Inzucht – Inzest

Die Geburt der Eisbärenzwillinge in München wirft wieder einmal die Frage auf, wann man von Inzest, bzw. wann von Inzucht spricht. Obwohl beide Worte, mehr oder weniger, die gleiche Bedeutung haben, benutzt man Inzucht bei Tieren und Inzest bei Menschen.
Tierrechtsorganisationen benutzen gerne den Begriff Inzest, um auf die Zuchtverfehlungen in Tiergärten hinzuweisen.
Im Beutelwolf-Blog gibt es dazu einige Beispiele:
Eisbärgeburt in Hellabrunn
Zoo Dortmund: Wieder Qualzucht-Tod bei Giraffen?
Tierpark Berlin: Eisbär-Neuzugang und neue Partnerin Tonja Geschwister?
Warum manche Tiere nicht züchten sollten 2- Lars

Wikipedia gibt folgende Definitionen:
Inzest (von latein. incestus „unkeusch“) oder Blutschande bezeichnet den Geschlechtsverkehr zwischen eng verwandten Menschen. Inzest in seiner stärksten Ausprägung ist die Paarung eines Elternteils mit seinem leiblichen Kind, beispielsweise bei Fällen von sexuellem Missbrauch an Kindern in ihrer Familie. Auch die einvernehmliche sexuelle Beziehung zwischen erwachsenen Geschwistern wird von den Rechtsbestimmungen mehrerer Länder als Inzest eingestuft. Als „soziale Inzucht“ werden die vor allem früher verbreiteten Eheschließungen unter nahen Blutsverwandten im europäischen Hochadel, in abgelegenen ländlichen Gegenden oder in Auslandsgemeinden bezeichnet. Inzucht beim Menschen beschreibt die Fortpflanzung unter nahen Blutsverwandten.

Unter Inzucht versteht man im Allgemeinen die Paarung relativ naher Blutsverwandter, in der Tierzucht und Pflanzenzucht speziell die Kreuzung möglichst naher Verwandter, um genetisch möglichst reinerbige Inzuchtlinien zu erhalten.
Das Maß für die Inzucht ist der Inzuchtkoeffizient. Der Inzuchtkoeffizient (abgekürzt IK, oft auch COI von engl. Coefficient of Inbreeding) gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass an einem Locus beide Allele vom selben Vorfahr stammen. Im Gegensatz zum Ahnenverlustkoeffizienten misst er immer die wahre Inzucht eines Individuums.

In der Nutztier- und pflanzenzucht wird Inzucht bewusst eingesetzt. Zur Produktion besonders leistungsfähiger Hybride ist die Aufrechterhaltung von Inzuchtlinien als Elterngeneration für die Hybriden nötig.
Inzucht führt dazu, dass immer mehr Genloci bzw. Allele homozygot (reinerbig) werden, also in beiden Chromosomensätzen gleich vorhanden sind. Gemäß den mendelschen Regeln erscheinen durch Inzucht insbesondere auch rezessive Gene des Genotyps im Phänotyp. Folge der Inzucht ist damit die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des homozygoten Auftretens von Extremen in beiden Richtungen, also sowohl möglicher krankhafter als auch besonders leistungsfähiger Genkombinationen.
Züchter können nicht selten beobachten, dass im genetischen Sinne reinerbige Lebewesen geringere Vitalität und Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten aufweisen, da die genetische Information in beiden Chromosomensätzen gleich ist und dadurch weniger unterschiedliche Gene vorhanden sind (Inzuchtdepression). Andererseits besteht Züchtung gerade darin, die positive Seite von Inzucht zu nutzen, indem gezielte Inzucht mit Selektion der geeigneten Typen verbunden wird.
Eine Inzuchtdepression ist die Reduktion der Fitness (z. B. Krankheitsresistenz, Fruchtbarkeit etc.) von ingezüchteten Populationen. Sie tritt besonders in eingegrenzten Lebensräumen auf, in der die genetische Durchmischung einer Population eingeschränkt ist und ggf. ein genetischer Flaschenhals vorliegt. Dies ist unter anderem bei kleinen Tierpopulationen in Inseln ihres Lebensraumes der Fall, die keinerlei Austausch mit anderen Inseln erlauben. In solchen Populationen können vermehrt Erbkrankheiten auftreten, siehe dazu auch Erbkrankheiten in endogamen Populationen.
Inzuchtdepression kann ebenfalls eine Folge von Zuchtprogrammen sein, bei denen immer wieder die gleichen ausgesuchten Elterntiere zur Zucht eingesetzt werden (z. B. Championzucht bei Hunden).
Aufgrund der Unteilbarkeit des Erbgutes auf der Ebene der einzelnen Allele kommt es zum Verlust von Allelen aus dem Genpool, die genetische Vielfalt und damit auch die effektive Populationsgrösse reduzieren sich nach und nach. Es entsteht aufgrund der genetischen Einheitlichkeit der Population Inzucht auch zwischen nicht näher verwandten Paaren. Die Population kann degenerieren und anfälliger für Krankheiten werden.
Unter bestimmten Bedingungen kann auch bei fortgesetzter Inzucht die Inzuchtdepression überwunden werden. Dieses Phänomen bezeichnet man als Purging oder Inzuchterholung. Vermutlich das berühmteste Beispiel von Purging ist der Goldhamster.
Andererseits kann Inzucht auf einen Vorfahren mit guter Leistung auch zu einer Erhöhung dieser Leistung in seinen Nachkommen führen, welche den negativen Einfluss der Inzuchtdepression überwiegt. In solchen Fällen muss die ideale Balance zwischen Leistungssteigerung durch Inzucht und Inzuchtdepression gefunden werden.
Da ein erhöhter Inzuchtkoeffizient zu einer höheren Homozygotie führt und die meisten Erbkrankheiten rezessiv vererbt werden, kann es zu Erbkrankheiten in endogamen Populationen kommen.
In Populationen, die einem vollständigen Purging unterliegen, existiert kein Zusammenhang zwischen Inzuchtkoeffizient und Inzuchtdepression mehr.

