Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

04.08.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Sandmücke in Hessen entdeckt – Nördlichster Fund der potentiell krankheitsübertragenden Mücke
Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts, des LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) und der Goethe-Universität in Frankfurt haben die erste in Hessen gefundene Sandmücken-Art identifiziert. Die Mücke ist ein potentieller Überträger der Krankheit Leishmaniose. Der Fund ist der bisher nördlichste weltweit. Die zugehörige Studie ist kürzlich im Fachjournal „Parasitology Research“ erschienen.
Die beigefarbenen Sandmücken sind nur wenige Millimeter groß und lieben es eigentlich warm. Ihre Hauptverbreitungsgebiete sind die Tropen, Subtropen und der Mittelmeerraum – dort übertragen die winzigen Mücken nicht selten die Infektionskrankheit Leishmaniose.
„Wir haben nun erstmals eine Sandmücken-Art innerhalb Hessens entdeckt“, berichtet Prof. Dr. Sven Klimpel vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Goethe-Universität. Das Insekt wurde nördlich von Gießen im Rahmen eines bundesweiten Mückenmonitorings gefangen und von Klimpel und seinem Team identifiziert.
„Es handelt sich um die Sandmücken-Art Phlebotomus mascittii, die in etwa 500 Meter Entfernung zu bewohnten Häusern gefunden wurde“, erklärt der Frankfurter Parasitologe und ergänzt: „Bisher ist noch nicht eindeutig bewiesen, dass diese Art als Vektor für Infektionskrankheiten – wie beispielsweise Leishmaniose – dient, aber die Vermutung liegt nahe, dass sie es kann.“ Derzeit arbeiten die Frankfurter Wissenschaftler intensiv an der Beantwortung dieser Frage.
Denn viel schlimmer als der an sich harmlose Stich der Sandmücken ist deren Vektorfunktion für die Übertragung der Infektionskrankheit Leishmaniose. Diese wird von geißeltragenden Einzellern (Protozoa) verursacht, die als Parasiten in ihren Wirten leben und einen Wirtswechsel zwischen blutsaugenden Insekten – den Vektoren – und Wirbeltieren vollziehen.
Leishmaniose tritt in verschiedenen Formen auf: Von selbst abheilenden Hautgeschwüren über einen Befall des Nasen-Rachenbereiches bis hin zu schweren Leber-, Milz- oder Knochenmarksschäden, die ohne Therapie tödlich enden können.
„Die Suche nach Sandmücken ist nicht ganz einfach“, erklärt Klimpel und fügt hinzu: „Die Tiere sind sehr klein, sie treten in geringer Anzahl auf und lassen sich nur schwer mit Lichtfallen anlocken.“ Es könnte demnach sein, dass die Sandmücken schon viel weiter im nördlichen Europa verbreitet sind, als bisher angenommen wurde.
Und auch wenn die blutsaugenden Insekten nicht selbst den Weg in nördlichere Gebiete finden – die Leishmaniose-Erreger können sich auf ein weiteres Transportmittel verlassen. „Durch den zunehmenden Import von Hunden aus dem Mittelmeergebiet oder deren Mitnahme zu Urlauben in Endemiegebieten werden die Leishmaniose-Parasiten immer weiter in das nördliche Europa verschleppt“, erläutert Klimpel. Die Haustiere dienen als sogenannte Reservoirwirte für die Krankheitserreger.
Die Ausbreitung von Krankheitserregern und gefährlichen Viren ist aber auch davon abhängig, ob sie sich in den vorhandenen Sandmücken-Vektoren und den vorherrschenden klimatischen, biologischen und hygienischen Bedingungen innerhalb Deutschlands etablieren können.
„Hierzulande besteht bisher kein Grund zur Panik“, beruhigt Klimpel und ergänzt: „Es ist aber zu vermuten, dass sich in Zukunft sowohl die Sandmücken als auch die von ihnen transportierten Krankheitserreger durch die Klimaerwärmung weiter nordwärts ausbreiten und sich in den nächsten Dekaden in Europa und Deutschland wohl fühlen werden.“
Publikation
Melaun C., Krüger A., Werblow A., Klimpel S. (2014) New record of the suspected leishmaniasis vector Phlebotomus (Transphlebotomus) mascittiiGrassi, 1908 (Diptera: Psychodidae: Phlebotominae) — the northernmost phlebotomines and fly occurrence in the Palearctic region. Parasitology Research 113: 2295-2301.

