Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

08.12.2014, Forschungsverbund Berlin e.V.
Tigerschecken & Nachtblindheit-Jahrtausende alte Pferde-DNS offenbart Zuchtpräferenzen des Menschen
Über die Jahrtausende hinweg hat der Mensch, je nach Vorliebe die Fellfarben der Haustiere immer wieder züchterisch verändert. Im Fall der Tigerscheckung bei Pferden konnte jetzt ein internationales Forscherteam den wechselhaften Zuchtverlauf seit Beginn der Domestikation vor ca. 5500 Jahren rekonstruieren. Diese Studie unterstreicht den Wert der genetischen Diversität für die Zucht. Die Ergebnisse der Studie wurden im renommierten Fachjournal Philosophical Transaction B der Royal Society of London veröffentlicht.
Weißes Fell mit schwarzen Flecken: fast jedes Kind kennt „Kleiner Onkel“, das Pferd von Pippi Langstrumpf. Doch wie sah es mit der Beliebtheit von gescheckten und gesprenkelten Pferden, sogenannten Tigerschecken, in den letzten Jahrtausenden aus? Forscher haben herausgefunden, dass das Vorkommen dieser Pferde im Laufe der Geschichte erheblich schwankte.
Unter der Leitung von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) hat ein internationales Forscherteam 96 archäologische Knochen und Zähne von Pferden, die aus der Zeit des späten Pleistozäns bis zum Mittelalter stammen, auf ihr Erscheinungsbild genetisch analysiert. Obwohl eine beachtliche Anzahl an Hauspferden aus der frühen Bronzezeit (2700 – 2200 v. Chr.) als Tigerschecken genetisch identifiziert werden konnte, scheint diese Fellfärbung gegen Ende des Zeitalters nahezu verschwunden zu sein. Einer der Gründe dafür könnte sein, dass reinerbige Tiere (wie z. B. in Appaloosa und Miniaturepferden gezeigt) neben einer komplett weißen Fellfarbe auch nachtblind sind. In freier Wildbahn spielt das Sehen eine große Rolle bei Kommunikation, Orientierung, Nahrungssuche und Vermeidung von Feinden, so dass nachtblinde Tiere kaum überlebensfähig sind. In der menschlichen Obhut sind nachtblinde Pferde als nervöse und zaghafte Tiere beschrieben, welche bei Dämmerung und Dunkelheit schwer zu handhaben sind.
Ungefähr 1000 bis 1500 Jahre später treten sie wieder vermehrt in Erscheinung. Die Fellfarbe wurde durch Kreuzung mit den damals noch zahlreich vorhandenen Wildpferden wieder in den Genpool der Haustiere gebracht. Die hier gezeigten wechselnden Vorlieben der Menschen im Verlauf der Jahrtausende unterstreichen den Wert der genetischen Diversität bei Haustieren. Gerade in unserer Zeit, wo die Stammformen von Hauspferd und Hausrind längst ausgestorben und Wiedereinkreuzungen damit ausgeschlossen sind, arbeitet die moderne Tierzucht nach wie vor auf einen Verlust der genetischen Vielfalt hin. Dieser Rückgang in der Variabilität schränkt zukünftige Änderungen in den Zuchtzielen massiv ein und macht uns abhängig von wenigen Hochleistungsrassen.
Nach der Eisenzeit gab es einen erneuten Aufschwung für die Tigerschecken. „Das Verhalten der Züchter und ihre Präferenzen wechselten damals genauso, wie Vorlieben heutzutage auch Änderungen unterliegen“, erklärt Arne Ludwig vom IZW, Leiter der Studie. Für die wechselnden Interessen bei der Zucht von Tigerschecken spricht auch die spätere Beliebtheit dieser Pferde im Mittelalter, wo sie großes Ansehen genossen, wie man ihrem häufigen Vorkommen in Texten oder auf Gemälden entnehmen kann. Sie gehörten zu den Lieblingstieren der Adligen und waren ein Symbol für Keuschheit. Auch im Barockalter waren sie gern gesehen, bevor sie wieder aus der Mode kamen. Heutzutage sind Tigerschecken in vielen Rassen zu finden und Züchter zeigen seit einigen Jahren wieder ein starkes Interesse.
„Wenn dieses Bild der alternativen Selektion zutrifft, dann könnte so erklärt werden, wie genetische Diversität in domestizierten Populationen trotz erheblicher Selektion für oder gegen gewisse Merkmale aufrecht erhalten werden konnte. Heutzutage haben wir jedoch in der Zucht oftmals das Problem, dass wir auf keine entsprechenden Wildtierarten mehr zurückgreifen können, da sie schichtweg ausgerottet bzw. die Wildtypen „herausgezüchtet“ wurden. Für den Genpool der heutigen Haustierrassen ist das auf lange Sicht negativ zu beurteilen, da die fehlende genetische Diversität die Möglichkeiten der Zucht zukünftig stark einschränkt“, so Ludwig.
Publikation:
Ludwig A, Reissmann M, Benecke N, Bellone R, Sandoval-Castellanos E, Cieslak M, Fortes GG, Morales-Muñiz A, Hofreiter M, Pruvost M (2014): 25 000 Years fluctuating selection on leopard complex spotting and congenital night blindness in horses. PHIL TRANS R SOC B 20130386; http://dx.doi.org/10.1098/rstb.2013.0386.

08.12.2014, Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen
Gemeinsames Signal für mehr Arten- und Lebensraumvielfalt in den Agrarlandschaften
Landesregierung, NRW-Landwirtschaftsverbände und Landwirtschaftskammer NRW unterzeichnen Rahmenvereinbarung zur Förderung der Biodiversität
Die Landesregierung, die beiden Landwirtschaftsverbände und die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen wollen gemeinsam die Biodiversität auf landwirtschaftlichen Flächen stärken und dazu konkrete Maßnahmen auf den Weg bringen. Landwirtschaftsminister Johannes Remmel sowie die Präsidenten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV), Johannes Röring, und des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands (RLV), Bernhard Conzen, sowie der Präsident der Landwirtschaftskammer NRW, Johannes Frizen, unterzeichneten dazu im Vorfeld der Hauptversammlung der Landwirtschaftskammer in Bad Sassendorf eine Rahmenvereinbarung.
