Die Stammesgeschichte der Fledermäuse

Braunes Langohr (Brehms Tierleben)

Braunes Langohr (Brehms Tierleben)

Die Entwicklungsgeschichte der Fledermäuse ist durch Fossilienfunde nur sehr spärlich dokumentiert. Fledermäuse erlangten offenbar bereits im Eozän weltweite Verbreitung – aus dieser Epoche sind Funde in Europa, Nordamerika und Australien belegt. Da für etliche Familien fossile Belege fehlen, ist über die Entwicklungsgeschichte der Gruppe kaum etwas bekannt.
Zu den ältesten bisher gefundenen Gattungen zählen Onychonycteris finneyi und Icaronycteris index aus dem frühen Eozän der Green-River-Formation Wyomings sowie Archaeonycteris, Palaeochiropteryx, Hassianycteris und Tachypteron franzeni aus dem mittleren Eozän der Grube Messel in Deutschland. Diese frühen Vertreter ähneln in ihrem Körperbau bereits sehr stark den heutigen Fledermäusen, Unterschiede bestehen lediglich in Details wie beispielsweise dem Vorhandensein von Fingerklauen und einem langen, freien Schwanz (der sich allerdings auch bei den heutigen Mausschwanzfledermäusen findet). Auch die eozänen Gattungen dürften bereits zur Echolokation fähig gewesen sein.
Im Gegensatz zu anderen schwierig einzuordnenden Säugetiertaxa, etwa den Walen, liefert der Fossilienbefund bisher keinerlei Hinweise auf Übergangsformen. Folglich sind die Bedingungen, die zur Evolution des Schlagflugs bei Fledermäusen führten, unklar. John Speakman, Lehrstuhlinhaber für Zoologie an der Universität Aberdeen, rekonstruiert die Evolution der Fledermäuse dahingehend, dass diese Tiere zunächst tagaktiv waren und sich erst unter dem Druck durch Greifvögel zunehmend auf nächtlichen Beutefang verlegten. Parallel dazu habe sich die Echoortung entwickelt.

Das älteste Fledermausfossil wird auf 50 Millionen Jahre datiert. Daher wird die Entwicklung der Fledertiere im Eozän (begann vor etwa 56 Millionen Jahren und endete vor etwa 33,9 Millionen Jahren) gesehen.

Unklar war lange, weshalb in der Evolution einige Gruppen von Organismen viele Arten umfassen, andere hingegen nur wenige. Anhand der Evolution der Artbildung in der Familie der Blattnasenfledermäuse wurde diese Frage untersucht. Blattnasenfledermäuse stellen mit etwa 200 Arten eine der artenreichsten Säugetierfamilien dar, während die nächsten Verwandten nur ungefähr zehn Arten umfassen. Die Entstehung neuer Arten ist mit der Entstehung einer neuen Schädelform einhergegangen. Die Wissenschaftler der University of Massachusetts und vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) sowie von der University of California untersuchten die Beißkraft und Nahrungswahl freilebender Fledermäuse in den Tropen sowie deren Schädelstruktur an Museumsexemplaren.

Je nach Schädelform haben sich die Fledermäuse auf einen kleinen Kreis von Nahrungsquellen spezialisiert. So besitzen etwa nektartrinkende Fledermäuse lange schmale Schnauzen, mit denen sie optimal in Blüten hineinreichen, wohingegen Fledermäuse, die sich vorwiegend von harten Früchten ernähren, ein kurzes, „mopsähnliches“ Gesicht haben. Blattnasenfledermäuse leben dagegen von Insekten, Nektar, Früchten, Fröschen, Eidechsen und sogar Blut. Die Entwicklung breiterer Schädelformen vor etwa 15 Millionen Jahren ermöglichte es den Vorfahren dieser Fledermäuse, eine große Beißkraft anzuwenden und somit neue Nahrungsquellen zu erschließen. Diese „Schlüsseltechnologie“ öffnete den Blattnasenfledermäusen den Zugang zu neuen Ressourcen wie zum Beispiel den Früchten. Dies ermöglichte eine schnelle und vielfältige Aufteilung in verschiedenste neue Fledermausarten.

Ein interessanter Nebeneffekt ist, dass Samen vieler Pflanzenarten nun von Fledermäusen ausgebreitet werden.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen