Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

11.08.2014, Technische Universität Braunschweig
Rote Liste für Madagaskars Reptilien: Fast 40 Prozent vom Aussterben bedroht
Unter den Reptilien Madagaskars finden sich so faszinierende Kreaturen wie Zwergchamäleons und Plattschwanzgeckos. Ein Großteil von ihnen kommt nirgendwo sonst auf der Erde vor. Durch Abholzung, Jagd und Tierhandel sind jedoch fast 40 Prozent dieser einzigartigen Tiere vom Aussterben bedroht. Die gute Nachricht: Ein konsequenter Naturschutz könnte ihr Verschwinden noch verhindern. Das sind die Ergebnisse einer Studie, die heute (11. August) von einem Team internationaler Forscherinnen und Forscher unter Beteiligung von Experten der Technischen Universität Braunschweig in der Fachzeitschrift PLoS ONE publiziert wurde.
Madagaskar ist berühmt für seine einzigartige Natur. Eine besondere Faszination rufen viele der Reptilien hervor – darunter farbenprächtige Chamäleons, Riesenschlangen, Geckos und Schildkröten. Ein Team internationaler Forscher hat jetzt erstmals den Gefährdungsstatus aller madagassischen Reptilien ermittelt. Unter maßgeblicher Beteiligung des Evolutionsbiologen Professor Dr. Miguel Vences von der Technischen Universität Braunschweig, der seit über 20 Jahren in Madagaskar forscht, haben sie eine Rote Liste für die Weltnaturschutzunion (International Union for Conservation of Nature – IUCN) erstellt. Die Ergebnisse zeigen, dass 39 Prozent der Arten vom Aussterben bedroht sind.
Die Abholzung des Regenwaldes zur Holzgewinnung und Landwirtschaft bedroht insbesondere die über 360 Arten von Echsen und Schlangen der tropischen Insel, einschließlich der Geckos und Chamäleons. Die Situation der madagassischen Schildkröten ist besonders dramatisch: Alle vier Landschildkröten sowie die wasserlebende Schienenschildkröte wurden als stark gefährdet eingestuft. Sie werden illegal in immer größeren Mengen gefangen und über den illegalen Tierhandel meist nach Asien geschmuggelt, oder sie werden für den Verzehr ihres Fleisches in Madagaskar gesammelt.
Schutzgebiete könnten Überleben sichern
Trotz der beunruhigenden Zahlen hoffen die Forscher, dass die madagassischen Reptilien überleben. Denn fast alle der bedrohten Arten konnten in den letzten Jahren noch im Freiland beobachtet werden. Hinzu kommt ein Netzwerk von Naturschutzgebieten, das auf Madagaskar seit 2003 systematisch ausgebaut worden ist. Auch wenn die Wälder in den Gebieten nicht vollständig vor Abholzung geschützt sind, bieten sie bedeutende Rückzugsgebiete für gefährdete Tiere und Pflanzen. Die Informationen aus der Studie sind entscheidend, um die begrenzten Ressourcen in der Naturschutzarbeit auf Madagaskar zielgerichtet einsetzen zu können. Professor Miguel Vences hebt insbesondere die positiven Aspekte hervor: „Unsere Ergebnisse belegen die enorme Bedeutung der neuen Naturschutzgebiete. Und es ist erfreulich, dass wir bislang so gut wie keine Arten verloren haben. Auch wenn einige kurz vor dem Aussterben stehen – es gibt noch die Chance, sie durch intensive Naturschutzarbeit für die Nachwelt zu erhalten.“
Quelle:
Jenkins RKB, Tognelli MF, Bowles P, Cox N, Brown JL, Chan L, Andreone F, Andriamazava A, Andriantsimanarilafy RR, Anjeriniaina M, Bora P, Brady LD, Hantalalaina DF, Glaw F, Griffiths RA, Hilton-Taylor C, Hoffmann M, Katariya V, Rabibisoa NH, Rafanomezantsoa J, Rakotomalala D, Rakotondravony H, Rakotondrazafy NA, Ralambonirainy J, Ramanamanjato JB, Randriamahazo H, Randrianantoandro JC, Randrianasolo HH, Randrianirina JE, Randrianizahana H, Raselimanana AP, Rasolohery A, Ratsoavina FM, Raxworthy CJ, Robsomanitrandrasana E, Rollande F, van Dijk PP, Yoder AD, Vences M (2014): Extinction Risks and the Conservation of Madagascar’s Reptiles. PLoS ONE.
http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0100173.

12.08.2014, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Wie Spinnen ihre Netze verkleben
Spinnenfäden sind leicht und fein, und dabei unglaublich belastbar und reißfest. Den strukturellen Aufbau und die Bauweise dieser Fäden zu verstehen, ist eine Herausforderung, der sich ein Forschungsteam der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) gestellt hat. Die Wissenschaftler haben die Haftfähigkeit und die Zugfestigkeit einer speziellen Seide an fünf verschiedenen Spinnenarten untersucht. Diese wird von Spinnen genutzt, um den eigentlichen Faden mit Untergründen zu verbinden. Dabei haben sie herausgefunden, dass insbesondere der Untergrund einen großen Einfluss auf die Haftfähigkeit der Fäden hat, wie sie in ihrer neuen Studie in der Fachzeitschrift J. R. Soc. Interface zeigen.
Die Arbeitsgruppe von Professor Stanislav Gorb (Zoologisches Institut, CAU) beschäftigt sich mit der funktionellen Analyse von tierischen Oberflächen: Warum halten Geckofüße an der Wand? Oder: Warum scheuert die Schlangenhaut nicht durch, während sich die Schlange vorwärts bewegt? Neuestes Studienobjekt der Kieler Wissenschaftler sind Spinnenfäden: Der sogenannte Sicherheitsfaden wird von Spinnen zum Absichern, Abseilen und für die Rahmenstruktur des Netzes verwendet. Die Fäden werden mit so genannten Haftscheiben auf Untergründen und an anderen Fäden befestigt. Die Haftscheibe entsteht bei rotierenden Bewegungen der Spinnwarzen und wird in einem speziellen Gittermuster aufgetragen.
Unter der Leitung von Stanislav Gorb untersuchten die Forscher, wie Haftscheiben auf verschiedenen Untergründen halten. „Dafür haben wir die Spinnen auf Glas, Teflon und auf das Blatt eines Bergahorns gesetzt, wo sie jeweils Haftscheiben hinterließen. Dann haben wir durch Zugversuche die Kräfte gemessen, die nötig waren, um die Haftscheiben vom Substrat zu lösen“, erklärt Jonas Wolff, Autor der aktuellen Studie. Auf Glas hafteten die Spinnenfäden so gut, dass sie gerissen sind, bevor es zu einer Ablösung kam, so Wolff weiter. Auf Teflon dagegen lösten sich die Haftscheiben komplett ab, hafteten aber immer noch so gut, dass sie in den meisten Fällen ein Vielfaches des Spinnengewichtes halten konnten. „Auf der Blattoberfläche ist die Klebekraft schließlich soweit herunter gesetzt, dass sich die Haftscheibe in den meisten Fällen komplett ablöst“, ergänzt Wolff.
Die Forscher erklären dieses Phänomen damit, dass Pflanzenoberflächen oft mit Mikrostrukturen und/oder Wachsen ausgestattet sind, um pflanzenfressenden Insekten das Laufen zu erschweren. Diesem Problem sind natürlich auch die Spinnen ausgesetzt, wenn sie in der Vegetation ihre Netze bauen wollen. „Wir vermuten, dass der Wettkampf zwischen Pflanze und pflanzenfressenden Insekten auch für die Spinnen einen evolutionären Druck darstellte, bessere Kleber zu entwickeln“, so Wolff weiter.
Momentan untersucht das Team, wie genau die Haftscheiben aufgebaut sind und funktionieren. „Unsere Erkenntnisse könnten für die Entwicklung neuartiger hocheffizienter, ökonomischer und ökologischer Klebstoffe von großem Nutzen sein“, erläutert Projektleiter Gorb die Anwendungsmöglichkeiten, die sich aus der Forschung potenziell ergeben könnten.
Originalpublikation:
Grawe, I., Wolff, J.O. und Gorb, S.N. (2014): Composition and substrate-dependent strength of the silken attachment discs in spiders. Journal of the Royal Society Interface, 11: 20140477, http://dx.doi.org/10.1098/rsif.2014.0477

13.08.2014, Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen
„Wir können nur schützen, was wir kennen“
Parlamentarischer Staatssekretär Horst Becker stellt neue Smartphone-App vor und informiert sich über die Dokumentation von wichtigen Lebensräumen für die Artenvielfalt in NRW
Mit Hilfe der neuen Smartphone-App „app in die Natur“ können ab sofort alle unter Schutz stehenden Gebiete in Nordrhein-Westfalen abgerufen werden. Informationen zu über 3600 Natur-, FFH- und Vogelschutzgebieten, über 5.000 Alleen und über 60.000 unter Schutz stehende oder schützenswerte Lebensräume aller Größen für seltene Tier- und Pflanzenarten können über die App abgerufen werden. „Nur was man kennt, kann man auch schützen“, erklärte der Parlamentarische Staatssekretär des NRW-Umweltministeriums Horst Becker. „Natur muss zudem erlebt werden können, die App weist den Weg und zeigt, wo die Schätze vor unserer Tür liegen. Es gibt von diesen Schätzen sehr viel mehr als uns bewusst ist und zwar überall in Nordrhein-Westfalen.“
Die Daten der App fußen auf dem NRW-Biotopkataster. Dazu werden jedes Jahr von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des NRW-Landesamtes für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz (LANUV) schützenswerte Biotope dokumentiert und in die Datenbank eingepflegt. Auf Grund dieser Daten wird dann entschieden, welchen Schutzstatus ein Gebiet erhält und ob zum Beispiel neue Naturschutzgebiete ausgewiesen werden können. „Es verschwinden täglich in NRW etwa 10 Hektar an wertvollen Flächen, die als Lebensraum und Brutstätten für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten verloren gehen“, erklärte Horst Becker, der sich heute im Naturschutzgebiet im „Wurmtal“ in der Nähe von Aachen im Rahmen der Sommertour „Wildes NRW“ über die Dokumentation von seltenen Biotopen für den Erhalt der Artenvielfalt informiert hat. „Man kann nur das schützen, was man kennt. Und um zu schützen, müssen wir auch kleinste Flächen und Biotope kennen, auf denen seltene Tier- und Pflanzenarten eine Chance haben. Damit wird deutlich, welchen Schatz wir vor unserer Haustür haben, der immer wieder neu entdeckt werden will, aber auch geschützt werden muss“, sagte Becker.
Im Naturschutzgebiet „Wurmgarten“ in Herzogenrath erläuterten dem Staatssekretär Kartiererinnen und Kartierer des LANUV, nach welchen Kriterien schützenswerte Lebensräume erfasst und dokumentiert werden. „Wir benötigen die Daten, um die richtigen Maßnahmen im Kampf gegen den Artenverlust einleiten zu können“, erklärte Staatssekretär Becker. „Auch wenn wir in den vergangenen Jahren deutliche Erfolge im Artenschutz erreicht haben, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass das wilde NRW noch immer bedroht ist“, warnte der Staatssekretär. Denn der Artenverlust setze sich auch in NRW weiter fort. „Wir sind dabei, die Festplatte unserer Natur unwiederbringlich zu löschen und müssen gegensteuern. Etwa 45 Prozent der untersuchten Tier- und Pflanzenarten sind gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben.“
Das Naturschutzgebiet Wurmtal liegt nördlich der Stadt Aachen auf dem Gebiet der Städte Würselen und Herzogenrath zu beiden Seiten des Flusses Wurm. Das Wurmtal südlich von Herzogenrath ist rund 445 Hektar groß und wird in weiten Teilen von frei schwingenden Flußmäandern der Wurm in der offenen Talaue geprägt.
Das Wurmtal nördlich von Herzogenrath ist rund 19 Hektar groß. Die Wurm fließt dort als unverbauter Tieflandfluss in einem Silberweiden- Aubruchwald.
Bereits 1989 wurde das Wurmtal als Naturschutzgebiet ausgewiesen.
In Nordrhein-Westfalen gibt es derzeit 3.151 Naturschutzgebiete, einen Nationalpark, 518 Gebiete unter dem europäischen Schutzstatus der Flora Fauna Habitatrichtlinie (FFH-Gebiete), 28 Vogelschutzgebiete mit europäischem Schutzstatus, 29.234 schutzwürdige und 33.471 unter Schutz stehende Biotope als kartierte Lebensräume für seltene Tier- und Pflanzenarten sowie 5.581 Alleen.
Die neue Smartphone-App „app in die Natur“ kann heruntergeladen werden unter www.lanuv.nrw.de.

