Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

30.06.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
(Klima) Wandel in der Nordsee – Drastische Veränderung in der Meerestierwelt
Wissenschaftler von Senckenberg am Meer und dem Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt haben mittels Langzeitstudien deutliche Veränderungen in der Lebenswelt der Nordsee festgestellt. Wie Studien der letzten zwanzig Jahre zeigen, dringen südliche Arten immer weiter in den Norden vor. Die zugehörigen Publikationen sind kürzlich in den Fachjournalen „Helgoland Marine Research“ und „Marine Biodiversity“ erschienen.
Den Kabeljau zieht es in kühlere Regionen, Krebse und Krabben aus südlichen Gebieten hingegen dringen immer weiter in die Nordsee vor: Auch an den deutschen Meeresküsten sind die Auswirkungen des Klimawandels deutlich spürbar.
„Das Meer hat eine höhere Elastizität gegenüber Veränderungen“, erklärt Prof. Dr. Michael Türkay, Abteilungsleiter für Marine Zoologie am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt. „Das heißt ein Wandel vollzieht sich dort langsamer, aber dafür umso nachhaltiger.“
Ein Team von Wissenschaftlern rund um den Frankfurter Meeresbiologen erforscht seit über 20 Jahren die Tierwelt am Grund der mittleren Nordsee. Mit dem Senckenberg-eigenen Forschungskutter werden dort jährlich zur selben Zeit an etwa 40 Stationen Proben genommen und detailliert ausgewertet.
„Unsere Ergebnisse zeigen sehr deutlich, dass im Jahr 2000 in der Nordsee ein Regimewechsel einsetzt hat und sich die Zusammensetzung der Tierwelt seit diesem Zeitpunkt massiv ändert“, erläutert Türkay und ergänzt: „Warmwasserarten dringen stärker nach Norden und Osten vor und verwischen damit auch die früher stabilen Grenzen zwischen unterschiedlichen Faunenregionen.“
Das Ergebnis ist eine Vereinheitlichung der Tierwelt und eine Abnahme der Artenvielfalt. „Man kann sagen, dass das Biodiversitätslevel um die Jahrtausendwende auf ein niedrigeres Niveau gesunken ist“, sagt Türkay.
Langzeituntersuchungen in der „Helgoländer Tiefen Rinne“, südlich der Nordseeinsel in der Deutschen Bucht bestätigen diesen Trend: Seit 2000 nimmt der Anteil von Warmwasserarten dort beständig zu und wird stabiler.
Insgesamt wurden während der Senckenberg-Langzeitstudie 41 Arten in der „Tiefen Rinne“ gesammelt. Unter ihnen ist auch die ozeanische Schwimmkrabbe Liocarcius depurator, die erst vereinzelt, seit gut zehn Jahren aber als dominantes Element in diesem Biodiversitäts-Hotspot auftritt.
Auch der winzige Einsiedlerkrebs Diogenes pugilator, ursprünglich im Mittelmeer und dem angrenzenden Atlantik beheimatet, fühlt sich mittlerweile in der Nordsee heimisch. „Der Krebs hat 2002 die Deutsche Bucht erreicht“, erzählt Türkay. „Seit dem Jahr 2005 beobachten wir stabile Populationen vor und auf der Nordsee-Insel Wangerooge.“ In warmen Jahren findet man die Einsiedlerkrebse häufig auch am Strand der Insel, in kalten Wintern ziehen sie sich in tiefere Meeresgebiete zurück. Der Frankfurter Meeresforscher vervollständigt: „Sie verschwinden aber nie komplett aus der Region und wir gehen davon aus, dass sie fester Bestandteil unserer Nordseefauna werden.“
Die Studien zeigen, dass Meeresorganismen gute Indikatoren für den Klimawandel und andere Umweltveränderungen sind und regelmäßige und langfristige Beobachtungen eine wichtige Rolle bei der Erforschung der Artenvielfalt spielen. „Die von uns untersuchten Krebse sind wie lebende Messgeräte – ihr Auftreten und ihre Ausbreitung sind Reaktionen auf die sich verändernde Umwelt“, resümiert Türkay.