„Wir können das wertvolle Naturerbe in Nordrhein-Westfalen nur dann bewahren, wenn die heimischen Tier- und Pflanzenarten stärker als bisher geschützt und ihre Lebensräume erhalten werden“, sagte Minister Johannes Remmel. Deshalb hat das Land Nordrhein-Westfalen eine Biodiversitätsstrategie erarbeitet, in der die wichtigsten Maßnahmen zur Erhaltung und Entwicklung der Artenvielfalt und der Lebensräume dargestellt sind. „Mit der Rahmenvereinbarung setzen wir ein gemeinsames Zeichen, dass die Förderung der Biodiversität in der Agrarlandschaft Maßnahmen bedarf, die dazu beitragen, die Lebensbedingungen für gefährdete Tiere und Pflanzen in den nordrhein-westfälischen Kulturlandschaften zu verbessern. Dies ist notwendig, da gegenwärtig der Bestand der typischen Arten der Agrarlandschaft stark abnimmt“, erklärte Remmel.
„Wir wollen einen aktiven Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt leisten. Die Rahmenvereinbarung beschreibt den Weg, wie dieses Ziel auf kooperativem Wege erreicht werden soll“, erklärte Johannes Röring, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV). Dazu sollen auf lokaler Ebene Runde Tische eingerichtet werden, an denen die relevanten Akteure Maßnahmenvorschläge erarbeiten. „Die Landwirtschaft leistet bereits heute mit flankierenden Maßnahmen lokal Beiträge zum Arten- und Biotopschutz. Dazu gehören zum Beispiel Lerchenfenster oder die vielfältigen Maßnahmen zum Wildtierschutz“, sagte der Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands (RLV), Bernhard Conzen. „Zur Förderung der Biodiversität hat sich der Vertragsnaturschutz in besonderer Weise bewährt, der durch bestimmte Maßnahmen zum Artenschutz die Nutzungsmöglichkeiten der Flächen einschränkt. Für die Akzeptanz der Vertragsangebote ist daher die angemessene Honorierung von großer Bedeutung“, betonte Johannes Frizen, Präsident der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.
Minister Remmel erläuterte, dass das aktuelle Förderprogramm neu ausgerichtet wurde, um die Aspekte Umwelt- und Naturschutz in der Landwirtschaft noch stärker fördern zu können: „Dazu benötigen wir auch in Zukunft die Hilfe engagierter Landwirtinnen und Landwirte, die in möglichst großer Zahl an unseren Agrarumweltmaßnahmen und am Vertragsnaturschutz teilnehmen. Wir haben die Weichen für attraktive und finanziell gut ausgestattete Fördermaßnahmen gestellt. Jetzt hoffe ich auf grünes Licht aus Brüssel für unsere ambitionierten Planungen.“
In den letzten Jahren ist ein starker Rückgang der Artenvielfalt zu verzeichnen. Zu den Kulturlandschaften in Nordrhein-Westfalen gehören aber aufgrund der vielfältigen natürlichen Gegebenheiten und ihrer Nutzung eine hohe Arten- und Lebensraumvielfalt. Dazu trägt die aktive Bewirtschaftung der Flächen nach den Grundsätzen der guten fachlichen Praxis ebenso bei, wie die Umsetzung von Agrarumweltmaßnahmen und des Vertragsnaturschutzes.
Den Wortlaut der Rahmenvereinbarung ist zu finden unter www.umwelt.nrw.de sowie unter www.wlv.de und www.rlv.de.

09.12.2014, Bundesamt für Naturschutz
Gruene Mosaikjungfer im Klimawandel – nichts geht ohne Krebsschere
Der Klimawandel wird zu erheblichen Veränderungen der Biodiversität weltweit und in Deutschland führen. Eine neue vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegebene Studie der Universität Bayreuth zeigt mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf die geschützten Lebensräume und Arten in deutschen Natura 2000-Gebieten. Dabei werden Arten besonders bedroht, die in ihrem Lebenszyklus eng an andere Arten gebunden sind oder die nur über geringe Möglichkeiten zur Ausbreitung verfügen.
Ein Beispiel dafür ist die Grüne Mosaikjungfer. Diese Libellenart ist für ihre Eiablage von der Krebsschere, einer weiß-blühenden Wasserpflanze, abhängig. Für beide Arten werden bis zum Jahr 2050 deutliche Verluste an ihren südlichen Verbreitungsgrenzen, die durch Deutschland verlaufen, prognostiziert (Ensemble-Modellierung mit dem Klimamodell HadCM3 und dem Klimaszenario A2 des Weltklimarates). Hingegen soll es zu Zugewinnen im Norden, z.B. in Skandinavien, kommen. Dabei fallen die prognostizierten Verluste deutlich höher und die möglichen Zugewinne deutlich geringer für die Grüne Mosaikjungfer als für die Krebsschere aus. Ein Trost: Einige Teile der potenziellen zukünftigen Verbreitung der Libelle würden auch von der Krebsschere weiterhin abgedeckt werden und sie würde voraussichtlich nicht ganz aus Deutschland verschwinden. Jedoch würde sich das gemeinsame Verbreitungsgebiet beider Arten deutlich verringern.
In der jetzt veröffentlichten Studie werden mit Hilfe von umfangreichen Literaturauswertungen sowie Verbreitungsmodellen für ausgewählte Tierarten die Auswirkungen des Klimawandels auf das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000 abgeschätzt. Erstmals erfolgt dabei auch eine Abschätzung für die Lebensraumtypen. Die Modelle konnten dabei exemplarisch durch die Berücksichtigung biotischer Interaktionspartner sowie Ausbreitungsdistanzen der Arten weiterentwickelt werden. Die Bedeutung biotischer Interaktionen für die Reaktion von Arten auf den Klimawandel konnte auch durch Analyse von Daten aus Feldexperimenten an der Universität Bayreuth belegt werden. „Die Ergebnisse der vom BfN geförderten Studie erhärten die deutlich zunehmende Bedeutung des Klimawandels für den Wandel von Biodiversität und Ökosystemen. Die Reaktionen einzelner Arten und erst recht Lebensgemeinschaften sind bisher aber erst in Ansätzen erforscht. Trotz dieser Unsicherheiten muss der Naturschutz bereits heute pro aktiv handeln und geeignete Strategien für die kommenden Jahrzehnte entwickeln. wie etwa die Etablierung von effektiven Biotopverbundsystemen, die gefährdeten Arten Wanderungsmöglichkeiten eröffnen. Die Ergebnisse der Studie liefern dazu eine wertvolle Grundlage,“ bewertete BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel die Ergebnisse.
