Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

29.09.2014, NABU
12.000 Störe ausgesetzt
Projekt zur Wiederansiedlung des Baltischen Störs gestartet
Der Baltische Stör soll in der Oder und damit im Einzugsgebiet der Ostsee wieder dauerhaft heimisch werden. 12.000 Jungtiere sind am heutigen Montagnachmittag in die Oder entlassen worden. Sie sollen helfen, den ehemals im Odereinzugsgebiet heimischen Fisch wieder anzusiedeln. „Damit haben wir ein wichtiges Etappenziel erreicht. Erstmals ist es uns gelungen, Störe in der Teichwirtschaft Blumberger Mühle aufzuziehen und sie auf ihre lange Reise in die Ostsee zu schicken“, sagte NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Gemeinsam mit der Gesellschaft zur Rettung des Störs (GRS) und der Teichwirtschaft Blumberger Mühle beteiligt sich der NABU, gefördert durch Mittel der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), an dem nationalen Wiederansiedlungsprojekt.
Drei Monate lang war das historische Bruthaus der Teichwirtschaft Blumberger Mühle im brandenburgischen Angermünde das Zuhause für tausende junger Störe. So lange dauerte die Aufzucht von der nur wenige Millimeter großen Larve bis zur Besatzgröße von etwa zehn Zentimetern Körperlänge. In dieser Zeit werden die Fische gehegt und gepflegt. Ständig müssen sie mit kaltem sauerstoffreichem Wasser versorgt werden und wurden mit Salinenkrebsen und später mit Zuckmückenlarven gefüttert. „Eine anspruchsvolle und zeitintensive Aufgabe. Wir freuen uns über jeden einzelnen Stör, der diesen gefährlichen ersten Schritt ins Leben überstanden hat und jetzt helfen kann, eine sich selbst erhaltende Population Baltischer Störe in Oder und Ostsee aufzubauen,“ so NABU-Projektleiter Kim Detloff.
1968 wurde der letzte Baltische Stör in der Oder gefangen. Fischerei, Gewäs-serverschmutzung und die Verbauung der Flüsse hatten die einst reichen Be-stände ausgelöscht. Heute versuchen Fischereibiologen und Naturschützer den wohl ursprünglichsten aller Knochenfische mit viel Aufwand zurückzuholen. Der NABU beteiligt sich an dem nationalen Wiederansiedlungsprojekt durch die Aufzucht von zukünftigen Elterntieren in den Fischteichen der Blumberger Mühle, die für die Vermehrung in kommenden Jahren benötigt werden.
Zudem werden für die Auswilderung in der Oder junge Störe im Wasser der Welse aufgezogen, ein wichtiger Schritt zur Anpassung der Tiere an ihre zukünftigen Heimatgewässer vor dem Besatz, um sie fit zu machen für das Leben in freier Wildbahn. Darüber hinaus wird das Störprojekt und die notwendigen begleitenden Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen als zentraler Bestandteil in das Bildungs- und Informationsangebot des NABU-Erlebniszentrums Blumberger Mühle aufgenommen. Ab sofort können Besucher im Aquarium junge Störe beobachten und heranwachsen sehen und sich über die Biologie des Urzeitfisches, seine Gefährdung sowie das Wiederansiedlungsprojekt informieren.
Ein Stör benötigt acht bis zehn Jahre, bis er ausgewachsen ist. In diesem Zeit-raum sollen die Jungtiere nun ihren Weg in die Ostsee finden. Wir hoffen, dass möglichst viele Fische dann ihren Rückweg in ihr Besatzgebiet finden, um dort zu Laichen. Ziel ist es, einen eigenständig überlebensfähigen Bestand des Baltischen Störs in unseren Gewässern aufzubauen“, so Detloff.
Der Baltische oder auch Atlantische Stör (Acipenser oxyrinchus) ist eine kälteresistente Art, die einst die Ostsee und ihr Einzugsgebiet besiedelte. Die Wanderfische ziehen zum Laichen aus dem Meer flussaufwärts in die Laichgründe ihrer Geburt, beim Baltischen Stör von der Ostsee in die Niederungen von Oder, Weichsel, Memel, Daugava, Narva und Neva. Die Jungfische wachsen dort einige Jahre heran und wandern anschließend ins Meer ab.