Publikationen
Schwinn, M., Türkay, M. & Sonnewald, M. (2014): Decapod fauna of the Helgoland trench (Crustacea) a long-term study in a biodiversity hotspot. – Marine Biodiversity,
DOI 10.1007/s12526-014-0217-4
Türkay, M. (2014): On the occurrence of Diogenes pugilator in the German Bight (Crustacea: Decapoda Diogenidae). – Helgoland Marine Research,
DOI 10.1007/s10152-014-0388-1

30.06.2014, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Erster Nachweis von Meerkatzenvorkommen außerhalb Afrikas
Ein internationales Team von Wissenschaftlern vom Museum für Naturkunde Berlin, dem Hunter College-CUNY und der Yale University fand 6,5 bis 8 Millionen Jahre alte fossile Überreste eines Altweltaffen in Abu Dhabi. Die Entdeckung ist ein Beleg dafür, dass sich Altweltaffen von Afrika aus verbreitet haben. Der Fund stellt den einzigen Nachweis von Meerkatzenvorkommen außerhalb Afrikas dar, wie in der aktuellen Ausgabe des wissenschaftlichen Journals Proceedings of the National Academy of Sciences, USA berichtet wird.
Altweltaffen sind eine vielfältige und weit verbreitete Tiergruppe, zu der bekannte Arten wie afrikanische und asiatische Makaken, Paviane, Mangaben, Languren und andere Meerkatzenverwandte gehören. Unter den nichtmenschlichen Primaten gelten sie als besonders erfolgreich in der Evolutionsgeschichte. So weit verbreitet sie heute auch in Afrika und Asien sind – wann und wie sie sich von Afrika aus verbreiteten, wusste man bisher nicht genau. Nun geben die Affenfossilien von Abu Dhabi wichtige Hinweise zur Beantwortung offener Fragen.
Früher hatte es Vermutungen gegeben, dass zumindest einige dieser Affen, vor allem Makaken, über das Mittelmeerbecken oder die Straße von Gibraltar nach Eurasien gelangten, und zwar während der sogenannten Messinischen Salinitätskrise vor etwa sechs Millionen Jahren, als das Mittelmeer austrocknete und Tiere von Nordafrika Europa trockenen Fußes erreichen konnten.
Die neu entdeckten Fossilien nun sind ein Hinweis darauf, dass die Verbreitung der Altweltaffen schon vor der Messinischen Krise über die Arabische Halbinsel erfolgte. Das neu entdeckte Fossil, ein kleiner unterer Backenzahn, wurde 2009 auf der Insel Shuweihat vor Abu Dhabi gefunden. Die Forscher stellten fest, dass dieser Zahn dem ältesten bekannten Vertreter der Meerkatzengattung gehörte, die beispielsweise Grüne Meerkatzen, Rotschwanzmeerkatzen, Brazza-Meerkatzen, Diana-Meerkatzen umfasst; also zu den auffallendsten und buntesten heutigen Affen in afrikanischen Wäldern. Heute finden sich diese Affen nur noch auf dem afrikanischen Kontinent, doch legt der Fossilienfund nahe, dass es eine Zeit gab, in der Meerkatzen ihren Lebensbereich über Afrika hinaus erweitert hatten.
„Den Zahn fanden wir auf der Suche nach fossilen Überresten von kleinen Nagetieren – das war Knochenarbeit in jeder Hinsicht“, berichtet Dr. Faysal Bibi vom Museum für Naturkunde Berlin, einer der Koautoren und Entdecker des Backenzahns. “Dabei mussten wir allein an dieser Fundstelle tagelang Berge von Sand durchsieben – aber es hat sich gelohnt.” Das älteste bis dato bekannte Meerkatzenfossil war vier Millionen alt. Mit dem jetzigen Fund wird das erste Auftauchen der Meerkatzen zweieinhalb Millionen Jahre vorverlegt.
Die Entdeckung einer baumbewohnenden Meerkatze in der Wüste Abu Dhabis wirft ein Schlaglicht auf die gewaltigen ökologischen Veränderungen, die auf der Arabischen Halbinsel stattgefunden haben. Die Fossilienfundstätten aus dem späten Miozän in Abu Dhabi soll nun nach Aussagen des Leiters der Umwelthistorischen Abteilung der Tourismus-und Kulturbehörde unter Schutz gestellt werden, um mehr über das prähistorische Leben auf der Arabischen Halbinsel forschen zu können.