Bezug
Die Schrift kann über den BfN-Schriftenvertrieb im Landwirtschaftsverlag Münster-Hiltrup, Ihren Buchhändler oder den Internetbuchhandel bezogen werden. ISBN 978-3-7843-4037-1
Bundesamt für Naturschutz, Bonn – Bad Godesberg 2014: 484 Seiten Preis 38,00 EUR (mglw. zzgl. Versandkosten)

10.12.2014, Universität Hohenheim
Entstehung der Arten: Forscher entdecken Lernen als neue Triebfeder der Evolution
Wissenschaftler der Universität Hohenheim veröffentlichen neue Erkenntnisse zur Entstehung der Arten im Journal „Proceedings of the Royal Society B“
Darwins Buch zur Entstehung der Arten muss ab heute um ein Kapitel erweitert werden. Denn Prof. Dr. Johannes Steidle, Tierökologe der Universität Hohenheim, hat der Artenentstehung einen neuen Faktor hinzugefügt: das kindliche Lernen. Dabei stützt er sich auf seine Forschung an Lagererzwespen. Kooperationspartner des Projektes sind das Staatliche Museum für Naturkunde und das Naturhistorische Museum der Bürgergemeinde Bern. Ihr wissenschaftlicher Fachartikel wird heute im Journal „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht.
Durchlöcherte Paniermehlpackungen und Hundekuchen liegen auf dem Tisch. Im Wärmeschrank daneben stapeln sich Einmachgläser mit löchrigen Weizenkörnern. Und auf dem Bildschirm des Computers ist die Makroaufnahme einer Lagererzwespe zu sehen. Ihr Stachel bohrt sich durch die Kornhülle direkt in die Larve eines Kornkäfers, paralysiert sie.
Erst, als sich die Larve nicht mehr rührt, gleitet ein Ei der Wespe den Stachel hinab. Daraus wird eine Wespenlarve schlüpfen, die die Käferlarve in den nächsten Tagen komplett verzehrt.
Vom Schädlingsbekämpfer zum Evolutionserklärer
Eigentlich forscht Prof. Dr. Johannes Steidle, Leiter des Fachgebiets für Tierökologie der Universität Hohenheim, an neuen Methoden zur biologischen Schädlingsbekämpfung. Die kleinen, kaum 2 mm großen Lagererzwespen sollen ganze Speicher voll Korn retten, die von Kornkäfern befallen wurden.
Die Forschung an der biologischen Schädlingsbekämpfungsfront geht zwar weiter, doch der Tierökologe hat durch seine Wespen, den Hundekuchen und die Wärmeschränke voller Wespenlarven ein weiteres Geheimnis der Evolution entschlüsselt.
Isolation schafft neue Arten
Nach der gültigen Lehrmeinung entstehen neue Arten, wenn Pflanzen oder Tiere einer Art getrennt werden. Ein Mechanismus ist die sogenannte geografische Isolation, bei der sich Populationen einer ursprünglich gleichen Art z.B. auf zwei verschiedenen Inseln mit unterschiedlichen Bedingungen ansiedeln und künftig keinen genetischen Austausch mehr haben.
Ein anderer Mechanismus ist die ökologische Isolation, die viel kleinräumiger sein kann. So können sich auf einer einzigen Wiese zwei getrennte Arten entwickeln, wenn sie getrennte ökologische Nischen besetzen – z.B. Insekten, die verschiedene Futterpflanzen besiedeln.
Kindliches Lernen spaltet Lagererzwespen in zwei Arten
Genau solch einen Effekt von zwei verschiedenen, voneinander getrennten ökologischen Lebensräumen konnte Prof. Dr. Steidle bei der Lagererzwespe feststellen: „Wir haben nicht nur beobachtet, dass es bei der Lagererzwespe eine Gruppe gibt, die sich auf Kornkäfer spezialisiert hat, während die andere den Brotkäfer als Wirt bevorzugt. Eine Genanalyse hat auch gezeigt, dass es sich tatsächlich um zwei verschiedene Arten mit verschiedenen Chromosomen handelt.“
Ursprünglich muss es sich einmal um eine Art gehandelt haben. „Wir fanden heraus, dass die Ursache für die Aufspaltung in zwei Arten vermutlich in einem Effekt liegt, den man als kindliches Lernen bezeichnen kann“, so Prof. Dr. Steidle.
Spezialisierung auf einen bestimmten Wirt trennt Wespen
Der Wissenschaftler der Universität Hohenheim fand heraus, dass Lagererzwespen eine bestimmte Käferart für ihre Ernährung bevorzugen – und dass sie diese Nahrungsvorliebe an ihre Nachkommenschaft weitergeben.
„Die erwachsene Wespe legt ihre Eier auf eine bestimmte Käferlarve. Sobald die Wespenlarve schlüpft, ernährt sie sich bis zur Verpuppung von diesem Wirt und wird so von Anfang an auf dessen Geruch geprägt. Als erwachsene Wespe bevorzugen sie die gleiche Käferart, um Blut zu saugen. Und auch ihre Eier legen sie später wieder bei dem Käfer ab, der ihnen schon als Larve geschmeckt hat.“
Ein ähnliches kindliches Lernen gäbe es auch beim Menschen, erklärt Prof. Dr. Steidle – und nennt ein Beispiel: „Alle Australier sind verrückt nach Vegemite, einen konzentrierten Hefeextrakt, den die restliche Welt einfach widerlich findet. Doch meine australischen Kollegen lieben Vegemite, weil sie damit aufgewachsen sind. Also geben sie es an ihre Kinder weiter, die es ebenfalls lieben lernen.“
Aufspaltung könnte ein Zufall gewesen sein
Dass sich die ursprüngliche Lagererzwespe zu zwei unterschiedlichen Arten entwickelt hat, ist wohl ein Zufall gewesen, vermutet Steidle: „Wir glauben, dass der Brotkäfer der Ursprungswirt der Lagererzwespe war. Irgendwann gab es innerhalb der Art Lagererzwespe einen Evolutionssprung, während dessen einige Tiere die Fähigkeit zum kindlichen Lernen ausbildeten.“
Dann – durch Zufall oder aus einer Notlage heraus – verirrte sich ein Weibchen auf einen Kornkäfer. Und blieb ihm als ihren Futterwirt treu. Ihre Nachkommen wiederum hatten die Veranlagung zum Lernen in sich und gaben diese ebenso an ihre Nachkommen weiter.