13.08.2014, Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie/Vetmeduni Vienna
Junge Habichtskäuze erobern Wald und Kinderherzen
Wien (OTS) – Dieser Tage werden junge Habichtskäuze im Wiener Teil des Biosphärenparks Wienerwald in die Freiheit entlassen. Das Wiederansiedelungsprojekt der Käuze läuft seit 2009 und wird vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna geleitet. Vom Abenteuer der Wiederansiedelung erzählt nun auch das Kinderbuch „Annas Weg in die Freiheit“.
Seit Jahrzehnten galt der Habichtskauz in Österreich als ausgestorben. Nun erobern die Käuze dank der Umsetzung eines Wiederansiedelungsprojektes unter der Leitung des Ornithologen Richard Zink von der Vetmeduni Vienna ihre Lebensräume in Niederösterreich zurück. Im Sommer 2014 werden 32 junge Käuze in ihr neues Leben im Wald starten.
Wiener Erfolgsgeschichte
„Nach einer ersten erfolgreichen Brut in Wien im Jahr 2014 steht fest: der Wienerwald ist, als grüne Lunge Wiens, nicht nur für die Wienerinnen und Wiener als Erholungsgebiet bedeutsam, sondern auch für den Artenschutz. Die Habichtskäuze finden in unseren naturnahen Wäldern wieder gute Überlebensbedingungen und siedeln sich, nach mehr als 100 Jahren, in der Peripherie der Metropole Wien wieder an. Auch im Jahr 2014 werden an zwei Plätzen in Wien wieder Käuze in die Freiheit entlassen“, freut sich Umweltstadträtin Ulli Sima über den Erfolg. Sima, die gerade ihr zehnjähriges Jubiläum als Umweltstadträtin feiert, unterstützt das Artenschutzprojekt seit der ersten Stunde.
Wissen vermitteln
Biosphärenpark Direktorin Hermine Hackl betont: „Damit der Habichtskauz langfristig wieder Fuß fassen kann, ist nicht nur die laufende Erfolgskontrolle der Projektfortschritte wichtig. Gerade die Information an die Bevölkerung spielt eine maßgebliche Rolle.“ Neben zahlreichen Vorträgen und Infoständen auf Veranstaltungen gibt es nun auch ein Kinderbuch, das die spannende Geschichte der Habichtskäuze erzählt. „Es ist uns ein Anliegen möglichst umfassend über das Wiederansiedlungsprojekt zu informieren. Die Einbindung der Kinder ist unser primäres Ziel, denn sie sind es, die als nächste Generation von Biodiversität im Lebensraum Wald und damit von unseren Bemühungen profitieren sollen“, erklärt Richard Zink die Beweggründe für das Entstehen des Kinderbuches.
EULE – 10 Jahre Umweltbildung der Stadt Wien
EULE (Erleben.Unterhalten.Lernen.Erfahren), so nennt sich passenderweise das Umweltbildungsprogramm der Stadt Wien, welches von Stadträtin Ulli Sima im Jahr 2004 initiiert wurde. „EULE soll der Umweltbildung in Wien eine eigene Plattform geben, die Kinder und Jugendliche interessiert, begeistert und nachhaltig mit der Thematik Umwelt in Berührung bringt.
„Das Buch ‚Annas Weg in die Freiheit‘ erzählt die Geschichte der Habichtskauz-Dame Anna, von ihrer Geburt im Zoo bis zum ersten Jahr in den Weiten der Wälder. Theresa Walter und Richard Zink ist es gelungen das Leben der Tiere im Buch so zu beschrieben, wie es die jungen Käuze, die derzeit auf ihre Freilassung vorbereitet werden, auch tatsächlich erleben. Das ist Umweltbildung am Puls der Zeit“, sind sich Sima und Zink einig. EULE hat nun zehn ereignisreiche Jahre hinter sich und ist mit 9.000 Mitgliedern das erfolgreichste Umweltbildungsprogramm in ganz Österreich. Das neue Buch mit der ISBN Nummer 978-3-200-03591-1 ist um Euro 9,50 im Vetshop der VetmedUn (e-Mail: shop@hvu.vetmeduni.ac.at oder Tel.: 01/250 77-1721) erhältlich.

Und noch eine PM zum Thema, diesmal aus Niederösterreich.

13.08.2014, Amt der Niederösterreichischen Landesregierung
Junge Habichtskäuze erobern Wald und Kinderherzen
LR Pernkopf: „Bedeutung naturnaher Wälder und Schutzgebiete in unserem Naturland Niederösterreich“
St. Pölten (OTS/NLK) – Seit Jahrzehnten galt der Habichtskauz in Österreich als ausgestorben. Nun erobern die Käuze dank der Umsetzung eines Wiederansiedelungsprojektes unter der Leitung des Ornithologen Dr. Richard Zink von der Vetmeduni Vienna ihre Lebensräume in Niederösterreich zurück. Dieser Tage werden 32 junge Käuze in ihr neues Leben in den Freilassungsgebieten Biosphärenpark Wienerwald und rund ums Wildnisgebiet Dürrenstein starten.
„Der Frühling 2014 brachte eine sehr gute Bilanz für das Wiederansiedlungsprojekt. Dieses Jahr wurden in Niederösterreich 18 Jungvögel erfolgreich im Freiland ausgebrütet und aufgezogen. Das sind gut 90 Prozent aller Habichtskauz-Bruten in Österreich. Das Ergebnis unterstreicht die Bedeutung naturnaher Wälder und Schutzgebiete in unserem Naturland Niederösterreich“, so Naturschutz-Landesrat Dr. Stephan Pernkopf. Das vom Land Niederösterreich geförderte Projekt hat den Aufbau einer sich selbst erhaltenden Habichtskauz-Population und einen Lückenschluss zwischen den Vorkommen der Eulen südlich und nördlich Österreichs zum Ziel. Seit 2009 werden dafür junge Käuze in die Freiheit entlassen.
Biosphärenpark-Direktorin Mag. Hermine Hackl betont: „Damit der Habichtskauz langfristig wieder Fuß fassen kann, ist nicht nur eine laufende Erfolgskontrolle des Projektes wesentlich. Auch die Information an die Bevölkerung spielt eine maßgebliche Rolle.“ Neben zahlreichen Vorträgen und Infoständen auf Veranstaltungen gibt es nun auch ein Kinderbuch, das die spannende Geschichte der Habichtskäuze erzählt. „Es ist uns ein Anliegen, möglichst umfassend über das Wiederansiedlungsprojekt zu informieren. Die Einbindung der Kinder ist unser primäres Ziel, denn sie sind es, die als nächste Generation von Biodiversität im Lebensraum Wald und damit von unseren Bemühungen profitieren sollen“, so Dr. Zink über die Beweggründe für das Entstehen des Kinderbuches.
„Das Buch ‚Annas Weg in die Freiheit‘ erzählt die Geschichte der Habichtskauzdame Anna, von ihrer Geburt im Zoo bis zum ersten Jahr in den Weiten der Wälder. Theresa Walter und Richard Zink ist es gelungen, im Kinderbuch das Leben der Tiere so zu beschreiben, wie es die jungen Käuze, die derzeit auf ihre Freilassung vorbereitet werden, auch tatsächlich erleben“, so Pernkopf. Die Freilassung der jungen Habichtskäuze erfolgt nach einer langjährig erprobten Methode:
Die Jungtiere übersiedeln mit Elterntieren in Volieren an die Freilassungsstandorte. Im Spätsommer werden die Käfige unterteilt:
Während die Jungtiere aus einer Hälfte in ihre neue Heimat fliegen dürfen, bleiben die Elterntiere noch einige Zeit in der Voliere, um die Ortstreue der Jungen zu festigen.
Das neue Buch mit der ISBN-Nummer 978-3-200-03591-1 ist um 9,50 Euro im Vetshop der VetmedUni (shop@hvu.vetmeduni.ac.at oder 01/250 77-1721) erhältlich.