05.08.2014, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Projekt zum Schutz des Rotmilans in der Rhön gestartet
Rund 200 Brutpaare umfasst der Rotmilan-Bestand in der Rhön, was einem Anteil von 1-2 % der Weltpopulation entspricht. Für die ausschließlich in Europa vorkommende Greifvogelart, spielt die Rhöner Population damit eine bedeutende Rolle. Doch auch hier ist der Rotmilan bedroht: Nahrungsengpässe aufgrund der immer intensiver werdenden Landwirtschaft, die zunehmende Anzahl von Windkraftanlagen und Störungen an Neststandorten während der Brutzeit führen zu einem Rückgang der Bestände. Ein Artenschutzprojekt soll nun die Bestände des Rotmilans in der Rhön stabilisieren und stärken.
Das Projektgebiet ist rund 4.900 km² groß und umfasst insgesamt sechs Landkreise in den Bundesländern Thüringen, Hessen und Bayern. Ziel des Projektes ist es, den Bestand an Rotmilanen so zu steigern, dass die Rhöner Population als Quell- und Spenderpopulation für andere Regionen fungiert. Erreicht werden soll der Bestandsanstieg durch einen besseren Schutz der Neststandorte vor Störungen und durch ein gesteigertes Nahrungsangebot zur Brut- und Aufzuchtzeit. Nagetiere und Singvögel machen einen Großteil der Nahrung der Rotmilane aus. Um das Nahrungsangebot für die Greifvögel zu verbessern soll der Grünlandanteil in der Rhön erhöht und der Anbau mehrjährigen Feldfutters wie Hackfrüchte und Luzerne gefördert werden. Diese Maßnahmen kommen auch zahlreichen weiteren bedrohten Arten wie Feldhamster, Feldhase und Rebhuhn zugute.
Der DDA übernimmt bei dem Artenschutzprojekt in der Rhön die Evaluation der praktischen Landschaftspflegemaßnahmen. Um zu erfahren, wie sich die Bestandssituation der Rhöner Rotmilane im Vergleich zur „Normallandschaft“ entwickelt, werden die Ergebnisse des bundesweiten Atlasprojektes ADEBAR (Atlas Deutscher Brutvogelarten), der bundesweiten Rotmilankartierung 2011/2012 sowie die des Monitoringprogramms „Greifvögel und Eulen Europas“ herangezogen.
Neben einer Steigerung des Nahrungsangebots und der Verminderung von Störungen rund um die Neststandorte werden im Rhöner Rotmilanprojekt auch Kollisionen mit Windkraftanlagen, Strommasten und Freileitungen untersucht. Bei der Planung zukünftiger Anlagen in der Region soll so die Gefahr für die Vögel minimiert werden.
Das Projekt ist Teil des Bundesprogramms Biologische Vielfalt, mit dem die Bundesregierung den Artenrückgang in Deutschland aufhalten und mittel- bis langfristig in einen positiven Trend umkehren möchte. Das Vorhaben in der Rhön ergänzt das bereits bestehende bundesweite Rotmilan-Projekt Land zum Leben, das der Deutsche Verband für Landschaftspflege mit der Deutschen Wildtier Stiftung und dem Dachverband Deutscher Avifaunisten durchführt.

05.08.2014, NABU
20 Jahre NABU-Vogelschutzzentrum: 16.090 Pfleglinge und voller Einsatz für die ganze Vogelwelt
Naturschutzminister Bonde entlässt in Mössingen Turmfalken in die Freiheit
Stuttgart (agrar-PR) – Das NABU-Vogelschutzzentrum Mössingen feiert in diesem Jahr sein 20. Jubiläum. Ehrenamtliche NABU-Aktive hatten es 1994 gegründet, um verletzten Vögeln zu helfen. „Die Vogelpflege ist nach wie vor ein wichtiges Standbein unseres Zentrums. Wir versorgen hier inzwischen rund 1.000 Vögel pro Jahr“, berichtet Zentrumsleiter Daniel Schmidt-Rothmund. Insgesamt sind somit 16.090 gefiederte Patienten zusammengekommen. Amseln, Mäusebussarde und Turmfalken sind die häufigsten Pfleglinge.
