Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

10.03.2014, Universität Hohenheim
Trend-Hobby Imker: Bienen werden zum neuen Lifestyle-Accessoire
Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim: Imkerei erlebt neuen Hype / Biodiversität bleibt für Bienen überlebenswichtig / zusätzlicher Schutz für die Wildbienen erforderlich
Überfüllte Seminarräume, lange Wartelisten für Studienbewerber, steigende Mitgliederzahlen bei jungen Hobby-Imkern: Die Biene erfreut sich dieser Tage einer Beliebtheit, wie schon seit 30 Jahren nicht mehr. Das zeigt sich auch daran, dass die Zahl der Bienenvölker in den letzten Jahren weltweit wieder gestiegen ist. „Solange die Weltmarkt-Preise für Honig und Bestäubung stimmen, wird es auch Imker und Bienen geben“, so Dr. Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienen der Universität Hohenheim, auf der Pressekonferenz zur 50-Jahr-Feier am vergangenen Sonntag. In Deutschland kommt hinzu, dass immer mehr Menschen der Faszination der Bienenhaltung erliegen und zum Schutz der Natur beitragen möchten. Trotzdem warnt der Bienen-Experte: „Die Forschung und der Schutz zum Erhalt der Bienen muss weiterhin ernst genommen werden.“ Dazu gehören ein gesteigertes Verständnis für Pestizide, Parasiten und Krankheiten und die Förderung wichtiger Lebensräume wie Streuobstwiesen. Denn vor allem die Lebensräume der Bienen werden durch den Menschen immer kleiner und gefährden ihren Erhalt für die Zukunft. Und die von den Imkern gehaltenen Honigbienen sind ein unverzichtbarer Indikator für diese Fehlentwicklungen.
Eine Wirtschaftsleistung von geschätzten 2 Milliarden Euro pro Jahr allein in Deutschland und geschätzten 70 Milliarden Dollar weltweit, außerdem ein jährlicher Honigverzehr in Deutschland von fast 100.000 Tonnen: Das alles machen die fleißigen Bienen-Arbeiterinnen möglich und summen sich so an Platz 3 der wichtigsten Nutztiere in Deutschland hinter Schweinen und Rindern.
So nutzträchtig die kleinen Insekten auch sind, so gefährdet sind sie vor allem durch den Flächenverbrauch. Um auch weiterhin ihren Erhalt zu sichern, suchen die Wissenschaftler der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim nach neuen Lösungsansätzen für das Überleben der Bienen in der heutigen Kulturlandschaft.
Deutschlands letzte Hochburg für universitäre Bienenkunde
Seit 50 Jahren gibt es die Landesanstalt, die Imkertradition existiert bereits seit fast 175 Jahren an der Universität Hohenheim. Als die letzte Einrichtung deutschlandweit, an der angewandte Bienenkunde noch an einer Universität gelehrt wird, ist sie nicht nur führend im Bereich der Bienenpathologie und dem Konfliktfeld Pflanzen- versus Bienenschutz.
Sie hat auch maßgeblich dazu beigetragen, den hohen Stellenwert der Biene für Wirtschaft und Umwelt wieder in den Fokus der Öffentlichkeit und der Politik zu rücken. Das zeigen auch die von der Landesanstalt betreuten Bienen, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann seit zwei Jahren in seinem Garten hält.
Bienenzucht ist neues Mode-Hobby
Dr. Rosenkranz erinnert sich: „Damals, als ich mit meinem Studium begann, herrschte ein richtiger Hype um Bienenkunde, viele wollten besonders grün sein und Bienen haben. Das hat dann lange Jahre stark nachgelassen.“
Nun sei das Interesse wieder da, wie der Bienen-Kundler berichten kann: „Mittlerweile haben wir bis zu 150 Bewerbungen von Studieninteressierten, obwohl wir nur 50 aufnehmen können. Auch unsere Imker-Seminare sind so überfüllt, dass wir sie auf zwei Räume aufteilen müssen.“ Die Zeiten, in denen die Bienenkunde als exotisches Orchideenfach angesehen wurde, seien vorbei.
