Das Sommerloch-Monster

Wenn die Politik im Urlaub ist und auch sonst viele Deutsche sich im Ausland erholen, müssen Medienvertreter bei Funk und Fernsehen trotzdem die Zuhausegebliebenen unterhalten.
Vor acht Jahren gab es am bayerischen Eichsee eine Schnappschildkröte, die nach dem Biss in den Finger eines Jugendlichen „Schnappi“ getauft wurde. Vor zwei Jahren sorgte wochenlang – ebenfalls in Bayern – die Jagd auf die Kuh „Yvonne“ für bundesweites Aufsehen. Das Tier hatte sich in einen Wald abgesetzt und lebt jetzt auf Gut Aiderbichl.
„Killerwels Hugo“ soll 2005 einen Dackel in die Tiefe gerissen haben. Zeugen gab es zwar keine, Hugo wurde dennoch der Kampf angesagt. Ein Angler zog den 1,60 Meter langen Fisch schließlich an Land. Brillenkaiman Sammy wurde 1994 zur „Bestie vom Baggersee“. Die Echse war bei einem Badeausflug mit seinem Besitzer bei Dormagen abgetaucht. Trotz Sommersonne blieben die entsprechenden Badestellen deshalb tagelang leer. Nach einem Medienspektakel mit einwöchiger „Großwildjagd“ auf den damals nur 80 Zentimeter langen Sammy landete die Echse im Zoo.
2006 hielt Problembär Bruno die Nation in Atem, jetzt kann man ihn präpariert im Münchner Museum Mensch und Natur betrachten.
Und 2012 ist das Tier, das das Sommerloch stopfen soll eine Schnappschildkröte, die auf den Namen Lotti getauft wurde.

Einem Bub (8) wird beim Baden im Oggenrieder Weiher im Allgäu die Achillessehne zweimal durchgebissen.
Die Täterin: Eine Schnapp-, Alligator- oder Geierschildkröte.
Zumindest behauptet das der behandelnde Arzt, den Täter hat noch niemand gesehen, aber auch Experten (u. a. von der Reptilienauffangstation in München) schließen das nicht aus.
Dennoch steigen nach Expertenansicht die Chancen, das Reptil zu fangen, obwohl auch das Ablassen des Weihers bisher keinen Jagderfolg brachte.
Ich bin ja mal gespannt, ob Lotti gefangen wird, bzw. ob es sich wirklich um eine Geierschildkröte handelt. Die Schildkröte könnte aber auch eine Erklärung für das Verschwinden der Enten auf dem Weiher sein.
Bürgermeister Andreas Lieb hat eine Belohnung von 1000 Euro auf die Ergreifung des Tieres ausgesetzt.
Aus gegebenem Anlass, wie das so schön heißt, haben sich einige Tierschutzorganisationen zum Thema Faunenverfälschung geäußert.