Noch wichtiger ist es für den NABU jedoch, den Vögeln in freier Wildbahn zu helfen. Deshalb hat das Zentrum bereits vor Jahren zwei weitere Standbeine aufgebaut: Zum einen forschen und beraten die Experten und führen auch selbst Vogelschutzprojekte durch, zum anderen informieren und begeistern sie Interessierte über wichtige Vogelthemen. „Nur wenn wir die Lebensbedingungen der Vögel draußen in der Natur verbessern, wird es auch in 20 Jahren noch eine solch bunte Artenvielfalt bei uns geben“, unterstreicht Schmidt-Rothmund.
Anlässlich des Jubiläums besuchte am Dienstag auch Baden-Württembergs Naturschutzminister Alexander Bonde das Zentrum. Nach einem Rundgang entließ er gemeinsam mit den NABU-Mitarbeitern drei junge Turmfalken in die Freiheit. Diese waren Mitte Juli geschwächt und flugunfähig im Zentrum eingeliefert worden. „Greifvögel sind faszinierende Geschöpfe, die unseren Schutz benötigen. Ich freue mich, dass ich heute junge Turmfalken in die Freiheit entlassen darf, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vogelschutzzentrums gesund gepflegt haben. Diese engagierten Naturschützerinnen und -schützer investieren viel Zeit und Engagement in die Pflege verletzter oder kranker Greifvögel und anderer seltener Vogelarten, um diese nach ihrer Genesung wieder in die Freiheit zu entlassen. Die Kooperation des Landes mit dem NABU-Vogelschutzzentrum Mössingen ist für mich das herausragende Modell einer erfolgreichen Public Private Partnership mit einem bedeutenden Naturschutzverband des Landes“, würdigte Naturschutzminister Alexander Bonde die Leistungen des NABU-Vogelschutzzentrums und die seit vielen Jahren bestehende Kooperation mit dem NABU.
Auch für die Arbeit des NABU insgesamt sind die Experten des Vogelschutzzentrums von großer Bedeutung. „Seit seiner Gründung hat sich das Zentrum zu einer der Topadressen im Vogelschutz gemausert. Die hier gebündelte Kompetenz hilft den Vögeln und der Natur. Und sie hilft dem NABU, im politischen Stuttgart die Interessen der Vogelwelt mit hohem Sachverstand zu vertreten“, sagt NABU-Landesgeschäftsführer Uwe Prietzel.
Einen starken Fürsprecher benötigen derzeit vor allem die Vögel der Agrarlandschaften. Die Bestandszahlen von Feldlerche, Kiebitz und Rebhuhn bereiten dem NABU seit Jahren große Sorge. Diese Sorge gab NABU-Chef Prietzel auch Naturschutzminister Bonde mit auf den Weg, verbunden mit dem Appell, bei der jetzt anstehenden Neugestaltung der Agrarförderung und dem Konzept zum Streuobstschutz die Interessen der Vögel besonders zu berücksichtigen. Für den Lebensraum Streuobst wird in den nächsten Jahren auch das Vogelschutzzentrum aktiv werden: Geplant ist, die Umweltbildung um das Thema „Vogelparadies Streuobstwiese“ zu erweitern, die Ausstellung entsprechend umzubauen und einen Rundweg zum Thema anzulegen.
