Neues aus der Wissenschaft

18.02.2013 Universität Rostock
Wildschwein-Forschungsprojekt der Universität Rostock stößt in Deutschland auf großes Interesse
Die Universität Rostock erkundet im Auftrag der Hansestadt Rostock und dem Schweriner Landwirtschaftsministerium in und um Rostock die Gewohnheiten der Wildschweine. Vor allem mit dem Ziel, sie künftig von Parks, Straßen, Gärten und Feldern fernzuhalten. Vier Monate nach Projektbeginn sind bereits 20 Schwarzkittel in die Falle getappt.
„Wir sind gut gestartet“, konstatiert Dr. Hinrich Zoller. Er ist Biologe und kennt sich auch als Waidmann mit den Gepflogenheiten der Wildschweine bestens aus. In Rostock-Gehlsdorf, Markgrafenheide, sowie in der Gartenanlage am Verbindungsweg konnten er und ein kleines Team die ersten Wildschweine mit Mais in die Fallen locken. In erster Linie sind es die ausgewachsenen Bachen, die die Forscher kurz betäuben und dann mit Sendern ausstatten. Diese Arbeit ist nicht ganz ungefährlich, vor allem, wenn die Tiere unerwartet schnell aus der Narkose erwachen. „ Nur ausgewachsene Bachen erhalten einen Sender, der an einem Halsband befestigt und den betäubten Schweinen übergestülpt wird. Frischlinge werden nicht betäubt und bekommen kleine Peilsender am Ohr, wenn sie groß genug sind. „Wir können ihre Gewohnheiten auf diese Weise gut erforschen, ihre Wege, die sie zurücklegen“, sagt Dr. Zoller. Keiler eignen sich dagegen nicht für Halsbandsender. Sie verändern ihr Körpergewicht in der Paarungszeit gravierend und würden das Halsband verlieren.
Am Ende des dreijährigen Projektes sollen Maßnahmen stehen, die das Vordringen der Schwarzkittel in die Stadt stoppen. Das ist das ehrgeizige Ziel. „Wir gehören in Deutschland mit zu den ersten, die sich so intensiv mit Wildschweinen im urbanen Bereich beschäftigen. Von den Ergebnissen können dann auch andere Kommunen profitieren“, sagt der Biologe, der auch eine Zusammenarbeit mit anderen Universitäten im In- und Ausland anstrebt.
„Die Resonanz, die wir erfahren, ist riesig“, sagt Dr. Zoller. Beispielsweise bat eine Gemeinde aus der Nähe von Berlin um Hilfe, aus Baden Baden kamen Anfragen, was zu tun sei, wenn die Schwarzkittel die Stadt bevölkern. Selbst die FDP-Fraktion aus Hamburg-Wandsbek hat sich an Dr. Zoller gewandt und um Hilfe gegen die Wildschweinplage gebeten. Alle möchten das Know how des Rostocker Forschungsprojektes übernehmen. „Wir sind durchaus interessiert, unsere Forschung auch auf andere Städte auszuweiten“, sagt Dr. Zoller.
Wildschweine haben eine gute Nase – und sind äußerst pfiffig. „Viele Bereiche der Stadt bieten die notwendigen Voraussetzungen für die Tiere“, sagt Dr. Zoller. Sehr zum Ärger von Gartenbesitzern in den Rostocker Stadtteilen Markgrafenheide und Hohe Düne, Toitenwinkel und Dierkow. Auch die Mitarbeiter des Rostocker Amtes für Stadtgrün plagen sich immer wieder mit durchwühlten Parks und Wiesen herum: Im Jahr 2011 haben die Wildschweine allein auf ihren Flächen Schäden in Höhe von etwa 100.000 Euro angerichtet. Dem will die Universität Rostock jetzt begegnen und zunächst herausfinden, wie viele Wildschweine überhaupt in und um Rostock leben.
