Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

12.01.2015, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Buchtipp: Atlas des Vogelzugs — Ringfunde deutscher Brut- und Gastvögel
Die Beringung von Vögeln ist nach wie vor eine der wichtigsten Methoden zur Erforschung des Vogelzugs. In Deutschland werden seit mehr als 100 Jahren Vögel beringt. Über 20 Millionen Tiere haben seither mehr als eine Million Rückmeldungen erbracht. Was bislang fehlte, war eine zusammenfassende Darstellung der Funde. Der „Atlas des Vogelzugs“ schließt diese Lücke, indem er die Daten der drei deutschen Beringungszentralen erstmals umfassend zusammenführt und in zahlreichen Karten und prägnanten Texten übersichtlich darstellt. Anhand der Funde von in Deutschland beringten bzw. mit einem auswärtigen Ring gefundenen Vögeln werden die Zug- und Überwinterungsgebiete der hierzulande brütenden, aber auch die Herkunftsgebiete durchziehender bzw. überwinternder Arten aufgezeigt. Darüber hinaus wird die Arbeit der zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter gewürdigt, die mit ihrem Einsatz seit jeher einen unschätzbaren Beitrag zur Vogelforschung leisten.
Der 586 Seiten starke und mit 950 Karten sowie weiteren 88 überwiegend farbigen Abbildungen bebilderte Atlas ist im AULA-Verlag erschienen.
Weitere Informationen dazu findet man hier.

12.01.2015, NABU
Naturspektakel im Landkreis Lörrach
„Invasion“ der Bergfinken
Als vor wenigen Tagen bei Rudi Apel vom NABU Görwihl das Telefon klingelte, sprach ihn der Anrufer auf die riesigen Vogelschwärme an, die am Himmel bei Haseln (Landkreis Lörrach) zu sehen wären. Der Vogelexperte vom NABU Görwihl vermutete gleich, dass es sich um einen Schlafplatz des Bergfinks handeln würde.
Schon im Jahr 2010 gab es ein vergleichbares Vorkommen bei Görwihl, auch damals waren Millionen von Vögeln in großen Schwärmen unterwegs.
Wie viele es diesmal sind, lässt sich schwer abschätzen. Experten gehen davon aus, dass es derzeit rund zwei Millionen Individuen sind, die in einem kleinen Waldstück nächtigen.
Die Bergfinken besetzen Bäume, vorwiegend Nadelbäume wie Fichten zum schlafen und ernähren sich von Bucheckern, Mais, Fichtensamen sowie aus vom Menschen aufgestellten Futterangeboten. Bergfinken verlassen ihre Brutgebiete in Russland und im Nordosten Europas, um in Mitteleuropa zu überwintern. Ihre Verbreitung wird dann maßgeblich vom Angebot an Bucheckern im Wald und Mais auf den Feldern bestimmt.
In manchen Jahren gibt es viele, in anderen keine Bergfinken in Baden-Württemberg. Wenn sie kommen, dann meist in riesigen Schwärmen mit Millionen von Individuen. Nach 2012 und 2010 scheint dieses Jahr wieder ein Buchfinken-Winter zu sein.
Beim letzten großen Masseneinflug des Bergfinks im Jahr 2010 flogen die Vögel erst im März wieder in den Norden zurück. „Ich erinnere mich, dass am 20.03.2010 die letzten Nachzügler abgeflogen waren“, so Rudi Apel. Wie sie sich dieses Jahr verhalten, bleibt abzuwarten.

Nebenbei bemerkt: Aktuelle Ergebnisse und Prognosen zur Stunde der Wintervögel findet man hier. Eigene Ergebnisse kann man noch bis zum 19. Januar (beispielsweise über das Widget auf der rechten Seite) melden.

Die nachfolgende Pressemitteilung hat zwar unmittelbar nichts mit Tieren zu tun, aber ich fand sie so interessant, dass ich sie den Lesern meines Blogs nicht vorenthalten wollte. Und es ist ja nicht der erste Ausflug in die Botanik (und der letzte wird es auch nicht sein).