Imkerei wird schwieriger / Wildbienen stark gefährdet
Doch obwohl die nackten Zahlen zur Entwicklung der Imkerei durchaus positiv sind, kann noch lange keine Entwarnung gegeben werden, so Dr. Rosenkranz. „Alle Bienen sind immer noch vielen Gefahren ausgesetzt, vor allem im Bereich der Pestizide und der Parasiten.“
Es seien besonders Wildbienen, die stark gefährdet seien. „Honigbienen wird es immer geben, solange der Imker sie vor diesen Gefahren schützt und der Honigpreis stimmt. Wildbienen haben diesen Luxus allerdings nicht. Viele ihrer Lebensräume sind durch den Menschen und seiner Verbreitung in den letzten Jahren zerstört worden.“
Und Lebensräume, die der Mensch nutzt und die überlebenswichtig für die Wildbienen sind – wie z. B. die Streuobstwiesen – werden häufig nicht gepflegt. „Eine Streuobstwiese zu besitzen ist immer auch mit Aufwand verbunden“, so der Bienen-Experte aus Hohenheim. „Und viele sind nicht bereit, diesen Aufwand auf sich zu nehmen. Zum Leidwesen der Bestäuberinsekten.“
2,3 Millionen Euro Forschungsförderung durch FIT BEE
Um den Erhalt der Biene auch für die Zukunft zu sichern, versuchen die Wissenschaftler aus Hohenheim auch die Bedürfnisse der Landwirtschaft zu berücksichtigen und alternative Lösungen zu finden. Zwei EU Projekte und das mit 2,3 Mio. Euro geförderte Projekt „FIT BEE“ sind das Resultat dieses Engagements.
„FIT BEE beschäftigt sich mit allen Aspekten der Bienengesundheit“, erklärt Dr. Rosenkranz. „Dazu gehören Umwelteinflüsse, Pflanzenschutzmittel, Bienenkrankheiten, jeweils in Bezug auf Einzelbienen und das ganze Bienenvolk.“
Mit Sexual-Duftstoff gegen die Varroa-Milbe
Eines der Teilprojekte von FIT BEE beschäftigt sich mit der für Bienen tödlichen Varroa-Milbe. Die Forscher haben den Sexual-Duftstoff identifiziert, mit dem man die männlichen Milben verwirren und sie so an der Fortpflanzung hindern kann.
Bisher blieb den Imkern nichts anderes übrig, als die Bienenstöcke mit Ameisen-, Milch- und Oxalsäure zu behandeln. Zwar sei es noch ein langer Weg, bis der Duftstoff ausgereift ist, so Dr. Rosenkranz, die ersten Ergebnisse seien aber vielversprechend.
Bestandsaufnahme des Pestizid-Einsatzes in der Landwirtschaft
Auch dem Pestizid-Einsatz in der Landwirtschaft wollen die Bienen-Kundler nachgehen und Lösungsansätze vorschlagen. „Viele Pestizide töten Bienen zwar nicht sofort, langfristig können jedoch erhebliche Schäden entstehen.“
Im Zuge von FIT BEE erfassen die Hohenheimer Forscher inwieweit der Pestizid-Einsatz zum Bienensterben in Baden-Württemberg beiträgt. Hierfür testen sie, wie viele Wirkstoffe die Bienen vom Feld in den Bienenstock bringen und welche Auswirkungen das auf den Organismus „Bienenvolk“ hat.
Pestizidfreie Blüten dank neuer Spritztechniken
Zeitgleich entwickeln die Bienen-Kundler auch neue Möglichkeiten des Pflanzenschutzes, die von Landwirten genutzt werden können, ohne den Bienen zu schaden. „Ein Ansatz sind neue Spritztechniken, die die Pestizide von den Blüten fernhalten.“ Für die Landwirtschaft sei dies kein Schaden, denn Parasiten und Pilze befallen oft nur die grünen Pflanzenteile, „die Blüte selbst ist nicht betroffen“.
