Neues aus Wissenschaft und Natuschutz

12.10.2014, Zentrum für Umweltkommunikation der Deutschen Bundesstiftung
Umwelt ZUK

Biologische Vielfalt in Leipzig hautnah erleben
Die Einzigartigkeit des tropischen Regenwaldes wird den Besuchern der Tropenerlebniswelt „Gondwanaland“ im Leipziger Zoo gezeigt. Im Leipziger Westen kultiviert der Gemeinschaftsgarten „Annalinde“ ökologischen Landbau ebenso wie soziales Miteinander und wechselseitiges Lernen. Beide Projekte machen biologische Vielfalt direkt erlebbar. Für dieses Engagement wurden sie am 10.10.2014 auf der Konferenz der UN-Dekade Biologische Vielfalt in Leipzig von der Moderatorin Shary Reeves als UN-Dekade-Projekte Biologische Vielfalt ausgezeichnet.
Die Tropenerlebniswelt „Gondwanaland“ des Leipziger Zoos ist eine der größten Tropenhallen Europas. Sie beherbergt etwa 90 Tier- und 500 Pflanzenarten aus den Regenwäldern Asiens, Afrikas und Südamerikas. Mit unterschiedlichsten Medien lässt das eigens für das „Gondwanaland“ entwickelte Bildungskonzept Erwachsene und Kinder den Wert der biologischen Vielfalt der Regenwälder entdecken: Neben 30 interaktiven Lernstationen, kann das Gondwanaland auch auf einer Tour zum Erwerb des Regenwaldpasses oder auf einer Bootsfahrt mit einer Zeitreise durch die Erdgeschichte erkundet werden. Dieser Einsatz wurde nun mit der Auszeichnung zum UN-Dekade-Projekt Biologische Vielfalt belohnt. Auf der zweiten Konferenz der UN-Dekade Biologische Vielfalt überreichte UN-Dekade-Botschafterin und Moderatorin des
Wissensmagazins „Wissen macht Ah!“ Shary Reeves symbolisch einen Vielfalt-Baum an den Zoodirektor Prof. Dr. Jörg Junhold und freute sich mit dem Projekt: „Es ist wunderbar zu erleben, wie der Zoo Leipzig auf den Erhalt der biologischen Vielfalt in den Tropen aufmerksam macht. Die kleinen und großen Besucher können Tiere und Pflanzen hautnah erleben. Gleichzeitig lernen sie, wie schützenswert dieser Lebensraum ist und was sie selbst tun können, um dieses einzigartige Ökosystem zu erhalten.“
Auch das Urban-Gardening-Projekt „Annalinde“ erhielt auf der UN-Dekade-Konferenz die Auszeichnung als UN-Dekade-Projekt Biologische Vielfalt. Der Gemeinschaftsgarten betreibt urbane Landwirtschaft nach ökologischen Maßstäben im Leipziger Westen. In einer wiederbelebten Gärtnerei und in mobilen Hochbeeten aus recycelten Paletten, in Reissäcken oder in Tetra-Paks werden Pflanzen angebaut. Auf chemische Düngemittel wird verzichtet und sortengerechtes Saatgut verwendet. Dabei packen alle mit an – Kinder,
Jugendliche, Erwachsene, passionierte Gärtner und Nachbarn schaffen so gemeinsam einen Ort urbanen Lebens und eine Oase der biologischen Vielfalt. Das Obst und Gemüse wird nicht nur zusammen gesät, gepflanzt und geerntet, sondern auch im Café vor Ort verarbeitet und konserviert. UN-Dekade-Botschafterin Shary Reeves freut sich mit dem Projekt über die Auszeichnung: „Das Projekt Annalinde zeigt, wie wichtig Gärten für Menschen und ihre Städte sind. Besonders beeindruckend ist die Vielzahl der Angebote, die der Garten bietet. Die Menschen haben Spaß und finden dort Ausgleich zu ihrem oft
stressigen Alltag. Gleichzeitig lernen sie etwas über die Natur, die Vielfalt und vielleicht auch über sich selbst. Ein tolles Projekt, das als gutes Beispiel auch für andere Städte dient.“
Die UN-Dekade Biologische Vielfalt 2011-2020 ist ein Programm der Vereinten Nationen mit dem Ziel, das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der biologischen Vielfalt zu fördern. Eine Methode, dieses Ziel in Deutschland zu erreichen, ist der UN-Dekade-Wettbewerb. Dabei werden ausgewählte Projekte ausgezeichnet, die sich in vorbildlicher Weise für die Erhaltung der biologischen Vielfalt einsetzen. Die beiden Auszeichnungen der Leipziger Projekte fanden im Rahmen der zweiten UN-Dekade-Konferenz im Kubus des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung statt. Die dritte Konferenz des Jahres 2014 wird es im November in Stuttgart geben. Wer sich für nachhaltigen Konsum interessiert und mehr über Sponsoring-Partnerschaften, Umweltethik und Kampagnenarbeit erfahren möchte oder sich einfach inspirieren und mit Akteuren und Akteurinnen auf verschiedensten Fachbereichen vernetzen will, kann sich hier kostenlos für die Teilnahme an der Stuttgarter Veranstaltung anmelden.
