Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

10.02.2014, NABU
Die erste kleine Rückreisewelle rollt
Mehrere Tausend Kraniche ziehen nach Nordosten / Balztänze beobachtet
Gerademal zwei Wochen ist es her, dass Tausende Kraniche vor der Kälte im Osten in den milden Westen flohen. Nun setzt bereits der Rückflug ein. Noch ist ungewiss, ob dies die allgemeine Kranich-Rückkehr aus den spanischen und französischen Winterquartieren einleitet oder es sich zunächst einmal lediglich um diese „Kälteflüchter“ handelt, die bei in ganz Mitteleuropa milden Temperaturen als erste wieder zurückkehren. Die nächsten Tage werden da Klarheit bringen.
Jedenfalls geben nun immer mehr Kranichbeobachter „Nord“ oder „Nordost“ als Zugrichtung an. Entlang der klassischen Routen über Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und vor allem Hessen stehen die Chancen derzeit gut, die Vögel des Glücks am Himmel zu sichten oder zumindest aus der Ferne ihre Rufe zu hören.
Übrigens waren längst nicht alle verbliebenen Kraniche vor dem strengem Frost ausgewichen. So hielten bei Königs Wusterhausen südlich von Berlin – wenige Kilometer vom künftigen Hauptstadtflughafen „Willy Brandt“ entfernt – rund 1500 Kraniche aus und nach einem Bericht der Märkischen Allgemeinen haben einige dieser Kraniche bereits mit der Balz begonnen.
Derweil drohen rastenden Kranichen westlich von Berlin, im Havelland bei Nauen, möglicherweise neue Gefahren. Wie ebenfalls der Märkischen Allgemeinen zu entnehmen ist, möchte der Energiekonzern EnBW dort mitten im derzeit größten deutschen Kranichrastgebiet auf 21 Hektar einen Solarpark errichten. Naturschützer fürchten, dass die sich spiegelnden 40.000 Solarmodule anfliegenden Kranichen eine Wasserfläche vorgaukeln könnten und diese dann verunglücken. Neben dem NABU hat auch das brandenburgische Landesumweltamt Bedenken geäußert.
Update 14. Februar 2014 – Das Zuggeschehen hat sich die letzten Tage weiter verstetigt. Es sind also offensichtlich nicht nur Kurzurlauber auf dem Rückflug. So wurden am Dienstag auf der Zugschiene von der Eifel zum mittelhessischen Lahntal mehr als 1500 Kraniche registriert. Auch aus Spanien und Frankreich werden größere Zugbewegungen berichtet, so dass der Nachschub nicht abreißt.
Insgesamt geht der Frühjahrszug allerdings wesentlich unauffälliger vonstatten als der Herbstzug. Große Ansammlungen an den deutschen Rastplätzen sind nun eher die Ausnahme. Die skandinavischen Vögel ziehen rasch weiter, die hiesigen Brutvögel beginnen direkt mit der Balz und fliegen ihre Reviere an.

10.02.2014, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
Tiefsee-Organismen – Seltenes Leben am GEOMAR
Kieler Meeresbiologen kultivieren erstmals Muscheln von Hydrothermalquellen –
Die Ökosysteme der Tiefsee geben Wissenschaftlern noch viele Rätsel auf. Sie zu untersuchen ist extrem schwierig – auch, weil sich Tiefseetiere nur mit viel Aufwand unter kontrollierten Bedingungen kultivieren lassen. Kieler Meeresforschern ist es jetzt erstmalig in Deutschland gelungen, Tiefsee-Muscheln der Art Bathymodiolus azoricus in Aquarien zu halten. Ziel der Studie ist es herauszufinden, wie sich die Tiere in der Tiefsee verbreiten.
Ihr natürlicher Lebensraum ist dunkel und nach menschlichen Begriffen äußerst ungemütlich. Muscheln der Gattung Bathymodiolus, Tiefseeverwandte der Miesmuscheln, leben in 500 bis über 3000 Metern Wassertiefe an „Kalten Quellen“ oder an Hydrothermalquellen, auch bekannt als „Schwarze Raucher“, an denen aufgrund tektonischer Prozesse bis zu 400 Grad Celsius heißes Wasser aus dem Meeresboden schießt. An diesen Stellen des Meeresgrunds ist das Meerwasser mit Mineralien, aber auch mit Gasen wie Methan und Schwefelwasserstoff angereichert. Hoch spezialisierte Bakterien nutzen diese Stoffe zur Energiegewinnung. Davon profitieren wiederum die Muscheln: Sie ernähren sich zum größten Teil, indem sie mit den Bakterien in Symbiose leben, also den von den Mikroorganismen produzierten Kohlenstoff für sich nutzen. Doch über die genauen Lebensumstände der Tiefseeorganismen, ihre Fortpflanzung und Verbreitungsmöglichkeiten ist noch wenig bekannt. „Langfristige und großräumige Untersuchungen im natürlichen Lebensraum der Muscheln sind aufgrund der Wassertiefe und des hohen technischen Aufwandes bei Tiefseearbeiten kaum möglich“, sagt die Biologin Corinna Breusing vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.
Jetzt ist es Breusing in Kooperation mit dem Kiel Marine Organism Culture Center (KIMOCC), einem Gemeinschaftsprojekt des GEOMAR mit dem Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft, gelungen, Tiefseemuscheln der Art Bathymodiolus azoricus in Versuchsräumen des GEOMAR zu kultivieren. „Das ist schon etwas Besonderes. Weltweit sind wir neben dem Oregon Institute of Marine Biology und der Universität der Azoren die einzige Einrichtung, die es überhaupt geschafft hat, Bathymodiolus-Muscheln erfolgreich in Kultur zu halten“, sagt Corinna Breusing. Sie schreibt im Rahmen der deutsch-kanadischen Graduiertenschule HOSST am GEOMAR ihre Doktorarbeit darüber, wie sich verschiedene Arten der Gattung Bathymodiolus in der Tiefsee herausgebildet haben und wie der Austausch zwischen verschiedenen Populationen erfolgt. „Ohne die Möglichkeit, die Muscheln unter kontrollierten Bedingungen zu beobachten, wäre das kaum möglich “, betont Breusing.
Ihre Forschungsobjekte wurden während einer Ausfahrt des französischen Forschungsschiffs POURQOI PAS? im Sommer 2013 mit dem Tiefseeroboter ROV VICTOR 6000 von einem 850 Meter tief gelegenen hydrothermalen Schlot in der Nähe der Azoren im Atlantik gesammelt. Das Halten der Tiefseemuscheln stellt für die Wissenschaftler eine große Herausforderung dar: Um die lichtscheuen Tiere bzw. deren Symbionten ausreichend mit dem für sie lebenswichtigen Schwefelwasserstoff und Methan zu versorgen, haben die Forscher eine kontinuierliche „Fütterung“ mit Natriumsulfid und einem Luft-Methangemisch installiert. Nicht ganz einfach. „Da sowohl Schwefelwasserstoff als auch Methan in entsprechenden Konzentrationen giftig und brennbar sind, mussten einige Sicherheitsaspekte bedacht werden. Aber genau solche Herausforderungen bei der Kultur von Meerestieren in der Forschung zu bewältigen, ist unser Ziel“, erläutert Dr. Claas Hiebenthal, Leiter des KIMOCC.
Da Bathymodiolus azoricus im Gegensatz zu vielen anderen Tieren aus vergleichbaren Tiefsee-Lebensräumen zusätzlich zur Symbiose mit den Bakterien auch über ein eigenes Verdauungssystem verfügt, bekommen sie außerdem einzellige Meeresalgen als Futter. „Die Muscheln sind aktiv, filtrieren sichtbar das Wasser und klettern in den Aquarien herum – es scheint ihnen bei uns also gut zu gehen“, so Dr. Hiebenthal weiter. Und einen Umweltfaktor der Tiefsee mussten die Wissenschaftler glücklicherweise nicht simulieren: Bathymodiolus-Muscheln können sich erstaunlicherweise an Atmosphärendruck anpassen, so dass keine Verwendung von Druckkammern notwendig ist.
Einen ersten großen Erfolg konnten die GEOMAR-Forscher bereits verbuchen: Kürzlich ist es gelungen, einzelne Muscheln mithilfe von Hormoninjektionen kontrolliert zum Ablaichen zu bringen. „Das ist bei dieser Art vorher noch niemandem gelungen“, berichtet Breusing begeistert. Ihr Vorhaben ist es nun, die Larven der Tiere großzuziehen, um Schwimmverhalten und Temperaturtoleranzen zu bestimmen. „Diese Daten sind wichtig, um in Computermodellen die Verdriftung von Larven im Ozean nachvollziehen zu können.“
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. „Die Reproduktion von Bathymodiolus azoricus im Labor und Untersuchungen an deren Larven sind absolutes Neuland“, betont Prof. Dr. Thorsten Reusch, Leiter des Forschungsbereichs „Marine Ökologie“ am GEOMAR, der auch die Doktorarbeit von Corinna Breusing betreut. „Wir sind gespannt, wie es weitergeht.“

10.02.2014, Bundesamt für Naturschutz
Naturschutzgroßprojekt entwickelt wertvolle Bergbaufolgelandschaften im Saarland
Ein neues Naturschutzgroßprojekt im Saarland soll den Strukturwandel in der Bergbaufolgelandschaft begleiten. Die sogenannte „Landschaft der Industriekultur Nord“ ist das bundesweit erste Naturschutzgroßprojekt im urban-industriellen Raum. Das Bundesumweltministerium fördert das Vorhaben mit 9,6 Millionen Euro bis 2024.
„Mit diesem Projekt betritt der Naturschutz ungewohntes Terrain. Hier können wir gemeinsam zeigen, dass die Natur große Chancen bietet bei der Neuorientierung einer urban-industriellen Landschaft. Damit ist das Projekt beispielhaft für viele andere Regionen im Land“, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Rita Schwarzelühr-Sutter, bei der Übergabe des Förderbescheids in Landsweiler/Reden.
Bei dem Projektgebiet im mittleren Saarland handelt es sich um eine typische Bergbaufolgelandschaft: kleinteilig, dicht besiedelt und von Verkehrswegen zerschnitten. Die Landschaft zeichnet sich durch ein Mosaik spezialisierter Lebensräume aus. Alte Buchenwälder prägen die Landschaft ebenso wie Halden, Schlammweiher und Industriebrachen, auf denen sich spezialisierte Arten wie Wechselkröte und Gelbbauchunke angesiedelt haben. Insgesamt kommen hier nahezu 100 Rote-Liste-Arten vor.
Der Niedergang von Bergbau und Schwerindustrie hat viele alte Strukturen in der Region tiefgreifend verändert. Das Projekt soll nun den besonderen Wert der dabei entstandenen Landschaft sichern und weiter entwickeln.
„Der Naturschutz kann ein wertvolles Mittel sein, um dieser im strukturellen Umbruch befindlichen Region neue Impulse und ein neues Image zu geben. Wir wollen damit langfristig ein lebenswertes Umfeld schaffen und nachhaltiges Wirtschaften für die Bevölkerung ermöglichen“, sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel.
In einer ersten Projektphase von 2009 bis 2012 hatte der Projektträger, ein Zweckverband aus Gebietskörperschaften der Region, einen umfassenden Pflege- und Entwicklungsplan erstellt. In der jetzt beginnenden zweiten Phase geht es um die Umsetzung konkreter Maßnahmen: die Entwicklung einer großflächigen Weidelandschaft im Umfeld eines Schlammweihers, die Reaktivierung der für das Saarland typischen Streuobstwiesen, den Umbau von Nadelholzbeständen in lichte Laubwälder sowie die Renaturierung von zwei Bächen. Außerdem sollen Natur- und Landschaftsführer ausgebildet werden, die Exkursionen anbieten.
Mit der Bundesförderung „chance.natur“ trägt der Bund seit 1979 zur Erhaltung großflächiger, national bedeutsamer Landschaften und des Nationalen Naturerbes Deutschlands bei. Insgesamt wurden mehr als 77 Vorhaben gefördert. Betreut werden die Projekte durch das Bundesamt für Naturschutz.
Weitere Informationen zum Projekt: http://www.lik-nord.de/
Weitere Informationen zum Förderprogramm: www.bfn.de/0203_grossprojekte.html

11.02.2014, Universität Hamburg
Verhaltensstudie über Spinnen: Aufwachsen unter Geschwistern erhöht Überlebenswahrscheinlichkeit
Wissenschaftlerinnen der Universität Hamburg und der Macquarie University in Australien haben herausgefunden, dass eine enge Verwandtschaft bei Jungspinnen zu einer Verminderung von Konflikten führt und dadurch die Überlebenswahrscheinlichkeit von Geschwistern höher ist als die von nicht mit einander verwandten Nachkommen.
