Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

06.09.2014, NABU
Kein Fressen für die Geier
Geier in Afrika und Europa bedroht wie niemals zuvor / 11. Internationaler Geiertag
Alljährlich am ersten Samstag im September wird der „Internationale Geiertag“ mit zahlreichen Veranstaltungen in vielen Ländern begangen. 2004 von britischen und südafrikanischen Naturschützern geschaffen, gelingt es mit Hilfe des Geiertages hoffentlich auch dieses Mal wieder, zusätzliche Aufmerksamkeit auf die bedrohten Tiere zu lenken – die haben sie nötig wie niemals zuvor.
Experten von der NABU-Dachorganisation BirdLife International weisen darauf hin, dass Geier in den letzten Jahren zu einer der am stärksten gefährdeten Vogelfamilien der Erde geworden sind. Die Geier Indiens hatten in den letzten beiden Jahrzehnten einen Bestandseinbruch von über 99 Prozent erlitten. Schuld war die Vergiftung durch das Arzneimittel Diclofenac, deren Rückstände in Tierkadavern verblieben und für Geier hochgradig giftig sind. Nur intensivste Schutzmaßnahmen geben Hoffnung, dass die asiatischen Geierarten nicht gänzlich aussterben.
Nun könnten die Geier Europas und Afrikas diesem Schicksal folgen, wenn nicht schnell gehandelt wird. BirdLife hat daher die Kampagne „Stop Vulture Poisoning Now“ („Stoppt die Vergiftung von Geiern jetzt“) ins Leben gerufen.
Geier sind wichtig für die Hygiene und die Gesundheit: „Geier erfüllen eine Rolle, die kein anderer Vogel erfüllt, sie halten unsere Landschaft sauber“, sagt Ivan Ramirez, Direktor für Naturschutz bei BirdLife International in Europa.
Sie stehen jedoch heute massiv unter Druck: Diclofenac, das für Geier tödliche Tierarzneimittel, ist kürzlich in mindestens zwei europäischen Ländern zugelassen worden, obwohl günstige unschädliche Alternativen existieren (s. Artikel unten). Und das neben Italien ausgerechnet in Spanien, dem Land mit den wichtigsten Geierbeständen Europas. Wenn die Zulassung für dieses Mittel zur Behandlung von Tieren nicht zurückgenommen wird, muss damit gerechnet werden, dass es auch in Europa zu einem massiven Geiersterben kommt und die aktuelle Bestandserholung zu einem jähen Ende kommt. Trotz großer Sorge unter Europas Naturschützern und intensiver Bemühungen von BirdLife ist es jedoch bisher noch nicht gelungen, ein Verbot der Substanz zu erwirken. Der NABU setzt sich weiterhin über die deutsche Regierung für die Einleitung eines formalen Verfahrens zur Überprüfung der Genehmigung ein.
In Afrika gibt es noch kein Diclofenac. Dessen Einführung kann aber nur verhindert werden, wenn Europa mit gutem Beispiel vorangeht. Dennoch gehen auch in Afrika die Geierbestände bereits stark zurück. Vergiftung, unbeabsichtigt oder absichtlich, zum Beispiel durch Wilderer, die verhindern wollen, dass kreisende Geier ihre Tatorte preisgeben, ist eines der größten Probleme. Dazu kommen Verfolgung für die traditionelle Medizin, Lebensraumverlust und Kollisionen mit Stromleitungen.
Heute stehen bereits 12 von 16 Altweltgeierarten auf der Liste der global gefährdeten Vogelarten und dessen Vorwarnliste. Vier dieser Arten brüten auch in Europa: Bartgeier, Mönchsgeier, Gänsegeier und Schmutzgeier.
Aufgrund der sich durch intensive Schutzmaßnahmen bis heute erholenden Geierbestände Spaniens und Südfrankreichs fliegen seit zehn Jahren fliegen Geier wieder verstärkt nach Deutschland ein. Darunter sind Vertreter aller europäischen Geierarten, vor allem aber der Gänsegeier (Gyps fulvus). Er war früher Brutvogel in Deutschland, unter anderem im Oberen Donautal und bei Trier, dann aber lange Zeit verschwunden. In den letzten Jahren können aber sogar gelegentlich Trupps von bis zu 50 Geiern in Deutschland gesehen werden. In diesem Jahr sind sicherlich jeden Tag wild lebende Geier in Deutschland vorgekommen. Selbst eine erfolgreiche Überwinterung eines Gänsegeiers im Saarland ist erstmals gut dokumentiert worden.
Das Pech für die eingeflogenen Wandervögel: sie landen hier häufig im Aus. Die von Natur aus reichlich vorhandene Nahrung, die sie auf ihren natürlichen Nahrungssuchflügen entdecken, wird ihnen systematisch entzogen, oder verrottet, durch die Großvögel nicht nutzbar an der Straßenböschung. Das sind verendete Weidetiere oder dem Verkehr zum Opfer gefallene Wildtiere. Dabei wurden 2009 die EU-Hygienevorschriften so geändert, dass der Schutz gefährdeter Aasfresser ausdrücklich ermöglicht wird.
In Frankreich und Spanien werden diese Möglichkeiten bereits erfolgreich angewendet. Dadurch konnten sich die Geier vermehren und wurden wieder für die Bevölkerung in der Natur erlebbar. Bei weiteren Einflügen von Geiern muss auch Deutschland bereit sein, eine Nahrungsgrundlage für Gänsegeier durch das Verbleiben toter Wildtiere in der Landschaft zu erlauben.

09.09.2014, NABU
Die Asiatische Hornisse hat Deutschland erreicht
Nachweis bei Karlsruhe / Imker befürchten Schäden an Bienenvölkern
Die Asiatische Hornisse ist zum ersten Mal in Süddeutschland fotografisch dokumentiert worden. Damit ist dieser EU-Neubürger auch in Deutschland angekommen. Es wird sich zeigen, ob die Hornisse wie von manchen befürchtet das Zeug hat, den Imkern zusätzlich neben Pestiziden und Varroa-Milben das Leben schwer zu machen. Im Frankreich ist die sich dort seit 2004 ausbreitende Hornisse bereits als „invasive Art“ eingestuft und wird mit staatlicher Unterstützung massiv bekämpft. Viele Insektenkundler sind jedoch auf eher das Zusammentreffen mit unserer heimischen Hornisse und die Auswirkungen des neuen Räubers auf andere Insektenarten gespannt.
Der Biologin Eva Arnold sind in ihrem Dahliengarten in Waghäusel bei Karlsruhe die ersten Bilder einer Art gelungen, die von Fachleuten lange erwartet wurde: Die Asiatische Hornisse, wissenschaftlicher Name Vespa velutina nigrithorax, hat sich nun den Weg auch nach Deutschland gebahnt.
Die Bilder lassen keinen Zweifel daran, dass es der rund zwei Zentimeter langen, dunklen Hornissenart geglückt ist, die Eroberung des europäischen Festlandes weiter fortzusetzen. Der Ausgangspunkt lag um das Jahr 2004 tausend Kilometer entfernt an der Atlantikküste bei Bordeaux. Vermutlich war es eine einzelne Königin, die den Weg von China aus in einer Schiffsladung mit Tonwaren überstanden hatte. Von dort aus verbreitete sich die markante Hornisse rasant. Vom Norden her nahm sie Spanien in Angriff und im Norden wurde sie 2011 bereits in Belgien gesichtet. 2013 überquerte sie ostwärts die Grenze zu Italien und nun bekommt auch Deutschlands bisher einzige Hornissenart Konkurrenz.
Die Asiatische Hornisse ähnelt unserer heimischen Hornisse (Vespa crabro) insofern, dass auch sie langlebige Völker aufbaut, die bis in den Spätherbst aktiv sind. Mit 1000 bis über 2000 Tieren sind sie jedoch wesentlich kopfstärker. Im Gegensatz zur heimischen Hornisse baut sie ihre bis 80 Zentimeter langen Nester vornehmlich freihängend in Baumwipfel in mehr als zehn Metern Höhe, so dass versehentliche, bestechende Begegnungen mit dieser Art für den Menschen eher die Ausnahme sein werden.
Imker fürchten, dass sich die gewandten Insektenjäger vor allem an Bienenstöcken gütlich tun. Erfahrungen aus Asien legen das nahe, da die Hornisse dort eingeführte Honigbienenvölker bis zum Zusammenbruch schröpfen kann. Auch in Frankreich beklagen Imker Bienenverluste. Fachleute bezweifeln allerdings, dass die Verluste wirklich allein der Bejagung durch die Hornisse zuzuschieben sind. So werden nun die deutschen Imker sich bald selbst überzeugen können, ob und wie problematisch dieser Neubürger tatsächlich ist.
Hornissenschützer fürchten dahingegen eher um die seit 1987 besonders geschützte heimische Hornisse, die dieser invasiven Konkurrenz zum ersten Mal begegnen wird.