Die Vermeidung von Inzucht sichert die Vorteile der sexuellen Fortpflanzung.
Bei den meisten Tierarten wird Inzest nur passiv vermieden, indem Nachkommen sich zerstreuen bzw. von den Eltern nicht mehr geduldet werden, oder indem die jungen Männchen oder die jungen Weibchen die Gruppe verlassen; dadurch kommt es zu einer Trennung der Geschwister (Exogamie). Durch diese Verhaltensweisen werden Verpaarungen naher Verwandter zwar unwahrscheinlich, aber sie sind möglich und kommen auch vor. Die aktive Vermeidung von Inzest ist an die Möglichkeit individuellen Erkennens (Wiedererkennen) gebunden und kommt auch bei Tieren vor. Bei einigen Vogelarten (z. B. Graugänse) vermeiden Geschwister auch dann eine Verpaarung, wenn sie ohne andere Partner zusammen gehalten werden; hier spielt die sexuelle Prägung während der frühen Ontogenese eine Rolle. Bei Schimpansen wurde beobachtet, dass Weibchen sexuelles Interesse von Brüdern aktiv abwehren und dass selbst erwachsene, ranghohe Männchen ihrer Mutter gegenüber kein sexuelles Interesse haben. Untersuchungen zeigten, dass Menschen als Erwachsene denjenigen gegenüber eine erotische Barriere haben, die sie in den ersten fünf Lebensjahren gut kannten.

In Tiergärten sind die meisten Populationen eher gering, einige Tierarten gehen auf nur wenige Gründertiere zurück. Durch internationale Zuchtbücher soll die Inzucht vor allem bei bedrohten Arten vermieden werden, bzw. so gering wie möglich gehalten werden, um die genetische Vielfalt zu erhalten.
Beabsichtigte Inzucht wird bei Weißen Tigern betrieben.
Die genetische Vielfalt von Geparden ist sowohl in freier Wildbahn als auch in Zoos geschwächt. Das wird bei fast jedem neuen Gepardenwürfen in Zoos ersichtlich.
Auch einige Hund- und Katzenrassen zeigen Inzuchtschäden. Zur Erreichung von Zuchtzielen wurden und werden manchmal genetische Defekte bewusst ausgenutzt oder in Kauf genommen. Bekannt sind hier beispielsweise Hüftgelenksdysplasie (HD), Ellbogengelenksdysplasie (ED), Brachyzephalie und Brachyurie.
Anzeichen von Inzuchtdepression ist inzwischen bei Eisbären zu finden. Die Nachkommen von Eisbär Lars scheinen unter den Inzuchtvorfällen ihrer Linie zu leiden. Ob Anori Knuts Schicksal teilt wird sich noch zeigen. Inwieweit Yoghis Nachkommen von Inzuchtschäden betroffen sein werden, wird sich noch zeigen. Gesunde Bären wären wünschenswert.

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