Spinnen sind ein wichtiger Faktor innerhalb ihrer Ökosysteme. Ihre Verhaltensweisen und Überlebensstrategien zu kennen, ist daher von großem Interesse. Während die meisten Spinnen aggressive Einzelgänger sind, leben einige wenige Arten in sozialen Gruppen, in denen sich die Weibchen um ihre Nachkommen kümmern. In der Regel sind die Mitglieder dieser Spinnengruppen miteinander verwandt, doch bei manchen Arten, wie z. B. der australischen Krabbenspinne, versorgen die Weibchen nicht nur ihre eigenen Nachkommen, sondern sogar einwandernde Jungspinnen aus benachbarten Nestern. Wissenschaftlerinnen der Universität Hamburg und der Macquarie University in Australien haben nun herausgefunden, dass eine enge Verwandtschaft zu einer Verminderung von Konflikten führt und dadurch die Überlebenswahrscheinlichkeit von Geschwistern höher ist als die von nicht mit einander verwandten Jungspinnen.
Die Wissenschaftlerinnen wollten zum einen wissen, ob durch die einwandernden Jungspinnen die Gruppendynamik zwischen den Weibchen und den Nachkommen beeinflusst wird. Und zum anderen, ob entstehende Konflikte eher zwischen Weibchen und Nachkommen oder eher innerhalb der Nachkommenschaft ausgetragen werden.
Um diese Fragen zu beantworten, veränderten die Forscherinnen in einem Experiment gezielt das Verhältnis zwischen Weibchen und eigenen bzw. fremden Nachkommen, d. h. aus Sicht der Mutter-Spinne wurde schrittweise der Anteil der fremden Nachkommen erhöht. Gleichzeitig wurden aus der Perspektive der Nachkommen die Verwandtschaftsverhältnisse verändert, sodass vier verschiedene Gruppenzusammensetzungen verglichen werden konnten: a) Mutter mit 100 % eigenen Nachkommen b) Mutter mit 66 % Anteil an eigenen Nachkommen und 33 % fremden, c) Mutter mit 33 % eigenen Nachkommen und 66 % fremden, d) Mutter mit 100 % fremden, aber untereinander verwandten Nachkommen.
Im Ergebnis zeigte sich, dass die Geschwistergruppen tatsächlich besser wuchsen als gemischte Gruppen aus miteinander verwandten und fremden Jungspinnen – und zwar unabhängig davon, ob sie von der eigenen oder einer Ziehmutter versorgt wurden. Konflikte werden also eher innerhalb der Nachkommenschaft ausgetragen als zwischen Mutter-Spinne und Nachwuchs. Dabei sind Geschwister gegenüber nicht mit einander verwandten Jungspinnen klar im Vorteil: Die enge Verwandtschaft von Geschwistern führt zu einer Verminderung von Konflikten und erhöht dadurch ihre Überlebenswahrscheinlichkeit.
Dennoch spielen die Weibchen eine wichtige Rolle. Auch wenn sie keine Nachkommen gezielt bevorzugten, konnten sie entweder mehr Nahrung oder weniger Nahrung für sich selbst beanspruchen: Weibchen mit einer gemischten Nachkommenschaft nahmen im Laufe des Experiments an Masse zu, was darauf hinweist, dass sie mehr Nahrung für sich behielten.
Entgegen der Erwartung der Wissenschaftlerinnen teilten Weibchen die Nahrung auch mit nicht-verwandten Nachkommen, solange die Nachkommen untereinander verwandt waren. Dazu die Biologin Jasmin Ruch, die das Experiment im Rahmen des Joint PhD Programms der Universität Hamburg und der Macquarie Universität durchgeführt hat:
„In diesem Verhalten sehen wir Hinweise darauf, dass die Gruppendynamik bzw. die Konfliktdichte der Nachkommenschaft als ein Signal für die Weibchen dienen könnte, anhand dessen sie entscheiden, ob sie mehr in das Füttern der Nachkommen oder mehr in die eigene Nahrungsaufnahme investieren – unabhängig davon, ob es eigene oder fremde Nachkommen sind.“
Ausführliche Informationen und Ergebnisse der Studie in dem kürzlich erschienen Artikel:
Jasmin Ruch, Marie E. Herberstein, and Jutta M. Schneider: Offspring dynamics affect food provisioning, growth and mortality in a brood-caring spider. Proceedings of the Royal Society – B Series

11.02.2014, NABU
Zulassung von Genmais 1507 gefährdet Artenvielfalt
Berlin (ots) – Der NABU kritisiert die angekündigte Enthaltung Deutschlands bei der heutigen Abstimmung der EU-Europaminister zum Genmais 1507. Der NABU warnt ausdrücklich vor den Gefahren, die von dem gentechnisch veränderten Mais und seiner Herbizidresistenz für die Artenvielfalt ausgehen. Der Mais wurde gentechnisch verändert, um ihn resistent gegen das Breitbandherbizid Glufosinat zu machen. Gleichzeitig sondert er in allen Pflanzenteilen von der Wurzel bis zum Pollen Toxine ab, die gegen den Fraßschädling, die Raupen des Maiszünslers, giftig wirken. „Wenn der Mais in Deutschland angebaut wird, steigt automatisch der Einsatz von Glufosinat. Dieses Unkrautbekämpfungsmittel gehört zur Gruppe besonders gefährlicher Pestizide, die 2017 nach dem Willen der EU-Kommission aus dem Verkehr gezogen werden sollen. Vor diesem Hintergrund ist es vollkommen unverständlich, warum sich Deutschland in der Abstimmung enthält und einer europäischen Zulassung somit nichts entgegensetzt“, sagte NABU-Präsident Olaf Tschimpke.
Das Gremium der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) für gentechnisch veränderte Organismen hatte zuvor in mehrmaligen Bewertungen keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier oder auf die Umwelt festgestellt. „Allerdings greift die Bewertung der EFSA viel zu kurz. Wie empfindlich die geschützten Schmetterlinge in Europa gegenüber den Bt-Toxinen des Maises 1507 wirklich sind, ist nicht bekannt. Ebenso wenig wurden die Effekte auf den Boden oder andere wildlebende Bestäuber abgeschätzt“, sagte NABU-Expertin Steffi Ober.