Mit den Rostocker Förstern hat Dr. Zoller vier Fallen aufgestellt an Orten, an denen die Wildschweine regelmäßig ihre Spuren hinterlassen. Auf diese Fallen sind Kameras gerichtet, die mit einem Bildschirm in Zollers Auto verbunden sind. Hat der Mais in der Falle ein oder mehrere Borstentiere angelockt, kann Zoller per Fernsteuerung die Falle schließen, um dann die wilden Borstentiere zu markieren und mit einem Peilsender zu versehen. Fünf Hals- und 40 Ohrpeilsender stehen ihm für das Projekt zur Verfügung. Sobald die ersten Sender angebracht sind, schickt er Studenten mit einem Empfänger auf die Pirsch, um die Spuren der Wildschweine aufzuzeichnen.

19.02.2013, Bundesamt für Naturschutz
Biotopverbund für die Anpassung an den Klimawandel notwendig
BfN-Forschungsergebnisse zeigen die große Bedeutung von vernetzten Schutzgebieten für gefährdete Arten
Bonn, 19. Februar 2013: Die Ergebnisse eines Forschungsvorhabens zeigen deutlich, dass ein länderübergreifender Verbund von Lebensräumen für viele vom Klimawandel betroffene Arten eine große Bedeutung hat. Es gilt mittlerweile als sicher, dass in den nächsten Jahrzehnten mit weiteren, erheblichen Klimaveränderungen gerechnet werden muss. Daher wurde in einem For-schungsvorhaben untersucht, welche Bedeutung in der Anpassungsstrategie die Vernetzung von Lebensräumen hat, um die zu erwartenden negativen Auswirkungen des Klimawandels zu mindern.
Nach Ansicht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) ist es zur Anpassung an den Klimawandel dringend erforderlich, den im Bundesnaturschutzgesetz (§ 20, 21) geforderten länderübergreifenden Biotopverbund in der Fläche voranzutreiben. In vielen Bereichen ist die Umsetzung gegenwärtig jedoch noch mangelhaft. Die bestehenden Lücken im Netzwerk der Lebensräume müssen geschlossen und insbesondere die internationalen Anknüpfungspunkte in ihrer Funktionalität gesichert und verbessert werden. Dabei sollte auf die Erhaltung und Entwicklung bestimmter Biotopverbundachsen, die entweder durch den Klimawandel in ihrem Bestand gefährdet sind oder für die räumliche Anpassung vieler Arten von großer Bedeutung sind, ein besonderer Fokus gelegt werden. Die Ergebnisse des Forschungs- und Entwicklungsvorhabens geben Anhaltspunkte dafür, welche Achsen und Regionen hiervon besonders betroffen sind.
Die Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass auch viele bisher nicht gefährdete Arten in der Zukunft durch den Klimawandel bedroht sein werden. Aufgrund der erwarteten Verschiebung der für die Arten geeigneten klimatischen Bedingungen, wird es für eine Vielzahl von Arten entscheidend sein, dass sie zukünftig geeignete Lebensräume erreichen können. Aufgrund seiner zentralen Lage in Europa trägt Deutschland eine besondere Verantwortung dafür, den vom Kli-mawandel betroffenen Arten eine Anpassung ihres Verbreitungsareals durch die Umsetzung eines effektiven Biotopverbunds zu ermöglichen.
Publikation:
Reich, M., Rüter, S., Prasse, R., Matthies, S., Wix, N. & Ullrich, K. (2012): Biotopverbund als Anpassungsstrategie für den Klimawandel? Naturschutz und Biologische Vielfalt 122: 228 S.