Das Schwerpunktthema der deutschen UN-Dekade für die Jahre 2013 und 2014 lautet „Vielfalt nutzen – die Angebote der Natur“. Dabei geht es um die nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Ressourcen. Ob im Gemeinschaftsgarten oder in der Tropenerlebniswelt des Zoos, beide Projekte zeigen, wie nachhaltiger Konsum gelingen und biologische Vielfalt für jedermann erlebbar gemacht werden kann.
Die Bewerbung als UN-Dekade-Projekt ist online über die UN-Dekade-Webseite http://www.un-dekade-biologische-vielfalt.de/2210.html möglich. Eine Einsendung ist fortlaufend möglich.

13.10.2014, Universität Basel
Basler Forscher erklären die Evolution extremer Parasiten
Extreme Anpassungen von Lebewesen gehen oft mit so starken Veränderungen einher, dass der Ablauf der Evolution schwierig zu rekonstruieren ist. Zoologen der Universität Basel beschreiben nun eine neue Parasitenart, die ein Bindeglied zwischen Pilzen und extremen Parasiten bildet. Damit lässt sich erstmals die Evolution dieser Krankheitserreger von Menschen und Tieren verstehen. Die Arbeit wird in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins «Proceedings of the National Academy of Sciences» (PNAS) vorgestellt.
Parasiten bedienen sich bei ihren Wirtsorganismen, um sich ihr eigenes Leben zu vereinfachen. Dazu entwickeln sie Merkmale, die so extrem sind, dass man sie oft mit keinen anderen Lebewesen vergleichen kann. Wie diese speziellen Anpassungen zustande kamen, ist oft nicht mehr nachzuvollziehen. Die Forschungsgruppe um Prof. Dieter Ebert am Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel hat nun ein «Missing Link» entdeckt, mit dem sich die Evolution einer grossen Gruppe extremer Parasiten, der Microsporidien, erklären lässt. Unterstützt wurden sie dabei von Wissenschaftlern aus Schweden und den USA.
Microsporidien sind eine grosse Gruppe von extremen Parasiten, die Menschen und Tiere befallen und in Gesundheitswesen und Landwirtschaft hohe Kosten verursachen; über 1200 Arten von ihnen sind bekannt. Sie leben in den Zellen ihrer Wirte und besitzen hochspezialisierte Anpassungen: Sie können sich nur innerhalb der Wirtszelle reproduzieren, haben die kleinsten bekannten Genome aller Organismen mit Zellkernen (Eukaryoten) und besitzen keine eigenen Mitochondrien (Kraftwerke der Zellen). Zudem haben sie einen harpunenartigen Infektionsapparat, mit dem sie sich in Wirtszellen hineinschiessen können. Wegen ihrer sensationell hohen molekularen Evolutionsraten waren Analysen ihres Erbmaterials bisher wenig erfolgreich: Die grosse Divergenz ihrer Gene von allen anderen bekannten Organismen erschwerte es, ihre Abstammung zu verstehen.
Zwischen Pilz und Parasit
Die Zoologen um Prof. Dieter Ebert erforschen seit Jahren die Evolution von Microsporidien. Als sie vor einigen Jahren einen neuen Parasiten von Wasserflöhen entdeckten, klassifizierten sie die bisher unbeschriebene Art als ein Microsporidum, vor allem deshalb, weil es den harpunenartigen Infektionsapparat besitzt, der als Schlüsselerfindung der Microsporidien gilt. Die Analyse des gesamten Genoms brachte dann einige Überraschungen zutage: Das Erbgut gleicht mehr dem eines Pilzes als dem eines Microsporidiums und besitzt zudem ein Mitochondriales Genom. Bei der neuen Art, die Mitosporidium daphniae benannt wurde, handelt sich damit um ein Bindeglied zwischen Pilzen und Microsporidien.
