Mensch und Waschbär

Waschbär (Thüringer Waldzoo)

Waschbär (Thüringer Waldzoo)

Der Waschbär ist einer der erfolgreichsten Neozoen des europäischen Kontinents, da er sich innerhalb weniger Jahrzehnte über weite Teile Deutschlands ausgebreitet hat. Viele Jäger und Förster sowie einige Naturschützer sind der Ansicht, dass die als unkontrolliert bezeichnete Ausbreitung negative Auswirkungen auf das Ökosystem der deutschen Wälder habe. Argumentiert wird dabei vor allem damit, dass der Waschbär heimische Raubtiere und geschützte Vogelarten verdränge. Die Zoologen Ulf Hohmann und Frank-Uwe Michle widersprechen dieser Auffassung. Hohmann argumentiert, dass das Fehlen natürlicher Feinde im europäischen Raum alleine eine extensive Jagd nicht rechtfertige, da diese auch im nordamerikanischen Verbreitungsgebiet keine Rolle als wesentliche Todesursache spielten. Zudem lägen die in der Presse angegebenen Populationsdichten manchmal mehr als zehnmal über den tatsächlich gemessenen.
Michler weist darauf hin, dass es keinerlei Anzeichen dafür gebe, dass eine hohe Populationsdichte negative Effekte auf die Biodiversität eines Gebiets habe. Daher sei es „reine Spekulation“ und entbehre „jeder Seriosität“, wenn ohne vorherige wissenschaftliche Untersuchung ein kausaler Zusammenhang zwischen Waschbärvorkommen und dem Bestandsrückgang einer anderen Art in einem Gebiet hergestellt werde. Aus diesem Grund wird die Bekämpfung des Waschbären nach der Berner Biodiversitäts-Konvention von ihm abgelehnt, da diese besonders negative Auswirkungen eines Neozoons auf ein Ökosystem voraussetze. Zum eventuell notwendigen Schutz lokaler Vogelpopulationen wäre demgegenüber ein konsequenteres Vorgehen als üblich erforderlich, was jedoch einen hohen personellen und finanziellen Aufwand erfordere.
Zudem weisen die Jäger Hohmann und Michler auf Tierschutz-Verstöße bei der Waschbärjagd hin. So wird in einer Pressemitteilung des von Michler geleiteten „Projekts Waschbär“ zur Untersuchung des Waschbärvorkommens im Müritz-Nationalpark der Einsatz von Abzugeisen in Gebieten mit Waschbärvorkommen als „vorsätzliche Tierquälerei“ verurteilt, da durch die Aufnahme des Köders mit den Vorderpfoten kein Unterschied zur Wirkung verbotener Tellereisen bestehe.

Alle in Europa vorkommenden Waschbären gehen auf Tiere zurück, die im 20. Jahrhundert aus Pelztierfarmen und Gehegen entkommen sind oder ausgesetzt wurden. Als derartiger Gefangenschaftsflüchtling sind sie der Gruppe der Neozoen zuzurechnen, wobei sie in Deutschland inzwischen zu den einheimischen Tierarten gezählt werden. Heute gibt es in weiten Teilen Deutschlands sowie Gebieten der angrenzenden Länder stabile Waschbärpopulationen. Weitere Vorkommen existieren im Süden Weißrusslands, dem Kaukasus und im Norden Frankreichs, wo im Jahr 1966 bei Laon einige Exemplare von US-amerikanischen Soldaten ausgesetzt wurden.
Das für die Verbreitung des Waschbären in Europa wichtigste Ereignis war das Aussetzen von zwei Waschbärpaaren am 12. April 1934 am hessischen Edersee. Die vier Waschbären wurden vom Forstmeister Wilhelm Freiherr Sittich von Berlepsch auf Wunsch des Besitzers, des Geflügelzüchters Rolf Haag, ausgesetzt, noch bevor er dazu zwei Wochen später die Genehmigung des Preußischen Landesjagdamts erhielt, um dadurch „die heimische Fauna zu bereichern“. Obwohl es schon vorher ein paar Ansiedlungsversuche gegeben hatte, war nur dieser erfolgreich. Das Gebiet um den Edersee stellte einen für die ausgesetzten Waschbären fast optimalen Lebensraum dar, so dass die von diesem Zentrum ausgehende weitere Verbreitung schnell und dauerhaft erfolgen konnte. 1956 wurde der Bestand in Deutschland auf 285 Tiere geschätzt, 1970 auf etwa 20.000 Tiere und im Jahr 2005 auf eine niedrige bis mittlere sechsstellige Zahl. Obwohl durch diesen Gründereffekt ein genetischer Flaschenhals entstanden ist, scheint dies keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Waschbärpopulation gehabt zu haben.
Der Ausbruch von etwa zwei Dutzend Waschbären nach einem Bombentreffer auf ein Waschbärgehege in Wolfshagen (heute Ortsteil von Altlandsberg) bei Strausberg in Brandenburg im Jahre 1945 führte zu einem weiteren Verbreitungsgebiet. Die daraus entstandene Population lässt sich bis heute genetisch und parasitologisch von der westdeutschen unterscheiden.

