderte von Personen beschäftigt, darunter neben einer Vielzahl von Frondienst leistenden Bauern so spezialisierte Berufsgruppen wie „Jagd-Schneider“ und „Jagd-Seiler“. Am eigentlichen Jagdtag wurde das Wild so getrieben, dass es sich optimal für den Abschuss präsentierte. Anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten von Herzog Carl von Württemberg mit der Markgräfin Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth im Jahre 1748 wurden beispielsweise die 800 zusammengetriebenen Rothirsche und Wildschweine über einen Teich so auf die in einem Pavillon versammelte Jagdgesellschaft zugetrieben, dass diese bequeme Abschussmöglichkeiten hatte. Der „Erfolg“ solcher Jagden wurde überwiegend am betriebenen Aufwand und der erlegten Stückzahl gemessen.
Mit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert endeten solche Jagdformen. Vor dem Hintergrund der Romantik bildete sich zunehmend eine andere Jagdethik aus, die ein waidgerechtes Jagen betonte. Die veränderte Rechtslage führte nach 1848 außerdem in vielen Ländern zu einem starken Rückgang des Rothirschbestandes: Das Jagdrecht war nun an den Grundbesitz gebunden und die Landwirte, die sich in der Vergangenheit häufig durch die dank Überhege hohen Wildbestände in ihrer Existenz bedroht sahen, sorgten für drastische Bestandsrückgänge. In der Schweiz war um 1850 der Rotwildbestand sogar vollständig ausgerottet. Die Jagd begann gleichzeitig zunehmend den bürgerlichen Kreisen offen zu stehen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Jagd so sehr zur Freizeitbeschäftigung eines zunehmend selbstbewussten Bürgertums geworden, dass sie sogar den wirtschaftlichen Hintergrund einer Jagdmalerei und -literatur bot. Kennzeichnend für diese Zeit ist die hohe Bedeutung, die der erjagten Trophäe – im Falle der Rothirsche dem Geweih und den Hirscheckzähnen – beigemessen wurde. Hegeziel war entsprechend ein Rothirschbestand, der eine hohe Zahl von Hirschen mit gut entwickelten Geweihen aufwies.
Die heute üblichen Jagdmethoden auf den Rothirsch sind die Ansitzjagd und die Drückjagd. Die Bejagung wird vorrangig als notwendige Regulierungsmaßnahme begriffen, die die Voraussetzung für eine naturnahe Waldwirtschaft schafft und Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen reduziert. Jagd- und Hegeziel ist ein Rothirschbestand, der sich in Zahl und Zusammensetzung an den natürlichen Ressourcen seines Lebensraumes ausrichtet. Jagdberechtigte und Waldbesitzer halten dabei entsprechend ihrer jeweiligen Interessenlage eine unterschiedliche Bestandshöhe für angemessen. In Deutschland legen die Jagdbehörden auf Basis des § 21 Abs. 2 des Bundesjagdgesetzes erstellte Abschußpläne fest, welche Anzahl von männlichem und weiblichem Rotwild pro Jagdrevier erlegt werden.

Rothirsch (Wildfreizeitpark Oberreith)

Rothirsch (Wildfreizeitpark Oberreith)