Mit der Hilfe von Kollegen aus Schweden und den USA rollten die Basler Forscher die Evolution von Microsporidien neu auf. Zunächst zeigten sie, dass sich die neue Art von Vorfahren aller Microsporidien ableitet und sich den ursprünglichen Pilzen zuordnen lassen; damit ist ihr genauer Platz im Stammbaum des Lebens endlich gefunden. Weitere Untersuchungen bestätigten, dass die neue Art tatsächlich eine microsporidien-typische, intrazelluläre und parasitische Lebensweise hat, dass aber ihr Genom sehr untypisch für ein Microsporidium ist. Es gleicht vielmehr den gemeinsamen Vorfahren mit den Pilzen.
Veränderungen am Erbgut
Die Wissenschaftler schliessen daraus, dass die Microsporidien zuerst eine parasitische, intrazelluläre Lebensweise entwickelten und dass sich erst später ihr Genom stark verändert hat. Diese Veränderungen am Erbgut schliessen den Verlust der Mitochondrien und die Vereinfachung des Energiestoffwechsels ein, ebenso wie die extreme Kompaktierung des Genoms. «Unsere Arbeiten sind nicht nur ein Meilenstein in der Erforschung von Microsporidien, sondern von grossem Interesse für die Erforschung von parasitenspezifischen Anpassungen in der Evolution im Allgemeinen», erläutert Ebert die Befunde.
Originalbeitrag
Haag, K.L., James, T.Y., Pombert, J.-F., Larsson, R., Schaer, T.M.M., Refardt, D. & Ebert, D. 2014.
Evolution of a morphological novelty occurred before genome compaction in a lineage of extreme parasites
Proceedings of the National Academy of Sciences, USA, 13. Oktober 2014) www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1410442111

14.10.2014, Forschungsverbund Berlin e.V.
Großer Fischzug im „DNA-Teich“
Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) um Alex Greenwood publizieren in PLOS ONE einen simplen Weg, um das Erbgut einer Lebensform aus dem Gemisch von Genomen mehrerer Organismen herauszuangeln.
Welcher Virus plagt den Elefanten? Welcher Bakterien-Typ löst schwere Lungenerkrankungen bei Europäischen Feldhasen aus? Molekularbiologische Analysen von Gewebeproben stellen Forscher immer wieder vor das gleiche Problem: Wie fischt man gezielt nur das Genom eines Krankheitserregers aus dem Erbgut-Gemisch des Patienten und seiner mikrobiellen Mitbewohner? „Sehr einfach“, sagt Alex Greenwood vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. „Wir bieten dem aufbereiteten DNA-Gemisch eine kurze einzelsträngige Basensequenz quasi als Wurm an. Darauf ‘beißt‘ nicht nur die komplementäre Sequenz an, sondern nach und nach viele weitere angrenzende Abschnitte.“ Es bedarf nicht einmal einer neuen Methode dafür. Die sogenannte „Hybridisation Capture Technik“ bietet bereits alles, was nötig ist. Lediglich auf die anschließende Datenanalyse kommt es an.
Durch Zufall entdeckte Greenwoods Doktorand Kyriakos Tsangaras den zusätzlichen Nutzen von Hybridisation Capture. Diese Technologie basiert auf winzigen magnetischen Kügelchen, an die kurze zielspezifische Sequenzen von wenigen Basenpaaren (Oligonucleotide) gebunden werden. Werden die so bestückten Kügelchen nun in einen Proben-Mix aus einzelsträngigen DNA-Fragmenten gegeben, docken nur die gesuchten komplementären Sequenzen an und kurze doppelsträngige DNA-Abschnitte entstehen. Mit einem Magneten werden die Kügelchen nun wieder aus der Probe gezogen und nicht angedockte Fragmente abgespült. Dann werden die kurzen Doppelstränge von den Magneto Beads gelöst und sequenziert.
