Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

25.08.2014, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Neues Artenschutzprojekt für den Kiebitz gestartet
Die Bestände des Kiebitzes gehen in Deutschland seit vielen Jahren dramatisch zurück. Das hängt vor allem mit strukturellen Veränderungen in der Agrarlandschaft zusammen. Ein neues Projekt im Bundesprogramm Biologische Vielfalt soll durch praktische Maßnahmen und Beratung der Landwirtschaft die Brut- und Lebensbedingungen für diesen Bodenbrüter verbessern. Den Startschuss für das Projekt gab die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Rita Schwarzelühr-Sutter bei einer Veranstaltung im schleswig-holsteinischen Bergenhusen.
Schwarzelühr-Sutter: „Seit Anfang der 1990er Jahre ist die Zahl in Deutschland brütender Kiebitze um bis zu 75 % gesunken. Die Intensivierung der Landwirtschaft ist die Hauptursache für diesen erschreckenden Bestandstrend. Um dem entgegenzuwirken haben sich der NABU Bundesverband, der NABU Landesverband Mecklenburg-Vorpommern und die NABU Naturschutzstation Münsterland zu einem deutschlandweiten Verbundvorhaben zusammengeschlossen, das vom Bund mit rund 1 Million Euro gefördert wird.“
Der Kiebitz findet immer weniger geeignete Brutplätze. Das sind insbesondere ebene Offenlandflächen wie Äcker mit geringem oder niedrigem Bewuchs, Wiesen und Weiden mit kurzem Gras, Gewässerränder und Feuchtwiesen. Vor allem der intensivierte Anbau von Energiepflanzen führt zu einem verstärkten Rückgang wertvoller Grünlandflächen. Die Zunahme des Maisanbaus stellt eine weitere Veränderung dar, die es dem Kiebitz schwer macht, Flächen für seine Brut zu finden. Maisäcker werden zu einer Art ökologischer Falle für die Vogelart: Am Anfang verlockend für die Anlage des Geleges, bieten sie später weder genug Deckung noch ein ausreichendes Futterangebot für die Küken und ihre Eltern.
Das Vorhaben wird vom Bundesumweltministerium mit 1 Mio. Euro gefördert und vom Bundesamt für Naturschutz fachlich begleitet. Ziel des Projektes ist es, naturschutzfachliche Grundlagen und verschiedene Maßnahmen für einen besseren Schutz des Kiebitzes zu erarbeiten. Bundesweit sollen Landwirte dazu bewegt werden, dauerhaft einen Teil ihrer Flächen für den Kiebitzschutz bereitzustellen und sogenannte Kiebitzinseln zu etablieren, die der Vogelart langfristig geeignete Brutplätze bieten.
Das Projekt wird von einer Öffentlichkeitskampagne begleitet, die den Kiebitz als Sympathieträger und Botschafter für den Schutz und Erhalt von Grün- und Offenlandflächen in der deutschen Kulturlandschaft herausstellt.

25.08.2014, Universität Hamburg
Neuer biogeografischer Atlas des Südlichen Ozeans
Forschungsarbeiten von der Universität Hamburg leisten wichtigen Beitrag
Mehr als 9000 Spezies leben im Südlichen Ozean, der auch als Südpolarmeer oder Antarktischer Ozean bekannt ist. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen zum Teil seit Jahrhunderten ihre Verbreitung und besonderen Eigenschaften. Heute stellte das Scientific Committee on Antarctic Research (SCAR) einen Atlas vor, der diese Ergebnisse bündelt und quasi einen Zensus dieses Meeres darstellt. 147 Autorinnen und Autoren aus 22 Ländern haben Beiträge verfasst. Mit ihrer Forschungsarbeit am Zoologischen Museum der Universität Hamburg haben Prof. Dr. Angelika Brandt und Dr. Stefanie Kaiser zu dem Werk beigetragen.
Ziel des Biogeografischen Atlas ist es, den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zu Verteilungsmustern der Lebewesen, die im Südlichen Ozean vorkommen, darzustellen und einen veralteten Atlas von 1969 zu ersetzen. Ein besonderer Fokus liegt dabei u. a. auf den Meeresschichten direkt über dem Grund, der sogenannten Tiefsee, in die kein Licht dringt und die auf den ersten Blick keine Grundlage für die Ansiedlung von Leben zu bieten scheinen. Doch tatsächlich hat sich dort eine große Anzahl an Organismen angesiedelt.
Prof. Dr. Angelika Brandt etwa befasst sich in ihrem Aufsatz „Deep sea communities“ mit allgemeinen Trends, die in der Verbreitung verschiedener Organismengruppen unterhalb von 3000 Metern Tiefe zu beobachten sind. Die Beispiele erstrecken sich dabei durch die häufigsten wirbellosen Tiergruppen aller Größenklassen – von kleinsten Fadenwürmern über Krebse und Meeresborstenwürmer bis hin zu Stachelhäutern wie Seesternen, Seeigeln oder Seegurken.
Eine spezielle Tiergruppe, die Meeresasseln, beschreibt Dr. Stefanie Kaiser in ihrem Aufsatz „Crustacea: Isopoda“. Während ihrer Promotion am Zoologischen Museum der Universität Hamburg erforschte Kaiser, die inzwischen am Senckenberg-Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung in Wilhelmshaven tätig ist, die Verbreitung der Isopoden, besser bekannt als Asseln, die im marinen Lebensraum in allen Tiefen vorkommen und sich durch eine hohe Anpassung und Artenvielfalt auszeichnen. Sie stellt dar, welche morphologischen Ausprägungen zum evolutionären Erfolg der 440 Isopoda-Spezies, die im Südlichen Ozean bisher beschrieben wurden, geführt haben.
