Portrait: Waldkauz

Waldkauz (Zoo Jihlava)

Waldkauz (Zoo Jihlava)

Der Waldkauz erreicht eine Körperlänge von 40 bis 42 Zentimetern und wiegt zwischen 330 und 630 Gramm. Weibchen sind tendenziell schwerer als die Männchen. Das durchschnittliche Gewicht von in Deutschland gefangenen Waldkauzweibchen beträgt 560 Gramm, während Männchen 120 Gramm leichter sind. Der Körperbau ist kompakt, der Kopf wirkt im Verhältnis zur Körpergröße groß. Federohren wie bei der Waldohreule fehlen. Der Gesichtsschleier ist dunkel umrahmt und überwiegend einfarbig beigebraun. Oberhalb des Gesichtsschleiers finden sich zwei weißliche Farbstriche, die besonders bei den dunklen Farbmorphen auffallen. Der dicke Schnabel ist stark gekrümmt und gewöhnlich schwefelgelb mit einer hornfarbenen bis hellgrauen Schnabelbasis. Die Wachshaut wirkt geschwollen und ist leicht grünlich. Die Iris ist schwarzbraun, die Pupille blauschwarz. Die Augenlider sind kahl und blass rot. Die Krallen sind an ihrer Wurzel grau, gehen dann in ein Hornbraun über und enden in einer schwarzen Spitze.
Waldkäuze kommen in Mitteleuropa in verschiedenen Farbmorphen vor. Dies reicht von einer grauen Farbvariante über eine braune bis hin zu einer rostbraunen. Die Grundfärbung des Gefieders ist weder vom Alter noch vom Geschlecht bestimmt, wie lange Zeit vermutet wurde. Sie stellt vielmehr eine Anpassung an unterschiedliche Lebensräume dar.Die verschiedenen Farbmorphen können durchaus im gleichen Gebiet vorkommen und verpaaren sich auch miteinander. Paare mit unterschiedlicher Grundfärbung haben häufig auch Junge mit beiden Farbvarianten.
Das Gefieder sitzt sehr locker und lässt dadurch den Waldkauz größer wirken, als er tatsächlich ist. Die Körperoberseite ist grundsätzlich dunkler als die Körperunterseite. Das Gefieder weist eine rindenartige Tarnfärbung auf: Die Schultern und Flügel haben helle Tropfenflecken, die im Halbdunkel des Waldes wie Sonnenflecken wirken und damit die Tarnung erhöhen. Die Federn der Körperoberseite haben jeweils seitlich verästelte Längsstreifen. Diese Ästelung ist vor allem auf dem Rücken und den Oberschwanzdecken dichter, so dass das Gefieder hier verwaschener wirkt. Die Schwungfedern sind braun, wobei die Außenfahren weißliche, die Innenfahren fahlbraune Querbinden aufweisen.

