Neues aus der Wissenschaft

28.01.2013, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei
Den Krill im Visier
Fischereiforscher des Thünen-Instituts wieder auf dem Weg in die Antarktis
Mit Beginn des Südsommers in der Antarktis ist der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern wieder im Südatlantik unterwegs. Mit an Bord ist seit dem 20. Januar 2013 auch eine Forschergruppe des Thünen-Instituts für Seefischerei aus Hamburg unter Leitung von Dr. Volker Siegel. Die Fischerei¬biologen werden Daten zu den Krillbeständen im Weddelmeer erheben.
Beim Krill handelt es sich um eine etwa 6 cm große Krebsart, die nicht nur als zentraler Organismus im Nahrungsnetz des dortigen Ökosystems eine Schlüsselstellung einnimmt, sondern auch kommerziell befischt wird. Im Rahmen der Konvention zum Schutz der lebenden Meeresressourcen in der Antarktis (CCAMLR) untersuchen Wissenschaftler des Thünen-Instituts seit Mitte der 1970er Jahre die Krillvorkommen im Südwestatlantik.
Die diesjährige Forschungsreise führt die Mitarbeiter des Instituts mit ihren amerikanischen Kooperationspartnern in das Gebiet des westlichen Weddellmeeres, das auch in den Sommermonaten weitgehend durch Meereis bedeckt und somit nur schwer zugänglich ist. Ziel der achtwöchigen Seereise ist es, aus diesem Seegebiet erstmals quantitative Daten über die Biomasse des Krills und den Zustand des Laicherbestandes zu erhalten. Informationen zum Größen- und Altersaufbau der Populationen, Reifezustand, Wachstum, Sterblichkeit und Larvenentwicklung sind notwendig, um das Management der kommerziellen Fischerei auf eine fundierte Datenbasis zu stellen und damit die Nachhaltigkeit der Nutzung dieser natürlichen Ressource zu gewährleisten. Ein Großteil des derzeit gefangenen Krills dient als Fischfutter für die Aquakultur, ein Teil auch dem menschlichen Konsum. Darüber hinaus wird er als Rohstoff in der chemisch/pharmazeutischen Industrie verwendet.
Am 19. März wird die Polarstern wieder in Punta Arenas (Chile) erwartet. Dort verlassen die Wissenschaftler das Schiff; zurück nach Deutschland geht es dann per Flugzeug.
Weitere Infos zur Reise und zur Polarstern gibt ein Blog von ZDF-Journalisten, die mit an Bord sind: http://blog.zdf.de/ice-blog/

28.01.2013, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen, LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F)
Klimawandel und Biodiversität: Folgen für Deutschland – Statusbericht ist Umweltbuch des Monats
newsimage193053Hamburg/Frankfurt, 28.01.2013. Der drohende Verlust biologischer Vielfalt infolge des Klimawandels gilt als eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Den Stand des Wissens über die erwarteten Auswirkungen für Deutschland fasst der soeben erschienene Band „Klimawandel und Biodiversität: Folgen für Deutschland“ zusammen. Über 100 Expertinnen und Experten unterschiedlichster Fachrichtungen haben daran mitgewirkt. Der vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) und dem Climate Service Center (CSC) herausgegebene Statusbericht wurde nun von der Deutschen Umweltstiftung zum Umweltbuch des Monats gekürt.
Über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Beiträge in diversen Fachzeitschriften veröffentlicht. Bisher fehlte jedoch eine kompakte, allgemein verständliche Zusammenstellung des aktuellen Wissensstandes. Diese Lücke schließt der Statusbericht „Klimawandel und Biodiversität: Folgen für Deutschland“. Die Herausgeber der bislang umfangreichsten Zusammenstellung zu diesem Thema verfolgen einen interdisziplinären Ansatz: Von der Klimatologie über die Biologie, die Bodenkunde und die Forstwirtschaft bis hin zur Medizin und zur Soziologie sind Wissenschaftler aller relevanten Fachgebietean dem Band beteiligt.