Der Rothirsch ist ursprünglich Bewohner offener und halboffener Landschaften gewesen, im Jahresverlauf kamen und kommen durchaus ausgedehnten Wanderungen zwischen Sommer- und Wintereinständen vor, die sowohl für den Nahrungserwerb als auch für den Genaustausch wichtig sind. In Mitteleuropa wird der Rothirsch durch den Menschen heute hauptsächlich in große Waldgebiete zurückgedrängt. Die vom Menschen ausgehenden Veränderungen und Reduzierung seines Lebensraums und die Störungen seiner Einstände sind ursächlich für sogenannte Wildschäden, die zu erheblichen Schäden am Wald und auf landwirtschaftlichen Flächen führen und dem Rothirsch angelastet werden. Heute führt dies zu Konflikten zwischen Jagdberechtigten und Waldbesitzern sowie Landwirten.
Der Schaden, den Wild auf Feldern und Äckern anrichten kann, ist einer breiten Öffentlichkeit seit langem bewusst. Die Jagdgesetze der einzelnen Länder regeln die Entschädigungen, die Landwirte für Wildschäden auf ihren Feldern erhalten. Der Schaden, den überhöhte Rothirsch- und Rehbestände in Waldbiotopen anrichten können, wurde vor dem Hintergrund des Waldsterbens erst seit den 1970er Jahren öffentlich breit diskutiert. Der Beginn der Diskussion im deutschsprachigen Raum wird vor allem mit Horst Sterns Film „Bemerkungen über den Rothirsch“ verknüpft, der Weihnachten 1971 ausgestrahlt wurde und unter anderem die Aufmerksamkeit auf die ökologischen Schäden eines zu hohen Rothirschbestandes lenkte. Diese Diskussionen haben in erheblichem Maße die heute üblicherweise verfolgten Jagd- und Hegeziele mitbestimmt. Es ist jedoch durchaus sachgerecht auch die Art der Wald- und Feldbewirtschaftung als Schadensursache mit heran zu ziehen, weil durch Intensivbewirtschaftung integrierte Lebensräume vernichtet wurden.
Schäden im Wald entstehen durch Verbiss, Schälen von Bäumen sowie in geringerem Umfang durch das Fegen des Geweihs im Sommer und bestimmte Imponierhandlungen des männlichen Hirsches während der Brunft wie Bodenforkeln und Schlagen des Geweihs an Bäumen in Form einer Kampfersatzhandlung.
Rothirsche schälen Bäume, indem sie mit den Schneidezähnen etwa in Schulterhöhe die Baumrinde erfassen und die Rinde dann vom Stamm abziehen. Während der Sommerzeit, wenn sich lange Rindenstücke einfach abschälen lassen, sind Rothirsche sehr häufig beim Schälen von Bäumen zu beobachten. Im Winter ist Schälung vor allem eine Reaktion auf Nahrungsknappheit. Rothirsche fressen außerdem junge Baumtriebe, in denen sich für ihre Ernährung wichtige Nährstoffe befinden. Verbissen werden sowohl die Leittriebe junger Bäume wie auch Zweige und Äste. Dies hat erhebliche Auswirkung auf den Pflanzenbestand. Aus Sicht der Waldwirtschaft ist der Verbiss des zentralen Leittriebs besonders kritisch, da er zu Krüppelwuchs führt oder zur Folge hat, dass einzelne Baumarten gar nicht aufkommen. Besonders kritisch gilt dieses Äsungsverhalten in den Bergwäldern, wo ein zu hoher Bestand an Schalwild wegen der verursachten Fressschäden zu einer Reduktion der Schutzfunktion des Bergwaldes gegen Erosion und Lawinenschutz führt. Wo dies möglich ist, werden häufig Flächen mit nachwachsendem Baumbestand vergattert, damit Rothirsche keinen Zugang haben.
Der mittlere Wert eines zulässigen Rotwildbestandes wird mit etwa zwei Tieren je 100 Hektar Waldbiotop unterstellt, wobei dieser Wert in Abhängigkeit von örtlichen Gegebenheiten schwankt. Diese Bestandsgröße soll sicherstellen, dass sich die Hauptbaumarten des jeweiligen Waldreviers natürlich verjüngen und die standörtlich typische Bodenvegetation gedeiht. Der Wert setzt voraus, dass die Rothirsche die zur Verfügung stehende Fläche verhältnismäßig gleichmäßig nutzen. In der Realität ist dies häufig nicht der Fall. Beunruhigungen durch Waldnutzer wie Jogger, Wanderer, Waldarbeiter