30.09.2014, Max-Planck-Institut für Ornithologie
Meisen mit hohem Stoffwechsel sind besonders risikofreudig
Tiere unterscheiden sich oft stark in ihrem Verhalten in Risikosituationen, beispielsweise wenn sie sich Fressfeinden gegenüber sehen. Ein Forscherteam vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen hat in einer Langzeituntersuchung an Kohlmeisen herausgefunden, dass das Risikoverhalten sowohl von der Stoffwechselrate als auch der Umgebungstemperatur abhängt. Je höher die Stoffwechselrate und je niedriger die Umgebungstemperatur ist, desto näher wagen sich die Vögel an mögliche Fressfeinde heran.
Die Bereitschaft Risiken einzugehen, kann maßgeblich durch äußere Umstände beeinflusst werden. So zeigt zum Beispiel eine kürzlich erschienene Studie, dass alleinstehende Männer risikofreudiger sind als Männer in einer festen Partnerschaft. Individuelle Unterschiede im Risikoverhalten findet man aber nicht nur bei uns Menschen, sondern auch bei vielen anderen Wirbeltieren und sogar bei Wirbellosen. Doch nicht nur äußere Faktoren können die Unterschiede im Verhalten erklären, sondern auch die allgemeine Stoffwechselrate des Körpers. Bei Kohlmeisen gibt es beispielsweise starke individuelle Unterschiede in der Stoffwechselrate, die über Jahre hinweg konstant bleiben.
Ein Team aus Forschern vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen hat nun in einer Langzeitstudie an Kohlmeisen einen Zusammenhang zwischen Risikoverhalten, Stoffwechselrate und äußeren Faktoren gefunden. Dazu haben sie zwei Jahre lang die Stoffwechselraten und das Verhalten von 184 Kohlmeisen aus zwölf Populationen zwischen Ammersee und Starnberger See untersucht. Die Forscher fingen die Tiere in den Nistkästen und brachten sie in eine Respirometer-Kammer, um die Stoffwechselrate, sowie das Gewicht der Tiere zu bestimmen. Danach versahen sie die Tiere mit passiven Transpondern und ließen sie wieder frei. An eigens angelegten Futterstellen mit Transponder-Lesegeräten präsentierten die Wissenschaftler Greifvogelattrappen und spielten zusätzlich Warnrufe von Kohlmeisen ab. Mit Hilfe der Transponder konnten die Forscher nun für jedes Tier die Zeit messen, die sie für die Rückkehr zur Futterstelle benötigten. Dadurch erhielten sie ein Maß für die Risikobereitschaft der Meisen.
Als nächsten Schritt konnten die Forscher nun diese Faktoren mit Hilfe komplizierter statistischer Berechnungen zueinander in Beziehung setzen. Zunächst unterschieden sich die Kohlmeisen bei der Stoffwechselrate, dem Körpergewicht und dem Risikoverhalten zwischen den beiden Untersuchungsjahren. Die Datenanalyse ergab in jedem Jahr, dass sich Meisen mit einer hohen Stoffwechselrate weniger von einer Attrappe abschrecken lassen als Artgenossen mit einem niedrigen Stoffwechsel.
Erstaunlicherweise beeinflusst auch die Umgebungstemperatur das Risikoverhalten: Bei niedrigen Temperaturen verhalten sich Tiere mit niedrigem Stoffwechsel fast so risikofreudig wie Tiere mit hohem Energieumsatz. “Unterschiede im Risikoverhalten sind also eng mit energetischen Beschränkungen verknüpft. Vögel, die einen hohen Energiebedarf besitzen, entweder weil sie eine hohe Stoffwechselrate haben oder weil sie niedrige Temperaturen zu einer höheren Thermoregulation zwingen, sind eher bereit, in einer Gefahrensituation auf Nahrungssuche zu gehen“, sagt Kimberley Mathot, Erstautorin der Studie. Möglicherweise können Tiere mit hohem Stoffwechsel Gefahren besser begegnen und sind deshalb risikofreudiger.

30.09.2014, WWF
Globaler Burn Out
Die Menschheit treibt ihren eigenen Planeten in einen gefährlichen Burn-Out. Der Grund: Zusammengenommen verbrauchen wir jedes Jahr 50 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde innerhalb dieses Zeitraums regenerieren und damit nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Das ist das zentrale Ergebnis des „Living Planet Reports 2014“, den die Naturschutzorganisation WWF am Dienstag in Berlin vorgelegt hat. Laut dem globalen Zustandsbericht nehmen die Schulden der Menschheit gegenüber der Natur zu, die ökologischen Reserven hingegen ab. So zeigt der Living Planet Index für die vergangenen vier Jahrzehnte einen Rückgang der biologischen Vielfalt um 52 Prozent. Im Durchschnitt hat sich die Anzahl der untersuchten Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische damit halbiert.