„Mit neuen Spritztechniken, die nur auf den grünen Stängel zielen, würde die Blüte und damit auch die Biene weitgehend pestizidfrei bleiben“, so die Prognose des Bienen-Experten. „Als Alternative arbeiten wir aber auch an einem Duftstoff, der die Bienen von bestimmten Pflanzen fernhalten soll, ohne sie zu schädigen.“

10.03.2014, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
Weidende Tiere federn den Biodiversitätsverlust ab, den Düngung verursacht
Weidende Tiere wirken dem Verlust an Biodiversität, den die Düngung von Wiesen verursacht, teilweise entgegen. Da sie vorwiegend hochwüchsige Pflanzen fressen, fördern sie indirekt niedrigwüchsige Pflanzen, die vom zusätzlichen Licht profitieren und die Artenvielfalt bereichern. Dies berichtet ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und der Universität Zürich im Fachjournal Nature.
Düngemittel führen weltweit in Wiesen- und Weideökosystemen zu einer Abnahme der Artenvielfalt. Schnell- und hochwüchsige Kräuter und Gräser überleben dann auf Kosten aller anderen Pflanzen. Denn in gedüngten Wiesen- und Weideökosystemen stehen Nährstoffe praktisch unbeschränkt zur Verfügung, so dass sich die Konkurrenzverhältnisse zwischen den Arten verschieben. Das gilt gemäss der im Wissenschaftsjournal „Nature“ veröffentlichten Ergebnisse der Studie weltweit: Die Konkurrenz der Wurzeln um Nährstoffe wird durch das Ausbringen von Düngemitteln abgeschwächt oder sogar aufgehoben, es findet nur noch oberirdische Konkurrenz um Licht statt. Das Sonnenlicht wird dadurch zum limitierenden Faktor für das Pflanzenwachstum.
Pflanzenfressende Tiere können helfen
Durch Düngung werden vor allem schnell- und hochwüchsige Pflanzenarten gefördert. Auf der WSL-Forschungsfläche in der Val Müstair (Graubünden) ist das beispielsweise der Blaue Eisenhut, der weniger wüchsige Pflanzen beschattet, also von der Lichtquelle abschneidet und zum Absterben bringt. „Dadurch nimmt die Biodiversität dramatisch ab; ein weltweites Phänomen, das nicht nur Wiesen- und Weideökosysteme betrifft“, sagt Anita Risch von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Verringert sich jedoch die Verfügbarkeit von Nährstoffen, was zum Beispiel in Trockenperioden passiert, können sich die hochwüchsigen Arten nicht an die veränderten Umweltbedingungen anpassen, kümmern oder gehen im Extremfall ein.
Pflanzenfressende Tiere (Herbivoren) können unter gewissen Bedingungen den Verlust an Biodiversität verlangsamen, wie die Studie zeigt. Wenn Tiere die hochwüchsigen Pflanzen abweiden, steht trotz hohem Nährstoffangebot weniger wüchsigen Pflanzenarten genügend Licht zur Verfügung, so dass die meisten von ihnen überleben und das Ökosystem stabilisieren können.
Ein internationales Forschungsnetzwerk
Verschiedene Forschungsteams erhoben im Rahmen des sogenannten „Nutrient Network“ auf fünf Kontinenten Daten, beispielsweise in afrikanischen Savannen, der nordamerikanischen Prärie und hochalpinen Weiden. Dadurch sind nun global gültige Aussagen über den Einfluss von Nährstoffeintrag möglich. Zwei der fünf in Europa gelegenen Versuchsflächen liegen in der Schweiz. Anita Risch und Martin Schütz (WSL) erhoben ihre Daten in der Val Müstair, Yann Hautier vom Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich am Zugerberg. „Es ist für einen Wissenschafter sehr motivierend, wenn mehr als 70 Forscherteams mit Enthusiasmus an einem weltweiten Projekt zusammenarbeiten. Dies geschieht mit minimalem Aufwand für Koordination und Logistik“, sagt Martin Schütz von der WSL.
Konkurrenz um Licht, Wasser und Nährstoffe
In der Theorie konkurrieren zwei Pflanzenarten, die gemeinsam an demselben Ort wachsen, sowohl unterirdisch als auch oberirdisch um dieselben natürlicherweise beschränkten Güter: die Wurzeln im Boden um Wasser und Nährstoffe (vor allem Stickstoff und Phosphor) und die Sprosse über der Erdoberfläche um Licht. Während Licht zwar vom Menschen in künstlichen Systemen zum Beispiel im Gewächshaus mit Lichtquellen manipuliert werden kann, ist dies in natürlichen Ökosystemen nicht der Fall: Die Sonne sorgt für ziemlich konstante Lichtdosen. Ganz anderes gilt bezüglich Nährstoffen: Der Mensch greift global und in sämtlichen Ökosystemen in den Nährstoffkreislauf ein, ob absichtlich mit Dünger zur gezielten Produktivitätssteigerung von Nahrungs- und Futtermitteln oder unabsichtlich, indem Nährstoffe aus Landwirtschaft, Industrie und aus der Verbrennung von fossilen Brennstoffen in die Atmosphäre gelangen, weltweit verfrachtet und wieder deponiert werden.
Wissenschaftliche Publikation: Borer, E.T., Seabloom, E.W. et al., 2014: Herbivores and nutrients control grassland plant diversity via light limitation. Nature, doi:10.1038/nature13144.

10.03.2014, Gemeinsame Pressemitteilung des Deutschen Rates für Vogelschutz (DRV) und dem Bundesamt für Naturschutz (BfN)
Erste Rote Liste wandernder Vogelarten vorgelegt
• 500 Millionen Zugvögel ziehen jährlich über Deutschland – knapp 25 Prozent der Arten stehen auf der Roten Liste
• Effektive Schutzmaßnahmen für Flugrouten und Rastplätze international erforderlich
Bonn, 10. März 2014: Zum ersten Mal wurde eine Rote Liste der wandernden Vogelarten in Deutschland erarbeitet und vom Deutschen Rat für Vogelschutz (DRV) und dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) präsentiert. Ein Viertel aller Zugvogelarten stehen auf der Roten Liste. Die Ergebnisse zeigen die hohe internationale Bedeutung Deutschlands für wandernde Vogelarten wie die Brandgans auf, von der 80 Prozent des nordeuropäischen Bestands auf die Elbmündung als Mauserplatz angewiesen ist. Deutlich wird ebenso die Abhängigkeit der nationalen Zugvogelbestände von effektiven internationalen Schutzmaßnahmen auf den Flugrouten, Rast- und Brutplätzen.
„Nach den für die neue Liste erhobenen oder geschätzten Daten ziehen etwa 500 Millionen Zug-vögel jedes Jahr durch Deutschland, die sich auf 279 regelmäßig vorkommende Vogelarten verteilen“, erläutert Dr. Hans-Günther Bauer, Koordinator des Rote-Liste-Gremiums und Wissenschaftler an der Vogelwarte Radolfzell. Sie zu bewerten, sei erheblich schwieriger als bei den etwa 86 Millionen Vogelpaaren, die in Deutschland brüten. „Die 28 Brutvogelarten, die bei uns überhaupt nicht wandern, bilden eine kleine Minderheit“, so Bauer. Die neue Liste berücksichtigt erstmals auch einige Unterarten und gut unterscheidbare Populationen mit unterschiedlichem Zugverhalten.