Tsangaras wollte eigentlich nur eine bestimmte Sequenz der in Mitochondrien enthaltenen DNA verschiedener südostasiatischer Nagetiere vergleichen. Dafür setzte er eine rund tausend Basenpaare lange Sequenz zum Einfangen (Capturing) von DNA ein. „Ja, wir haben die Sequenz“, berichtete er anschließend Greenwood. „Aber noch sehr viel mehr!“
Die Analyse der Sequenzen und der Abgleich mit Referenzdaten ergab, dass er das komplette Mitochondrien-Genom eines Nagers aus dem „DNA-Teich“ gefischt hatte. Das ergibt überhaupt keinen Sinn, war Greenwoods erster Gedanke. Kontrollversuche brachten jedoch das gleiche verblüffende Ergebnis. Greenwood bat Tom Gilbert vom Center of GeoGenetics in Kopenhagen bei der Analyse des Phänomens um Mithilfe. Verschiedene Theorien wurden aufgestellt und wieder verworfen. Übrig blieb das Naheliegenste – es musste eine Kettenreaktion gegeben haben.
„Bildlich gesprochen biss zuerst der gesuchte Fisch an – die komplementäre Oligonucleotidsequenz dockte an. Dann biss ihm ein zweiter quasi in den Schwanz, diesem ein dritter und so weiter.“ In der Probe hatte es vor der Aufbereitung einmal intakte Doppelhelices gegeben, die nun in Fragmenten mit unterschiedlichen Längen vorlag. Da einzelsträngige DNA die Fähigkeit hat, sich spontan mit dem komplementären Strang zu verbinden, passierte einfach folgendes: Nachdem das komplementäre Fragment aus Strang A an den „Köder“ gebunden hatte, heftete sich nun das angrenzende Gegenstück aus Strang B an das heraushängende Ende. Daran wieder eines von A, dann von B, von A… und so weiter.
Das ist so simpel und im Grunde schon Schulbuchwissen: Warum hat das zuvor niemand beobachtet? „Wer nur Tausend Basenpaare sucht, schaut meist nur nach, ob er sie gefunden hat. Alles was außerdem entsteht, wird meist als Schrott abgetan“, sagt Greenwood. „CapFlank“ nannten die Autoren diesen „Beifang“-Prozess, bei dem ein einzelnes DNA-Fragment in einer Kettenreaktion überlappende benachbarte Sequenzen einfängt. Mit einem ganz kleinen Fragment lässt sich also sehr viel genetische Information gewinnen.
CapFlank eröffnet ganz neue Möglichkeiten, zum Beispiel bei der genetischen Analyse von Krankheitserregern. „Wir können kurze konservierte Gensequenzen nutzen, um das Genom (oder zumindest große Teile) von krankheitserregenden (Pathogenen)-Varianten, etwa von Influenzaviren, oder ganz neuen Erregern zu gewinnen“, erklärt Greenwood. Sein Team will nun zunächst nach einfachen und gut-beschriebenen DNA-Viren wie dem Elefanten-Herpes-Virus angeln.
Selbst für stark fragmentierte alte DNA, etwa aus Knochen von Museumstieren, die häufig von Mikroben- und menschlicher Erbsubstanz stark verunreinigt ist, eignet sich die Methode, wie Greenwoods Mitarbeiter an Proben ausgestopfter Museumskoalas zeigen konnten. Am besten funktioniert CapFlank allerdings bei frischer DNA. Von dem Darmbakterium Escherichia coli aus einer menschlichen Urinprobe fischten die Forscher 90 Prozent des Genoms am Stück heraus.
Publikation:
Tsangaras K, Wales N, Sicheritz-Pontén T, Rasmussen S, Michaux J, Ishida Y, Morand S, Kampmann M, Gilbert MTP, Greenwood AD (2014): Hybridization capture using short PCR products enriches small genomes by capturing flanking sequences (CapFlank). PLOS ONE, PONE-D-14-23770R2 10.1371/journal.pone.0109101

14.10.2014, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Bienenforschung: Zweite HOBOS-Station gegründet
Live-Einblicke in und Messwerte aus einem Bienenstock: Das ermöglicht das Würzburger Projekt HOBOS. Jetzt bekommt die Lehr-, Lern- und Forschungsstation Verstärkung. Zusätzliche Bilder liefert demnächst ein neuer Bienenstock in Bad Schwartau.
Die neue HOBOS-Station steht in Bad Schwartau auf dem Firmengelände der Schwartauer Werke. Seit 1899 sind die Schwartauer Werke auf die Herstellung von Fruchtprodukten spezialisiert. Der Lebensmittelhersteller setzt sich nun für das drittwichtigste Nutztier des Menschen, die Honigbiene, ein, denn: Ohne Bienen gäbe es keine Früchte und ohne Früchte keine Konfitüre.