ISBN 978-3-7843-4022-7
Die Studie kann beim Landwirtschaftsverlag in Münster unter www.buchweltshop.de/bfn zum Preis von 22 € bestellt werden

18.02.2013, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)
Ein Erdmännchen als Versuchskaninchen
Dominante Erdmännchen-Weibchen lassen untergeordneten Gruppenmitgliedern beim Überqueren gefährlicher Hindernisse den Vortritt. Stösst eine Gruppe der Tiere auf eine Strasse, muss ein „Versuchskaninchen“ das Gelände testen. Das zeigt eine neue Verhaltensstudie von Forschern der Universität Zürich und der ETH Zürich.
Wildtiere sind in ihrer natürlichen Umgebung zahlreichen Risiken und Gefahren wie Fressfeinden, Krankheitserregern oder Hindernissen wie Schluchten oder Wasseradern ausgesetzt. Im Laufe der Entwicklungsgeschichte haben sich deshalb spezifische Verhaltensweisen ausgebildet, mit denen Tiere die natürlichen Risiken minimieren. Nun hat der Mensch in der jüngsten Geschichte zahl-lose neue Gefahren und Risiken wie befahrene Strassen geschaffen. Aus evolutiver Sicht ist es ausgeschlossen, dass die Tiere diese Gefahren als potenziell tödliches Risiko kennen. Verhaltensbiologe Simon Townsend von der Universität Zürich und sein Kollege, der Systemforscher Nicolas Perony von der ETH Zürich haben bei wildlebenden Erdmännchen erforscht, wie sich diese gegenüber menschgemachten Risiken verhalten.
Leittier lässt anderen den Vortritt
Dazu beobachtete Townsend in einem Wildtierreservat der Kalahari mehrere Erdmännchen-Gruppen. Durch das Reservat führt eine ziemlich stark befahrene Strasse, welche die Territorien der lebhaften Tiere durchschneidet. Auf ihrem Weg von einem Bau zum anderen sind die Erdmännchen deshalb gezwungen, die Strasse zu überqueren. Die Forscher konnten beobachten, dass in den meisten Fällen die ranghöchsten Tiere – die dominanten Weibchen – ihre Gruppen bis an die Strasse führen. An der Strasse geben sie die Führung aber häufig an ein rangtieferes Individuum ab. Das untergeordnete Tier überquert dann als eine Art „Versuchskaninchen“ die Strasse als Erstes. Erst dann folgen weitere rangtiefe Tiere und schließlich die Leittiere.
Umorganisation an der Spitze
Auf der Basis der Beobachtungsdaten entwickelte Nicolas Perony ein relativ einfaches Computermodell, das erstmals das Verhalten einer hierarchisch strukturierten Erdmännchen-Gruppe simulierte. So möchten die beiden Forscher besser verstehen, was sie in der Natur beobachtet haben. Das Modell simuliert eine Gruppe von acht Erdmännchen, wobei Perony einem der virtuellen Tiere die Rolle des Leittiers zuordnete. Im Modell stossen die acht Agenten auf eine virtuelle Barriere, die wie die Strasse wirkt. Die Forscher können die Gefährlichkeit des Hindernisses beliebig variieren. Das Modell zeigte die Umorganisation an der Spitze der Gruppe deutlich auf. Die Forscher schließen daraus, dass dominante Weibchen und untergeordnete Tiere Risiken, die von der Strasse ausgehen, unterschiedlich stark wahrnehmen. Diese Fähigkeit könnte eine Erklärung dafür sein, weshalb sich Leittiere an der Strasse in eine weniger exponierte Position innerhalb der Gruppe zurückfallen lassen und die Führung einem untergeordneten Gruppenmitglied übertragen.
Schaden durch Versuchstier minimiert
Durch sein hohes Risikoempfinden scheint sich das Alpha-Weibchen „egoistisch“ zu verhalten. Aus Sicht der Gruppen- und letztlich der Arterhaltung ist das Verhalten allerdings sinnvoll. Das ranghöchste geschlechtsreife Weibchen ist nämlich für den Nachwuchs und das Fortbestehen der Gruppe alleine verantwortlich. Erdmännchen minimieren also den Schaden für die gesamten Gruppe, indem sie zuerst ein „Versuchstier“ dem lebensgefährlichen Risiko aussetzen. Beobachtungen von anderen Forschern zeigen, dass eine Erdmännchen-Gruppe auseinanderbrechen kann, wenn das Alpha-Weibchen zum Beispiel einem Fressfeind zum Opfer fällt.