Neben den Appellen an die Politik formulierte Zentrumsleiter Schmidt-Rothmund auch einen Geburtstagswunsch an die vielen Vogelfreundinnen und -freunde im Land: Er bittet darum, Jungvögel in der Natur zu belassen und nicht mitzunehmen. Jungvögel seien in aller Regel nicht hilflos und verlassen, auch wenn es so scheint. In den allermeisten Fällen sind die Eltern noch in der Nähe. „Die Eltern garantieren die beste Pflege. Die Aufzucht von Hand ist extrem anspruchsvoll und selbst bei uns Profis oft nicht erfolgreich. Außerdem können wir den Vögeln nicht beibringen, wie sie später erfolgreich über die Runden kommen. Das können nur die Eltern. Auch wenn es gut gemeint ist: Bitte nehmen Sie keine Jungvögel mit“, appelliert Schmidt-Rothmund nicht ohne Grund: Das Vogelschutzzentrum wird in jedem Frühsommer mit vermeintlich hilfsbedürftigen Jungvögeln überschwemmt.
NABU-Landesgeschäftsführer Prietzel bedankte sich im Namen der über 16.000 Pfleglinge und unzähligen Vögel in der freien Natur bei allen Unterstützern des Zentrums, darunter das Land Baden-Württemberg, das Regierungspräsidium Tübingen, die Landkreise Tübingen, Reutlingen und Zollernalb und die Stadt Mössingen: „Sie und alle weiteren Unterstützer tragen mit Finanzmitteln, mit persönlichem Einsatz oder durch die gute Zusammenarbeit zum Erfolg des Zentrums bei.“

05.08.2014, Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen
Warten auf den Wolf – Staatssekretär Becker informiert sich über die Vorbereitungen zur Rückkehr einer lange ausgestorbenen Tierart
Düsseldorf (agrar-PR) – Mit einer natürlichen Rückkehr des Wolfes nach Nordrhein-Westfalen muss gerechnet werden.. Vor allem Jungwölfe aus Niedersachsen könnten die nordrhein-westfälischen Grenzen immer wieder streifen und sich eventuell sogar ansiedeln. „Deshalb müssen wir uns schon jetzt aktiv auf die Rückkehr des Wolfs vorbereiten, noch viel über den Wolf lernen und vor allem die Bürgerinnen und Bürger informieren“, erklärte der Parlamentarische Staatssekretär des NRW-Umweltministeriums Horst Becker heute beim Besuch des Wolfsgeheges im Heimattierpark Olderdissen im Rahmen seiner Sommertour „WildesNRW“. Der Wolf gilt in Nordrhein-Westfalen seit 170 Jahren als ausgestorben. Für viele Menschen ist er noch immer der (böse) Darsteller in schaurigen Märchen oder für andere ein gänzlich Unbekannter. Auch im übrigen Deutschland war der Wolf fast 100 Jahre verschwunden. Doch seit 14 Jahren entwickelt sich insbesondere von der sächsischen Lausitz aus eine neue deutsche Wolfspopulation mit mittlerweile drei Rudeln im benachbarten Niedersachsen.
Die heimische Artenvielfalt, der Schatz vor unserer Tür, ist bedroht; das gilt auch für den Wolf, der in NRW noch immer als ausgestorben gilt“, sagte Staatssekretär Becker. „Wir sind dabei, die Festplatte unserer Natur unwiederbringlich zu löschen und müssen gegensteuern. Etwa 45 Prozent der untersuchten Tier- und Pflanzenarten sind gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben. Dabei sind die Ursachen des Artensterbens häufig menschengemacht. Vor allem eine zu intensive Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen und die Zerschneidung von Lebensräumen hinterlassen deutliche Spuren.“
Als sicher ausgestorben in NRW gelten die Säugetiere Braunbär, Elch, Auerochse, Wildpferd, Wolf und die Fledermausart Kleine Hufeisennase. Hinzu kommen mindestens 23 Vogelarten, dazu gehören unter anderem Wiedehopf, Blauracke, Brachpieper, Kampfläufer, Goldregenpfeifer, Fischadler sowie Auer- und Birkhuhn. Bei den Fischarten gelten Finte, Maifisch, Stör und Stint als ausgestorben. Beim Maifisch kann sich die Situation in Zukunft wieder ändern, sobald sich eine sichere Population durch die Wiederansiedlung im Rhein etabliert hat.