Die Bedeutung der Bienen bekannt machen
Mit dem neuen HOBOS-Bienenstock in Norddeutschland wollen die Schwartauer Werke langfristig die Lebenssituation und die Einflussfaktoren auf die Bienengesundheit erforschen. Die Initiative für Bienengesundheit und Fruchtvielfalt der Schwartauer Werke läuft unter dem Namen bee careful.
„Ein wichtiges Ziel unserer langfristig angelegten Initiative bee careful ist es, die Menschen für die Bedeutung der Bienen und die aktuelle Situation ihrer bedrohten Gesundheit zu sensibilisieren“, sagt Sebastian Portius, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung bei den Schwartauer Werken.
Jede Menge Daten aus dem Bienenstock
Über die neue Bienenforschungsstation lassen sich Live-Videos und -Messwerte aus dem Stock erzeugen. Eine Kamera am Stockeingang hält die Ein- und Ausflüge der Honigbienen fest. Dank Infrarotbeleuchtung sind die Bewegungen der Honigbienen auch im Dunkeln sichtbar. Eine ebenfalls mit Infrarot ausgestattete Kamera hält alle Vorgänge im Inneren des Bienenstocks fest und bietet den Nutzern Live-Einblicke in die Zarge. Sensoren der neuen Bienenstation erheben live Daten zur Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Inneren des Bienenstocks, zum Stockgewicht sowie zu den Ein- und Ausflügen pro Minute.
Datenversand via Internet
„Die Daten werden ohne Wertung Dritter direkt im Internet transparent zur Verfügung gestellt – das ermöglicht jedem Interessierten eine eigene Analyse und Interpretation der Daten“, so Jürgen Tautz, Erfinder von HOBOS. Mit der ursprünglichen HOBOS-Station an der Universität Würzburg sind künftig vergleichende Analysen, wie Erkenntnisse über standortabhängige Einflussfaktoren auf die Bienengesundheit, möglich. Der Imker Michael Mietz übernimmt sowohl die Betreuung des Bienenvolks in Bad Schwartau als auch die technische Wartung der neuen Station.
Das HOBOS-Projekt
HOBOS steht für HOneyBee Online Studies und ist ein Würzburger Honigbienenprojekt, das Professor Jürgen Tautz 2008 ins Leben gerufen hat. Weltweit kann jeder über das Internet das Innenleben eines Bienenstocks sowie zahlreiche Messwerte aus dem Stock und seiner Umwelt (Wetter, Vegetation und Boden) verfolgen. So zeigen sich viele für den Menschen wichtige Aspekte der Ökologie. Außerdem stellt die Lehrplattform Lehrern kostenfreie Unterrichtsvorschläge zur Honigbiene zur Verfügung.

15.10.2014, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Düstere Zeiten für Tagfalter
Schmetterlingsforscher Prof. Dr. Thomas Schmitt vom Senckenberg Forschungsinstitut in Müncheberg hat gemeinsam mit deutschen Kollegen die zukünftigen Verbreitungsgebiete der europäischen Schmetterlingsart Erebia manto modelliert. Hierfür haben sie 1306 Falter in den Bergen Europas gesammelt. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass der Tagfalter in Teilen Europas durch die globale Erwärmung nicht überleben wird. Die Studie ist kürzlich im renommierten Fachjournal „Global Change Biology“ erschienen.
Die charakteristischen gelben Flecke auf der Unterseite des Hinterflügels der weiblichen Schmetterlinge geben dem Gelbgefleckten Mohrenfalter Erebia manto seinen Namen. Wohl fühlt sich der braun-gelbe Tagfalter auf blumenreichen Wiesen in 1200 bis 2500 Metern Höhe. Dort trifft man ihn in zahlreichen Hochgebirgen Europas: Von den Pyrenäen über die Alpen bis zu den Karpaten. „Noch“, sagt Prof. Dr. Thomas Schmitt vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg und ergänzt: „Unsere neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass es der Falter in Zukunft in einigen Gebirgen schwer haben wird.“
Schmitt hat gemeinsam mit Kollegen aus Trier, Bonn und München insgesamt 1306 Exemplare des 3 bis 5 Zentimeter großen Falters aus 36 Populationen im gesamten Verbreitungsgebiet gesammelt und genetisch untersucht. „Wir wollten herausfinden, wie sich klimatische Änderungen in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft auf die genetische Struktur der Populationen und deren Verbreitung auswirken“, erklärt der Müncheberger Schmetterlingsforscher und fügt hinzu: „Dabei haben wir festgestellt, dass sich die Falter in den verschiedenen Gebirgen unterschiedlich entwickelt haben.“
Innerhalb von Arten kann es durch Mutation, Hybridisierung (Vermischung verschiedener Gruppen) und Selektion im Laufe der Evolution zur genetischen Differenzierung kommen. Dabei können sich in unterschiedlichen Regionen verschiedene genetische Varianten entwickeln. Genetische Ungleichheiten zwischen Populationen reflektieren somit Selektionsprozesse und Genflüsse in der Vergangenheit.
