Neues aus der Wisssenschaft

„Die Säugetiere von Messel – Morgendämmerung der modernen Welt“
Vortrag von Prof. Dr. Thomas Martin
In Kooperation mit dem Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie u. Paläontologie der Universität Bonn und dem Universtitätsclub Bonn
Vortrag im Rahmen der Ausstellung „Willkommen aus der Urzeit“
Der Vortrag führt auf Entdeckungstour zu den Anfängen der Säugetierevolution.
Die besondere Bedeutung der Messeler Fossilien liegt in ihrer hervorragenden Erhaltung und der Tatsache, dass sie aus der Anfangszeit der modernen Säugetierwelt stammen. Im Mittleren Eozän, vor 47 Millionen Jahren, befanden sich die Säugetiere in einer Phase stürmischer Entwicklung. Viele neue Gruppen, die uns heute wohl vertraut sind, waren kurz vorher entstanden. Dazu gehören die berühmten Urpferdchen, aber auch primitive Paarhufer – Vorfahren der Rinder und Schweine -, Affenartige (Primaten) und Nagetiere. Neben diesen Newcomern lebten im Urwald am Messeler See auch ursprüngliche Säugetiere längst ausgestorbener Entwicklungslinien. Dazu gehören der bizarre „Langfinger“ Heterohyus, das zweibeinig laufende Leptictidium oder der fischotterähnliche Buxolestes. Viele dieser Tiere waren schon seit langem aus anderen Fundstellen durch Gebisse bekannt, da Zähne als die härtesten Teile des Organismus am längsten erhalten bleiben. Doch nur die Grube Messel bietet mit vollständigen Skeletten, überliefert „mit Haut und Haaren“, ungeahnte Einblicke in die Biologie der frühen Säugetiere.
Mittwoch, 20.02.2013 um 19:00 Uhr
im Hörsaal des Museum Koenig
Museum Koenig, Adenaueralle 160, 53113 Bonn
Der Vortrag ist kostenlos.
(Wir bitten um eine Spende zu Gunsten der neuen Regenwaldausstellung.)

13.02.2013 Bundesamt für Naturschutz
Mehr Platz für die biologische Vielfalt in Städten und Gemeinden
Neue Broschüre vorgelegt
Der Stellenwert biologischer Vielfalt in den Städten und Gemeinden steigt weiter: Dies zeigen die zahlreichen in der letzten Zeit verabschiedeten kommunalen Biodiversitätsstrategien. Das bundesweite Bündnis zur kommunalen Vielfalt zählt mittweile 89 Städte und Gemeinden. „Um mit den Herausforderungen der Zukunft erfolgreich umzugehen, richten immer mehr Städte und Gemeinden eine ganze Reihe ihrer kommunalen Handlungsfelder auf den Schutz und auf die Entwicklung der biologischen Vielfalt aus. Sie schaffen damit Synergien, die eng mit Lebensqualität, einem positiven Image als Standortfaktor sowie der gerade in Städten notwendigen Anpassung an den Klimawandel zusammenhängen“, sagte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. Die neue Broschüre zeigt, wie Städte und Gemeinden den Schutz der biologischen Vielfalt vor Ort wirksam umsetzen können.
Denn gerade der Siedlungsraum ist ein häufig unterschätzter Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Parks, Biotope, Stadtwälder oder Brachflächen bieten durch eine extensive Nutzung beste Chancen für einen Artenreichtum. Dabei gilt: Je besser eine Stadt durchgrünt ist, desto höher sind nicht nur der Anteil einheimischer Arten und Arten mit besonderen Lebensraumansprüchen, sondern auch die Lebensqualität für die dort lebenden Menschen.
„Das Bündnis ‚Kommunen für die biologische Vielfalt‘ setzt genau da an. Es möchte die Beziehung zwischen Mensch und Natur nachhaltig und für beide Seiten vorteilhaft gestalten. Natur im Siedlungsbereich darf die Menschen nicht durch Zäune und Verbotsschilder ausschließen, sondern sollte die lebendige Erfahrung mit ihr ermöglichen. Wie das praktisch gelingen kann, zeigt die jetzt veröffentlichte Broschüre“, erklärt Dr. Eckart Würzner, Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg und Vorstandsvorsitzender des Bündnisses „Kommunen für biologische Vielfalt“. Das Bündnis zählt inzwischen 89 Kommunen.
