Portrait: Hoatzin

Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Opisthocomiformes
Familie: Opisthocomidae
Gattung: Opisthocomus
Art: Hoatzin (Opisthocomus hoazin)
Hoatzin

Hoatzin

Die systematische Zugehörigkeit des Hoatzins ist vermutlich umstrittener als die jedes anderen Vogels. Philipp Ludwig Statius Müller beschrieb den Vogel 1776 zunächst als Phasianus hoazin, also als einen Fasan. Seitdem wurde der Hoatzin wechselweise in die Nähe von Steißhühnern, Hokkohühnern, Turakos, Rallen, Trappen, Seriemas, Flughühnern, Tauben und Mausvögeln gestellt.
Am meisten Zuspruch fanden im 20. Jahrhundert die Zuordnung zu den Hühnervögeln oder zu den Kuckucksvögeln. Dabei sprach vor allem die Osteologie und die mikroskopische Struktur der Federn für die Hühnervögel, die DNA-DNA-Hybridisierung, die Eier und Verhaltensweisen für die Kuckucksvögel. Der Parasitenbefund, der oft bei der Zuordnung von Tieren behilflich ist (miteinander verwandte Tiere beherbergen auch miteinander verwandte Parasiten), hilft beim Hoatzin nicht weiter. Sämtliche Parasiten sind ausschließlich auf dem Hoatzin zu finden und tolerieren weder einen anderen Wirt noch sind nähere Verwandte bekannt.
1999 vermeldete eine Studie, dass neue genetische Analysen die Stellung des Hoatzins geklärt hätten und dass dieser in der Nähe der Turakos eingeordnet werden müsse. Dem widersprach allerdings eine nachfolgende Studie, die den vorhergehenden Analysen vorwarf, fehlerhaft zu sein; die neue Analyse fand keine Anzeichen für eine Verwandtschaft zu Kuckucksvögeln oder Turakos.
Aufgrund dieser zahlreichen Unklarheiten wird der Hoatzin meist in eine eigene Familie (Opisthocomidae) und Ordnung (Opisthocomiformes) gestellt.

Hoazinavis lacustris

Hoazinavis lacustris

Gelegentlich wurde der Hoatzin für ein Missing Link (fehlendes Glied) zwischen heutigen und ausgestorbenen, reptilienartigen Vögeln gehalten. Wegen der Flügelkrallen der Jungvögel wurde eine Verwandtschaft mit dem Urvogel Archaeopteryx vermutet, der ebenfalls dieses Merkmal aufwies. Man geht heute allerdings davon aus, dass diese Anpassung jüngeren Datums ist und keine direktere Verwandtschaft besteht.
Fossile Hoatzins waren bis 2011 nicht bekannt, es gibt jedoch Fossilfunde, bei denen zumindest über eine Zuordnung zu den Hoatzins spekuliert wird. Hier ist Foro panarium aus dem unteren Eozän Nordamerikas zu nennen. Dieser Vogel hatte einen hoatzinartigen Schädel, erinnert aber im restlichen Skelett eher an Turakos. Aus Südamerika bekannte Fossilfunde sind Filholornis aus dem oberen Eozän und unteren Oligozän sowie Hoazinoides aus dem Miozän. Bei beiden ist umstritten, ob es sich um fossile Hoatzin-Verwandte oder um Hokkohühner handelt.
Etwa 23 Millionen Jahre alte Oberarm- und Schultergürtelknochen von einer Fundstelle in Südostbrasilien, die im Museu de História Natural de Taubaté in Brasilien aufbewahrt werden, stellen den ältesten Fossilfund eines Hoatzins dar (Hoazinavis lacustris). Die große Ähnlichkeit zwischen den Fossilien und den entsprechenden Knochen des heutigen Hoatzins legen nahe, dass die Vögel bereits sehr früh ihre ungewöhnliche Nahrungsbiologie entwickelten.
Ebenfalls in die nahe Verwandtschaft des Hoatzins wird Namibiavis senutae gestellt, ein Vogel, der vor ca. 17 Millionen Jahren in Afrika lebte.

Der Hoatzin erreicht eine Körperlänge von 60 bis 65 Zentimeter sowie ein Gewicht von rund 800 Gramm. Das Gefieder weist eine bräunliche Grundfärbung auf. Der Schwanz ist grünlich und ist durch eine weißliche Binde gekennzeichnet. Das Gesicht ist überwiegend unbefiedert, die Haut weist eine bläuliche Färbung auf. Die Augen sind rot gefärbt. Der Hals ist relativ lang. Hier liegt auch der Kropf, wo Nahrung zwischengespeichert wird. Am Hinterkopf befindet sich eine aufstellbare Federhaube. Diese Federhaube bildet sich bei Jungvögeln erst mit Erreichen der Geschlechtsreife. Die Jungvögel haben an den Flügelenden kleine Krallen, die sich im Laufe des ersten Lebensjahres wieder zurückbilden.

Der Hoatzin lebt in den nördlichen und zentralen Teilen Südamerikas. Sie sind insbesondere im Amazonasbecken zu finden. Der Hoatzin lebt entlang von Flussläufen, an Seen und Teichen sowie in Sümpfen. Bevorzugter Lebensraum sind dabei lichte Galeriewälder.

Hoatzins ernähren sich ausschließlich pflanzlich. Fünfzig Nahrungspflanzen sind bekannt, darunter die oben bereits erwähnten Montrichardia, Caladium und Avicennia. Die Nahrung besteht zu 82 % aus grünen Blättern, zu 10 % aus Blüten und 8 % aus Früchten. Es handelt sich um eine nährstoffarme und oft toxische Nahrung.
Die Verdauung findet im Vorderdarm statt. Dieser ist mit kräftigen Muskeln ausgestattet, die Außenwände sind zum Teil verhornt. Mit Hilfe seiner Bakterienflora verdaut der Hoatzin die Nahrung in besonderer Effizienz. Die Bakterien sorgen hier auch für den Abbau der in den Nahrungspflanzen enthaltenen Gifte. Die Verdauungszeit beträgt insgesamt 24 bis 48 Stunden, was erheblich länger als bei jedem anderen Vogel und eher mit einem Schaf vergleichbar ist.