„Dieser Atlas wird für die Antarktisforschung von großer Bedeutung sein“, erklärt Prof. Angelika Brandt. Die Informationen darüber, wo welche Lebewesen vorkommen, seien zudem für andere Bereiche hochinteressant, etwa beim Erkennen und Verstehen der Auswirkungen von Umweltveränderungen, zur Überwachung der Biodiversität und zum Erhalt der Ökosysteme. Im Vergleich zu den Forschungsansätzen vorheriger Jahrzehnte basieren die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die im Atlas zusammengetragen wurden, auf deutlich umfangreicheren Datensätzen sowie neuen molekularen und genetischen Untersuchungen. Auch die Methoden der Analyse, Visualisierung, Modellierung und Vorhersage entsprechen den modernsten Standards.
Anstoß für den Atlas waren zwei große Forschungsprojekte der vergangenen Jahre, in denen die „Volkszählung der Meeresorganismen“ des Antarktischen Eismeers umfassend untersucht wurde. Der „Census of Antarctic Marine Life (CAML)“ untersuchte von 2005 bis 2010 die Eigenschaften, das Vorkommen und die Häufigkeit aller lebenden Organismen des Südlichen Ozeans. In enger Verbindung mit diesem Projekt initiierte das SCAR Marine Biodiversity Information Network (SCAR-MarBIN) ein Netzwerk aus Datenbanken, die historische und aktuelle Forschungsergebnisse verbinden und ein umfassendes Register antarktischer Meeresspezies bilden.

26.08.2014, Deutsche Wildtier Stiftung
Elchtest im Büro: Wo geht`s denn hier zur Brunft?
Noch ist Deutschland kein Elch-Land!
Junge Elchbullen wandern gern. Sie sind gute Schwimmer und überqueren auch Flüsse ohne Probleme. Anfang der Woche wurden gleich zwei Jungbullen in Deutschland gesichtet: Der eine zog in der Nähe von Rochow bei Ueckermünde gemächlich durch die Landschaft, der andere verirrte sich in die Innenstadt von Dresden und landete – wohl durch den Verfolgungsdruck der Ordnungshüter in die Ecke getrieben – spektakulär im Schaufenster eines Bürohauses.
Warum sich die Elchbullen auf den Weg gemacht haben, kann nur vermutet werden: „Es ist kurz vor der Brunft der Elche, die im September beginnt“, sagt Dr. Andreas Kinser, Forst- und Jagdreferent der Deutschen Wildtier Stiftung. Ein triftiger Grund für Jungbullen in der Ferne nach „Elchdamen“ Ausschau zu halten und neue Reviere in Beschlag zu nehmen. Doch für die beiden Elch-Exemplare, die in Deutschland gesichtet wurden, war es definitiv zu früh für einen Brunftkampf. „Sie haben noch ein Bastgeweih – und damit ist eine ernsthafte Auseinandersetzung nicht möglich“, so Kinser.
In Deutschland galten Elche bereits vor 1800 als ausgestorben. Wird Deutschland wieder zum Elch-Land? „Davon kann im Moment noch keine Rede sein“, sagt Kinser. „Es handelt sich lediglich um einzelne Tiere, die sich immer wieder auf den Weg in Richtung Westen machen.“ Er geht davon aus, dass der in Rochow gesichtete Elch aus einer westpolnischen Population stammt. Einzeltiere machen sich von dort nach Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern auf. Einige Individuen halten sich länger in Deutschland auf und im Osten Brandenburgs wurden sogar schon Jungtiere beobachtet. „Der Jungbulle, der es bis nach Dresden geschafft hat, könnte auch aus dem tschechischen Erzgebirge stammen“, vermutet der Experte der Deutschen Wildtier Stiftung.
Der Elch ist in Deutschland zwar wie Rot- und Rehwild eine jagdbare Art, aber er genießt eine ganzjährige Schonzeit. Hin und wieder kommt es zu Wildunfällen mit Elchen. So wurde auf der A 20 in der Nähe von Klepelshagen im südöstlichen Teil Mecklenburg-Vorpommerns im letzten Jahr ein Elch von einem Auto angefahren.

27.08.2014, Ludwig-Maximilians-Universität München
Fossilien – Uralter Vertreter skurriler Gliederfüßer entdeckt
Biologen identifizierten 435 Millionen Jahre alte Fossilien als neue Gliederfüßer-Art. Die Neuentdeckung lebte räuberisch im flachen Meerwasser und war wesentlich unauffälliger als jüngere Verwandte aus der Jurazeit.
Sie jagten vor etwa 435 Millionen Jahren in flachen Meeresbereichen nach Beute: Skurrile vielbeinige Tiere mit einem zweiklappigen, schildartigen Panzer. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um die LMU-Biologin Carolin Haug konnte nun nachweisen, dass sie zu einer bisher unbekannten Art gehören. Die neu beschriebene Art Thylacares brandonensis ist der älteste gesicherte Vertreter der sogenannten Thylacocephala, einer heute ausgestorbenen Tiergruppe, die zu den Gliederfüßern gehört. „Wo genau die Thylacocephala innerhalb der Gliederfüßer einzuordnen sind, ist allerdings immer noch umstritten“, sagt Haug, die nun mehr Licht in die Verwandtschaftsverhältnisse bringen konnte.
Spezielle Details der Anatomie von T. brandonensis und detaillierte Untersuchungen von jüngeren Fossilien anderer Thylacocephala-Arten unterstützen nach Ansicht der Forscher die Hypothese, dass die Thylacocephala zu den Krebstieren gehören. Die Anatomie ihrer Beine und fluoreszenzmikroskopische Analysen der Muskelstrukturen legen die Vermutung nahe, dass sie eine Schwestergruppe der sogenannten Remipedia sind. Remipedia sind blinde Krebstiere, die vor allem in tropischen meerüberfluteten Kalksteinhöhlen leben und erst in den 1980er Jahren entdeckt wurden.
„Dass die Einordnung der Thylacocephala so schwierig ist, liegt auch an ihrem skurrilen Aussehen“, sagt Haug, „lange wurde sogar gestritten, wo überhaupt hinten und vorne ist“. Die meisten bisher bekannten Thylacocephala-Arten kennt man von jurazeitlichen Fossilien, die mit rund 200 bis 250 Millionen Jahren deutlich jünger als die Neuentdeckung sind. Diese Fossilien fallen durch ungewöhnlich große Augen und riesige Raubbeine auf, die so lang sind wie der gesamte Körper – vermutlich eine Anpassung an die räuberische Lebensweise. „Die Augenwurden von manchen Wissenschaftlern zunächst nicht als solche erkannt, sondern für den Magen gehalten“, erzählt Haug. T. brandonensis zeigt sich im Vergleich deutlich bescheidener und einfacher: „Die Vertreter dieser Thylacocephala-Art sehen viel ´normaler´ aus“, so Haug, „die Augen sind kleiner und auch die Raubbeine sind kürzer“.
Die Wissenschaftler schließen daraus, dass T. brandonensis zwar wie seine jüngeren Verwandten räuberisch lebte, aber noch nicht so stark spezialisiert war und sich die spezielle Morphologie erst im Lauf der Evolution entwickelte. „Möglicherweise war die starke Spezialisierung auch ein Weg in die evolutionäre Sackgasse“, vermutet Haug, „denn am Ende der Kreidezeit, als auch viele andere Tiergruppen von der Erde verschwanden, starben die Thylacocephala aus“. Vorher allerdings waren sie mehr als 350 Millionen Jahre lang eine sehr erfolgreiche Gruppe gewesen.
Publikation
The implications of a Silurian and other thylacocephalan crustaceans for the functional morphology and systematic affinities of the group.
C. Haug, D.E.G. Briggs, D.G. Mikulic, J. Kluessendorf, J.T. Haug
BMC Evolutionary Biology 2014
http://www.biomedcentral.com/1471-2148/14/159

27.08.2014, Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen
Minister Remmel: „Das wilde NRW ist bedroht“
Kabinett beschließt Entwurf der Biodiversitätsstrategie NRW – Wichtiger Baustein für Neuausrichtung der Naturschutzpolitik
Die Landesregierung hat den ersten Baustein der neuen Artenschutzpolitik für Nordrhein-Westfalen auf den Weg gebracht. Mit der neuen Biodiversitätsstrategie NRW sollen konkrete Maßnahmen für einen ambitionierten Artenschutz und den besonderen Schutz wertvoller Lebensräume für Tiere und Pflanzen für das nächste Jahrzehnt festgelegt werden.
„Der Verlust an biologischer Vielfalt ist neben dem Klimawandel eine unserer zentralen Herausforderungen“, sagte NRW-Umweltminister Johannes Remmel heute (Mittwoch, 27. August 2014) in Düsseldorf bei der Vorstellung des Entwurfs der neuen Strategie.
„Mit der Biodiversitätsstrategie setzen wir ein deutliches Zeichen für den Schutz unseres wertvollen Naturerbes. Das zentrale Ziel unserer Naturschutzpolitik ist es, in den nächsten Jahren den weiter fortschreitenden Artenverlust zu stoppen und die biologische Vielfalt wieder zu erhöhen“, kündigte der Minister an.
„Unser Naturerbe ist ein wertvoller Schatz direkt vor unserer Tür. Es ist aber auch ein Schatz, den es immer wieder neu zu entdecken und zu bewahren gilt. Schon jetzt sind wir dabei, die Festplatte unserer Natur unwiederbringlich zu löschen. Das dürfen wir nicht zulassen.“
Nach der letzten Erhebung zur „Roten Liste der gefährdeten Arten in NRW“ sind mittlerweile knapp 45 Prozent der heimischen Tiere, Pilze und Pflanzen gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben. Auch wertvolle und einzigartige Lebensräume sind gefährdet. „NRW hat eine faszinierende Vielfalt an Arten und Lebensräumen. Aber das wilde NRW ist bedroht. Mit der Neuausrichtung der Naturschutzpolitik wollen wir die biologische Vielfalt für die künftigen Generationen schützen und erhalten. Die Biodiversitätsstrategie ist unser Fahrplan dafür“, betonte Remmel.
Mit der Biodiversitätsstrategie NRW wird ein weiterer politischer Schwerpunkt aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt. Die Strategie bildet eine Standortbestimmung der nordrhein-westfälischen Naturschutzpolitik und ihrer Ausrichtung für die kommenden 10 bis 15 Jahre. Bereits im Vorgriff auf die Biodiversitätsstrategie NRW hat die Landesregierung den Naturschutz-Etat von 18 auf 36 Millionen Euro verdoppelt.
„Zwei Euro jährlich pro Einwohnerin und Einwohner ist das Mindeste, was uns unsere Natur wert sein sollte. Mit diesen Mitteln wollen wir die massiven Eingriffe in die Natur zumindest teilweise wieder rückgängig machen. Dazu investieren wir in Artenschutzprojekte und in die Entwicklung von Schutzgebieten. Wir wollen der Natur wieder Räume und damit Möglichkeiten zur freien Entwicklung zurückgeben, die ihr in den letzten Jahrhunderten genommen wurden“, sagte Remmel.
Insgesamt werden in der Biodiversitätsstrategie NRW rund 150 Maßnahmen beschrieben. Dazu gehören zum Beispiel:
• die Novellierung des Landschaftsgesetzes hin zu einem Landesnaturschutzgesetz;
• Ausweisung eines zweiten Nationalparks in Nordrhein-Westfalen;
• Erhöhung des Waldflächenanteils mit natürlicher Waldentwicklung auf etwa fünf Prozent der Gesamtwaldfläche in Nordrhein-Westfalen (Wildniswälder);
• ökologische Entwicklung von Gewässern und Auen mit dem NRW-Programm „Lebendige Gewässer“;
• Schutzprogramme für besonders gefährdete Arten wie Äschen, Wiesenvögel und Wildkatze;
• Reduzierung des täglichen Flächenverbrauchs bis zum Jahr 2020 auf fünf Hektar und langfristig auf null Hektar (netto);
• Erhöhung des Biotopverbundes, also die Durchgängigkeit von Lebensraum zu Lebensraum, von derzeit zehn auf mindestens 15 Prozent der Landesfläche;
• Erarbeitung einer landesweiten Konzeption zur Wiederherstellung von Heidegebieten, Magerrasen und Mooren;
• Erhöhung des Anteils standorttypischer Buchenwälder von heute 16 auf mindestens 20 Prozent;
• Schutz des Grünlandes einschließlich der Entwicklung bzw. Wiederherstellung von naturnahen Strukturen in der Agrarlandschaft;
• Ausweitung des Vertragsnaturschutzes und des ökologischen Landbaus;
• Förderung der Umweltbildung von der Kita bis zur Hochschule
• und das Erlebbarmachen des wertvollen Naturerbes des Landes für seine Bürgerinnen und Bürger.
Der Entwurf der Biodiversitätsstrategie NRW geht nun in die Anhörung mit Naturschutz-, Waldbauern- und Jagdverbänden sowie den Wirtschaftsverbänden, Städten und Gemeinden. Im Anschluss wird das Kabinett die Strategie beschließen, geplant ist dies bis Ende 2014.
Kiebitz droht bis 2030 auszusterben
Die Ursachen des Artensterbens sind häufig menschengemacht: Hierzu gehören unter anderem die zu intensive Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen, die Zerstörung und Zerschneidung naturnaher Lebensräume und der fortschreitende Flächenfraß. So gehen täglich in NRW etwa 10 Hektar an wertvollen Lebensräumen für eine Vielzahl von Tier-, Pilz- und Pflanzenarten verloren. Zudem verschärfen die Versiegelung von wertvollen Lebensräumen, Schad- und Nährstoffeinträge sowie der Abbau von Rohstoffen die Situation.
Hierdurch werden die naturnahen Lebensräume immer weiter verkleinert und voneinander isoliert. Von den insgesamt etwa 12.000 untersuchten Arten in NRW sind daher nach der aktuellen „Roten Liste der gefährdeten Arten“ gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben:
– rund 42 Prozent der Farn- und Blütenpflanzen,
– gut 42 Prozent der Säugetierarten,
– mehr als 50 Prozent der Vogelarten,
– rund 55 Prozent der Schmetterlingsarten
– und zirka 52 Prozent der Wildbienen und Wespen.
Die Zahl der bereits ausgestorbenen oder verschollenen Tier- und Pflanzenarten in NRW liegt mit mehr als 9 Prozent so hoch wie nie.
Besorgniserregend ist, dass der Gefährdungsgrad typischer Arten der Feldflur und bisher ungefährdeter Allerweltsarten deutlich zunimmt. So droht etwa der Kiebitz bis 2030 auszusterben, wenn sich die bisherige negative Entwicklung bei dieser Art fortsetzt.
Lebensräume nicht im guten Zustand
Viele Lebensräume für wild lebende Tier- und Pflanzenarten in NRW sind weiterhin nicht in einem guten Zustand. Das geht aus dem jüngsten Bericht gemäß der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) für Nordrhein-Westfalen hervor. Demnach ist die Situation insbesondere im nordrhein-westfälischen Tiefland (mit Niederrheinischer und Westfälischer Bucht) deutlich schlechter als im Bergland (Eifel, Sauerland, Siegerland, Bergisches Land und Weserbergland).
Nach Untersuchungen des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) sind rund 77 Prozent der Lebensräume im Tiefland in einem unzureichenden oder schlechten Erhaltungszustand, allen voran nährstoffarme Stillgewässer, Moore, Wiesen, Weiden und Hartholz-Auenwälder.
Im Bergland sind es hingegen nur rund 32 Prozent. „Wenn wir den Verlust an Artenvielfalt begrenzen wollen, müssen wir für intakte Ökosysteme sorgen.
Der Schutz und Erhalt der vielfältigen Lebensräume ist daher für unsere Tier- und Pflanzenwelt von existenzieller Bedeutung“, sagte Minister Remmel.

27.08.2014, Deutsche Wildtier Stiftung
Wald ist wichtig! Doch sind Bäume wichtiger als Hirsche…?
Warum gehen wir Menschen so unterschiedlich mit Wildtieren um? Manche Arten werden vergöttert, andere verdammt. Manche gehegt und gefüttert, andere gnadenlos verfolgt. Im Mittelpunkt des 7. Rotwildsymposiums der Deutschen Wildtier Stiftung steht daher das Verhältnis zwischen Mensch und Wildtier. Die Veranstaltung findet vom 25. bis 28. September 2014 in Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern) statt. Im Vorfeld beleuchtet die Deutsche Wildtier Stiftung in einer Reihe von Presseinformationen anhand verschiedener Beispiele den Umgang mit Wildtieren in Deutschland. Die zweite Folge thematisiert den Konflikt „Wald vor Wild“.
Rot- und Rehwild haben in der Forstwirtschaft nur wenige Freunde. Wer Wald bewirtschaftet, sieht in den großen Pflanzenfressern meist keine faszinierenden Wildtiere, sondern Schädlinge. Rothirsche verbeißen junge Bäume und schälen deren Rinde ab. Auch Rehe knabbern an den jungen Trieben. Daher fordern viele Waldbesitzer „Wald vor Wild“ und plädieren für eine scharfe Bejagung der Tiere. Bäume haben eine schlagkräftige Lobby. Doch sind Bäume wichtiger als Wildtiere?