In der neuen Broschüre wird gezeigt, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse dem Schutz der biologischen Vielfalt vor Ort zugrunde liegen und wie Projekte erfolgreich umgesetzt werden können. Neben zahlreichen Praxisbeispielen informiert die Broschüre zu aktuellen Fragen des kommunalen Naturschutzes und macht damit deutlich, wie komplex und vielschichtig das Thema für die Kommunen ist. „Relevant sind nicht nur klassischen Fragen des Naturschutzes, sondern vor allem deren Verknüpfung mit der aktuellen Stadtentwicklung: Soziale Fragen spielen hierbei ebenso eine Rolle wie beispielsweise der Umgang mit Brachflächen“, erklärt Michael Spielmann, Bundesgeschäftsführer der DUH. Wie sich aktuelle Herausforderungen des klassischen Naturschutzes mit Fragen der Stadtplanung und -entwicklung vereinbaren lassen, zeigen aus Michael Spielmanns Sicht die zunehmende Zahl kommunaler Biodiversitätsstrategien wie beispielsweise in Augsburg, Berlin, Erfurt, Ingolstadt, Landshut oder Hannover.
Die gemeinsame Broschüre „Städte und Gemeinden im Wandel“ des Bundesamts für Naturschutz (BfN), der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH) und des Bündnisses „Kommunen für biologische Vielfalt“ e.V. erhalten Sie im Internet unter www.kommunen-fuer-biologische-vielfalt.de

13.02.2013, Julius Kühn-Institut
Bilanz zu Feldmaus-Massenvermehrungen und Schäden im Jahr 2012
Expertengespräch am Julius Kühn-Institut
Im Jahr 2012 hatten Landwirte vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, aber auch in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen massive Ernteverluste zu beklagen. Die Verursacher waren Feldmäuse. So kam es beispielsweise im Harzvorland dazu, dass bis zu 80 % der neuen Winteraussaat von den Tieren vernichtet wurde. Das Julius Kühn-Institut (JKI) erforscht die periodisch immer wiederkehrenden Massenvermehrungen der Schadnager. Deshalb hatte das JKI Fachleute von Bundes- und Länderbehörden sowie Verbänden am 6.2. nach Braunschweig zu einem bilanzierenden Fachgespräch geladen. Dr. Jens Jacob, der Experte des JKI zum Phänomen der Massenvermehrungen, gab eine Übersicht über Befall und Schäden des Vorjahres. Zudem stellte er die Arbeiten an einem Prognosemodell vor, das helfen soll, die Entwicklung von Massenvermehrungen vorherzusagen.
Vertreter der drei am stärksten betroffenen Länder berichteten über ihre Bemühungen im Jahr 2012, der Lage Herr zu werden. Wichtige Fragen wurden angesprochen, wie etwa der Einfluss der pfluglosen Bodenbearbeitung auf die Vermehrung der Mäuse, oder der Umstand, dass Windkraftanlagen und andere nichtbearbeitete Flächen als Refugien dienen, aus denen die Mäuse erneut in die Felder einwandern.
Die Agrarministerkonferenz des Bundes und der Länder hatte sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigt und hierzu die Einrichtung einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe beschlossen. Die Teilnehmer des Fachgesprächs, unter ihnen Vertreter des Bundeslandwirtschaftsministeriums, des Bundesumweltministeriums, der Landesbehörden, der Zulassungsbehörde für Pflanzenschutzmittel sowie betroffener Verbände kommen im Ergebnis überein, künftig die Kräfte zu bündeln, Daten auszutauschen und ein gezieltes Feldmausmanagement zu entwickeln.

13.02.2013, Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Amseln im Rampenlicht
Stadtvögel werden bei nächtlicher Beleuchtung früher paarungsbereit als ihre Artgenossen auf dem Land
Straßenlaternen, Ampeln, und Wohnbeleuchtung lassen unsere Nächte immer heller werden. Schon seit längerem wird vermutet, dass das nächtliche Kunstlicht der Städte Pflanzen, Tiere und Menschen beeinflussen kann. Studien, die diesen Einfluss direkt testen, gibt es jedoch nur wenige. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell haben nun untersucht, wie sich die nächtliche Stadtbeleuchtung auf Amseln (Turdus merula) auswirkt. Tiere, die nachts geringen Lichtstärken, vergleichbar mit Lichtintensitäten in Städten, ausgesetzt sind, sind demnach eine früher bereit zur Fortpflanzung: Ihr Testosteronspiegel steigt und ihre Hoden reifen früher im Jahr. Außerdem beginnen sie früher zu singen und zu mausern. Die allgegenwärtige Lichtverschmutzung der Städte kann somit den jahreszeitlichen Rhythmus von Stadttieren deutlich beeinflussen.
Für viele Tierarten ist die jahreszeitliche Veränderung der Tageslänge eines der wichtigsten Umweltsignale für die Steuerung tageszeitlicher (z.B. Schlaf-Wach-Zyklen) und saisonaler Rhythmen (z.B. Brutzeit). Der Mensch nutzt seit langem dies beispielsweise in der Landwirtschaft aus: In Legebatterien lässt sich die Eiproduktion durch Veränderung der Tageslänge mit Hilfe von künstlicher Beleuchtung steigern.
Tiere, die in Städten leben, sind nun nicht nur natürlichen Lichtbedingungen ausgesetzt, sondern erfahren zudem durch das Kunstlicht teilweise extreme Lichtverhältnisse. Welchen Einfluss aber hat das künstliche Licht auf die tages- und jahreszeitliche Organisation dieser Stadttiere? Um diese Frage beantworten zu können, muss man zuerst aber wissen, welche Lichtintensitäten Tiere in der Nacht wirklich ausgesetzt sind. Die Wissenschaftler um Jesko Partecke vom Max-Planck-Institut für Ornithologie rüsteten deshalb mehrere Stadtamseln mit Lichtsensoren aus und maßen, welchen Beleuchtungsstärken die Vögel durchschnittlich in der Nacht ausgesetzt waren. „Die Intensitäten waren mit 0,2 Lux sehr gering – nur ein Dreißigstel dessen, was eine typische Straßenlampe ausstrahlt“, sagt der Wissenschaftler.
Doch selbst so geringe Werte reichen aus, um die Keimdrüsen männlicher Amseln früher reifen zu lassen. Die Wissenschaftler setzten gefangene Stadt- und Waldamseln über einen Zeitraum von zehn Monaten nachts einer Beleuchtungsstärke von 0,3 Lux aus. „Die Resultate waren erstaunlich: Die Hoden der Vögel wuchsen im Durchschnitt fast einen Monat früher, als bei Tieren, die nachts in Dunkelheit schliefen“, erklärt Partecke. Als weiteren Indikator für die Fortpflanzungsbereitschaft der Tiere maßen die Wissenschaftler den Testosteronwert im Blut der Vögel. Dieser stieg früher an, wenn die Vögel nachts Licht ausgesetzt waren. Auch die Gesangsaktivität kam durch das niedrige Nachtlicht aus dem Rhythmus. Die Tiere begannen rund eine Stunde früher mit ihrem Gesang. „All dies weist darauf hin, dass die Tiere, jahreszeitlich gesehen, früher fortpflanzungsbereit sind“, erklärt Partecke. Aber die Tiere mit Nachtlicht zeigten nicht nur ein verfrühtes Fortpflanzungsverhalten sondern sie mauserten gegen Ende der Brutzeit viel früher als die Vögel mit dunklen Nächten. „Diese Ergebnisse zeigen deutlich, dass das Kunstlicht, welches wir in Städten vorfinden, die jahreszeitliche Organisation von Wildtieren drastisch verändern kann.
Die Forscher wissen noch nicht genau, woher die frühzeitige Fortpflanzungsbereitschaft kommt. Einerseits könnte das nächtliche Kunstlicht den Tieren eine längere Tageslänge vorspielen. Andererseits könnten die Vögel durch die Beleuchtung auch nachts auf Nahrungssuche gehen und die zusätzliche Energie in die Fortpflanzung stecken. Das Licht könnte aber auch den Stoffwechsel der Tiere beeinflussen und der veränderte Stoffwechsel für ein früheres Keimdrüsenwachstum sorgen. Vögel sind nämlich tagsüber aktiver, wenn sie nachts Licht ausgesetzt sind.
