Das neue Säugetierguthaben

Aus der Einleitung des neuen Säugetierguthabens:
Mit dem vorliegenden Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren wird das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Jahre 1996 herausgegebene Vorgängergutachten grundlegend überarbeitet und abgelöst. Damit soll der aktuelle wissenschaftliche und tierhalterische Kenntnisstand möglichst umfassend berücksichtigt werden. Einen wesentlichen Anstoß für das neue Gutachten gab zudem der Deutsche Bundestag mit seinem Beschluss vom 6. Mai 2009 (Bundestags-Drucksache 16/12868), der sich auf die Überarbeitung der Haltungsanforderungen für Delfine bezog.

Das Guthaben von 1996 hat 76 Seiten, das neue 300. Aber das es umstritten ist, wird sowohl von Seiten der Tierschutz(Tierrechts)organisationen als auch der Zoologischen Gärten immer wieder betont und ist auch am Ende des Guthabens niedergelegt.
Beide Seiten konnten sich nicht einigen und so mussten viele Kapitel am Ende von unabhängigen Sachverständigen formuliert werden – von Tierärzten und Wissenschaftlern, die als dritte Partei ebenfalls an der Erstellung des Gutachtens beteiligt waren, aber nur bedingt mit der Haltung von Tieren vertraut sind.

Auch wenn der Verband Deutscher Zoodirektoren e. V. (VDZ) das überarbeitete Gutachten begrüßt, kritisiert er Teile davon. Darin sind auch Maßnahmen enthalten, die den Tieren sogar schaden könnten. Dies gilt zum Beispiel für die Forderung, das Sozialverhalten von Primaten in Zoos stärker zu kontrollieren und gegebenenfalls zu korrigieren. Die Forderung zielt unter anderem darauf ab, miteinander streitende Tiere schneller als bisher voneinander zu trennen. „Streit gehört bei Affen wie bei uns Menschen zum Leben dazu – auch im Zoo. Er hilft, eine funktionierende Gruppe zu bilden. Zu schnelles Eingreifen hingegen kann sich negativ auf die Sozialstruktur auswirken und stellt somit eine Gefahr dar“, sagt Theo Pagel, Präsident des Verbands deutscher Zoodirektoren e.V. (VDZ).
Nach Auffassung des Verbands entbehrt das Dokument teilweise einer wissenschaftlichen Grundlage. Viele Neuformulierungen basieren lediglich auf Kompromissen zwischen überzogenen Forderungen der Vertreter von Tierschutzorganisationen und den auf tierhalterischen Erfahrungen basierenden Positionen der Zoovertreter.

Die beteiligten Tierschutzverbände sind ebenso unzufrieden mit dem Ergebnis, weil trotz des langwierigen und aufwändigen Überarbeitungsprozesses insgesamt die Chance auf ein umfassend modernes und dem Tierschutzgesetz entsprechendes Regelwerk verpasst wurde. Aus diesem Grund unterzeichneten die Sachverständigen der Tierschutzseite, James Brückner (Deutscher Tierschutzbund e.V.), Torsten Schmidt (Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.) und Laura Zimprich (animal public e.V.) das Gutachten nur unter Verweis auf ein entsprechend ausführliches Differenzprotokoll. Vor allem in Bezug auf die Delfinhaltung zeigen sich die Sachverständigen unzufrieden.

Für eine sozial intakte Gruppe von bis zu 5 erwachsenen Großen Tümmlern gelten im neuen Gutachten folgende Mindestmaße: Die frei zugängliche und von den Tieren voll nutzbare Gesamtfläche des Mehrbeckensystems muss mindestens 600 m2 mit einem Wasservolumen von mindestens 2.200 m3 betragen. Für jedes weitere Tier ist zusätzlich eine Wasserfläche von 75 m2 mit einem Wasservolumen von 300 m3 erforderlich.
Das alte Gutachten verlangte eine Mindestoberfläche von 400 m2 betragen. Für jedes weitere Tier waren zusätzlich 75 m2 erforderlich. Das Gesamtwasservolumen sollte mindestens 1.500 m3 betragen, für jedes weitere Tier 250 m3.
Das neue Gutachten schreibt Innen- und Außenanlagen vor, das alte Außenanlagen nur dann, wenn die Schwankungen der Luft- und Wassertemperatur für die Tiere verträglich, die Luftqualität unbedenklich und die Wasserbecken eisfrei gehalten werden können.
Das neue Gutachten ist in vielen Ausführungen ausführlicher, aber den einen nicht ausführlich genug, den anderen zu überzogen.
Es lohnt ein Blick in das Gutachten (herunterladen kann man es sich hier). Jeder kann sich selbst ein Bild von den Problemen der beteiligten Parteien machen, in den Differenzprotokollen werden von beiden Seiten Vorschläge gemacht, die vielleicht überzogen sind, manchmal aber sinnvoll. Es bleibt abzuwarten wielange das nächste Gutachten auf sich warten lässt

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2 Kommentare zu Das neue Säugetierguthaben

  1. Sabine Arndt sagt:

    Vielen Dank für diesen besonders informativen Artikel!
    Das Beispiel der Großen Tümmler finde ich sehr überzeugend. Es zeigt anschaulich, wie schwierig eine ideale Lösung ist.

  2. tylacosmilus sagt:

    Das ist vielleicht auch noch von Interesse:

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