Perony und Townsend deuten das Benehmen an der Strasse als flexible Anpassung von alten Verhaltensweisen an bisher unbekannte Bedrohungen. Die Tiere können angeborene Verhaltensmuster offenbar abrufen und sie auf neuartige menschgemachte Risiken übertragen. Unklar ist, ob die Erdmännchen wirklich den Verkehr als Bedrohung wahrnehmen. Eine Strasse sei in erster Linie ein offener Teil des Lebensraums, der den Erdmännchen keine Deckung bietet und sie dadurch für Raubfeinde wie Adler oder Schakale zu einer leichten Beute macht, sagt Townsend. Die Tiere meiden deshalb von Natur aus offene Stellen ihres Territoriums. «Sie bewegen sich lieber im Schutz von Büschen und anderen natürlichen Strukturen», ergänzt Perony. Die Studie weckt die Hoffnung, dass Wildtiere bis zu einem gewissen Grad mit der zunehmenden Veränderung ihrer natürlichen Lebensräume zurechtkommen.
Original: Perony N, Townsend SW. Why did the meerkat cross the road? Flexible adaptation of phylogentically-old behavioural strategies to modern-day threats. 2013. PloS One, published online 18th February.

20.02.2013, Westfaelische Wilhelms-Universität Münster
Mehr Schmetterlinge im Wald
Landschaftsökologen der Universität Münster veröffentlichen Studienergebnisse: Traditioneller Baumrückschnitt wirkt sich positiv auf Artenvielfalt im Wald aus / Idee der nachhaltigen Energieholzgewinnung
Waldschmetterlinge gehören zu den am stärksten gefährdeten Schmetterlingen in Europa. Ihr Lebensraum sind lichte Wälder, wie sie einst in Mitteleuropa häufig vorkamen. Landschaftsökologen der Universität Münster haben nun erstmals untersucht, wie sich eine traditionelle Form der Waldnutzung, bei der ausgewählte Bäume im Zyklus von Jahrzehnten stark zurückgeschnitten werden, auf die Gemeinschaften verschiedener Arten von Waldschmetterlingen auswirkt. Ihr Fazit: Wäre diese Methode weiter verbreitet, gäbe es deutlich mehr Schmetterlinge in europäischen Wäldern. Die Ergebnisse werden in der März-Ausgabe des Fachmagazins „Biological Conservation“ veröffentlicht.
In der Vergangenheit haben die Menschen den Wald beispielsweise als Viehweide genutzt oder Bäume zurückgeschnitten, um Brennholz zu gewinnen. „Noch im 17. und 18. Jahrhundert waren sogenannte Mittelwälder, in denen es verschiedene Laubbaumarten aller Wachstumsstadien gibt, in großen Teilen Mitteleuropas der häufigste Waldtyp“, erklärt Privatdozent Dr. Thomas Fartmann vom Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster, Erstautor der Studie. Eine charakteristische Bewirtschaftungsmethode dieser Wälder ist der Stockschnitt. Dabei werden ausgewählte Bäume in einem Zyklus von 30 bis 40 Jahren bis auf einen Stumpf zurückgeschnitten, aus dem dann neue Triebe wachsen. Anhand von Untersuchungen im Hardtwald im Elsass im Nordosten Frankreichs, in denen der traditionelle Stockschnitt noch durchgeführt wird, haben die Forscher nun nachgewiesen: Die Zahl der Schmetterlingsarten – darunter auch bedrohte Arten – steigt durch diese Form der Auslichtung. Unterschiedliche Arten bevorzugen dabei verschiedene Stadien des Waldwachstums.