Ebenso ist noch unklar, ob das frühere Brüten den Stadtamseln einen Vorteil bietet oder ob sie lediglich eine ungewollte Begleiterscheinung der Beleuchtung ist. „Amseln in der Stadt könnten durch das Kunstlicht früher im Jahr brüten und dadurch mehr Junge im Jahr hervorbringen“, erklärt Partecke. „Allerdings nur, wenn die Nestlinge dann auch genügend geeignetes Futter zur Verfügung hätten.“ Ansonsten könnte sich die frühe Fortpflanzungsfähigkeit für die Amseln als evolutionärer Nachteil herausstellen. Als nächstes wollen die Wissenschaftler deshalb in Freilandstudien untersuchen, welche Auswirkungen auf die Fitness die nächtliche Beleuchtung in Städten mit sich bringt.
Originalveröffentlichung:
Davide Dominoni, Michael Quetting and Jesko Partecke
Artificial light at night advances avian reproductive physiology
Proceedings of the Royal Society Series B, 13.02.2013

14.02.2013, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Das Gen, das aus Ponys Großpferde macht
TiHo-Forscher entdecken genetische Ursache für Körpergrößen bei Pferden
Ponys haben maximal ein Stockmaß von 148 Zentimetern. Liegt ihre Widerristhöhe darüber, zählen sie zu den Großpferden. Wissenschaftler des Instituts für Tierzucht und Vererbungsforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) haben die genetischen Ursachen für die unterschiedlichen Körpergrößen bei Pferden untersucht und ein Gen entdeckt, das das Größenwachstum sehr stark beeinflusst. Die Forscherinnen und Forscher haben tausende genetischer Varianten zwischen Ponys und Großpferden verglichen, um herauszufinden, ob es eine Mutation für die Größenunterschiede bei Pferden gibt. Diese sogenannten Punktmutationen oder Einzelnukleotid-Polymorphismen (Single Nucleotide Polymorphisms, SNPs) sind die häufigsten genetischen Varianten. Über Genexpressionsanalysen konnten die Wissenschaftler das entscheidende Gen für die Größenentwicklung der Pferde dann identifizieren. Das Ergebnis haben sie jetzt in dem internationalen Fachmagazin PLoS One veröffentlicht. Für das Größenwachstum der Pferde ist eine Mutation verantwortlich, die das Gen LCORL (ligand-dependent nuclear receptor compressor-like protein) beeinflusst. Die veränderte Erbinformation bewirkt, dass das Gen bei großen Pferden seltener abgelesen wird als bei Ponys. „Daraus schließen wir, dass LCORL das Größenwachstum bei Pferden begrenzt. Je stärker LCORL exprimiert wird, desto kleiner sind die Pferde “, sagt Professor Dr. Ottmar Distl, Leiter des Instituts für Tierzucht und Vererbungsforschung der TiHo. Alle ursprünglichen Przewalski-Wildpferde tragen die Ponymutation in sich und auch die Vollblutaraber besitzen nur diese Genvariante.
Warmblutpferde zeigen eine große Spannbreite in der Widerristhöhe und eine sehr große genetische Variation. Für fast die Hälfte dieser Variation ist die regulatorische Mutation für das Gen LCORL verantwortlich. Die kleineren Warmblutpferde sind homozygot für die Ponymutation, also reinerbig. Warmblutpferde im mittleren Bereich tragen die beiden genetischen Varianten, sind also heterozygot (mischerbig) und die großen Warmblutpferde sind homozygot für die Mutation der Großpferde. Bei großen Kaltblutpferderassen wie dem Rheinisch-Deutschen Kaltblut, Sächsisch-Thüringischen Kaltblut, Noriker und Süddeutschen Kaltblut gibt es keine Tiere mit der homozygoten Ponymutation, und nur in Einzelfällen kommen heterozygote Tiere vor. „Die Verteilung der Ponymutation bei den verschiedenen Pferderassen lässt darauf schließen, dass die bei großen Pferden vorwiegend vorkommende Mutation erst während der Domestikation der Pferde in Westeuropa entstanden ist“, erklärt Professor Distl.