09.09.2014, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Wie beeinflusst Unterwasserlärm Schweinswale?
Wissenschaftler untersuchen die Auswirkungen der Lärmverschmutzung auf Schweinswale in Nord- und Ostsee.
Wissenschaftler aus dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) untersuchen in enger Kooperation mit Wissenschaftlern der Universität Aarhus in Dänemark und der DW-ShipConsult GmbH in Schwentinental die Folgen der Lärmverschmutzung auf Schweinswale in der Nord- und Ostsee. „Die Lärmbelastung in unseren Gewässern nimmt zu. Für ein effektives Management zum Schutz der Wale benötigen wir dringend Kenntnisse über die Auswirkungen dieser Belastungen“, sagt ITAW-Institutsleiterin Professorin Dr. Ursula Siebert. Als Teil des mehrjährigen Forschungsprogrammes „Auswirkungen von Unterwasserschall auf marine Wirbeltiere“ finanziert das Bundesamt für Naturschutz umfangreiche Untersuchungen, um mehr über die Auswirkungen von Unterwasserlärm auf Meeressäugetiere zu erfahren.
In der Nordsee tragen neben Schiffsverkehr oder militärischen Übungen auch die Bauarbeiten in den Offshore-Windparks zum Hintergrundschall bei: Vor allem bei der Installation der Fundamente für die Windkraftanlagen entstehen sehr hohe Schallpegel, die noch in sehr großer Entfernung hörbar sind. Bei Messungen im Sylter Außenriff waren im Herbst 2013 an mindestens sechs von zehn Positionen Schallereignisse aus zwei und mehr Windparks nachweisbar.
Um die Auswirkung des Unterwasserlärms auf die Schweinswale zu beurteilen, erheben die deutschen und dänischen Wissenschaftler – weltweit erstmalig – im Freiland Daten zur Hörfähigkeit und Hörempfindlichkeit der Meeressäuger. Dänische Fischer benachrichtigen die Forscher, wenn sie in ihren „Bundgarnnetzen“ versehentlich Schweinswale gefangen haben. Die Wissenschaftler untersuchen dann unter tiermedizinischer Aufsicht die Hörfähigkeit dieser Tiere. Danach werden sie frei gelassen. Dabei wenden die Wissenschaftler mit der Messung der „Auditorischen Evozierten Potentiale (AEP)“ eine Methode an, die in der Gehörforschung unter anderem bei Kindern eingesetzt wird. „Wir simulieren einen Impuls, der vergleichbar ist mit dem Lärm, der entsteht, wenn die Fundamente der Windkraftanlagen in den Meeresboden gerammt werden. Dadurch können wir bei den Schweinswalen eine sogenannte zeitlich begrenzte Hörschwellenverschiebung (TTS) ermitteln“, erklärt der verantwortliche Wissenschaftler Dr. Andreas Ruser. Die Ergebnisse dieser Messungen zeigen, wann durch den Lärm bei den Meeressäugetieren eine vorrübergehende Schädigung des Gehörs eintritt. „Diese Schäden sind mit den Folgen eines Diskobesuches beim Menschen vergleichbar. Das Gehör kann sich davon noch vollständig erholen“, erklärt Ruser. Dennoch zeige der TTS-Wert die ersten physikalischen Schäden nach einem großen Lärmereignis.
Um mehr über die Hörfähigkeit von Schweinswalen zu lernen, führen die Forscher auch Messungen bei Tieren in Menschenhand durch. Dafür arbeiten sie mit Tieren des Fjord und Bælt-Centre im dänischen Kerteminde und mit gestrandeten Schweinswalen, die von SOS Dolfijn in den Niederlanden rehabilitiert werden. Sie überprüfen mit der AEP-Methode, ob die Tiere gut hören, was für ein Überleben in der freien Wildbahn lebensnotwendig ist.
„Leider wissen wir noch gar nicht genau, wie stark unsere Meere verlärmt sind“, sagt Professorin Siebert. Daher ermitteln die Mitarbeiter von DW-ShipConsult unter der Leitung von Dr. Dietrich Wittekind mit akustischen Langzeit-Messgeräten den akustischen Zustand der Natura2000-Schutzgebiete in Nord- und Ostsee, was ebenfalls vom Bundesamt für Naturschutz finanziert wird. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Hintergrundgeräusche in der Ostsee nicht nur durch Umweltgeräusche wie beispielsweise Wellenschlag oder die Brandung hervorgerufen werden, sondern vor allem von der Dichte des Schiffsverkehrs abhängen. So variieren die Schallpegel im Fehmarnbelt, einer sehr stark befahrenen Wasserstraße, nur sehr wenig. In weiten Bereichen ist es sehr laut. Vergleichbar mit einer Autobahn sind meistens mehrere Schiffe in Hörweite, deren Geräusche permanent für die Schweinswale hörbar sind. In den abgelegenen Schutzgebieten hingegen, wie in der Pommerschen Bucht östlich von Rügen, schwanken die Schallpegel deutlich stärker. Dort ist es häufig leiser als im Fehmarnbelt. Hier sind über lange Zeiträume ausschließlich natürliche Geräusche zu hören, an die sich das Gehör der Schweinswale angepasst hat. Während der zehnwöchigen Messkampagne gab es dort nur wenige laute, durch Menschen hervorgerufene Ereignisse.
Für eine fundierte wissenschaftliche Aussage ist es zudem sehr wichtig, das Gehör der gestrandeten und versehentlich in Fischernetzen gefangenen Schweinswale, die tot an der Nord- und Ostsee gefunden werden, genau zu untersuchen. „Nur so können wir verstehen, wie sich die Hörfähigkeit der Schweinswale durch die verschiedenen Einflüsse ändert“, sagt Professorin Dr. Ursula Siebert. Gemeinsam mit Dr. Peter Wohlsein des Institutes für Pathologie der TiHo hat sie zahlreiche Ohren untersucht. „Wir haben viel mehr Veränderungen gefunden, als wir erwartet hatten. Dazu zählen Infektionen, Parasitenbefall, Blutungen und traumatisch bedingte Veränderungen. Wir müssen diese Untersuchungen dringend fortsetzen“, so Professorin Siebert.
Um zu verstehen, welche Verhaltensveränderungen Unterwasserlärm bei Schweinswalen hervorruft, nutzen die Wissenschaftler der Universität Aarhus einen speziell entwickelten akustischen Sender. Dieser sogenannte D-tag wurde von Dr. Mark Johnson von der Universität St. Andrews in Schottland entwickelt. „Schon durch die ersten Besenderungen konnten wir sehen, dass die Schweinswale eine deutliche Reaktion auf einigen Bootslärm zeigen und ihr normales Verhalten ändern“, erklärt Dr. Jonas Teilmann, der verantwortliche Wissenschaftler der Universität Aarhus. Als nächsten Schritt werden die Wissenschaftler quantifizieren, wie stark Schweinswale ihr Fressverhalten ändern. Dies ermöglicht es, zu berechnen, wieviel mehr Energie die Meeressäuger durch diese Störungen verbrauchen.
Da Unterwasserlärm bei den Schweinswalen auch Stress verursacht und so ihren Gesundheitszustand verschlechtern kann, untersuchen die Wissenschaftler zusätzlich Parameter des Hormon- und Immunsystems wie beispielsweise Stresshormone. Frühere Erhebungen haben gezeigt, dass Schweinswale aus der Nord- und Ostsee deutlich häufiger krank sind als ihre Artgenossen aus den zum Beispiel weniger belasteten arktischen Gewässern.
„Wir sind davon überzeugt, dass die hochmodernen Methoden, die im Rahmen dieser Projekte angewandt werden, Forschern und Wissenschaftlern weltweit helfen werden, zu verstehen wie diese faszinierenden Tiere ihren Lebensraum „interpretieren“. Wir müssen verstehen, dass die Echoortung das Hauptsinnesorgan für Schweinswale ist, und für eine Orientierung in einem oft komplett dunklen dreidimensionalen Lebensraum zur Bewegung unverzichtbar ist. Dieser Lebensraum ist schnellen Veränderungen durch menschliche Aktivitäten unterworfen, der starke Auswirkungen auf das marine Leben hat“, sagt Professorin Dr. Ursula Siebert, die Leiterin der Projekte.