13.08.2014, Georg-August-Universität Göttingen
Benötigen Spinnen zusätzliche Gene für ihre Netze?
In einer Gewächshausspinne sind deutlich mehr Gene aktiv als im Menschen. Außerdem verfügt sie über alle wichtigen Gene, die auch die Embryonalentwicklung des Menschen vorantreiben. Das hat ein internationales Forscherteam unter der Führung von Wissenschaftlern des Göttinger Zentrums für Molekulare Biowissenschaften (GZMB) der Universität Göttingen herausgefunden. Mithilfe neuester Sequenziermethoden haben die Wissenschaftler alle aktiven Gene der Gewächshausspinne Parasteatoda tepidariorum entschlüsselt. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift PLOS ONE erschienen.
Göttinger Entwicklungsbiologen entschlüsseln alle aktiven Gene der Gewächshausspinne
In einer Gewächshausspinne sind deutlich mehr Gene aktiv als im Menschen. Außerdem verfügt sie über alle wichtigen Gene, die auch die Embryonalentwicklung des Menschen vorantreiben. Das hat ein internationales Forscherteam unter der Führung von Wissenschaftlern des Göttinger Zentrums für Molekulare Biowissenschaften (GZMB) der Universität Göttingen herausgefunden. Mithilfe neuester Sequenziermethoden haben die Wissenschaftler alle aktiven Gene der Gewächshausspinne Parasteatoda tepidariorum entschlüsselt. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift PLOS ONE erschienen.
Während im Menschen im Laufe seines Lebens etwa 25.000 Gene aktiv sind, verfügt die Spinne über bis zu 60.000 solcher Gene. Warum aber eine Spinne mehr als doppelt so viele aktive Gene benötigt wie der Mensch, ist derzeit noch unklar. „Wir vermuten, dass im Lauf der Evolution das Erbgut der Spinne verdoppelt wurde. Mit diesem zusätzlichen Genmaterial könnten neue Eigenschaften, wie zum Beispiel die Herstellung von Spinnseide zum Netzbau oder die Produktion von Giften zum Töten der Beute entwickelt worden sein“, erklärt der Leiter der Studie Dr. Nico Posnien von der Abteilung Entwicklungsbiologie der Universität Göttingen. „Hier wird die Entschlüsselung des gesamten Erbguts, an dem wir derzeit arbeiten, weitere Antworten geben.“
Die Gene und Mechanismen für die Organbildung bei Tieren werden seit über 50 Jahren hauptsächlich in der Fruchtfliege Drosophila melanogaster erforscht. Seit zehn Jahren ist jedoch die Gewächshausspinne als alternatives Modell in der Forschung etabliert. Bereits 2003 konnten mit einer anderen Spinnenart wichtige Erkenntnisse erzielt werden: „Die bisherigen Ergebnisse zur Untergliederung des Fliegenembryos ließen kaum Ähnlichkeiten zu Wirbeltieren, zu denen auch der Mensch gehört, erkennen. Bei den neueren Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass dieser wichtige Prozess in der Embryonalentwicklung bei Spinnen nicht nur sehr ähnlich wie bei Wirbeltieren abläuft, sondern auch noch durch die gleichen Gene gesteuert wird“, sagt Co-Autor Dr. Nikola-Michael Prpic-Schäper.
Inzwischen wird die Entwicklung zahlreicher Organe in der Gewächshausspinne untersucht, darunter das Gehirn, die Gliedmaßen und die Augen. Mit den neuen Erkenntnissen können Fragen nach den Gemeinsamkeiten der Organentwicklung bei Tier und Mensch umfassender geklärt werden. Nicht zuletzt können durch die jetzt entdeckten zahlreichen spinnen-spezifischen Gene auch Erkenntnisse darüber gewonnen werden, was die Spinne zur Spinne macht. „Dies ist möglicherweise bedeutsam dafür, wie Spinnengifte und -seide gebildet werden und zusammengesetzt sind. Erkenntnisse darüber können wiederum für industrielle und medizinische Zwecke eingesetzt werden“, so Dr. Posnien.
Originalveröffentlichung: Nico Posnien et al. „A comprehensive reference transcriptome resource for the common house spider Parasteatoda tepidariorum”, PLOS ONE, Doi: http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0104885

13.08.2014, Forschungsverbund Berlin e.V.
Das haut die stärkste Fledermaus um
An Windrädern kommen Fledermäuse in großer Zahl um. Forscher haben in einer aktuellen Studie die Herkunft der Tiere ermittelt: Sie stammen nicht nur aus der lokalen Umgebung, sondern manche legten vorher zum Teil große Flugstrecken zurück. So trägt Deutschland nicht nur Verantwortung für den heimischen Artenschutz, sondern auch für Populationen anderer Länder.
Windräder sind wichtig für die Energiewende. Die Technologie ist weit fortgeschritten und Wind ist vor allem im Norden ausreichend vorhanden. Neben dem Problem des Energietransports und der Ästhetik gibt es allerdings noch ein weiteres Problem: Für viele Vögel und Fledermäuse sind die Rotorblätter eine tödliche Gefahr. So könnten jedes Jahr schätzungsweise 300.000 Fledermäuse an Windkraftanlagen in Deutschland verunglücken, wenn die Kollisionsgefahr nicht über nächtliche Abschaltzeiten der Anlagen während der Hauptaktivitätsphasen der Fledermäuse reduziert wird.
In einer aktuellen Studie, die im wissenschaftlichen Fachblatt PLOS ONE publiziert wurde, hat ein Forscherteam unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) die Herkunft von Großen Abendseglern – einer migrierenden Fledermausart – bestimmt, die an Windrädern in den östlichen Bundesländern tödlich verunglückten. Es zeigte sich, dass es sich bei über einem Viertel der Fledermäuse nicht um standorttreue Tiere handelte, sondern um Tiere, die sich auf dem Weg in ihr Winterquartier in Deutschland oder im südwestlichen Europa befanden. Sie kamen aus dem nordöstlichen Verbreitungsgebiet, das sich vom Baltikum über Russland und Weißrussland bis nach Polen erstreckt.
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass besonders viele weibliche und junge Tiere verunglückt waren. Für die Population ist das besonders kritisch, denn mit einem Weibchen fehlen in der nachfolgenden Generation auch deren potenzielle Jungtiere. Fledermausexperte Christian Voigt vom IZW betont: „Die Studie zeigt, dass wir in Deutschland nicht nur Verantwortung für den Artenschutz heimischer Fledermausarten tragen, sondern aufgrund der zentralen Lage als Durchreiseland auch für migrierende Fledermäuse aus entfernten Ländern.“ Deutschland liegt genau auf der Zugroute dieser Fledermäuse, wenn sie aus ihren Reproduktionsgebieten in Nordosteuropa im Herbst zum Überwintern in wärmere Gebiete ziehen, so zum Beispiel nach Deutschland, oder weiter in die Schweiz oder nach Südfrankreich. Für diese Populationen ist es besonders dramatisch, da sie sich bei ungünstigen Klimabedingungen in manchen Jahren ohnehin kaum vermehren. Wenn dann noch viele Fledermäuse in an deutschen Windkraftanlagen verunglücken, wird der Bestand vermutlich empfindlich geschwächt.
Die Methode, mit der die Forscher die Herkunft der Fledermäuse bestimmten, stammt aus der Forensik. Wenn ein Kadaver unbekannter Herkunft auftaucht, untersuchen die Forensiker das Verhältnis von schwerem zu leichtem Wasserstoff im Keratin der Haare. Dieses Verhältnis variiert mit der Umgebungstemperatur; in nördlichen, kühleren Breiten gibt es weniger Deuterium im Niederschlagswasser als in südlichen Breiten. Menschen und Tiere nehmen dieses Wasser direkt oder über die Nahrung auf, wo es sich im Körpergewebe ablagert. Da Keratin im Haar oder Fell biologisch inaktiv ist, bleibt das Isotopenverhältnis dort über lange Zeit erhalten. Wie ein geografischer Fingerabdruck weist es auf die Herkunft des Menschen oder des Tieres hin. Das Praktische an dieser Methode: Die Wissenschaftler können die Herkunft jeder Fledermaus bestimmen, ohne sie vorher beringt zu haben – was einen immensen Aufwand bedeuten würde.
Besonders fatal sind Windräder, weil sie Fledermäuse anlocken. Die Zugzeit ist auch Paarungszeit, dann geraten die Fledermäuse regelrecht ins Schwärmen – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das geschieht am liebsten an landschaftlich markanten Strukturen wie Felsen, Kirchtürmen, oder eben Windrädern. Christian Voigt wundert sich darüber, dass nur wenige weit reichenden Maßnahmen gegen diese tödlichen Fallen ergriffen werden: „Fledermäuse sind sowohl nach nationalem Recht als auch nach EU-Recht geschützt und migrierende Fledermäuse stehen zudem unter dem Schutz einer UN-Konvention, die von Deutschland unterzeichnet wurde. Wer eine einzige Fledermaus tötet, kann strafrechtlich belangt werden.“ Bei den Windkraftanlagen würde dagegen großzügig weggeschaut, weil die Energiewende politisch im Hau-Ruck-Verfahren umgesetzt werden soll. „Hier werden Klimaschutz und Artenschutz gegeneinander ausgespielt – doch müssten sie im Sinne eines umfassenden Umweltschutzes Hand in Hand gehen.“ Dabei würden Windräder und Fledermäuse eigentlich gut zusammenpassen: Fledermäuse mögen keinen starken Wind. Sie sind nur bei Windgeschwindigkeiten von maximal sechs bis acht Metern pro Sekunde aktiv. Genau da fangen Windräder erst an, richtig Energie zu produzieren. Würden die Anlagen nur bei kräftigem Wind laufen, ließen sich Kollisionen vermeiden – auch die zwischen Klima- und Artenschützern.
Publikation:
Lehnert LS, Kramer-Schadt S, Schönborn S, Lindecke O, Niermann I, Voigt CC (2014): Wind farm facilities in Germany kill noctule bats from near and far. PLOS ONE http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0103106

15.08.2014, Georg-August-Universität Göttingen
Schutzgebiete sollen Ausrottung verhindern
Göttinger Biologen untersuchen Folgen der Waldzerstörung auf den Kasuar in Neuguinea
Ein internationales Forscherteam unter Leitung der Universität Göttingen untersucht die Auswirkungen von Lebensraumveränderungen, verändertem Nahrungsangebot sowie der zunehmenden Jagd auf Kasuare in Papua (Indonesien). Sie fanden heraus, dass die Vögel mäßig tolerant gegenüber mittleren Störungen wie Jagdaktivitäten sind, aber intolerant gegenüber schweren Störungen, wie zum Beispiel einer intensiven Abholzung. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Oryx erschienen.
Der Einlappenkasuar Casuarius unappendiculatus ist der größte Vogel in Neuguinea und der primäre Samenverbreiter. Zahlreiche Pflanzenarten in den Regenwäldern der Insel haben relativ große Früchte und Samen im Vergleich zu denen anderer Regionen. Weil Neuguinea große Früchte fressende Säugetiere fehlen, würde das Verschwinden des Kasuars die Lebensfähigkeit der Waldbäume beeinflussen. Diese benötigen den Fruchtfresser, um ihre Samen zu verbreiten. Weil die Kasuare wiederum abhängig von den Früchten sind, kann der Verlust von Nahrungspflanzenarten zu deren Ausrottung führen.
„Abholzung ist die größte Gefahr für ihre Population, weil die nichtnachhaltigen Abholzungen die Baumkronen zerstören und die Lebensraumqualität reduzieren, vor allem, wenn Nahrungspflanzen entfernt werden“, sagt die Leiterin der Studie Dr. Margaretha Pangau-Adam von der Abteilung Systemische Naturschutzbiologie der Universität Göttingen. „Darüber hinaus kann sich durch eine karge Baumkrone im stark zerstörten Wald die Wärme auf dem Waldboden erhöhen und die Wasserquellen austrocknen, die für die Vögel lebensnotwendig sind.“ Solche Auswirkungen könnten durch die Jagd noch verschärft werden, die durch den verbesserten Zugang zum Wald durch Forststraßen erleichtert wird.
„Um die Population des Einlappenkasuars und anderer großer Tierarten in Papua zu sichern, müssen die Waldzerstörung gestoppt und die bestehenden Regelungen im Schutzwald durchgesetzt werden. Wir müssen auch neue Schutzgebiete etablieren, weil die bestehenden Naturschutzgebiete nicht groß genug sind“, erläutert Co-Autor Dr. Matthias Waltert, Privatdozent an der Universität Göttingen. Dr. Margaretha Pangau-Adam wird mit einem Dorothea Schlözer-Postdoktoranden-Stipendium an der Universität Göttingen gefördert.
Originalveröffentlichung: Margaretha Pangau-Adam et al. Rainforest disturbance affects population density of the northern cassowary Casuarius unappendiculatus in Papua, Indonesia. Oryx, DOI: http://dx.doi.org/10.1017/S0030605313001464