„Wir entziehen uns und unseren Kindern die Lebensgrundlagen in schwindelerregender Geschwindigkeit“, warnte Eberhard Brandes, Geschäftsführender Vorstand des WWF Deutschland. „Macht die Menschheit weiter wie bisher, sind bis 2030 zwei komplette Planeten nötig, um den Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken.“ Die Folgen des Raubbaus seien bereits heute spürbar: Hungersnöte, Artensterben oder extreme Wetterkatastrophen nähmen immer dramatischere Ausmaße an. Insgesamt seien drei der zehn ökologischen Belastungsgrenzen, in deren Rahmen eine Stabilität der Erde und ihrer Lebensräume definiert wird, überschritten: beim Biodiversitätsverlust, dem Klimawandel und dem Stickstoffkreislauf.
In Bezug auf die Bundesrepublik sind die Ergebnisse des Reports eindeutig: Der ökologische Fußabdruck stagniert seit inzwischen zehn Jahren auf deutlich zu hohem Niveau – und das bei steigendem Wohlstand. Jeder Deutsche verbraucht demnach pro Jahr mehr als doppelt so viele Ressourcen, wie ihm im globalen Mittel zustehen würden. „Wir sind weit davon entfernt, Vorbild zu sein. Es muss uns endlich gelingen, den deutschen Fußabdruck auf ein nachhaltiges Maß zu senken“, forderte der WWF-Vorstand. „Nur eine Verringerung des Fußabdrucks kann auch für die nachfolgenden Generationen ein hohes Wohlstandsniveau garantieren. Daher können und müssen wir uns diese Anstrengungen als eine führende Industrienation leisten.“ Dies sei, so Brandes, eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.
Deutschland müsse, so die WWF-Forderung, insbesondere Landwirtschaft und Verkehr nachhaltiger ausrichten, ausgewiesene Schutzgebiete wirksamer schützen und die nationale Biodiversitätsstrategie schneller umsetzen. Von herausragender Bedeutung sei die konsequente Umsetzung der Energiewende. „Man beobachtet in der Welt sehr genau, wie wir hierzulande als eine führende Industrie- und Exportnation die Energiewende umsetzen. Wenn wir diese Herausforderung erfolgreich stemmen, hat das weltweite Signalwirkung“, bekräftigte Brandes.
Hintergrund
Der Living Planet Report 2014 misst die Veränderungen der weltweiten Biodiversität und des menschlichen Konsums. Die Studie wird alle zwei Jahre vom WWF gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft London (ZSL) und dem Global Footprint Network (GFN) erstellt.
Der Ökologische Fußabdruck der Menschheit hat sich seit 1966 verdoppelt. Seit mehr als 40 Jahren nutzen die Menschen mehr natürliche Ressourcen, als die Erde erneuern kann. Der Fußabdruck gibt die Beanspruchung der Ökosysteme durch den Menschen an und misst die biologisch produktive Landfläche (Biokapazität), die zur Bereitstellung unserer Ressourcen erforderlich ist. Dazu gehören Ackerland, Weideland, bebaute Flächen, Fischgründe und Wälder. Auch der CO2-Fußabdruck ist darin enthalten.
Um die biologische Vielfalt war es noch nie so schlecht bestellt wie heute: Der Living Planet Index zeigt einen Rückgang um 52 Prozent für den Zeitraum von 1970 bis 2010. Im Durchschnitt hat sich die Anzahl der weltweit untersuchten Populationen damit halbiert. In den gemäßigten Klimazonen verringerten sich 6.569 Populationen der 1.606 erfassten Arten im Durchschnitt um 36 Prozent. Für die tropische Klimazone wird durchschnittlich ein 56-prozentigen Rückgang bei 3.811 Populationen von 1.638 Arten festgestellt.
Aufgrund des globalen Raubbaus überschreiten wir inzwischen drei der zehn Ökologischen Belastungsgrenzen. Diese beschreiben eine Reihe biophysikalischer Prozesse, die die Stabilität der Erde garantieren. Für jeden dieser Prozesse werden Grenzwerte festgelegt, die nicht überschritten werden sollten, um größere Risiken oder Schäden zu vermeiden. Doch genau das ist inzwischen beim Biodiversitätsverlust, dem Stickstoffkreislauf und dem Klimawandel der Fall.
Die Verantwortung für den Raubbau trägt vor allem der enorme Fußabdruck wohlhabender Staaten. Hätte die Weltbevölkerung den ökologischen Fußabdruck der US-Amerikaner bräuchte man vier Planeten, für den hochgerechneten deutschen Verbrauch wären 2,6 Planeten nötig. Südafrika und Argentinien benötigen noch rund 1,5 Erden, während Indonesien, Indien, Peru oder Armenien mit weniger Ressourcen auskommen, als ihnen zustehen würden. Doch auch in den Schwellenländern zeigt der Trend nach oben. Der Fußabdruck dieser Nationen hat sich seit 1961 pro Kopf um 65% vergrößert.

