Wissenswertes über Giftschlangen

Uracoan-Klapperschlange (Tierpark Berlin)

Uracoan-Klapperschlange (Tierpark Berlin)

Als Giftschlangen werden Schlangen bezeichnet, die zur Jagd auf Beute und zur Verteidigung Giftstoffe einsetzen. Durch das bei dem Biss injizierte Gift wird das Beutetier getötet oder ein Angreifer zumindest vergiftet. Von den über 3400 bekannten Schlangenarten sind deutlich mehr als die oft angenommenen 10 % giftig.
Alle Vertreter der Familien Giftnattern, Vipern und Erdvipern sind giftig, außerdem einige Vertreter aus der Familie der Nattern, die sogenannten Trugnattern (die aber kein eigenständiges Taxon darstellen).

Die Giftzähne der Schlangen befinden sich vorn (in den Mund zurückklappbar oder feststehend) oder hinten im Oberkiefer. Die Zähne werden nach einer bestimmten Zeit durch andere, sich nach vorne schiebende Zähne ersetzt und fallen aus. Das Gift wird in Oberlippendrüsen gebildet und bei einem Biss in das Beutetier gespritzt. Das Gift kann entweder auf das zentrale Nervensystem (neurotoxisch) oder auf das Blut und Gewebe (hämotoxisch) des Opfers wirken, bei manchen Schlangenarten (z. B. der Gabunviper) auch beides. Neurotoxische Gifte wirken lähmend und schränken die Funktion der Atemorgane ein, was zum Erstickungstod führen kann. Hämotoxische Gifte greifen die Blutzellen und das Gewebe an.
Nach dem Angriff ziehen sich die meisten Schlangen zurück und warten, bis das Tier tot oder gelähmt ist. Beim Verschlingen gibt die Schlange noch mehrmals Gift in das Beutetier ab. Schlangengifte enthalten auch Enzyme, die zur Verdauung der Beute dienen.
Bei einem trockenen Biss wird kein Gift injiziert. Im Schnitt ist jeder zweite Giftschlangenbiss ein trockener Biss, wobei die Häufigkeit von Art zu Art variiert. Trockene Bisse lassen sich unter Umständen nicht unmittelbar als solche erkennen. Erst wenn sich nach einer halben Stunde kein Ödem gebildet hat, lässt sich ein Biss als trocken zuordnen.Trockene Bisse dienen meist dazu, den Angreifer abzuschrecken, dabei aber Gift zu sparen, damit es für Beutetiere verwendet werden kann.
Vom trockenen Biss zu unterscheiden ist der Biss ungiftiger Schlangen, zum Beispiel von Zornnattern, der zwar denselben Zweck verfolgt (den Angreifer zu vertreiben), aber naturgemäß kein Gift enthalten kann. Als sicherstes Erkennungszeichen für Bisse ungiftiger Arten gilt das sogenannte Bissmal: Ungiftige Arten hinterlassen einen halbkreisförmigen Abdruck ihres Gebisses, Giftschlangen nur ein oder zwei Einstichpunkte der Giftzähne.

Rote Speikobra (Reptilienzoo Nordhausen)

Rote Speikobra (Reptilienzoo Nordhausen)

Speikobras können zur Verteidigung ihr Gift dem Angreifer entgegenspritzen, wobei es in dieser Form jedoch nicht so gefährlich ist wie bei einem Biss. Falls das Gift in die Augen eines potentiellen Aggressors gelangt, sind die Schmerzen und Beeinträchtigung der Sehfähigkeit meist ausreichend, um ihn zu vertreiben. Es stellt eine vorteilhafte Defensivstrategie mit geringem Risiko dar, denn es erlaubt der Speikobra eine Verteidigung aus sicherer Distanz. Außerdem wird beim Speien nur ein Bruchteil des für einen Abwehrbiss benötigten Gifts verbraucht. Beim Verspritzen von Gift handelt sich um ein angeborenes Verhalten, das selbst bei noch teilweise im Ei befindlichen Schlüpflingen beobachtet werden kann.

Die systematische Erforschung und Analyse von Schlangengiften wird seit den 1960er Jahren betrieben.
Biochemisch gesehen besteht die Trockenmasse von Schlangengiften zu über 90 % aus Proteinen und Polypeptiden, darunter größere Enzyme mit Massen zwischen 13 und 150 kDa, die in biologische Funktionen der Bissopfer eingreifen und sie blockieren, und meist sehr kleine (< 5 kDa), durch Disulfidbrücken stabilisierte toxische Peptide.

Die Wirkung von Giften wird allgemein anhand der mittleren letalen Dosis (LD50-Wert) beurteilt.
Die letale Dosis (LD) ist in der Toxikologie die Dosis eines bestimmten Stoffes oder einer bestimmten Strahlung, die für ein bestimmtes Lebewesen tödlich (letal) wirkt. Es handelt sich dabei um einen Mittelwet für die Akute Toxizität innerhalb einer repräsentativen Population und sollten daher nicht als maßgebend für ein Individuum betrachtet werden. Ein tödlicher Effekt kann also auch erst bei wesentlich höheren oder schon bei niedrigeren Dosen/Konzentrationen auftreten, zum Beispiel bei einer Schwächung durch Krankheit.