12.01.2015, Universität Wien
Fleischfressende Pflanze auch vegetarisch glücklich
Der Trend zur fleischlosen Ernährung macht auch vor Pflanzen nicht halt: Wie eine ForscherInnengruppe um Marianne Koller-Peroutka und Wolfram Adlassnig von der Universität Wien herausfand, ernährt sich der Wasserschlauch, eine Wasserpflanze, die auch in vielen österreichischen Seen und Tümpeln zu finden ist, nicht nur von kleinen Wassertieren, sondern auch von Algen und Blütenpollen. Damit kann er nicht nur in Gewässern überleben, wo Tiere sehr selten sind – auch bei erfolgreicher Jagd auf tierische Beute profitieren die Pflanzen von einer ausgewogenen, algenreichen Ernährung. Die Ergebnisse der Studie wurden soeben in der renommierten Zeitschrift „Annals of Botany“ veröffentlicht.
Fleischfressende Pflanzen fangen kleine Tiere, verdauen sie und nutzen sie für ihre eigene Ernährung. Der Wasserschlauch (Utricularia) ist mit über 200 Arten die größte Gattung karnivorer (fleischfressenden) Pflanzen. Er fängt seine Beute unter Wasser mit Hilfe raffinierter blasenförmiger Fangorgane, mit denen ein starker Unterdruck aufgebaut wird. Bei der kleinsten Berührung öffnet sich eine Tür, Wasser strömt in die Falle ein und reißt kleine Organismen mit sich. Nach kaum drei Millisekunden schließt sich die Tür wieder, die Beute erstickt in der geschlossenen Falle und wird von einer eigens gebildeten Verdauungsflüssigkeit aufgelöst. Die im Fang enthaltenen Mineralstoffe ermöglichen es dem Wasserschlauch, auch extrem nährstoffarme Lebensräume zu besiedeln.
Nicht nur Tiere werden gefangen
Seit über 100 Jahren konnten immer wieder Algen in den Fallen der Utricularia gefunden werden, doch erst jetzt wurde ihr Anteil an der Beute von Marianne Koller-Peroutka und Wolfram Adlassnig in einem Projekt des Hochschuljubiläumsfonds der Stadt Wien im Detail untersucht. Die Analyse von über 2.000 Fallen ergab, dass nur knapp zehn Prozent der gefangenen Objekte Tiere sind, 50 Prozent aber Algen. In nährstoffarmen Gewässern, wie beispielsweise Moorseen, überwiegt der Fang von Algen ganz besonders. Mehr als ein Drittel der Beute bestand zudem aus Pollen von Bäumen, die am Ufer wuchsen und deren Blütenstaub ins Wasser fiel. Allerdings sieht es nicht danach aus, als ob Utricularia sich ihre Beute aussuchen könnte, vielmehr wird unterschiedslos alles gefangen, was klein genug ist, um durch die Fallentür zu passen.
Vielseitige Ernährung ist gesund
Zunächst vermutete die Forschergruppe daher, Algen und Pollen wären nutzloser Beifang, der nur zufällig zusammen mit Tieren von den Fallen geschluckt worden wäre. Sobald sie jedoch die Zahl der gefangenen Algen mit dem Wachstum der Pflanzen und mit der Bildung von Überwinterungsknospen verglichen, ergab sich ein anderes Bild: Utricularia-Pflanzen, die viele Algen und Pollenkörner gefangen haben, werden länger, bilden mehr Biomasse aus und wirken generell kräftiger. Dafür erhöht der Fang von Tieren den Stickstoffgehalt der Pflanzen sowie die Bildung der Überdauerungsknospen, die für das Überleben im Winter entscheidend sind. Pflanzen mit einer vielseitigen Ernährung, die sowohl Algen als auch Pollen und Tiere gefangen hatten, wiesen den besten Allgemeinzustand auf. Man kann daher annehmen, dass die Pflanzen manche Nährstoffe, etwa Stickstoff, vor allem aus Tieren, andere – wie Spurenelemente – hingegen bevorzugt aus Algen oder Pollenkörner beziehen.
Fallen schlucken auch selbständig
Bislang wurde vermutet, der Saugmechanismus der Falle müsste durch die Bewegung eines Tieres ausgelöst werden; erst kürzlich veröffentlichte Laboruntersuchungen haben aber gezeigt, dass die Fallen auch von selbst auslösen können, wenn sie längere Zeit nicht gereizt werden. Tatsächlich scheint die Fähigkeit, von selbst Beute einzusaugen, im natürlichen Lebensraum von entscheidender Bedeutung zu sein: Mehr als die Hälfte der Fallen enthält nur unbewegliche oder sehr kleine Beuteobjekte wie Algen, Pollen, Bakterien oder Pilze, aber keine Tiere, welche die Falle hätten auslösen können.
Durch die Fähigkeit, Organismen aller Art zu fangen und zu verwerten, kann der Wasserschlauch auch Gewässer besiedeln, in denen Tiere selten sind, und wo allein die Fähigkeit zum Tierfang nur von geringem Nutzen wäre. Algen, Pollenkörner und die Tiere enthalten zudem unterschiedliche Elemente und Verbindungen, der Fang eines weiten Beutespektrums sorgt damit auch für eine breite Palette an Nährstoffen, die der Pflanze zu Verfügung stehen. Auch Pflanzen profitieren somit von einer ausgewogenen Ernährung.
Publikation in Annals of Botany:
Koller-Peroutka M., Lendl T., Watzka M. und W. Adlassnig „Capture of Algae Promotes Growth and Propagation in Aquatic Utricularia“ in: Annals of Botany – vorgesehen für Vol. 15, Februar 2015
DOI: http://dx.doi.org/10.1093/aob/mcu236

