Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

06.10.2014, Niederösterreichische Landesregierung
Wildnisgebiet Dürrenstein soll UNESCO Weltnaturerbe werden
Das Wildnisgebiet Dürrenstein ist das bisher erste und einzige Schutzgebiet Österreichs, das von der
internationalen Naturschutzorganisation IUCN mit der höchsten Schutzstufe klassifiziert wurde. Der flächenmäßig größte Fichten-Tannen-Buchen-Urwald des gesamten Alpenbogens hat sich dort seit der letzten Eiszeit ungestört entwickeln können. Das Land Niederösterreich bemüht sich nun darum, dass der einzigartige Urwald auch zum UNESCO Weltnaturerbe erklärt wird.
„Wir in Niederösterreich können zu Recht stolz sein auf unseren Naturreichtum. Mit der Nominierung des Wildnisgebietes zum UNESCO Weltnaturerbe bekräftigen wir nun unsere Bemühungen zur Erhaltung der
Vielfalt und des Artenreichtums im Naturland Niederösterreich“, weist Landesrat Dr. Stephan Pernkopf auf die Bedeutung des niederösterreichischen Urwalds hin.
Derzeit werden gemeinsam mit dem Bundesministerium die Einreichunterlagen vorbereitet. Der Zeitplan für die Nominierung und die Prüfung durch die UNESCO-Kommission lässt eine Erklärung zum Weltnaturerbe Mitte 2017 erwarten. Eine derartige Auszeichnung wäre nicht nur eine Bestätigung für einen einzigartigen Naturraum von weltweiter Bedeutung, sondern zusätzlich eine Aufwertung für die
Region und das gesamte Naturland Niederösterreich.
Das Wildnisgebiet Dürrenstein besteht seit dem Jahr 2002 und ist erst 2013 um knapp 1.000 Hektar auf nun insgesamt rund 3.500 Hektar erweitert worden. Der überwiegende Teil des Gebietes ist frei von
jeglicher menschlicher Nutzung. Dieser Umstand begünstigt Artenschutzprojekte wie die in den vergangenen Jahren durchgeführte erfolgreiche Wiederansiedelung des Habichtskauzes, der in Österreich
als Brutvogel schon ausgestorben war.

06.10.2014, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
Weltbiodiversitätskonferenz in Südkorea zieht Zwischenbilanz im Kampf für biologische Vielfalt
Vom 6. bis 17. Oktober findet die Weltbiodiversitätskonferenz im südkoreanischen Pyeongchang statt.
Pyeongchang (agrar-PR) – Die Konferenz spielt eine Schlüsselrolle für das 2010 international vereinbarte Ziel, den Verlust der Biodiversität bis 2020 zu stoppen. Mit dem vierten internationalen Bericht zur Lage der biologischen Vielfalt (Global Biodiversity Outlook) wird dort auch eine Halbzeitbilanz gezogen. Die deutsche Delegation wird angeführt von der Parlamentarischen Staatssekretärin im BMUB, Rita Schwarzelühr-Sutter, die am hochrangigen Segment der Konferenz teilnimmt.
Schwarzelühr-Sutter: „In einigen Bereichen haben wir global gute Fortschritte gemacht, etwa bei der Ausweisung von Schutzgebieten. Hier dürfen wir nicht nachlassen und setzen dabei auf eine konsequente Umsetzung der bestehenden europäischen Naturschutzrichtlinien. In vielen anderen Bereichen muss das Engagement jedoch deutlich verstärkt werden.
Entscheidend für den Erhalt der biologischen Vielfalt ist zum Beispiel, dass Fischerei, Land- und Forstwirtschaft, aber auch unser Konsum ganz generell, nachhaltiger werden. Der Schutz und die nachhaltige Nutzung der Biodiversität müssen daher in allen relevanten Entscheidungsprozessen verankert werden, unter anderem bei der Erarbeitung der neuen globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen.“
Im Jahr 2010 hatte die Vertragsstaatenkonferenz der Weltbiodiversitätskonvention (Übereinkommen über die biologische Vielfalt, CBD) in Nagoya einen strategischen Plan mit insgesamt 20 Zielen für das Jahr 2020 verabschiedet. Die diesjährige Konferenz soll nun eine Halbzeitbilanz ziehen und über Kurskorrekturen beraten.
Ein Schwerpunkt der Konferenz ist der Schutz der marinen Biodiversität. Ökologisch und biologisch bedeutende Meeresgebiete werden derzeit identifiziert und sollen in eine globale Datenbank aufgenommen werden.
Erste Gebiete wurden bereits bei der Konferenz 2012 aufgenommen, weitere Aufnahmen werden für diese Konferenz angestrebt. Bun-desumweltministerium und Bundesamt für Naturschutz (BfN) unterstützen diesen Prozess über das Wissenschafts-Netzwerk „Globale Ozean Biodiversitäts-Initiative – GOBI“.
