Wissenswertes über die Teratornithidae

Teratornis merriami (© N. Tamura)

Teratornis merriami (© N. Tamura)

Die Teratornithidae sind eine Familie riesiger, geierähnlicher Vögel, die vom späten Miozän bis zum Pleistozän in Nord- und Südamerika vorkamen. Mit Argentavis magnificens gehört nach derzeitiger Kenntnis der größte flugfähige Vogel, der je gelebt hat zu den Teratornithidae. Sie wurden früher als Unterfamilie Teratornithinae zu den Neuweltgeiern gestellt. Da die morphologischen Unterschiede zu den Neuweltgeiern aber genau so groß sind wie die zwischen den meisten zu einer Ordnung gehörenden Vogelfamilien werden sie heute als eigene Familie betrachtet. Neben den Neuweltgeiern haben die Teratornithidae auch mit den Störchen und den Ruderfüßern Gemeinsamkeiten. Die nähere Verwandtschaft der Teratornithidae ist bis heute noch nicht vollständig geklärt.

Wahrscheinlich entwickelten sich die Teratornithidae in der Westwindzone des späten Miozän im südlichen Südamerika, die damals weiter nach Norden reichte als heute, da die südlichen Anden noch nicht so hoch waren. Campbell und Tonni vermuten, dass sie wegen ihrer Schnabelanatomie nicht fähig waren Fleischstücke aus Aas zu reißen und dass sie, ähnlich wie Eulen, kleine, selbst erbeutete Beutetiere im ganzen verschlungen haben. Die meisten Wissenschaftler sehen sie jedoch als Aasfresser, die ähnlich heutigen Geiern über offenem Grasland segelnd nach Aas suchten. Als vor drei Millionen Jahren die Landbrücke von Panama entstand, besiedelten die Teratornithidae im Zuge des großen amerikanischen Faunentauschs auch Nordamerika.

Teratornis war eine im westlichen Nordamerika (Florida bis Kalifornien) verbreitete Vogelgattung, von der bisher zwei Arten beschrieben wurden:
Teratornis merriami hatte eine Flügelspannweite von ca. 3,5 bis 3,8 m, wog ca. 15 kg und erreichte stehend eine Höhe von etwa 75 cm; er war damit eine der kleineren Arten der Familie. Die Art war in Nordamerika im späten Pleistozän weit verbreitet, Fossilien von mindestens 100 Tieren dieser Art wurden in Kalifornien (insbesondere in den La Brea Tar Pits), Arizona, Nevada und Florida gefunden. Er wird zur nordamerikanischen Megafauna gezählt.
Teratornis incredibilis war etwa 40 % größer als T. merriami. Stehend war er ebenfalls 75 cm hoch, hatte allerdings eine Flügelspannweite von 5,2 bis 5,9 m. Seine fossilen Überreste wurden in Nevada und Kalifornien gefunden.
Die riesigen, brettartigen Flügel, der riesige Schnabel und die kaum gekrümmten Krallen weisen darauf hin, dass Teratornis ebenso wie die weiteren Vertreter der Familie ähnlich wie die heutigen Altweltgeier überwiegend die Thermik über offenen Landschaften zur Nahrungssuche genutzt und vom Aas der pleistozänen Großsäuger gelebt hat. Die von Campbell & Tonni (1983) vertretene Hypothese, dass Teratorniden überwiegend lebende Beute von Hasengröße erbeuteten und nicht in erster Linie von Aas lebten, wurde von Feduccia (1996) aufgrund der für eine solche Ernährung völlig ungeeigneten Morphologie verworfen.

Argentavis magnificens (Urheber mit unbekannt)

Argentavis magnificens (Urheber mit unbekannt)

Argentavis magnificens ähnelte, wie wohl alle Vertreter der Familie, äußerlich am ehesten einem gigantischen Geier. Der Vogel war im Stehen ca. 1,5 m hoch, die Spannweite betrug 7 – 7,5 Meter, das Gewicht etwa 72 kg. Der Schnabel ähnelte jenen der heutigen Greifvögel, war jedoch mit ca. 28 cm Länge etwa 4 mal so groß wie bei den größten heute lebenden Greifvogelarten.
Aus der Größe und Struktur der Flügel schließt man, dass Argentavis magnificens ähnlich wie die heutigen Geier ein Segelflieger war, der nur selten aktiv Flügelschläge einsetzte. Die Entstehung dieses Giganten war vermutlich nur durch die beständigen und sehr starken Westwinde im südlichen Südamerika möglich, die ihm das Auffliegen und den Flug mit sehr geringem Energieaufwand ermöglichten. Vermutlich ernährte er sich wie die übrigen Vertreter der Familie als Aasfresser von den Säugern der südamerikanischen Steppen und Savannen.
Die von Campbell & Tonni (1983) vertretene Hypothese, dass A. magnificens wohl eher lebende Beute von Hasengröße erbeutete und nicht in erster Linie von Aas lebte, wurde von Feduccia (1996) verworfen.
Greifvögel, die sich von agilen kleineren Säugern ernähren, können sich nicht zu Riesenformen entwickeln, da diese Größe mit der für die Jagd auf solche Säuger notwendigen Agilität unvereinbar ist. Dies gilt in besonderem Maße für den gigantischen A. magnificens, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nur dank der starken Westwinde vom Boden abheben konnte. Der riesige Schnabel wäre für den Verzehr von Kleinsäugern unnötig groß, stellte aber eine gute Anpassung an die Nutzung großer Aasmengen in kurzer Zeit dar.

Taubatornis campbelli (Geraldo de França Jr)

Taubatornis campbelli (Geraldo de França Jr)

Zwei weitere Gattungen, Aiolornis und Cathartornis sind nur von wenigen Knochen bekannt. Aiolornis erreichte eine Flügelspannweite von fünf Metern und hatte einen besonders großen Schnabel. Er lebte in Nordamerika. Cathartornis ist nur aus den Teerguben von La Brea bekannt. 2002 wurde die Existenzdauer der Teratornithidae durch die Entdeckung des ältesten Teratornithiden Taubatornis campbelli aus dem oberen Oligozän von São Paulo (Brasilien) weit nach unten ausgedehnt. Taubatornis war viel kleiner als andere Gattungen der Familie und zeigt viele Übereinstimmungen mit Neuweltgeiern.

Taubatornis mit freundlicher Genehmigung von Geraldo de França Jr.

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