Zitat: Christopher C. Gilbert, Faysal Bibi, Andrew Hill & Mark J. Beech (2014) Early guenon from the late Miocene Baynunah Formation, Abu Dhabi, with implications for cercopithecoid biogeography and evolution.
www.pnas.org/cgi/content/short/1323888111

01.07.2014, NABU
Artenvielfalt auf Äckern und Wiesen schwindet
Studie zeigt starke Abnahmen bei Vögeln und Blumen / Bisherige Maßnahmen greifen kaum
Die Artenvielfalt ist in Deutschland auf landwirtschaftlichen Flächen ernsthaft bedroht. Daran haben bislang weder die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ noch das „Greening“ im Zuge der EU-Agrarförderung etwas ändern können. Dies zeigt eine aktuelle Bestandsaufnahme und Analyse der Michael Otto Stiftung für Umweltschutz.
Die beim Michael-Otto-Institut im NABU in Auftrag gegebene Studie „Naturschutz in der Agrarlandschaft am Scheideweg – Misserfolge, Erfolge, neue Wege“ analysiert die Verluste biologischer Vielfalt in der Agrarlandschaft am Beispiel der Pflanzen und Vögel. So haben sich beispielsweise die Bestände von 15 der 20 typischen Brutvögel in landwirtschaftlich genutzten Lebensräumen kontinuierlich reduziert, bei drei Arten hat sich der Bestand seit 1980 sogar mehr als halbiert. Mindestens genauso dramatisch stellt sich die Situation der Blütenpflanzen der Agrarlebensräume dar, einzelne Arten haben seit den 1950er Jahren mehr als 99 Prozent ihres Bestands eingebüßt.
Anbau für Biokraftstoffe und Biogas heizt Flächenbedarf zusätzlich an
Als Hauptursache für die fortschreitende Abnahme der Vielfalt haben Institutsleiter Dr. Hermann Hötker und Prof. Christoph Leuschner von der Uni Göttingen die zunehmende Intensivierung der Bewirtschaftung ausgemacht. Die Produktionsförderung für nachwachsende Rohstoffe und die hohe Nachfrage nach Grundstoffen zur Herstellung regenerativer Energieträger wie Biokraftstoffe oder Biogas heizen den Flächenbedarf noch zusätzlich an und gefährden so die letzten Refugien der Biodiversität.
„Die Ziele einer Intensivierung der Landwirtschaft auf der einen und die Bewahrung der Biodiversität auf der anderen Seite stehen sich häufig diametral gegenüber. Gerade wegen dieser Interessenskonflikte ist eine enge Zusammenarbeit von Naturschutz und Landwirtschaft heute dringend erforderlich“, erklärt Dr. Michael Otto.
Um den Dialog zwischen den Interessengruppen und den politischen Entscheidungsträgern zu intensivieren, überreichte Otto die Studie und einen 20-Punkte-Plan Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth und Agrar-Staatssekretär Dr. Robert Kloos . Wesentliche Punkte sind die Untergliederung großer Ackerflächen für mehr Strukturvielfalt und die vermehrte extensive Nutzung von Dauergrünland sowie eine verstärkte Förderung des ökologischen Landbaus und die Ausweisung von Vorrangflächen für die Biodiversität auf Äckern, Wiesen und Weiden.
Wie die Studie zeigt, ging die Fläche des artenreichen mittelfeuchten (mesophilen) Grünlands und des Feuchtgrünlands in Norddeutschland seit 1950 um rund 85 Prozent zurück. Die Ursache hierfür war vor allem die Umwandlung in intensiv bewirtschaftetes Grünland. Auf den Äckern verringerte sich die potenziell für Wildkräuter (Segetalflora) besiedelbare Fläche um etwa 95 Prozent. Selbst eine stärkere Anlage von extensiv genutzten Ackerrandstreifen wird nicht ausreichen, die Restbestände der Ackerwildkräuter dauerhaft zu schützen.
Ökolandbau allein kann die Wende nicht herbeiführen
Auch der Ökolandbau kann nur begrenzte Beiträge zum Artenschutz leisten. Der Umfang von Agrar-Umweltmaßnahmen (AUM) ist in Deutschland derzeit viel zu gering, als dass messbare Auswirkungen auf die Bestandsentwicklung der Ackervögel zu erwarten wären. Zudem ist die Qualität der Maßnahmen oft nicht ausreichend und zu wenig regionen- beziehungsweise artenspezifisch. Grünlandschutzgebiete können zur Bestandsstützung einiger hoch bedrohter Arten zwar beitragen, jedoch den flächendeckenden Negativtrend nicht aufhalten, zumal die Schutzziele in der überwiegenden Zahl der Fälle verfehlt werden. Hinzu kommt, dass in zehn Bundesländern kein regelmäßiges Monitoring der Wirksamkeit von AUM in Bezug auf spezialisierte Vogelarten durchgeführt wird.