Beim Menschen beeinflusst LCORL die Rumpf- und Hüftlänge, ist jedoch kein Hauptregulator für die Größe. Bei Pferden hingegen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass LCORL die Körpergröße der Pferde entscheidend beeinflusst. Zusätzlich sind an dem komplexen Merkmal „Körpergröße“ aber noch weitere Gene beteiligt. Diese Genvarianten möchten die Wissenschaftler in weiteren Arbeiten suchen.
Pferdezüchter können die neuen Erkenntnisse für ihre Zuchtentscheidungen nutzen. Das Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung der TiHo bietet einen Gentest dazu an. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Instituts: www.tiho-hannover.de/kliniken-institute/institute/institur-fuer-tierzucht-und-vererbungsforschung /dienstleistungen/gentest/gentests-pferd/

14.02.2013, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Hoffnung für die Frösche eines Biodiversitätshotspots: Kein Chytridpilz in Westafrika!
Amphibien sind die derzeit am stärksten vom Aussterben bedrohte Tiergruppe der Welt. Als eine der Hauptursachen für ihren Rückgang wird eine Pilzkrankheit betrachtet, die fast weltweit verbreitet zu sein scheint. Unter Leitung von Forschern des Museums für Naturkunde Berlin wurden nun fast 800 Amphibien aus über 60 Arten aus insgesamt sieben westafrikanischen Ländern auf diesen Krankheitserreger hin untersucht. Die Analysen ergaben, dass der Pilz in Westafrika zwar für ihn günstige Umweltbedingungen vorfinden würde, er aber bisher nicht in Westafrika vorkommt. Damit ist dieser Biodiversitätshotspot neben Madagaskar die einzige Chytrid freie Region der Welt.
Unter Federführung von Wissenschaftlern des Museums für Naturkunde in Berlin wurden fast 800 Amphibien nach einem Hinweis auf den Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis) untersucht. Es wird vermutet, dass dieser in viele Regionen der Welt für das Amphibiensterben mitverantwortlich ist. Bei infizierten Tieren setzt sich der Pilz in der Haut fest und kann die Atmung in dieser blockieren, wodurch die Tiere letztendlich sterben. Chytrid ist in Afrika weit verbreitet und jedes Jahr werden neue positive Nachweise aus diversen Ländern Süd-, Ost und Zentralafrikas erbracht. Trotz einer umfangreichen Beprobung von 62 Arten aus sieben Ländern Westafrikas wurde Chytrid in dieser aktuellen Untersuchung jedoch nicht nachgewiesen. Dies ist besonders bemerkenswert, da die Analyse von Umweltfaktoren deutlich darauf hinweisen, dass der Pilz in Westafrika gute Lebensbedingungen vorfinden würde, sein Vorkommen damit sehr wahrscheinlich sein sollte.
Das internationale Team setzte eine Reihe unterschiedlicher Methoden ein und analysierte die Proben teils genetisch, teils histologisch in unterschiedlichen Laboren, die alle bereits große Erfahrung mit dem Nachweis von Chytrid hatten. Diese durchwegs negativen Ergebnisse wurden mit Modellierungsergebnissen von Umweltparametern aus Regionen verglichen, die positive Pilznachweise haben. Diese zeigten deutlich, dass ein Vorkommen von Chytrid in Westafrika sehr wahrscheinlich ist. Eine Erklärung für das Fehlen des Pilzes in Westafrika könnte, laut Johannes Penner, dem Erstautoren der Arbeit, die „Dahomey Gap“ sein. Diese natürliche Lücke in der Verbreitung des Regenwaldes in Westafrika (in den Ländern Togo und Benin) stellt wahrscheinlich eine natürliche Barriere für die Ausbreitung des Pilzes dar.
Damit ist Westafrika, neben Madagaskar, die letzte tropische Region in der Chytrid noch nicht vorkommt. Es könnte also sein, dass das weltweite Amphibiensterben einen Bogen um die Region macht? „Dem ist aber leider nicht so!“ sagt Dr. Mark-Oliver Rödel, Kurator für Herpetologie am Museum für Naturkunde. „Leider ist nach wie vor die Umwandlung und Zerstörung der natürlichen Lebensräume die Hauptursachen für das Amphibiensterben“. Dies geschieht auch in Westafrika nach wie vor in großem Maßstab.