09.09.2014, Deutsche Wildtier Stiftung
Bitte nicht füttern! Oder doch…?
Warum gehen wir Menschen so unterschiedlich mit Wildtieren um? Manche Arten werden vergöttert, andere verdammt. Manche gehegt und gefüttert, andere gnadenlos verfolgt. Im Mittelpunkt des 7. Rotwildsymposiums der Deutschen Wildtier Stiftung steht daher das Verhältnis zwischen Mensch und Wildtier. Die Veranstaltung findet vom 25. bis 28. September 2014 in Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern) statt. Im Vorfeld beleuchtet die Deutsche Wildtier Stiftung in einer Reihe von Presseinformationen anhand verschiedener Beispiele den Umgang mit Wildtieren in Deutschland. Die vierte Folge thematisiert den Konflikt um die „Fütterung“ von Wildtieren.
Warum füttern die Menschen Spatzen und Meisen im Winter, aber keine Greifvögel oder Raben? Die meisten Arten, die an ein Futterhäuschen kommen, sind im Bestand nicht bedroht. „Das Motiv für das Füttern von Wildtieren ist nicht der Schutz von Arten, sondern Mitleid mit der Not einzelner Tiere“, meint Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. Darüber hinaus erfreuen sich Menschen gerade in der Winterzeit an den kleinen Singvögeln. Amsel, Drossel, Fink und Star sind leicht zu versorgen, doch was ist mit der Krähe oder dem Mäusebussard? „Hier sind Handlungsmöglichkeiten und Mitleid gleichermaßen begrenzt“, so Münchhausen.
Um das Füttern von großen Wildtieren wie Rot- und Rehwild werden von Naturschützern, Waldbesitzern und Jägern heftige Diskussionen geführt. Denn die Bestände an Schalenwild sind in Deutschland hoch. Soll man harten Wintern das Ausmerzen von kranken und schwachen Tiere überlassen, um die Populationsdichte durch Nahrungsknappheit zu regulieren? „Am Ende entscheidet der Mensch, welche Tiere ihr Fressen `wert` sind und welche nicht“, sagt Münchhausen. Der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung hält es für notwendig, dass in wirklichen Notzeiten auch die großen Wildtiere gefüttert werden. „In unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft findet Rot- und Rehwild in harten Wintern mit hoher Schneelage oder verharschter Eisdecke sehr wenig Nahrung.“ Auch Störungen durch Spaziergänger, Jogger und Wintersportler verlangen flüchtenden Tieren viel Energie ab. Die Folge: Einige Rehe und Hirsche verhungern; die Überlebenden schädigen durch Verbiss und das Schälen von Rinde den Wirtschaftswald. „Artgerechtes Füttern in wirklichen Notzeiten ist eine moralische Verpflichtung und ein Beitrag, um den Konflikt zwischen den Ansprüchen von Wildtieren und den ökonomischen Zielen der Forstwirtschaft zu entschärfen“, betont Münchhausen.
Der Mensch füttert gern, denn Tier-Liebe geht bei den meisten durch den Magen. „Besser als zu Füttern wäre es, wenn Wildtiere geeignete Lebensräume hätten“, fordert Münchhausen. Ob Kleingärtner, Waldbesitzer oder Jäger – jeder, der Flächen besitzt oder Natur nutzt, kann etwas für Wildtiere tun. Das beginnt bei der Gestaltung von Gärten und hört bei der intensiven Flächennutzung in der Land- und Forstwirtschaft auf.
Das 7. Rotwildsymposium findet vom 25. – 28. September 2014 in Warnemünde statt. Die Veranstaltung wird gefördert durch die Stiftung „Wald und Wild in
Mecklenburg-Vorpommern“ und durch das Land Mecklenburg-Vorpommern. Schirmherr der Tagung ist Dr. Till Backhaus, Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz. Zu den Referenten gehören Kapazitäten wie Dr. Florian Asche, Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, Prof. Dr. Konrad Ott, Prof. Dr. Friedrich Reimoser und Dr. Helmuth Wölfel.

09.09.2014, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Raubmilbe attackierte Ameise vor fast 50 Millionen Jahren
Ein Forscherteam unter der Leitung von Jason Dunlop, Museum für Naturkunde Berlin, veröffentlicht in der internationalen Fachzeitschrift Biology Letters den einzigartigen Fund einer 49 Millionen Jahre alten Raubmilbe im Baltischen Bernstein, die auf dem Kopf einer Ameise sitzt. Die Milbe, die zu der noch lebenden Gattung Myrmozercon gehört, ist der älteste Beweis für eine sehr enge, wahrscheinlich parasitische ökologische Verbindung zwischen Raubmilben und Insekten aus der Gruppe der Hautflügler. Heute ist die nah verwandte Varroa-Milbe eine Plage in Bienenstöcken. Der Fossilfund zeigt, dass Raubmilben eine lange gemeinsame Geschichte als Feinde von Ameisen, Bienen und Wespen haben.
Raubmilben (Mesostigmata) sind eine vielfältige Gruppe der Spinnentiere mit mehr als 11 400 beschriebenen Arten. Die meisten davon leben im Laub oder in der Erde und ernähren sich räuberisch oder sogar parasitisch. Trotz der heutigen Vielfältigkeit sind Raubmilben extrem selten als Fossilien. Weltweit sind nur vierzehn Funden aus der Fachliteratur bekannt. Grund dafür könnte die Tatsache sein, dass Raubmilben Bodentiere sind und sehr selten mit Baumharz, dem Ursprung des Bernsteins, in Berührung kommen. Interessanterweise leben manche Raubmilben heute in enger Verbindung mit anderen Gliederfüßern und könnten möglicherweise als ‚blinde Passagiere‘ in Bernstein enden.
Eine internationale Forschergruppe unter Federführung von Jason Dunlop aus dem Museum für Naturkunde Berlin hat nun genau so ein Fall dokumentiert. Eine nur 0,7 mm große Milbe wurde direkt auf dem Kopf einer Ameise in ca. 49 Millionen Jahre altem Baltischen Bernstein entdeckt. Milbenexperten des Forscherteams konnten sie als Vertreter der lebenden Gattung Myrmozercon bestimmen. Der Fund im Bernstein ist kein Zufall. Alle 24 modernen Arten von Myrmozercon leben auch heute unter den Ameisen und können genauso auf dem Kopf oder auf anderen Körperteilen „reiten“. Diese Milben sind sehr wahrscheinlich Parasiten, die sich bei Bedarf von ihrem Wirt ernähren.
Der neue Bernsteinfund ist nicht nur der älteste Beweis der Gattung Myrmozercon, er ist auch ein extrem seltenes Beispiel von einer eindeutigen ökologischen Beziehung zwischen zwei Fossilen. Darüber hinaus zeigt uns dieses einzigartige Stück, dass Raubmilben Sozialinsekten aus der Gruppen der Hautflügler (Ameisen, Bienen, Wespen) seit mindestens 50 Millionen Jahren belästigt haben. Heut zu Tage sind einige Verwandte von Myrmozercon wie die Varroa-Milbe eine ernst zu nehmende gesundheitliche und wirtschaftliche Gefahr für Bienenstocke.
Veröffentlicht in: Dunlop, J. A., Kontschán, J., Walter, D. E. & Perrichot, V.2014. An ant-associated mesostigmatid mite in Baltic amber. – Biology Letters. http://dx.doi.org/10.1098/rsbl.2014.0531