Vor allem jedoch kritisiert der NABU, dass die Auswirkungen des Einsatzes von Glufosinat in Kombination mit dem Maisanbau nicht berücksichtigt wurden. Die Hintertür der EU – die sogenannte Opt-out Regel, die es den Regionen erlaubt, den Anbau für gentechnisch veränderte Pflanzen zu verbieten – sei keine Lösung. Viele Bundesländer haben Ländergrenzen, die quer durch Feld und Flure gehen. „Ein generelles Anbauverbot in der EU für Mais 1507 ist die einzig praktikable Möglichkeit, um die bedrohte Vielfalt in der Natur zu schützen“, so Ober.

12.02.2014, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
Salzschichtung bestimmt das Schicksal von Fischbeständen
Zwei Dorschbestände entwickeln sich unabhängig voneinander in der Ostsee. Auch der Nachwuchs zweier für die Fischerei wichtiger Plattfischarten, Flunder und Scholle, lebt dort auf begrenztem Raum. Grund hierfür ist die unregelmäßige Verteilung verschieden salzhaltiger Wasserschichten in dem Binnenmeer. Wie diese hydrographischen Bedingungen die Verbreitung von Fischeiern und das Wachstum wirtschaftlich bedeutender Bestände beeinflusst, erklären Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und des Instituts für Aquatische Ressourcen (DTU Aqua) an der Technischen Universität Dänemark in einer Veröffentlichung im Fachmagazin „Progress in Oceanography“.
Ihre enge, aber von starken Strömungen geprägte Verbindung zur Nordsee, die Vielzahl von Flussmündungen und ein mit Rücken, Becken und Rinnen gespickter Boden machen die Ostsee zu einem Binnenmeer mit unterschiedlichster Wasserqualität. Dass diese morphologischen und hydrographischen Bedingungen auch das Schicksal von Fischbeständen beeinflussen können, zeigt jetzt ein Team von Fischereibiologen des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und des Instituts für Aquatische Ressourcen (DTU Aqua) an der Technischen Universität Dänemark. Für ihre Veröffentlichung im internationalen Fachmagazin „Progress in Oceanography“ untersuchten sie die Dichte von Dorsch-, Schollen- und Flunder-Eiern, welche die Position der Eier im Gefüge der verschiedenen salzhaltigen Schichten und damit auch ihre Verbreitung in der Ostsee bestimmt. „Unsere Studie ist ein Beispiel dafür, wie sich Beobachtungen in der Natur, Kenntnis der natürlichen Abläufe und Modellierungen in einem bio-physikalischen Bezugssystem zu einem Bild zusammenfügen“, hebt Erstautor Dr. Christoph Petereit hervor. „Wir haben eine Vielzahl von Methoden zusammengeführt, um mehr über den Verbleib der Eier und Larven wichtiger Fischarten zu erfahren.“
Von Januar bis März 2011 fuhr Petereit wöchentlich mit einem Fischer auf die Ostsee, um fortpflanzungsfähige Tiere zu fangen. Auch auf vier wissenschaftlichen Expeditionen mit dem Forschungsschiff ALKOR sammelte er Keimzellen für die Fischeier. In Glaszylindern mit einer exakt kalibrierten Struktur aus verschiedenen Salzwasserschichten bestimmte der Fischereibiologe anschließend die Dichte. Durchmesser und Trockengewicht wurden ebenfalls gemessen.
Auf Basis dieser Informationen berechneten die Wissenschaftler Verteilungswege der Eier und der jungen Fischlarven mit einem hydrodynamischen Modell. „Unser Computerprogramm simuliert die Richtung und Geschwindigkeit von Strömungen, die sich im Verlauf der Jahreszeiten stark ändert“, erläutert der Ozeanograph Hans-Harald Hinrichsen. „Außerdem bildet es Temperatur, Salzgehalt und Sauerstoff in verschiedenen Tiefen für den gesamten Ostseeraum realistisch ab.“ So können die Forscher über mehrere Wochen hinweg für jeden beliebigen Tag ablesen, wie weit die Eier transportiert wurden und ob sie überlebt haben oder ungünstigen Bedingungen zum Opfer gefallen sind.
„Aufgrund ihrer unterschiedlichen Dichte verteilen sich die Eier und die ersten Larven-Stadien der verschiedenen Arten auf unterschiedliche ‚Stockwerke’ im Wasserkörper der Ostsee“, fasst Petereit zusammen. „Sie verbleiben aber alle in der westlichen Ostsee und in der Belt-See. Weiter östlich enthält das Wasser weniger Salz, so dass die Eier dort zu Boden sinken würden, wo sie nicht überleben könnten. Das bedeutet letztlich, dass sich die Bestände zumindest in dieser frühen Lebensphase nicht vermischen.“ Für den Dorsch haben genetische Analysen bereits belegt, dass es sich beim östlichen und beim westlichen Bestand um zwei getrennte Gruppen handelt. Petereit: „Unsere Arbeit liefert eine Hypothese dafür, weshalb es keinen Austausch zwischen den Beständen geben kann.“
Die Erkenntnisse der Biologen und Physiker sind auch für das Fischereimanagement relevant. Denn sie belegen, dass die einzelnen Bestände einer Art nicht unbedingt voneinander profitieren und sich nicht ein Bestand mit Hilfe eines anderen beispielsweise von stärkerer Befischung erholen kann. Regelungen müssen daher lokale Begebenheiten wie diese berücksichtigen und Bestände für sich betrachten, urteilt das Forscherteam. Außerdem sei es wichtig, Fischbestände in ihren verschiedenen Lebensphasen zu beobachten, das Management etwa an ihre Verbreitung anzupassen und dies auch regelmäßig zu überprüfen, um auf Änderungen reagieren zu können.