Neben der aktiven und erfolgreichen Wiederansiedlung von Tieren wie dem Lachs oder dem Biber, kehren viele Tiere aus anderen europäischen Ländern selbständig wieder nach NRW zurück, sobald Lebensräume wieder hergestellt wurden und die Tiere die entsprechenden Rückzugsräume finden. „Wir können auch bei weiteren Wildtieren, so zum Beispiel beim Wolf langfristig mit einer natürlichen Rückkehr nach Nordrhein-Westfalen rechnen“, erklärte Dr. Matthias Kaiser, Leiter des Arbeitskreises Wolf vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV).
Anzeichen für eine Rückkehr des Wolfes auch nach NRW ist die positive Entwicklung der Bestände in anderen Bundesländern. Das Auftauchen einzelner Tiere zum Beispiel in Ost- und Südwestfalen oder in der Eifel ist daher möglich. Denn junge Wölfe suchen sich neue Reviere und wandern dabei teilweise mehrere hundert Kilometer weit. Bereits vor fünf Jahren, im Herbst 2009, stattete der damals im hessischen Reinhardswald lebende Wolf dem benachbarten Kreis Höxter einen heimlichen Besuch ab. Er riss eines Nachts ein Schaf und verschwand wieder. Über seine am Weidezaun hinterlassenen Haare und eine Genanalyse wurde er später als Wolf bestätigt. Damals vor Ort war die Försterin Friederike Wolff vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW. Sie hat sich nach dem Wolfsbesuch in Höxter zur Luchs- und Wolfsberaterin weiterbilden lassen. „Unsere Aufgabe liegt in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Beratung von Nutztierhaltern und Jägern“, erklärte die Försterin und Beraterin Wolff vor dem Gehege in Olderdissen, das ebenfalls der Umweltbildung in Sachen Wolf dient. Das Land hat mehrere Luchs- und Wolfsberater ausgebildet, zu deren Aufgaben auch die Erstaufnahme von Rissen an Wild- und Nutztieren gehört.
Denn der Wolf kann nicht zwischen seiner natürlichen Beute, dem Wild, und Nutztieren wie Schafen unterscheiden. Die oftmals beschworene Gefahr für Leib und Leben des Menschen geht vom Wolf aber nicht aus. Dennoch löst der Wolf immer wieder hitzige Debatten in der Öffentlichkeit aus. „Ich wünsche mir eine sachliche Diskussion auf allen Seiten“, sagte Staatssekretär Becker. „Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland ist einer der größten Artenschutzerfolge der letzten Jahre; wenn er zu uns kommt, darf er auch bei uns leben.“ Dazu hat das Land 2010 eine erste Arbeitsgruppe aus Fachleuten von Behörden sowie Vertretern der Naturschutzverbände, der Jagd und der Schafzucht gegründet. Ziel der Arbeitsgruppe ist, die „wolfsfreie“ Zeit zu nutzen, um Akzeptanz für den Wolf zu schaffen und wirtschaftliche Schäden zu vermeiden.
Für den Fall, dass kurzfristig ein Wolf nach NRW kommen sollte, hat das Land ein Notfallset für Schafhalter angeschafft. Dieses Notfallset zum Schutz vor Wolfsangriffen auf Schafe liegt bei der Biologischen Station Hochsauerlandkreis und kann bei Bedarf kurzfristig und schnell ausgeliehen werden. Nutztierrisse durch Wölfe werden vom Land aus Mitteln des Naturschutzes entschädigt. Denn der Wolf genießt heute strengen europäischen Schutz und darf nicht mehr bejagt werden. Die geschulten Wolfsberater können den Schafhaltern als erste Ansprechpartner dienen, um gerissene Schafe zu untersuchen und den genauen Verursacher festzustellen.
Die wesentliche Aufgabe für das Land und alle Beteiligten bleibt die Aufklärung und Information der Bevölkerung und der betroffenen Nutzergruppen – schon vor dem Auftauchen des ersten Wolfes. Daher hat der Landesbetrieb Wald und Holz NRW zu Jahresbeginn einen Workshop zum Thema Herdenschutz mit dem NRW-Schafzuchtverband und Experten aus dem Osten Deutschlands organisiert. Eine neue Wanderausstellung informiert über die Rückkehr des Wolfes. Verschiedene Informationsmaterialien sind veröffentlicht, die über die neue Internetseite www.wolf.nrw.de bestellt werden können. Weitere Informationen zu den gefährdeten und ausgestorbenen Arten in NRW sind zu finden unter http://www.naturschutzinformationen-nrw.de/artenschutz/de/arten/gruppe.