11.09.2014, Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Große Kooperation an kleinen Fröschen
Internationales Forscherteam entdeckt enorme Diversität bei einem südamerikanischen Laubfrosch
In einer großen internationalen Kooperation unter Beteiligung deutscher Wissenschaftler gelang es, die versteckte genetische Vielfalt eines südamerikanischen Laubfrosches aufzudecken. Südamerika ist die artenreichste Region der Erde. Hier leben auch die meisten Froscharten, und jedes Jahr werden viele neue Spezies entdeckt. Doch warum gibt es dort so viele Arten und warum besiedeln manche nur winzige Gebiete, andere hingegen fast den ganzen Subkontinent?
Für eine Studie, die heute in der Zeitschrift PLoS ONE erschienen ist, sammelten 30 Wissenschaftler aus 11 Ländern in beispielloser Kooperation hunderte Proben eines kleinen Laubfrosches (Dendropsophus minutus) aus seinem riesigen Verbreitungsgebiet, das sich von der Karibikinsel Tobago und Venezuela im Norden über Französisch-Guyana, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Paraguay und ganz Brasilien bis nach Argentinien im Süden erstreckt. Bei der Analyse entdeckten sie eine enorme versteckte Vielfalt von 43 genetischen Linien, die bisher (fast alle) derselben Art zugerechnet wurden. Viele dieser Linien dürften aber neue Arten repräsentieren und deuten darauf hin, dass die tatsächliche Vielfalt Südamerikas noch größer ist als bisher angenommen. Außerdem fanden die Forscher mit Hilfe von Klimamodellen und modernen Methoden Hinweise auf lange Ausbreitungswege zwischen Amazonien im Westen und dem Atlantischen Regenwald im Südosten und bestätigten so eine über 50 Jahre alte Hypothese.
Marcelo Gehara von der Universidade Federal do Rio Grande do Norte in Brasilien und Erstautor der Studie betont: “Unsere Arbeit zeigt die Bedeutung von breiter internationaler Kooperation, besonders wenn es um Arten mit länderübergreifender Verbreitung geht. Wir brauchen aber noch mehr Daten um genauer zu verstehen, wie viele der genetischen Linien tatsächlich neue Arten darstellen“.
Jörn Köhler vom Hessischen Landesmuseum in Darmstadt ergänzt: “Neben den Ergebnissen bin ich besonders über die vereinten Anstrengungen so vieler Wissenschaftler erfreut. Ohne diese Autorenvielfalt sind solch umfassende Biodiversitätsstudien nicht machbar und deshalb gibt es davon auch so wenige“.
„Neue Arten findet man keineswegs nur in abgelegenen Urwäldern. Gerade in scheinbar weit verbreiteten Arten steckt oft eine unerwartete Vielfalt. Sie haben auch ein großes Potential, um biogeographische Prozesse zu erforschen und erlauben uns somit einen Blick in die Entstehungsgeschichte von Arten.“ erklärt Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung in München.
„Die Studie ist auch wichtig für den Natur- und Artenschutz, denn viele der genetischen Linien dürften neue Arten darstellen, die zum Teil nur kleinräumig vorkommen und somit vom Aussterben bedroht sind.“ meint Martin Jansen vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt.
Originalarbeit:
Marcelo Gehara, Andrew J. Crawford, Victor G. D. Orrico, Ariel Rodríguez, Stefan Lötters, Antoine Fouquet, Lucas S. Barrientos, Francisco Brusquetti, Ignacio De la Riva, Raffael Ernst, Giuseppe Gagliardi Urrutia, Frank Glaw, Juan M. Guayasamin, Monique Hölting, Martin Jansen, Philippe J. R. Kok, Axel Kwet, Rodrigo Lingnau, Mariana Lyra, Jiří Moravec, José P. Pombal Jr., Fernando J. M. Rojas-Runjaic, Arne Schulze, J. Celsa Señaris, Mirco Solé, Miguel Trefaut Rodrigues, Evan Twomey, Celio F. B. Haddad , Miguel Vences and Jörn Köhler. High levels of diversity uncovered in a widespread nominal taxon: continental phylogeography of the Neotropical tree frog Dendropsophus minutus. 2014. PLoS ONE, 10 September 2014.

11.09.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Trockenheit und hohe Temperaturen machen Pflanzenschutzmittel giftiger für Bodentiere
Wichtige Bodenorganismen reagieren sensibler auf marktgängige Pflanzenschutzmittel, wenn der Boden trocken ist und hohe Umgebungstemperaturen herrschen – beides Bedingungen, die in Deutschland künftig klimawandelbedingt häufiger auftreten könnten. Beide Faktoren senken sowohl einzeln als auch kombiniert deutlich den Schwellenwert, ab dem Fungizide für Springschwänze toxisch wirken. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F), der Goethe-Universität und der ECT Oekotoxikologie GmbH. Die Studie wurde in der Septemberausgabe des Fachmagazins „Applied Soil Ecology“ veröffentlicht.
Springschwänze sind winzige, circa 10 mm große und für die Bodenökologie sehr wichtige Organismen, deren zahlreiche Arten, darunter auch Folsomia candida und Sinella curviseta, weitverbreitet sind. Sie sind Teil einer riesigen Schar von Bodenorganismen, die unter der Erde am Werk ist, um organisches Material zu zersetzen und Humus zu bilden. Schlechte Zeiten für Springschwänze sind daher schlechte Zeiten für die Bodenfruchtbarkeit.
Wie eine neue Studie zeigt, haben Springschwänze in trockenem Boden – also wenn die Bodenfeuchte nur 30 % der Wasserhaltekapazität des Bodens beträgt – signifikant weniger Nachkommen. „Beide von uns untersuchte Arten – aber insbesondere Folsomia candida – könnten daher Schwierigkeiten haben, unter anhaltender Trockenheit genügend Nachkommen zu zeugen, um die Population stabil zu halten“, so Cornelia Bandow, Ökologin der ECT Oekotoxikologie GmbH, die am Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) forscht.
Extreme Klimabedingungen verändern zudem die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln auf Bodenorganismen. „Eine besonders geringe Bodenfeuchte und hohe Umgebungstemperaturen führen dazu, dass der toxische Schwellenwert bei dem von uns untersuchten Fungizid Pyrimethanil signifikant niedriger ist.“ erläutert Cornelia Bandow.
Der toxische Schwellenwert bezieht sich in dieser Studie auf die Konzentration, bei der die Population um 50 % geringer ist als im Vergleich zu einem unkontaminierten Boden. So lag der Schwellenwert bei Extrembedingungen von 26 Grad und 30 % Bodenfeuchte um bis zu der Hälfte unter dem Schwellenwert, der bei Standardbedingungen von 20 Grad und 50 % Bodenfeuchte bestimmt wurde.
Für das Experiment wurden 66 Bodenproben mit unterschiedlichen Konzentrationen des Breitband-Fungizides Pyrimethanil versetzt. Pyrimethanil wird bei Erdbeeren und Kernobst sowie im Weinbau zur Vorbeugung und Behandlung von Pilzerkrankungen eingesetzt. Um zukünftige klimatische Verhältnisse zu simulieren, wurde eine Testreihe bei 26 Grad angesetzt und zusätzlich eine Testreihe bei 20 Grad. Außerdem wurden unterschiedliche Mengen Wasser zugegeben, um verschiedene Bodenfeuchten zu testen. Nach rund einem Monat wurde gezählt, wie erfolgreich sich Springschwänze als Beispielbodenorganismen unter den unterschiedlichen Bedingungen fortgepflanzt haben.
Sind Chemikalien also grundsätzlich zu vermeiden um diese kleinen Helfer nicht zu schädigen? Soweit würden die Forschenden nicht gehen: „Die toxischen Schwellenwerte lagen bei Pyrimethanil weit über den Konzentrationen in der Umwelt, die bei korrekter Anwendung auftreten“, so Bandow und ergänzt: „Ob die Sensitivität gegenüber einer Chemikalie durch Umweltbedingungen verändert wird und der Schwellenwert umweltrelevant wird, ist zudem art- und substanzspezifisch“. Daher untersucht das Forscherteam anhand einer Vielzahl von Bodenorganismen auch etliche weitere Substanzen.
Publikation:
Bandow, Cornelia, Karau, Nora, Römbke, Jörg. Interactive effects of pyrimethanil, soil moisture and temperature on Folsomia candida and Sinella curviseta (Collembola). – Applied Soil Ecology, DOI: 10.1016/j.apsoil.2014.04.010