01.10.2014, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Asiatische Tigermücke erstmals im Mückenatlas registriert
Erstmals konnten Hobby-Mückenfänger aus Freiburg ein Exemplar der Asiatischen Tigermücke (Aedes albopictus) im „Mückenatlas“ registrieren lassen. „Obwohl diese Art in den letzten drei Jahren in Süddeutschland wiederholt nachgewiesen wurde, gehen wir nach wie vor davon aus, dass sie sich noch nicht dauerhaft angesiedelt hat“, erklärt Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF).
Seit 2012 senden interessierte Bürgerinnen und Bürger Mücken für den Mückenatlas, den Wissenschaftler des ZALF in Müncheberg und des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald betreuen. Sie wollen so herausfinden, welche Mückenarten wann und wo in Deutschland vorkommen. Der „Mückenatlas“ ist derzeit eines der erfolgreichsten Citizen Science-Projekte Deutschlands, bei denen die Bevölkerung und die Wissenschaft in verschiedenen Aktivitäten kooperieren. Der neue Fund bestätigt die hohe Effizienz des Projekts als Instrument der passiven Mückenbeobachtung.
Nachdem über den „Mückenatlas“ 2012 und 2013 bereits zwei Populationen der Asiatischen Buschmücke Aedes japonicus in Deutschland entdeckt worden waren, konnten die Wissenschaftler nun erstmals ein Exemplar der Asiatischen Tigermücke Aedes albopictus im „Mückenatlas“ verzeichnen. Die Mücke war Mitte August in dem im Osten von Freiburg gelegenen Stadtteil Waldsee gefangen worden. Damit lag der Fundort außerhalb des Gebietes, in dem bereits seit einiger Zeit aktiv nach dieser Art gesucht wird.
Besonders Autobahnraststätten an der A5 in Süddeutschland werden seit 2011 intensiv mit speziellen Stechmückenfallen beprobt, um die Einschleppung der Tigermücke über den Fernverkehr aus Südeuropa zu beobachten. Als aggressiver Stecher verfolgt die Asiatische Tigermücke Menschen bis in ihre Fahrzeuge, so dass sie als blinder Passagier über größere Strecken mitreisen kann. Da die Mücke einen durchschnittlichen Aktionsradius von nur wenigen Hundert Metern hat, vermuten die Wissenschaftler, dass das eingesandte Exemplar entweder per Fahrzeugtransport (aus Südeuropa oder aus der Umgebung einer süddeutschen Autobahnraststätte) nach Freiburg-Waldsee gelangte oder dass sich die Tigermücke am Oberrhein im Sommer unbemerkt vermehrt und abseits von der Autobahn verbreitet habe. Da die Mücke noch nicht ausreichend an das mitteleuropäische Klima angepasst ist, wird eine Überwinterung und eine dauerhafte Etablierung in Deutschland derzeit jedoch für unwahrscheinlich erachtet.
Ursprünglich ist die Asiatische Tigermücke in Asien beheimatet. Da sie über ihre Eier besonders häufig interkontinental verschleppt wird, zählt sie zu den sogenannten invasiven Stechmückenarten. Sie ist als Überträger zahlreicher Krankheitserreger bekannt. Auch in Europa kam es bereits zu Krankheitsfällen durch die Tigermücke, etwa des Dengue-Fiebers in Südfrankreich und Kroatien und des Chikungunya-Fiebers in Norditalien.
Der Mückenatlas
Um die Verbreitung von Mückenarten in Deutschland flächendeckend erfassen zu können, hatten die Wissenschaftler des ZALF und des FLI im Jahr 2012 das Citizen Science-Projekt „Mückenatlas“ ins Leben gerufen. Das Forscherteam bittet darin um die Einsendung von Stechmücken aus allen Teilen Deutschlands. Die Stechmücken sollen unbeschädigt eingefangen, tiefgefroren und anschließend an das ZALF geschickt werden. Die Mückenfänge werden in eine zentrale deutsche Datenbank eingegeben, mit deren Hilfe die räumliche und geografische Verbreitung der Stechmückenarten Deutschlands kartografiert wird. Die erhaltenen Daten dienen der Bewertung des Risikos, das von der Übertragung von Krankheitserregern durch Stechmücken in Deutschland ausgehen könnte. Mehr Informationen zum „Mückenatlas“ und dem Fangen von Mücken sind unter www.mueckenatlas.de zu finden.