Zu den zentralen Themen der Konferenz gehört auch die Festlegung internationaler Finanzie-rungsziele für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt. Deutschland gilt dabei international als Vorreiter und gibt jährlich dauerhaft eine halbe Milliarde Euro.
Gemeinsam mit dem Bundesentwicklungsministerium stellt das BMUB auf der Konferenz eine Bilanz des deutschen Engagements vor. Die Publikation „Biologische Vielfalt – Unsere gemeinsame Verantwortung“ bietet eine umfangreiche Übersicht der von Deutschland unterstützten Projekte zum Erhalt der globalen biologischen Vielfalt.
12. CBD-Konferenz

06.10.2014, BUND
Weltbiodiversitätskonferenz in Pyeongchang (Südkorea) muss Erhalt der biologischen Vielfalt voranbringen
Berlin/Pyeongchang (ots) – Anlässlich der Weltbiodiversitätskonferenz im südkoreanischen Pyeongchang hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Staatengemeinschaft aufgefordert, mit entschlossenen Maßnahmen den Schwund der Artenvielfalt zu stoppen.
„Der in Südkorea veröffentlichte Zwischenbericht zum Stand der biologischen Vielfalt auf unserem Planeten zeigt, dass die Weltgemeinschaft weit davon entfernt ist, den Schwund der Arten und Lebensräume aufzuhalten“, sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Bei der Ausweisung von Schutzgebieten oder der Erstellung von nationalen Naturschutzplänen gebe es zwar Fortschritte. In den meisten Bereichen seien jedoch verstärkte Anstrengungen notwendig. „Um den Verlust der Arten und Lebensräume zu stoppen, ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel erforderlich. Weg von der Zerstörung der Natur, hin zum schonenden Umgang mit Wasser, Land, Energie, Rohstoffen, Pflanzen und Tieren“, sagte Weiger.
Die BUND-Expertin für internationale Biodiversitätspolitik, Nicola Uhde, appellierte an die deutsche Regierungsdelegation: „Die Bundesregierung muss ihre Position und ihren Einfluss nutzen, damit die Europäische Union sich in Pyeongchang für den Erhalt der biologischen Vielfalt stark macht und einen ambitionierten und verbindlichen Aktionsplan zum Schutz der Arten durchsetzt.“ Bei der Bereitstellung von Geldern für den Arten- und Lebensraumschutz spiele Deutschland inzwischen eine Vorreiterrolle. Die Bundesregierung müsse dies nutzen, um säumige Industriestaaten dazu zu bringen, ihre Finanzmittel bis 2015 zu verdoppeln, sagte Uhde.
Auch für den Schutz der Meere sei die Konferenz in Pyeongchang von herausragender Bedeutung. So gebe es Pläne zur Ausweisung von 160 Hochseeschutzgebieten. „Europäische Länder wie Portugal und Island bremsen die Ausweisung von Schutzgebieten, die deutsche Regierungsdelegation sollte diese Länder beim Artenschutz stärker in die Pflicht nehmen“, forderte Uhde.
Im sogenannten High-Level-Segment mit den anwesenden Staats- und Regierungschefs werde der BUND Deutschlands und Europas Naturschutz-Anstrengungen entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs, dem „Grünen Band“, vorstellen, kündigte Uhde an. Dieser Biotopverbund, der im früheren innerdeutschen Grenzgebiet entstanden sei, könne Korea als „Blaupause“ für ein ähnliches Schutzgebiet in der sogenannten demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea dienen.

06.10.2014, WWF
Weltrettung in Zeitlupe
WWF : Erde verliert Biologische Vielfalt im Zeitraffer
Um die Biologische Vielfalt der Erde zu erhalten muss die Internationale Staatengemeinschaft „aufs Tempo drücken“. Das fordert die Umweltschutzorganisation WWF zum Auftakt der zwölften CBD-Konferenz am Montag im südkoreanischen Pyeongchang. Bis Mitte Oktober beraten 193 Staaten auf der UN-Tagung über den Schutz der Biodiversität. „Die Erde verliert ihre biologische Vielfalt und ihre ökologischen Reserven im Zeitraffer, während die Staatengemeinschaft ihre Rettungsversuche in Zeitlupe umsetzt“, warnt Günter Mitlacher, verantwortlich für Internationale Biodiversitätspolitik beim WWF Deutschland.
Der WWF beruft sich in seiner Kritik auf einen ersten Zwischenbericht über die seit 2010 erzielten Fortschritte. Demnach zeigt eine Entwurfsfassung des Reports, die dem WWF vorliegt, dass viele Länder dem vorgegebenen Zeitplan hinterherhinken. Es seien ein höheres Tempo und wesentlich größere Anstrengungen notwendig, um bis 2020 die selbstgesteckten Ziele erreichen zu können. Hierzu zählen beispielsweise der Abbau schädlicher Subventionen oder die Umstellung auf eine nachhaltige Produktion von Konsumgütern und Lebensmitteln. Außerdem seien Finanzierungszusagen der Industrienationen nicht erfüllt worden, so die WWFKritik.Dabei seien ausgerechnet jene Länder für den globalen Raubbau verantwortlich. Vereinbart worden war, bis 2015 die Finanzmittel für Entwicklungs- und Schwellenländern zum globalen Biodiversitätsschutz von 4 auf 8 Milliarden EURO zu verdoppeln. Zwar habe Deutschland dieses Ziel schon erreicht, vor allem da seit der CBD-Konferenz 2008 in Bonn die Mittel für den globalen Biodiversitäts- und Waldschutz sukzessive auf 500 Mio. EURO pro Jahr aufgestockt wurden. Andere Länder müssen jetzt nachziehen.
Erst vergangene Woche hatte eine WWF-Studie gewarnt, dass es um die biologische Vielfaltnoch nie so schlecht bestellt sei wie heute. Der Living Planet Index zeigt demnach einenRückgang um 52 Prozent für den Zeitraum von 1970 bis 2010. Im Durchschnitt hat sich dieAnzahl der untersuchten Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische damit halbiert.Insgesamt verbraucht die Menschheit jedes Jahr 50 Prozent mehr Ressourcen, als die Erdeinnerhalb dieses Zeitraums regenerieren und damit nachhaltig zur Verfügung stellen kann.

07.10.2014, Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein
„Der Urwald von Morgen“ – Schleswig-Holstein weist neue Naturwälder zum Schutz der Artenvielfalt aus
Schleswig-Holsteins Wälder sollen mehr Raum für die Natur bieten: Das Umweltministerium hat gemeinsam mit den Landesforsten und der Stiftung Naturschutz knapp 2100 Hektar neue Naturwaldflächen ausgewählt.
„Naturwaldflächen sind die Urwälder von morgen. Sie machen unseren Wald ein Stückchen wilder und tragen dazu bei, die Artenvielfalt zu schützen“, sagte Minister Robert Habeck heute (7. Oktober 2014) in Kiel.
Mit den neuen Flächen steigt der Naturwaldbestand bei den Landesforsten und auf Stiftungsflächen auf insgesamt rund 5.600 Hektar, zusammen mit den Waldflächen von Bund, Kommune und Kreisen sind es 7.200 Hektar. In den kommenden zwei Jahren sollen noch weitere 800 Hektar in den Landesforsten dazu kommen. „Dann erreichen wir eine Fläche von 10 Prozent Naturwald in den öffentlichen Wäldern im Norden. Das entspricht den Biodiversitätszielen des Bundes“; betonte Staatssekretärin Silke Schneider, zugleich Vorsitzende des Verwaltungsrats der Landesforsten und des Stiftungsrates.
Naturwald wird nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt. Für Spaziergänger ist er aber zugänglich. Naturwald enthält vom Keimling bis zum vermodernden Baumriesen alles, was ein Wald als Lebensraum zum Erhalt der biologischen Vielfalt und heimischen Waldgesellschaften bieten kann. „Bäume dürfen hier wachsen und so alt werden, wie die Natur es will“, sagte Habeck. Werden Eichen sonst nach etwa 200 Jahren gefällt, liegt die natürliche Altersgrenze etwa bei 800 Jahren. Auch die Lebensräume von Höhlenbewohnern wie Fledermäusen, Spechten und Dohlen, Käfern und Pilzen können sich auf den Flächen ungestört entwickeln. „In Naturwäldern gehören Wachstum, Zerfall und Regeneration zusammen. Das ist das einzigartige daran“, sagte Habeck.
Die Ausweisung der neuen Flächen ist über Erlasse geregelt. Sie ist mit den Landesforsten und der Stiftung Naturschutz abgestimmt; auch die Naturschutzverbände wurden beteiligt. „Dank der guten Kooperation aller konnten wir gemeinsam diese große neue Schutzkulisse schaffen. Dieser konstruktive Prozess ist eine große Leistung“, sagte Habeck. Der Naturwald soll voraussichtlich noch im Rahmen einer Änderung des Landeswaldgesetzes rechtlich gesichert werden; dies ist im Zusammenhang mit der Novellierung des Landesnaturschutzgesetzes geplant.
Hintergrund
Zum „öffentlichen Wald“ wird der Staatswald (Bund und Land sowie Stiftung
Naturschutz) und der Körperschaftswald (Kreise und Kommunen sowie Zweckverband Schaalsee-Landschaft) gerechnet. In Naturwäldern ist die Bewirtschaftung nicht zulässig mit Ausnahme von Pflegemaßnahmen, die genehmigt werden müssen. Das Jagdrecht darf aber ausgeübt werden. Auch Maßnahmen zur Verkehrssicherung sind grundsätzlich zulässig sowie bestimmte Maßnahme zur Unterhaltung von Gewässern.