10.09.2014, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
Gibbon-Genom sequenziert
Mobiles DNA-Element erlaubt Rückschlüsse auf Evolution der Menschenaffen
Ein internationales Forscherteam, darunter auch Christian Roos, Markus Brameier und Lutz Walter vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen, hat das Genom der in Südostasien beheimateten Gibbons entschlüsselt. Damit wurde erstmals die gesamte genetische Information von fünf verschiedenen Arten dieser Primatenfamilie sequenziert. Vergleiche mit Genomdaten des Menschen sowie unserer nächsten Verwandten, den Großen Menschaffen, zeigen, dass wir alle zwar genetisch vom gleichen Vorfahren abstammen, sich die Erbinformation der Gibbons jedoch im Laufe der Evolution sehr schnell und sehr stark verändert hat. Die Forscher konnten ein neues, nur in Gibbons vorkommendes, springendes DNA-Element identifizieren, das die Mutationsrate erhöht und damit eine entscheidende Bedeutung für die evolutionäre Entwicklung hat. Ihm verdanken die sich elegant durch die Wälder Südostasiens hangelnden Affen unter anderem ihre langen, kräftigen Arme. Die jetzt in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie erlaubt wichtige Einblicke in die molekularen Grundlagen dieser Evolution (Carbone et al. 2014).
Genetisch sind die als Kleine Menschenaffen bezeichneten Gibbons vom Menschen weiter entfernt als die Großen Menschenaffen Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Im Stammbaum der evolutionären Entwicklung der Primaten nehmen die Gibbons trotzdem eine Schlüsselstellung ein. Ausgehend von gemeinsamen Vorfahren, den Menschenartigen (Hominoidea), haben sie sich im Laufe der Evolution als erste von der Erblinie der Großen Menschenaffen und des Menschen abgespalten.
„Die vollständige Sequenzierung des Gibbon-Genoms stand bis jetzt noch aus“, sagt Christian Roos, Wissenschaftler in der Abteilung Primatengenetik des DPZ. „Um die menschliche Evolution vollständig zu verstehen und Rückschlüsse auf unsere evolutionären Wurzeln zu ziehen, müssen wir auch unsere stammesgeschichtlich weiter entfernten Verwandten untersuchen.“
Genetische Unordnung und springende Gen-Abschnitte
Bei ihren Genom-Analysen fanden die Wissenschaftler heraus, dass sich die Erbinformation der Gibbons in ihrer Gesamtheit von der des Menschen und der Großen Menschenaffen unterscheidet. „Die genetische Information an sich gleicht der unsrigen“, erklärt Christian Roos. „Allerdings sind große Teile der DNA und damit viele Gene auf den einzelnen Chromosomen anders angeordnet.“ Diese „chromosomale Unordnung“ ist ein Hauptmerkmal des Gibbon-Genoms und hat sich vermutlich nach deren Abspaltung von der Erblinie der Großen Menschenaffen und des Menschen ereignet.
Durch weitere Untersuchungen der Gibbon-DNA konnten die Wissenschaftler schließlich eine mögliche Ursache für diese Genomveränderungen identifizieren: Ein springendes DNA-Element, LAVA-Transposon genannt, das kopiert und an einer anderen Stelle im Genom wieder integriert werden kann. Transposons oder springende Gene sind bislang in vielen unterschiedlichen Organismen nachgewiesen worden. Das LAVA-Transposon ist jedoch spezifisch für das Gibbon-Genom. Das besondere an diesem DNA-Element ist seine Positionierung in genau jenen Genen, die eine Rolle bei der Chromosomenverteilung während der Zellteilung spielen und diese damit beeinflusst. Analysen der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Gibbon-Linie zeigten zudem eine Verbindung zur Existenz der LAVA-Transposons. Deren erstes Auftreten konnte mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Zeitpunkt der Abspaltung der Gibbons von der Linie der Großen Menschenaffen und des Menschen eingeordnet werden.
Genetische Grundlagen für Gibbon-spezifische Lebensweise
Durch DNA-Vergleichsanalysen konnten die Forscher zudem Gene identifizieren, die einer positiven Selektion unterliegen. Im Laufe der Evolution entwickelten sich bevorzugt die Gene weiter, die die Anpassung der Gibbons an ihre Lebensweise begünstigten. Dazu gehören Gene, die anatomische Spezialisierungen wie längere Arme oder eine stärkere Muskelbildung hervorrufen. Zu den Gibbon-Genen, die eine positive Selektion durchlaufen haben, gehören beispielsweise TBX5, das für die Entwicklung der Vorderextremitäten benötigt wird und COL1A1, welches für die Ausbildung des Proteins Kollagen, eines der Hauptbestandteile des Bindegewebes in Knochen, Zähnen und Sehnen, verantwortlich ist.
„Die identifizierten Gene konnten nur im Gibbon-Genom als positiv selektiert identifiziert werden“, sagt Christian Roos. „In zukünftigen Projekten wollen wir noch weitere Gibbon-Arten sequenzieren. Dabei hoffen wir, diese Gene weiter charakterisieren zu können und möglicherweise noch andere Gibbon-spezifische Gene zu identifizieren.“
Originalpublikation
Carbone, L. et al. (2014): Gibbon genome and the fast karyotype evolution of small apes. Nature Epub ahead of print. DOI: 10.1038/nature13679

11.09.2014, Deutsche Wildtier Stiftung
Wo röhrt`s denn jetzt?
Die Deutsche Wildtier Stiftung verrät, wo man die Brunft der Hirsche in freier Wildbahn beobachten kann
Die Wetteraussichten sind vielversprechend: überwiegend sonnig bei knapp 20 Grad, in der Nacht bis zwölf Grad und schwacher Wind aus Nord-Ost. „Das sind beste Bedingungen, um am Wochenende einen Ausflug zur Hirschbrunft zu machen“, sagt Dr. Andreas Kinser, Forst- und Jagdexperte bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Doch wer nur die zahmen Hirsche „Peter“ oder „Hansi“ im nahegelegenen Wildpark besuchen möchte, der verpasst das Beste: „Die Brunft des Rotwildes in freier Wildbahn ist viel spannender“, so Kinser weiter.
Pünktlich zum Beginn der Rotwildbrunft hat die Deutsche Wildtier Stiftung auf ihrer Internetseite www.Rothirsch.org über 30 Orte zusammengetragen, wo man in Deutschland die Rotwildbrunft in freier Wildbahn erleben kann. Allein das Konzert der Brunftschreie aus den Hälsen mehrerer Rothirsche ist ein beeindruckendes Erlebnis. „Man hat das Gefühl, der ganze Wald erbebt durch den Ruf der Hirsche“, schildert Kinser das Erlebnis. Wenn dann auch noch einer der Akteure mit seinem Hirschkuh-Harem auf der Bildfläche erscheint, ist das Naturschauspiel vollkommen.
Der Anblick des Rotwildes ist in freier Wildbahn natürlich nicht garantiert. Damit Rotwild während der Brunft auch bei Tageslicht beobachtet werden kann, muss das Wild einen geeigneten Rückzugsraum haben, in dem es Nahrung findet und wo es sich sicher fühlt. Typischerweise sind Wildruhezonen, in denen nur sehr selten gejagt wird, geeignete Gebiete. Auch Naturnutzer wie Mountainbiker, Pilzsucher und Spaziergänger müssen um dieses Gebiete einen Bogen machen. „Nur dann lebt Rotwild natürliche Verhaltensweisen aus und ist auch am Tag aktiv“, sagt der Forst- und Jagdexperte der Deutschen Wildtier Stiftung.