Obwohl die Farbmorphen überall in Europa vorkommen, dominieren braune bis rostbraune Waldkäuze in den luftfeuchteren Klimazonen Westeuropas. So weisen im holländischen Dünengebiet achtzig Prozent der dort lebenden Waldkäuze ein rostrotes Gefieder auf. Die graue Morphe kommt im östlichen Verbreitungsgebiet häufiger vor. Im äußersten Norden weisen dagegen alle Waldkäuze ein graues Gefieder auf. Die in Sibirien und Zentralasien lebenden Unterarten des Waldkauzes haben ein graues und weißes Gefieder. Die nordafrikanische Unterart ist dunkel graubraun. Die in Süd- und Ostasien vorkommenden haben eine quer- und nicht längsgestreiftes Gefieder. Um den Gesichtsschleier verlaufen bei diesen Arten außerdem feine Linien.
Die Sibirischen und skandinavischen Unterarten sind zwölf Prozent größer und vierzig Prozent schwerer als westeuropäische Vögel. Dies entspricht der Bergmannschen Regel, nach der endotherme Tiere wie Vögel die Individuen einer Art in den kälteren Arealen ihres Verbreitungsgebietes größer sind als in den wärmeren.
Die Grundfärbung des Gefieders ist genetisch bedingt und Studien in Finnland und Italien lassen darauf schließen, dass die grauen Morphen unter den Waldkäuzen eine höhere Reproduktionsrate und ein besseres Immunsystem haben sowie weniger von Parasiten befallen werden als die braunen Morphen. Da die Waldkäuze bei der Partnerwahl keine Präferenzen bezüglich der Gefiederfärbung zeigen, ist der Selektionsdruck auf braune Farbmorphe aber nicht sehr stark. Die in Italien durchgeführten Untersuchungen belegen aber auch, dass die Gefiederfärbung eine evolutionäre Anpassung an verschiedene Lebensräume ist. Waldkäuze mit einer braunen Grundfärbung treten vor allem in Waldgebieten auf. In Finnland dagegen dominieren entsprechend der Glogerschen Regel graue Waldkäuze.
Die Flügel des Waldkauzes sind im Vergleich zu anderen Eulenarten eher kurz, breit und gerundet; die Spannweite beträgt bis zu 96 cm. Waldkäuze sind wendige Flieger, die auch in dichten Baumbeständen sicher und schnell manövrieren. Ihr Flugbild ist verglichen mit dem der Waldohreule plumper, langschwänziger und breitflügliger. Waldkäuze fliegen mit schnellen Flügelschlägen. Der grundsätzlich geradlinige Flug wird immer wieder von längeren Gleitphasen unterbrochen
Frisch geschlüpfte Küken sind dicht und verhältnismäßig kurz graußweiß bedunt. Auch die Beine sind mit einem dichten Dunengefieder bedeckt, das bis zu den Krallen reicht. Lediglich auf der Rückseite des Laufgelenks finden sich keine Dunen. Die Wachshaut ist bei ihnen noch fleischfarben. Sie färbt sich sehr schnell in ein Graurosa mit einer rosa Basis um. Der Eizahn fällt zwischen dem 6. und 7. Lebenstag ab. Die Augen sind anfangs geschlossen und öffnen sich erst zwischen dem 8. und 11. Lebenstag.
Ab etwa dem 14. Lebenstag erscheinen die ersten Dunen auf dem Rücken, die ein wellenförmiges Muster aufweisen. Je nach Farbmorphe sind diese und das wollig wirkende Zwischenkleid blassbräunlich oder gräulich weiß und weisen eine dichte braune, graue oder rostbraune Bänderung auf. Verhältnismäßig ungewöhnlich ist, dass dieser Querstreifung ein längsgestreiftes adultes Gefieder folgt. Im Alter von etwa sechs Wochen setzt die nächste Mauser ein, bei der bis auf Schwanzfedern, Schwingen und den großen Handdecken alle Federn gewechselt werden. Die Entwicklung dieses Kleides ist mit knapp fünf Monaten abgeschlossen. Junge Waldkäuze lassen sich dann nicht mehr am Gefieder von den Altvögeln unterscheiden.

Waldkauz (Tierpark Dessau)

Waldkauz (Tierpark Dessau)

Der Waldkauz besiedelt in der Paläarktis die Laubwälder und Mischwälder der gemäßigten und der mediterranen Zone bis an den südlichen Rand der borealen Nadelwälder. Die Verbreitung des Waldkauzes ist disjunkt, er kommt in zwei räumlich getrennten Arealen in Europa und Ostasien vor. Das westliche Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Westeuropa und Nordwestafrika bis nach Iran und Westsibirien. Das östliche Verbreitungsgebiet reicht von Tadschikistan und Afghanistan über den Himalaya bis nach China und Korea.
Der Waldkauz ist in den kälteren Regionen seines Verbreitungsgebietes ein Vogel der Tiefebenen. In Schottland brütet er in Höhenlagen bis zu 550 Meter über NN. In den Alpen kommt er bis in Höhen von 1600 und in der Türkei von 2350 Meter vor. In Burma brütet er noch in Höhenlagen von 2.800 Metern über NN.
Waldkäuze sind ausgeprägte Standvögel, die ihr Revier auch im Winter nicht verlassen. Lediglich die Jungtiere wandern in verschiedenen Richtungen ab, sobald sie flügge sind. Die Dispersionszeit der Jungvögel fällt mit der Herbstbalz der Waldkäuze zusammen. Die Elternvögel vertreiben in dieser Zeit den Nachwuchs aus ihrem Revier. Die meisten jungen Waldkäuze siedeln sich meist unweit des Reviers der Elternvögel an.
Obwohl der Waldkauz alte Laub- und Mischwälder bevorzugt, ist er auch häufig in Nadelwäldern und in der Kulturlandschaft anzutreffen. Der Waldkauz ist grundsätzlich sehr anpassungsfähig und brütet beispielsweise in der baumarmen Dünenlandschaft der Niederlande auch in Kaninchenhöhlen. Er besiedelt auch urbane Lebensräume. Waldkäuze brüten auch in Parkanlagen, auf Friedhöfen und in Alleen sowie Gärten mit altem Baumbestand. Bleibt er ungestört, brütet er auch in direkter Nähe zum Menschen. Daher kommt es verhältnismäßig häufig zu Bruten in Scheunen oder in den Schornsteinen alter Häuser.