Hoatzins sind in den frühen Morgenstunden und in den Abendstunden aktiv. Den Rest der Zeit verbringen sie ruhend. Oft nehmen sie in den Baumwipfeln Sonnen- oder Regenbäder, zu denen sie die Flügel ausbreiten.
Außerhalb der Brutzeit sind Hoatzins sehr gesellig und leben in großen Gruppen von bis zu 100 Individuen.
Zur Brutzeit, die in die regenreichsten Monate fällt, lösen sich die großen Verbände der Hoatzins auf. Nun finden sich kleinere Gruppen von zwei bis acht Vögeln zusammen. Hierbei handelt es sich um das eigentliche Brutpaar, das von seinem Nachwuchs aus vorherigen Bruten unterstützt werden kann. In 45 % der Fälle hat ein Paar keine Helfer, in den anderen Fällen beteiligen sich die subadulten Helfer an Revierverteidigung, Nestbau, Brut und Fütterung. Bruten, bei denen solche Helfer zur Verfügung stehen, sind in signifikantem Maße erfolgreicher als andere Bruten. 90 % der einjährigen Vögel bleiben im Folgejahr bei den Eltern, um die Brut zu begleiten. Aber auch ältere Vögel sind manchmal noch zugegen, so zum Beispiel noch 20 % der Vierjährigen und 10 % der Fünfjährigen. Besonders lange bleiben männliche Junge, während Weibchen nie über das dritte Lebensjahr hinaus in der Gegenwart der Eltern bleiben.

Die Reviere sind sehr klein. Sie erstrecken sich im Schnitt 40 m entlang eines Flussufers und werden bis 75 m landeinwärts verteidigt. Die Verteidigung übernehmen vor allem die Männchen. Bei Kämpfen an den Reviergrenzen springen diese mit ausgebreiteten Flügeln aufeinander zu, hacken aufeinander ein und fallen kämpfend in das Geäst zurück.

Hoatzinküken (J. Arthur Thomson)

Hoatzinküken (J. Arthur Thomson)

Das Nest wird immer über dem Wasser errichtet, so dass die Jungvögel direkt vom Nest ins Wasser springen können. Es befindet sich 2 bis 5 m über der Oberfläche und besteht aus Zweigen, die lose aufeinander geschichtet werden. Die Breite des Nests beträgt 30 bis 45 cm. Das Gelege besteht aus zwei bis vier Eiern. Diese sind weiß mit rotbraunen Flecken und haben eine durchschnittliche Größe von 4,7 × 3,3 cm. Sie werden etwa 30 Tage lang bebrütet. Die Jungen sind beim Schlüpfen blind und fast nackt. Schon nach einem Tag öffnen sich die Augen, und nach zehn Tagen sind die Jungen mit einem dichten dunkelbraunen Daunenkleid bedeckt. Die nährstoffarme Nahrung bedingt ein äußerst langsames Wachstum. So entwickeln sich die Schwungfedern erst im Alter von 25 Tagen.
Im Falle einer akuten Gefahr können die Jungen bereits am dritten Lebenstag das Nest verlassen. In der Regel liegt dieser Zeitpunkt später. Wenn es keinen gefahrenbedingten Anlass zum Verlassen des Nests gibt, verlässt das Junge sein Nest spätestens nach zwei bis drei Wochen. Manchmal helfen die Elternvögel mit einem Schubs nach.
Das Verlassen erfolgt immer durch einen Sprung ins Wasser. Die Jungen sind schwimm- und tauchfähig. Anschließend erklettern sie wieder den Baum ihrer Eltern, wobei ihnen die Krallen an den Flügeln behilflich sind. Diese Krallen sind die Enden des zweiten und dritten Fingers und ragen als kleine gerundete Haken aus den Flügeln heraus. Die Jungvögel kehren jedoch nicht ins Nest zurück, sondern werden an verschiedenen Stellen des Geästs weiter betreut. Der Sprung ins Wasser kann jederzeit wiederholt werden und dient als Flucht vor Feinden.
In den ersten zwei Monaten ihres Lebens werden junge Hoatzins von den Eltern und deren Helfern gefüttert. Hierzu stecken sie bettelnd ihren Schnabel in den Rachen der Altvögel. Diese würgen dann einen vorverdauten, grünlichen Nahrungsbrei aus. Nach fünfzig bis siebzig Tagen beginnen Hoatzins, eigenständig Nahrung zu sich zu nehmen. Etwa gleichzeitig erlangen sie auch ihre (eingeschränkte) Flugfähigkeit. Die Flügelkrallen werden zwischen dem 70. und 100. Tag des Lebens abgeworfen. In seltenen Fällen bleiben sie auch bei adulten Vögeln bestehen, erfüllen bei diesen aber keine Funktion mehr.
Nur durchschnittlich 27 % der Bruten sind erfolgreich. Trotz des Fluchtmechanismus, bei dem ein Junges vom Baum ins Wasser springt, gelingt es zahlreichen Feinden, junge Hoatzins zu erbeuten.
Bisher wurde eine Höchstlebensdauer von acht Jahren festgestellt. Es gibt jedoch noch ungenügende Untersuchungen, eine potenziell höhere Lebensdauer wird für sehr wahrscheinlich gehalten.

Abbildung des Hoazinavis lacustris mit freundlicher Genehmigung von Geraldo de França Jr.

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