Die Naturwaldflächen bei den Schleswig-Holsteinische Landesforsten und der Stiftung Naturschutz bestehen aus mehr als 800 Teilflächen zwischen über 200 Hektar und unter 1 Hektar. Die größten zusammenhängenden Naturwaldflächen sind:
Hahnheide Ostteil bei Trittau mit 210 Hektar Stodthagen (Stiftung Naturschutz) im Dänischen Wohld 120 Hektar Pugum /Friedeholz zwischen Flensburg und Glücksburg mit 107 Hektar Luhnstedt, Oster-Ohrstedtholz westlich von Nortorf 102 Hektar
Aber auch wertvolle Kleinflächen wurden einbezogen, vor allem die einer Bewirtschaftung kaum zugänglichen Bachschluchten. Sie gelten daher als Flächen mit einer für Schleswig-Holstein ungewöhnlichen, nahezu ungestörten
Habitat- und Strukturtradition, beispielsweise die Schluchten östlich des Ukleisees und die bewaldeten Hänge an Barnitz, Beste und Dalbek.
Die Naturwälder werden auch einen Beitrag zur Sicherung des europäischen Netzes Natura 2000 leisten: 3584 ha liegen in gemeldeten FFH-Gebieten mit dem Ziel, prioritäre Lebensraumtypen der Au-,Hang- und Moorwälder, aber auch Eichen-Hainbuchenwälder, bodensaure und Waldmeister-Buchenwälder zu erhalten bzw. den Erhaltungszustand zu verbessern. Die Gebietsauswahl berücksichtigt dabei auch Vorschläge bestehender Managementpläne. 1534 Hektar liegen in EU-Vogelschutzgebieten In vorhandenen NSG liegen 920 Hektar.

08.10.2014, Leibniz-Institut für Nutzierbiologie (FBN)
Der Ostseeschnäpel vor dem Comeback
Dummerstorfer Nachwuchsforscher legen erste grundlegende molekularbiologische Analyse des Edelfisches vor
Die Nachwuchsforschergruppe „Fischgenetik“ am Leibniz-Institut für Nutztierbiologie hat im Rahmen des Projektes „Biotechnologische Analysen zum Nachweis der Eignung des Ostseeschnäpels für eine nachhaltige regionale Aquakultur“ unter Leitung von Dr. Alexander Rebl erstmals eine kompakte molekularbiologische Analyse des Ostseeschnäpels, auch Steinlachs oder Große Maräne genannt, vorgelegt.
„Der Fisch ist hervorragend für die heimische Aquakultur geeignet. Einem Comeback des schmackhaften und gesunden Edelfisches steht nichts im Wege“, sagte Dr. Alexander Rebl. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gehörte der Ostseeschnäpel zu den beliebtesten Fischen der gehobenen Gastronomie, insbesondere in Frankreich. Das Landwirtschaftsministerium MV hat das Projekt mit 650.000 Euro gefördert.
Das Dummerstorfer Forschungsinstitut wurde in enger Kooperation mit der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV in Rostock (LFA) beauftragt, die genetischen, molekularbiologischen und immunologischen Parameter des Ostseeschnäpels zu untersuchen. Bislang lagen dazu kaum Erkenntnisse vor. „Wie reagieren die Fische auf Stress, unterschiedliche Besatzdichte in den Gewässern, was hält sie vital und gesund und welche erblichen Grundlagen wirken sich auf die Zucht aus? Das sind nur einige von vielen Aspekten für eine erfolgreiche und vor allem wirtschaftliche Aquakultur“, so der Biologe. Das Ziel ist ein stabiler und reproduzierbarer Produktionszyklus für die Schnäpelaufzucht.
Fast von der Bildfläche verschwunden
Der Ostseeschnäpel stand durch die Verschmutzung der Randgebiete der Ostsee, wie Oderhaff und Boddengewässer, in den 70er und 80er Jahren kurz vor dem Aussterben und konnte sich durch von Bund und Land geförderte Nachzuchtprogramme erst in den letzten Jahren wieder etwas erholen. Der früher in der Vorpommerschen Boddenküste üppig vorhandene Ostseeschnäpel ist jedoch trotz wiederholter Auswilderungen stark gefährdet, da viele der natürlichen Laichgebiete nicht mehr existieren. Ein glücklicher Umstand kommt dem schmackhaften Ostseefisch jedoch zugute. Er kann auch im Süßwasser leben und gezüchtet werden.
Die Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt sich seit einiger Zeit erfolgreich mit der technologischen Entwicklung der ersten Aquakulturanlage des Ostseeschnäpels in den Aufzuchtteichen in Friedrichsruhe/Frauenmark im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Die Ostseeschnäpelzucht der dortigen BiMES – Binnenfischerei GmbH aus Leezen ist die Grundlage für die wissenschaftlichen Untersuchungen (bimes.de). Alle Versuche zu Haltungsbedingungen von Zuchtschnäpeln finden in der Versuchsstation Born der LFA statt, während die molekularbiologischen Analysen in den Laboren des FBN erfolgen. Weitere Standorte für das vom Land MV geförderte Aufzuchtprogramm für bis zu 1,5 Mio. Schnäpel befinden sich in Boek und Hohen Wangelin im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.