01.10.2014, Ludwig-Maximilians-Universität München
Passionsblumen und Kolibris – Evolution im Wechselschritt
Passionsblumen mit langer Blütenröhre sind hoch spezialisiert: Nur der Schwertschnabelkolibri kann sie bestäuben. Aber die Evolution hin zu einer so extremen Anpassung ist keine Einbahnstraße, wie eine neue Studie zeigt.
Die Blüten der Passionsblumen gehören zu den auffallendsten und attraktivsten im Pflanzenreich. Extrem lange Blütenröhren sind dabei das Markenzeichen zahlreicher Arten der Passiflora-Untergruppe Tacsonia. Für ihre Bestäubung sind diese Passionsblumen auf eine einzige Tierart angewiesen: Den Schwertschnabelkolibri Ensifera ensifera. Mit einer Schnabellänge von etwa 11 cm und einer entsprechend langen Zunge ist Ensifera als einziger Kolibri in der Lage, den Nektar am Grund der 6-14 cm langen Blütenröhren zu erreichen. Dabei kommt er im Kopfbereich mit den Pollenkörnern in Berührung, trägt sie zur nächsten Passionsblume und bestäubt diese – da Passionsblumen sich nicht selbst befruchten können, deren einzige Fortpflanzungsmöglichkeit.
„Dieser Bestäubungsmodus ist das Ergebnis einer im Lauf der Evolution entstandenen hoch-spezialisierten Anpassung “, sagt die LMU-Biologin Professor Susanne Renner. „Solche Spezialisierungen brauchen Zeit, deshalb herrschte lange die Meinung vor, dass sie im Lauf der stammesgeschichtlichen Entwicklung nur weiter ausgebaut, aber nicht zurückgefahren werden“. Aber die Evolution ist keine Einbahnstraße: Mithilfe einer sogenannten molekularen Uhr konnte Renner mit ihren Mitarbeitern Stefan Abrahamczyk (inzwischen Uni Bonn) und Daniel Souto-Vilarós nun nachweisen, dass die Abhängigkeit von der Bestäubung durch Ensifera innerhalb erdgeschichtlich kurzer Zeiträume mehrmals auch wieder rückgängig gemacht wurde.
Familienstammbaum zeigt Evolution im Rückwärtsgang
Die molekulare Uhr basiert auf einem Vergleich des Erbguts: „Wir haben Gensequenzen von insgesamt 43 Arten der Unterfamilie Tacsonia untersucht“, erklärt Abrahamczyk, „darunter waren 26 Arten mit extrem langen Blütenröhren und 17 Arten mit kürzeren Blütenröhren, von denen 13 von kurzschnabeligen Kolibris und 4 von Fledermäusen bestäubt werden“. Dann ermittelten die Wissenschaftler anhand der genetischen Unterschiede, wann und aus welchen Stammformen neue Arten hervorgingen. Das Prinzip dabei: Spalten sich zwei Arten von einem gemeinsamen Vorfahren ab, sammeln sie im Lauf der Zeit genetische Veränderungen an – jede Art für sich. Je länger die Trennung zurückliegt, desto größer und zahlreicher sind die Unterschiede.
Der Blick in die Geschichte von Tacsonia zeigt: Die Entwicklung langröhriger Tacsonia-Arten begann vor etwa 11 Millionen Jahren. Ob die Urahnen der langröhrigen Passionsblumen von Bienen oder bereits von kurzschnabeligen Kolibris bestäubt wurden, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen, aber es gibt starke Hinweise für eine von Beginn an enge Koevolution mit Ensifera, der sich ungefähr zur selben Zeit von einer kurzschnabeligen Schwesterart abspaltete. „Innerhalb der letzten zwei bis vier Millionen Jahre – im Maßstab der Evolution also innerhalb sehr kurzer Zeit – spalteten sich von langröhrigen Tacsonia-Arten aber auch mehrere neue Arten ab, die von einer Befruchtung durch Ensifera zu einer durch Kolibris mit kürzeren Schnäbeln oder durch Fledermäuse zurückkehrten“, sagt Renner. Damit war sowohl eine drastische Verkürzung der Nektarröhre verbunden als auch in einigen Fällen eine Veränderung der Blütenfarbe von rot – was für Kolibris besonders gut sichtbar ist – zu grünlich/weiß, was die nachtaktiven Fledermäuse gut sehen.