Die steigende Anzahl an Waschbären im menschlichen Siedlungsraum hat zu sehr unterschiedlichen Reaktionen geführt, die von totaler Ablehnung bis zur regelmäßigen Fütterung der Tiere reichen. Die meisten Behörden und einige Wildtierexperten warnen davor, Wildtiere zu füttern, weil diese dadurch immer aufdringlicher oder von Menschen als Futterquelle abhängig würden. Andere Wildtierexperten zweifeln dies an und geben in ihren Büchern Ratschläge für die Fütterung von Wildtieren. Fehlende Scheu vor Menschen ist mit großer Wahrscheinlichkeit kein Anzeichen für Tollwut, sondern eine Verhaltensanpassung der seit vielen Generationen in der Stadt lebenden Tiere.
Während ausgeräumte Mülltonnen und abgeerntete Obstbäume von den Hausbesitzern zumeist nur als lästig angesehen werden, kann die Reparatur von Schäden, die Waschbären bei der Nutzung von Dachböden als Schlafplatz verursachen, mehrere tausend Euro kosten. Das Fangen oder Töten einzelner Tiere löst jedoch in der Regel nur Probleme mit sich besonders wild verhaltenden oder sogar aggressiven Exemplaren, da geeignete Schlafplätze entweder mehreren Waschbären bekannt sind oder bald wiederentdeckt werden. Stattdessen sind vorbeugende Maßnahmen − wie das Stutzen von Ästen −, die verhindern, dass Waschbären überhaupt in das Gebäude gelangen, viel effektiver und kostengünstiger.
Oft ist es nicht möglich, Waschbären durch starke Bejagung dauerhaft aus einem Gebiet zu vertreiben, das für sie einen gut geeigneten Lebensraum darstellt, da sie ihre Fortpflanzungsrate bis zu einer gewissen Grenze steigern können oder Tiere aus dem Umland in die frei gewordenen Streifgebiete einwandern. Junge Rüden reklamieren zudem kleinere Streifgebiete für sich als ältere, was einen Anstieg der Populationsdichte zur Folge hat. Die Kosten, um aus einem größeren Gebiet auch nur zeitweise alle Waschbären zu entfernen, übersteigen in der Regel die Kosten der durch sie verursachten Schäden um ein Vielfaches.

Waschbärspulwurmlarven (Joel Mills, CDC)

Waschbärspulwurmlarven (Joel Mills, CDC)