„Die größten genetische Differenzierung zu anderen Regionen zeigen die Falterpopulationen in den Vogesen – die Unterschiede sind beinah so groß, wie zur nah verwandten Art Erebia eripyle, dem ‚Ähnlichen Mohrenfalter‘“, erläutert Schmitt. Auch die Populationen der Pyrenäen-Zentralmassiv-Gruppe und Falter der südlichen Karpaten haben ein einzigartiges genetisches Profil.
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass alle drei Schmetterlingspopulationen sich seit mehr als einem Warmzeit-Kaltzeit-Zyklus unabhängig voneinander und von der vierten großen Gruppe in den Alpen entwickelt haben. Aussterbeprozesse in Kaltzeiten wechselten sich dabei in den Hochlagen aller Gebirge mit Wiederbesiedlungsphasen in Warmzeiten ab. „Die Schmetterlinge passten sich dabei – auch in ihrem Erbgut – an die veränderten Umweltbedingungen an“, vervollständigt Schmitt.
Genau diese Differenzierung wird den Faltern nun zum Verhängnis. Schmitt hierzu: „Die genetische Variation innerhalb von Populationen bestimmt das Potential der Anpassungsfähigkeit an neue Selektionsprozesse, wie beispielsweise die zukünftige Klimaerwärmung“. Eine große Variationsbreite im Genpool einer Population sorgt auch für eine große Anpassungsfähigkeit, bei isolierten Populationen fehlt genau diese und sie können sich deutlich schlechter an Veränderungen angleichen.
Gerade die heute einzigartigen Populationen mit dem abweichenden Genpool sind die zukünftig bedrohten Falter. „Wir haben verschiedenen Klimamodelle mit Verbreitungsgebieten der Schmetterlinge durchgerechnet“, erzählt Schmitt. Während in den Alpen die Populationen voraussichtlich nur schrumpfen werden, wird es in den Vogesen zukünftig wohl keine Gelbgefleckten Mohrenfalter mehr geben.
„Alle unsere Modelle sehen für diese Populationen schwarz – und auch die genetischen Linien aus den Karpaten und dem Pyrenäen-Zentralmassiv-Komplex sind vom Verschwinden bedroht“, resümiert Schmitt.

16.10.2014, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft
Urwaldrelikt im Wetterstein entdeckt
Auf dem Kämikopf nahe Mittenwald wurde einer der seltensten Käfer Deutschlands gefunden. Ernobius explanatus ist als sogenanntes Urwaldreliktart ein lebendes Zeugnis der Waldgeschichte.
Die Forstingenieurin Anna Kanold entdeckte als erste den Käfer, der lebend bis dahin in Deutschland noch nie gesichtet wurde. Im Naturwaldreservat Wettersteinwald in 1540 m Höhe gelang ihr der Erstfund von Ernobius explanatus. Neun Jahre haben die Wissenschaftler den nur wenige Millimeter großen Käfer schon im Fokus. Erst durch eine genaue Biotopbeschreibung eines österreichischen Kollegen konnten die Entomologen Ende September 2014 gezielt im Wetterstein auf die Suche gehen. Nach der Beschreibung lebt der braune, unauffällige Käfer als Totholzbewohner ausschließlich in besonnt stehenden, abgestorbenen Fichten, an denen noch die Rinde haftet.