Vom Wissen zum Handeln
Die Zunahme von Extremwetterereignissen und Dürreperioden spielen im Bericht eine zentrale Rolle. Denn besonders spürbar wird der Klimawandel bei der Verteilung der Niederschläge sein. Sie können im Sommer in einigen Gebieten um bis zu 40 Prozent abnehmen, im Winter jedoch weiträumig erheblich zunehmen. Die Konsequenzen reichen von der Veränderung des Salzgehaltes in der Ostsee und den damit verbundenen Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen bis hin zur Beeinträchtigung oder gar zum Verschwinden wertvoller Ökosysteme. Vor allem Feuchtgebiete in bestimmten Regionen sind erheblich gefährdet, wenn sich die Grundwasserneubildung verringert. . Denn mit Veränderungen der Wassermenge geht in der Regel auch eine Verschlechterung der Wasserqualität einher. Das kann sich negativ auf sensible Organismen auswirken und damit die Artenzusammensetzung verändern.
Die Autoren zeigen nicht nur Probleme auf, sondern geben auch konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass für eine nachhaltige Landnutzung in Zukunft eine Integration von Klimapolitik und Naturschutz in landschafts- und stadtplanerische Prozesse sowie in die Land- und Forstwirtschaft dringend nötig ist. Besonders wichtig seien die Verbesserung der „grünen Infrastruktur“, verstärkte Aktivitäten zum Erhalt der Artenvielfalt sowie Initiativen zur Anpassung an klimatische Veränderungen. So könnten Waldumbaumaßnahmen angesichts einer möglichen Zunahme von Dürreperioden einen wichtigen Schutz vor Waldbränden darstellen. Aber auch jeder einzelne Bürger, so die Herausgeber, könne einen Beitrag leisten, beispielsweise durch einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen und ein verantwortungsvolles Konsumverhalten, das regionale und saisonale Produkte bevorzugt.
Das gleich nach dem Erscheinen durch die Deutsche Umweltstiftung zum Umweltbuch des Monats gekürte Buch ist bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienen:
Volker Mosbrugger, Guy Brasseur, Michaela Schaller, Bernhard Stribrny (Herausgeber):
Klimawandel und Biodiversität: Folgen für Deutschland
Gebundene Ausgabe, 420 Seiten; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
ISBN-10: 3534252357; ISBN-13: 978-3534252350
Rezensionsexemplare können beim Verlag angefordert werden:
Christina Herborg
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Hindenburgstraße 40, 64295 Darmstadt
Tel. 06151/3308-161 Fax: 06151/33 08 208
e-mail: herborg@wbg-wissenverbindet.de

29.01.2013, Forschungsverbund Berlin e.V.
Pottwale adoptieren Delfin mit Handicap
Im Azoren Archipel wurde ein Team von Verhaltensökologen vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) Zeuge einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen einer Gruppe von Pottwalen und einem Großen Tümmler mit einer Rückenverkrümmung. Über mehrere Tage beobachteten die Forscher Alexander Wilson und Jens Krause, wie ein Großer Tümmler in einer Gruppe von Pottwalen mitschwamm.
Der Delfin suchte den Kontakt zu den Meeresriesen und positionierte sich sogar direkt vor dem gigantischen Maul eines ausgewachsenen Pottwalweibchens – ein Verhalten, dass sonst Kälber und Jungtiere zeigen. Auch die Pottwale suchten Körperkontakt zu dem ungewöhnlichen Gruppenmitglied mit der verkrümmten Wirbelsäule. „Diese Tiere tolerieren den Delfin. Das ist erstaunlich, denn Pottwale wurden bisher noch nie in freundlicher Interaktion mit anderen Arten beobachtet“, so Wilson. Die Forscher vermuten, dass sich der Delfin wegen seines Handicaps, der gekrümmten Wirbelsäule, der Pottwalgruppe angeschlossen hatte. In den Gewässern der Azoren gibt es zwar kaum Feinde für Große Tümmler, aber vielleicht konnte das Tier nicht mit den anderen Delfinen mithalten, oder hatte einen niedrigen sozialen Status. Die Motivation der Pottwale, den Artfremden in ihre Clique aufzunehmen, ist unklar. „Man sollte nicht so weit gehen und von Mitleid sprechen – wir vermuten, dass die Großsäuger vielleicht einfach die Aufmerksamkeit des Delfins genießen“, erklärt Wilson. Die Beobachtungen und Fotos werden demnächst in der Zeitschrift Aquatic Mammals veröffentlicht.