Rot- und Rehwild gehören nicht zu bedrohten Tierarten. „Die Wildbestände in Deutschland müssen jagdlich reguliert werden. Doch es braucht eine Jagd mit Augenmaß – ein Wald ohne Wild darf ebenso wenig das Ziel sein wie völlig überhöhte Wildbestände“, betont Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. „Zum Schutz des Waldes degradieren manche Politiker im Schulterschluss mit der Forstwirtschaft Rotwild zu gefräßigen Wald-Schädlingen.“ Für die Deutsche Wildtier Stiftung ist jedoch gerade der Rothirsch mehr als ein Waldschädling oder eine begehrte Jagdbeute – es ist ein beeindruckendes Wildtier.
„Aus ökologischer Sicht ist nicht jeder verbissene Baum oder jede von den Tieren geschaffene Freistelle im Wald ein Schaden. Im Gegenteil: Es kann ein wichtiger Lebensraum für viele andere Tierarten sein.“ Münchhausen wünscht sich als Leitbild für die Forstwirtschaft einen „Wald mit Wild!“ Um die Fraßeinwirkungen des Wildes an der Waldvegetation einzuschätzen, reicht es nicht, verbissene und geschälte Bäume zu zählen“, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. „Wichtiger ist es festzustellen, ob ausreichend gesunde Bäume für die nächste Waldgeneration vorhanden sind.“ Dies ist meist der Fall, denn pro Hektar wachsen in einem Buchenwald Hundertausende kleiner Sämlinge heran und am Ende bilden nur einige hundert Bäume pro Hektar den Wald der Zukunft.
Um den Konflikt zwischen Waldnutzern und Wildtieren in unserer dicht besiedelten und intensiv genutzten Kulturlandschaft zu lösen, genügt es nicht, den Jagddruck zu erhöhen. „Wir brauchen in den Wälder strukturreiche Baumbestände, Äsungsflächen und Ruhezonen, in denen das Wild nicht durch Jagd und Tourismus gestört wird“, fordert Münchhausen und betont: „So werden Wälder zu Lebensräumen für unsere Wildtiere!“.
Das 7. Rotwildsymposium findet vom 25. – 28. September 2014 in Warnemünde statt. Die Veranstaltung wird gefördert durch die Stiftung „Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern“ und durch das Land Mecklenburg-Vorpommern. Schirmherr der Tagung ist Dr. Till Backhaus, Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz. Zu den Referenten gehören Kapazitäten wie Dr. Florian Asche, Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, Prof. Dr. Konrad Ott, Prof. Dr. Friedrich Reimoser und Dr. Helmuth Wölfel.

27.08.2014, Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten Rheinland-Pfalz
Griese: „Auf der Mehlinger Heide gestaltet der Naturschutz auch Lebensräume für den Menschen“
„Die Arbeit zum Erhalt der Mehlinger Heide zeigt beispielhaft, dass der Naturschutz auch Lebensräume für den Menschen gestaltet. Naturschutz, Naturerlebnis, Erholung und Umweltbildung gehen hier Hand in Hand“, sagte Umweltstaatssekretär Thomas Griese bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Stiftung Mehlinger Heide am Mittwoch. Auf einer Exkursion durch die blühende Heide überzeugte sich Griese von der erfolgreichen Arbeit der Stiftung, die 2004 als Plattform zur Bündelung der Interessen auf dem Gebiet gegründet worden war. Er dankte den Verantwortlichen der Stiftung für ihr professionelles Engagement: „Sie verkörpern einen tragfähigen Ansatz des Naturschutzes im Rahmen der landesweiten Biodiversitätsstrategie.“ Das Umweltministerium werde das Projekt weiterhin mit Ersatzzahlungsmitteln unterstützen.
Zahlreiche geschützte Tier- und Pflanzenarten wie der Ziegenmelker, die Heidelerche oder die Schlingnatter sind in der Mehlinger Heide zu Hause. Die in einem Naturschutz- und Natura 2000-Gebiet im Landkreise Kaiserslautern gelegene, rund 120 Hektar große Zwergstrauchheide ist eine der größten Heidelandschaften Süddeutschlands. Für den Erhalt dieser Landschaft sei eine extensive Beweidung entscheidend, so Griese. Der Stiftung sei das Kunststück gelungen, für diese Arbeit eine Nebenerwerbsschäferei zu etablieren, die mit Mitteln des Naturschutzes finanziert werde. „Erfolgreich ist die Stiftung nicht nur bei den Finanzen, sondern auch bei der Öffentlichkeitsarbeit“, betonte Griese. Die schöne Landschaft der Mehlinger Heide sei eine Attraktion für Erholungssuchende aber auch für Schülergruppen und Experten, die sich vor Ort über das Zusammenspiel von Naturschutz und Nutzung informieren. Griese: „Damit trägt die Stiftung zur Umweltbildung bei und schafft Akzeptanz für die Anliegen des Naturschutzes.“

27.08.2014, Forschungsverbund Berlin e.V.
Geparden-Menü: Wild statt Rind
Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) können nun Entwarnung geben: In einer aktuellen Studie haben sie herausgefunden, dass auf der Speisekarte der Geparde in erster Linie Wildtiere stehen. Der Gepard ist eine gefährdete Tierart, der in großen Populationen nur noch auf kommerziellem Farmland in Namibia vorkommt. Die Farmer dort sehen in ihm eine mögliche Bedrohung für ihr Weidevieh.
Es ist ein alter Konflikt: Überall dort, wo es fleischfressende Wildtiere gibt, sorgen sich Landwirte um ihr Weidevieh. In Namibia bezieht sich diese Sorge auf die mögliche Bedrohung von Weidevieh durch Geparde. Wenn den Farmern in Namibia ein Rinder-Kalb fehlt, steht daher regelmäßig der Gepard unter Verdacht – nirgendwo gibt es weltweit noch so viele Tiere dieser gefährdeten Art. Einwandfrei bestätigen lässt sich der Verdacht aber selten.