„Letzten Endes dienen die Ergebnisse beider Projekte der Etablierung standortgerechter Schnäpelzuchtlinien, die sich durch genetisch manifestierte Vorteile in produktionsrelevanten Merkmalen gegenüber Vergleichslinien auszeichnen sollen. Das ist die Voraussetzung für die wirtschaftlich ertragreiche Erzeugung hochwertiger Fischprodukte in M-V“, unterstrich Rebl. Darüber hinaus werden zur Stärkung der natürlichen Population an der südlichen Ostsee vor Usedom weiterhin Schnäpel für die Auswilderung gezüchtet.
„Sensibler“ als die Regenbogenforelle
Für die ersten Testreihen wurden noch Wildfische verwendet. Die aktuellen Experimente werden an Zuchtfischen unter standardisierten Bedingungen durchgeführt. Molekulargenetische Vergleiche mit regional frei lebenden Schnäpeln sollen aber auch künftig vorgenommen werden. „Damit können wir genetische Veränderungen der Aquakulturfische zum Wildfisch charakterisieren und Zuchtfortschritte besser einschätzen“, erläuterte der Wissenschaftler.
Es gibt bisher nur wenige aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zur Biologie, Reproduktion, Aufzucht und Haltung des Ostseeschnäpels. Auch zum Einfluss äußerer Stressfaktoren wie Räuber, Klima und Krankheiten, die wichtige Produktionsmerkmale der Fische negativ beeinträchtigen können, gibt es kaum Analysen. Während die Landesforschungsanstalt sehr praxisnah Parameter wie das Verlustgeschehen oder Tiergröße und Schlachtgewicht erfasst und in Beziehung zu Störgrößen setzt, konzentrieren sich die wissenschaftlichen Studien am FBN vor allem auf molekularbiologische Prozesse in den Zellen der Schnäpel, die eine Minimierung von Größe und Schlachtgewicht hervorrufen könnten. Darüber hinaus geht es um wirksame Mittel, um Keime abzuwehren und das Immunsystem der Tiere zu stärken, die Entwicklung von Impfstoffen und einfache Geschlechtertests für die Speisefischproduktion.
Ein wichtiger Schwerpunkt liegt in der Entschlüsselung der Erbinformation des Schnäpels als Basis für tiefergehende Untersuchungen. Ausgehend von den Daten der Stressversuche werden beispielsweise Gene gesucht, welche bei erhöhter Haltungsdichte besonders stark aktiviert werden. Diese sogenannten „Markergene“ könnten letztendlich die Grundlage für ein schnelles Testsystem sein, das anzeigt, wie es um das Wohlbefinden von Zuchtfischen steht, ob möglicherweise Krankheiten oder zu hohe Besatzungsdichten vorliegen.
„Das Projekt läuft noch ein weiteres Jahr. Bisher zeigen unsere molekularbiologischen Untersuchungen und die Beobachtungen der LFA, dass Schnäpel zwar hervorragend zur Aquakultur geeignet sind, aber noch empfindlicher auf sich ändernde Umweltbedingungen reagieren als die bereits gut erforschten Regenbogenforellen. Obwohl beide Arten zur Familie der Lachsfische gehören, müssen die Umstände der Haltung entsprechend angepasst werden, um optimale Produktionserfolge zu erzielen“, zog der Projektleiter ein erstes Fazit.
Nachwuchsgruppen forschen zu Spitzenthemen
Die eigenständig arbeitenden und forschenden Nachwuchsgruppen am FBN sind besonders für junge Wissenschaftler sehr attraktiv. Die erste Nachwuchsgruppe der Abteilung „Fischgenomik“ startete vor fünf Jahren mit Untersuchungen zu „Mechanismen der Krankheitsabwehr bei Aquakulturfischen“. Zur Nachwuchsgruppe von Dr. Alexander Rebl (35), die später auch das Schnäpel-Projekt initiierte, gehörten Dr. Simone Altmann, Dr. Judith Köbis und die Biologin Mareen Nipkow und Franziska Kuntke. Betreut wurde die Gruppe von PD Dr. Tom Goldammer als Mentor.
Den Leitern der bisher acht exzellent ausgestatteten Nachwuchsgruppen (NG) am FBN werden weitere junge Wissenschaftler sowie zusätzliche Gelder für Sachmittel zur Verfügung gestellt und eine langfristige Perspektive am Institut ermöglicht. Aktuell gibt es fünf neue Arbeitsgruppen zu international bedeutsamen Spitzenthemen am FBN, die alle von jungen Forscherinnen geleitet werden (NG Genomische Datenanalyse, Dr. Dörte Wittenburg, NG Affektives Verhalten, Dr. Sandra Düpjan, NG Pathogen- und Zelltyp-spezifische Immunabwehr beim Wiederkäuer, Dr. Juliane Günther, NG Phänotypisierung des Tierwohls, Dr. Silke Trißl, NG Zellulärer Lipidmetabolismus, Dr. Beate Hiller).