29.01.2013, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Frösche geben Anlass zur Hoffnung
Der Druck auf die Ressourcen der Tropenwälder wächst stetig und ein strikter Schutz aller verbliebenen Regenwälder scheint wenig realistisch. Neben der Rodung von Wäldern ist die selektive Holznutzung der häufigste Eingriff in diese Ökosysteme. In zwei aktuellen Studien haben Wissenschaftler des Museums für Naturkunde und des Forstwissenschaftlichen Instituts in Kumasi /Ghana von Fröschen untersucht, ob und unter welchen Bedingungen sich Artengemeinschaften regenerieren können. „Eine nachhaltige Nutzung der Wälder scheint möglich, wenn der forstliche Eingriff gering bleibt, selten und sorgfältig erfolgt“, so Mark-Oliver Rödel vom Museum für Naturkunde in Berlin.
Der Rückgang von tropischen Regenwäldern ist in Westafrika besonders dramatisch. Schätzungen zufolge sind in dieser Region nur noch knapp 2% der ursprünglich vorhandenen, primären Regenwälder vorhanden. Die Forscher wählten Wälder in Ghana für ihre Untersuchungen aus, da hier die Holznutzung über Jahrzehnte sehr detailliert dokumentiert worden ist und ungestörte und genutzte Wälder unmittelbarer benachbart sind. Als Indikator für die Auswirkungen der Holzentnahme wählten sie Frösche, eine Tiergruppen die in Tropenwäldern artenreich vertreten ist und besonders sensibel auf Umweltveränderungen reagiert.
In der ersten Studie verglichen die Forscher die Auswirkungen der Holzentnahme in drei unterschiedlich feuchten Waldtypen. Dabei erfassten sie die Froscharten in primären und selektiv geholzten Waldflächen. Das wichtigste Ergebnis der Studie war, dass die Auswirkungen der Waldnutzung unmittelbar mit klimatischen Faktoren zusammenhängen. Am stärksten veränderten sich die Froschgemeinschaften nicht in den feuchtesten, sondern in den trockensten Wäldern. Hier leben Waldfrösche offensichtlich bereits an der Grenze der für sie tolerierbaren Umweltbedingungen: Nur geringfügige Änderungen des Mikroklimas führen dann zum Verschwinden von spezialisierten Waldarten. Neben der Holzentnahme dürfte sich in diesen Wäldern auch der Klimawandel besonders schnell und drastisch auswirken.
In der zweiten Studie untersuchten die Forscher ob und wie schnell sich die veränderten Froschgemeinschaften nach der forstlichen Nutzung wieder erholen können. Dazu wählten sie Wälder die noch nie genutzt wurden, sowie solche bei denen die Nutzung aktuell erfolgte bzw. 10 oder 20 Jahre zurück lag. Sie stellten fest, dass kurz nach dem Holzeinschlag die Artenzahl sogar anstieg. Dies lag daran, dass störungstolerante Froscharten in die Wälder eindrangen, Regenwaldspezialisten wurden dagegen seltener oder verschwanden gänzlich. Diese Bild veränderte sich mit der Zeit. Nach 10 Jahren wurden die lebensraumfremden Arten wieder seltener, die Regenwaldarten kamen langsam zurück. Nach 20 Jahren waren die Froschgemeinschaften von den ursprünglichen, in ungestörten Wäldern lebenden, nicht mehr zu unterscheiden.