11.09.2014, BIrdlife Österreich
Agrarförderpläne: Minister Rupprechter riskiert verstärktes Artensterben durch Mittelstreichungen für den Naturschutz
Wien (OTS) – Österreichs Naturschutzorganisationen schlagen Alarm. Seit Monaten finden die im Landwirtschaftsministerium eingebrachten Vorschläge zur Verbesserung des „Programms für ländliche Entwicklung,
2014-2020“ kein Gehör. Auch die jüngsten Gespräche blieben bis dato ergebnislos. Nicht einmal die harsche, ähnliche Kritik der EU-Kommission vom 5. August bringt Minister Rupprechter und die Landesräte für Naturschutz zum Einlenken. Die geplanten Mittelkürzungen für Naturschutzprojekte um ca. 30% bleiben aufrecht. Aus Sicht der NGOs ist das ein umweltpolitischer Skandal ersten Ranges: Obwohl der Handlungsbedarf für Natura 2000 Gebiete und für
z.B. vom Aussterben bedrohte Feldvogelarten enorm gestiegen ist, soll genau das in der Förderpraxis dieses zentralen Umwelt-Programms ignoriert werden. Offensichtlich werden diese Umweltinteressen jenen der Intensivlandwirtschaft geopfert.
Mit 1,1 Mrd. Euro jährlich an Fördermittel sollen Österreichs Landwirte in diesem Programm für Ländliche Entwicklung gefördert und gleichzeitig das Artensterben in Österreich gestoppt werden. Die 9 Bundesländer haben einen umstrittenen Bedarf von 25 Mio. Euro jährlich für Naturschutzprojekte angemeldet. Aus Sicht der NGOs viel
zu wenig, angesichts der vielen Misserfolge der letzten Jahre, bei ähnlichen Mitteln. Nicht einmal das will Minister Rupprechter dem Naturschutz zustehen und diese Gelder auf 18 Mio. kürzen, das wäre mit 1,6% eine verschwindende Größe des Gesamtbudgets. Geht es nach den NGOs braucht es 40 Mio. jährlich um einerseits die
offenkundigen Mängel zu beheben und andererseits zumindest die dringend notwendigen neuen Projekte finanzieren zu können. Die geplanten Kürzungen führen absehbar in ein Desaster des Naturschutzes – Arten und Lebensräume werden darunter leiden, manche Arten aussterben.
Die NGOs fordern deshalb Minister Rupprechter und die Naturschutzlandesräte auf, aus den Misserfolgen der letzten Jahren zu lernen und die Naturschutzmittel dieses Programm auf mindestens 40 Mio. pro Jahr zu erhöhen!
Neben arg mangelhafter Umsetzung von Natura 2000 Gebieten, z. B. fordert die EU von Österreich 220 neue Schutzgebiete, zeigt die Entwicklung der Feldvögel die Misserfolge der bisherigen Förderpraxis eindrucksvoll auf: Obwohl im letzten Programm 540 Mio. jährlich im Agrar-Umweltprogramm ÖPUL an die Landwirte ausgeschüttet wurden,
beschleunigt sich das Sterben der Feldvögel: Laut Farmland Bird Index 2013, erhoben von BirdLife, gingen die häufigsten Feldvögel (wie Feldlerche, Kiebitz, Kuckuck etc.) allein seit 1998 um 37% zurück. Das von Agrariern gern mit Eigenlob überhäufte ÖPUL ist diesbezüglich nicht nur wirkungslos, im Gegenteil: In Österreich verläuft dieses
Artensterben deutlich schneller als im EU-Durchschnitt (EU: -1,7%/Jahr, Ö: -2,3%/Jahr).
In manchen Regionen sind diese häufigeren Arten bereits völlig verschwunden, z. B. das Rebhuhn in ganz Vorarlberg. Letztere, von der Ackerbewirtschaftung besonders betroffene Art, ging bundesweit seit 1998 um 72% zurück. Da Ackerbauern im künftigen Programm kaum Nützlings- und Blühsteifen anlegen oder Landschaftselemente erhalten
müssen, wird allein dadurch das Aussterben des Rebhuhns beschleunigt.
Noch viel schlechter geht es anspruchsvolleren Vögeln der Kulturlandschaft. Trotz Schutzgebieten und Artenschutz sind letzte Vorkommen von Wachtelkönig, Bekassine, Braunkehlchen und Co. nicht zu halten, wenn der Mitteleinsatz nicht erhöht wird, z. B. durch intensive Bewerbung der Schutzmaßnahmen bei Grundeigentümern, Beratung der Landwirte, funktionierende Schutzgebietsbetreuung etc. Bleiben die momentanen Förderpläne bestehen, werden viele diese Arten 2020 dort stehen, wohin die Blauracke in der Südsteiermark oder der Ortolan in Tirol durch die industrielle Landwirtschaft in Kombination mit erfolglosem Naturschutz bereits gedrängt wurde: die letzten 3-5
Paare Österreichs sind trotz Schutzgebietsausweisung akut vom Aussterben bedroht.

11.09.2014, NABU
NABU stellt Jahresbericht 2013 vor
Breite Unterstützung: Zahl der Mitglieder und Förderer weiter gestiegen
Der NABU konnte auch im vergangenen Jahr wieder auf breite Unterstützung in der Bevölkerung bauen: 540.000 Mitglieder und Förderer engagierten sich 2013 für den mitgliederstärksten deutschen Umweltverband (Vorjahr: 520.000). Den größten Teil der Einnahmen von insgesamt 32,2 Millionen Euro (Vorjahr: 29,5 Millionen Euro) machten mit 16,5 Millionen Euro die Mitgliedsbeiträge aus (2012: 15,8 Millionen Euro). Die Spendengelder erhöhten sich gegenüber dem Vorjahr leicht auf 4,5 Millionen Euro (2013: 4,3 Millionen Euro). Der Anteil der Verwaltungskosten lag bei 3,6 Prozent der Gesamtaufwendungen. Konstant blieb die ehrenamtliche Naturschutzarbeit vor Ort: 35.000 NABU-Aktive sind bundesweit in 2.000 Gruppen organisiert.
Anlässlich der Vorstellung des Jahresberichts 2013 in Berlin zog NABU-Präsident Olaf Tschimpke eine verhaltene umweltpolitische Bilanz der bisherigen Arbeit der Großen Koalition. „Zwar wurden wichtige Punkte wie der Hochwasser- und Gewässerschutz sowie eine naturverträgliche Energiewende in den Koalitionsvertrag aufgenommen, nun müssen die Hebel in Bewegung gesetzt werden, um auch tatsächlich Erfolge zu erzielen.“ Vor allem die naturverträgliche Energiewende – ein zentrales Anliegen des NABU – drohe aus dem Blick zu geraten. „Mit den veränderten Zuständigkeiten beim Bundesumwelt- und -wirtschaftsministerium orientiert sich die Umsetzung der Energiewende zu sehr an den wirtschaftlichen Interessen“, sagte Tschimpke. Zwar habe die Bundesregierung – auch auf Initiative des NABU – das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende auf den Weg gebracht, das 2015 an den Start gehen soll. Das als Clearingstelle von Konflikten zwischen ökonomischen Interessen und Naturschutzbelangen gedachte Kompetenzzentrum laufe Gefahr, durch die Beanspruchung der Federführung durch das Bundeswirtschaftministerium zum verlängerten Arm der Wirtschaftslobby zu werden.
„Die Energiewende als zentrale Herausforderung für eine zukunftsfähige Klimapolitik wird nur Akzeptanz finden, wenn die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig in die Planung einbezogen und Natur- und Artenschutzbelange berücksichtigt werden. Aus NABU-Sicht kann eine naturverträgliche Energiewende nur mit Hilfe von mehr Energieeffizienz, einem bedarfsgerechtem Ausbau von Wind- und Solaranlagen sowie neuer Stromleitungen und -speicher gelingen.
Der NABU fordert ein klares Verbot der Fracking-Technologie in Deutschland. Die für ein Fracking-Gesetz vorgelegten Eckpunkte von Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsministerium enthalten zu viele Ausnahmeregelungen. Ein Fracking-Moratorium bis 2021 für Schiefergas- und Kohleflözgasvorkommen aus unkonventionellen Lagerstätten lediglich bis 3000 Meter Tiefe sowie die Zulässigkeit von Vorhaben zur Forschung und Entwicklung ist aus NABU-Sicht unzureichend.
Mit dem Ziel, mehr Naturschutzmaßnahmen an Auen und Flüssen zu fördern, hatte der NABU angesichts der anstehenden Reform der Bundeswasserstraßen ein Aktionsprogramm „Blaues Band“ gefordert, das ebenfalls in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde. „Die Überlegungen zur Verbesserung der Renaturierung von Flüssen und Auen sind bisher nicht über die Arbeitsebene hinaus gekommen. Wir brauchen dringend ein zeitnahes, strukturiertes und finanziell gesichertes Konzept, um die sich aus der Wasserstraßenreform ergebenden Chancen für den Natur- und Gewässerschutz zu nutzen und gleichzeitig den Zielen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie etwas näher zu kommen“, so Tschimpke weiter.
Dem Klima- und Umweltschutz werde von der Bundesregierung nicht der notwendige Stellenwert eingeräumt: „Es fehlt der Rote Faden, ein stringentes Programm für mehr Nachhaltigkeit, mit dem etwa umweltschädliche Subventionen für Landwirtschaft, Energie und Verkehr reduziert werden.“ Auch die Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie lasse weiter auf sich warten, obwohl diese bereits bis Juni dieses Jahres hätte umgesetzt werden müssen. „Hier könnte mit den Beschlüssen von Deutschland auch ein wichtiges Signal an die internationale Staatengemeinschaft und den Verhandlungen für ein Weltklimaabkommen in Peru 2014 und Frankreich 2015 ausgehen.“
Auch vermisst der NABU klimapolitische Impulse in der Verkehrspolitik. „Statt wochenlang Debatten über Sinn und Zweck einer Pkw-Maut zu führen, die nicht mal eine ökologische Lenkungswirkung entfaltet, warten wir dringend auf ein Konzept um steigende CO2-Emissionen im Verkehr einzudämmen. Ein sinnvolles Instrument dafür wäre die Ausweitung der Lkw-Maut auf alle Lkw und alle Straßen. Auch brauchen wir eine bessere Infrastruktur für Radfahrer sowie einen Bundesverkehrswegeplan, der nahezu vollständig auf Bestandserhalt von Schienen und Straßen setzt, statt immer neue Autobahnen durch unzerschnittene Naturräume zu planen“, so der NABU-Präsident.
Kritik äußerte NABU-Präsident Tschimpke an den Verhandlungen der EU über Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) und Kanada (CETA). Hier seien wichtige Ziele der Bundesregierung – von der nachhaltigen Beschaffung über die Gestaltung der Energiewende bis hin zur Stärkung des Verbraucher,- Umwelt- und Tierschutzes – gefährdet. „Die Senkung von Standards, vor allem in der Lebensmittel- und Agrarwirtschaft und eine Stärkung des Handels mit fossilen Ressourcen können jahrelang erkämpften Schutzniveaus durch die Hintertür zunichtemachen.“
Der Jahresbericht als Download