Wenn es jedoch gelingen sollte, die anthropogene Ausbreitung von Chytrid nach Westafrika zu verhindern, dann wäre man immerhin einen Schritt weiter. Die Forscher diskutieren in ihrer Arbeit auch potentielle Einfallwege des Pilzes nach Westafrika (z.B. über den Handel von Fröschen für den Nahrungsmittelmarkt) und schlagen verschiedene Vorsichtsmassnahmen vor. Zum Beispiel sollte der Transporte von potentiell pilzinfizierten Materialien zwischen den Regionen kontrolliert und diese Materialien vorbeugend desinfiziert werden. Weiterhin wäre ein Frühwarnsystem für das Auftauchen des Pilzes in Ghana, ein mögliches Haupteinfalltor für die Krankheit, sinnvoll. So könnte beim Zusammenspiel verschiedenster Faktoren, die zum weltweiten Amphibiensterben beitragen, ein bedeutender in Westafrika ausgeschlossen werden.
Veröffentlicht in:
Johannes Penner, Gilbert B. Adum, Matthew T. McElroy, Thomas Doherty-Bone, Mareike Hirschfeld, Laura Sandberger, Ché Weldon, Andrew A. Cunningham, Torsten Ohst, Emma Wombwell, Daniel M. Portik, Duncan Reid, Annika Hillers, Caleb Ofori-Boateng, William Oduro, Jörg Plötner, Annemarie Ohler, Adam D. Leaché & Mark-Oliver Rödel (2013) Title: West Africa – A Safe Haven for Frogs? A Sub-Continental Assessment of the Chytrid Fungus (Batrachochytrium dendrobatidis). PLOS ONE http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0056236

15.02.2013, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Als die Baumfrösche nach Indien einwanderten
Die Stammesgeschichte des Laubfrosches erlaubt es, den Zeitraum der Kollision zwischen der indischen und eurasisschen Kontinentalplatte genauer einzugrenzen.
FRANKFURT. Der Zusammenstoß zwischen dem indischen Subkontinent und der Eurasischen Platte gibt den Geologen Rätsel auf. Denn je länger Kollisionen zwischen Kontinentalplatten zurück liegen, desto schwerer sind sie zu datieren. Hier kann die Biogeologie helfen: Anhand der Stammesgeschichte des Baumfroschs hat ein deutsch-chinesisches Team den Zeitraum jetzt genauer eingrenzen können.
Wenn Kontinente zusammenstoßen, hat das auch tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensgemeinschaften – insbesondere kommt es zur Vermischung von Faunen, die vorher für Jahrmillionen getrennt waren. Dabei stellt sich die Frage, wo genau die Vorfahren heutiger Organismen gelebt haben, sowie wann und in welche Richtung ein möglicher Faunenaustausch stattfand. Wenn die geologischen Rahmenbedingungen so umstritten sind wie im Falle der indisch-eurasischen Kollision, wird es schwierig. Während Geologen früher von ungefähr 55 Millionen Jahren ausgingen, war der Zusammenstoß jüngsten geologischen Hypothesen zufolge erst vor 35 oder gar erst vor 20 Millionen Jahren.
Wissenschaftler des Chengdu Institute of Biology, China, und der Goethe-Universität haben nun den Stammbaum für Baumfrösche der Familie Rhacophoridae rekonstruiert, und die Mutationsrate von Genen anhand von Fossilfunden kalibriert, um Aufspaltungsereignisse im Stammbaum zu datieren. Das Ergebnis war eindeutig: Es kam bereits seit dem frühen Oligozän vor 35 Millionen Jahren zur mehrfachen Besiedlung Indiens mit Baumfröschen von Asien aus. Zumindest die Stammesgeschichte der Frösche erteilt geologischen Hypothesen, die von einer noch jüngeren Kollision der Platten ausgehen, eine Absage.
Publikation:
Jia-Tang Li, Yang Li, Sebastian Klaus, Ding-Qi Rao, David M. Hillis, Ya-Ping Zhang: Diversification of rhacophorid frogs provides evidence for accelerated faunal exchange between India and Eurasia during the Oligocene. PNAS Early Edition, www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1300881110

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