Originalveröffentlichung:
Christoph Petereit, Hans-Harald Hinrichsen, Andrea Franke, Fritz Köster: Floating along buoyancy levels: Dispersal and survival of western Baltic fish eggs. Progress in Oceanography (2014), http://dx.doi.org/10.1016/j.pocean.2014.01.001

12.02.2014, Universität Duisburg-Essen
UDE-Studie: Fremde Arten steigern Infektionsrate in Ägypten – Eindringlinge helfen Parasiten
Sauberes Trinkwasser für das Land am Nil – dafür arbeiten das Zentrum für Wasser- und Umweltforschung an der Uni Duisburg-Essen (UDE) und die Fayoum University in Ägypten seit zwei Jahren eng zusammen. In einer Studie konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass eine aus Nordamerika stammende Wasserschnecke die Infektion mit gefährlichen Leberegeln begünstigt. Das sind Parasiten, die die Leber von Rindern, Schafen oder auch des Menschen befallen und großen Schaden anrichten. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass eine nicht-heimische Pflanze die Ausbreitung fördert. Ihre Erkenntnisse wurden jetzt in PLOS One veröffentlicht und sollen helfen, die Parasiten besser unter Kontrolle zu halten
Bisher war das ausgeklügelte Wirt-Parasit-System in Ägyptens Kanälen kaum erforscht: „Die im Wasser geschlüpften Larven der Leberegel können sofort schwimmen, brauchen aber einen Zwischenwirt um zu überleben“, erklärt Dr. Daniel Grabner aus der Arbeitsgruppe Aquatische Ökologie an der UDE. Hier kommen die Schnecken ins Spiel. Die Larven bohren sich in die Organe der Weichtiere, entwickeln sich weiter und können sich ungeschlechtlich vermehren. Pro Schnecke potenziert sich so ihre Anzahl um ein Vielfaches. Besorgniserregend dabei ist, dass die eingeschleppte, nordamerikanische Schlammschnecke sich stark ausbreitet und offenbar einen besseren Zwischenwirt darstellt als einheimische Schneckenarten.
Sind die Larven gereift, verlassen sie aktiv ihren Zwischenwirt und heften sich im Wasser an Pflanzen. Mit dem bloßen Auge sind die Schädlinge nicht zu erkennen. „Jetzt sind sie hochinfektiös und warten darauf, gemeinsam mit der Pflanze vom Endwirt gefressen zu werden“, sagt Dr. Grabner. Und weil sie sich über die ägyptischen Bewässerungssysteme auch ungehindert an Nutzpflanzen auf den landwirtschaftlichen Überschwemmungsflächen ablagern, wächst die Infektionsrate bei der Bevölkerung. „Gelangen die Parasiten in den Körper, dringen sie durch Darm und Lebergewebe und nisten sich als fertige Würmer in den Gallegängen ein“, warnt der Experte. Dort produzieren sie neue Eier, die ausgeschieden werden und wieder im Wasser schlüpfen – der schadhafte Kreislauf ist geschlossen.
Wildwuchs verschärft die Problematik
Zusätzlich greift offenbar die aus Südamerika eingeschleppte Wasserhyazinthe in diesen Zyklus ein. An der stark wuchernden Pflanze können sich die Schnecken ungestört vermehren. Außerdem bietet sie Schutz vor Pestiziden, die schon lange zur Schneckenbekämpfung in den ägyptischen Bewässerungsgräben eingesetzt werden: „Mit Gift ist die Lage nicht in den Griff zu kriegen. Die amphibischen Schnecken retten sich einfach so lange auf die Wasserhyazinthen bis die tödliche Welle vorbei ist.“
Es sind also gleich zwei eingewanderte Arten, die gleichzeitig die Ausbreitung des Leberegels und dessen schädliche Wirkung für den Menschen begünstigen. Dieses Problem wollen die deutschen und ägyptischen Forscher in ihrem Kooperationsprojekt Integrated Water Technologies, kurz IWaTec, weiter bekämpfen, sagt Dr. Grabner: „Neue Management-Strategien für die Bewässerungsgräben könnten die Infektionsraten möglicherweise senken. Wenn etwa Felder nicht mehr geflutet, sondern per Sprinkleranlage versorgt werden. Denkbar ist auch, Wasserpflanzen gezielter zu entfernen und geeignete schneckenfressende Fische auszusetzen.“
Um die Situation nachhaltig in den Griff zu kriegen, bilden die UDE-Wissenschaftler zudem kompetente Fachkräfte aus. Das macht die Kooperation auch in politisch schwierigen Zeiten so erfolgreich. Noura Zaghloul aus Fayoum ist eine der ägyptischen Studierenden, die seit September 2013 an der UDE zu Gast sind. Sie analysiert die heimischen Wirt-Parasit-Systeme im Labor: „Die Ergebnisse sind extrem spannend. Mithilfe der hier vorhandenen Methoden und Expertise können wir vielleicht die Situation in Ägypten verbessern“, sagt die 30-Jährige.
Das Gemeinschaftsprojekt untersucht die zahlreichen Probleme Ägyptens in der Wasserversorgung und versucht, den richtigen Umgang mit der kostbaren Ressource zu vermitteln. Die Studie zur Parasitenausbreitung ist nur eines von insgesamt acht Forschungsprojekten, die jedes Jahr gemeinsam durchgeführt werden. IWaTec wird finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes und gefördert vom DAAD.
Publikationshinweis: http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0088537

12.02.2014, Deutsche Wildtier Stiftung
Rothirsch oben ohne!
Im Februar verliert auch der Platzhirsch sein Geweih
Sollten Sie beim Spaziergang im Wald die Geweihstange eines Rothirschen – der Jäger spricht von Abwurfstange – finden, müssen Sie sich nicht um die Gesundheit des Tieres sorgen: Hirsche verlieren jetzt im Februar ihr Geweih. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang.
Grund für den Abwurf der Geweihstangen ist der Tiefststand des Sexualhormons Tes-tosteron beim Rothirsch im Februar. Früher hieß der Monat Februar auch Hornung. „Dabei besteht das Geweih eines Rothirschen keineswegs aus Horn, sondern aus Knochensubstanz“, erläutert Dr. Andreas Kinser, Forst- und Jagdexperte der Deutschen Wildtier Stiftung.
Wissenschaftler kennen heute zwar den Vorgang des Geweihabwurfes, doch warum die Natur dem Tier einen derartigen körperlichen Kraftakt zumutet, ist ungeklärt. Fest steht: Das Tier bildet innerhalb von etwa 140 Tagen ein völlig neues Geweih aus. „Dem Körper wird während des Geweihwachstums viel Kalzium für die Knochenbildung ent-zogen“, sagt Dr. Kinser. „Denn eine einzelne Geweihstange kann bis zu sieben Kilo-gramm wiegen.“
Knochenfressende Zellen, sogenannte Osteoklasten, zerstören als Folge des sinkenden Hormonspiegels die Knochensubstanz zwischen dem Geweih und den knöchernen Stirnzapfen, den sogenannten Rosenstöcken, am Kopf des Tieres. Dadurch löst sich die Geweihstange – und auch der stolzeste aller Platzhirsche steht im Februar plötzlich „oben ohne“ da.
In der Natur wird alles genutzt – auch die abgeworfenen Geweihstangen. Sie sind auf-grund ihres hohen Kalk- und Phosphorgehaltes bei Nagetieren wie Mäusen beliebt. Das Sammeln und Mitnehmen von Abwurfstangen ist Waldbesuchern allerdings nicht erlaubt. „Wer unbefugt ist und Abwurfstangen mitnimmt, macht sich der Wilderei schul-dig“, sagt Kinser.

