Wissenswertes über Rundmäuler

Bachneunauge (Wilhelm von Wright)

Bachneunauge (Wilhelm von Wright)

Die Rundmäuler (Cyclostomata) sind eine Überklasse der Chordatiere, in der die heute noch lebenden kieferlosen Wirbeltiere, die Schleimaale und die Neunaugen, vereint werden.
Schleimaale leben weltweit in allen Ozeanen mit Ausnahme des Roten Meeres und der Polarmeere. In tropischen Meeren sind sie ausschließlich Bewohner der Tiefsee. Neunaugen bewohnen Randmeere und Süßgewässer gemäßigter Zonen; die Mehrzahl der Arten auf der Nordhalbkugel der Erde, vier weitere im Südosten Australiens, in Neuseeland und im südlichen Chile.

Alle Rundmäuler besitzen einen aalartigen, langgestreckten und schuppenlosen Körper mit einem knorpeligen Innenskelett und besitzen keine paarige Flossen und die damit verbundenen Gürtelbildungen (Schultergürtel und Beckengürtel). Die Fähigkeit zur Knochenbildung fehlt. Wichtigstes Element des Achsenskeletts ist die Chorda dorsalis, die zeitlebens biegsam bleibt. Das Rückenmark ist abgeflacht, bei den Neunaugen aber weniger stark. Das Neurocranium endet mit dem Labyrinth und ist ohne Occipitallappen, das Nervensystem besitzt keine Myelinscheiden.
Ein Kiemenkorb ist nur bei den Neunaugen ausgebildet. In beiden Gruppen liegen die Kiementaschen innerhalb der Kiemenbögen und die Kiemenblätter entstehen aus dem Entoderm, bei den Kiefermäulern (Gnathostomata) aus dem Ektoderm und die Kiementaschen liegen außerhalb der Kiemenbögen.
Der Name Rundmäuler (Cyclostomata) wurde wegen der runden, kieferlosen Mäuler beider Taxa vergeben. Die Mäuler verfügen über Hornzähnchen, und sind möglicherweise eine Anpassung an die parasitische Lebensweise. Ein sogenannter Zungenapparat übernimmt bei beiden Taxa das Abraspeln von Nahrungsteilchen. Ob dieser Raspelapparat in beiden Gruppen homolog ist, ist bisher ungeklärt.

Myxine glutinosa (Gervais et Boulart)

Myxine glutinosa (Gervais et Boulart)

Die Rundmäuler sollen sich vor etwa 500 Millionen Jahren im Kambrium aus einem letzten gemeinsamen Vorfahren aller Wirbeltiere entwickelt haben, der allerdings wesentlich komplexer war als die Rundmäuler. Die Rundmäuler durchliefen daraufhin eine Degeneration und verloren zahlreiche der für Wirbeltiere typischen Merkmale. 360 Millionen Jahre alte Fossilien von Neunaugen und 300 Millionen Jahre alte von Schleimaalen sind den modernen Formen schon recht ähnlich.
Die ältesten bekannten Fossilien, die sich den Schleimaalen oder sehr nah verwandten Tiergruppen zuordnen lassen, stammen aus dem oberen Karbon. Es handelt sich dabei um den etwa sieben Zentimeter langen Myxinikola siroka aus den USA, der mit seinen Tentakeln an der Mundöffnung sowie den nachgewiesenen Hornzähnchen sehr typische Merkmale der Tiere aufwies. In die nahe Verwandtschaft der Schleimaale wird der Myllokunmingia fengjioana aus China aus dem unteren Kambrium eingeordnet. Dieses und auch die Einordnung verschiedener Tiergruppen in die weitere Stammesentwicklung in Richtung der moderneren Schädeltiere wie den Arandaspidida oder den Astraspidida aus dem mittleren bis oberen Ordovizium lassen darauf schließen, dass die Schleimaale auf Formen zurückgehen, die sich bereits im Kambrium vor etwa 545 Millionen Jahren entwickelt haben.
Schleimaale trennten sich ca. 30 Millionen Jahre vor dem Auftreten von Neunaugen von jener stammesgeschichtlichen Linie ab, die zu den kiefer-tragenden Wirbeltieren führte.
Anders als frühere Annahmen nahelegten, scheint die sehr eingeschränkte Funktionstüchtigkeit der Augen von Schleimaalen keine Folge einer Rückbildung zu sein. Eine 2007 veröffentlichte Studie ergab, dass die Augen eher als eine besonders ursprüngliche („primitive“) Form im Rahmen der Evolution des Auges zu deuten seien.

Analysen des Genoms von Meerneunaugen zeigen, dass die Familie der Neunaugen Charakteristika einer zweifachen Genverdoppelung (Genduplikation) aufweisen. Die Neunaugen sind somit die älteste Wirbeltierfamilie, bei der diese Besonderheit nachgewiesen wurde. Die Genomvergrößerung fand demnach in der Wirbeltiergeschichte noch vor der Abspaltung der Neunaugen, also vor mehr als 500 Millionen Jahren statt. Sie stellte in der Evolution der Wirbeltiere ein prägendes Ereignis dar, unter anderem weil die zusätzlichen Gene in der weiteren Entwicklung neue Anpassungen ermöglichten.

Von den Erbanlagen der Kiefermäuler finden sich viele Gene schon beim Meerneunauge (1,2 bis 1,5 Prozent der Erbanlage des Menschen), sogar einige der genetischen Regulatoren für paarige Gliedmaßen, obwohl Neunaugen selbst nur einen unpaarigen Flossensaum an Bauch und Rücken ausgebildet haben.

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