Tiefseegigantismus

Regalecus glesne (1887, Urheber mir unbekannt)

Regalecus glesne (1887, Urheber mir unbekannt)

Über die kleinsten Tiere der Welt habe ich bereits geschrieben (siehe hier), zumindest auszugsweise. Auch über die größten Tiere wurde schon auszugsweise geschrieben (siehe hier). Aber damit ist das Thema Riesen und Zwerge noch lange nicht ausgeschöpft. Ich habe zwar nicht vor, die größten, bzw. die kleinsten Arten der verschiedenen Tiergruppen vorzustellen, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang.

Tiefseegigantismus
bezeichnet in der Zoologie die Hypothese, dass vergleichbare Taxa oder Faunen der Tiefsee mit zunehmender Wassertiefe größer werden. Die Vermutung eines Tiefseegigantismus stammt aus Einzelbefunden. Systematische Untersuchungen können jedoch nicht bestätigen, dass dieser Effekt überhaupt als genereller Trend vorliegt und es wird diskutiert, auf welche Einflüsse er denn zurückgeführt werden müsste. In den Ozeanen ist auch das Gegenteil bekannt: Gigantismus oberflächennaher Planktonfresser (Walhai, Bartenwale).
Ein Trend zu Tiefseegigantismus lässt sich durch systematische Vergleiche der Körpergrößen verwandter Taxa in Flachwasser und Tiefsee untersuchen.
Ein genereller Tiefseegigantismustrend wurde festgestellt beim Vergleich mit im Flachwasser lebenden kleineren Gastropoden. Ein genereller Trend konnte für beutesuchende Fische des nordöstlichen Atlantiks festgestellt werden.
Kein Trend zu Tiefseegigantismus wurde festgestellt für nicht Beute suchende Fische. Für Gastropoden, die im Flachwasser bereits ziemlich groß sind, ist aber der gegenteilige Trend zu beobachten.
Die Ergebnisse, ob tatsächlich ein Trend zu Tiefseegigantismus besteht, sind widersprüchlich, je nach Untersuchungskonzept besteht kein Tiefseegigantismus, aber auch „Tiefseeverzwergung“.
Meio- und Makrofauna des Benthos (die Gesamtheit aller in der Bodenzone eines Gewässers, dem Benthal, vorkommenden Lebewesen) nehmen mit zunehmender Wassertiefe ab, was aufgrund zunehmender Nahrungsknappheit nicht verwundert, aber das Verhältnis zwischen Meio- und Makrofauna des Benthos unterliegt keinem Trend.

Um einen generellen Trend zu erklären, ist ein gleichgerichteter Selektionsdruck über lange Zeiträume erforderlich. Als Selektionsfaktoren verantwortliche Umweltfaktoren kommen hier z. B. in Frage:
Nahrungsknappheit
spätere Geschlechtsreife
Erleichterung der Partnerfindung bei geringer Populationsdichte
ungleiche Verteilung von Makronahrung
gleichmäßige Verteilung von Mikronahrung
Zusammenleben mit Symbionten
Schutz vor Fressfeinden
permanent tiefe Temperaturen (ca. 4 °C)
langsameres Wachstum
höhere Lebenserwartung
Höhere Schwimmgeschwindigkeit und Ausdauer
Jagd
Behauptung gegen permanente Strömungen
Dunkelheit
verminderte Energieressourcen siehe Nahrungsknappheit
verminderte Wahrnehmbarkeit durch Fressfeinde
Wasserdruck
andere Faktoren
Kombinationen mehrerer Faktoren
Als Erklärungsmodelle wurde der Schutz vor Fressfeinden diskutiert. Da angenommen wird, dass Nahrungsarmut auf Inseln den gegenteiligen Trend zu bewirken vermag, scheint dieser häufig genannte Erklärungsversuch für Tiefseegigantismus generell wenig überzeugend. Es ist von erheblicher Bedeutung, ob die Nahrung hauptsächlich aus Detritus oder aus (großem) Aas oder aus (großer) lebender Jagdbeute besteht.

Beispiele für Tiefseegigantismus:

Riesenkalmar aus "20.000 Meilen unterdem Meer (Urheber mir unbekannt)

Riesenkalmar aus „20.000 Meilen unterdem Meer (Urheber mir unbekannt)

Riemenfische sind große, schlangenförmige pelagische Knochenfische. Obwohl sie in allen tropischen und gemäßigten Ozeanen vorkommen, werden sie nur selten gesichtet. Die Familie der Riemenfische umfasst drei bekannte Arten. Eine Art, Regalecus glesne, hält den Rekord für den längsten lebenden Knochenfisch: Sie erreicht eine Länge von bis zu siebzehn Metern.
Die Riesenkalmare (Architeuthis) erreichen Mantellängen von ungefähr 2,25 Meter, wobei Riesenkalmare in Ausnahmefällen eine Standardlänge von 5 m erreichen, die Kopf und Fangarme einschließt.
Der Kolosskalmar erreicht eine Mantellänge von 2 bis möglicherweise 5 m, was bedeutet, dass sie zusammen mit den jeweils bis zu 8 m langen Tentakeln eine Gesamtlänge von bis zu 12 bis 14 m erreichen könnten.
Mit einer Länge von bis zu 45 cm und einem Gewicht von bis zu 1,7 kg sind Riesenasseln ein gutes Beispiel für Tiefseegigantismus, denn die meisten ihrer Verwandten rangieren zwischen einem und fünf Zentimetern Länge.

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