12.02.2014, NABU
Die ersten Molche und Frösche sind unterwegs
Derzeit gute Wanderbedingungen / Subtropische Luft am Anmarsch
Winter, welcher Winter? Während im Osten Ende Januar wenigstens einige Tage zweistellige Minusgrade herrschten, hat sich der Winter im Westen bisher kaum sehen lassen. Inzwischen ist es bundesweit vorfrühlingshaft mild, zumindest im Flachland zeigt die Quecksilbersäule auch nachts fast überall ein deutliches Plus. Kein Wunder, dass einige Amphibien jetzt meinen, es sei an der Zeit, zu den Laichgewässern zu wandern. In Bruchsal-Untergrombach am Oberrhein zum Beispiel wurden am Zaun entlang der B3 schon 151 Braunfrösche, 25 Teichmolche und sogar eine erste Erdkröte eingesammelt.

Auch in Brandenburg ist die Amphibienwelt in Bewegung. „Im Landkreis Teltow-Fläming haben die Wanderungen in der Nacht von Samstag zu Sonntag begonnen“, berichtet Susanne Höhne aus der Region südwestlich von Berlin. „Erste Teichmolche sind bei nächtlichen plus sechs Grad Celsius und Regen zu ihren Gewässern gewandert.“ Hundert Kilometer weiter nordöstlich dagegen hat Thorsten Schönbrodt vom NABU Müncheberg in Märkisch-Oderland bisher vergeblich nach fortpflanzungsfreudigen Amphibien Ausschau gehalten: „Bei uns ist alles noch ruhig. Es sind zwar angenehme Tagestemperaturen, aber nachts doch nahe dem Nullpunkt oder leichte Frostgrade.“
Ginge es nur nach den Temperaturen, könnten sich weit mehr Amphibien aus ihren Winterquartieren trauen. Doch während Braunfrösche und Teichmolche solche frühe Gelegenheiten gerne wahrnehmen, richten sich zum Beispiel die Erdkröten nach ihrem inneren Kalender. Und der besagt, dass es momentan fürs Hochzeiten noch zu früh ist – einzelne Frühstarter bestätigen als Ausnahme die Regel. In „normalen“ Jahren liegt daher der Wanderhöhepunkt im Flachland um den 15 bis 20. März, in frühen Jahren Ende Februar/Anfang März. Ein dritte Variante hatte das Vorjahr zu bieten: Nach einem kurzen Aufgalopp Anfang März im Westen hielt sich der Winter extrem lang, so dass erst ab dem 10. April die Wanderungen auf breiter Front begannen – dafür nach der langen Wartezeit aber auch im Eiltempo: Nach knapp zwei Wochen waren fast alle Amphibien durch.
Die weiteren Aussichten: Es wird zunächst etwas stürmisch, aber „von Winterwetter weiterhin keine Spur“, wie der Deutsche Wetterdienst heute schreibt. „Dazu strömt am Samstag sehr milde Luft subtropischen Ursprungs nach Deutschland, in der die Temperatur bis auf 15 Grad ansteigt. Auch Werte um 18 Grad sind nicht auszuschließen.“ Mal schauen, wie lange die Amphibien diesen lauen Lüften widerstehen können…
Update 14. Februar 2014 – Im Osten, nahe der polnischen Grenze, machen sich die Amphibien weiterhin rar. „Trotz Niederschlägen sind keine Tiere zu sehen, der Boden ist wohl noch gefroren“, meldet Thorsten Schönbrodt aus Müncheberg. „Auch in den untersuchten Winterquartieren herrscht noch Ruhe.“
Am anderen Ende Republik nehmen am Oberrhein dagegen die Wanderungen kräftig Fahrt auf. „Wie erwartet hatten wir gestern einen richtig guten Abend“, erzählt Regine Carl vom Verein für Umwelt- und Naturschutz Untergrombach. „Bei anfangs 6,4 Grad Celsius waren 258 Frösche, zehn Teichmolche und eine halbwüchsige Kröte unterwegs. Am Ende lagen wir nur noch bei windigen 3,2 Grad und fanden trotzdem das eine oder andere Tier. Im Moment sind bei uns hauptsächlich halbwüchsige Spring- und Grasfrösche unterwegs, die wahrscheinlich zum ersten Mal wandern. Es sind allerdings auch ein paar richtig dicke, also Laich tragende Damen dabei.“

13.02.2014, Forschungsverbund Berlin e.V.
Orang-Utans leben nicht nur auf Bäumen
Ein internationales Forscherteam untersuchte, in welchem Maße Orang-Utans mit den von Menschenhand verursachten Lebensraumänderungen zurechtkommen.
Orang-Utans halten sich weit häufiger auf dem Boden auf als bislang bekannt. Das ist die wichtigste Erkenntnis, die jetzt in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde. Ihre Bodenaktivität ist in ungestörten Regenwäldern erstaunlicherweise sogar höher als in nachhaltig bewirtschafteten Waldgebieten – und damit auf einem ähnlichen Niveau wie in stark eingeschlagenen Wirtschaftswäldern.
Das fand ein internationales Wissenschaftlerteam heraus. Einer von ihnen ist Dr. Andreas Wilting vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), der maßgeblich zum Erfolg der Studie beigetragen hat. „Es wurden sowohl weibliche Orang-Utans, sogar mit Jungtieren, als auch männliche Orang-Utans aller Altersstufen bei ihren Ausflügen auf den Boden beobachtet, wobei die viel schwereren erwachsenen männlichen Orang-Utans mit Wangenwülsten am häufigsten fotografiert wurden“, kommentiert Andreas Wilting. Dass auch weibliche Orang-Utans die Baumkronen verlassen, um sich auf dem Boden fortzubewegen, war für die Wissenschaftler neu. Die bisherigen Erkenntnisse über das Verhalten der Orang-Utans basierten hauptsächlich auf direkten Beobachtungen, was im Fall der scheuen Menschenaffen anscheinend zu einem verzerrten Bild der wahren Situation geführt hat. Für die Ergebnisse der neuen, in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlichten, Studie haben die Wissenschaftler Fotos und Videos aus 16 Gebieten in Malaysia und Indonesien zusammengetragen. Erstellt wurden die Bilder mit Hilfe von mehr als 1.400 Fotofallen.