Kindliches Lernen erklärt große Artenvielfalt bei Insekten
„Wir wissen, dass die Fähigkeit zum kindlichen Lernen unter Insekten weit verbreitet ist“, erklärt Prof. Dr. Steidle. Dieser Mechanismus könnte also eine Erklärung für die besonders große Artenvielfalt von Insekten sein.
„Mit über 1 Millionen Arten machen Insekten rund 80 Prozent aller Tierarten aus. Vermutlich gibt es sogar noch einige Millionen Arten mehr, die wir noch nicht entdeckt haben.“
Die genauen Forschungsergebnisse können im Journal „Proceedings of the Royal Society B“ nachgelesen werden.

10.12.2014, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Klimawandel verstärkt Verbreitung von Parasiten
Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel kontinuierlich steigen. Dadurch wird nicht nur die Gefahr von Überschwemmungen erhöht: Eine internationale Arbeitsgruppe mit Beteiligung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) konnte nun nachweisen, dass sich durch den Anstieg des Meeresspiegels verschiedene Parasitenarten stark ausbreiten. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler nun in der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)* veröffentlicht.
Wissenschaftler weltweit fragen sich mit wachsender Sorge, wie Parasiten auf den gegenwärtigen Klimawandel reagieren und welchen Einfluss sie zukünftig auf die Gesundheit vieler Menschen haben werden. Denn: Sie befürchten, dass die Parasiten sich durch die veränderten Bedingungen ausbreiten und für die Menschen zu einer größeren Gefahr werden.
Um der Frage auf den Grund zu gehen, hat ein internationales Forscherteam mit Beteiligung des Lehrstuhls für Paläoumwelt der FAU den Fossilbericht der vergangenen 9.600 Jahre untersucht. Der Fossilbericht ist die Summe aller dokumentierten Vorkommen von Fossilien und bildet die wesentliche Informationsquelle zur Entwicklung des Lebens auf der Erde. Dabei konzentrierten sich die Wissenschaftler auf das Pearl River Delta in Südchina, in dem Spuren einer parasitären Saugwurmgruppe (Trematoda: Digenea) zu finden sind. Zu dieser Gruppe gehörige Parasiten sind für viele Krankheiten bei Menschen verantwortlich, unter anderem die bekannte Wurmkrankheit Bilharziose. Dabei befallen die Krankheitserreger die inneren Organe und schädigen sie stark.
In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler um John W. Huntley, University of Missouri, Parasitenarten, die nicht den Menschen, sondern Muscheln befallen. Sie erforschten den Zusammenhang zwischen Meeresspiegelschwankungen und dem Parasitenbefall während des Holozäns, des jüngsten nacheiszeitlichen Abschnitts der Erdgeschichte. Bisher waren solche Untersuchungen auf wesentlich kürzere Zeitspannen beschränkt. Die Arbeitsgruppe präsentiert nun erstmalig Ergebnisse, welche nahezu das gesamte Holozän umfassen, einschließlich des starken nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstiegs. Das Ergebnis: Der Trematodenbefall von Muscheln hatte während der ersten 300 Jahre des holozänen Meeresspiegelanstiegs stark zugenommen. Den stark schwankenden Salzgehalt im Delta konnten die Forscher als Ursache ausschließen.
„Ein erhöhter Trematodenbefall in Muschelschalen zu Zeiten von Meeresspiegelanstiegen konnte in verschiedenen Ablagerungsräumen der Erde mit unterschiedlichen Salzgehalten nachgewiesen werden. Dieses Phänomen stellt eine globale Erhöhung der Temperatur als Ursache für die Zunahme des parasitären Befalls in den Raum“, erklärt Manja Hethke, die die Studie am Lehrstuhl für Paläoumwelt der FAU begleitet hat. Ausgehend von ihren Ergebnissen vermuten die Wissenschaftler, dass die für den Menschen gefährlichen Parasitenarten ähnliche Verbreitungsmuster in den entsprechenden Zwischenwirten, zumeist Süßwasserschnecken, zeigen. „Unsere Daten sind daher für die zukünftige Verbreitung parasitärer Krankheiten sehr aufschlussreich. Anhand der Ergebnisse kann eine Zunahme von Trematoden als Reaktion auf den Klimawandel und Meeresspiegelanstieg erwartet werden, was möglicherweise negative Folgen für die Tierwelt, die Fischerei sowie allgemein für die menschliche Gesundheit in den betroffenen Gebieten hat“, sagt Hethke.
*Huntley, J.W., Fürsich, F.T., Alberti, M., Hethke, M., Liu, C. in press. A complete Holocene record of trematode-bivalve infection and implications for the response of parasitism to climate change. – PNAS. doi:10.1073/pnas.1416747111

Zucht und Ordnung. Historische Fotoglasplatten aus dem ehemaligen Haustiergarten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen der MLU)

Zucht und Ordnung. Historische Fotoglasplatten aus dem ehemaligen Haustiergarten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen der MLU)

10.12.2014, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Schafe, Kühe, Pferde: Bildband zeigt historische Fotoplatten des ehemaligen Haustiergartens in Halle
Den Forschungsalltag der Tierzucht im 19. und 20. Jahrhundert an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) zeigt ein neu erschienener Bildband. Rund 50 historische Aufnahmen dokumentieren die Arbeit und das Leben im ehemaligen Haustiergarten der Universität. Dazu gehören unter anderem Aufnahmen von neugeborenen Kälbern oder ausgewachsen Kühen. Die Einrichtung wurde 1865 gegründet und bot erstmals die Möglichkeit, Tiere für Lehr- und Forschungszwecke zu halten sowie ihre Entwicklung systematisch zu erforschen.
Der Bildband zeigt nicht nur Aufnahmen von verschiedenen Tieren während der Zucht. Auch Professoren, deren Kinder und wissenschaftliche Mitarbeiter sind auf den einzelnen Abbildungen zu sehen. „Wir haben uns bewusst dazu entschieden, neben den Tieren auch Menschen als Zeitzeugen zu zeigen“, sagt Dr. Renate Schafberg, Leiterin des Museums für Haustierkunde „Julius Kühn“ und Autorin des Bandes. Schließlich habe das Personal die Geschichte der Einrichtung entscheidend mitgeprägt.
