Die Stammesgeschichte der Gürteltiere

Der Ursprung der Nebengelenktiere, zu denen auch die Gürteltiere gehören, reicht möglicherweise bis in die späte Kreidezeit zurück, wo sie sich dann von den Epitheria (alle Plazentatiere, außer den Nebengelenktieren) abspalteten. Insgesamt ist die Stammesgeschichte der Gürteltiere nur wenig erforscht und es bestehen noch zahlreiche Lücken. Zudem treten Vertreter dieser Familie eher selten im Fossilbericht auf, dies betrifft vor allem zahlreiche der heutigen Gürteltierarten, deren Nachweise in geologischer Vergangenheit nur selten gelang. Fossil fassbar werden die ersten Gürteltiere im Oberen Paläozän vor rund 58 Millionen Jahren. Bedeutend sind hier vor allem die Funde aus einer Spaltenfüllung bei Riochican nahe São José de Itaboraí in Itaboraí im südöstlichen Brasilien, die einige Knochenplättchen und weniges postcraniales Skelettmaterial umfassen. Diese werden heute zur Gattung Riostegotherium gestellt und gehören in die Nähe der Langnasengürteltiere (Dasypus).

Eozän
Im frühen Eozän verblieben die Gürteltiere vorerst im zentralen Südamerika, wobei zu jener Zeit ebenfalls hauptsächlich Vertreter der Astegotheriini nachgewiesen sind. Aus dem heutigen Patagonien Argentiniens sind zwei Fundstellen bekannt, Laguna Fría und La Barda am Mittellauf des Río Chubut. Hier treten vor allem Prostegotherium und Stegosimpsonia auf, zwei eher kleine Vertreter der frühen Gürteltiere. Möglicherweise im mittleren Eozän sind erstmals Vertreter der Euphractinae nachgewiesen, die mit Meteutatus und Utaetus in Gran Barranca im zentralen Patagonien belegt sind. Zu jener Zeit kam es auch zu den ersten Ausbreitungen in das nördlichere Südamerika. So sind aus der Nähe von Santa Rosa am Fluss Juruá im Osten Perus mehrere Arten nachgewiesen, etwa Yuruatherium und Parastegosimpsonia, die in das späte Eozän datieren, letzteres gehört den Astegotheriini an, ersteres ist noch nicht genau zuordbar.

Oligozän
Fossil treten im Unteren Oligozän unter anderem zwei Gattungen der Euphractinae auf, Parutaetus und Meteutatus, die in Termas del Flaco im zentralen Chile anhand der Panzerplättchen der Rückenschilde, aber auch durch zahlreiches Schädel- und postcraniales Skelettmaterial nachgewiesen wurden, darunter auch ein nahezu vollständiger Skelettpanzer. Aus dem Oberen Oligozän wiederum ist Kuntinaru überliefert, ein basales Mitglied der Tolypeutinae ohne spezielle Gruppenzuweisung, das mit Hilfe eines Schädelfundes aus den Salla Beds von Bolivien nahe von La Paz beschrieben werden konnte und rund 26 Millionen Jahre alt ist. Mit Eocoleophorus ist weiterhin ein früher Repräsentant der Dasypodini im Tabauté-Becken Brasiliens entdeckt worden, so dass zu jener Zeit drei der vier Hauptlinien der Gürteltiere fassbar sind.

Miozän
Im Miozän herrschte eine sehr günstige Zeit für die Gürteltiere, die dadurch eine große Vielfalt erreichten. Recht häufig belegt im südlicheren Teil des Kontinents ist Stegotherium aus der Gruppe der Stegotheriini und deren einziger Vertreter, der hier einen seiner frühesten Nachweise hat, möglicherweise aber schon im Oligozän vorkam. Es ist unter anderem in mehreren Fundstellen nahe dem Lago Argentino belegt. Bedeutend sind die Funde der sehr fossilreichen Santa-Cruz-Formation aus dem Unteren Miozän im südlichen Südamerika. Hier ist ein hervorragend erhaltenes Skelett von Prozaedyus überliefert, das etwa die Größe des heutigen Zwerggürteltiers erreichte. Auch Proeutatus und Stenotatus sind von hier bekannt, ersteres wurde dabei bis zu 15 kg schwer. Alle drei Vertreter gehören den Euphractinae an, wobei Prozaedyus die Euphractini repräsentiert, die beiden anderen aber die Eutatini. Diese Gürteltiervertreter sind dann noch bis ins Mittlere Miozän nachgewiesen, wo Funde aus den Cerdas Beds im südlichen Bolivien stammen. Ebenfalls im Mittleren Miozän tritt mit Pedrotolypeutes in La Venta in Bolivien ein Vorläufer von Tolypeutes auf und somit nach einer Lücke von 12 bis 14 Millionen Jahren wieder ein Angehöriger der Tolypeutinae. Das ausgehende Mittlere und das Obere Miozän ist vor allem durch das Vorkommen zahlreicher neuer Mitglieder der Eutatini und Euphractini gekennzeichnet. So erscheinen hier Proeutatus oder Proeuphractus, die aber weitgehend zum Ende des Miozäns oder im Verlauf des folgenden Pliozäns wieder aussterben.

Plio- und Pleistozän
Im Pliozän schloss sich die Landbrücke nach Nordamerika am Isthmus von Panama und der Große Amerikanische Faunenaustausch setzte ein. Zunächst trat im Pliozän mit Macroeuphractus einer der größten Gürteltiervertreter auf, der die Größe eines heutigen Hausschweins erreichte. Dieser ist unter anderem aus dem nördlichen Argentinien nahe Buenos Aires nachgewiesen. Zudem sind aus dieser Zeit die ersten Nachweise der heutigen Gürteltiere bekannt. So war Tolypeutes mit der ausgestorbenen Art Tolypeutes pampaeus in der Pampas-Region noch bis ins ausgehende Altpleistozän verbreitet, in der gleichen Region entwickelte sich Chaetophractus mit dem Braunborsten-Gürteltier (Chaetophractus villosus). Diese Gattung erreichte erst sehr spät ihr heute weit südliches Auftreten. Auch der Ursprung von Dasypus fällt in das Pliozän, wobei der nördliche Teil Südamerikas aufgrund der Verbreitung zahlreicher naher verwandter Gattungen dort zu jener Zeit angenommen wird. Zuerst entstand die fossilen Art Dasypus bellus, die bereits im ausgehenden Pliozän in Nordamerika anzutreffen war und dort recht häufig belegt ist, etwa in Florida, starb aber zum Ende des Pleistozäns hier wie in Südamerika aus. Dieses Schicksal traf auch zahlreiche andere Gürteltiervertreter wie Propraopus, einem nahen Verwandten von Dasypus, oder Eutatus aus der Linie der Eutatini, einem großen Tier, dass die Ausmaße des heutigen Riesengürteltiers erreichte.
Erst im 19. Jahrhundert erreichte Dasypus mit dem Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) wieder Nordamerika.

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