Der Spezialisierungsfalle entkommen
Die Wissenschaftler vermuten, dass der Wechsel zu anderen Bestäubern durch Veränderungen des Lebensraums angestoßen wurde und dass bei der Artbildung geographische Barrieren eine Rolle spielten, wahrscheinlich Rahmen der Auffaltung der Anden. Geologisch gesehen sind die Hochanden ein junges Gebirge und wichtige Auffaltungsphasen fallen in Zeiträume, in denen die Abspaltung neuer Tacsonia-Arten begann. Tacsonia kommt ausschließlich in Nebelwäldern der südamerikanischen Anden in Höhen zwischen 1700m und 4000m vor. In diesen Höhenlagen gibt es außer Ensifera keinen Bestäuber, der eine Zunge oder einen Rüssel in der für langröhrige Passionsblumen erforderlichen Länge hat.
„Ensifera ist zwar ein sehr effektiver Bestäuber, aber die Abhängigkeit von einer Spezies birgt auch ein Risiko. Tatsächlich gibt es mehrere Tacsonia-Arten, die wegen der Zerschneidung und Verkleinerung des Lebensraums ihres einzigen Bestäubers lokal bereits ausgestorben sind“, sagt Renner. „Daher kann es vorteilhaft sein, die hoch spezialisierte enge Anpassung an nur einen Bestäuber auch wieder aufzugeben – die von uns untersuche Gruppe langröhriger Passionsblumen ist ein gutes Beispiel für ein solches evolutionäres Wechselmodell“.
Publikation:
Escape from extreme specialization: Passionflowers, bats and the sword-billed hummingbird
S. Abrahamczyk, D. Souto-Vilaros and S. S. Renner
Proceedings of the Royal Society B 2014
http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/281/1795/20140888.abstract

01.10.2014, Deutsche Wildtier Stiftung
Das große Fressen beginnt, wenn die Blätter fallen!
Die Deutsche Wildtier Stiftung lädt zum Herbstspaziergang ein
Das lange Wochenende lädt zu einem Herbstspaziergang ein, denn im Wald beginnt gerade der goldene Oktober mit seinem knallbunten Farbspiel. Blätter in feurigem Rot, strahlendem Gelb und sattem Braun rascheln im Wind. Baumfrüchte wie Eicheln und Bucheckern liegen jetzt auf dem Waldboden, Wildfrüchte wie Brombeeren und Hagebutten hängen reif an den Sträuchern. „Für Wildtiere ist die Zeit des letzten großen Fressens in diesem Jahr angebrochen“, sagt Dr. Andreas Kinser, Jagd- und Forstexperte der Deutschen Wildtier Stiftung. Für Rothirsch und Reh, Eichhörnchen und Eichelhäher sowie alle anderen Wildtiere heißt die Devise: Rund ist gesund! „Fettreserven sind in der Natur die beste Voraussetzung, um gut über den Winter zu kommen“, so Kinser.
Bucheckern gibt es in diesem Jahr in vielen Regionen Deutschlands in Hülle und Fülle. „Unsere Buchenwälder tragen bis in die Spitzen und hängen voller Samenfrüchte“, sagt Andreas Kinser. Der Tisch ist jetzt reich gedeckt, doch das wird nicht so bleiben. Nachdem die Herbststürme die Pracht von den Bäumen geweht hat, bricht eine harte Zeit für Wildtiere an. Insekten aller Art, aber auch kleine Säugetiere wie Igel oder die Haselmaus und Vogelarten wie Rotkehlchen, Zaunkönig oder Amsel suchen Schutz vor der Kälte. Die Tiere finden Schlafplätze in Reisig-, Laub- und Steinhaufen, Erdlöchern und Hecken. Auch im eigenen Garten kann man Wildtieren über den Winter helfen. Laubhaufen bieten Insekten, Fröschen und Igeln Schutz. „Kehren Sie nicht alle Blätter zusammen, denn für Wildtiere ist Laub kein Abfall sondern überlebenswichtiges Naturmaterial“, betont Andreas Kinser.

02.10.2014, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Auf den Leim gegangen: Weberknechte fangen ihre Nahrung mit klebrigen Tropfen
Weberknechte, die zur Klasse der Spinnentiere gehören, fangen ihre Beute blitzschnell mithilfe von klebrigen Tropfen ihrer Kiefertaster. Dabei ermöglichen sowohl die klebrigen Tropfen wie auch die extrem kurze Reaktion des Weberknechtes das Fangen von schnellen Insekten. Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Johannes Gutenberg Universität Mainz erforschten mittels Hochgeschwindigkeitsvideoaufnahmen, wie die Weberknechte ihre Beute festhalten. Ihre Ergebnisse wurden heute (Donnerstag, 2. Oktober) in der internationalen Fachzeitschrift Journal of Experimental Biology veröffentlicht.
Weberknechte tragen vor den Laufbeinen ein Paar kleinere Extremitäten, die sogenannten Kiefertaster (Pedipalpen). Dabei handelt es sich um Mundwerkzeuge, welche vor allem zum Tasten und zum Beutefang verwendet werden. Auf hochauflösenden Bildern eines Weberknechtes erkannte der Erstautor der Publikation, Jonas Wolff (Arbeitsgruppe Professor Stanislav Gorb, Spezielle Zoologie, CAU), bereits vor einigen Jahren feinste Flüssigkeitströpfchen, die die Pedipalpen bedeckten. „Die Tropfen erinnerten mich an eine fleischfressende Pflanze, die mittels klebrigen Substanzen auf ihren Blättern Insekten einfängt,“ erinnert sich Wolff. Damit war das Interesse des Biologen geweckt. Zusammen mit seinen Kollegen fütterte er Weberknechte mit kleinen Boden-Insekten, sogenannten Springschwänzen. Diese können sich extrem schnell bewegen und sind für viele Tiere schwierig zu fangen. Die Wissenschaftler filmten das Fangen der Springschwänze und stellten fest, dass die Weberknechte die Insekten mithilfe des klebrigen Sekrets festhielten. Dabei waren die Weberknechte bei jedem zweiten Angriff erfolgreich, die Springschwänze waren ihnen sozusagen auf den Leim gegangen.
„Als nächstes untersuchten wir, wie die klebrigen Haare auf dem Pedipalpus der Weberknechte aufgebaut sind und funktionieren“, berichtet Wolff. Dabei sei vor allem die geringe Größe der Weberknechte (2 bis 4 Millimeter ohne Beine) eine echte Herausforderung gewesen. Das Team testete die Haftwirkung der Klebetröpfchen. Dazu befestigten sie eine Glaspipette an den Pedipalpen und zogen mit unterschiedlichen Kräften und Geschwindigkeiten an dem Sekret. Ergebnis: Bereits ein einzelnes, 10 Mikrometer großes Tröpfchen des Klebers ist ausreichend, um einen durchschnittlichen Springschwanz festzuhalten. Je stärker die Forscher an dem Sekret zogen, desto stärker war die Kraft, die die Substanz aushielt. „Dies zeigt, dass der Kleber eine sogenannte nicht-Newtonsche Flüssigkeit ist“, erklärt Wolff. „Je mehr die Beute kämpft, desto mehr wird sie festgehalten. Eine tödliche Falle.“
Die Springschwänze mittels Klebetropfen festzuhalten und zu fangen ist dabei keine einfache Aufgabe. Die Oberfläche der Insekten ist antihaft-beschichtet und erschwert klebenden Substanzen die Anhaftung. Die Klebetropfen der Weberknechte können dennoch sehr leicht diese Oberfläche benetzen. Das Team schlussfolgerte, dass die elastischen Eigenschaften des klebenden Sekrets bei den Weberknechten Spinnenseide oder insektenfressenden Pflanzen ähneln. „Diese Ähnlichkeit ist sehr spannend und deutet an, dass die Nutzung von Klebstoffen eine sehr effektive und wirtschaftliche Möglichkeit ist, Beutetiere zu fangen“, fasst Wolff die Erkenntnisse zusammen.
Originalpublikation:
Wolff, J.O., Schönhofer, A.L., Schaber, C.F. und Gorb, S.N. (2014): Gluing the ‘unwettable’: soil-dwelling harvestmen use viscoelastic fluids for capturing springtails. Journal of Experimental Biology, 217, 3535-3544, dx.doi.org/10.1242/jeb.108852

02.10.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Volkszählung unter der Erde – Erste Regenwurm-Bestandsaufnahme in Deutschland
Die Wissenschaftlerin Dr. Ricarda Lehmitz vom Senckenberg Forschungsinstitut hat erstmals eine Inventur aller Regenwurmarten Deutschlands durchgeführt. Hierfür bearbeiteten sie und ihre Kollegen 16.000 Datensätze. Insgesamt gibt es 46 verschiedene Regenwurmarten in der Bundesrepublik, aber nur eine Art kann als endemisch (ausschließlich in Deutschland vorkommend) bezeichnet werden. Die Artenvielfalt der Wenigborster nimmt außerdem von Norden nach Süden zu. Die „Regenwurm-Checkliste“ ist kürzlich im Fachjournal „Zootaxa“ erschienen.