06.08.2014, Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere
Bedecktsamige Pflanzen und Säugetierdung – Futter für die Evolution
Welche entscheidende Rolle die bedecktsamigen Pflanzen (Angiospermen) und Säugerdung in der Evolution spielten, zeigt eine neue Studie von Forschern des Zoologisches Forschungsmuseums Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere (ZFMK) in Bonn und des Natural History Museums London in den Proceedings of the Royal Society B. Basierend auf DNA Sequenzen rekonstruierten Dr. Dirk Ahrens und seine Kollegen, Dr. Julia Schwarzer und Prof. Alfried Vogler, den Stammbaum von Blatthornkäfern, zu denen auch Mai-, Dung-, und Hirschkäfer gehören. Mit Hilfe von Fossilien wurden die verschiedenen Entwicklungslinien datiert.
Die Evolution der vegetarischen Maikäfer, die mit weltweit ca. 25.000 Arten eine der artenreichsten Käfergruppen darstellen, folgte der Diversifizierung der Angiospermen fast unmittelbar ab der Mittleren Kreide. Diese Käfergruppe konnte sogar den Meteoriteneinschlag am Ende der Kreidezeit überleben, dem die Dinosaurier zum Opfer fielen. Pillendreher und andere Dungkäfer entstanden dagegen erst nach dem großen evolutiven Erfolg der Säuger, insbesondere nach dem Aufkommen der Paarhufer (Artiodactyla). Deren Evolution hing nun selbst wieder einerseits von den Angiospermen und andererseits von der Ausbreitung von Steppen und Savannen im Miozän ab. Die Hypothese, dass Dungkäfer bereits Dinosaurierkot fraßen, sehen die Forscher als unwahrscheinlich. Dass die Entwicklung der Vegetarier und Dungfresser unter den Blatthornkäfern mehrfach unabhängig erfolgte, zeigt auch, wie verlockend die neuen Ressourcen waren.
Die Forscher rätseln aber heute noch, warum gerade die Maikäfer eine solche Artenvielfalt erreichen konnten, denn anders als die meisten pflanzenfressenden Insekten sind sie nicht auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert. Sie halten es aber für möglich, dass die ‚Revolution’ der Bodenstreuschicht, durch die hochproduktiven Bedecktsamer bedingt, in kurzer Zeit viel günstigere Bedingungen für die in der Erde lebenden Maikäferengerlinge bot.
Quelle: Ahrens D, Schwarzer J, Vogler AP. 2014 The evolution of scarab beetles tracks the sequential rise of angiosperms and mammals. Proc. R. Soc. B 20141470.
http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2014.1470

06.08.2014, Universität Zürich
Ursprüngliche Dinosaurier-Art in den Anden von Venezuela entdeckt
Einen sensationellen Fund machte ein Paläontologe der Universität Zürich in den venezolanischen Anden: Er hat Knochen eines der frühesten Dinosaurier entdeckt und kann eine bisher unbekannte Art beschreiben. Ausserdem widerlegt die Entdeckung die geltende Vermutung, dass die Tropen nicht von Dinosauriern besiedelt waren.
Er war ein Pflanzenfresser auf zwei Beinen, hatte die Grösse eines Huhns, lebte in Gruppen und ist mit 202 Millionen Jahren einer der ältesten bisher entdeckten Dinosaurier der Gruppe der Vogelbecken-Dinosaurier (Ornithischia): Diese bisher nicht bekannte Art mit dem klingenden Namen Laquintasaura venezuelae wurde von Prof. Marcelo Sánchez, Professor für Paläontologie der Universität Zürich im Andengebirge Venezuelas in Südamerika entdeckt. Zusammen mit Paul Barrett vom Natural History Museum in London und internationalen Forscherkollegen beschreibt der Zürcher Forscher eine Dinosaurier-Art, die in der erdgeschichtlichen Übergangszeit von der Trias in den Jura gelebt hat. «Aus dieser Zeit vor rund 200 Millionen Jahren sind bislang nur einige wenige Dinosaurier-Arten bekannt. Der Fund mit diesem frühen Zeitfenster ermöglicht es, neue Erkenntnisse über die Evolution und Ausbreitung der ausgestorbenen Reptilien zu gewinnen», sagt Sánchez. Die Dinosaurier-Art ist nun in den «Proceedings of the Royal Society B» beschrieben.