Der Gefährdungsgrad einer Art wurde aus ihrer Häufigkeit und ihren Bestandsveränderungen ermittelt. Insgesamt wurde fast ein Viertel aller Arten als bestandsgefährdet eingestuft, darunter Kornweihe, Rotschenkel, Kuckuck und Ortolan. Weitere 10 Prozent stehen auf der Vorwarnliste. Die Bestände dieser Arten gehen bereits merklich zurück. Zu ihnen zählen Kiebitz, Turteltaube und Trauerschnäpper.
„Die Situation bei den Zugvögeln ist zwar insgesamt etwas besser als bei Deutschlands Brutvögeln, denn dort stehen 42 Prozent auf der Roten Liste und weitere acht Prozent auf der Vorwarn-liste“, erklärte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. Doch gäbe es bei bestimmten wandernden Vogelarten besondere Sorgenkinder. „Bedroht sind vor allem die weitziehenden Arten, die bis südlich der Sahara fliegen, während solche mit nur kurzen Wanderungen innerhalb Europas weniger gefährdet sind. Leider finden sich auch Arten der Agrarlandschaft und der Küsten und Meere überproportional häufig auf der Roten Liste“, so die BfN-Präsidentin.
Nach Ansicht der Autoren der Roten Liste hat Deutschland eine wichtige Funktion als Drehscheibe des Vogelzugs. Daher müsse sich Deutschland seiner Bedeutung für viele Zugvogelarten stärker bewusst werden und auch engagieren. Das Wattenmeer etwa gilt als das wichtigste Rastgebiet für Watvögel auf dem Weg von Sibirien nach Westafrika und die norddeutsche Tiefebene als wichtigstes Winterquartier arktischer Wildgansarten. 80 Prozent des nordeuropäischen Bestands der Brandgans versammelt sich im Sommer zur Mauser auf Sandbänken vor der Elbmündung. Ein Viertel des global bedrohten Weltbestands der Samtente überwintert in der deutschen Ostsee, wo die Art durch Beifang in Fischernetzen gefährdet ist. Jeder fünfte Sterntaucher überwintert in deutschen Nordseegewässern, wo sein Lebensraum durch Windenergieanlagen eingeschränkt wird. Ein Großteil des Weltbestands der bedrohten Waldsaatgans überwintert in Ostdeutschland und leidet dort unter der Jagd auf ähnliche Verwandte. „Hier sehen wir die neue Bundesregierung in der Pflicht“, betont Dr. Ommo Hüppop vom Institut für Vogelforschung Wilhelmshaven, der Erstautor dieser Roten Liste. Die Bundesregierung habe sich im Koalitionsvertrag zu einem verbesserten Schutz von Zugvögeln bekannt.
Die Rote Liste wurde durch ein vom Deutschen Rat für Vogelschutz (DRV), dem Zusammenschluss deutscher Vogelschutzverbände, -behörden und wissenschaftlichen Institute, eingesetztes Fachgremium erarbeitet. Sie bildet den neuen Fachstandard für die Bewertung der Gefährdung von Vogelarten bei Projekten und Planungen in Deutschland außerhalb der Brutzeit und ergänzt damit die Rote Liste der Brutvögel.
Hintergrund
Das Nationale Gremium Rote Liste Vögel ist ein vom Deutschen Rat für Vogelschutz eingesetztes Gremium, das die Roten Listen der Vögel Deutschlands erstellt. Es setzt sich aus Vertretern des Deutschen Rates für Vogelschutz (DRV), der Länderarbeitsgemeinschaft der Staatlichen Vogelschutzwarten (LAG VSW), der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G), des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten (DDA), der Arbeitsgemeinschaft der Vogelwarten (AG Vogelwarten) und des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zusammen.
Die Rote Liste wandernder Vogelarten wurde veröffentlicht im jetzt erschienenen Band 49/50 (2013) der „Berichte zum Vogelschutz“, der vom Deutschen Rat für Vogelschutz (DRV) und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) herausgegebenen Zeitschrift. Exemplare dieser Zeitschrift können unter bzv@lbv.de bzw. beim LBV-Artenschutzreferat, Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein zum Stückpreis von 15€ zzgl. Versandkosten bestellt werden.