„Dieses Ergebnis gibt Anlass zur Hoffnung“, so Mark-Oliver Rödel vom Museum für Naturkunde in Berlin. „Offensichtlich können sich Amphibiengemeinschaften von Regenwäldern unter bestimmten Bedingungen wieder regenerieren, d.h. eine nachhaltige Nutzung der Wälder scheint möglich.“ Voraussetzung ist allerdings, dass wie in den ghanaischen Wäldern, der forstliche Eingriff gering bleibt, selten erfolgt, sorgfältig durchgeführt wird, sowie ein eng benachbartes Mosaik von gestörten und ungestörten Wäldern bestehen bleibt. Bei Rotationszyklen von mindestens 20 Jahren können die Regenwaldspezialisten dann in den ungenutzten Flächen überdauern und die genutzten Wälder später neu besiedeln. Ob sich die an Fröschen gewonnen Ergebnisse allerdings uneingeschränkt auch auf andere Tier- und Pflanzegruppen übertragen lassen, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Veröffentlichung:
Ofori-Boateng, C., W. Oduro, A. Hillers, K. Norris, S.K. Oppong, G.B. Adum, and M.-O. Rödel (2013) Differences in the Effects of Selective Logging on Amphibian Assemblages in Three West African Forest Types. Biotropica 45(1): 94–101, doi: 10.1111/j.1744-7429.2012.00887.x
Adum, G.A., M.P. Eichhorn, W. Oduro, C. Ofori-Boateng, and M.-O. Rödel (2013, online early) Two-Stage Recovery of Amphibian Assemblages Following Selective Logging of Tropical Forests. Conservation Biology, DOI: 10.1111/cobi.12006.

29.01.2013, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen, LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F)
Sonderausgabe Journal of Biogeography: Einbeziehung biologischer Prozesse in die Nischenmodellierung
newsimage193269Frankfurt, 29.1.2013 Nicht jede Tier- oder Pflanzenart ist überall auf der Erde vertreten. Warum das so ist, kann wissenschaftlich nur unzureichend beantwortet werden. Sogenannte „Nischenmodelle“ helfen Wissenschaftlern bei der Analyse von Faktoren, die das Verbreitungsgebiet von Arten bestimmen. Biotische Prozesse, die für das Vorkommen von Arten von entscheidender Bedeutung sein können, werden dabei kaum einbezogen. Ein Team des Biodiversität und Klima Forschungszentrums hat dieses Thema in mehreren Workshops aufgegriffen. Deren Ergebnisse wurden nun als Sonderausgabe der Fachzeitschrift Journal of Biogeography veröffentlicht.
Das Sonderheft mit dem Titel „The ecological niche as a window to biodiversity“ (Volume 39, Issue 12) basiert auf zwei internationalen Workshops, die das Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) 2010 und 2011 ausrichtete. Geleitet wurden sie von den BiK-F-Wissenschaftlern Prof. Steven Higgins (Goethe-Universität Frankfurt und BiK-F), Prof. Christine Römermann (BiK-F und Goethe-Universität Frankfurt, jetzt Universität Regensburg) und Dr. Robert O’Hara (Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt am Main, BiK-F), die auch die Sonderausgabe koordinierten.
Verstehen, wie die Welt zusammenspielt
Viele Faktoren, die das Lebensumfeld eines Tieres oder einer Pflanze bestimmen, sind relativ einfach messbar: Temperatur, Niederschlag, Bodenbedingungen. Solche sogenannten abiotischen Faktoren lassen sich in Werte fassen und in Modellierungen einbeziehen. Es gibt sehr viele abiotische Faktoren, deshalb sind Verbreitungsmodelle immer eine komplizierte Angelegenheit. Doch um wirklich herauszufinden, wo eine Art vorkommen kann, müssen außerdem unterschiedlichste biotische Faktoren berücksichtigt werden. Diese sind schwer zu messen: Welche ökophysiologischen Eigenarten hat eine Art, ernähren sich Tiere von anderen Lebewesen, konkurrieren Pflanzen um denselben Standort, leidet eine Art unter Feuern, die durch das Vorkommen anderer Arten begünstigt werden? – Es gibt unzählige biologisch bedingte Faktoren, die das Auftreten von Arten beeinflussen, bei Tieren ebenso wie im Pflanzenreich. Diese vielfachen Interaktionen zwischen Arten untereinander und ihrem Lebensraum, die biotischen Faktoren, lassen sich ungleich schwerer in Modellierungen darstellen als die abiotischen. Wenn dies jedoch gelingt, ergeben sich daraus völlig neue Möglichkeiten für Verbreitungsprognosen.