und Pilzsammler sorgen dafür, dass sich das Wild während des Tages in ungestörtere Waldabschnitte zurückzieht, auch wenn diese keine geeigneten Äsungsflächen bieten. Wegen der dichten Wegenetze, die in Mitteleuropa typischerweise die Wälder durchziehen, sind diese ungestörten Flächen häufig sehr klein. Der dort konzentrierte Rothirschbestand äst auf diesen Flächen sehr häufig mangels Äsungsalternativen Baumtriebe sowie Rinde. Dies kann so extreme Formen annehmen, dass es auf diesen Flächen zum Absterben der Bäume kommt. Ursächlich dafür ist, dass Rothirsche als Wiederkäuer einen verhältnismäßig regelmäßigen Rhythmus zwischen Äsungs- und Wiederkauperioden haben, wegen der Beunruhigung durch Menschen aber nur nachts und in der Dämmerung auf offene Äsungsflächen ziehen. Ziel der Hege ist häufig entsprechend, durch verschiedene Maßnahmen solche Rothirschkonzentrationen zu vermeiden. Zu den Maßnahmen, die in einzelnen Revieren erfolgreich umgesetzt wurden, gehören eine Lenkung der Besucherströme auf möglichst wenige, dafür aber attraktiv gestaltete Waldwege, so dass dem Rothirschen ausreichend Rückzugsflächen offen bleiben. Auch die Schaffung abseits gelegener Äsungsflächen, die vom Rotwild dann auch am Tage genutzt werden können, mindert den Äsungsdruck.[86] Selbst die Nichtbefestigung von Nebenwegen kann den Äsungsdruck verringern. Wegen der schlechteren Wegequalität werden diese von Menschen weniger häufig begangen; gleichzeitig bietet die aufkommende Krautschicht den Rothirschen attraktive Äsungsflächen. Mit dem Ziel die gesetzlich geforderten Anteile an Wildäsungsflächen auch tatsächlich für das Wild wirksam werden zu lassen, wird beim wildgerechten Waldbau die räumliche Struktur der Forsten so angelegt, dass Wild die bilanzierte Äsungsflächen im Rahmen seines natürlichen Verhaltens wirklich nutzen kann. Besonders effizient ist die Anlage von abgelegenen, verdeckten Äsungsflächen, die innerhalb geschlossener Bestände zugelassen werden und nicht durch nahe Wege erschlossen werden. In den Alpen- und Mittelgebirgswäldern, in denen man den Eurasischen Luchs wieder ansiedeln konnte, hat man außerdem die Erfahrung gemacht, dass der Luchs größere Rothirschkonzentrationen auf Dauer verhindert und die Tiere zwingt, sich bei ihrer Äsung auf größere Flächen zu verteilen, was ebenfalls zu einer niedrigeren Verbissbelastung führt.
Zu den Maßnahmen, die Schälung und Verbissschäden an Waldbäumen mindern, gehört auch die Fütterung. Sie ist umstritten, da je nach Durchführungsform unterschiedliche Interessen mit ihr verfolgt werden können. Eine Fütterung kann sich darauf beschränken, in den wenigen Wintermonaten Heu als Zusatzfutter anzubieten. Mit ihr wird Rechnung getragen, dass die mitteleuropäische Kulturlandschaft so eng besiedelt ist, dass Rothirsche im Winter nicht in Tallagen und Flussauen ziehen können, die noch ein ausreichendes Nahrungsangebot böten. Das andere Extrem stellt eine Fütterung dar, bei der neben Heu und Silage über einen langen Zeitraum auch Zuckerrüben, Trester, Kraftfutter wie Mais und Getreide sowie Brot gefüttert wird. Eine solche Fütterung kann zum Ziel haben, möglichst starke Geweihträger heranzuziehen und im Revier eine unnatürliche Dichte an Rothirschen zu halten.
In Österreich werden zum Schutz des Waldes in Regionen mit starkem Schneefall Rothirsche in Wintergattern gehalten. Die Größe eines solchen Wintergatters beträgt pro 50 Rothirsche etwa 10 Hektar und besteht im Idealfall zu etwa 50 Prozent aus Wald und Wiesenflächen. Auf der Waldfläche werden die Bäume jeweils einzeln vor Schälschäden geschützt; er soll dem Wild vor allem geschützte Rückzugsmöglichkeiten geben. Durch Fütterung wird das Wild auf diese Flächen gelockt, dann eingegattert und bis zum nächsten Frühjahr dort mit Futter versorgt.