15.08.2014, Friedrich-Schiller-Universität Jena
50.000 Filme mit tierischem Durchblick
Archiv mit Röntgenfilmen des Instituts für Zoologie der Universität Jena nun online zugänglich
Ein Faultier, das gemütlich eine Stange entlang klettert, eine Katze, die auf allen vier Pfoten landet, und eine Wachtel, die einen Hindernisparcours durchläuft und dabei ein Ei in ihrem Körper trägt: Die Hochgeschwindigkeits-Röntgenvideographieanlage am Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Universität Jena hat schon viele Tiere beobachtet, gefilmt und erstaunliche Dinge sichtbar gemacht. „Der Röntgenblick durchleuchtet die Tiere bis auf die Knochen“, erklärt Prof. Dr. Martin S. Fischer. „Dabei entstehen fantastische Aufnahmen, mit denen wir die Bewegungsabläufe der Gliedmaßen und des gesamten Skeletts von Tieren exakt vermessen und analysieren können“, sagt der Institutsdirektor und betont, dass alle Arbeiten an der Röntgenanlage den Bestimmungen des Tierschutzgesetzes unterliegen. „Die Röntgendosis ist sehr gering und bei allen bisher untersuchten Tieren sind nachweisbar keine Schädigungen aufgetreten“, so Fischer.
Mit 2.000 Bildern pro Sekunde in HDTV-Qualität gehört die Jenaer Röntgenanlage weltweit zu den modernsten und leistungsfähigsten Anlagen überhaupt. Seit ihrer Inbetriebnahme 2007 war sie durchschnittlich an zwölf Tagen pro Monat im Einsatz. Über 50.000 Filme mit einem riesigen Datenvolumen von rund 40 Terabyte haben die Jenaer Evolutionsbiologen inzwischen produziert.
Jetzt ist das Archiv mit den außergewöhnlichen Tierfilmen auch online einem breiten Publikum zugänglich, und zwar unter: http://szeb.thulb.uni-jena.de/szeb. „Diese einzigartige Sammlung wollen wir auch anderen Wissenschaftlern, Präparatoren, Schulen und den Medien zur Verfügung stellen“, sagt Martin Fischer. Mit Hilfe einer speziellen Datenbank – dem Kernstück der neuen Internetseite – können Interessierte das Filmarchiv durchsuchen und sich weitere Informationen über die einzelnen Videos sowie eine Vorschau anzeigen lassen. „Die ersten Filme sind bereits in das System eingespielt, schrittweise werden nun die übrigen folgen“, kündigt Fischer an.
Seit über zwei Jahren verfolgen die Jenaer Zoologen die Idee, die Tausenden Röntgenfilme online verfügbar zu machen. Das Vorhaben stellte sich jedoch als weitaus komplexer heraus als anfangs angenommen: „Es gibt keine Patentlösung, um wissenschaftliche Daten in dieser Größenordnung nachhaltig aufzubewahren und öffentlich zugänglich zu machen“, sagt Rommy Petersohn, die gemeinsam mit Dr. Bettina Hesse das Projekt koordiniert hat. Unterstützung fanden sie schließlich bei Uni-Kollegen vom Institut für Informatik, dem Universitätsrechenzentrum, dem Multimediazentrum und der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB).
Die Herausforderungen des Teams waren vielfältig: So musste für einen Ablageort gesorgt werden, an dem die Daten dauerhaft, verlustfrei und in einem für jeden lesbaren Format archiviert werden können. Bei der Entwicklung der Datenbank ging es vor allem darum, diese so zu konzipieren, dass sie spätere Suchanfragen erfüllen kann. „Die Hauptaufgabe war es, die Filme zu kategorisieren und die Metadaten zu erstellen, also die Daten mit den Informationen über die Daten“, erläutert Prof. Dr. Klaus Küspert, Lehrstuhlinhaber für Datenbanken und Informationssysteme. Genau damit beschäftigte sich Informatikstudent Carsten Senf im Rahmen seiner Bachelorarbeit: Er übersetzte das zoologische Wissen in eine möglichst leicht zu verwaltende Datenstruktur. Als Basis für die technische Umsetzung diente ihm UrMEL, die zentrale Zugangsplattform für multimediale Angebote der ThULB.
„Es hat sich eine unglaublich fruchtbare Zusammenarbeit zwischen allen Partnern entwickelt, so dass wir nun eine erste Version unserer Online-Datenbank mit benutzerfreundlicher Oberfläche präsentieren können“, sagt Prof. Fischer. Zukünftig soll die Datenbank stetig weiterentwickelt und erweitert werden. Zudem ist geplant, die Datenbank in die digitalen Bibliotheksbestände der ThULB zu integrieren. „Der Nutzer soll auch über seine üblichen Suchanfragen auf die Filme stoßen“, erklärt Michael Lörzer von der ThULB. „Denn unser Anliegen ist es, Wissenschaft transparent zu machen“, ergänzt Zoologie-Professor Fischer. So dass alle die Möglichkeit haben, an den beeindruckenden Aufnahmen von kletternden Faultieren und springenden Katzen teilzuhaben.

18.08.2014, NABU
Bundesweite Aktionen zur „International Batnight“ 2014 1236 Arten weltweit – und die Jagd geht weiter
Sie sind die wahren Herrscher der Nacht. Sie sehen mit ihren Ohren, fliegen mit ihren Händen und rasen mit bis zu 880 Herzschlägen pro Minute durch die Dunkelheit. Handflügler, so ihre Übersetzung aus dem Lateinischen, besser bekannt als Fledermäuse. Die 18. „International Batnight“ am 30. und 31. August 2014 lädt dazu ein, die Welt der Fledermäuse hautnah mitzuerleben und bietet die Gelegenheit, mehr über die atemberaubenden, aber leider bedrohten Flugakrobaten zu erfahren. In vielen Bundesländern werden zur Nacht der Fledermäuse Aktionen angeboten. Mittlerweile findet die „International Batnight“ in über 30 Ländern weltweit statt.
„Fledertiere, dazu gehören circa 200 Flughunde und 1030 Fledermäuse, gehören nach den Nagetieren zu den artenreichsten Säugetieren. Nach wie vor werden neue Arten entdeckt“, erzählt NABU-Fledermausexperte Sebastian Kolberg. Waren es 2012 noch 1236 Arten weltweit, so sind aktuell mindestens zwei Arten dazu gekommen. Die meisten der Handflügler leben in tropischen Regenwäldern.
„Die alljährliche Internationale Fledermausnacht soll auf die Bedrohung der Tiere aufmerksam machen. Vier Arten gelten in Deutschland als stark gefährdet, drei sind sogar vom Aussterben bedroht. Zwölf weitere stehen auf der Vorwarnliste. Hauptursache für die Gefährdung der heimischen Fledermausarten sei der Verlust von geeigneten Lebensräumen, so Kolberg.
Im Rahmen der diesjährigen „International Batnight“ bieten NABU-Fledermauskundler bundesweit nächtliche Exkursionen mit dem sogenannten Bat-Detektor an. Dieser macht die ultrahochfrequenten Rufe der Tiere hörbar, um ihnen so auf die Schliche zu kommen. Eine der Hauptattraktionen des NABU findet auch dieses Jahr im Mayener Grubenfeld in Rheinland-Pfalz statt. Am Samstag, den 30. August öffnet der NABU gemeinsam mit der Stadt Mayen die Tore zum größten Winterquartier für Fledermäuse in Deutschland. In den Abendstunden können Besucher die faszinierenden Tiere dann live beobachten.
Sämtliche Fledermaus-Veranstaltungen finden Sie in der NABU-Termindatenbank: http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/batnight/termine/

19.08.2014, Dachverband Deutscher Avifaunisten

Seevögel in der deutschen AWZ von Nord- und Ostsee — Monitoringbericht 2012/13 erschienen
Der aktuelle Bericht zum Monitoring von Seevögeln in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftzone (AWZ) von Nord- und Ostsee ist jetzt verfügbar. Der vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ) der Universität Kiel im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz erstellte Bericht beschreibt die Ergebnisse der schiffs- und flugzeuggestützten Seevogelerfassungen aus der Berichtsperiode vom 01.11.2012 bis 31.10.2013.
Schwerpunkte des Seevogel-Monitorings waren die Erfassung des Wintervorkommens von Seevögeln in der Pommerschen Bucht (Ostsee), des Wintervorkommens von Seetauchern, Zwergmöwen, Sturmmöwen und anderen Seevogelarten in der deutschen Nordsee, der Frühjahrsrastbestände von Seetauchern und Meeresenten in den Vogelschutzgebieten der östlichen deutschen Ostsee und der (nach-)brutzeitlichen Vorkommen sowie der Frühjahrs- und Herbstvorkommen von Seevögeln in der deutschen Nordsee. Neben Karten zum Vorkommen der einzelnen Seevogelarten enthält der Bericht auch Darstellungen der beobachteten anthropogenen Nutzungen, wie z.B. Schiffsverkehr und Fischerei.
Darüber hinaus gibt der Monitoringbericht einen Überblick über die aktuellen Bestandstrends von Seevögeln. Die Erfassungsmethode wird diskutiert und es werden Ergänzungen und Anpassungen vorgeschlagen. Der Umfang der erfassten Daten wird vor dem Hintergrund der Anforderungen aus den Berichtspflichten nach der Vogelschutzrichtlinie und Europäischen Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie diskutiert und es wird ein Ausblick auf die nachfolgenden Untersuchungen im Rahmen des Seevogel-Monitorings gegeben.
Der Bericht ist auf den Webseiten des FTZ Westküste als Download verfügbar.

