Eisbärgeburt in Hellabrunn

09.12.13, Tierpark Hellabrunn
Eisbärin Giovanna im Zwillingsglück

(Tierpark Hellabrunn)

(Foto: Tierpark Hellabrunn)

Im Münchner Tierpark Hellabrunn hat Eisbärin Giovanna am Montag, den 9. Dezember zwei Babys zur Welt gebracht. Die Farb-Aufzeichnungen der Überwachungskameras zeigen die beiden Geburtsvorgänge aus nächster Nähe – eine Weltsensation.
In Hellabrunn sind europaweit die ersten Eisbärbabys im Jahr 2013 auf die Welt gekommen. Eltern der Zwillinge sind die siebenjährige Giovanna und der 14-jährige Yoghi. Die drei in den Wurfboxen und im Verbindungsgang des Mutter-Kind-Hauses installierten Kameras zeigen am Montag, den 9. Dezember um 8.39 Uhr und um 9.43 Uhr die Geburten der beiden Eisbärbabys. Spektakulär ist dies in zweierlei Hinsicht: Giovanna platziert sich bei beiden Geburten so, dass der Kamerawinkel genau stimmt und der Geburtsvorgang bestens gefilmt wird. Der zweite Fakt: Nie zuvor gab es Farb-Aufzeichnungen einer Eisbärgeburt – weltweit.
Besonders freut sich Zoodirektor Dr. Andreas Knieriem: „Als wären wir live dabei, können wir nun den kompletten Geburtsvorgang bei einem Eisbären beobachten. Und damit nicht genug: Giovanna zeigt uns nicht nur eine, sondern sogar zwei Geburten, die noch dazu ganz unterschiedlich verlaufen!“
Kuratorin Beatrix Köhler ist begeistert vom Verhalten der Eisbärmama: „Unsere Eisbärin Giovanna geht so liebevoll und routiniert mit ihrem Zwillingsnachwuchs um, als sei sie eine erfahrene Mutter. Doch die Siebenjährige ist Erstgebärende!“
Christine Strobl, Bürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende des Tierpark zeigt sich ebenfalls hocherfreut: „Die Geburt von Eisbärenbabys ist für jeden Zoo ein absolutes Highlight und es freut mich besonders, dass wir gleich zwei der Babys in Hellabrunn begrüßen dürfen.“

Kleine Chronik des Geburtstags der Hellabrunner Eisbär-Zwillinge:
9. Dezember 2013, Tierpark Hellabrunn, Mutter-Kind-Haus der Eisbären in der Polarwelt
8.37 Uhr: Giovanna ist im Verbindungsgang zwischen den beiden Wurfboxen unterwegs. Sie beißt sich in eine Vorderpfote, um den Schmerz einer Wehe zu kompensieren. Danach bewegt sie sich aus dem Blickfeld der Kamera, macht dann aber wieder einige Schritte zurück und kommt wieder ins Bild.
8.39 Uhr: Giovanna ist von hinten zu sehen. In einer Blitzgeburt rutscht ein Eisbärbaby auf den Boden. Es ist etwa 20 Zentimeter groß, nackt, blutverschmiert, taub und blind.
9.40 Uhr: Giovanna stemmt sich mit den Hinterbeinen kräftig gegen die Wand der Box. Ihr Körper vibriert, sie wird von Wehen geschüttelt.
9.43 Uhr: Ein dünner Arm, ein kleiner Kopf und noch ein Ärmchen kommen zum Vorschein. Giovanna bringt ihr zweites Baby zur Welt. Gleichzeitig ist sie so beschäftigt mit dem Erstgeborenen, dass sie sich dem zweiten Baby erst gar nicht zuwendet. Das Kleine ist die nächsten Minuten ganz auf sich allein gestellt. Es windet und dreht sich, ist sehr aktiv.
10.05 Uhr: Giovanna merkt, dass sich auch hinter ihrem Rücken etwas abspielt. Sie wendet ihren Kopf und sieht das zweite Baby. Sie dreht sich um, nimmt es vorsichtig mit dem Maul. Dann lehnt sich Giovanna an die Wand und legt es sich aufs Bein, neben das erstgeborene Eisbär-Geschwisterchen.
22.40 Uhr: Die Babys sehen nun schon aus wie Miniatur-Eisbären. Giovanna hat sie in den vergangenen Stunden fleißig abgeleckt, sodass sie nun trocken und blitzweiß sind. Sie kuscheln sich in Mamas wärmendes Fell und turnen auf ihrer Brust herum. Sie trinken bereits Muttermilch.
11. Dezember 2013, zwei Tage nach der Geburt: Die bisherige Entwicklung der Eisbär-Zwillinge verläuft vorbildlich. Giovanna versorgt sie perfekt. Die beiden Eisbärbabys trinken regelmäßig Milch. Zwischendurch turnen sie quickfidel auf Mama Giovanna herum.