REH UND MENSCH

Stillleben mit Reh, Hasen und Schnepfen (Heinrich Wilhelm Trübner, 1873)

Stillleben mit Reh, Hasen und Schnepfen (Heinrich Wilhelm Trübner, 1873)

Auf Grund seines panischen Fluchtverhaltens ist das Reh nicht für die Jagd mit Hunden geeignet und gehörte nicht zur „Hohen Jagd“ des Adels. Es wird deswegen auch nicht zum Hochwild gezählt. Das Reh ist wegen seines Lebens in kleinen Sprüngen auch nicht für die Hege in Hirschparks geeignet, die vor allem während der frühen Neuzeit Ort herrschaftlicher Jagdausübung waren. Entsprechend selten ist das Reh auf Jagddarstellungen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Jagd zur Freizeitbeschäftigung eines zunehmend selbstbewussteren Bürgertums und bot dadurch sogar den wirtschaftlichen Hintergrund einer Jagdmalerei und -literatur. Es dominierte aber auch hier der imposanter wirkende „röhrende Hirsch“. Der britische Naturwissenschaftler John Guille Millais widmete im Jahre 1897 91 Seiten seines Buches British Deer and their Horns dem Rothirsch und 54 dem Reh. Der für den deutschen Sprachraum prägende preußische Forstmeister Ferdinand von Raesfeld veröffentlichte 1898 zunächst sein Werk über den Rothirsch und 1905 in gleicher Aufmachung sein Buch Das Rehwild. Raesfeld formulierte in beiden Werken Ansätze zur Jagd und Hege des Wildes, die in ihrem Kern heute noch Gültigkeit haben. Sie gelten als Klassiker der deutschsprachigen Jagdliteratur und werden in überarbeiteter Form immer noch herausgegeben.
Das Reh gilt heute als sehr gut erforschte Tierart. Da Rehe nicht individuell unterscheidbar sind, begann man früh im 20. Jahrhundert Rehe mit Ohrmarken zu markieren, um so ein Verständnis ihrer Lebensweise und ihres Raumverhaltens zu entwickeln. In Deutschland wurden allein zwischen 1903 und 1910 über 95.000 Ohrmarken für Rehe abgegeben und das Schicksal der als Kitze so gekennzeichneten Rehe aufwändig in 33 Hauptbüchern dokumentiert. Aus diesen Daten ließen sich allerdings lediglich Daten zur Lebenserwartung, zu den Wanderungsdistanzen, der altersbedingten Zahn- und Geweihentwicklung gewinnen. Vom Einsatz der Radiotelemetrie erhofft man sich weitere Erkenntnisse zur Lebensweise und zur Populationsdynamik des Rehs, dabei steht zunehmend das Ökosystem im Fokus der Forschung, dessen Bestandteil das Reh ist.
Zu den bekanntesten literarischen Werken, in denen ein Reh im Mittelpunkt steht, zählt die 1923 erschienene Erzählung Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde des Österreichers Felix Salten. Sie wurde bereits 1928 ins Englische übersetzt und 1942 von Walt Disney verfilmt. Abweichend von der Vorlage sind die Protagonisten des Films Bambi aber nicht Rehe, sondern den amerikanischen Zuschauern vertrautere Weißwedelhirsche.
Rehe werden in allen europäischen Ländern gejagt, die mit Abstand höchste Jagdstrecke hat Deutschland mit mehr als eine Million geschossener Tiere. Dies hat auch eine entsprechende wirtschaftliche Bedeutung. In Deutschland entspricht die Jagdstrecke des Jahres 2006/2007 mehr als 11.310 Tonnen Wildbret. Die Zahl der erlegten Rehe hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. In den 1970er Jahren lag die Zahl der erlegten Tiere in Deutschland noch zwischen 600.000 bis 700.000 Stück.