„Durch eine geeignete Form der Bewirtschaftung lässt sich die Artenvielfalt im Wald erhöhen“, betont Thomas Fartmann. Die Schmetterlinge im Mittelwald gelten den Forschern auch als Indikatoren für das Vorkommen anderer Insektenarten mit ähnlichen Standortansprüchen. Allerdings ist artenreicher Mittelwald die Ausnahme, in Deutschland beträgt seine Fläche weniger als ein Prozent. In Mitteleuropa gibt es heute überwiegend Hochwald – also Wald aus hohen, dicht stehenden Bäumen, deren Kronen kaum Sonnenlicht auf den Waldboden lassen. Diese hohen, geraden Stämme eignen sich zur Gewinnung von hochwertigem Nutzholz. „Aber zur Energieholzgewinnung wäre der verstärkte Einsatz von Stockschnitt nach historischem Vorbild und die Wiederherstellung von Mittelwäldern auch ökonomisch eine lohnenswerte Alternative“, unterstreicht Thomas Fartmann, „besonders vor dem Hintergrund der Debatte um die Gewinnung regenerativer Rohstoffe.“
In sonnendurchflutetem Mittelwald können sich Gräser und Kräuter auf natürliche Weise ansiedeln. Besonders schmetterlingsreich sind Lichtungen – Standorte, an denen der Rückschnitt erst einige Jahre her ist. Dort gibt es eine Kraut- und Strauchschicht mit vielen für Schmetterlinge wichtigen Nektarpflanzen sowie Futterpflanzen für die Raupen. Nur wenige Arten kommen in hochgewachsenen Waldarealen vor. Die Forscher haben im Untersuchungsgebiet insgesamt 36 Schmetterlingsarten erfasst, darunter 13 bedrohte Arten.
Originalpublikation (online vorab):
Fartmann T., Müller C. und Poniatowski D. (2013): Effects of coppicing on butterfly communities of woodlands. Biological Conservation 159, 396-404; DOI: 10.1016/j.biocon.2012.11.024

20.02.2013, Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
Detektive der Nacht: Fledermäuse helfen, Streuobstwiesen zu erhalten
Schutzkonzept für größten Streuobstwiesengürtel Deutschlands fertiggestellt – DBU gab 440.000 Euro
Frankfurt/Main. Ohne es zu wissen, engagieren sie sich für den Naturschutz: Fledermäuse im bundesweit größten Streuobstwiesengürtel zwischen Frankfurt/Main und dem Kinzigtal bei Gelnhausen. Dort stattete das Streuobstzentrum Main ÄppelHaus Lohrberg (Frankfurt/Main) und das Institut für Tierökologie und Naturbildung (Gonterskirchen) Tiere drei Sommer lang mit Sendern aus, um aus Flugrouten oder Beutespektrum Wege für den Erhalt der Wiesen und Bäume abzuleiten. Entstanden ist ein umfassendes Schutzkonzept, das auch Strategien zum finanziellen Umsetzen der Maßnahmen bereithält. „Mit der Faszination von Fledermäusen möchten wir Anwohner auf die Bedeutung der Streuobstwiesen aufmerksam machen – als Lebensraum, Kulturgut, Wirtschaftszweig und Naturerlebnis“, sagt Barbara Fiselius vom MainÄppelHaus Lohrberg. Durch Netzfänge und akustische Aufzeichnungen wurden in der Projektregion 14 Fledermausarten nachgewiesen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) förderte mit 440.000 Euro.