Neue Möglichkeiten für die Nischenmodellierung
Ziel der Workshops war es, das Verständnis für das Zusammenspiel der Prozesse weiter zu entwickeln, die die ökologische Nische von Arten bestimmen. In einem nächsten Schritt entstanden so neue, auf Statistik basierende Leitfäden für die Nischenmodellierung. Dafür wurden die neuesten Entwicklungen in den Bereichen der empirischen und theoretischen Forschung über Nischen von Arten zusammengetragen und mit Aspekten der modernen statistischen Modellierung verknüpft. Insbesondere stand im Fokus, wie ökophysiologische Aspekte (z.B. Anpassung) und demographische Prozesse (wie Populationsdynamiken) künftig in Nischenmodellen berücksichtigt werden können. Auch Faktoren wie Ausbreitungsstrategien oder Konkurrenz werden von den aktuellen Modellen meistens noch vernachlässigt und sollen künftig besser einbezogen werden. Hierfür wurden neue statistische Ansätze entwickelt. „Es ist außerordentlich schwierig, z.B. die Konkurrenz zwischen verschiedenen Pflanzenarten in einem Rechenmodell abzubilden, oder auch die Auswirkungen von Feuer auf die ökologische Nische, in der eine Art lebt, angemessen zu berücksichtigen“, so Prof. Christine Römermann, Mitherausgeberin der Sonderausgabe. „Erst, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen dieses Thema gemeinsam angehen, können die zahlreichen biotischen Faktoren, die das Verbreitungsgebiet von Arten bestimmen, zu einer neuen statistischen Agenda zusammengeführt werden.“
Künftig präzisere Voraussagen über das Vorkommen von Arten
Die für die Definition der Nische einer Art entscheidenden Prozesse sind auf das Komplizierteste miteinander gekoppelt und beeinflussen sich gegenseitig. Sie lassen sich aber durch verschiedene Submodelle in den Modellen darstellen, so dass künftig Vorkommen und Populationsdichte von Arten in Raum und Zeit viel genauer modelliert werden können. Auch wenn noch eindeutiger Forschungsbedarf besteht, zeigen die Veröffentlichungen in diesem Sonderheft bereits, dass die Berücksichtigung biologischer Prozesse bei Anwendung entsprechender statistischer Methoden die Nischenmodelle entscheidend verbessern kann. Mitherausgeber Higgins betont: „Vor dem Hintergrund, dass wir die Nischenmodellierung besonders zur Abschätzung der Auswirkungen des Klimawandels auf die Tier- und Pflanzenwelt brauchen, sind die durch diese neuen Ansätze eröffneten Perspektiven dieser Methode gar nicht hoch genug einzuschätzen.“
Veröffentlichung:
Journal of Biogeography, Sonderausgabe „The ecological niche as a window to biodiversity“ (Volume 39, Issue 12, Pages 2089–2302, i–ii)
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jbi.2012.39.issue-12/issuetoc

30.01.2013, Forschungsverbund Berlin e.V.
Wirtschaftsweg statt Wildwechsel – Bengalkatze profitiert von der Nutzung tropischer Wälder
Die Bengalkatze scheint sich in Nutzwäldern wohl zu fühlen: Sie kommt dort häufiger vor als in vollständig naturbelassenen Lebensräumen. Dies fanden Wissenschaftler unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in einer Studie heraus. Doch mit ihrer Fähigkeit, sich auch in gestörten Lebensräumen gut zurechtzufinden, ist die häufigste Katzenart Asiens eine Ausnahme unter den Raubtieren des tropischen Regenwaldes.