n älterer Fachliteratur wird eine Populationsdichte von 10 Rehen je 100 ha als verträglich angesehen. Davon ist man auf Grund von Forschungsergebnissen abgekommen: Da Rehe ihrer Heimlichkeit wegen in Waldgebieten schwer zählbar sind, wird heute meist auf die Nennung konkreter Bestandszahlen verzichtet. Als nahezu klassisches Beispiel für die Unterschätzung eines auf Sicht gezählten Rehbestandes gelten die Erfahrungen auf der dänischen Halbinsel Kalø: Dort wurde 1953 aus Forschungsgründen der gesamte Rehbestand abgeschossen. Die tatsächliche Jagdstrecke lag dabei um das dreifache höher als die von mehreren Fachleuten vorher erwartete. Stattdessen wird auf sogenannten Weiserflächen die Verbissaktivität des Rehwildes beobachtet und daraus auf die relative Bestandsdichte geschlossen. Einerseits soll der Wald sich durch Kontrolle des Rehbestands natürlich verjüngen können, andererseits soll auch der Rehbestand auf Dauer gesichert sein. In der Regel wird deshalb nach Erreichen eines waldverträglichen Bestandes nur der Populationszuwachs abgeschöpft. Der auf diesen Erkenntnissen entwickelte Abschussplan (Bejagungsplan) für Rehwild wird in der Bundesrepublik Deutschland nach Beratung zwischen Jägerschaft, Grundeigentümer, Sachverständigen und Unteren Jagdbehörden festgesetzt und überwacht. Heute wird in der Regel eine Planung über drei Jahre vorgenommen, die Bewirtschaftungsrichtlinien sind abhängig vom jeweiligen Bundesland. In Österreich ist der Abschuss so vorzunehmen, dass ein Geschlechterverhältnis von 1:1 herbeizuführen oder zu erhalten ist. Böcke mit auffallend guter Körper- und Geweihentwicklung sind grundsätzlich zu schonen. Von dem Abschuss an Ricken soll zwei Drittel auf Geißkitzen und mindestens ein Drittel auf Alt- und Schmalricken entfallen. Auch hier sind schwach entwickelte Ricken bevorzugt zu erlegen. In den meisten europäischen Ländern gelten ähnliche Richtlinien. Die Jagdzeiten variieren in Europa leicht je nach Land und zum Teil auch Bundesland. In Deutschland sind die Schusszeiten für Rehböcke generell vom 1. Mai bis 15. Oktober, für Kitze vom 1. September bis 28. Februar, für Schmalrehe vom 1. Mai bis 31. Januar und für Ricken vom 1. September bis 31. Januar. In Österreich variiert die Jagdzeit je nach Bundesland, für Böcke ist sie ähnlich lang wie in Deutschland. Ricken werden zum Teil bereits ab August geschossen, ihre Jagdzeit endet spätestens am 31. Dezember. In der Schweiz ist die Jagdzeit überwiegend auf zwei Monate im Spätsommer und Herbst begrenzt.
Bejagt wird das Rehwild hauptsächlich bei der Einzeljagd. Jagdarten sind hier die Ansitzjagd, die Lockjagd (Blatten) und die Pirsch. Darüber hinaus wird Rehwild auch bei Drückjagden bejagt; es werden jedoch keine Treibjagden gezielt auf Rehwild ausgeübt, da das Fluchtverhalten der Tiere eine solche Jagd nicht zulässt. Bei Treibjagden reagiert das Reh tendenziell panisch und kann in seiner Erregung gegen einen Baum oder ein anderes Hindernis rennen und sich dabei das Genick brechen.