12.08.2013, Deutscher Tierschutzbund
Fall der Alligatorschildkröte Lotti kein Einzelfall
In einem See im Ostallgäu soll eine Alligatorschildkröte leben – leider kein Einzelfall. Gerade jetzt im Sommer häufen sich die Meldungen von Leguanen in Stadtparks oder Giftschlangen, die in einem Treppenhaus gefunden werden. Die Haltung von exotischen Tieren in Privathaushalten nimmt rasant zu, darunter auch für den Menschen potenziell gefährliche Arten. Am Ende müssen Tierheime immer häufiger exotische Wildtiere aufnehmen, die unter nicht artgerechter Haltung zu leiden hatten, die dann einfach ausgesetzt oder abgegeben wurden.
„Was nach Sommerlochthema anmutet, ist leider kein Einzelfall. Das Interesse an exotischen Tieren, auch gefährlichen, wächst und wächst. Dies geht häufig mit fehlender Sachkenntnis einher und damit verbunden vielen Unfällen. Exotische Tiere gehören nicht ins Wohnzimmer“, fordert Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, und weiter: „Das Mindeste aber sind einheitliche gesetzliche Regelungen zur Haltung und zum Handel. Wie will man es rechtfertigen, dass die Haltung eines Tieres in Sachsen-Anhalt zum Beispiel erlaubt, in Hessen jedoch verboten ist? Und dank Internet und beinah wöchentlich stattfindender Tierbörsen ist es auch kein Problem, solche Tiere zu bekommen.“ Hinzu kommt der illegale Handel, über den Tiere in deutsche Haushalte gelangen.
Jedes Jahr werden zahlreiche Reptilien, so unter anderem auch Geier- und Schnappschildkröten, in Tierheimen abgegeben oder ausgesetzt. Für Schlagzeilen sorgte vor einigen Jahren in Bayern Geierschildkröte Eugen. Eugen tauchte in einem Badeweiher auf und verursachte dort einigen Aufruhr. Geierschildkröten werden bis zu 90 Zentimeter lang und fast 80 Kilogramm schwer. Sie gehören zur Familie der Alligatorschildkröten und gelten als bissig und schnell. Diese Schildkröte beißt zu, wenn sie sich in die Enge gedrängt oder bedroht fühlt – mit Beißgeschwindigkeiten, die mit denen einer Klapperschlange vergleichbar sind.
Gesetzliches Wirrwarr in Deutschland
Die Haltung der Echten Kobra (Naja) ist beispielsweise in Berlin und Hessen verboten. In Bayern und Bremen ist ihre Haltung erlaubnispflichtig, das heißt grundsätzlich zwar verboten, aber ausnahmefähig. In Thüringen ist die Haltung dieser Tiere seit September 2011 erlaubt, aber an bestimmte Auflagen wie zum Beispiel einen Sachkundenachweis geknüpft. Andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg haben gar keine Regelungen zur Haltung gefährlicher Tiere. Die Alligatorschildkröten sind ein Sonderfall, die Haltung von Geier- und Schnappschildkröten ist bundesweit seit vielen Jahren gemäß der Bundesartenschutzverordnung verboten. Trotzdem werden die Tiere noch gehalten und gehandelt – entweder aus Altbeständen oder illegal.

12.08.2013, WWF
Schnappschildkröte, Tigermücke, Wollhandkrabbe: Die Tierische Invasion
Angesichts der Schnappschildkröte in einem bayerischen Badesee, warnt die Umweltschutzorganisation WWF davor, dass invasive und vom Menschen eingeschleppte Arten zu immer erheblicheren Problemen führen können. „Schnappschildkröten in Badeseen bedrohen Schwimmer, die Krankheiten übertragende Tigermücke hat sich in beliebten, mediterranen Urlaubsregionen festgesetzt und in Nord-und Ostsee treibt die Rippenqualle ihr Unwesen“, warnt Volker Homes, Leiter Artenschutz beim WWF Deutschland.
Nicht immer seien die Invasoren derart spektakulär und für Menschen potentiell gefährlich, wie die Schnappschildkröte. Trotzdem dürften die ökologischen und ökonomischen Folgen dieser tierischen Invasoren nicht unterschätzt werden, so die Warnung des WWF. So verursachen allein die 20 wichtigsten gebietsfremden Tier- und Pflanzenarten in Deutschland nach Schätzung des Umweltbundesamts jährlich Kosten von etwa 156 Millionen Euro.
„Auslöser solcher Invasionen ist zumeist der Mensch. Mit Schiff oder Flugzeug werden Tiere und Pflanzen in die ganze Welt verschleppt. Ausbreitungsbarrieren wie Gebirge oder Ozeane sind damit aufgehoben“, warnt Homes. Unzählige fremde Organismen befinden sich an oder in Verpackungen von Früchten, Blumen, Holz, Pflanzenteilen oder Tieren oder an Schiffsrümpfen
Allein in Ballastwassertanks von Schiffen reisen einer WWF-Studie aus dem Jahr 2009 zufolge täglich rund 7000 Arten um den Globus. So siedelte sich die Nordamerikanische Rippenqualle, die im Schwarzen Meer die Sardelle und Sprotte bereits nahezu ausgerottet hat, auch in Nord- und Ostsee an. Mit unkalkulierbaren Risiken für die heimische Fischerei. Auch die Chinesische Wollhandkrabbe fühlt sich in Europa wohl. Sie zerstörte alleine in Deutschland Flussufer, Fischereiausrüstung und industrielle Infrastruktur im Schätzwert von 80 Millionen Euro. Hinzu kommen ausgesetzte Heimtiere, wie etwa die Schnappschildkröte, Nutria oder Nandu.

Dem regelmäßigen Leser des Beutelwolf-Blogs ist das nicht unbekannt, von Neozoen wird des Öfteren berichtet, auch wenn es sich dabei nicht immer um Sommerlochmonster handelt.

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