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 86 selbständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an.
Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen, u. a. in Form der Wissenschaftscampi, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 16.500 Personen, darunter 7.700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,4 Milliarden Euro.

09.10.2014, Leibniz-Gemeinschaft
Neues Leibniz-Journal „Der Wert der Vielfalt“
Wie Wissenschaftler Biodiversität erforschen und bewahren
Unter dem Titel „Der Wert der Vielfalt“ widmet sich das neue Leibniz-Journal der Biodiversität und ihrer Bedeutung für Mensch und Natur.
Vielfältige Ökosysteme und Artengemeinschaften liefern uns Nahrung, heilende Wirkstoffe und Trinkwasser. Zudem dämpfen sie die Auswirkungen des Klimawandels. Dennoch bedroht ausgerechnet der Mensch die Biodiversität mehr als jede Naturkatastrophe.
Ohne tiefgreifende Gegenmaßnahmen, warnt der Biologie-Professor Klement Tockner, könnte bis Ende des Jahrhunderts die Hälfte der zehn bis 20 Millionen Arten der Erde aussterben. Der Direktor des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei bezeichnet die Rettung der Vielfalt als eine der „wichtigsten globalen Herausforderungen der Menschheit“. Und fordert: „Der Erhalt der biologischen Vielfalt muss gleichberechtigt neben der Nutzung unserer Ökosysteme durch den Menschen stehen.“
Um dem Schwinden der Arten begegnen zu können, ist zunächst deren exakte Kenntnis erforderlich: Taxonomen erfassen und erforschen sie deshalb mit modernen genanalytischen Verfahren und ordnen sie systematisch. Andere Wissenschaftler widmen sich dem Erhalt der Vielfalt ganz unmittelbar: In riesigen Genbanken konservieren sie bedrohte Pflanzensorten und sichern so die Ernährung künftiger Generationen. Dass verlorene Arten in seltenen Fällen zurückkehren können, zeigt das Beispiel des Störs: In Deutschland gilt der Fisch seit 1968 als ausgestorben. Ein ehrgeiziges Wiederansiedlungsprogramm verspricht ihm eine Zukunft in hiesigen Gewässern.
Ferner im Themenschwerpunkt „Der Wert der Vielfalt“:
• Die Bürgerforscher Unter dem Schlagwort „Citizen Science“ modernisieren Laien die Forschungslandschaft.
• Hitzekoller und Atemnot Steigende Wassertemperaturen und Sauerstoffmangel bedrohen die Artenvielfalt in Nord- und Ostsee.
Außerdem im neuen Leibniz-Journal:
• Nur so ein Vorschlag… Die neue Kolumne des Leibniz-Präsidenten Matthias Kleiner.
• „Der DDR-Fußball war nicht sozialistisch“ Die Historikerin Jutta Braun im Interview.
• Mehr Wasser Wie mit neuen Entsalzungstechnologien Trinkwasser gewonnen wird.
Das Leibniz-Journal erscheint viermal jährlich. Als PDF und als Blätterversion steht es online zur Verfügung: http://www.leibniz-gemeinschaft.de/medien/publikationen/journal/32014. Die Druckversion kann kostenlos abonniert werden: abo@leibniz-gemeinschaft.de

09.10.2014, Forschungsverbund Berlin e.V.
Das Einsetzen von Kannibalen lohnt sich nicht
Das Aussetzen von Junghechten in Gewässer, in denen bereits Artgenossen vorkommen, steigert die Population nicht. Stattdessen drohen unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen wie finanzielle Einbußen, das mögliche Einschleppen von Krankheitserregern oder der Verlust genetischer Vielfalt nach Verpaarung von Satz- und Wildfisch. In Gewässern mit stark beeinträchtigter Vermehrung kann Jungfischbesatz hingegen sehr erfolgreich sein. Erfolg und Misserfolg von Besatz hängen eng vom Grad der natürlichen Konkurrenz um Futter und Unterstände ab.
Das ergab eine neue Studie des Projekts Besatzfisch am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Humboldt-Universität zu Berlin.
Der Hecht (Esox lucius) ist ein faszinierender Raubfisch und beliebte Anglerbeute. Schade nur, dass er nicht sprechen kann, wie der Butt im Märchen „Der Fischer und seine Frau“. Ansonsten hätte Meister Esox Angler und Fischer längst über eine verbreitete Fehlannahme aufklären können: Wenn in einem Gewässer bereits eine Hechtpopulation lebt, die sich natürlicherweise fortpflanzt, egal auf welchem Niveau, kann der Bestand durch das Einbringen zusätzlicher Hechtjünglinge nicht nachhaltig erhöht werden. Obwohl diesbezügliche Befürchtungen mehrfach von Fachexperten artikuliert wurden, ist das Einsetzen von jungen Hechten, Zandern und anderen kannibalistischen Raubfischarten immer noch weit verbreitet. Die Gewässerverantwortlichen – in Deutschland meist Angelvereine – versuchen so, rückgehende Bestände zu stabilisieren oder zu erhöhen. Forscher des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Projekts Besatzfisch haben es sich zur Aufgabe gemacht, Besatzmaßnahmen mit beliebten Raubfischen auf ihren Erfolg und potentielle Risiken zu überprüfen. Die Nachwuchsforscher um den Doktoranden Daniel Hühn und den Studienleiter Prof. Dr. Robert Arlinghaus untersuchten nun erstmalig in einer umfangreichen Teichstudie praxisübliche Hechtbrutbesatzmaßnahmen. Die Arbeiten fanden in Kooperation mit einem großen Angelverein (Bezirksfischereiverband für Ostfriesland) und einem Berufsfischer (Fischerei Endjer) in Emden statt.
Klein aber oho!
Die kannibalistische Eigenschaft des Hechts erklärt das Studienergebnis. Bereits als Jungfisch macht der Hecht nicht vor seinen eigenen Artgenossen halt. Bereits ab einer Köperlänge von etwa 3 bis 5 cm beginnen die Minihechte, ihre kleineren Artgenossen zu jagen. Werden in ein Gewässer mit schon vorhandenem Hechtnachwuchs künstliche aufgezogene Brütlinge hinzugefügt, steigt die Hechtdichte. Versteckmöglichkeiten werden somit rarer, während die Wahrscheinlichkeit, von Artgenossen gefressen zu werden, steigt. Die nun im Fachjournal Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences publizierte Studie zeigt, dass wegen des rasch einsetzenden Kannibalismus die Anzahl der Junghechte durch Besatz nur kurzfristig erhöht werden kann. Bereits drei Monate nach dem Besatz geht der künstlich erhöhte Hechtjungfischbestand wieder auf ein natürliches Niveau zurück. Ähnliche Ergebnisse sind bei vielen anderen Raubfischen wie Zander und Bachforelle zu erwarten, auch wenn bei diesen Arten der Kannibalismus später einsetzt als beim Hecht. Unabhängig vom Kannibalismus kann schon die Konkurrenz um Nahrung und Versteckplätze zur Selbstregulation der Population auf das Ausgangsniveau beitragen.
Wer macht beim Wettbewerb ums Überleben das Rennen?
Bei der Frage, wer sich eher durchsetzt – der natürlich entstandene Nachwuchs oder künstlich aufgezogene Besatzhechte – konnten die Fischereibiologen den Nachkommen der ursprünglichen Population einen klaren Heimvorteil nachweisen. Die besetzten Junghechte wuchsen und überlebten in der Konkurrenzsituation deutlich schlechter als die Wildhechte. Die Frage bleibt offen, ob dieser Überlebensnachteil durch die unnatürlichen Umstände während der Aufzucht in der Fischzucht entstanden ist. Auch die Umschiffung der natürlichen Partnerwahl bei der künstlichen Vermehrung der Laichhechte zur Produktion der Satzhechte könnte ihren Beitrag zum geringeren Überleben nach dem Aussetzen geleistet haben. Fakt ist: Junghechte aus der Fischzucht sind natürlich geschlüpften Tieren in der Konkurrenz um Nahrung unterlegen, selbst wenn die Elterntiere aus der gleichen Population stammen und auch dann, wenn der Aufenthalt in der Fischzucht auf wenige Wochen begrenzt wird.
Ein risikoreiches Geschäft
Trotzdem schafften es einige der ausgesetzten Junghechte, in den Bestand hineinzuwachsen und sich dort zu etablieren. Das heißt: Nach Besatz sind in dem Gewässer zwar nicht unbedingt mehr Hechte, aber es finden sich dort heimische und besetzte Tiere. Naturschützer sehen hier Risiken. So besteht die Möglichkeit, dass sich abhängig von der Herkunft des Besatzmaterials gebietsfremde Gene über den Besatz in natürlichen Beständen etablieren und über Kreuzungen zwischen Satz- und Wildfisch zum Verlust genetischer Vielfalt führen. Außerdem läuft jeder Bewirtschafter Gefahr, sich über Besatz Krankheiten in das Gewässer einzuschleppen. Nicht zuletzt entstehen vermeidbare Kosten durch den Erwerb der Satzfische, ohne dass sich die Investition zwangsläufig in höheren Fängen ausdrückt.
Kann Hechtbesatz trotzdem sinnvoll sein?