Julius Kühn gründete den Haustiergarten 1865 in Halle, nachdem er drei Jahre zuvor zum ersten Professor für Landwirtschaft in Deutschland berufen worden war. Bis zu 1.000 Tiere lebten gleichzeitig in der Einrichtung, die bis 1968 in der halleschen Innenstadt angesiedelt war. Die ersten Fotoglasplatten des Haustiergartens stammen aus dem Jahr 1879. Im Archiv der haustierkundlichen Sammlung befinden sich mehr als 6.000 Aufnahmen, die 2012 auch in das Verzeichnis national wertvoller Kulturgüter aufgenommen wurden. „Wissenschaftlich interessant ist diese Sammlung auch deshalb, weil sich jedes abgebildete Tier individuell mit Geburtsdatum und Namen nachvollziehen lässt“, erklärt Schafberg. So könne man die Entwicklungen einzelner Tiere von ihrer Geburt an über einen längeren Zeitraum genau mitverfolgen.
Der Bildband wurde von der Gesellschaft zur Förderung der Agrar- und Ernährungswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg e.V., dem Verein zur Förderung des Naturkundlichen Universitätsmuseums Halle (Saale) e. V. und dem Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen herausgegeben.
Zucht und Ordnung. Historische Fotoglasplatten aus dem ehemaligen Haustiergarten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
ISBN: 978-3-940744-58-6
Preis: 19,50 Euro
Bestellungen an: freunde@landw.uni-halle.de

11.12.2014, Technische Universität München
Warum Vögel keine Ohrmuscheln brauchen
Im Gegensatz zu Säugetieren haben Vögel keine Außenohren. Der äußere Teil der Ohren hat eine wichtige Funktion: Tiere können damit Laute identifizieren, die aus unterschiedlichen Höhen kommen. Aber auch Vögel hören, ob sich eine Schallquelle über ihnen, unter ihnen oder auf gleicher Höhe befindet. Ein Forschungsteam der Technischen Universität München (TUM) hat jetzt herausgefunden, wie es Vögeln gelingt, diese Geräusche zu orten: Die Aufgabe der Außenohren übernimmt bei ihnen der ganze Kopf. Die Arbeit ist kürzlich in PLOS ONE erschienen.
Es ist Frühjahr, zwei Amseln singen um die Wette. Sie buhlen um die Gunst eines Weibchens. Welchen der beiden Amselmänner wird es erhören? Dafür muss das Weibchen seinen Wunschpartner erst einmal orten können.
„Da Vögel keine Außenohren haben, dachte man lange, dass sie Laute aus unterschiedlichen Höhen nicht unterscheiden können“, erklärt Hans A. Schnyder vom TUM-Lehrstuhl für Zoologie. „Allerdings sollte eine weibliche Amsel ‚ihr‘ Männchen auch dann finden, wenn dieses direkt über ihr trällert.“
Säugetiere identifizieren vertikale Geräuschquellen mit ihren Außenohren: Deren besonderer Aufbau schluckt die Schallwellen, reflektiert oder beugt sie. Aus diesen Informationen leitet das Gehör ab, aus welcher Höhe ein Laut kommt. Doch wie nehmen Vögel diese Unterschiede wahr?
Der Kopf ersetzt die Außenohren
Durch Untersuchungen an drei Vogelarten – Krähe, Ente und Huhn – fand Schnyder heraus, dass auch Vögel Schall aus verschiedenen Höhenwinkeln identifizieren können. Offenbar verändert ihr leicht oval geformter Kopf Schallwellen in ähnlicher Weise wie Ohrmuscheln.
„Am Trommelfell der Vögel haben wir die Lautstärke von Tönen aus unterschiedlichen Höhenrichtungen gemessen“, berichtet Schnyder. Alle Geräuschquellen, die auf derselben Seite wie das Ohr liegen, sind ähnlich laut, egal aus welcher Höhe sie kommen. Das Ohr auf der gegenüberliegenden Seite des Kopfes registriert Höhenunterschiede dagegen viel genauer – in Form unterschiedlicher Lautstärken.
Unterschiedliche Lautstärken verraten Geräuschquellen
Dafür verantwortlich ist die Kopfform der Vögel. Je nach dem wo Schallwellen am Kopf auftreffen, werden sie zurückgeworfen, geschluckt oder abgelenkt. Wie die Wissenschaftler herausfanden, schattet der Kopf den Schall aus bestimmten Richtungen komplett ab. Andere Schallwellen wandern über den Kopf und lösen eine Reaktion am gegenüberliegenden Ohr aus.
Ob ein Geräusch von oben oder unten kommt, errechnet das Gehirn aus den unterschiedlichen Lautstärken an beiden Ohren. „Somit können Vögel erkennen, wo genau sich eine seitlich gelegene Schallquelle befindet – zum Beispiel auf Augenhöhe“, führt Schnyder aus. „Das System ist äußerst genau: Am besten können Vögel seitliche Geräusche in einem Höhenwinkel von – 30 bis + 30 Grad orten.“
Zusammenspiel von Hören und Sehen verbessert Orientierung
Warum haben Vögel das vertikale Hören entwickelt? Bei den meisten Vögeln sitzen die Augen seitlich, sie haben damit ein Sehfeld von nahezu 360 Grad. Da sie zusätzlich darauf spezialisiert sind, seitliche Geräusche aus unterschiedlichen Höhen zu verarbeiten, ergänzen sich die Informationen von Hör- und Sehsinn in idealer Weise – eine wichtige Fähigkeit für Vögel, die als Beutetiere gejagt werden.
Einige Greifvögel wie die Schleiereule haben eine völlig andere Strategie entwickelt. Die Eulenart jagt im Dunklen, wie beim Menschen sind ihre Augen nach vorn gerichtet. Ihr Federschleier im Gesicht modifiziert Laute in ähnlicher Weise wie Außenohren. Im Gegensatz zu den von Schnyder untersuchten Vogelarten hört die Eule frontale Geräusche am besten.
So fügen sich auch bei ihr die Informationen aus Hör- und Sehsinn optimal zusammen, wie frühere Untersuchungen gezeigt haben. „Unsere aktuellen Ergebnisse weisen in die gleiche Richtung: Offenbar ist der Einklang von Sehen und Hören ein wichtiges Prinzip in der Evolution der Tiere“, so Schnyder abschließend.