19.08.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Den Wölfen auf der Spur – Neue Methode in der Wildtiergenetik entwickelt
Frankfurt/Gelnhausen, den 19.08.2014. Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Gelnhausen haben eine neue Methode entwickelt, um den „genetischen Fingerabdruck“ von Wölfen zu nehmen. Die Datenerhebung verspricht schneller, kostengünstiger und einfacher zu sein, als bei bisherigen Vorgehensweisen. Wolfs-DNA kann Auskunft über Abstammung, Ausbreitung und die genetische Vielfalt der Tiere geben und Verursacher von gerissenen Tieren identifizieren. Die Studie ist kürzlich im Fachjournal „Molecular Ecology Resources“ erschienen. Sie dient als Pilotprojekt, um diese Technik auch für weitere Tierarten zu etablieren.
Der Wolf ist nach Deutschland zurückgekehrt – und mit ihm viele Ängste, Unsicherheiten und Sorgen. Jäger, Landwirte und die Bevölkerung stehen der Rückkehr des scheuen Wildtieres häufig kritisch gegenüber. „Umso wichtiger ist ein gutes Wolfsmanagement“, erklärt Dr. Carsten Nowak, Leiter des Fachgebietes Naturschutzgenetik am Senckenberg Forschungsinstitut in Gelnhausen und ergänzt: „Und hierzu brauchen wir Informationen über die Ausbreitung, Herkunft und genetische Diversität der Tiere.“
Seit dem Jahr 2009 fungiert Senckenberg deshalb als Referenzzentrum für Wolfsgenetik in Deutschland. „Wir erhalten Wolfs-DNA aus ganz Deutschland und darüber hinaus“, erzählt Nowak. Seine Kollegin, die Senckenberger Biologin Verena Harms untersuchte das Erbgut der Raubtiere bisher mit sogenannten Mikrosatelliten – kurzen, nichtcodierenden DNA-Sequenzen.
Nun hat das Team rund um Nowak eine neue genetische Methode zur Erfassung von Wolfsspuren entwickelt. „Wir haben in einerersten Testreihe sogenannte SNPs genutzt, um das Erbgut der Wölfe zu charakterisieren“, erläutert Dr. Robert Kraus, ehemaliger Mitarbeiter in der Senckenberg Außenstelle in Gelnhausen, Leitautor der Studie und aktuell an der Universität Konstanz beschäftigt.
SNPs sind „Punktmutationen“, also Mutationen einzelner Basenpaare in einem DNA-Strang. Dadurch ergeben sich genetische Veränderungen, die sich zu einem gewissen Grad im Genpool einer Population durchgesetzt haben und dadurch messbar sind. So können Populationen von anderen genetisch unterschieden werden.
Die eindeutig identifizierbaren, kurzen DNA-Abschnitte lassen sich in besserer Qualität und zuverlässiger erheben. „Die Datenerhebung und -analyse, sowie der Datenaustausch könnten somit in Zukunft deutlich einfacher von der Hand gehen als die gleichen Vorgänge bei den zur Zeit verwendeten Mikrosatelliten“, meint Kraus.
Um die Vorgehensweise zu testen, haben die Wildtiergenetiker 158 Wolfsproben, wie Haare, Blut, Kot oder Speichel untersucht und daraus DNA extrahiert.
Das Wissenschaftlerteam verspricht sich von der neuen Methode einen standardisierten Austausch zwischen verschiedenen Laboren und letztlich ein internationales genetisches Wildtiermonitoring.
„Das ist wichtig, weil sich Wölfe nicht an Staatsgrenzen halten“, sagt Nowak und ergänzt: „Der im Jahr 2012 erschossene Wolf aus dem Westerwald stammte beispielsweise aus dem Alpenraum.“ Genetische Analysen im Gelnhäusener Forschungsinstitut hatten gezeigt, dass der „Westerwaldwolf“ identisch mit dem auf „Pierre-Luigi“ getauften Wolf aus Südeuropa war, der ein Jahr zuvor in Hessen angefahren worden war.
Weite Wanderungen werden bei Wölfen regelmäßig dokumentiert und „unterstreichen die Bedeutung einer länder- und staatenübergreifenden Vernetzung der Wolfsexperten“, vervollständigt Nowak.
„Der Wolf ist das erste Tier, das wir mit der neuen Methode der SNP-Marker bearbeiten. Sollte das Pilotprojekt erfolgreich sein – und danach sieht es aus – werden wir auch weitere Wildtiere, wie Wildkatzen, Biber, Fischotter und Braunbären aufnehmen“, gibt Kraus einen Ausblick auf die weitere Arbeit der Senckenberger Wildtiergenetiker.

18.08.2014, Forschungsverbund Berlin e.V.

In Lettland wird die weltweit erste Fangvorrichtung für migrierende Fledermäuse eröffnet
Am 19. August 2014 wird auf der ornithologischen Feldstation in Pape, Lettland, die weltweit erste Fledermaus-Fangreuse eröffnet. Damit wird ein ehrgeiziges internationales Fledermausforschungsprojekt gestartet, das Antworten auf viele bisher ungeklärte Fragen bezüglich der Flugrouten, der Überwinterungsgebiete und der Physiologie dieser ökologisch wertvollen Säugetiere liefern soll.
Die Reuse wurde von lettischen und deutschen Biologen speziell zum Fangen von migrierenden Fledermäusen angefertigt. Das Forschungsprojekt wird vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin (IZW) und dem Institut für Biologie der Universität Lettland wissenschaftlich umgesetzt.
„Dank der Beringung von Vögeln wissen Ornithologen bereits sehr viel über die Migration der Vögel. Die Forschung der Fledermäuse steckt jedoch immer noch in den Kinderschuhen. Das liegt zum Teil daran, dass es weltweit nur wenige Orte gibt, an denen es möglich ist, Fledermäuse in ausreichender Zahl während der Migration zu beobachten und zu fangen. Das Naturschutzgebiet um Pape ist in dieser Hinsicht einzigartig, da sich hier die Tiere auf Grund eines ˊFlaschenhals-Effektsˋ konzentrieren. In Pape wird der Migrationsweg gen Süden durch die Verengung zwischen der Ostsee und dem See Pape auf natürliche Weise eingeengt. In ganz Europa gibt es deshalb keinen anderen Ort, an dem man so viele wandernde Fledermäuse beobachten kann“, sagt der erfahrene Fledermausforscher Gunars Petersons, assoziierter Professor an der Lettischen Universität für Landwirtschaft.
Biologen schätzen, dass die neue 15 Meter hohe Reuse es ermöglichen wird, in einer Nacht bis zu 1.000 Fledermäuse zu fangen. Da die Forscher genau wissen möchten, wohin die Tiere fliegen, wollen sie möglichst viele Tiere beringen. Alle Tiere werden unmittelbar danach wieder frei gelassen. Fledermausberingungen, die in Pape in den Achtziger und Neunziger Jahren durchgeführt wurden, erbrachten zum Beispiel die Erkenntnis, dass Fledermäuse Distanzen von mehr als 1.900 km zwischen ihrem Sommer- und Überwinterungsgebiet zurücklegen können. Rauhautfledermäuse, die in Pape beringt wurden, konnten zum Beispiel in Südfrankreich und den Beneluxstaaten wiedergefunden werden.
Die Reuse wird in den nächsten fünf Jahren den Wissenschaftlern dabei helfen, weitere offene Fragen über das Leben der Fledermäuse zu beantworten. Es ist beispielsweise nicht bekannt, ob migrierende Fledermäuse spezielle Migrationskorridore benutzen und welche Sommerhabitate mit welchen Überwinterungsgebieten verbunden sind. Diese Information könnte dem Schutz der Fledermäuse zu Gute kommen, denn auf ihren Zugstrecken und in ihren Überwinterungsgebieten werden immer mehr Windkraftanlagen aufgestellt, die eine tödliche Falle vor allem für ziehende Fledermäuse darstellen. Allein an deutschen Windkraftanlagen sterben schätzungsweise an die 300.000 Fledermäuse pro Jahr, sofern der Betrieb dieser Anlagen nicht während Hauptaktivitätszeiten der Fledermäuse während des Herbstzuges eingestellt wird. Neben diesen praktischen Fragen des Naturschutzes sollen auch grundlegende Aspekte der Biologie von Zugfledermäusen untersucht werden.
Die neue Fangreuse in Pape wird von dem Direktor des Instituts für Biologie der Universität Lettlands, Prof. Dr. Viesturs Melecis, und dem Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo-und Wildtierforschung, Prof. Dr. Heribert Hofer DPhil, sowie den federführenden lettischen und deutschen Forschern Prof. Dr. Gunārs Pētersons und PD Dr. Christian Voigt eröffnet.

19.08.2014, Deutsche Wildtier Stiftung

Freiheit für den Wolf! Reservate für den Rothirsch…?
Warum gehen wir Menschen so unterschiedlich mit Wildtieren um? Manche Arten werden vergöttert, andere verdammt. Manche gehegt und gefüttert, andere gnadenlos verfolgt. Im Mittelpunkt des 7. Rotwildsymposiums der Deutschen Wildtier Stiftung steht daher das Verhältnis zwischen Mensch und Wildtier. Die Veranstaltung findet vom 25. bis 28. September 2014 in Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern) statt. Im Vorfeld beleuchtet die Deutsche Wildtier Stiftung in einer Reihe von Presseinformationen anhand verschiedener Beispiele den Umgang mit Wildtieren in Deutschland. Die erste Folge thematisiert die „Freiheit“.
Rothirsch und Wolf haben vieles gemeinsam: Sie brauchen weite Landschaften, in denen sie sich bewegen können, um Nahrung zu finden und sich zurückziehen zu können. Vor allem männliche Jungtiere gehen darüber hinaus gerne auf Wanderschaft. Doch während die Ausbreitung des Wolfs in Deutschland im überwiegenden Teil der Bevölkerung akzeptiert ist und begrüßt wird, fristet das Rotwild in weiten Teilen des Landes ein Leben in Gefangenschaft. „So reduzieren Bayern und Baden-Württemberg den Lebensraum für Rotwild auf 14 beziehungsweise auf vier Prozent der Landesfläche und verhindern so, dass die Tiere sich neue Lebensräume erobern“, sagt Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. „Von Rotwild wird erwartet, sich an die Grenzen der Rotwildbezirke halten, die die Politiker in den jeweiligen Bundesländern verordnen“, kritisiert Münchhausen. Außerhalb der behördlich festgeschriebenen Rotwildverbreitungsgebiete ist es gesetzlich vorgeschrieben, die Tiere abzuschießen. Sie gelten als „Schädlinge“ für den Wald und sind der Forstwirtschaft oft ein Dorn im Auge.
Der Wolf wird hingegen freudig begrüßt: Er ist frei und darf ungehindert durch ganz Deutschland wandern, obwohl auch mit seiner Rückkehr Konflikte — zum Beispiel mit Schafhaltern — verbunden sind. „Doch die Doktrin heißt: Der Mensch muss mit dem Wolf leben lernen“, sagt Münchhausen. Diese Doktrin – so die Deutsche Wildtier Stiftung — müsse auch für den Rothirsch gelten!
Denn jedes Wildtier beeinflusst in den dicht besiedelten und wirtschaftlich intensiv genutzten Landschaften Deutschlands menschliche Interessen. „Die Nahrungsansprüche, die beim Wolf geduldet werden, werden beim Rothirsch abgelehnt“, kritisiert der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. Gleiches „Recht“ für alle Wildtiere? Mit Nichten! „Das Gleichheitsprinzip gilt anscheinend nicht für alle Tierarten“, sagt Hilmar Freiherr von Münchhausen. „Der Mensch wertet zwischen gewollten und ungewollten Wildtieren.“ Nur so ist es zu erklären, dass sich der Rothirsch im Gegensatz zum Wolf in weiten Teilen Deutschlands seinen Lebensraum nicht selbst suchen darf.
Deshalb greift die Deutsche Wildtier Stiftung unter dem Titel „Ethischer Umgang mit unseren großen Wildtieren“ dieses Thema bei ihrem 7. Rotwildsymposium auf und stellt die umstrittenen Fragen nach der „Gleichheit“ im Umgang mit Wildtieren zur Diskussion. Neben dem Aspekt der „Freiheit“ werden verschiedene Facetten beleuchtet und neben jagdpraktischen Aspekten Fragen des Artenschutzes behandelt.
Das 7. Rotwildsymposium findet vom 25. – 28. September 2014 in Warnemünde statt. Die Veranstaltung wird gefördert durch die Stiftung „Wald und Wild in
Mecklenburg-Vorpommern“ und durch das Land Mecklenburg-Vorpommern. Schirmherr der Tagung ist Dr. Till Backhaus, Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz. Zu den Referenten gehören Kapazitäten wie Dr. Florian Asche, Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, Prof. Dr. Konrad Ott, Prof. Dr. Friedrich Reimoser und Dr. Helmuth Wölfel.