Nach einem steilen Aufstieg am Kämikopf erreichten die Forscher den möglichen Lebensraum des Insekts. Projektleiter Dr. Heinz Bußler setzte einen Finderlohn von 50.- € aus. Bald schon konnte Anna Kanold Spuren des gesuchten Käferart aus der Familie der Nagekäfer finden. Weißes Bohrmehl an einer dürren Fichte zeigte seine Aktivitäten an. Unter der Rinde entdeckte Anna Kanold dann endlich den bis dahin in Deutschland noch nie in freier Natur gesehen Nagekäfer. Der Finderlohn war ihr sicher und die Ehre eines seltenen Erstfundes. Auf die Frage, ob sie noch einmal mit einem solchen Fund rechnet, antwortete die junge Forscherin: „Schon möglich, aber richtig spannend wird es erst, wenn man eine bis dahin unbekannte Art findet.“

16.10.2014, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
Informativer Toilettengang
Emily liebt Paul, Nazis raus, Gib AIDS keine Chance und schließlich Sanifair – Gute Reise: Informationsaustausch in öffentlichen Toiletten ist weit verbreitet. So auch bei den Weißfuß-Wieselmakis, die anstelle von Schrift Duftmarken nutzen, um sich ihren Artgenossen mitzuteilen. Iris Dröscher und Peter Kappeler vom Deutschen Primatenzentrum haben in ihrer jetzt veröffentlichten Studie festgestellt, dass der auf Latrinenbäumen abgegebene Urin dazu dient, Kontakt zu Familienmitgliedern zu halten und Eindringlinge zu warnen. Latrinen sind für nachtaktive Tiere, die nicht im engen Kontakt zueinander leben, verlässliche Informationsquellen und dienen der sozialen Bindung der Tiere untereinander.
Die Nutzung von Latrinen, also speziellen Orten zur Ausscheidung von Exkrementen, ist im Tierreich durchaus verbreitet. Da bislang jedoch unklar war, warum gerade Primaten dieselben Latrinen immer wieder benutzen, haben die DPZ-Wissenschaftler dieses Phänomen nun bei den Weißfuß-Wieselmakis (Lepilemur leucopus) in Süd-Madagaskar untersucht. Sind sie ein Hinweis an andere, dass dieses Gebiet oder dieser Partner verteidigt wird? Oder zeigen sie an, ob ein Weibchen fruchtbar ist? Dienen sie vielleicht dem Informationsaustausch und der sozialen Bindung innerhalb einer Gruppe? Um diese Fragen zu beantworten, haben die Forscher untersucht, wo genau sich die Latrinen befinden und ob diese zu verschiedenen Jahreszeiten oder von Individuen verschiedenen Alters und Geschlechts unterschiedlich genutzt werden. Dafür haben Iris Dröscher und Peter Kappeler 14 Weißfuß-Wieselmakis mit Radiosendern markiert und ihr Verhalten über den Zeitraum eines Jahres beobachtet. Insgesamt kamen dabei über 1000 Beobachtungsstunden zusammen.
Verbundenheit dank Latrine
Weißfuß-Wieselmakis sind nachtaktive Baumbewohner, die ausschließlich im Süden Madagaskars vorkommen und zu den sogenannten Lemuren gehören. Jede Familie, die aus den Eltern und ihrem Nachwuchs besteht, bewohnt zwar ein eigenes Gebiet, allerdings gehen sich die Familienmitglieder meist aus dem Weg, weder schlafen Wieselmaki-Paare auf denselben Bäumen noch gehen sie gemeinsam auf Futtersuche. Etwas hat die Familie aber gemeinsam: zentral im Territorium gelegene Latrinenbäume, welche die Tiere gezielt immer wieder aufsuchen um dort ihre Notdurft zu verrichten. Iris Dröscher und Peter Kappeler haben herausgefunden, dass die Latrinen dazu dienen, die Vertrautheit und die soziale Bindung zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Wieselmaki-Gruppe aufrecht zu erhalten, da diese sonst nur sehr wenig Kontakt zueinander haben. Die Duftsignale werden vor allem über den am Baumstamm befindlichen Urin aufgenommen, während der sich am Boden des Latrinenbereiches akkumulierende Kot nicht wesentlicher Bestandteil des Informationsaustausches ist.
Botschaft: Mein Weibchen wird verteidigt!
Auffällig war, dass männliche Tiere öfter die Latrinen aufsuchten, wenn sie einen Eindringling in ihrem Territorium wahrgenommen hatten. Außerdem setzten Männchen Duftmarken aus ihren spezialisierten Drüsen ausschließlich in Latrinen ab. „Die Latrinen werden also auch verwendet um anzuzeigen, dass hier jemand ist, der seine Partnerin verteidigt“, sagt Iris Dröscher, Doktorandin in der Abteilung Verhaltensökologie und Soziobiologie am Deutschen Primatenzentrum.