15.09.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Welteroberung im Schneckentempo – Ausbreitung der invasiven Mittelmeer-Ackerschnecke
Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Görlitz haben die Verbreitung der invasiven Mittelmeer-Ackerschnecke untersucht. Das Weichtier besiedelt bereits weite Teile Europas, Australiens sowie Nord- und Südamerikas. Erstmals wurde sie unter anderem in Mexiko, Costa Rica und Ecuador nachgewiesen. Die Art ist regional ein bedeutender Agrarschädling – scheint aber in extrem kalten oder heißen Gebieten an ihre Ausbreitungsgrenzen zu stoßen. In der vor Kurzem im Fachjournal „NeoBiota“ erschienenen Studie identifizieren die Senckenberger zudem potentielle weitere Einwanderungsländer für die Schneckenart.
Vermutlich mit Gemüselieferungen aus Italien kam sie im Jahr 1977 in Westdeutschland an, in den neuen Bundesländern wurde sie erstmals ein Jahr nach der Maueröffnung gesichtet: Die Mittelmeer-Ackerschnecke Deroceras invadens. Wie der Name schon vermuten lässt – invadere kommt aus dem lateinischen und bedeutet so viel wie „eindringen“ – besiedelt die Schnecke gerne neue Lebensräume.
„Mittlerweile begegnet man dieser Nacktschnecken-Art beinah weltweit“, erzählt Dr. Heike Reise, Konservatorin in der Sektion Malakologie am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz und ergänzt: „Man findet sie meistens in Gärten oder unter herumliegendem Müll, aber auch in Gewächshäusern und in der freien Natur. Eingeschleppt werden sie beispielsweise über den Import von Gemüse, Gartenzubehör oder Fliesen.“
Die Wissenschaftlerin hat gemeinsam mit ihrem Görlitzer Kollegen Dr. John M.C. Hutchinson und einem Kollegen des US-amerikanischen „Department of Agriculture“ (USDA-APHIS) die Verbreitung der etwa drei Zentimeter großen Weichtiere untersucht. „Dabei haben wir versucht herauszufinden in welchen Ländern die Schnecke bereits etabliert ist, wann sie dort erstmals auftrat und ob ihre Verbreitung mit bestimmten Klimafaktoren korreliert ist“, ergänzt Erstautor Hutchinson. Dazu wurden Literaturdaten ausgewertet, Material aus Museen und anderen Instituten überprüft sowie eigenhändig Tiere aufgesammelt.
Ursprünglich stammt die Schnecke aus dem Mittelmeerraum. Der erste Einwanderungsnachweis stammt aus dem Jahr 1930 in Großbritannien und innerhalb von 10 Jahren besiedelte die Landschnecke dann Dänemark, Kalifornien, Australien und Neuseeland. „Heute findet man Deroceras invadens in weiten Teilen Europas, Australiens, Nord- und Südamerikas. Auch in Südafrika und auf mehreren Inseln, wie den Azoren, Madeira oder den Kanaren fühlen sich die Schnecken wohl“, erklärt Reise. Erstmals konnte das Wissenschaftlerteam in der von der Paul-Ungerer-Stiftung unter¬stützen Studie auch weitere Vorkommen nachweisen, beispielsweise in Mexiko, Costa Rica und Ecuador.
„Um Asien und Osteuropa machen die Schnecken bisher einen Bogen“, erzählt Hutchinson und ergänzt: „Wir vermuten, dass die kalten Winter in den östlichen Ländern und das trockene, heiße Klima in Zentralspanien oder Teilen Australiens, Afrikas und Asiens die Besiedlung der Schnecken erschwert.“ Unmöglich macht es sie aber nicht unbedingt: In Breslau hat eine Schneckenpopulation mehrere Winter mit Temperaturen von minus 22 Grad Celsius überlebt.
In Nordamerika und Ägypten machen die Tiere sich die großen landwirtschaftlichen Bewässerungsanlagen zu nutze. „Diese vom Menschen angelegten Lebensräume bieten den Schnecken neue Wege zur Expansion in sonst für die Tiere unwirtliche Regionen und könnten eventuell als Korridore zur Besiedlung isoliert gelegener geeigneter Lebensräume dienen“, erklärt Reise.
Die Wissenschaftler aus Görlitz gehen davon aus, dass die kleinen Schnecken ihre Besiedlung weiterer Länder und Regionen fortsetzen werden. Ein Vergleich des Verbreitungsmusters mit Klimadaten erlaubt Prognosen über potentielle weitere Vorkommen. „Grundsätzlich kommen für die Tiere alle Gebiete mit einem gemäßigten Klima in Frage“, erklärt Hutchinson und gibt eine Empfehlung: „In großen Teilen Chinas und Japans, sowie der südlichen USA wäre es gut auf den potentiellen Einwanderer zu achten. In manchen Gebieten könnten ein frühes Erkennen und schnell eingeleitete Bekämpfungsmaßnahmen eventuell eine Etablierung der Schnecken verhindern.“
Publikation
Hutchinson J, Reise H, Robinson D (2014) A biography of an invasive terrestrial slug: the spread, distribution and habitat of Deroceras invadens. NeoBiota 23: 17-64.
doi: 10.3897/neobiota.23.7745