In ihrer aktuellen Studie untersuchten die IZW-Forscher, ob wirklich das Weidevieh der Farmer ganz oben auf der Speisekarte steht. Dazu griffen sie auf eine indirekte Methode zurück, mit der sie das Nahrungsspektrum der Geparde langfristig erfassen konnten. Christian Voigt vom IZW erläutert: „Klassischerweise werden zur Bestimmung des Nahrungsspektrums Kotproben untersucht. Anhand der darin enthaltenen Haare und Knochen von Beutetieren lässt sich allerdings nicht darauf schließen, was Geparde über einen längeren Zeitraum fressen. Kotproben liefern also nur ein kurzes Schlaglicht auf das Nahrungsspektrum.“
Die Forscher nahmen stattdessen Haarproben der Geparde und bestimmten das sogenannte Stabilisotopenverhältnis von Kohlenstoff und Stickstoff. Bei den Pflanzenfressern gibt es unterschiedliche Nahrungsnetze. Eines basiert auf Büschen, Bäumen und Kräutern, die eine C3-Fotosynthese aufweisen, bei der die Zwischenprodukte der Fotosynthese drei Kohlenstoffatome (C3) enthalten. Im Unterschied dazu haben Gräser eine C4-Fotosynthese. Pflanzenfresser gehören bevorzugt einem Nahrungsnetz an, das Isotopenverhältnis schlägt sich somit auch in ihrem Körpergewebe nieder. So sind der Springbock und der Steinbock auf Büsche und Kräuter spezialisiert, die Oryxantilope ist dagegen ein Grasfresser – ebenso wie das Weidevieh. Noch einen Schritt weiter in der Nahrungskette überträgt sich das Isotopenverhältnis der Beutetiere auf ihre Jäger.
Die Studie zeigte, dass für die Nahrung der Geparde Pflanzenfresser aus der C4-Nahrungskette, zu der auch das Weidevieh gehört, kaum eine Rolle spielen. Nur bei Männchen, die in Gruppen von 2 – 3 Tieren auftreten, kommen gelegentlich Grasfresser als Beutetier vor. Im Geparden-Projekt arbeiten die Wissenschaftler des IZW eng mit Farmern zusammen. „Wir leben mit den Farmern auf dem Farmland und geben ihnen unsere Ergebnisse zurück. Damit erreichen wir eine sehr hohe Akzeptanz“, betont Bettina Wachter. Sie ergänzt: „Die Farmer konnten uns ihre Erfahrungen im Umgang mit den Raubkatzen weitergeben, denn Geparde lassen sich nicht wie viele andere Raubkatzen einfach mit einem Köder anlocken.“ Das liegt daran, dass Geparde nur selbst erlegte Beute fressen. Also stellen die Wissenschaftler, wie von den Farmern empfohlen, die Fallen an Markierungsbäumen auf, die mit Dornengebüsch bis auf einen schmalen Durchgang verblendet sind. Wollen die Geparde zu den Bäumen, müssen sie die Falle passieren. Ist ein Gepard gefangen, wird er betäubt und umfassend untersucht: Größe und Gewicht werden festgestellt, Blutprobe und Haarprobe genommen, und schließlich entlassen die Forscher den Gepard mit einem Sender versehen in die Freiheit.
„Unsere Studie zeigt, dass Geparde dem Weidevieh eher selten nachstellen. Die Farmer müssen sich also weniger um ihre Rinder sorgen “, resümiert Voigt. Mit der im wissenschaftlichen Fachblatt PLOS ONE veröffentlichten Studie geht es den Wissenschaftlern darum, Geparde zu schützen – aber nicht gegen die Interessen der Farmer. „Wir verstehen auch deren Position. Die Konzepte zum Artenschutz müssen immer auch auf die Lebensgrundlage der Menschen Rücksicht nehmen“ kommentiert Wachter. Die Studie ist somit ein wichtiger Beitrag, um den Konflikt zwischen Farmern und Geparden zu entschärfen.
Publikation:
Voigt CC, Thalwitzer S, Melzheimer J, Blanc A-S, Jago M, Wachter B: (2014): The conflict between cheetahs and humans on Namibian farmland elucidated by stable isotope diet analysis. PLOS ONE 10.1371/journal.pone.0101917.

29.08.2014, Max-Planck-Institut für chemische Ökologie
Paarungsbereit zur rechten Zeit: Pheromon im Urin männlicher Weißkehl-Buntbarsche identifiziert
Fische nutzen Pheromone zur Steuerung ihres Sozialverhaltens und zur Koordinierung der Fortpflanzungsbereitschaft von Männchen und Weibchen. Wissenschaftler des Meereswissenschaftlichen Zentrums an der Universität der Algarve in Faro, Portugal, und des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie in Jena haben jetzt einen Signalstoff im Urin von Weißkehl-Buntbarschmännchen (Oreochromis mossambicus) identifiziert, der bei geschlechtsreifen Weibchen die Hormonproduktion ankurbelt und die Eireifung beschleunigt. Der Weißkehl-Buntbarsch ist somit einer der ersten Fische, in denen die chemische Struktur der Pheromone sowie deren biologische Wirkungsweise entschlüsselt werden konnte.