In Gewässern mit stark eingeschränkter oder gar ausbleibender natürlicher Vermehrung der Hechte kann Brutbesatz aber durchaus erfolgreich sein. Besatz kann sich also lohnen, auch mit Kannibalen, nur darf es keine ausgeprägte Konkurrenz mit Wildfischen geben. Insofern sind künftige Hechtbesatzmaßnahmen mit Hechtbrut auf ganz bestimmte Gewässer ohne Bestände natürlicher Hechte zu beschränken. Solche Gewässer sind dann zu erwarten, wenn Laich- und Jungfischlebensräume aufgrund von Gewässerausbau und Nährstoffeintrag verloren gegangen sind. In allen anderen Fällen kann künftig guten Gewissens auf den natürlichen Hechtbestand vertraut werden.
Quelle
Hühn, D., Lübke, K. Skov, C., Arlinghaus, R. (2014): Natural recruitment, density-dependent juvenile survival, and the potential for additive effects of stock enhancement: an experimental evaluation of stocking northern pike (Esox lucius) fry. Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences, 71: 1508-1519.

<em<09.10.2014,Universität Basel
Die Eiflecken der Buntbarsche: Wie in der Evolution neue Merkmale entstehen
Die Entstehung von komplett neuen Merkmalen mit neuen Funktionen stellt die Evolutionsbiologie seit jeher vor ein Rätsel. Basler Forscher konnten nun an einem Farbmerkmal von Buntbarschen – den Eiflecken – zeigen, was die Entstehung dieser evolutionären Innovation ausgelöst hat: nämlich ein mobiles genetisches Element im Schaltbereich eines Farb-Gens. Ihre Arbeit wird in der aktuellen Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins «Nature Communications» vorgestellt.
Biologische Evolution beruht im Allgemeinen auf der allmählichen Veränderung von Merkmalen durch natürliche oder sexuelle Selektion. Immer wieder werden jedoch komplexe Merkmale mit neuen Funktionen gebildet wie etwa Insektenflügel, Federn oder die Plazenta. Die Entstehung solcher evolutionärer Innovationen lässt sich oft nur schwer mit der schrittweisen Modifikation bereits bestehender Merkmale erklären. Es ist ausserdem weitgehend unbekannt, welche Veränderungen im Erbgut zu evolutionären Neuerungen führen.
Einem Team von Basler Forschern um Prof. Walter Salzburger vom Fachbereich Zoologie und Prof. Markus Affolter vom Biozentrum ist es nun gelungen, die genetischen und entwicklungsbiologischen Grundlagen einer evolutionären Innovation bei den afrikanischen Buntbarschen aufzuklären. Die Männchen von über 1500 Arten besitzen ein auffälliges Farbmuster auf der Analflosse – sogenannte Eiflecken –, die eine zentrale Rolle beim Befruchtungsvorgang dieser maulbrütenden Fische spielen. Das Weibchen nimmt die Eier nämlich direkt nach der Eiablage in ihr Maul, bevor sie ein Männchen befruchtet. Dieses präsentiert nun seine auffällig gefärbten Ei-Attrappen, worauf das Weibchen mit Aufschnappen reagiert – und erst jetzt kommt es zur Befruchtung der Eier im Maul des Weibchens.
Die Rolle der «springenden Gene»
Die Basler Biologen konnten nun zeigen, dass die Entstehung der Eiflecken mit der Einlagerung eines mobilen genetischen Elements – eines «springenden Gens» – in der regulatorischen Region eines neu entdeckten Farb-Gens gekoppelt ist. Solche mobile Elemente sind kurze DNA-Abschnitte, die ihre Position im Erbgut verändern und unter anderem die Regulation von andern Genen beeinflussen können. Die Forscher kamen dieser Erbgutveränderung durch eine eingehende Analyse des Erbguts von fünf Buntbarscharten auf die Spur, von deren Entschlüsselung ein internationales Konsortium – unter Beteiligung der Basler Zoologen – kürzlich im Wissenschaftsmagazin «Nature» berichtete.
Im Fall der Eiflecken der Buntbarsche führt die Präsenz des «springenden Gens» vor einem Farb-Gen mit der Bezeichnung fhl2b zu einer Veränderung der Gen-Expression in Pigmentzellen und somit zur Ausbildung des Eifleckenmusters auf der männlichen Analflosse. Zu diesem Schluss kamen die Forscher, nachdem sie jenen Bereich des Buntbarsch-Erbguts, der das mobile genetische Element enthält, in Zebrafisch-Embryonen eingeschleust hatten. Tatsächlich konnten sie in einer speziellen Gruppe von Pigmentzellen eine entsprechende Expression feststellen. «Einmal mehr zeigen diese Ergebnisse, welch eine wichtige Rolle die Veränderung der Gen-Expression in der Evolution spielt», kommentiert Prof. Walter Salzburger die Befunde.
Originalbeiträge
M. Emilia Santos, Ingo Braasch, Nicolas Boileau, Britta S. Meyer, Loic Sauteur, Astrid Böhne, Heinz-Georg Belting, Markus Affolter & Walter Salzburger
The evolution of cichlid fish egg-spots is linked with a cis-regulatory change
Nature Communications 5:5149 (10.1038/ncomms6149)

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