Deutsche und englische Zusammenfassungen der Publikation stehen unter http://www.drv-web.de/zeitschrift/aktuellesinfo/ zur Verfügung.

11.03.2014, Verein Pfotenhilfe
Igel erwachen zu früh aus dem Winterschlaf
Achtung: Temperaturen unter +8Grad sind für Igel lebensbedrohlich – noch nicht aussetzen
Wien (OTS) – Die momentanen warmen Temperaturen locken nicht nur uns Menschen wieder ins Freie, auch Igel, die in der Regel von Anfang Oktober bis Ende März ihren Winterschlaf halten, werden von den wärmenden Sonnenstrahlen viel zu früh ins Freie gelockt. Aber Achtung – Nachttemperaturen unter acht Grad und der dadurch entstehende
Mangel an Nahrung können für die kleinen Vierbeiner fatale Folgen haben.
Wenn Sie einem Igel winterlichen Unterschlupf gewähren, lassen Sie sich von den warmen Temperaturen nicht in die Irre führen und behalten Sie Ihren Schützling zu seinem Wohl noch ein paar Wochen im Haus, da er momentan noch zu wenig Futter finden würde. Da Igel während des Winterschlafs keine Nahrung zu sich nehmen, sondern von
ihren Fettreserven leben, haben sie bis zum Erwachen im Frühling rund 30 Prozent ihres Körpergewichts verloren. Igel sind keine Nagetiere, sondern Insektenfresser. Um wieder zu Kräften zu kommen, suchen die Tiere nach Regenwürmern, Larven, Schnecken, Spinnen, Käfern und sonstigen Insekten. Zwar kommt es immer wieder vor, dass sie beim
Verputzen von überreifem Fallobst gesichtet werden, was aber nicht des Obstes wegen geschieht, sondern wegen der darin enthaltenen Würmern und Raupen. „Um diese Jahreszeit finden Igel jedoch noch nicht genügend Insekten, um sich ausreichend ernähren zu können.
Behalten Sie Ihren Schützling also vorerst noch in seinem wohlbehüteten Winterquartier.“ meint Sascha Sautner, Sprecher der Pfotenhilfe. „Ich bitte Sie außerdem, Laubhaufen in Ihrem Garten noch nicht zu entfernen, da sie von freilaufenden Igeln gerne als Kälteschutz genützt werden.“ so Sautner. Bei der Nahrungssuche überqueren Igel oft auch gefährliche Straßen und leider werden jedes Jahr zahlreiche Tiere durch Autos verletzt oder getötet. „Begegnet Ihnen ein Igel am Straßenrand, nehmen Sie das Tier am besten mit einem Tuch oder Handschuhen hoch und setzen es in
Laufrichtung auf die andere Straßenseite um Kollisionen mit Fahrzeugen zu vermeiden.“ so Sautner. Findet man sichtbar verletzte, röchelnde, stark abgemagerte oder hustende Igel, sollte man diese unverzüglich dem nächsten Tierarzt melden. Erreichen Sie diesen nicht, stehen örtliche tierärztliche Notfalldienste wie die
Tierrettung oder die Igelpflegestation der Pfotenhilfe Lochen jederzeit zur Verfügung. Werden Sie gebeten das verletzte Tier vorbei zu bringen, notieren Sie unbedingt den Fundort, damit das Tier, sobald es versorgt wurde, wieder in seiner natürlichen Umgebung freigelassen werden kann.

12.03.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Vorläufer des europäischen Nashorns in Vietnam entdeckt
Tübingen, den 12.03.2014. Zwei bisher unbekannte fossile Säugetierarten konnte ein Wissenschaftlerteam der Universität Tübingen und des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment Tübingen bergen. Diese Tiere lebten vor etwa 37 Millionen Jahren. Die neu beschriebenen Säugetiere zeigen eine überraschend enge Verwandtschaft zu fossilen Arten, die aus europäischen Fossil-Fundorten bekannt sind.