Publikation:
The Avian Head Induces Cues for Sound Localization in Elevation;
Hans A. Schnyder, Dieter Vanderelst, Sophia Bartenstein, Uwe Firzlaff and Harald Luksch; PLOS ONE, November 2014, DOI: 10.1371/journal.pone.0112178, http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0112178

11.12.2014, DDA
„NaturaList“-App zur mobilen Dateneingabe bei ornitho veröffentlicht
Seit wenigen Tagen ist die schon lange erwünschte ornitho-App „NaturaList“ kostenlos verfügbar. Erklärtes Ziel der Entwickler von Biolovision um Gaëtan Delaloye (selbst begeisterter Vogelbeobachter und Kartierer) war es, dass die Eingabe der Daten über die App mindestens so schnell sein sollte wie das herkömmliche Notieren der Beobachtungen auf Papier. Und sie sollte auch an Orten ohne Netzabdeckung und grenzüberschreitend funktionieren. All das ist eindrucksvoll gelungen!
Hinter dieser App stehen nicht nur viele Tausend Stunden an Entwicklungszeit, sondern technische Leistungen, von denen man sich als Nutzer keine Vorstellung macht: Um beispielsweise die Karten von OpenStreetMap für die App aufzubereiten, damit auch außerhalb Deutschlands im Offline-Modus detaillierte Karten zur Verfügung stehen, rechneten die schnellsten bei einem Cloud-Service verfügbaren Rechner rund 100.000 Stunden. Dabei wurden die OSM-Daten über ein hochaufgelöstes digitales Höhenmodell gelegt, um Höhenlinien zu generieren und die Karten mit einer Schummerung zu versehen, so dass die Karten einen 3D-Effekt aufweisen. Die Orientierung im stark reliefierten Gelände wird dadurch erheblich verbessert. Am Ende lagen rund 32 Millionen „Kartenschnipsel“ für mehrere Zoomstufen vor, die ein schnelles (Herunter)Laden der Karten und damit die sehr exakte Verortung der Beobachtungen ermöglichen — auch ohne Netzzugang.
Die App ist für alle ornitho-Portale und darüber hinaus europaweit nutzbar. Den Einstieg und die Bedienung erleichtert Ihnen eine Anleitung zu NaturaList, die Sie alternativ auch als PDF herunterladen können. Darin werden auch einige vermutlich häufig gestellte Fragen zur App beantwortet.
Sie können sich die ornitho-App „NaturaList“ ab sofort unter Google Play kostenlos herunterladen.

12.12.2014, Universität Ulm
Gegensätze können sich gut riechen: Eigengeruch des Grillenweibchens bestimmt Partnerwahl
Wie können Grillenweibchen Inzucht vermeiden? Diese Frage beantworten Ulmer Wissenschaftlerinnen in einem Fachbeitrag in „Current Biology“. Sie haben gezeigt, dass Grillenweibchen ihren Eigengeruch ständig mit dem Duft eines potentiellen Partners abgleichen. Für die Fortpflanzung wählen sie dann Männchen, die möglichst verschieden riechen. Der individuelle Geruch gibt nämlich unter anderem Auskunft über die Familienzugehörigkeit. In einem komplexen Experiment, bei dem der Eigengeruch von Weibchen manipuliert wurde, fanden die Biologinnen Belege für die so genannte chemosensorische Selbstreferenz.
Auf den ersten Blick scheint eine Grille der anderen zu gleichen. Deshalb haben die Insekten zuverlässige Mechanismen entwickelt, um Verwandte zu erkennen und so Inzucht zu vermeiden. Wie sie dabei vorgehen, war bisher nicht klar. Jetzt hat eine Gruppe um die Ulmer Biologinnen Dr. Sandra Steiger und Alexandra Capodeanu-Nägler gezeigt, dass Grillenweibchen ihren Eigengeruch ständig mit dem Duft potentieller Partner abgleichen. Aus früheren Studien ist nämlich bekannt, dass weibliche Insekten Männchen, die besonders verschieden riechen, und mit denen sie noch nicht kopuliert haben, bevorzugen. In ihrem Fachbeitrag im renommierten Journal „Current Biology“ weisen die Wissenschaftler also erstmals nach, dass nicht nur der Körpergeruch des paarungsbereiten Männchens, sondern auch der Duft des wählenden Weibchens bedeutend ist.
Wollen Menschen ihr Aussehen überprüfen, genügt ein Blick in den Spiegel. Aber woher kennen Grillen ihren Phänotyp („sichtbare Ausprägung des Erbguts“) und wie können sie erfassen, ob ihnen ein möglicher Partner ähnelt? Vermutungen reichen von einem Vergleich des Artgenossen mit Merkmalen der Mutter bis zu einer Gegenüberstellung mit dem eigenen Phänotyp – wobei fraglich ist, ob sich die Insekten auf eine einmal abgespeicherte „Schablone“ verlassen, oder ihr Selbstbild stets erneuern. Womöglich spielt die visuelle Wahrnehmung bei der Partnerwahl ohnehin eine untergeordnete Rolle und die Grillen verlassen sich auf ihren Hör- oder Geruchssinn. „Es gibt starke Hinweise darauf, dass chemosensorische Selbstreferenzmechanismen existieren, die Insektenweibchen also ihren ureigenen Geruch nutzen, um genetisch passende Männchen zu finden“, erklärt Dr. Sandra Steiger, Habilitandin am Ulmer Institut für experimentelle Ökologie.
Zum Hintergrund: Bei vielen Insekten verströmt die äußerste Hautschicht einen individuellen Geruch, der auf genetische Eigenschaften, Alter und Familienzugehörigkeit schließen lässt. Diese „Signatur“ übertragen Grillen bei der Kopulation auf das Männchen. Mit ihrem Riechorgan können sie also nicht nur enge Verwandte, sondern auch frühere Partner identifizieren und gegebenenfalls meiden.
Welche Rolle der aktuelle weibliche Eigengeruch von Kurzflügelgrillen bei der Partnerwahl spielt, wollten die Forscher im Experiment überprüfen. Dazu hat die damalige Masterstudentin Alexandra Capodeanu-Nägler Untersuchungen mit seltenen Inzuchtlinien durchgeführt. Die Besonderheit: Innerhalb einer Linie sind die Geruchsprofile der Grillen sehr ähnlich, demgegenüber variieren die Linien untereinander recht stark. „Wir haben die Signatur der Linie B gewonnen und auf den Körper von Weibchen aus der Linie C aufgetragen, ihren Eigengeruch also manipuliert. Im Vergleich mit einer Kontrollgruppe wollten wir so herausfinden, ob sich die Grillen bei der Partnerwahl auf ihren aktuellen oder auf einen einmal im Gedächtnis abgespeicherten Geruch verlassen“, erklärt Capodeanu-Nägler.