Der Austausch von chemischen Signalen zwischen Organismen gilt als älteste Form der Kommunikation. Zu den chemischen Botenstoffen gehören auch die Pheromone, die dem Informationsaustausch innerhalb einer Art dienen, beispielsweise als Sexuallockstoffe zwischen den Geschlechtern. Fische nutzen Pheromone zur Steuerung ihres Sozialverhaltens und zur Koordinierung der Fortpflanzungsbereitschaft von Männchen und Weibchen. Wissenschaftler des Meereswissenschaftlichen Zentrums an der Universität der Algarve in Faro, Portugal, und des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie in Jena haben jetzt einen Signalstoff im Urin von Weißkehl-Buntbarschmännchen (Oreochromis mossambicus) identifiziert, der bei geschlechtsreifen Weibchen die Hormonproduktion ankurbelt und die Eireifung beschleunigt. Der Weißkehl-Buntbarsch ist somit einer der ersten Fische, in denen die chemische Struktur der Pheromone sowie deren biologische Wirkungsweise entschlüsselt werden konnte. (Current Biology, 21. August 2014, doi: 10.1016/j.cub.2014.07.049)
Das soziale Verhalten des im südlichen Afrika beheimateten Weißkehl-Buntbarschs (Oreochromis mossambicus, auch Mosambik-Tilapia genannt) ist sehr komplex. Unter den Männchen herrscht eine strenge hierarchische Rangordnung, die in sogenannten Balz-Arenen ausgefochten wird. Die Männchen graben mit ihrem Maul Vertiefungen in den Sand in der Mitte der Arena und bieten diese den angelockten Weibchen als Nester für den Laich an. Gleichzeitig versuchen sie, die erfolgreiche Paarung mit anderen Männchen zu verhindern. Beobachtungen zeigten, dass dominante Männchen bei aggressiven Auseinandersetzungen mit männlichen Artgenossen häufiger und deutlich größere Mengen Urin ins Wasser abgeben als ihre unterlegenen Rivalen. Der Urin enthält Pheromone, die einerseits die Aggressivität der anderen Männchen hemmen, andererseits die Weibchen zum Nest locken und derart auf ihren Hormonstatus einwirken, dass die Eireifung beschleunigt und die Eiablage ausgelöst wird. Die Laichabgabe und die externe Befruchtung werden somit zeitlich aufeinander abgestimmt und der Fortpflanzungserfolg erhöht.
Die Fische zeigen dieses Verhalten auch in Gefangenschaft, sodass sich die Art sehr gut als System für reproduzierbare biologische Experimente eignet. Die Wissenschaftlerin Tina Keller-Costa hat nun zusammen mit ihren Kollegen am Meereswissenschaftlichen Institut der Universität der Algarve in Faro, Portugal, sowie der Forschungsgruppe Biosynthese/NMR am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena die chemische Identität der Signalstoffe aufgeklärt und ihre Funktionsweise überprüft. Sie sammelte Urinproben dominanter Männchen, reinigte sie in mehreren Schritten und überprüfte nach jedem Schritt die biologische Aktivität als Pheromon.
Zwei Steroide als Hauptbestandteile im Urin
Dieses Verfahren führte schließlich zu zwei reinen Stoffen, deren chemische Struktur mit Hilfe der kernmagnetischen Resonanzspektroskopie (NMR) aufgeklärt und durch chemische Synthese bestätigt werden konnte: „Bei den Stoffen handelt es sich um zwei mit Glucuronsäure verbundene Spiegelbild-Isomere eines Steroids vom Pregnan-Typ“, fasst Bernd Schneider, der Leiter des NMR-Labors in Jena, die Ergebnisse der Analysen zusammen.
Sowohl Männchen als auch Weibchen reagieren hochsensibel auf den Geruch dieser beiden Steroide. Während das Hormonsystem der Weibchen angeregt wird und ihre Fortpflanzungsbereitschaft deutlich steigt, scheinen die zwei Pheromon-Komponenten allein nicht auszureichen, um die Aggressionsbereitschaft konkurrierender Männchen zu vermindern. Der Urin dominanter Männchen enthält vermutlich weitere, noch zu identifizierende Substanzen, die in einer komplexen Mischung die aggressionshemmende Wirkung erzielen.
Bisher sind nur ganz wenige Fisch-Pheromone chemisch bestimmt worden. „Unsere Entdeckung ist eine grundlegende Voraussetzung für weiterführende Studien, wie zum Beispiel zu den Mechanismen der Wahrnehmung und Verarbeitung dieser chemischen Signale im Gehirn der Fische, die letztendlich Eireifung und Verhaltensänderungen auslösen“, so Tina Keller-Costa, die die Untersuchungen im Rahmen ihrer Doktorarbeit durchgeführt hat.
Möglichkeiten der Kontrolle invasiver Fischarten und Nutzen für die Aquakultur von Speisefischen
Tilapia-Buntbarsche gehören neben Karpfenfischen zu den wichtigsten in Aquakultur gehaltenen Speisefischen. Ihre Haltung in vielen tropischen und subtropischen Gewässern hat jedoch zu einer unkontrollierten Ausbreitung geführt. Diese Pheromone könnten nicht nur dazu beitragen, die Aquakultur von Tilapia-Arten zu verbessern, indem sie die Fruchtbarkeit der Weibchen erhöhen und die Konflikte rivalisierender Männchen abmildern. Sie könnten auch für die Kontrolle des invasiven Verhaltens dieser Fischart eine wichtige Rolle spielen, wenn sie das natürliche ökologische Gleichgewicht stören.
Originalveröffentlichung:
Keller-Costa, T., Hubbard, P.C., Paetz, C., Nakamura, Y., da Silva, J. P., Rato, A., Barata, E. N., Schneider, B., Canario, A. V. M. (2014). Identity of a tilapia pheromone released by dominant males that primes females for reproduction. Current Biology, DOI: 10.1016/j.cub.2014. 07.049
http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2014.07.049

28.08.2014, Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie
Streifen für den Zebrafisch
Der Zebrafisch, ein kleiner Süßwasserfisch, verdankt seinen Namen einem auffallenden Muster von blauen und goldenen Längsstreifen. Drei Typen von Pigmentzellen, schwarze, silbern reflektierende, und gelbe, tauchen während des Wachstums in der Haut von jungen Zebrafischen auf und ordnen sich in einem mehrschichtigen Mosaik an. Bisher wusste man, dass alle Zelltypen miteinander wechselwirken müssen, um ordentliche Streifen zu entwickeln. Die Herkunft der Zellen im Embryo blieb jedoch ein Rätsel. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen haben entdeckt, wo diese Zellen entstehen und wie sie das Zebra-Muster bilden.