Welche Auswirkungen hat der häufige Aufenthalt auf dem Boden für die Baumbewohner? Neben einigen „Vorteilen“ für die Orang-Utans, wie beispielsweise die Möglichkeit der Nahrungssuche in Bodennähe und das Potential, sich auch in leicht fragmentierten Wäldern fortzubewegen, birgt das Bodenleben für die Orang-Utans auch Risiken. So könnten Orang-Utans beispielsweise leichter gejagt werden. Auch die Nähe zum Menschen kann gefährlich sein, sie könnten sich mit neuen Krankheitserregern infizieren.
Orang-Utans gehören zu den größten auf Bäumen lebenden Säugetieren. Auf Borneo leben etwa 70 Prozent der Orang-Utans in kommerziell genutzten Wäldern. Offensichtlich besitzen die Orang-Utans die Fähigkeit, mit moderaten, durch Menschenhand verursachten Veränderungen des Lebensraumes zurechtzukommen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, wie wichtig es ist, auch kommerziell genutzte Waldgebiete für den Schutz der Orang-Utans zu berücksichtigen und die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Nutzungsstrategien für solche Wälder zu betonen.
Publikation
Ancrenaz M, Sollmann R, Meijaard E, Hearn AJ, Ross J, Samejima H, Loken B, Cheyne SM, Stark DJ, Gardner PC, Goossens B, Mohamed A, Bohm T, Matsuda I, NakabayasiM, Lee SK, Bernard H, Brodie J, Wich S, FredrikssonG, Hanya G, Harrison ME, Kanamori T, Kretzschmar P, Macdonald DW, Riger P, Spehar S, Ambu LN, Wilting A (2014): Coming down from the trees: Is terrestrial activity in Bornean orangutans natural or disturbance driven? SCI REP-UK 4, 4024; Doi:10.1038/srep04024.

13.02.2014, Universität Ulm
Skorpionsfüße riechen!
Wenn Skorpione ihre Opfer riechen, ringen diese meistens schon mit dem Tod. Denn das Riechorgan dieser Kieferklauenträger liegt an der Unterseite ihres Hinterleibs. Evolutionär betrachtet riecht der Skorpion also mit weiterentwickelten Hinterbeinen. Der Ulmer Skorpionsforscher und Neurobiologe Prof. Harald Wolf hat sich dieses besondere chemosensorische Sinnesorgan einmal genauer angeschaut.
Wenn Skorpione ihre Opfer riechen, ringen diese meistens schon mit dem Tod. Paralysiert vom Gift aus der Schwanzspitze, beginnt sich ihr Gewebe langsam aufzulösen. Wie die Spinnen nutzen die Skorpione dafür einen hochgewürgten Verdauungssaft, den sie über ihre scharfen Kieferklauen in die Beute einbringen, um diese von Innen langsam zu verflüssigen. „Eine eher unappetitliche Vorstellung für uns, doch eine sehr effektive Art, sich die nährstoffreichen Körpersäfte von Insekten, Schnecken oder kleinen Wirbeltieren einzuverleiben“, so Professor Harald Wolf. Der Direktor des Instituts für Neurobiologie der Universität Ulm hat ein besonderes Faible für Spezies mit ungewöhnlichen Ernährungsvorlieben. „Skorpione und Spinnen gehören zur Gruppe der Kieferklauenträger, auch Fühlerlose oder Cheliceraten genannt“, so der Biologe.
Anders als Gliederfüßer wie Insekten und Krebse haben sie keine Fühler oder Antennen, mit deren Hilfe sie chemosensorische als auch mechanische Reize wahrnehmen können. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet haben Insektenfühler und Kieferklauen dieselben Vorgänger, nämlich Extremitäten, die im Wasser sowohl zur Fortbewegung und als auch zum Heranstrudeln von Nahrung genutzt wurden, wie man sie heute noch beispielsweise an Salinenkrebschen oder manchen Garnelen sieht. „Im Laufe der Evolution haben sich die unterschiedlichen Gruppen dann spezialisiert, was sie fressen und wie sie das tun wollen“, erklärt der entwicklungsgeschichtlich interessierte Neurobiologe. Dabei gilt die Grundregel: „Wenn du dich wie die Gruppe der Kieferklauenträger einmal dazu entschlossen hast, deine Vorderextremitäten als Werkzeug zur Beuteverarbeitung zu gebrauchen, und diese sich im Laufe der Zeit entsprechend funktional ausdifferenziert haben, kannst du nicht darauf hoffen, dass du damit auch noch riechen kannst. Auf Fühler sowie Antennen musst du dann also verzichten“, veranschaulicht der Skorpionsforscher dieses Dilemma.
Der Geruchssinn gehört allerdings zu den wichtigsten Sinnesorganen im Tierreich. Keine Spezies würde freiwillig darauf verzichten wollen. Die chemosensorische Rezeption, zu der Geruchs- und Geschmackssinn zählen, ist für die Nahrungs- und Partnersuche sowie für die Kommunikation und Orientierung unabdingbar. Die Lösung der Skorpione und Spinnen ist ungewöhnlich: Wenn sich im Laufe der Zeit aus Urgliedmaßen Laufbeine, Sprungbeine, Geschlechtsfortsätze, Fühler oder sekret-injizierende Kieferklauen entwickeln lassen, könnten sich daraus nicht auch riechende Beine herausbilden? Doch während die Spinne ihre berührungsempfindlichen Chemosensoren an den vorderen Tastbeinen trägt, kann der Skorpion mit einer ganz besonderen Konstruktion aufwarten. Seine Geruchsorgane liegen an der hinteren Unterseite des Bauches. Wolf dreht das präparierte Exemplar eines Kaiserskorpions auf den Rücken und zeigt auf die so genannten Kammorgane. Diese fächerartigen Strukturen, die an die kammförmigen Fühler von großen Käfern erinnern, befinden sich aber auf der Unterseite des Hinterleibs. „Die sehen zwar aus wie Antennen, sind aber evolutionär aus Beinen hervorgegangen, die sich morphologisch zu `Bauchantennen´ weiterentwickelt haben. Streng genommen riecht der Skorpion also mit den Füßen“, stellt der Biologe klar.