Aus dem verstärkten Kontakt zwischen Waschbär und Mensch ergeben sich Probleme bezüglich der Übertragung von Krankheiten. Im Gegensatz zu seiner amerikanischen Heimat weist der Waschbär in Europa ein stark eingeschränktes Parasitenspektrum auf. Während die Waschbärtollwut in Amerika eine ernstzunehmende Gefahr darstellt, ist diese in Europa erst vereinzelt nachgewiesen worden. Hier gilt zur Zeit nur ein einziger Parasit des Waschbären als ein für den Menschen potentiell gefährlicher Erreger, nämlich der Waschbärspulwurm, der im Dünndarm der Tiere lebt. Die Infektion erfolgt dabei durch die orale Aufnahme von Spulwurmeiern im Waschbärkot, zum Beispiel bei der Säuberung von Waschbärlatrinen. Während über 70 Prozent der Waschbären der mitteldeutschen Population mit dem Waschbärspulwurm infiziert sind, wurde bislang bei keinem Waschbär aus dem brandenburgischen Verbreitungsgebiet eine Spulwurminfektion diagnostiziert. In Sachsen-Anhalt wurde eine Infektionsrate von 39 Prozent gemessen, weswegen dieses Gebiet eine wichtige Rolle als Verschmelzungsgebiet der beiden großen Populationen zu spielen scheint. Weil der Mensch für den Spulwurm ein Fehlwirt ist, sind Erkrankungen aber sehr selten.

Autofahrer-Mantel aus Waschbär-Fellen

Autofahrer-Mantel aus Waschbär-Fellen

Das Waschbärfell stellt einen wesentlichen Anteil der Pelzbekleidung und Pelzaccessoires. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in Nordamerika so viele Waschbären für die Pelzherstellung erlegt, dass ihre Anzahl gebietsweise deutlich zurückging. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurde er daher erstmals in größerem Umfang gezüchtet, was aber sowohl in Nordamerika als auch in Europa bald wieder aufgegeben wurde. Immerhin gab es 1934 in Deutschland 228 Betriebe, die Waschbären züchteten, mit insgesamt allerdings nur 1583 Tieren. Nachdem zu Beginn der 1940er Jahre Langhaarpelze aus der Mode kamen und somit die Preise fielen, kommen bis heute praktisch ausschließlich Felle von Wildtieren in den Handel. Im Pelzhandel wird auf den Rauchwarenauktionen das Marderhundfell, wohl wegen seines in Teilen waschbärähnlichen Aussehens, mit dem irreführenden Namen Finnraccoon oder Chinesisch Raccoon (raccoon = engl. Waschbär) angeboten; hier kommt es gelegentlich zu Verwechslungen. Waschbärfelle werden zu Mänteln, Jacken oder Mützen, beispielsweise auch zu den typischen Trappermützen, verarbeitet.

In der indianischen Mythologie war der Waschbär das Thema zahlreicher Sagen. Geschichten wie “How raccoons catch so many crayfish” (deutsch: „Wie Waschbären so viele Krebse fangen“) vom Stamm der Tuscarora drehten sich um sein außergewöhnliches Geschick bei der Nahrungssuche. In anderen Erzählungen spielte der Waschbär, ähnlich wie der Rotfuchs in mitteleuropäischen Sagen, die Rolle des Tricksters, der andere Tiere wie Kojoten und Wölfe überlistet. Unter anderem glaubten die Dakota Sioux daran, dass der Waschbär aufgrund seiner Gesichtsmaske, die der von ihnen bei Ritualen getragenen Gesichtsbemalung ähnelte, über magische Kräfte verfügte. Die Azteken sprachen übernatürliche Fähigkeiten vor allem den Weibchen zu. Der englische Name des Waschbären, „Raccoon“, leitet sich vom Wort „Aroughcun“ oder „Ahrah-koon-em“ ab, den die Algonkin dem Tier gaben, was soviel wie „der mit den Händen kratzt“ bedeutet.

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3 Kommentare zu Mensch und Waschbär

  1. Sonja sagt:

    Coole Infos, das sind trotzdem meine lieblings Tiere 🙂

    • tylacosmilus sagt:

      Das Video zeigt nur den „Verbrechercharakter“ der Tiere.
      Aber ich mag sie eigentlich auch. Ist ja nicht ihre Schuld, dass sie teilweise zur Plage werden.

  2. Martina Berg sagt:

    Danke für diesen informativen Beitrag. Und ich mag die kleinen Räuber auch ausgesprochen gern, möchte aber auch keinen auf dem Dachboden haben! 😉

    Habe vor einiger Zeit auch mal einen kleinen Waschbären-Artikel auf meinem Blog veröffentlicht:

    http://www.kuriosetierwelt.de/waschbaren-metropole/

    Liebe Grüsse
    Martina

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