Katzen gehören zu den am besten erforschten Säugetierfamilien. Die meisten Studien befassen sich mit Großkatzen, wie Tigern, Jaguaren oder Löwen. Dagegen sind die Lebensgewohnheiten von kleinen Wildkatzen, insbesondere in Asien, oft unbekannt. Selbst über die zwei bis sieben Kilogramm schwere Bengalkatze gab es bislang kaum gesicherte Erkenntnisse, obwohl sie die am weitesten verbreitete Katze Asiens ist. Sie kommt mit sehr unterschiedlichen Lebensräumen zurecht: So lebt sie in tropischen Regenwäldern, in den Nadelwäldern des Himalaya sowie in Nutzwäldern. Sie kann im Tiefland leben, wurde aber auch schon im Himalaya in einer Höhe von über 3000 Metern beobachtet.
Aufgrund dieser weiten Verbreitung gilt die Bengalkatze, die wegen ihres Fellmusters auch Leopardkatze genannt wird, als nicht gefährdet. Doch wie wirkt sich die Störung der Lebensräume, zum Beispiel durch Holzeinschlag, auf die Population aus? Bisherige Studien hatten vor allem vollständig naturbelassene Lebensräume im Fokus.
Mithilfe von Kamerafallen beobachteten die Forscher, wie häufig Bengalkatzen in unterschiedlich stark genutzten Wäldern auf Borneo in Malaysia vorkommen. Dabei stellten sie fest, dass in den stärker genutzten und veränderten Wäldern mehr Bengalkatzen leben als in den naturnahen. Bei schonenderem Holzeinschlag gibt es höhere Bäume und die Baumkronen bilden häufiger ein geschlossenes Blätterdach. Je offener die Wälder jedoch durch intensive Nutzung waren, desto wohler schienen sich die Katzen zu fühlen. Die meisten Tiere gingen den Wissenschaftlern entlang von alten Forstwirtschaftswegen in die Fotofallen. Auf Wildwechseln unter geschlossenen Baumkronen ließen sich die Katzen dagegen nur sehr selten blicken.
Dass die Bengalkatze von den veränderten Lebensbedingungen profitiert, führt Dr. Andreas Wilting vom IZW vor allem auf die erhöhte Verfügbarkeit von Beutetieren zurück: „Auf dem Speisezettel stehen vor allem kleine Säugetiere wie Mäuse und Ratten. Viele dieser kleinen Säugetiere leben bevorzugt in dichtem Bodenbewuchs. Die Vegetation am Boden ist in offeneren Wäldern viel üppiger als unter einem geschlossenen Blätterdach.“ Möglicherweise profitiert die Bengalkatze auch direkt vom dichten Unterholz: Beim Anschleichen an die Beute ist sie besser getarnt und erfolgreicher bei der Jagd.
Ein Teil des Erfolgs könne aber auch im Misserfolg der anderen liegen, so Wilting. Im Primärwald oder weniger gestörten Wäldern kommen andere Raubtierarten, wie zum Beispiel der wesentlich größere Nebelparder, häufiger vor. Diese „Wald“-Arten treten jedoch viel seltener in den offeneren Lebensräumen auf. Die freien Lebensräume scheint die Bengalkatze auszunutzen.
Obwohl die Bengalkatze zu den wenigen Gewinnern der menschlichen Veränderungen in tropischen Regenwäldern gehört und diese Art im Moment nicht als bedroht gilt, sind die Wissenschaftler vorsichtig, ob sich die langfristigen Konsequenzen der Lebensraumveränderungen akkurat voraussagen lassen können. So bleibt Wilting skeptisch, ob die Bengalkatze auch in reinen Monokulturen wie Palmölplantagen überleben könnte: „Die Möglichkeit sich in den Wald zurückzuziehen scheint auch für die Bengalkatze von großer Bedeutung zu sein.“
Originalveröffentlichung:
Journal of Mammalogy, in press

31.01.2013, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Der Verlierer hat Glück bei den Frauen
Weibchen des Atlantik-Kärpflings (Poecilia mexicana) bevorzugen eigentlich große, starke Männchen. Wenn sie diese aber bei einem siegreichen Kampf beobachtet haben, entscheiden sie sich eher für das Verlierermännchen. Das haben Frankfurter Biologen von der Goethe-Universität herausgefunden. Sie erklären dieses Verhalten damit, dass Männchen nach einem gerade gewonnen Kampf die Weibchen stärker sexuell bedrängen.