„Da es sich bei Streuobstwiesen um alte Kulturlandschaften handelt, ist die aktive Pflege durch den Menschen unerlässlich, um die Bäume in ihrer ökologischen und ökonomischen Funktion zu erhalten, den Unterwuchs offen zu halten und natürlich entstandene Lücken im Baumbestand zu schließen. Das Umsetzen praktischer Maßnahmen muss dabei einerseits durch finanzielle Mittel, anderseits durch eine an die lokale Situation angepasste fachliche Förderung erfolgen“, betont DBU-Generalsekretär Dr.-Ing. E. h. Fritz Brickwedde. Das Einbinden der Eigentümer habe sich als Schlüsselprinzip erwiesen, müsse aber auf Freiwilligkeit setzen.
Die im Projekt entwickelten Leitsätze erklären auf der Basis der wissenschaftlichen Fledermausuntersuchungen, wie und an welcher Stelle Wiesen und Bäume gepflegt werden müssen, um eine artenreiche Streuobstwiese zu erhalten: „Alte Bestände sollten durch das Anlegen neuer Streuobstwiesen erweitert und an andere Biotope, wie Wald und Gewässer, angebunden werden“, empfiehlt DBU-Naturschutzexperte Dr. Volker Wachendörfer. Nachtaktive Fledermäuse bräuchten Heckenstreifen, Baumgruppen oder Alleen, um sich bei ihrem Flug in die Streuobstwiesen orientieren zu können. Ohne diese Strukturen fänden sie die Streuobstwiesen nicht. Im Projekt sei deshalb die Verbindung zwischen Schlafhöhlen im Wald und Beutegebieten auf Streuobstwiesen durch das Anpflanzen standorttypischer Gehölze verbessert worden.
Darüber hinaus sei es wichtig, „dass die Flächen gemäht und beweidet werden“, so Fiselius. Brachen und Büsche sollten nur kleinflächig vorhanden sein, erhöhten jedoch das Lebensraummosaik und trügen damit zur Artenvielfalt bei. „Ein niedriger Bewuchs sorgt dafür, dass die Jagd auf Beutetiere erleichtert wird. Der Kot von Weidetieren erweitert das Beutespektrum für Fledermäuse, ebenso für andere Säuger und viele Vogelarten zusätzlich um Insekten wie Mistkäfer und Dungfliegen“, fügt Dr. Markus Dietz vom Institut für Tierökologie und Naturbildung hinzu. Um möglichst ertragreiche und alterungsfähige Obstbäume zu bekommen, sei außerdem ein gezielter Baumbeschnitt notwendig. Extensives Beschneiden sichere den Erhalt der Bäume bis ins hohe Alter und gewährleiste, dass Totholz und Baumhöhlen als Rückzugsort für zahlreiche Tiere nicht verloren gingen.
„Schutzmaßnahmen, wie das Erweitern oder Neuanlegen von Streuobstwiesen, können sich Flächenbesitzer in Form von Öko-Punkten gutschreiben lassen“, erklärt Fiselius. Die Punkte könnten bei späteren Eingriffen in Natur und Landschaft als Ausgleichsmaßname angerechnet – also selbst verbraucht – oder alternativ an Jemanden verkauft werden, der eine Ausgleichsleistung erbringen muss. Die Idee dahinter: „Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen sollen da durchgeführt werden, wo sie ökologisch sinnvoll sind, nicht wo sie sich anbieten oder sofort umgesetzt werden können“, ergänzte sie. Die Anerkennung müsse regional mit jeder Naturschutzbehörde abgestimmt werden. Eine andere Möglichkeit sei das Sponsoring, mit dem sich Maßnahmen direkt umsetzen lassen und gleichzeitig Verantwortungsbewusstsein geschaffen werde. Auch privates Engagement sei wichtig, da viele Flächen in privater Hand seien. Aus dem DBU-Projekt sei das „Äppelnetz“ des MainÄppelHauses hervorgegangen, das Streuobstwiesenbesitzer vernetze und in dem Fragen zur richtigen Pflege und Ernte beantwortet würden.