17.09.2014, Universität Bern
David schlägt bei den Fischen Goliath um Längen
Bei Buntbarschen stechen Zwergmännchen vierzig mal grössere Konkurrenten aus, wenn es um die Erzeugung von Nachkommen geht. Die parasitischen Zwergmännchen befruchten mehr als drei Viertel der Eier, indem sie sich beim Ablaichvorgang in das Nest von «Riesen» einschleichen.
Manche ostafrikanische Buntbarsche sind dafür bekannt, dass sie höchst kooperative, soziale Gruppen bilden. So helfen bei einer bestimmten Art im Tanganjikasee kleinere Fische einem dominanten Brutpaar bei der Pflege der Nachkommen und erhalten dafür Wohnrecht und Schutz.
Bei anderen Arten im selben See herrscht hingegen unverhohlener Wettbewerb um die Fortpflanzung. Dies hängt stark mit dem Lebensraum und dem Material zusammen, das die Fische zur Fortpflanzung benutzen. Verwenden die Fische zum Beispiel leere Schneckenhäuser zur Brutpflege, ist die Konkurrenz um das Befruchten der Eier extrem ausgeprägt. Bei einer Art haben Zwergmännchen eine besondere Taktik entwickelt, um sich fortzupflanzen: Sie schlängeln sich am Weibchen vorbei, während es Eier in ein leeres Schneckenhaus ablegt, um von innen her die Eier zu befruchten.
«Die grossen Nestbesitzer bleiben im wahrsten Sinne des Wortes aussen vor – wegen ihrer Grösse passen sie nämlich nicht ins Haus», sagt Prof. Michael Taborsky vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern. Wie er und sein Team nun herausgefunden haben, kommt diesen parasitischen Zwergmännchen ihre Winzigkeit zugute.
Im Gegensatz zu ihnen sammeln die grossen, territorialen Männchen leere Schneckenhäuser, um Weibchen anzulocken. Schneckenhäuser bieten hervorragenden Schutz für die verwundbaren Nachkommen. Um diese Häuser tragen zu können, müssen die territorialen Männchen aber eine gewisse Grösse erreichen, wie frühere Experimente gezeigt haben. Kleinere Männchen können sich hingegen nur an der Fortpflanzung beteiligen, wenn es ihnen gelingt, ihre Ejakulate einem ablaichenden Paar unterzuschieben. Diese Taktik ist besonders erfolgreich, wenn sich solch parasitische Männchen zum Weibchen in das Schneckenhaus begeben – was aber nur gelingt, wenn sie klein genug sind, um sich am Weibchen vorbei in die Spitze des Schneckenhauses zwängen zu können.
Schneckenhaus ermöglicht Koexistenz von grossen und kleinen Männchen
Die Fortpflanzung dieser Buntbarsche ist also geprägt von dem Material, in dem die Eier abgelegt werden. Die Verwendung leerer Schneckenhäuser zum Brüten zwingt Männchen entweder zu sehr grosser oder zu sehr kleiner Körpergrösse. «Hier spricht man von aufspaltender Selektion: Männchen mittlerer Grösse sind demnach benachteiligt», sagt Taborsky.
Die Berner Foschenden haben nun den genetischen Mechanismus entdeckt, der für die Verteilung der Grössen dieser Buntbarsche verantwortlich ist. Die Lösung ist frappierend einfach: Die Steuerung des Wachstums der Männchen ist auf dem männlichen Geschlechtschromosom kodiert. Damit erzeugen Zwergmännchen nur Knirpse und Riesenmännchen nur Hünen – aber jeweils nur unter ihren Söhnen. Die Töchter sind davon nicht betroffen. Dadurch kann die Selektion ungehindert sehr kleine und sehr grosse Männchen hervorbringen, ohne dass gleichzeitig die Grösse der Weibchen beeinträchtigt wird. «Eine derart simple, geschlechtsspezifische Vererbung des Wachstums – stabilisierend bei Weibchen, aufspaltend bei Männchen – war bislang unbekannt», sagt Taborsky.
Die Studienergebnisse wurden nun im Journal «Proceedings of the Royal Society B» publiziert.
Publikation:
Sabine Wirtz Ocana, Patrick Meidl, Danielle Bonfils and Michael Taborsky: Y-linked Mendelian inheritance of giant and dwarf male morphs in shell-brooding cichlids. Proceedings oft he Royal Society B, 2014, 2014.0253. doi: 10.1098/rspb.2014.025

18.09.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Vorratshaltung beim Tannenhäher: Samenverstecke nutzen dem „gefiederten Förster“ mehr als den Bäumen
Der Tannenhäher, auch „gefiederter Förster“ genannt, vergräbt die Samen der Zirbelkiefer im Boden und trägt somit zur Ausbreitung der Bäume bei. Dabei geht der Vogel aber nicht so uneigennützig vor, wie bisher angenommen. Er versteckt die Samen zumeist an Stellen, die für die Keimung der Baumsamen eher ungünstig, für ihn selbst jedoch günstig sind, wie ein Autorenteam des LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im „Journal of Animal Ecology“ berichtet. Dies zeigt, dass zielgerichtete Samenausbreitung durch Tiere auch negative Effekte auf die Pflanzenart haben kann.
Die Zirbelkiefer (Pinus cembra) hat ein Problem mit der Fortpflanzung. Ihre Samen stecken in einem Zapfen, der sich – anders als bei den meisten anderen Nadelbäumen – nicht von allein öffnet. Glücklicherweise hat ihr die Natur den Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes) zur Seite gestellt. Der Vogel ernährt sich fast ausschließlich von Zirbelkiefersamen und zieht sogar seine Jungen damit auf. Mit seinem Schnabel hackt er die Zapfen auf, um an die Samen zu gelangen. Als Vorrat für den Winter vergräbt er im Herbst zusätzlich Samen im Boden und trägt somit zur Ausbreitung der Pflanze bei.
„Aber er versteckt die Samen gerade da, wo sie nicht besonders gut keimen können. Während Zirbelkiefersamen feuchten Boden und viel Licht brauchen, um aufzugehen, vergräbt der Tannenhäher sie dort, wo der Boden trocken und das Kronendach relativ dicht ist“, so Dr. Eike Lena Neuschulz, Biologin am LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) und Hauptautorin der Studie. Sie hat mit Kollegen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) das faszinierende Verhalten des Vogels monatelang studiert.
Der Eichelhäher und der Tannenhäher sind die einzigen Vögel in Europa, die Samen in der Erde verstecken, um sie später zu fressen. Sonst ist dieses Verhalten eher von Nagetieren wie dem Eichhörnchen bekannt. Studien haben gezeigt, dass Nagetiere Samen zumeist dort vergraben, wo es eher unwahrscheinlich ist, dass sie von Räubern gefunden werden. Für den Tannenhäher scheint dies, so die aktuelle Studie, jedoch nicht entscheidend für die Standortwahl seiner Depots zu sein.
Aus der Sicht des Tannenhähers macht sein Verhalten durchaus Sinn, denn wenn der Samen nicht keimt, ist er länger haltbar und dadurch auch später noch als Futter verfügbar. „Weil zudem die Samenproduktion der Zirbelkiefer von Jahr zu Jahr unterschiedlich ausfallen kann, müssen Tannenhäher dabei möglicherweise auf Verstecke zurückgreifen, die sie vor langem angelegt haben“, erklärt Neuschulz. Auch darum dürfte Haltbarkeit Trumpf sein.
Der Tannenhäher war im Alpenraum stark gefährdet, weil Förster vermuteten, dass der Vogel zu viele Samen der Zirbelkiefer frisst und ihn deshalb jagten. Gerettet haben ihn unter anderem aufmerksam beobachtende Förster und umfangreiche Forschungsarbeiten aus den 1970er und 1980er Jahren. Diese stellten fest, dass der Vogel den Samen der Zirbelkiefer verbreitet und dieser Baumart durchaus nützt. Dank seines exzellenten räumlichen Erinnerungsvermögens nimmt man an, dass der Tannenhäher 80 % der von ihm versteckten Samen wiederfindet. „Wenn die übrigen 20 % dann aber an Standorten vergraben sind, wo sie schlecht keimen können, dürfte der Beitrag des Tannenhähers an der Verjüngung der Bestände der Zirbelkiefer deutlich geringer sein als bisher angenommen“, resümiert Neuschulz.
Sie ergänzt: „Depots anzulegen ist eine bekannte Strategie von Tieren, Zeiten geringer Futterverfügbarkeit zu überbrücken. Diese Depots werden meist gezielt an bestimmten Orten angelegt. Die Ausbreitung der Pflanzen ist für diese ein erfreulicher Nebeneffekt. Der Tannenhäher ist jedoch eines der wenigen Beispiele, bei denen tierische Samenausbreitung nicht so erfolgt, wie es für die Pflanze optimal wäre.“
Publikation:
Neuschulz, Eike Lena et al.: Seed perishability determines the caching behavior of a food-hoarding bird – Journal of Animal Ecology, DOI: 10.1111/1365-2656.12283

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