In einem zweiten Schritt hat sie weiblichen Grillen aus beiden Inzuchtlinien zwei Männchen zugeführt. Mit einem Kandidaten hatten sich die Weibchen der Linie C bereits gepaart. Das zweite Männchen war den Insekten unbekannt, hatte aber bereits mit einer Vertreterin der Linie B kopuliert – deren Signatur den C-Weibchen ja aufgetragen worden war. Und tatsächlich erkannten die Grillen (Linie C) ihren ehemaligen Partner nicht wieder, es kam erneut zur Kopulation. Demgegenüber wurde das Männchen mit der B-Signatur verschmäht.
Offenbar versichern sich die Insekten also ständig ihres Geruchs und richten ihr Verhalten dementsprechend aus – was auch die Kontrollgruppe bestätigte“, so die Biologinnen. Eine frühe Prägung durch Verwandte oder gar ein abgespeichertes, starres Selbstbild scheiden als Erklärung für die Selbstreferenz bei der Partnerwahl aus.
Das Experiment, das stundenlange Beobachtungen bei Infrarotlicht und hohen Temperaturen nötig machte, zeigt zusammenfassend: Grillen nutzen die chemosensorische Selbstreferenz bei der Partnerwahl und überprüfen stets ihren Eigengeruch. Dabei handelt es sich womöglich um einen weit verbreiteten Mechanismus, durch den Insekten genetisch kompatible Partner finden. Der Vorteil: Für die chemosensorische Selbstreferenz braucht es keine Lern- und Gedächtnisleistungen.
Bei welchen Tieren die Liebe ebenfalls durchs Riechorgan geht, müssen weitere Experimente zeigen.
Dr. Sandra Steiger und ihre Doktorandin Alexandra Capodeanu-Nägler wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt. Die Versuche mit den seltenen Inzuchtlinien sind von Alexandra Capodeanu-Nägler an der britischen University of Exeter durchgeführt worden.
Alexandra Capodeanu-Nägler, James Rapkin, Scott K. Sakaluk, John Hunt, Sandra Steiger: Self-recognition in crickets via on-line processing. Current Biology. DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2014.10.050

12.12.2014, Karlsruher Institut für Technologie
Science: Big Data erklärt Evolution der Vögel
Rund 95 Prozent der über 10 000 bekannten Vogelarten entwickelten sich erst nach dem Aussterben der Dinosaurier vor rund 66 Millionen Jahren. Computeranalysen der genetischen Daten zeigen auch, dass sich die heutige Vielfalt explosionsartig aus wenigen Spezies bereits nach 15 Millionen Jahren entwickelt hatte. KIT-Forscher entwarfen die Algorithmen für die umfassende Analyse der Vogel-Evolution. Für die jetzt im Fachjournal Science vorgestellten Ergebnisse wurde eine Rechenleistung von 300 Prozessorjahren benötigt. (DOI 10.1126/science.1253451)
„Die Berechnung dieser Stammbäume für die Evolutionsforschung ist ohne entsprechende Algorithmen und Supercomputer nicht möglich“, erklärt Alexandros Stamatakis, Professor für High Performance Computing in den Lebenswissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie und Leiter der Forschungsgruppe „Scientific Computing“ am Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS). „Moderne Sequenzanalysen liefern heutzutage umfangreiche Gendaten über zahlreiche Spezies. Aber mit der Aufgabe, auch evolutionäres Wissen aus diesen riesigen und komplexen Datenmengen zu erzeugen, waren Computerprogramme bislang selbst auf Supercomputern überfordert.“
Obwohl Supercomputer mittlerweile Tausende Prozessoren besitzen, war die Software für Stammbaumanalysen auf etwa 500 Prozessoren beschränkt. „Wir mussten daher das Kommunikationsschema zwischen den Programmteilen auf verschiedenen Prozessoren überdenken und neu entwickeln,“ so Stamatakis. Der neue Ansatz beschleunigte die Software um den Faktor 3 und ermöglicht es gleichzeitig die Rechnungen auf 4000 Prozessoren effizient zu verteilen. Informatiker sprechen hier von der Parallelisierung von Algorithmen. „Statt 24 Monate warten wir nun also nur 1 Monat auf die Ergebnisse.“
Die Berechnung von Stammbäumen gehört zu einer extrem rechenintensiven Klasse von mathematischen Problemen (NP-Hard genannt). „Schon bei 50 Spezies gibt es mehr als 10 hoch 76 mögliche Stammbäume, aus denen der Richtige gefunden werden muss“, erklärt Andre J. Aberer, Doktorand am KIT und Mitarbeiter des HITS, der die Computeranalysen durchgeführt hat. „Zum Vergleich: Im Universum gibt es etwa 10 hoch 78 Atome.“ Die Algorithmen filtern zunächst grob die unwahrscheinlichen Evolutionsszenarien heraus. Unter den verbliebenen wird dann anhand der Daten von jeweils 14 000 Genen von 48 repräsentativen Vogelspezies der evolutionäre Stammbaum berechnet, der die Daten plausibel erklärt. Die neue parallele Software wurde am Höchstleistungsrechner „SuperMUC“ des Leibniz-Rechenzentrums der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und zwei US-Rechenzentren ausgeführt. Die aufgewandte Rechenleistung entspricht einer Rechenzeit von 300 Jahren auf einem einzelnen Prozessor.
„Die von uns entwickelten Methoden zur Stammbaumberechnung sind auf alle Arten von Lebewesen anwendbar“, so Stamatakis. Sie ermöglichten bereits eine umfassende Studie zum Stammbaum der Insekten mit 144 Arten, die vor Kurzem im Fachmagazin Science veröffentlicht wurde. Aber auch der Ursprung und die Verbreitung von Viren und Bakterien lassen sich damit nachvollziehen, um etwa Krankheitserreger besser bekämpfen zu können. Die Analyse der genetischen Verwandtschaft von australischen Giftschlangen half entscheidend, die noch fehlende Gegengifte für einige Schlangenarten zu identifizieren.
Zu den neuen Erkenntnissen über Vögel, die nun zeitgleich in insgesamt 23 wissenschaftlichen Veröffentlichungen bei Science und weiteren Fachjournalen publiziert werden gehören, neben dem Stammbaum und der Evolution der Vögel:
– Genetische Grundlagen der Biodiversität.
– Die genetischen Grundlagen der Hirnregionen, die die Entstehung des Vogelgesangs steuern.