Großer Wert sei im Projekt auch auf eine intensive Öffentlichkeitsarbeit gelegt worden. Fiselius: „Besonders für Kinder und Jugendliche sind Fledermäuse spannende Tiere, die das Interesse an Streuobstwiesen oder am Naturschutz generell befördern können. Über die Fledermäuse helfen wir dem Nachwuchs, frühzeitig eine emotionale Bindung zu heimatlichen Lebensräumen und ihren Tieren und Pflanzen aufzubauen. Dann steigt auch im Erwachsenenalter die Bereitschaft, sich aktiv für den Erhalt dieser Biotope einzusetzen.“

22.02.2013, Georg-August-Universität Göttingen
Angeblich ältestes geflügeltes Insekt der Welt ist kein Insekt
Das angeblich älteste komplett erhaltene geflügelte Insekt der Welt ist gar kein Insekt. Das hat ein internationales Forscherteam unter der Führung der Universität Göttingen herausgefunden. Das rund 360 Millionen Jahre alte Fossil war in Belgien gefunden und eine erste Analyse im vergangenen August veröffentlicht worden. Das Ergebnis der ausführlichen Nachuntersuchungen ist nun in der renommierten Fachzeitschrift Nature erschienen. Demnach wurden in der Erstbeschreibung offenbar wesentliche Teile des Fossils falsch gedeutet.
Angeblich ältestes geflügeltes Insekt der Welt ist kein Insekt
Göttinger Wissenschaftler analysieren hunderte Aufnahmen von 360 Millionen Jahre altem Fossil
(pug) Das angeblich älteste komplett erhaltene geflügelte Insekt der Welt ist gar kein Insekt. Das hat ein internationales Forscherteam unter der Führung der Universität Göttingen herausgefunden. Das rund 360 Millionen Jahre alte Fossil war in Belgien gefunden und eine erste Analyse im vergangenen August veröffentlicht worden. Das Ergebnis der ausführlichen Nachuntersuchungen ist nun in der renommierten Fachzeitschrift Nature erschienen. Demnach wurden in der Erstbeschreibung offenbar wesentliche Teile des Fossils falsch gedeutet.
So weist das Fossil beispielsweise mehr als die nur sechs für Insekten typischen Beine auf. Organische Reste wurden als Mundwerke und Augen interpretiert, für die es nach Ansicht der Göttinger Wissenschaftler keine überzeugenden Hinweise gibt. Darüber hinaus sind keine Flügelreste erhalten – die ursprünglichen Beschreiber des Fossils hatten es als noch ungeflügelte Larve eines im Erwachsenenstadium geflügelten Tieres beschrieben. Aus Sicht der Göttinger Wissenschaftler könnte es sich dabei jedoch eher um einen während seines Zerfallsprozesses fossilisierten Kleinkrebs handeln.
Die Nachuntersuchungen von Prof. Dr. Rainer Willmann, Leiter der Abteilung Morphologie, Systematik und Evolutionsbiologie der Universität Göttingen, und seinen Kollegen Dr. Thomas Hörnschemeyer und Dr. Sven Bradler waren aufwändig: Mit hoch auflösender Kameratechnik machten die Forscher hunderte Aufnahmen von dem nur acht Millimeter großen Fossil. Diese wurden rechnerisch zusammengesetzt und analysiert, ergänzt durch exakte Zeichnungen auf der Grundlage von Stereomikroskop-Untersuchungen. „Die Erkenntnis, dass es sich bei dem Fossil nicht um ein Insekt handeln könnte, ist von besonderem Interesse“, so Prof. Willmann. „Die frühe Evolution dieser Tiergruppe ist so gut wie unbekannt. Außerdem sind Insekten von herausragender Bedeutung, weil sie von allen Tiergruppen die meisten Arten umfassen und seit ihrem ersten Auftreten im Zeitalter des Devon eine wichtige ökologische Rolle einnehmen.“
Originalveröffentlichung: T. Hörnschemeyer et al. Is Strudiella a Devonian Insect? Nature 494 E3. Doi: 10.1038/nature11887.

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