Und die Kamera war immer dabei:

Hinweis vom Tierpark: Giovanna ist frühestens im März 2014 mit ihren Jungtieren auf der Außenanlage zu sehen.
Die ersten Wochen im Leben eines Eisbärjungtiers gelten als sehr kritisch. Giovanna verhält sich vorbildlich mit den Jungtieren, doch trotzdem kann es zu Komplikationen kommen.

Der Deutsche Tierschutzbund meldete aber bereits Bedenken zur Zucht der beiden Eisbären, bzw. zur Zucht von Eisbären in Gefangenschaft.

11.12.2013, Deutscher Tierschutzbund e.V.
Eisbärbabys im Zoo Hellabrunn: Nachzucht ohne Zukunft
Im Münchener Zoo wurde die Geburt zweier Eisbärbabys bekanntgegeben. Der Deutsche Tierschutzbund kritisiert das Zuchtmanagement deutscher Zoos scharf, denn auch in Hellabrunn sind Inzuchtprobleme nicht von der Hand zu weisen: Vater Yoghi ist ursprünglich selbst aus einem Inzestwurf entstanden und hatte zudem vor einigen Jahren bereits mit seiner eigenen Mutter ebenfalls Nachwuchs gezeugt. Abgesehen von den Zuchtproblemen können Eisbären in der Zoogefangenschaft auch nicht annähernd artgerecht untergebracht werden. Die Zoos in Deutschland müssen zukünftig auf die Haltung von Eisbären und die Nachzucht in Zoogefangenschaft verzichten, fordert daher der Deutsche Tierschutzbund.
„Eisbärbabys gleich Eintrittsgelder. Das scheint für die deutschen Zoodirektoren die Maxime zu sein, Tierwohl steht da hinten an. Dass viele Tiere aus Inzucht entstehen, scheint völlig egal und auch, dass Eisbären in der Zoogefangenschaft nie artgerecht gehalten werden können ebenso“, kritisiert Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Zuchtprogramme in Zoos können zwangsläufig nur auf einen kleinen Genpool zurückgreifen und fördern damit die Inzucht. Diese kann grundsätzlich das Auftreten von Erbkrankheiten – verbunden mit anfälliger Gesundheit – erhöhen. Überhaupt ist die Jungtiersterblichkeit gerade bei Eisbären extrem hoch. Die Zoodirektoren müssen grundsätzlich hinterfragen, ob dieser Weg etwas mit Arterhaltung und Tierschutz zu tun hat.
Eisbären in deutschen Zoos
Die Gehegestruktur und -größe und die klimatischen Bedingungen entsprechen in keiner Weise den natürlichen Lebensräumen und lassen sich in einem Zoo nicht annähernd abbilden. Nicht einmal die Grundbedürfnisse der Tiere können in Gefangenschaft erfüllt werden. Zudem sind sie – bis auf bestimmte Zeiten der Paarung und Fortpflanzung – grundsätzlich Einzelgänger mit sehr großem Raumanspruch. Diese Fakten werden bei einer Haltung im Zoo vollkommen außer Acht gelassen. Auch die Zucht ist alles andere als erfolgreich: Von mindestens 19 Jungtieren, die in Deutschland seit 2005 geboren wurden, haben zunächst nur sechs überlebt. Zwei davon, Knut und Flocke, mussten allerdings mit der Flasche aufgezogen werden. Knut starb noch im Jugendalter unter dubiosen Umständen.
Eisbären haben in der freien Wildbahn einen Aktionsradius im Bereich von Tausenden Quadratkilometern, während die vorgegebenen Gehegegrößen im Zoo bei wenigen hundert Quadratmetern liegen. Selbst die größten Außengehege in Zoos sind nur winzige Gefängnisse, die den natürlichen Bewegungsdrang der Tiere extrem einschränken. Die Tiere leiden oftmals unter Langeweile und den Haltungsrestriktionen und entwickeln nicht selten Verhaltensstörungen, so genannte Stereotypien. Daran leiden Untersuchungen zufolge über 90 Prozent der Eisbären in deutschen Zoos, so der Deutsche Tierschutzbund in Bonn.