20.08.2014, Technische Universität München
Wilderei bedroht Luchsvorkommen – Studie untersucht Verbreitung von Luchsen in Ostbayern
Europas größte Raubkatze ist wieder im deutsch-tschechischen Grenzgebiet beheimatet. Allerdings leben die Luchse fast ausschließlich in den zwei benachbarten Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava (Tschechien). Wissenschaftler haben untersucht, warum sich die Tiere nicht in anderen Regionen ansiedeln. Ihr Fazit: Offenbar verhindern illegale Abschüsse die weitere Ausbreitung der geschützten Art. Ihre Studie stellten die Forscher kürzlich im Fachmagazin Biological Conservation vor.
Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts galt der Luchs im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Tschechien und Oberösterreich als ausgestorben. In den 1970er und 1980er Jahren wurden dort etwa 25 Luchse ausgesetzt. Der Luchsbestand wuchs auf derzeit etwa 50 Tiere – mit Schwerpunkt in den beiden Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava auf der tschechischen Seite.
„Von diesem Vorkommen ausgehend hoffte man, dass der Luchs neue Lebensräume zum Beispiel im Erzgebirge oder Thüringer Wald erobert“, erklärt Dr. Jörg Müller vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der Technischen Universität München (TUM) und Forschungsleiter des Nationalparks Bayerischer Wald. „Nur so kann sich in Mitteleuropa langfristig eine große, stabile Population bilden.“
Welche Rolle spielen menschliche Aktivitäten?
In der aktuellen Studie, an denen neben der TUM auch die Universität Zürich und das Bayerische Landesamt für Umwelt beteiligt waren, suchten die Wissenschaftler nach der Ursache für die schleppende Ausbreitung der Luchse. Dabei stellten sie fest, dass sich die Tiere selten mehr als 70 Kilometer vom Zentrum der beiden Parks wegbewegen; je weiter eine Gemeinde vom Nationalpark entfernt war, umso seltener wurden die Luchsnachweise.
In anderen Gebieten, zum Beispiel in Skandinavien, wandern insbesondere männliche Tiere deutlich weiter – im Schnitt etwa 150 Kilometer, so das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2012. „Wir wissen, dass Luchse sehr scheu sind und sich überwiegend von Rehwild ernähren“, sagt Müller. „Daher untersuchten wir, inwieweit menschliche Einflüsse und die Beutedichte eine Rolle spielen“.
In ihrer Studie zeichneten die Wissenschaftler Luchsnachweise in 530 ostbayerischen Gemeinden rund um den Nationalpark auf. Das Ergebnis überraschte: Siedlungen und Straßenverkehr schienen den nachtaktiven Luchs nicht zu stören. Das Nahrungsangebot war gut, teilweise gab es im Umland mehr Rehe als in den Parks. „Das Territorium bietet den Raubkatzen ideale Lebensbedingungen. Der Grund für ihre geringe Verbreitung liegt daher woanders: Wir gehen davon aus, dass illegale Abschüsse den Bestand dezimieren.“
Um gesicherte Aussagen über mögliche Störfaktoren und das Nahrungsangebot zu erhalten, analysierten die Forscher umfangreiches Datenmaterial aus den Jahren 2005 bis 2010 – und verglichen es mit den Luchsnachweisen. Sie nutzten Satellitendaten, mit denen sie nächtliches Licht in Siedlungen oder auch Straßen – und damit menschliche Aktivitäten – nachweisen konnten. Das Rehwild quantifizierten sie anhand von Wildtierunfällen – eine zuverlässige Quelle, da Autofahrer diese polizeilich melden müssen, um von ihrer Versicherung entschädigt zu werden.
Luchse bleiben isoliert
Wilderei lässt sich selten nachweisen. Allerdings verschwinden immer wieder dokumentierte Jungtiere; 2012 und 2013 wurde ein Luchs vergiftet und ein trächtiges Weibchen erschossen aufgefunden. Zudem kann Müller auf Daten aus Tschechien zurückgreifen: Dort verjähren Wilderei-Vergehen nach nur einem Jahr, illegale Abschüsse werden daher häufig nachgemeldet. „Seit der Ansiedlung der Luchse haben die Behörden von 62 Tötungen erfahren – die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher“, sagt Müller.
Bei diesem Muster haben Luchse kaum eine Chance sich mit anderen Gruppen im Harz, in den Vogesen, Karpaten oder Alpen zu vermischen. Dafür, so Müller, müssten die Luchse gleichzeitig in mehreren Regionen Mitteleuropas freigesetzt werden – möglichst in waldreichen Gebieten mit hoher Rehwilddichte. „Nur so kann Europas drittgrößtes Raubtier langfristig überleben“, bringt es Müller auf den Punkt.
Vor einigen Monaten haben der TUM-Lehrstuhl für terrestrische Ökologie und der Nationalpark Bayerischer Wald die Zusammenarbeit in Forschung und Lehre vertraglich vereinbart. „Die Arbeit zeigt, wie bedeutend Nationalparks für den Artenerhalt sind – und verweist auf die Notwendigkeit, auch außerhalb von Schutzzonen die Artenvielfalt aktiv zu fördern“, sagt Ordinarius Prof. Wolfgang Weißer.
Publikation:
Protected areas shape the spatial distribution of a European lynx population more than 20 years after reintroduction, Jörg Müller, Manfred Wölfl, Sybille Wölfl, Dennis W.H. Müller, Torsten Hothorn, Marco Heurich, Biological Conservation 177 (2014) 210–217

20.08.2014, Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen
Interaktive Ausstellung zum Wolf im Umweltministerium
Minister Johannes Remmel wird NABU-Wolfspate – Natürliche Rückkehr des Wolfes nach NRW ist möglich
Nordrhein-Westfalen bereitet sich auf eine natürliche Rückkehr des Wolfes nach NRW vor. Vor allem abwandernde Jungwölfe aus Niedersachsen könnten die nordrhein-westfälischen Grenzen immer wieder streifen und sich eventuell sogar ansiedeln. „Deshalb müssen wir uns schon jetzt aktiv auf den Wolf vorbereiten, noch viel über ihn lernen und vor allem bei den Bürgerinnen und Bürgern um Akzeptanz für den Wolf werben“, sagte Umweltminister Johannes Remmel heute bei der Eröffnung einer interaktiven Wolfsausstellung des Naturschutzbundes (NABU) im Umweltministerium. Remmel ergänzte: „Diese Ausstellung leistet hierzu einen wertvollen Beitrag: Denn nur, was man kennt, kann man auch schützen.“
NABU-Landesvorsitzender Josef Tumbrinck überreichte Minister Remmel die Urkunde zur Wolfspatenschaft und den Originalabdruck einer Wolfsfährte: „Wir freuen uns sehr, dass sich Johannes Remmel zum Schutz des Wolfes in NRW bekennt. Wölfe sind Marathonläufer – theoretisch kann also jederzeit ein Wolf in NRW auftauchen. Deshalb ist es wichtig, dass wir in NRW auf den Wolf vorbereitet sind.“
Der Wolf gilt in Nordrhein-Westfalen seit 170 Jahren als ausgestorben. Für viele Menschen ist er noch immer der böse Darsteller in schaurigen Märchen, für andere ein gänzlich Unbekannter. Auch im übrigen Deutschland gab es seit fast 100 Jahren keine sesshaften Wölfe. Doch seit 14 Jahren entwickelt sich insbesondere von der sächsischen Lausitz aus eine neue deutsche Wolfspopulation mit mittlerweile vier Rudeln im benachbarten Niedersachsen.
„Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland ist ein großer Artenschutzerfolg. Darüber sollten wir uns freuen. Wenn er zu uns nach NRW kommt, wird er auch bei uns leben dürfen“, sagte Remmel.
Laut Roter Liste sind derzeit in Nordrhein-Westfalen etwa 45 Prozent der heimischen Tier- und Pflanzenarten gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben. Vor allem eine zu intensive Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen und die Zerschneidung von Lebensräumen hinterlassen deutliche Spuren. „Wir sind dabei, die Festplatte unserer Natur unwiederbringlich zu löschen. Die Ursachen des Artensterbens sind häufig menschengemacht. Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt gegensteuern“, sagte Remmel. Neben der aktiven und erfolgreichen Wiederansiedlung von Tieren, wie dem Lachs oder dem Biber, kehren viele Tiere aus anderen europäischen Ländern selbstständig nach NRW zurück, sobald Lebensräume wiederhergestellt wurden und die Tiere die entsprechenden Rückzugsräume finden.
Die oftmals beschworene Gefahr für Leib und Leben des Menschen geht vom Wolf nicht aus. Dennoch gibt es in der Öffentlichkeit immer wieder hitzige Debatten um den Wolf. Markus Bathen, Wolfsexperte des NABU-Bundesverbands, sagte: „Immer noch machen Gerüchte um Wolfsangriffe die Runde. Dass es sich bei den Wölfen um ganz normale Wildtiere handelt, die sich nicht für Menschen interessieren, kann man gar nicht oft genug erzählen.“ Auch Remmel betonte, dass er sich eine sachliche Diskussion auf allen Seiten wünsche.
Dazu hat das Land 2010 eine erste Arbeitsgruppe aus Fachleuten von Behörden sowie Vertretern der Naturschutzverbände, der Jagd und der Schafzucht gegründet. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, die „wolfsfreie“ Zeit zu nutzen, um Akzeptanz für den Wolf zu schaffen und wirtschaftliche Schäden zu vermeiden.
Der Besuch der interaktiven Wolfsausstellung hält viele Überraschungen bereit: An einer Station können Besucherinnen und Besucher erforschen, was der Wolf zuvor gefressen hat. Oder sie testen spielerisch, wie lange ein Wolf braucht, um nach NRW zu kommen. Auch Fotos mit einem lebensgroßen Pappwolf-Rudel sind möglich. Im Rahmen seiner bundesweiten Kampagne „Willkommen Wolf!“ informiert der NABU seit fast zehn Jahren über die Lebensweise des Wolfes.
Die Ausstellung ist vom 20. bis 29. August 2014 im Umweltministerium zu sehen.
Unter www.wolf.nrw.de bietet der Landesbetrieb Wald und Holz das neue Faltblatt sowie das Infoposter zum Wolf als Download oder Bestellung an.
Ebenso sind die Termine der neuen NRW-Wolfsausstellung eingestellt.