Kitze, die von Menschen aufgezogen werden, weil sie während einer Mahd verletzt oder sie vermeintlich vom Muttertier verlassen wurden, können sich sehr problematisch entwickeln. Handaufgezogene Bockkitze, die nie mit Artgenossen spielten, entwickeln die gleichen Verhaltensmerkmale wie natürlich aufwachsende Kitze. Sie sind allerdings auf den Menschen geprägt und nehmen ihn auch als Kampfpartner an. Dagegen sind sie auf Begegnungen mit kampfbereiten, wildlebenden Rehböcken nicht vorbereitet. Selbst wenn diese fehlgeprägten Böcke wieder ausgewildert werden, kann es zu Angriffen auf Menschen kommen. Diese Begegnungen können zu schweren und gelegentlich für den Menschen auch tödlich verlaufenden Unfällen führen. In Unkenntnis des Verhaltensrepertoires reagieren Menschen in der Regel auf das Imponiergehabe von Rehböcken nicht mit Rückzug und Demutsverhalten. Sie sind sich in der Regel auch nicht bewusst, dass ein drohender und imponierender Rehbock sehr schnell zustoßen und dabei Menschen gravierende Verletzungen beifügen kann.

(EUROPÄISCHER) DAMHIRSCH UND MENSCH

Europäischer Damhirsch (Wildpark Ortenburg)

Europäischer Damhirsch (Wildpark Ortenburg)

Damhirsche gelten als für eine Gehegehaltung sehr geeignet, da sie genügsam sind, gegenüber dem Menschen vertraut werden und untereinander ein weitgehend verträgliches Verhalten zeigen. Damhirsche werden deshalb häufig auch in Parks gehalten, die für Besucher ganzjährig zugänglich sind. Dabei wird es gelegentlich mit anderen Tierarten wie beispielsweise Mufflons vergesellschaftet. Wenn die Tiere von Besuchern gefüttert werden kommt es gelegentlich zu Angriffen von Damhirschen auf Menschen. Dieses aggressive Verhalten ist fast ausschließlich auf Futterneid zurückzuführen. Meist stoßen die Hirsche mit dem Geweih nach dem Fütternden, um für sich mehr Futter einzufordern.
Neben einer Haltung in Schaugehegen werden Damtiere auch nutztierartig gehalten. Auf solchen Hirschfarmen mit intensivem Weidemanagement und ganzjähriger Zufütterung werden zwischen 10 und 20 Damhirsche je Hektar gehalten. Diese Haltung dient primär der Gewinnung von Wildbret, es gibt jedoch auch Absatzmärkte für die Basthaut, die das heranwachsende Geweih überzieht. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland gelten zur Fleischproduktion gehaltenen Tiere nicht als landwirtschaftliches Nutztier sondern als gefangenes wildes Tier. Die landwirtschaftliche Berechnungseinheit Produktionseinheit Damwild (PED) entspricht in der gebräuchlicheren Großvieheinheit 0,165 Einheiten, eine PED setzt sich aus einem weiblichen Alttier und der rechnerisch durchschnittlichen Anzahl an Nachwuchs und Hirschen zusammen. Wirtschaftliche Bedeutung hat die Damhirschhaltung vor allem in Neuseeland. Obwohl ihr Wildbret als dem des Rothirschen überlegen gilt, werden sie seltener als Rothirsche gehalten Ihr Bast hat einen geringeren Wert als der von Rothirschen, sie sind flüchtiger als diese, anfälliger für Ekzeme und die Schlachtkosten sind höher. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden jährlich etwa 8.000 Tiere geschlachtet, das entspricht etwa einem Prozent des jährlichen Wildfleischexports Neuseelands.

Damwild verursacht Verbissschäden, Schälschäden, Fege- und Schlagschäden an Wald- und Feldkulturen, Gartengewächsen, Obstbäumen und anderen Anbauten. Damhirsche fressen beispielsweise Blumen sehr gerne: Sie äsen Stiefmütterchen noch in der Blütezeit und zeigen eine besondere Vorliebe für Rosenknospen. Sie können daher erhebliche Schäden anrichten, wenn sie in Gärtnereien eindringen. Schlagschäden entstehen, wenn Damhirsche während der Brunft einzelne Jungbäume oder herabhängende Randäste älterer Bäume mit ihrem Geweih zerschlagen. Damhirsche bevorzugen zum Schlagen die im Revier selteneren Baumarten wie beispielsweise Fichten und Wacholder in Kieferngebieten oder Lärchen und Douglasien in Laubwaldrevieren. Generell lassen sich Verbiss- und Fegeschäden an den verschiedenen Kulturen nicht eindeutig dem Damwild zuordnen, da auch Reh- und Rotwild solches verursacht. Eine der wesentlichen Maßnahmen zur Verringerung solcher Schäden ist eine geringe Wilddichte und eine Verbesserung des natürlichen Äsungsangebotes. Auch die Fütterung in Zeiten mit geringem Äsungsangebot gehört zu den Maßnahmen, um Wildschäden gering zu halten.