Die Frage, die sich stellt ist: Was ist besser, den Eisbären als Art aussterben zu lassen, oder ihn im Zoo zu erhalten. Die Frage mag einfach sein, die Antwort ist es nicht und ich werde eine Formulierung erst gar nicht versuchen. Die ähnliche Fragestellung ergibt sich bei zahlreichen anderen Tieren.

Zusätzlich dazu gesellt sich die Frage, wie viel Inzest Eisbären vertragen. Nicht nur Knut und Anori sind Opfer von Inzucht (siehe hier), auch Yoghi entstammt einer Verbindung von Vater und Tochter und Giovannas Blutlinie ist auch nicht ganz inzuchtfrei.
Giovannas Großeltern waren Halbgeschwister.

Und nebenbei bemerkt, weil das gerne verwechselt wird: Inzest (von latein. incestus „unkeusch“) oder Blutschande bezeichnet den Geschlechtsverkehr zwischen eng verwandten Menschen – im Unterschied zur „Inzucht“ in der Tier- und Pflanzenzucht, bei der möglichst nahe Verwandte gepaart werden, um erwünschte genetische Merkmale zu verstärken.
In manchen Fällen ist also Inzucht durchaus erwünscht, allerdings hat das auch den Nachteil, dass die genetische Vielfalt verloren geht und diese muss im Zoo erhalten werden. Durch den Verlust der genetischen Vielfalt kann es zur sogenannten Inzuchtdepression kommen. Dies bedeutet u. a. eine Beeinträchtigung der Fortplanzung und der Resistenz gegen Krankheiten.
Ich denke, ich werde in einem späteren Beitrag mehr auf das Thema Inzucht eingehen, ich wollte mich in diesem Fall gar nicht so sehr darüber auslassen, sondern nur eine Art Post scriptum nachtragen.

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2 Antworten auf Eisbärgeburt in Hellabrunn

  1. Anne sagt:

    Also, ich gratuliere erstmal zum Geburtstag, und ich hoffe, dass das kein „Knut II“ wird, das war ja nicht nur für den armen Bären unerträglich, diese Knutmania.
    Zur Frage des Artenschutzes durch Zoohaltung, weiß ich, dass es keinen Königsweg gibt. Als aber neulich eine Sorte Nashorn anscheinend für immer ausgerottet war, habe ich mir doch gedacht, dass es ja schön wäre, wenn die irgendwo wenigstens noch inZoos existierten, bis man wieder ihre Sicherheit gewährleisten könnte….

    • tylacosmilus sagt:

      Ich freue mich natürlich auch über die Geburt der Eisbären. Hoffentlich bereut der Zoo die frühe Ankündigung nicht und die beiden kleinen überleben. Einen zweiten Knutfall will ich auch nicht hoffen: Es wäre schön, wenn die beiden Münchner von ihrer Mutter aufgezogen werden und dass sie lange leben werden. Beides war ja bei Knut nicht der Fall.
      Andererseits war der Hype bei den beiden Nürnberger Eisbärenbabys auch nicht so groß. Der Tierpark wird schon seinen Nutzen aus der Geburt ziehen (die Idee mit den Videos finde ich schonmal einen sehr interessanten und informativen Anfang) und ich gehe davon aus, dass es auch den beiden Eisbären nicht schaden wird.

      Und die Sache mit dem Artenschutz …theoretisch wäre das so einfach, aber die Praxis… Und der Erhalt von großen Tieren in Zoos stellt auch ein Platzproblem dar…

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