Neben Kleintieren wie Mäusen, Ratten und kleinen Kaninchen jagt er auch Vögel und Amphibien. Selbst Insekten und Regenwürmer werden gefressen. Er jagt entweder von einer Ansitzwarte aus oder aus dem Segelflug, der knapp über dem Boden stattfindet. Beutetiere werden bei passender Größe mit dem Kopf voran im ganzen verschlungen. Größere Beute wird aber auch mit dem Schnabel zerteilt.

Waldkauz (Tierpark Gotha)

Waldkauz (Tierpark Gotha)

Waldkäuze sind gewöhnlich in der dem Schlupf folgenden Fortpflanzungsperiode geschlechtsreif. Sie verpaaren sich auf Lebenszeit und sind grundsätzlich monogame Vögel. Bei Verlust eines Partners bleibt der überlebende Vogel unabhängig vom Geschlecht im Brutrevier und verpaart sich mit einem der richtungslos herumstreichenden Waldkäuze neu. Das Revier eines Paares wird ganzjährig vom Paar verteidigt. Seine Grenzen verändern sich im Verlaufe der Jahre kaum.
Die Paarbindung lockert sich nach der Aufzucht der Jungen, und von Juni bis Oktober verbringen die Waldkäuze den Tag an unterschiedlichen Ruheplätzen. Die erste Balzphase im Oktober und November, die häufig als Schein- oder Herbstbalz bezeichnet wird, dient dem Zueinanderfinden der Partner eines bereits bestehenden Paares beziehungsweise dem Finden eines neuen Partners, wenn ein Vogel des Paares verstorben ist. Der Beginn dieser Balzphase ist an den zunehmenden Rufen der Waldkäuze zu erkennen. Mit zunehmender Paarbindung suchen die Waldkäuze näher beieinander liegende Tageseinstande auf und ruhen gelegentlich schon am selben Tagesplatz.
Im Dezember lassen die Rufe nach und nehmen ab Januar wieder zu. Im März erreicht die Balz ihren zweiten Höhepunkt, bei dem das Singen der Waldkäuze fast allabendlich zu hören ist. Dabei rufen die Käuze meist im Wechsel. Die Rufe enden, wenn die Partner sich an einem gemeinsamen Treffpunkt finden. In den ersten Tagen meiden die Käuze noch eine gegenseitige Berührung und wehren den Partner mit kreischenden Lauten und Fauchen ab. Zunehmend dulden sie die Nähe zueinander und kraulen gelegentlich einander das Kopf- und Halsgefieder. Die Rufduelle enden, wenn das Männchen beginnt, dem Weibchen Beute zuzutragen.
Die Nistplatzwahl beginnt in der Zeit der Hochbalz und wird bis in die Zeit der Kopulation fortgesetzt. Nach Beobachtungen des Ornithologen Manfred Melde wählt das Männchen geeignete Nisthöhlen und ruft, an den Rand der Nisthöhle geklammert, flügelschlagend nach dem Weibchen. Die endgültige Wahl der Nisthöhle trifft das Weibchen.
Beim Nistplatz handelt es sich meist um Baumhöhlen, bisweilen auch Felsnischen sowie alte Krähen- und Greifvogelnester. Geeignete Brutplätze in Gebäuden oder künstliche Nisthöhlen werden ebenfalls angenommen. Sobald sich das Weibchen für eine Bruthöhle entschieden hat, beginnt es diese zu reinigen und das eventuell von Staren oder Eichhörnchen eingetragene Nistmaterial zu entfernen. Waldkäuze legen ihre Eier direkt auf den Boden der Bruthöhle. Bereits vor der Eiablage jagt das Weibchen nicht mehr. Es wird durch das Männchen mit Futter versorgt. Das Männchen kündigt sich durch Rufe an, worauf das Weibchen ihm entgegenfliegt und die Beute übernimmt.