Erfolgreiche Schutzprojekte zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass eine intensive Betreuung vorhanden ist. Als Faustregel sollte laut der Studie mindestens eine Personalstelle pro 1000 Hektar Schutzgebietsfläche beziehungsweise ein Viertel der Projektgesamtkosten für Beratung, Betreuung und Monitoring von Agrar-Umweltmaßnahmen verfügbar sein.
Für die nächste Zukunft ist mit keiner Verbesserung der Biodiversität auf Agrarflächen zu rechnen. „Auch durch das derzeit anlaufende ‚Greening‘ wird in nächster Zukunft mit keiner Verbesserung der Biodiversität auf Ackerflächen zu rechnen sein“, erklärt Dr. Hermann Hötker. Vielversprechenden Schutz der Biodiversität scheinen Demonstrationsbetriebe mit Biotop-Management-Maßnahmen zu erzielen – und das trotz konventioneller Wirtschaftsweise und ohne Minderung der Wirtschaftlichkeit des Hofes. Das Beispiel der Hope Farm in England demonstriert, wie sich Ökonomie und Ökologie im konventionellen Ackerbau vereinbaren lassen. In Deutschland besteht dringender Bedarf an vergleichbaren landwirtschaftlichen Demonstrationsprojekten, die die Vereinbarkeit von Wirtschaftlichkeit und Naturschutz transparent machen.
Studie „Naturschutz in der Agrarlandschaft am Scheideweg“

03.07.2014, Wissenschaftliche Abteilung, Französische Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland
Älteste Artenvielfalt in Gabun entdeckt
Forscher des CNRS [1] und der Universität Poitiers haben, in Zusammenarbeit mit den Universitäten Lille 1 und Rennes, dem französischen Naturkundemuseum und dem Ifremer [2], die ältesten Fossilien mehrzelliger Organismen in Sedimenten in Gabun entdeckt (Nature, 2010).
Insgesamt wurden über 400 2,1 Milliarden Jahre alte Fossilien untersucht, darunter Dutzende neuer Arten. Die Ergebnisse der detaillierten Analyse wurden am 25. Juni 2014 in der Fachzeitschrift Plos One veröffentlicht [3]. Sie lüften das Geheimnis der Entwicklung der Artenvielfalt in einem Meeresökosystem, das sich aus mikroskopischen und makroskopischen Organismen von sehr unterschiedlichen Formen und Größen zusammensetzt.
Die ältesten bis dahin entdeckten Fossilien komplexer Organismen waren 600 Millionen Jahre alt und stammten aus Australien. Es wurde allgemein angenommen, dass vor dieser Zeit ausschließlich einzellige Organismen (Bakterien, einzellige Algen etc.) auf unserem Planeten existierten. Mit dieser Entdeckung in Gabun musste die Existenz komplexen Lebens jedoch um 1,5 Milliarden Jahre zurückdatiert werden.
[1] CNRS – französisches Zentrum für wissenschaftliche Forschung
[2] Ifremer – französisches Zentrum für Meeresforschung
[3] Studie – “The 2.1 Ga Old Francevillian Biota: Biogenicity, Taphonomy and Biodiversity”. Abderrazak El Albani, Stefan Bengtson, Donald E. Canfield, Armelle Riboulleau, Claire Rollion Bard, Roberto Macchiarelli, Lauriss Ngombi Pemba, Emma Hammarlund, Alain Meunier, Idalina Moubiya Mouele, Karim Benzerara, Sylvain Bernard, Philippe Boulvais, Marc Chaussidon, Christian Cesari, Claude Fontaine, Ernest-Chi Fru, Juan Manuel Garcia Ruiz, François Gauthier-Lafaye, Arnaud Mazurier, Anne-Catherine Pierson-Wickmann, Olivier Rouxel, Alain Trentesaux, Marco Vecoli4, Gerard Versteegh, Lee White, Martin Whitehouse & Andrey Bekker. Plos One – 25. Juni 2014.