20.08.2014, Eberhard Karls Universität Tübingen
Neandertaler starben vor spätestens 39.000 Jahren aus
Internationales Forscherteam unter Beteiligung der Universität Tübingen überprüft Datierungen europäischer Funde und erstellt ein Modell der zeitlichen Abläufe in der Altsteinzeit
Die letzten Neandertaler sind vor spätestens 39.000 Jahren ausgestorben. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam, an dem Wissenschaftler der Universität Tübingen beteiligt waren. „Das Verschwinden der Neandertaler muss früher angesetzt werden“, sagt Professor Nicholas Conard von der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen. Auch für die bisherige Annahme, dass Neandertaler im Süden der Iberischen Halbinsel besonders lange überlebt hätten, ließen sich bei erneuter Prüfung keine Hinweise finden. Die Ergebnisse der Studie werden in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht.
Seit vielen Jahren ist sich die Forschung einig, dass anatomisch moderne Menschen, von denen alle heute lebenden Menschen abstammen, und Neandertaler eine Zeit lang nebeneinander existierten. Doch wie viel Zeit und Möglichkeiten zur Begegnung die beiden Menschenarten hatten und wann die Neandertaler ausgestorben sind, stellt die Wissenschaft vor viele Rätsel. Dies liegt auch daran, dass die Radiokohlenstoffdatierung der archäologischen Funde bei Proben mit einem Alter um etwa 50.000 Jahre ihre verlässlichen Grenzen erreicht – ausgerechnet in dem Zeitraum, auf den es für die Klärung der Abläufe ankommt. Ein großes internationales Forscherteam hat nun von zahlreichen europäischen Fundstellen aus der Altsteinzeit Momentaufnahmen zusammengetragen, frühere Datierungen mit einer genaueren Methode überprüft und daraus ein, wenn auch lückenhaftes, Gesamtbild zusammengefügt. Die Ergebnisse der Studie sprechen geografisch wie auch zeitlich für eine mosaikartige Verteilung der letzten Neandertaler in Europa.
Im europäischen Mittelmeerraum tauchten die ersten anatomisch modernen Menschen vor 45.000 bis 43.000 Jahren auf. Offenbar verdrängten diese Einwanderer die europäischen Neandertaler aber nicht gleich überall bei ihrer Ankunft. Die Forscher gehen davon aus, dass sich die Lebenszeiten der letzten Neandertaler und der eingewanderten anatomisch modernen Menschen in Europa über einen Zeitraum von 2.600 bis 5.400 Jahren überschnitten. Die Zeit habe ausgereicht, dass Neandertaler Kenntnisse von modernen Menschen übernehmen konnten. Das Bild der Koexistenz sei komplex und ergebe ein mosaikartiges Muster.
Das Forscherteam bezog 40 archäologische Schlüsselfundstellen von Russland bis Spanien in ihre Studie ein. Die Datierung zahlreicher Funde wurde mithilfe der Beschleuniger-Massenspektrometrie nachuntersucht, die genauere Messungen zulässt als die Radiokohlenstoffdatierung. Es zeigte sich, dass mit den bisherigen Methoden und aufgrund von Verunreinigung der Proben das Alter von steinzeitlichen Überresten häufig bis zu mehrere Tausend Jahre unterschätzt worden war. „Das altsteinzeitliche Europa ist das beste Gebiet, um die Verdrängung der Neandertaler durch anatomisch moderne Menschen zu untersuchen, hier gibt es viele bereits gut untersuchte Fundstellen“, erklärt Nicholas Conard. Das Forscherteam untersuchte drei steinzeitliche Kulturformen, die sich jeweils durch ihre Steinwerkzeuge unterscheiden: das Moustérien und das in Frankreich sowie Nordspanien beschriebene Châtelperronien, die Neandertalern zugeordnet werden, sowie die Uluzzien-Kultur, die auf der italienischen Halbinsel und Südgriechenland zu beobachten war und deren Produkte dem modernen Menschen zugeschrieben werden.
Sicher ist, dass es außerhalb von Afrika einen Austausch von Genmaterial zwischen Neandertalern und anatomisch modernen Menschen gegeben hat. Noch heute finden sich einige Neandertalergene im Erbgut von Nichtafrikanern. Wann und wo außerhalb Afrikas sich die beiden Menschengruppen zusammenfanden, bevor die Neandertaler verschwanden, konnte bisher nicht näher bestimmt werden. Das Forscherteam entwickelte aus den neuen Messdaten der Beschleuniger-Massenspektrometrie ein Modell der Zeitabläufe: Danach wurde das Moustérien an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten von anderen Industrien wie zum Beispiel dem Châtelperronien beziehungsweise der Uluzzien-Kultur abgelöst. Die Forscher sind sich jedenfalls sicher, dass spätestens seit 39.000 Jahren vor heute keine Neandertaler mehr lebten.
Originalpublikation:
Tom Higham et al.: The timing and spatiotemporal patterning of Neanderthal disappearance. Nature, 21. August 2014, doi 10.1038/nature13621.

20.08.2014, Paul Scherrer Institut (PSI)
Schon frühe Säugetiere waren beim Essen wählerisch
Aktuellste Untersuchungen an Fossilien winziger Säugetiere liefern neue Erkenntnisse über den Speisezettel unserer frühesten Vorfahren. Es stellte sich heraus, dass – anders als bislang vermutet – schon bei den frühesten Säugetieren verschiedene Arten auf unterschiedliche Nahrung spezialisiert waren. Darüber berichten Forschende der Universitäten Bristol und Leicester in der neuesten Ausgabe des Fachjournals Nature. Ihre Erkenntnisse beruhen auf Untersuchungen, die mithilfe von Röntgentomografie am Paul Scherrer Institut durchgeführt wurden. Die Ergebnisse helfen zu verstehen, wie Eigenschaften entstanden sind, die heutige Säugetiere auszeichnen.
Wenn vom Erdzeitalter Jura die Rede ist, stellen sich die meisten Menschen eine Welt vor, die von riesigen Dinosauriern bewohnt ist. Doch zu dieser Zeit (vor 200 bis 145 Millionen Jahren) gab es auch schon Säugetiere und deren unmittelbare Vorläufer, die aber auf den ersten Blick deutlich weniger spektakulär waren.
Bis vor Kurzem herrschte die Vorstellung, dass diese mausgrossen Säugetiere alle Arten von Insekten gleichermassen frassen. Dabei lebten sie in einer Zeit, in der sich neue Säugetiereigenschaften entwickelten – wie etwa besseres Hörvermögen oder Zähne, mit denen die Tiere präziser kauen und Nahrung zermahlen konnten. Allerdings stellte sich hier die Frage, was die Entwicklung dieser anatomischen Eigenschaften vorangetrieben hatte. Wären alle frühen Säuger Generalisten gewesen, die alle Arten von Insekten hätten fressen können, hätte es eigentlich keinen Grund für die Entwicklung von Nahrungsspezialisten gegeben. Es ist aber von Vorteil, wenn sich Tiere auf bestimmte Nahrung wie zum Beispiel hartschalige Insekten spezialisieren, die von anderen Tieren nicht gefressen werden können. Das bedeutet aber auch, dass die Tiere von ihrer Anatomie her komplexer werden.
Um diese Frage zu beantworten, haben Forschende Fossilien früher Säugetiere untersucht, die in der Region Glamorgan im Süden von Wales gefunden wurden. Vor 200 Millionen Jahren bestand diese Gegend aus einer Reihe von kleinen Inseln, die aus einem seichten Meer herausragten. Durch Untersuchungen der Kiefer und Zähne der Tiere konnte das international zusammengesetzte Forschungsteam nun zeigen, dass zwei Arten der frühesten Säugetiere, Morganucodon und Kuehneotherium, nicht beliebige Insekten frassen, sondern sich auf bestimmte Insektenarten spezialisiert hatten.
Pamala Gill von der Universität Bristol, Hauptautorin der Nature-Veröffentlichung, sagt dazu: „Es gibt keine Fossilien der frühesten Säugetiere, die so gut erhalten wären, dass man etwa aus dem Mageninhalt auf die Essgewohnheiten schliessen könnte. Stattdessen haben wir moderne Verfahren verwendet, um die verfügbaren Teile der Kiefer und einzelne Zähne zu untersuchen. Unsere Ergebnisse bestätigen, dass die Entstehung unterschiedlicher Säugetierarten zu jener Zeit mit Unterschieden in den Fressgewohnheiten und dem Lebensumfeld verbunden waren.“
Mithilfe von Röntgentomografie an der Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS des Paul Scherrer Instituts PSI hat das Forschungsteam mit beispielloser Genauigkeit die feinen Details der inneren Anatomie der winzigen, nur 2 cm langen Kiefer sichtbar gemacht. Da die Kiefer in vielen Einzelteilen vorliegen, mussten die einzelnen Stücke virtuell „zusammengesetzt“ werden, sodass am Ende eine vollständige digitale Rekonstruktion entstanden ist. Mithilfe der Finite-Elemente-Analyse, eines Verfahrens, mit dem auch Stabilität und mechanische Eigenschaften von Brücken oder künstlichen Hüftgelenken getestet werden, wurde untersucht, wie kräftig die Kiefer der frühen Säuger waren. Es stellte sich heraus, dass Morganucodon und Kuehneotherium sich deutlich in ihren Fähigkeiten unterschieden, Beute zu fangen und zu kauen.
„Mikrotomografie mit Synchrotronlicht ist heutzutage einer der wichtigsten zerstörungsfreien Methoden zur Untersuchung von Fossilien. Das brillante Licht, das moderne Synchrotronanlagen wie die Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS erzeugen, stellt ein einmaliges Werkzeug dar, mit dem man in kurzer Zeit Strukturinformationen bis zur Mikrometerskala gewinnen kann“, erklärt Marco Stampanoni, Leiter der Forschungsgruppe Röntgentomografie am PSI und Professor an der ETH Zürich.
Durch Vergleiche mit früheren Untersuchungen an Zähnen heutiger Fledermäuse, die sich von Insekten ernähren, haben die Forschenden gezeigt, dass sich die Muster winziger Vertiefungen und Kratzer (fachsprachlich Microwear) in den Zähnen der beiden Arten Morganucodon und Kuehneotherium deutlich voneinander unterscheiden. Das zeigt, dass die beiden Arten verschiedene Dinge frassen: Morganucodon bevorzugte härtere, „knusprigere“ Nahrung wie etwa Käfer, während sich Kuehneotherium auf weichere Nahrung wie die damals häufigen Skorpionfliegen konzentrierte.
Professor Mark Purnell von der Universität Leicester sagt: „Das ist das erste Mal, dass die Fressgewohnheiten so früher Säugetiere anhand der Abnutzungsmuster der Zähne untersucht worden sind. Dass die Abnutzung so sehr derjenigen bei Fledermäusen ähnelt, die auf bestimmte Nahrung spezialisiert sind, ist ein starker Hinweis darauf, dass auch diese frühen Säugetiere nur bestimmte Dinge frassen.“
Emily Rayfield, Leiterin der Forschungsteams an der Universität Bristol fügt hinzu: „Dieses Forschungsergebnis ist sehr wichtig, denn es zeigt zum ersten Mal, dass Eigenschaften, die heutige Säugetiere auszeichnen – einmaliger Zahnwechsel und die besonderen Strukturen von Kiefergelenk und Innenohr – mit den Entwicklungen bei den ersten Säugetieren verbunden sind. Diese haben spezialisierte Zähne und Kiefer entwickelt, die es ihnen ermöglichten, sich auf unterschiedliche Nahrung zu spezialisieren.“