Latrinen als verlässliche Informationsquellen
„Über Duftmarken werden eine Vielzahl an Informationen wie die sexuelle und individuelle Identität transportiert und können außerdem dazu dienen, die eigene Präsenz zu signalisieren,“ so Dröscher. „Die Latrinen werden genutzt, um Individuen-spezifische Informationen auszutauschen.“
„Gerade nachtaktive Arten, die unter eingeschränkten Sichtverhältnissen und im losen Kontakt mit ihren Partnern leben, brauchen verlässliche Informationsquellen, um ihr Sozialgefüge aufrecht zu erhalten“, sagt Peter Kappeler, Leiter der Abteilung Verhaltensökologie und Soziobiologie am DPZ und Professor an der Universität Göttingen. „Dieses Informationszentrum haben die Weißfuß-Wieselmakis in den Latrinenbäumen gefunden.“
Originalpublikation
Dröscher I, Kappeler PM (2014): Maintenance of familiarity and social bonding via communal latrine use in a solitary primate (Lepilemur leucopus). Behavioral Ecology and Sociobiology Epub ahead of print. doi:10.1007/s00265-014-1810-z
http://link.springer.com/article/10.1007/s00265-014-1810-z

17.10.2014, NABU
Der Habicht – ein verfolgter Jäger
Warum der Habicht zum Vogel des Jahres 2015 gekürt wurde
Der NABU und sein bayerischer Partner, der Landesbund für Vogelschutz (LBV), haben den Habicht (Accipter gentilis) zum „Vogel des Jahres 2015“ gewählt. Auf den Grünspecht, Vogel des Jahres 2014, folgt damit ein Greifvogel, der wie viele andere seiner Verwandten immer noch der illegalen Verfolgung ausgesetzt ist, obwohl die Jagd auf den Habicht seit den 1970er Jahren verboten ist.
„Illegal abgeschossene, vergiftete oder gefangene Habichte sind nach wie vor trauriger Alltag. Es gibt immer noch einzelne Jäger, die ihn als Konkurrenten bei der Jagd auf Hasen und Fasane sehen. Auch bei Geflügel- und Taubenzüchtern ist der Habicht besonders unbeliebt. Jährlich stellen Polizisten und Tierschützer in Deutschland Habichtfangkörbe sicher – viele davon in der Nähe von Taubenhaltungen“, sagte NABU-Vizepräsident Helmut Opitz.
„Illegale Greifvogelverfolgung ist kein Kavaliersdelikt“, so die Verbände. NABU und LBV fordern, dass entsprechende Straftaten systematisch erfasst, aufgeklärt und angemessen geahndet werden. Dafür müssen speziell geschulte Einheiten und Koordinationsstellen bei der Polizei und den Naturschutzbehörden der Länder in allen Bundesländern eingerichtet werden. Als Vorbild ist hier die Stabsstelle zur Bekämpfung von Umweltkriminalität in Nordrhein-Westfalen zu nennen. Seit 2005 widmet sie sich unter anderem der Eindämmung illegaler Greifvogelverfolgung. Die im Umweltministerium angesiedelte Einrichtung arbeitet intensiv mit den Polizeibehörden zusammen, um eine konsequente Strafverfolgung zu ermöglichen.
NABU und LBV sprechen sich dafür aus, neben der Benutzung auch den bislang erlaubten Verkauf von Habichtfangkörben zu verbieten. In der Umgebung von Greifvogelnestern müssten Horstschutzzonen eingerichtet werden, in denen Forstwirtschaft und Jagd vor allem während der Brutzeit zwischen März und Juni ruhen sollten, so wie dies in einigen Bundesländern bereits gesetzlich vorgesehen ist. Das Aushorsten von jungen Habichten in freier Natur für die Falknerei sollte nicht mehr zugelassen werden.
NABU und LBV haben als Signal gegen die illegale Greifvogelverfolgung gemeinsam mit dem Komitee gegen den Vogelmord eine bundesweite Meldeaktion gestartet. Aktuell aufgestellte Fallen, vergiftete oder angeschossene Greifvögel können ab sofort unter der Telefonhotline 030-284984-1555 gemeldet werden. Unter dieser Nummer bieten Experten Hilfe beim Erkennen, Dokumentieren und Anzeigen illegaler Aktivitäten. Darüber hinaus werden auch zurückliegende Fälle illegaler Greifvogelverfolgung erfasst, zu melden unter www.NABU.de/verfolgung-melden.

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