Im südlichen Verbreitungsgebiet beginnen Waldkäuze ab Februar zu brüten. In Mitteleuropa brüten sie gewöhnlich ab März. Im Stadtbereich brütende Waldkäuze beginnen ihr Brutgeschäft aber bis zu einem Monat früher. Das Gelege besteht in der Regel aus zwei bis vier Eiern. Gelege können aber auch nur ein Ei oder bis zu sieben Eier aufweisen. Die Eier sind elliptisch bis spindelförmig und messen im Durchschnitt 46,7 mal 39,1 Millimeter. Ihre Schale ist glatt und glänzt leicht. Gelegentlich weist die Schale kleine Knötchen oder Längsrillen auf. Die Eiablage erfolgt meist nachts. Der Legeabstand beträgt zwischen zwei und vier Tagen. Waldkäuze ziehen nur eine Jahresbrut groß. Bei Gelegeverlust kommt es aber zu Nachgelegen.
Die durchschnittliche Brutdauer beträgt 28 bis 30 Tage. Es brütet allein das Weibchen. Die Jungen schlüpfen in den Intervallen, in denen das Ei gelegt wurde. Der Schlüpfvorgang dauert meist einen, seltener zwei Tage. Frisch geschlüpfte Waldkauzjunge wiegen durchschnittlich circa 28 Gramm und sind während der ersten neun Lebenstage noch völlig blind. Der weibliche Elternvogel hudert die Jungen während der ersten zehn Tage und füttert die Jungen mit kleinen Teilen der Beutetiere. Die Fütterungsweise unterscheidet sich deutlich von denen der Greifvögel. Die Jungvögel werden während ihrer Lebenstage gefüttert, während sie unter dem Bauch des weiblichen Elternvogels sitzen. Das Weibchen senkt dabei den Kopf tief herab, bleibt aber auf den Jungen sitzen.
Die Männchen und ab dem zehnten Lebenstag auch die Weibchen tragen während der Nestlingstage sehr große Futtermengen heran. Diese werden rund um die Nestmulde abgelegt. Insbesondere in den ersten Nestlingstagen, wenn die Jungvögel noch nicht sehr viel fressen, kann die Futtermenge den Bedarf weit übersteigen. Es ist ein Fall bekannt, bei dem vier Jungkäuze in einem mäusereichen Jahr in ihrer Nesthöhle auf einer Schicht von 38 Feldmäusen und einer Kohlmeise saßen.
Die Jungvögel verlassen in einem Alter von 29 bis 35 Tagen die Bruthöhle. Beim Sprung aus der Höhle fallen viele Waldkauzjungen auf den Erdboden. Sie versuchen dann, laufend zu einem Gestrüpp oder einem dickborkigen Baum zu kommen, an dem sie hochklettern können. Als sogenannte Ästlinge werden sie dort von den Elternvögeln versorgt. In einem Alter von etwa 50 Tagen sind sie in der Lage, dem weiblichen Elternvogel bereits 40 bis 50 Meter fliegend zu folgen. Ab etwa 70 Tagen fliegen sie einem Umkreis von 200 Meter um die Nisthöhle umher. Bis etwa zu ihrem 100. Lebenstag werden sie von den Altkäuzen versorgt. Im vierten Lebensmonat nimmt die Entfernung zu, in der sie sich vom Brutort aufhalten. Ihre Wanderbewegungen sind ungerichtet. Die meisten in den ersten Lebensmonaten beringten Waldkäuze werden in einer Entfernung von 20 Kilometer wieder aufgefunden.
Die Altvögel verteidigen Nisthöhle und Ästlinge rigoros. Sie attackieren dabei auch Menschen, die den Jungen zu nahe kommen. Als Störenfriede empfundene Lebewesen werden in der Regel ohne Vorwarnung im lautlosen Direktflug von hinten attackiert. Beim Menschen streift der Kauz dabei mit Flügeln und Krallen den Kopf- und Schulterbereich. Die Attacken enden erst, wenn der Störer sich aus dem engeren Revierbereich wieder entfernt. Die Angriffe können zu blutenden Fleischwunden führen. Zu den bekanntesten Opfern eines Waldkauzangriffs zählt der britische Naturfotograf Eric Hosking, der bei Aufnahmen in der Nähe der Nisthöhle von Waldkäuzen so heftig attackiert wurde, dass er ein Auge verlor.

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