Sie fressen sich durch die Erde, leben in engen Röhren und Gängen und tragen erheblich zur Bodenqualität bei: Unter einem Quadratmeter Wiese können – je nach Bodenart – zwischen 100 und 400 Regenwürmer leben.
Doch Wurm ist nicht gleich Wurm – am Senckenberg Forschungsinstitut in Görlitz wurde nun erstmals eine komplette Auflistung aller Regenwurmarten in Deutschland vorgenommen. „Es gibt 46 Arten von Regenwürmern bei uns“, erzählt Dr. Ricarda Lehmitz, Leiterin der Sektion Oribatida am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz und Leitautorin der Studie. Sie hat gemeinsam mit Wurmexperten aus Deutschland 16.000 Datensätze ausgewertet, um die „Regenwurm-Checkliste“ zu erstellen.
„Ein Datensatz steht für einen Regenwurmfund an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit“, erklärt Lehmitz und ergänzt: „Die Daten stammen aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Sammlungen, Diplom- und Doktorarbeiten, aber auch von Privatpersonen aus den letzten 100 Jahren.“ Profitiert haben die Bodenzoologen dabei von der Online-Datenbank „Edaphobase“ ¬– ein öffentliches, bodenzoologisches Informationssystem mit knapp 500.000 Datensätzen bodenlebender Tiere.
Unter den 46 Arten der gegliederten Würmer befindet sich nur eine echte endemische Art: „Nur Lumbricus badensis, der ‚Badische Riesenregenwurm‘ kann als endemisch bezeichnet werden – ihn gibt es ausschließlich in Deutschland“, erläutert die Görlitzer Wissenschaftlerin. Der bis zu 60 Zentimeter lange Wurm hat sich im südlichen Schwarzwald eine ökologische Nische geschaffen. „Wir nehmen an, dass sich andere Regenwürmer in den relativ sauren Böden nicht wohl fühlen“, fügt Lehmitz hinzu.
Zu einer der häufigsten Arten gehört Lumbricus terrestris, der Gemeine Regenwurm oder Tauwurm, „diese Art finden wir in allen Teilen Deutschlands“, vervollständigt Lehmitz.
41 Prozent der Würmer „wandern“, das heißt sie haben sich nach der letzten Eiszeit in Deutschland ausgebreitet oder alte Besiedlungsgebiete wieder eingenommen. „Vier dieser 19 Arten haben wir nur in menschennahen Umgebungen, wie in Komposthaufen gefunden. Diese Arten werden häufig mit Erde oder Blumenzubehör weltweit durch den Menschen verbreitet“, erzählt die Senckenbergerin. Die restlichen 27 Arten bleiben in der Regel „ortstreu“.
Und noch ein weiteres spannendes Detail haben die Wissenschaftler herausgefunden: Die Artenvielfalt der Regenwürmer nimmt von Norden nach Süden zu. Dieser Trend entspricht auch der europäischen Verteilung von Regenwurmarten. Grund hierfür ist die letzte Kaltzeit, welche vor etwa 115.000 Jahren begann und vor 11.700 Jahren endete. Lehmitz hierzu: „Als die Gletscher sich zurückgezogen haben, konnten sich die Würmer vom Süden ausgehend wieder ausbreiten. In Deutschland gibt es 14 Arten, die nur in den südlichen Bundesländern vorkommen.“
Die Görlitzer Bodenzoologin will aber nicht ausschließen, dass sich in einigen Gebieten Deutschlands weitere Arten finden lassen: „Besonders im Alpenraum und in speziellen Lebensräumen wie an Flussufern gibt es noch Nachholbedarf bei der Regenwurminventur.“ Und auch neue genetische Untersuchungen bringen nicht selten verborgene Arten ans Licht. Sogar der wohl am gründlichsten erforschte Lumbricus terrestris wurde 2010 aufgrund einer DNA-Analyse in zwei – morphologisch nicht unterscheidbare – Arten unterteilt.
„Die Bestandsaufnahme der Regenwurm-Arten ist eine wichtige Basis für unsere weitere Arbeit. Als nächstes werden wir eine Gefährdungseinschätzung der Würmer in einer „Rote Liste“ veröffentlichen“, gibt Lehmitz einen Ausblick auf ihre Forschung.
Publikation
LEHMITZ, RICARDA et al. Checklist of earthworms (Oligochaeta: Lumbricidae) from Germany. Zootaxa, [S.l.], v. 3866, n. 2, p. 221–245, sep. 2014. ISSN 1175-5334. doi:http://dx.doi.org/10.11646/zootaxa.3866.2.3.

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