03.07.2014, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
Die chinesische Ameisenmauer
Freiburger Ökologen entdecken eine neue Wespenart, die ihren Nachwuchs mit toten Ameisen schützt
In den Wäldern Südostchinas hat ein deutsch-chinesisches Team eine Wespe mit einem einzigartigen Nestbauverhalten entdeckt: Die „Ameisenmauer-Wespe“ verschließt ihr Nest mit einer Kammer voller toter Ameisen, um ihre Nachkommen vor Feinden zu schützen, wie Michael Staab und Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein vom Institut für Geo- und Umweltnaturwissenschaften der Universität Freiburg sowie Wissenschaftler des Museums für Naturkunde Berlin und der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking zeigen. Ein vergleichbares Verhalten ist bislang im gesamten Tierreich noch nicht gefunden worden. „Als ich eine solche mit Ameisen gefüllte Kammer das erste Mal sah, hat es mich sofort an die historische chinesische Mauer erinnert. Ebenso wie die chinesische Mauer das Kaiserreich vor Angriffen durch plündernde Reiternomaden geschützt hat, schützt die Ameisenmauer den Nachwuchs der neu beschriebenen Wespenart vor Feinden“, beschreibt Staab den Fund. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler veröffentlichten ihre Entdeckung in der internationalen Fachzeitschrift „PLOS ONE“.
Die neue Wespenart mit dem wissenschaftlichen Namen Deuteragenia ossarium gehört zur Familie der Wegwespen. Bei diesen baut normalerweise jedes Weibchen alleine ein eigenes Nest, das aus mehreren Kammern besteht. Jede Kammer wird mit einer Spinne gefüllt, welche dem Nachwuchs als Nahrung dient und zuvor durch einen Stich gelähmt wurde. So auch bei der neu entdeckten „Ameisenmauer-Wespe“, die im Gegensatz zu allen bekannten Wegwespen-Arten die Zelle am Nesteingang nicht wie üblich leer lässt, sondern mit toten Ameisen füllt.
Mit ihren Untersuchungen zeigen die Wissenschaftler, dass die Ameisenmauer einen sehr effektiven Nestschutz darstellt. Verglichen mit anderen Wespen aus dem gleichen Lebensraum wird der Nachwuchs der „Ameisenmauer-Wespe“ wesentlich seltener von Feinden angegriffen. Die Wissenschaftler nehmen an, dass das Nest der Wespe durch die Mauer ähnlich wie das Nest einer wehrhaften Ameisenart riecht und deshalb von Feinden gemieden wird. Der genaue Verteidigungsmechanismus ist noch unklar und Gegenstand aktueller Forschung. „Die Entdeckung einer neuen Art wirft neue Fragen auf. Wir wollen verstehen, warum Artenvielfalt für ein funktionierendes Ökosystem wichtig ist“, sagt Klein. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert die Forschergruppe „Biodiversity-Ecosystem Functioning (BEF) China“, in deren Rahmen die Forschung stattfand.
Originalpublikation:
Staab, M., Ohl, M., Zhu, C.D., Klein, A.M. 2014. A unique nest-protection strategy in a new species of spider wasp. PLOS ONE. doi: 10.1371/journal.pone.0101592.

04.07.2014, Universität Wien
Neuer Vogelbestäubungsmechanismus in Südamerika entdeckt
Vögel trinken keinen Nektar, sondern fressen die Staubblätter
Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und ihren Bestäubern gehören zu den raffiniertesten Interaktionen, mit denen die Natur aufwartet. Agnes Dellinger vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien und ihr Team beschäftigten sich mit der Bestäubungsbiologie einer Gruppe tropischer Kleinbäume, die in den Bergregenwäldern Zentral- und Südamerikas beheimatet ist. Dabei gelang den ForscherInnen der Nachweis eines außergewöhnlichen, bisher unbekannten Vogelbestäubungssystems. Einzelheiten dieser Entdeckung wurden nun in der renommierten Zeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht.
Die Gattung Axinaea gehört zu der großen, vorwiegend in den Tropen verbreiteten Pflanzenfamilie Melastomataceae (Schwarzmundgewächse; einige wenige Vertreter finden sich als Zierpflanzen in Mitteleuropa). Die Mehrheit der etwa 5.000 Arten dieser Familie wird von Bienen bestäubt, nur bei etwa 100 Arten sind andere Bestäuber wie Käfer, Fliegen oder Kolibris bekannt. Das WissenschafterInnenteam der Universität Wien mit Agnes Dellinger, Yannick Staedler, Jürg Schönenberger (Department für Botanik und Biodiversitätsforschung), sowie Lena Fragner und Wolfram Weckwerth (Department für Ökogenomik und Systembiologie) und Darin Penneys (California Academy of Sciences) konnte bei seiner Feldarbeit in Südamerika nun überraschenderweise Sperlingsvögel (Tangare) als Blütenbesucher beobachten.