Der Fundort: Der vietnamesische Braunkohletagebau Na Duong. Hier gelangen den Forscherinnen und Forschern noch eine ganze Reihe weiterer fossiler Neuentdeckungen, darunter drei Krokodil- und mehrere Schildkrötenspezies.
Südostasien gilt als eine schon seit Urzeiten besonders artenreiche Region, ein sogenannter Hotspot der Biodiversität. Seit einigen Jahrzehnten vermuten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass im späten Eozän, vor ca. 38-34 Mio. Jahren, enge Beziehungen zwischen der Tierwelt in dieser Region und Europa bestanden. Mit den aktuellen Funden aus Na Duong konnte das Forschungsteam um Prof. Madelaine Böhme belegen, dass einige europäische Arten in Südostasien ihren Ursprung hatten.
Nashorn und Kohleschwein
Eines der neu beschriebenen Säugetiere ist ein Nashorn, Epiaceratherium naduongense. Die Anatomie seiner Knochenüberreste lassen vermuten, dass es wahrscheinlich ein Waldbewohner war. Bei der zweiten Art handelt es sich um ein sogenanntes „Kohleschwein“, Bakalovia orientalis. Dieser schweineähnliche Paarhufer, der mit Flusspferden nah verwandt ist, lebte semiaquatisch, hielt sich also gern im Wasser der Uferbereiche auf. Na Duong war damals ein bewaldetes Sumpfgebiet um den RhinChua-See. Die Überreste der Säugetiere weisen Spuren von Krokodilangriffen auf. Am Fundort Na Duong sind tatsächlich Krokodile von bis zu sechs Metern Länge fossil erhalten.
Von Insel zu Insel in Richtung Europa
Im Späten Eozän sah das europäische Festland noch ganz anders aus als heute. Italien und Bulgarien waren Teile einer Inselkette im Tethys-Ozean. Diese Inseln reihten sich über mehrere Tausend Kilometer zwischen dem späteren Europa und Indien auf. Europäische Fossilfunde aus dieser Zeit sind äußerst selten, da in diesen Gebieten durch die Auffaltung von Gebirgen und Erosion wenig Material erhalten blieb. Doch die beiden neuen Spezies hatten hier Verwandte: Ein Nashorn Epiaceratherium bolcense, das dem aus Na Duong ähnelt, wurde in Italien gefunden (Monteviale). Funde von Epiaceratherium magnum aus Bayern zeigen, dass Nashörner spätestens vor 33 Mio Jahren Kontinentaleuropa erreichten und sich im gesamten Gebiet verbreiteten.
Das Kohleschwein hat es nicht ganz bis aufs europäische Festland geschafft – aber sehr wohl bis auf die sogenannte Balkano-Rhodopen-Insel. Im heutigen Bulgarien ist ein fossiles Kohleschwein, das mit Bakalovia orientalis große Ähnlichkeit hat, gefunden worden.
Forschen zwischen Kohlestaub und Bagger
Der Tagebau Na Duong ist noch aktiv. Während die Wissenschaftler graben, wird an anderer Stelle Braunkohle gewonnen. Seit 2008 erforscht das internationale Wissenschaftlerteam um Prof. Dr. Madelaine Böhme vom Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) der Universität Tübingen in Vietnam das urzeitliche Ökosystem und die Fossilien von Na Duong.
Dabei stellte sich heraus, dass die Kohleflöze eine global bedeutsame Fossil-Lagerstätte aus der älteren Erdneuzeit, dem Paläogen, bargen. Ursprünglich hatte man hier Fossilien aus der jüngeren Erdneuzeit (bis vor 23. Mio Jahren) vermutet.