FRANKFURT.In der Natur gilt meist das Recht des Stärkeren: Wer oben in der Hierarchie steht, darf sich größere und bessere Futterbrocken nehmen und sich mit den hochwertigsten Weibchen paaren. Und diese Weibchen bevorzugen oft die dominanten Siegertypen, denn dann bekommen auch sie mehr und besseres Futter, und die gemeinsamen Kinder haben gute Chancen, auch mal nach ganz oben zu kommen. Dass Weibchen allerdings sehr viel wählerischer in Bezug auf die potentiellen Väter ihrer Kinder sind, konnten jetzt die Biologen David Bierbach und Martin Plath von der Goethe-Universität Frankfurt zeigen.
Die Wissenschaftler spielten Weibchen des lebendgebärenden Atlantik-Kärpflings (Poecilia mexicana) zuerst Videos von zwei etwa gleich großen Männchen vor. Wie erwartet, zeigten die Weibchen keine Präferenz für einen der potentiellen Partner, denn sie geben normalerweise dem größeren Männchen den Vorzug. Deshalb hielten sie sich neben beiden Videos, die nahe am Versuchsbecken aufgestellt waren, gleich häufig auf.
Danach wurden der Hälfte der Weibchen Videos vorgespielt, auf denen die zuvor gesehenen Männchen mit einander kämpften. In jedem der Kämpfe gab es am Ende einen klaren Gewinner. Erneut vor die Wahl gestellt, verbrachten die Weibchen nun überraschenderweise mehr Zeit bei dem Verlierermännchen. In der Kontrollgruppe wurden die Weibchen dagegen nicht Zeuginnen des Kampfes, sondern erhielten lediglich die Gelegenheit, beide Männchen direkt nebeneinander für längere Zeit in einem Video zu vergleichen. Diese Weibchen verbrachten mehr Zeit neben den Siegern. „Interessant ist, dass die Weibchen des Atlantik-Kärpflings offenbar fähig sind, potentielle Gewinner zu identifizieren, ohne sie jemals beim Kämpfen beobachtet zu haben“, erklärt David Bierbach.
Warum es für ein Weibchen vorteilhaft ist, Gewinnermännchen direkt nach einem Kampf zu meiden, untersuchten die Forscher in einem weiteren Experiment. Sie stellten fest, dass die Gewinner nach dem Kampf sexuell deutlich aktiver waren, was auf die erhöhte Ausschüttung von Sexualhormonen nach dem Sieg zurückzuführen ist. Für die Weibchen ist die gesteigerte Paarungsrate allerdings wenig vorteilhaft, weil sie dadurch Zeit zum Fressen verlieren oder auch häufigere Verletzungen ihres Genitaltraktes in Kauf nehmen müssen.
„Unsere Studie zeigt, wie stark das weibliche Partnerwahlverhalten von Informationen aus dem sozialen Umfeld abhängt und wie kompliziert auch das Liebesleben eines Fischweibchens sein kann“, folgert Martin Plath. Auch im Tierreich gilt demnach nicht immer: The winner takes it all.
Publikation:
Bierbach D, Sassmannshausen V, Streit B, Arias-Rodriguez L, Plath M: Females prefer males with superior fighting abilities but avoid sexually harassing winners when eavesdropping on male fights. Behavioral Ecology and Sociobiology (in press) DOI 10.1007/s00265-013-1487-8

Erläuterung zum Video: Männliche Atlantikkärpflinge kämpfen intensiv miteinander. Dazu stellen sie ihre Flossen auf, um größer zu wirken. Sie schlagen sich die Schwanzflossen gegenseitig in die Flanken, rammen und beißen einander. Am Ende eines Kampfes wird das unterlegene Tier, erkennbar an den eingefalteten Flossen, vom Gewinner verjagt.

31.01.2013, Universität Bern
BEEBOOK erschienen – Standardwerk stärkt internationale Bienenforschung
Das «BEEBOOK: Standardmethoden für Bienenforschung» des internationalen COLOSS-Projekts ist soeben erschienen. Das BEEBOOK wird von Peter Neumann (Universität Bern), Vincent Dietemann (Schweizerisches Zentrum für Bienenforschung von Agroscope) und Jamie Ellis (Universität Florida, USA) koordiniert und nun im «Journal of Apicultural Research» online publiziert. Es wird auch in Buchform für die direkte Anwendung im Labor verfügbar sein.
Das BEEBOOK ist eine einzigartige, vom internationalen «COLOSS» (Prevention of COlony LOSSes)-Netzwerk ausgehende Initiative, die Methoden für die Forschung an Honigbienen (Apis mellifera) zu standardisieren.
Es handelt sich dabei um ein praktisches Handbuch mit einer umfassenden Sammlung von Standardmethoden, die in allen Gebieten der Bienenforschung zur Anwendung kommen. Es wird als definitives, aber auch sich stets weiter entwickelndes Instrument das Standardwerk für die Honigbienenforschung werden.
Das Handbuch besteht aus 33 von Spezialisten begutachteten Kapiteln, welche von mehr als 200 der weltweit führenden Honigbienenexpertinnen und -experten erarbeitet und geschrieben wurden. Die einzelnen Kapitel enthalten Methoden, mit denen die Biologie der Honigbiene und Bienenprodukte studiert, Bienenschädlinge und Krankheitserreger besser verstanden sowie die Bienenzucht optimiert werden können. Das BEEBOOK wird in drei Bändern erscheinen: Band I: Standardmethoden für Apis mellifera Forschung, Band II: Standardmethoden für Apis mellifera Forschung über Schädlinge und Krankheitserreger und Band III: Standardmethoden für Apis mellifera Produkt Forschung.
Die erste Gruppe von Publikationen gehört zu Band I und II und wurde in einer frei zugänglichen Spezialausgabe des «Journal of Apicultural Research» veröffentlicht. Die dreizehn Artikel wurden von 98 Autoren aus 25 verschiedenen Ländern verfasst, was ein Zeichen für die beispiellose internationale Zusammenarbeit ist, welche aufgrund des «COLOSS-Netzwerks» und der Krisensituation der Honigbienen entstanden ist. Die übrigen Artikel werden gleichzeitig mit der Herausgabe von Band I und II in Buchform später in diesem Jahr veröffentlicht. Band III wir im Jahr 2014 folgen.
Die Herausgeber und Autoren hoffen, dass das BEEBOOK weltweit Experten als Referenzinstrument dienen wird und dass die Gemeinschaft der Bienenforscher das Werk annehmen und in Zukunft weiter verbessern wird. Die BEEBOOK-Internetplattform ist allen Forschenden zugänglich, die Informationen nutzen oder zusätzlich zu weiteren Entwicklungen in unserem Forschungsgebiet beitragen möchten.
Ein Netzwerk für die Bienen
COLOSS ist ein Netzwerk, welches von der Europäischen Union und der «Ricola Foundation, Natur & Kultur» getragen wird. Es zielt darauf ab, die massiven Völkerverluste von Honigbienen zu erklären und zu verhindern. Das Netzwerk unterstützt nicht direkt die Forschungsarbeit, sondern koordiniert die internationalen Forschungsaktivitäten in Europa und weltweit. Es fördert so die Zusammenarbeit und legt ein Hauptaugenmerk auf die Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Praxis. COLOSS mit dem Vorsitzenden Prof. Peter Neumann von der Universität Bern hat mehr als 300 Mitglieder von 62 Ländern.

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