Starke Farben locken Vögel an
„Wir waren erstaunt, dass die Vögel nicht, wie bei den meisten anderen von Vögeln bestäubten Pflanzen, Nektar trinken, sondern die Staubblätter von Axinaea fressen“, so die Botanikerin Agnes Dellinger. Bei Axinaea stehen die Blüten je nach Art in lockeren oder dicht gedrängten Blütenständen mit rosa, gelb, orange oder rot gefärbten Kronblättern. Wesentlich ist, dass die Staubblätter (männliche Reproduktionsorgane) fast aller Arten einen starken Farbkontrast zu diesen Blütenkronblättern bilden.
Eigenes Organ zur Bestäubung
Es stellte sich heraus, dass die Vögel von den auffällig gefärbten, zuckerreichen Anhängseln der Staubblätter zu den Blüten gelockt werden. Wenn die Vögel ein solches Anhängsel mit dem Schnabel packen, aktivieren sie ein Blasebalg-Organ im Staubblatt und werden von einer Pollenwolke eingestäubt. Dabei bleibt Pollen am Schnabel und Kopf des Vogels haften. Steckt der Vogel seinen Schnabel erneut in eine Blüte, um ein weiteres Staubblatt herauszulösen, berührt er dabei zwangsläufig das rezeptive weibliche Organ (Narbe) und führt so die Bestäubung durch.
Mit Hilfe einer Kombination aus Videobeobachtungen, Bestäubungsexperimenten und Laboranalysen zu Aufbau, Struktur und chemischer Zusammensetzung der Staubblätter gelang es den ForscherInnen, den komplexen Bestäubungsmechanismus von Axinaea im Detail zu beschreiben. Trotz jahrhundertelangem wissenschaftlichen Interesses an Bestäubungsbiologie ist diese Entdeckung für die Forschung vollständig neu und unterscheidet sich deutlich von bislang bekannten Vogelbestäubungssystemen.
Zuckerreicher Futterkörper als Belohnung
Während die meisten vogelbestäubten Pflanzen Nektar anbieten, belohnt Axinaea ihre Bestäuber mit nahrhaften, zuckerreichen Futterkörperchen. Bei den wenigen bisher beschriebenen Fällen von Vogelbestäubung, wo Futterkörper im Spiel sind, befinden sich diese Futterkörper ausschließlich auf den sterilen äußeren, niemals aber auf den reproduktiven Blütenorganen wie bei Axinaea. Darüber hinaus ist keine andere von Vögeln bestäubte Pflanze bekannt, die anatomisch klar abgrenzbare Blasebalg-Organe für den Transfer von Pollen ausgebildet hat.
Die Studie zum Bestäubungssystem von Axinaea ist auch hinsichtlich der evolutionären Entwicklung von Blüte-Bestäuber-Beziehungen bedeutsam, da sie ein weiteres Beispiel für einen Übergang von Bienen- zu Vogelbestäubung darstellt. Dieser Bestäuberwechsel geht Hand in Hand mit auffälligen morphologischen Veränderungen der Blüte, wie zum Beispiel der Entstehung der Blasebalg-Organe. Ähnliche evolutionäre Bestäuberwechsel von Bienen zu Vögeln oder anderen Wirbeltieren finden sich vor allem bei Pflanzenarten, die in größeren Höhenlagen wachsen. Dies unterstützt eine frühere Hypothese über die größere Effizienz und Stetigkeit von Wirbeltieren im Gegensatz zu Bienen als Bestäuber mit steigender Seehöhe.
Publikation in Current Biology:
Dellinger et al.: „A specialized bird pollination system involving a bellows mechanism for pollen transfer and staminal food body rewards“ in Current Biology – July 21, 2014 issue.
DOI: 10.1016/

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Eine Antwort auf Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

  1. Sabine sagt:

    Sehr spannend – vor allem die Beiträge über den Wandel in der Nordsee und die schwindende Artenvielfalt auf Äckern und Wiesen! Diese Veränderungen gehen mir besonders nah.
    Danke.

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