20.08.2014, Eberhard Karls Universität Tübingen
Meeressäuger brachten die Tuberkulose in die Neue Welt
Forscher der Universität Tübingen entdecken bei genetischen Analysen von 1.000-jährigen Skeletten aus Peru Hinweise auf frühe Übertragung der Infektion von Robben auf Menschen
Die Tuberkulose ist offenbar nicht von den spanischen Eroberern, sondern zuvor bereits von Meeressäugern nach Amerika eingeschleppt worden. Wie ein internationales Forscherteam, koordiniert durch Professor Johannes Krause vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen, feststellen konnte, kam der Erreger deutlich vor der Ankunft der Europäer in die Neue Welt. Wahrscheinlich wurden die ersten Tuberkulosebakterien von Seelöwen und Robben auf Menschen in Südamerika übertragen. Darauf deutet die Analyse von rund 1.000 Jahre alten Skeletten hin. Darüber hinaus fanden die Forscher Hinweise darauf, dass sich die gefährliche Infektionskrankheit vermutlich erst vor rund 6.000 Jahren entwickelte. Die Forschungsergebnisse werden diese Woche von der Fachzeitschrift Nature online vorab veröffentlicht.
An der Tuberkulose sterben auch heute noch jedes Jahr ein bis zwei Millionen Menschen weltweit. Jeder dritte Mensch infiziert sich mit dem Erreger der Krankheit. Die Infektion ist schwer einzudämmen, da zahlreiche mehrfach resistente Bakterienstämme auftreten. Über den Ursprung der Krankheit wurde lange diskutiert. Wissenschaftler nahmen bisher an, dass sich die Tuberkulose parallel zur Evolution des Menschen in Afrika entwickelte und vor Zehntausenden von Jahren über dessen Hauptwanderrouten ausbreitete. Heutige Tuberkulosestämme aus der Neuen Welt sind eng mit europäischen Formen verwandt. Dies ließ vermuten, dass die Bakterien über den Kontakt mit spanischen Eroberern nach Amerika kamen. Allerdings zeigen mehr als 1.000 Jahre alte Skelette und Mumien aus Nord- und Südamerika charakteristische Veränderungen am Knochen, die darauf hinweisen, dass die Infektion bereits mehrere Hundert Jahre vor der Eroberung durch die Europäer aufgetreten sein muss.
Die Tübinger Forscher untersuchten zusammen mit Kollegen von der Arizona State University, dem britischen Wellcome Trust Sanger Institute und dem Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut drei mehr als 1.000 Jahre alte Tuberkuloseopfer aus Peru. Dabei analysierten sie das gesamte Genom der Krankheitserreger, die aus den sterblichen Überresten isoliert werden konnten. „Wir sind aufgrund der Veränderungen an diesen Skeletten und neueren molekularen Nachweisen davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine Form der Tuberkulose handelte“, sagt Jane Buikstra von der Arizona State University. „Wie jedoch diese älteren Tuberkulosestämme mit den aktuell auf dem amerikanischen Kontinent zirkulierenden Stämmen zusammenhängen, lag völlig im Dunkeln“, erklärt Anne Stone, Professorin der Anthropologie an der gleichen Universität.
Die Forscher stellten fest, dass die engsten Verwandten dieser alten Erregerstämme heute bei Robben und Seelöwen vorkommen. Außerdem ergaben ihre Analysen, dass die Tuberkulose in der Form, wie wir sie heute kennen, viel jünger sein könnte als ursprünglich angenommen. Sie trat möglicherweise erst vor etwa 6.000 Jahren auf. „Die Verwandtschaft zwischen den alten Erregern aus Menschen und den Bakterien in Seelöwen ergab sich völlig unerwartet“, kommentiert Sebastien Gagneux vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut die Ergebnisse. „Dieser Stamm löst heute bei Menschen noch Erkrankungen aus, aber er ist sehr selten und sicherlich nicht für die üblichen Tuberkuloseinfektionen beim Menschen verantwortlich.“
Professor Johannes Krause von der Universität Tübingen, der auch Direktor am neuen Max-Planck-Institut für Geschichte und Naturwissenschaften in Jena ist, erklärt, wie sich die Geschichte der Tuberkulosebakterien nun zusammenfügt: „Durch die Verbindung zu Robben und Seelöwen wird klar, wie an Säugetiere angepasste Krankheitserreger, die sich vor rund 6.000 Jahren in Afrika entwickelten, 5.000 Jahre später Peru erreichen konnten.“ Das wahrscheinlichste Szenario beginne mit der Übertragung der Tuberkulose von einem der zahlreichen Wirte in Afrika auf Robben, die den Ozean schwimmend überquerten. Da die Tiere vielfach von Menschen gejagt und gegessen wurden, kam es zur Ansteckung von Menschen in Südamerika und möglicherweise an anderen Orten. „Zu dieser Zeit existierte die Bering-Landbrücke zwischen Asien und Amerika seit einigen Tausend Jahren nicht mehr“, betont Krause: „Der Ozean war der direkteste Weg.“
Noch ist nicht bekannt, ob dieser Tuberkulosestamm auf das frühere Peru beschränkt war. Doch die genetischen Daten deuten darauf hin, dass er später vollkommen durch europäische Stämme er-setzt wurde. „Die Beziehung zwischen älteren Tuberkuloseformen und den heutigen Formen muss bei künftigen Forschungsarbeiten weiter geklärt werden“, sagt Dr. Kirsten Bos, Wissenschaftlerin an der Universität Tübingen. „Die analytischen Methoden zur Bearbeitung alter DNA haben immense Fortschritte gemacht, so dass dieses Ziel in Reichweite gekommen ist.“
Publikation:
Kirsten I. Bos, Kelly M. Harkins, Alexander Herbig, Mireia Coscolla, Nico Weber, Iñaki Comas, Stephen A. Forrest, Josephine M. Bryant, Simon R. Harris, Verena J. Schuenemann, Tessa J. Campbell, Kerrtu Majander, Alicia K. Wilbur, Ricardo A. Guichon, Dawnie L. Wolfe Steadman, Della Collins Cook, Stefan Niemann, Marcel A. Behr, Martin Zumarraga, Ricardo Bastida, Daniel Huson, Kay Nieselt, Douglas Young, Julian Parkhill, Jane E. Buikstra, Sebastien Gagneux, Anne C. Stone, and Johannes Krause: Pre-Columbian Mycobacterial Genomes Reveal Seals as a Source of New World Human Tuberculosis. Nature, Online-Vorabveröffentlichung am 20. August 2014, doi: 10.1038/nature13591

22.08.2014, Naturhistorisches Museum Bern
Forscher entdecken neue Tierarten, die an das Verschwinden des Urwaldschützers Bruno Manser erinnern
Der bekannte Schweizer Umweltaktivist Bruno Manser würde am Montag, 25. August, seinen 60. Geburtstag feiern. Vor vierzehn Jahren verschwand er aus bislang ungeklärten Gründen in Borneo. Zwei Berner Wissenschafter des Naturhistorischen Museums Bern widmen dem unermüdlichen Kämpfer für die indigenen Völker Borneos und deren Lebensraum zwei neu beschriebenen Arten. Zum einen die Bruno Manser Spinne (Aposphragisma brunomanseri), auf die Marco Thoma in Museumsbeständen stiess. Zum anderen mit der Schwarzen Witwe (Ansonia vidua), einer schwarzen Bachkröte, auf die Stefan Hertwig bei einer Expedition im Pulong Tau Nationalpark gestossen ist – im Gebiet, wo Manser verschwunden ist.
Seit 14 Jahren ist Bruno Manser in Sarawak verschollen, auf der westlichen Seite der Regenwaldinsel Borneo. Dort kommt eine Spinnenart vor, die nun den offiziellen Namen Aposphragisma brunomanseri erhalten hat. Die Bruno-Manser-Spinne hat ihren Namen dem Schweizer Biologen Marco Thoma zu verdanken, der zu dieser Zeit am Naturhistorischen Museum Bern tätig war. Im Rahmen eines internationalen Projekts ist Thoma in Museumsbeständen auf die neue Spinnenart gestossen, die ihren Lebensraum im Sarawak hat. Thoma bewundert das Wirken von Bruno Manser, daher hat er den Artnamen dem verschollen Aktivisten gewidmet.
«Aposphragisma brunomanseri» gehört zur Familie der Zwergsechsaugenspinnen (Oonopidae). Spinnen gelten als die wichtigste terrestrische Räubergruppe, sie üben einen enormen Einfluss auf Insektenpopulationen aus und reagieren sensibel auf Biotopveränderungen. Zwergsechsaugenspinnen geben mit ihren kleinen Verbreitungsgebieten Hinweise auf besonders artenreiche Ökosysteme. «Aposphragisma brunomanseri» wurde von schweizerischen und niederländischen Forschenden in den 1980er- und 1990er-Jahren in den Wäldern West-Sarawaks gesammelt. In derselben Zeit also, in der Bruno Manser bei den Penan-Waldnomaden lebte und sich gemeinsam mit ihnen für den Erhalt dieser einmaligen Ökosysteme einsetzte. Dabei beobachtete und skizzierte er auch zahlreiche Kleintiere und verewigte sie in seinen Tagebüchern.
Die schwarzen Witwen vom Gunung Murud
Bei der anderen neu entdeckten Tierart handelt es sich um eine braunschwarze Kröte. Auch sie mahnt an Bruno Mansers Geschichte, da sie in entlegenen Berggebieten des Pulong Tau Nationalparks entdeckt wurde, wo Manser verschollen ist. Gefunden wurde die Kröte bei zwei Expeditionen eines internationalen Teams unter der Leitung von Dr. Stefan T. Hertwig vom Naturhistorischen Museum Bern und dem Institut für Ökologie und Evolution (IEE) der Universität Bern. Der Reichtum an einzigartigen Tierarten und insbesondere an Fröschen im Pulong Tau Nationalpark war das Ziel dieser Forschungsreisen. Neben zahlreichen anderen seltenen und weitgehend unbekannten Arten wurde 2012 ein einzelnes Weibchen einer neuen Art von Bachkröten entdeckt, ein Jahr später ein weiteres Tier, auch ein Weibchen. Genetische und morphologische Untersuchungen bestätigten, dass es sich dabei um eine bisher unbekannte Art handelte. In der mittlerweile erschienenen Beschreibung nennen die Forscher die neue Art Ansonia vidua. Der Artname ‚vidua‘ bedeutet Witwe und bezieht sich auf die Färbung dieser Tiere, die vorwiegend aus einem vornehmen Schwarz besteht. Allerdings könnte der Name auch als Verweis darauf gedacht sein, dass bisher keine Männchen gefunden wurden. Die beiden bekannten Exemplare wurden auf Nachtexkursionen entlang eines Gebirgsflusses in einer Höhe von 2150 m am Gunung Murud gesammelt.
Die Insel Borneo steht für Vielfalt tropischer Lebensräume. Tatsächlich ist dieser Teil der südostasiatischen Inselwelt eines der wichtigsten Zentren der Biodiversität. So beeindruckend die Vielfalt des Lebens auf Borneo ist, so gefährdet ist sie allerdings auch durch die weitgehende Zerstörung der Regenwälder: Die fortschreitende Abholzung und die sich ausdehnenden Plantagen haben den Primärregenwald auf 11% von Sarawaks Gesamtfläche reduziert. Der Schweizer Umweltaktivist Bruno Manser machte mit teils spektakulären Aktionen auf diesen dramatischen Verlust und dessen soziale Folgen für die indigenen Völker aufmerksam. Im Jahr 2000 verschwand er unter ungeklärten Umständen in einem entlegenen Berggebiet auf Borneo. In diesem Gebiet entstand 2006 der Pulong Tau Nationalpark, der als internationales Projekt mit Schweizer Unterstützung ursprüngliche Bergregenwälder und die dort lebenden indigenen Völker schützen soll.
Bis heute führt der Bruno Manser Fonds die Arbeit von Bruno Manser zum Schutz intakter Regenwälder und für die Rechte der Penan fort. Die hier vorgestellten Ergebnisse aktueller Biodiversitätsforschung an Museen tragen zur Kenntnis der Vielfalt des Lebens bei und liefern letztendlich die Grundlage zu deren Schutz.

Einblicke in die Hufeisennasen-Wochenstube des LBV

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