Und auch wenn er aufgrund der Lage des Geruchssinns auf der Unterseite des Körpers keine Luftströmungen auf olfaktorische Moleküle hin auswerten kann, hat der Skorpion ein ausgeprägtes Riechorgan. Die Kammform garantiert eine maximale Oberfläche zur Präsentation von Geruchsrezeptoren. Immerhin haben männliche Skorpione circa 140 000 Sensorzellen, darunter sowohl mechanische als auch chemosensorische Rezeptoren. „Wir vermuten, dass der Skorpion diese vor allem bei der Partnerwahl einsetzt“, meint Harald Wolf. Aufgrund der beschränkten Reichweite ist er für die Nahrungssuche aus der Ferne wohl nicht sehr hilfreich, wohl aber für die Verfolgung von Geruchsfährten oder den körpernahen Beute-Check vor Ort.
Während Gliedertiere im Laufe der Evolution sehr große Unterschiede bei der Herausbildung der chemosensorischen Sinnesorgane zeigen, fällt bei der Betrachtung der neurobiologischen Organisation auf, dass die Reizverarbeitung auf der ersten Ebene des Zentralnervensystems sehr ähnlich abläuft. „Und dieses Organisationsprinzip scheint universell zu sein“, vermutet Wolf. Mit Hilfe histologischer Untersuchungen und cytochemischer Analysen konnte er nachweisen, dass die Fortsätze der chemosensorischen Sinneszellen alle in so genannten Glomeruli zusammengefasst sind. Diese winzigen kugelförmigen Strukturen empfangen jeweils Signale aus ganz spezifischen Untertypen von Sensorzellen. Aus der Vielzahl dieser neuronalen Kugelkörperchen lässt sich also die Anzahl unterschiedlicher Sensorzelltypen ableiten. Die Wissenschaftler nennen das zugrundeliegende Prinzip 1:1-Organisation. Und dieses lässt sich auch auf die genetische Repräsentation übertragen. So korreliert bei den bisher daraufhin untersuchten Tierarten die Anzahl von Glomeruli und Sensorzelltypen auch direkt mit der Anzahl an Genen, die für olfaktorische Rezeptorproteine kodieren.
Harald Wolf forscht eigentlich zu Themen wie den neurobiologischen Grundlagen der Sensomotorik, Navigation und Orientierung. „Die Skorpionsforschung ist eher ein `Hobbyprojekt´ von mir, das ich allerdings schon seit vielen Jahren nebenbei verfolge – Zeit und Skorpione vorausgesetzt. Auch wenn die Drittmittelgewinnung in diesem Bereich alles andere als leicht fällt, ist das Interesse unter Krebstier-, Insekten- und Wirbeltierforschern an meiner Arbeit erstaunlich groß“, so der 58-jährige Naturwissenschaftler nicht ohne Stolz. So zeigt diese doch recht exotische Forschung, für die Wolf eigens eine Kooperation mit Wissenschaftlern aus den Universitäten Bonn und Greifswald aufgebaut hat, wie grundsätzlich ähnlich die neurologische Reizverarbeitung in der Chemosensorik organisiert ist; und das bei der großen evolutionären Vielfalt in der Entwicklung von Geruchssinnen und anderen chemosensorischen Organen. Veröffentlicht wurden die riechenden Skorpionsfüße in ChemoSense (Vol. 15, No.5) Ende letzten Jahres, einem seit 1998 erscheinenden Open Access-Journal. „Denn Forschung sollte grundsätzlich zugänglich sein und deren Ergebnisse frei verfügbar. Für die Drittmitteleinwerbung ist die klassische Publikation vielleicht noch länger unabdingbar, doch darüber hinaus gibt es große Spielräume, die wir nutzen sollten“, glaubt der Ulmer Biologe.

13.02.2014, Bundesamt für Naturschutz
Neues Projekt „Schulwandern“ soll Kinder für biologische Vielfalt begeistern
Das Wandern in der Natur soll an den Schulen wieder auf die Tagesordnung kommen und Schüler wie Lehrer für biologische Vielfalt sensibilisieren. Das ist das Ziel eines neuen Projekts im Bundesprogramm Biologische Vielfalt, das vom Bundesumweltministerium gefördert wird. Grundschulen können sich bis zum 20. März dafür bewerben.
Das dreijährige Projekt „Schulwandern – Draußen erleben. Vielfalt entdecken. Menschen bewegen“ soll das Konzept der „Draußenschule“ an drei Grundschulen modellhaft erproben. Einen Tag in der Woche werden die Schüler draußen sein und die biologische Vielfalt direkt erkunden.
„Ich hoffe, dass die Idee der Draußenschule über das Projekt hinaus viele Nachahmer findet. Das wäre nicht nur für die Kinder ein Gewinn, sondern auch für die biologische Vielfalt. Denn wer schon als Schüler die Vielfalt der Natur bewusst erlebt, wird auch auf Dauer respektvoll mit der Natur umgehen“, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.
„Die Schüler können so Ihre natürliche Umgebung im Jahresverlauf bewusst wahrnehmen und erfahren die Zusammenhänge, Einflüsse und Abhängigkeiten sowie die Vielfalt in der Natur“, sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel.
Das Bundesumweltministerium stellt aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt rund 750.000 Euro zur Verfügung. Das Bundesamt für Naturschutz begleitet das Naturschutzprojekt als Bewilligungsbehörde fachlich. Fachlich und wissenschaftlich begleitet werden die Modellschulen von den Projektträgern, dem Deutschen Wanderverband (DWV) und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Für das Projekt suchen der DWV und die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz bundesweit drei Grundschulen in staatlicher Trägerschaft. Die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 20. März. Anhand der drei ausgewählten Grundschulen aus verschiedenen Bundesländern wird nach und nach ein Modellkonzept mit Handlungsanregungen und Bildungsmaterial auch für andere Schulen in Deutschland entwickelt. Gute Erfahrungen mit diesem Konzept gibt es bereits in den skandinavischen Ländern, wo die „Uteskole“ schon seit Jahren etabliert ist.
Parallel zu den „Draußenschulen“ bietet der Deutsche Wanderverband in den Jahren 2014 bis 2016 „Schulwandertage zur biologischen Vielfalt“ an. Alle Schulen, die beim vom Bundesamt für Naturschutz jährlich durchgeführten Wandertag zur biologischen Vielfalt mitmachen, erhalten ein umfangreiches Starterset mit Infomaterialien, Flyern, Postern, Broschüren und einer speziellen Smartphone-App zum Thema. Außerdem können Schulen, die einen entsprechenden Wandertag anbieten, an einem Wettbewerb teilnehmen und so nicht nur Pate stehen für weitere Schulwanderungen sondern auch noch attraktive Preise gewinnen.
Weitere Informationen zum Projekt: www.schulwandern.de

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