Das Ökosystem, das die Forscherinnen und Forscher aus Vietnam, Frankreich und Deutschland nun von Grabungssaison zu Grabungssaison besser kennenlernen und rekonstruieren, ist ein 37 Mio. Jahre alter Sumpfwald in tropischem bis subtropischem Klima. Pro Hektar wuchsen hier ca. 600 Bäume; die Kronen erreichten 35 Meter Höhe.
Publikation
Böhme, M. et al.; Na Duong (northern Vietnam) – an exceptional window into Eocene ecosystems from Southeast Asia, Zitteliana A 53, 120 A 5 (2014).
Online: http://www.palmuc.de/bspg/images/pdf/10_boehme.pdf

12.03.2014 08:33
Marmorkarpfen: Von 5 auf 150 Zentimeter in 37 Millionen Jahren
Dr. Sören Dürr Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Tübingen, den 12.03.2014. Bei Ausgrabungen im vietnamesischen Braunkohle-Tagebau Na Duong entdeckte ein Team der Universität Tübingen und des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment Tübingen den weltweit ältesten Marmorkarpfen. Planktophaga minuta ist gleichzeitig mit einer Länge von nur 5 Zentimetern der kleinste bekannte fossile Vertreter der ostasiatischen Tiergruppe. Heutige Marmorkarpfen zählen mit bis zu 1,5 Metern Länge und über 50 Kilogramm Gewicht zu den größten lebenden Karpfenfischen.
Seit 2008 erforscht ein internationales Wissenschaftlerteam um Prof. Dr. Madelaine Böhme vom Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) der Universität Tübingen in Vietnam urzeitliche Ökosysteme und Fossilien. Dabei sind die Wissenschaftler auf ca. 37 Millionen Jahre alte Ablagerungen des RhinChua-Sees aus dem späten Eozän gestoßen. Die im Süßwasser abgelagerten Sedimente entpuppten sich als reich an fossilen Tieren und Pflanzen. Daher wird der RhinChua-See von den Forschern auch als „asiatisches Messel“ bezeichnet.
Bei den Untersuchungen entdeckte das Forscherteam Zähne einer völlig neuen Tiergattung und -art: Der bisher älteste bekannte Marmorkarpfen, Planktophaga minuta, ist ein Vertreter der „East Asian group of Leuciscinae“. Mit einer Länge von ca. 5 Zentimetern ist er der kleinste fossile Vertreter der ostasiatischen Tiergruppe und ein Winzling im Vergleich zu den Marmorkarpfen der Gegenwart. Heutzutage zählen diese zu den größten lebenden Karpfenfischen: Sie werden bis zu 1,5 Meter lang und bis zu 50 Kilogramm schwer.
Planktophaga minuta und seine Verwandten
Neben Planktophaga minuta (zu deutsch: kleiner Planktonfresser) sind sechs weitere Karpfenarten im RhinChua-See entdeckt worden. Sie alle haben lebende Verwandte, die noch heute im Pearl- und Yangtse-Flusssystem Chinas heimisch sind. Das beweist, dass die Wurzeln der heutigen Süßwasserfisch-Fauna in Ostasien weit zurück reichen.
Marmorkarpfen im Exil
Ursprünglich ist der Marmorkarpfen in größeren Flüssen und stehenden Gewässern Südchinas beheimatet. In den sechziger Jahren wurden Marmorkarpfen in Europa, darunter auch in Deutschland, zur Bekämpfung von Wasserpflanzen eingeführt. Später erst stellten Forscher fest, dass sie diesen „Auftrag“ nicht erfüllten, da sie sich hauptsächlich von tierischem Plankton ernähren. In Europa leben ausgesetzte Marmorkarpfen in Weihern, Seen und vereinzelt in Fließgewässern.
Publikation
Böhme, M. et al.; Na Duong (northern Vietnam) – an exceptional window into Eocene ecosyxtems from Southeast Asia, ZittelianaA 53, 120 A 5 (2014).
Online: http://www.palmuc.de/bspg/images/pdf/10_boehme.pdf

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