– Der Verlust von Zähnen bei Vögeln vor rund 100 Millionen Jahren.
– Die Verwandtschaft von Dinosauriern und Vögeln.
– Wie farbige Federn entstanden sind.
Die aktuelle Studie über die Entwicklung der Vögel wurde vom „Avian Phylogenomics Consortium“ durchgeführt, welches 200 Wissenschaftler an 80 Instituten in 20 Ländern umfasst. Koordinatoren waren Guojie Zhang vom BGI in China, Erich D. Jarvis von der Duke University in den USA und M. Thomas P. Gilbert vom Natural History Museum in Dänemark. Tandy Warnow von der University of Illinois und Alexandros Stamatakis waren die Koordinatoren der Computeranalysen. Alexandros Stamatakis und Andre J. Aberer sind die einzigen deutschen Ko-Autoren. Die Studie stellt die größte Genomanalyse einer Wirbeltierklasse dar und umfasst unter anderem Enten, Falken, Spechte und weitere Repräsentanten aller Zweige der modernen Vögel. Alle Daten und Methoden werden nun Forschern weltweit für weitere Studien kostenlos zugänglich gemacht.
Web-Site der Forschungsgruppe von Alexandros Stamatakis:
http://www.exelixis-lab.org
http://www.informatik.kit.edu/309_6333.php

12.12.2014, Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) – Forschungsinstitut für Archäologie
Mammut als Nahrungsergänzung bei Neandertalern
Bedeutung der „Megafauna“ für Ernährungsstrategien von Neandertalern: Neue archäozoologische Untersuchungen belegen, dass Neandertaler zwar erfolgreiche und effiziente Mammutjäger waren, die „Megafauna“ aber nur eine untergeordnete Rolle in der Ernährung spielte. Die Ergebnisse der kontextuellen Studie von Dr. Geoff Smith (MONREPOS, Neuwied) erscheinen nun im Journal of Human Evolution.
Überlebensstrategien und Ernährungsweise von Neandertalern spielen eine herausragende Rolle für das Verständnis der frühen Menschheitsgeschichte und die Entwicklung unseres heutigen Verhaltens. Besondere Aufmerksamkeit erfahren sie seit dem Nachweis einer genetischen Verwandtschaft von Neandertalern und anatomisch modernen Menschen. Archäozoologische Untersuchungen der Jagdbeutereste zeigen, dass Neandertaler raubtierartig lebten, erfolgreiche Großwildjäger und ausgemachte Fleischfresser waren. Isotopenanalysen sprechen sogar dafür, dass Mammuts ganz oben auf dem Speiseplan der Neandertaler standen. Sie zu jagen ist keine Kleinigkeit, werden Mammuts doch über 3m hoch und wiegen bis zu 6t. Nur: deren Knochen finden sich vergleichsweise selten auf den Fundplätzen dieser Zeit. Die Frage, welche Rolle Mammut und Wollnashorn tatsächlich in den neandertalerzeitlichen Ernährungsstrategien und Landnutzungssystemen spielten, wie gezielt und häufig Neandertaler den Kampf mit den Riesen aufnahmen, steht deshalb im Fokus der Forschungen von Dr. Geoff Smith. Dazu hat er zunächst die Jagdbeutereste des Fundplatzes La Cotte de St. Brelade (Insel Jersey, Großbritannien) analysiert. Und auf dieser Basis die Rolle des Mammuts für die Ernährung in der Zeit vor 300.000 bis 35.000 Jahren europaweit im Kontext der Umweltgeschichte evaluiert.
Die Fundstelle La Cotte des St. Brelade liegt am äußersten Nordwestrand der Neandertalerzeitlichen Welt. Sie spielt eine Schlüsselrolle zum Verständnis der damaligen Jagd- und Ernährungsweise: „Hier wurden richtige Mammutknochenhaufen ausgegraben, das gibt es so nirgendwo sonst. Früher dachte man deshalb sogar, die Neandertaler hätten hier ganze Mammutherden bei Treibjagden abgeschlachtet. “, so Geoff Smith. Neue topographische Untersuchungen der Fundstelle und Analysen der Knochenreste fanden dafür zwar keine Belege; ganz sicher hat man jedoch über einen langen Zeitraum immer wieder in La Cotte gejagt und die riesigen Beutetiere hier effizient ausgeschlachtet.
Um zunächst die Funktion der Fundstelle La Cotte de St. Brelade und die Überlieferungsgeschichte der Knochen rekonstruieren zu können, hat der Archäozoologe sie akribisch nicht nur nach Tierarten und Körperteilen bestimmt, sondern auch auf Verwitterung, Brandspuren, Raubtierverbiss und Fragmentierungsweise untersucht. Im Gegensatz zu den anderen Fundplätzen dieser Zeit überwiegen in La Cotte Mammute und Wollnashörner unter den Jagdbeuteresten vor kleineren Rindern, Hirschen und Pferden. Smith fand bei seinen Analysen viele Schnitt- und Schlagspuren auf den Mammutknochen. Sie belegen, dass die Tiere hier zerlegt und entfleischt wurden. Man nutzte auch Hirn und Knochenmark und verbrannte viele Knochen anschließend, vielleicht als Holzersatz.
„Die Jäger in La Cotte waren trotzdem keine spezialisierten Mammutjäger. Die Tierknochen zeigen, dass Neandertaler hier und anderswo ganz opportunistisch vorgegangen sind; ihre Ernährungsstrategien waren viel komplexer, als man lange Zeit dachte. Neandertaler haben verschiedene Tiere im Verlauf der Zeit unterschiedlich intensiv bejagt. Meist waren das mittelgroße Pflanzenfresser wie Wildrinder oder Pferde. Mammuts waren eher so eine Art Nahrungsergänzung, mit der man auf Klima- und Umweltschwankungen reagieren konnte“, so Smith.
Seine Studien zeigen auch: es bedarf diachroner, disziplinübergreifender Forschungen, die sowohl den ökologischen und sozialen Kontext, als auch die Überlieferungsgeschichte der Funde einschließen. Erst auf dieser Basis lässt sich unsere Verhaltensentwicklung in der frühen Menschheitsgeschichte entschlüsseln.
Publikation
G. M. Smith, Neanderthal megafaunal exploitation in Western Europe and its dietary implications: A contextual reassessment of La Cotte des St Brelade (Jersey). Journal of Human Evolution.
http://dx.doi.org/10.1016/j.jhevol.2014.10.007

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