Die giftigsten Schlangen der Welt sind überwiegend in Australien und im Meer heimisch. Als Ort mit der höchsten Giftschlangendichte gilt die Insel Queimada Grande vor der Ostküste Brasiliens. Als giftigste aller Schlangen gilt der australische Inlandtaipan. Die giftigste Seeschlange ist Dubois’ Seeschlange.

Wie viele andere Gifte kann Schlangengift in geringer Dosierung für medizinische Zwecke eingesetzt werden. Neben der direkten Anwendung als Arzneimittel kann es der Suche nach neuen Medikamenten beitragen. So kann es helfen, physiologische Vorgänge aufzuklären und besser zu verstehen sowie neue Wirkstoffe zu finden. So dienten Schlangengifte als Vorlage für einige blutdrucksenkende Arzneimittel aus der Gruppe der ACE-Hemmer (Captopril, Enalapril).
In folgenden Bereichen der Therapie werden Schlangengifte verwendet:
Bei arterieller Hypertonie (Bluthochdruck), erblich bedingten und erworbenen Störungen des Gerinnungssystems und zur Herstellung von Antidota (Gegengifte)
In der Homöopathie zur Behandlung von Schmerzzuständen
Einige von Hämatologen angewendete Blutgerinnungstests basieren auf Schlangengiften wie Reptilase
Seine Gewinnung erfolgt in Schlangenfarmen durch „Melken“ der Giftdrüsen. Dafür werden die Zähne durch eine Membran über einem Behälter gesteckt und die Giftdrüsen massiert. Das ablaufende Gift wird tiefgefroren, gefriergetrocknet und zu Granulat vermahlen.

Ein Antivenin oder Antivenom ist ein speziell für die Behandlung von Schlangenbissen entwickeltes Immunserum. Einzelne Antivenine sind in der Regel immer nur bei Bissen durch eine Schlangenart oder Angehörigen einer nahe verwandten Artengruppe anwendbar. Kommerziell erhältliche Produkte sind darum polyvalente Mischungen verschiedener Seren, z. B. das Schlangengift-Immunserum „Europa“ gemäß Europäischem Arzneibuch (Kreuzotter, Bergotter, Sandotter, Aspisviper, Levante-Viper).
Schlangengifte sind Mischungen von zahlreichen Enzymen, die auf Nervenzellen, Blutgefäßzellen und/oder Blutkörperchen giftig wirken. Als Antivenin verwendet man entsprechende Antikörper. Zur Herstellung setzt man Pferde oder Schafe den Toxinen aus; die daraufhin gebildeten Antikörper werden dann aus dem Blut der Tiere extrahiert und aufkonzentriert.
Da das so produzierte Antiserum aus tierischem Eiweiß besteht, entwickeln die meisten Patienten eine Serumkrankheit (Immunreaktion mit Fieber, Gelenkschmerzen und Hautausschlag). Es drohen außerdem schwere allergische Nebenwirkungen bis hin zum Kreislaufschock; daher werden Antiseren nur in begründeten Fällen und nachgewiesenen schweren Vergiftungen eingesetzt. Man kann davon ausgehen, dass nur bei 50 % der Giftschlangenbisse auch wirklich Gift in die Wunde gelangt, da die Schlangen auch sogenannte „Verteidigungsbisse“ oder „trockene Bisse“ ohne Giftinjektion ausführen.
Wegen der hohen Kosten und begrenzten Lagerfähigkeit werden Antisera nur in zentralisierten Depots aufbewahrt, in Deutschland meist in den tropenmedizinischen Instituten der Universitätskliniken. Sie dürfen nur vom Arzt unter stationären Bedingungen angewendet werden.

Kreuzotter (Zoo Augsburg)

Kreuzotter (Zoo Augsburg)

In Deutschland kommen in freier Natur nur zwei Giftschlangen vor: Die Aspisviper (bis zu 1 m lang) und die Kreuzotter (ebenfalls bis zu 1 m lang). Das Gift der Kreuzotter ist zwar relativ stark, jedoch besitzt sie davon nur bis maximal 18 mg. Daher ist ein Biss für einen gesunden Erwachsenen in kaum einem Fall tödlich (dafür müsste er Bisse von mehreren Schlangen auf einmal erleiden, was extrem unwahrscheinlich ist); bei Kindern, die weniger als rund 30 kg schwer sind, oder älteren Menschen ist allerdings Vorsicht geboten. Nach einem Biss sollte in jedem Fall sofort ein Arzt aufgesucht werden, da es häufig auch zu Infektionen durch im Maul der Schlangen lebende Bakterien kommt.

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