Vor über 200 Millionen Jahren in den Anden
Die neu beschriebene Dinosaurier-Art Laquintasaura venezuelae wird zu den sogenannten Ornithischia gezählt, während etwa der bekannte Tyrannosaurus rex und die gigantischen Sauropoden mit dem langen Hals zu den Saurischia gehören. Die beiden Ordnungen der Dinosaurier werden aufgrund der Form ihrer Beckenknochen unterschieden; die der Ornithischia gleicht dem Körperaufbau von Vögeln, die der Saurischia dem von Echsen.
T. rex und die Sauropoden haben in jüngeren Zeiten des Mesozoikums bis zum Aussterben ihrer Gruppen am Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren gelebt. Demgegenüber hatte sich Laquintasaura gemäss der geologischen Altersbestimmung von Gesteinen am Fundort der fossilen Knochen bereits vor 201 Millionen Jahre durch die Anden bewegt – gleich am Anfang einer neuen Zeitperiode nach einem grösseren Aussterben. «Dank ausgefeilter Techniken, mit denen sich radioaktive Strahlung von Kleinstkristallen und damit die Zerfallszeit genau messen lassen, konnten wir die Knochenfunde auf der Zeitachse klar festmachen», erklärt Erstautor Paul Barrett.
«Die Geschichte der Vogelbecken-Saurier ist wegen fehlender Funde bisher noch sehr lückenhaft», so Sánchez. Für ein umfassenderes Verständnis der Phylogenese dieser Saurier-Gruppe spiele diese frühe Art deshalb eine Schlüsselrolle.
Erste Art in den Tropen Südamerikas
Aussergewöhnlich ist aber nicht nur das Alter des ausgestorbenen pflanzenfressenden Reptils, sondern auch sein Lebensraum: Die Paläontologen gingen bislang davon aus, dass die tropischen Breiten insbesondere Südamerikas für die Dinosaurier zu unwirtlich waren und deshalb nicht von diesen bewohnt wurden; bisher fand man im nördlichen Teil des Kontinents keine Fossilien.
«Nun offenbart sich gerade der tropische Gürtel als der Ort, an dem sich einer der ältesten bekannten Vogelbecken-Dinosaurier entwickelt hatte», stellt der Zürcher Paläontologe fest. Grund für diesen bis heute weissen Fleck auf der paläogeographischen Landkarte sei womöglich auch die fehlende Tradition paläontologischer Tätigkeiten in den tropischen Ländern gewesen, vermutet Sánchez. Aufgrund seiner Entdeckungen rechnet er nun mit mehr Funden in der kommenden Zeit.
Der Beweis für soziales Verhalten
Das fossile Lager mit hunderten von Knochenelementen in Venezuela förderte eine weitere Besonderheit zutage: Die Wissenschaftler konnten nämlich Knochen von mindestens vier Individuen von Laquintasaura venezuelae identifizieren. «Ein Beweis dafür, dass diese frühe Dinosaurier miteinander gelebt haben», so Sánchez. Das Leben in der Gruppe ist von jüngeren Dinosaurierarten bekannt, unklar blieb bisher, wann das Sozialverhalten in der Evolution der Dinosaurier erstmals auftauchte. «Nun können wir das früheste Sozialverhaltens der Vogelbecken-Dinosaurier belegen», erklärt der Paläontologe.
Literatur:
Paul M. Barrett, Richard J. Butler, Roland Mundil, Torsten M. Scheyer, Randall B. Irmis and Marcelo R. Sánchez-Villagra. A Palaeoequatorial Ornithischian and New Constraints on Early Dinosaur Diversification. Proceedings of the Royal Society B, August 2014. http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2014.1147

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