Die heutige Verbreitung des Damwilds in Europa ist auf seine Einführung als Jagdwild zurückzuführen. Ähnlich wie das Rotwild eignet Damwild sich für die Parforcejagd. Diese Form der Jagd, bei der das Wild mit Pferden und Hundemeute gehetzt wird, ist seit 1934 in Deutschland verboten. In Großbritannien wurde eine Parforcejagd auf Damwild das letzte Mal 1997 im New Forest durchgeführt.
Der Damhirsch besitzt in Mitteleuropa heute kaum noch natürliche Feinde. Um ein unkontrolliertes Ansteigen der Populationen zu verhindern, ist daher die Zuwachsrate des Bestandes von wesentlicher Bedeutung. Sobald der Bestand die gewünschte Höhe erreicht hat, müssen jährlich so viele Damhirsche geschossen werden, wie sich nach der Zuwachsrate der jeweiligen Population ergibt. Gewöhnlich werden daher zwischen 20 bis 35 Prozent des Bestands im Herbst erlegt. Geschossen werden heute je zur Hälfte männliche und weibliche Damhirsche, die früher übliche Trophäenjagd, bei der bevorzugt gut entwickelte Damhirsche geschossen wurden, wird nicht mehr praktiziert. Damwild unterliegt Schonzeiten, die sich an den Setzzeiten des Wildes orientieren, aber je nach Staat und/oder Bundesland leicht voneinander abweichen können. In der Regel wird Damwild im Zeitraum von September bis Ende Januar bejagt. Zweijährige Damhirsche können bereits ab Juli geschossen werden.
Bejagt wird das Damwild überwiegend bei der Einzeljagd. Jagdarten sind die Pirsch und die Ansitzjagd. Die Drückjagd gilt beim Damwild als weniger erfolgversprechend, da es anders als das Rotwild seine Wechsel nicht einhält.

In Südeuropa wurde der Damhirsch bereits von stein- und bronzezeitlichen Menschen bejagt. So finden sich unter anderem ein hoher Anteil von Damwildknochen im Fundmaterial einiger Siedlungen aus dieser Zeit im südlichen Balkan. Auch aus dem Raum der heutigen Türkei finden sich auf hethitischen Darstellungen aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. Hirschdarstellungen, die als Damhirsch interpretiert werden können.
Das gefleckte Fell des Damhirsches wurde als Widerspiegelung des Sternenhimmels. Bei den Phöniziern war der Damhirsch deswegen das bevorzugte Opfertier im Kult um den Gott Baal-Hammon. Bei den Griechen wurden Damhirsche bevorzugt der Göttin Artemis gewidmet. Um Damhirsche ständig verfügbar zu halten, begann sehr früh eine Haltung in speziellen Gehegen. Die phönizische und griechische Kolonisation im Mittelmeerraum führte zwischen dem 11. und 6. Jahrhundert dafür, dass der Damhirsch wieder in den Küstenregionen des heutigen Marseilles, in Gebiet von Karthago und Spanien eingeführt wurde, in denen der Damhirsch in freier Wildbahn vermutlich ausgestorben war. Wie groß die Rolle des Damwilds im Kult um die römische Göttin Diana war, ist nicht abschließend geklärt. Damhirsche wurden jedoch während der starken Ausdehnung des Imperium Romanum zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. im gesamten römischen Herrschaftsbereich eingeführt, wie Knochenfunde aus Ausgrabungen unter anderem in der Schweiz, Süddeutschland, England un Ungarn zeigen.

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