Die Schönheit von Lebewesen erstaunt Dichter, Philosophen und Wissenschaftler gleichermaßen. Die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, ist schon seit langem von der Biologie, die Farbmustern bei Tieren zu Grunde liegt, fasziniert. Ihre Arbeitsgruppe untersucht den Zebrafisch als Modellorganismus, um die genetischen Grundlagen der Entwicklung von Tieren zu verstehen.
Neue Ergebnisse aus dem Nüsslein-Volhard-Labor, die in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurden, zeigen, dass die gelben Pigmentzellen ihre Form drastisch ändern, um das Streifenmuster einzufärben. „Wir waren sehr überrascht, dieses Zellverhalten beobachten zu können, das haben wir auf Grund dessen, was wir bisher über die Bildung der Farbmuster wussten, keineswegs erwartet“, sagt Prateek Mahalwar, Erstautor dieser Arbeit. Diese Untersuchungen ergänzen die erst im Juni 2014 in Nature Cell Biology erschienenen Ergebnisse aus dem gleichen Labor, in denen das Verhalten der silbernen und der schwarzen Zellen verfolgt wurde. Beide Studien beschreiben sorgfältige und langwierige Experimente, um den zellulären Vorgängen während der Streifenbildung auf die Spur zu kommen. Einzelne junge Fische, die mit fluoreszierenden Farbstoffen markierte Pigmentzellvorläufer in sich tragen, wurden bis zu drei Wochen lang täglich mikroskopiert. Dadurch konnten die Wissenschaftler die Vermehrung, Wanderung und Ausbreitung einzelner Zellen und ihrer Vorläufer während des vollständigen Musterbildungsprozesses im lebenden und wachsenden Tier verfolgen. „Wir haben dafür ein besonders schonendes Verfahren entwickelt, um einzelne Fische wiederholt über solch lange Zeiträume untersuchen zu können. Dazu haben wir ein neuartiges Mikroskop benutzt, das es ermöglicht, die schädlichen Einflüsse der Beleuchtung mit Fluoreszenz-anregendem Licht auf ein Minimum zu beschränken“, sagt Ajeet Singh, Erstautor der Studie im Juni.
Diese Analyse hat überraschend gezeigt, dass die drei Pigmentzelltypen auf vollkommen unterschiedlichen Wegen in die Haut gelangen: Aus einer Population von pluripotenten dorsalen Zellen entstehen larvale gelbe Zellen, die die Haut des Embryos bedecken. Diese fangen an sich zu Beginn der Metamorphose, also der Wandlung von Larve zu Fisch, zu teilen, wenn der Fisch etwa 2 – 3 Wochen alt ist. Dagegen werden die schwarzen und silbernen Zellen von Stammzellen in Nervenknoten des peripheren Nervensystems gebildet, die in jedem Segment nahe dem Rückenmark liegen. Die schwarzen Zellen gelangen entlang der segmentalen Nerven in die Haut, wo sie in der zukünftigen Streifenregion auftauchen. Die silbernen Zellen dagegen durchdringen den Längsschlitz, der die seitlichen Muskelpakete trennt, und vermehren und breiten sich dann in der Haut aus.
Brigitte Walderich, Mitautorin des Science-Artikels, hat Zelltransplantationen durchgeführt, um die gelben Zellen verfolgen zu können, und erklärt: „Mein Ziel war es, kleine Gruppen von fluoreszierend markierten Zellen im Embryo zu erzeugen, die sich dann während der Entwicklung des Fisches über larvale und jugendliche Stadien verfolgen ließen, um die Herkunft der gelben Zellen zu verstehen. Wir waren sehr überrascht zu sehen, dass diese sich als differenzierte Zellen vermehren und die Haut des Fisches bedecken, bevor die silbernen und schwarzen Zellen erscheinen, um die Streifen zu bilden.“
Erstaunlicherweise verändern sowohl die silbernen als auch die gelben Zellen ihre Form und Färbung, je nach dem, mit welchen anderen Pigmentzellen sie in Kontakt treten. Die gelben Zellen, die auf den dichten silbernen Zellen des hellen Streifens liegen, werden kompakt und färben ihn golden; dagegen bilden sie über den schwarzen Zellen des dunklen Streifens blasse Zellen mit langen Fortsätzen. Die silbernen Zellen überziehen die schwarzen als loses Netzwerk, wodurch die blaue Farbe der dunklen Streifen zustande kommt. Sie verwandeln sich wieder in die dichte Form, um in einem gewissen Abstand vom ersten hellen Streifen einen weiteren hellen Streifen zu bilden. Auf diese Weise kommt die Abfolge von hellen und dunklen Streifen zustande. Die präzise Überlagerung der kompakten silbernen und gelben Zellen in den hellen Streifen und deren loses Netzwerk über den schwarzen Zellen des dunklen Streifens bewirken den scharfen Kontrast zwischen der blauen und goldenen Farbe des Musters.
Die Autoren vermuten, dass durch Abwandlungen des Verhaltens der Farbzellen verschiedene Muster gebildet werden können und man damit die Entstehung der großen Vielfalt an Farbmustern bei Fischen erklären kann. „Aus diesen Untersuchungen haben wir gelernt, wie das Streifen-Muster im Zebrafisch entsteht. Sie geben uns aber auch Anregungen dazu, über die Entstehung von Farbmustern bei Tieren zu spekulieren, die der direkten Beobachtung während der Entwicklung nicht zugänglich sind, zum Beispiel Pfauen, Tiger oder Zebras“, sagt Christiane Nüsslein-Volhard.

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