12.01.2015, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Was auf den Tisch kommt, wird gefressen – Europas Nashörner mit cleveren Ernährungsstrategien
Eiszeitpaläontologe Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke von der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar hat gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Eline van Asperen von der Liverpool John Moores Universität das Fressverhalten der ausgestorbenen europäischen Nashornarten Stephanorhinus kirchbergensis und Stephanorhinus hemitoechus untersucht. Sie kommen zu dem Schluss, dass die damals auch in unseren Breiten beheimateten sogenannten „Wald“- bzw. „Steppennashörner“ sich in ihrer Ernährung nicht an ihre namensgebenden Lebensräume hielten. Die Studie ist kürzlich im Fachjournal „Quaternary Science Reviews“ erschienen.
Das heutige afrikanische Spitzmaul-Nashorn ernährt sich bevorzugt von weicher Pflanzenkost – zu seiner Leibspeise gehören Blätter, die es von Ästen und Zweigen abstreift. Das in Afrika beheimatete Breitmaulnashorn dagegen ist vollständig an harte Grasnahrung angepasst. Bei den ausgestorbenen europäischen Nashornarten Stephanorhinus kirchbergensis und Stephanorhinus hemitoechus, landläufig als „Wald“- bzw. „Steppennashorn“ bezeichnet, ging man bisher ebenfalls von einer engen Nahrungsspezialisierung aus.
„Wir haben die Nahrungsspektren der beiden Nashornarten untersucht und dabei zu unserer Überraschung festgestellt, dass sich die Tiere in Extremsituationen eine beachtliche Flexibilität in ihrer Ernährung bewahrten“, erklärt Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke, Leiter der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar.
Beide Arten entstanden in einer Zeitspanne relativ lang andauernder Warmzeiten, welche gute Voraussetzungen für die Entstehung von Nahrungsspezialisten bot. „Wir sind deshalb davon ausgegangen, dass die Tiere eine sehr deutliche Bindung an die Nahrungsressourcen von Wald oder Steppe hatten“, ergänzt Kahlke.
Gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Eline van Asperen von der Liverpool John Moores Universität in Großbritannien hat Kahlke fossile Nashornzähne von zahlreichen Fundstellen in Deutschland und Großbritannien untersucht. Anhand der Gebisse von über 200 fossilen Nashornindividuen wurde mit der „Mesowear-Methode“ zur Untersuchung der Zahnabnutzung das Nahrungsspektrum der ausgestorbenen Dickhäuter rekonstruiert. Die zwischen 350.000 und 100.000 Jahre alten Belegstücke stammen überwiegend aus den Sammlungen der Senckenberg Forschungsstation in Weimar – mit tausenden Präparaten von über 400 Individuen die größte Sammlung fossiler Nashornreste Europas.
„Obwohl beide untersuchte Nashornarten durchaus verschiedene Lebensräume bevorzugten – Wald oder Offenland – und auch eine entsprechende Morphologie für eine Nahrungsspezialisierung hatten, zeigen unsere Untersuchungen, dass beide Tiere sogenannte ‚mixed feeder‘, also ‚Gemischtfresser‘ waren“, erläutert Kahlke und fügt hinzu: „Demnach konnten sie sowohl weiche Blätterkost, als auch harte Gräser zu sich nehmen.“
Das ursprünglich aus Asien eingewanderte „Waldnashorn“ Stephanorhinus kirchbergensis war größer als alle heutigen Nashörner und „sowohl die Form seines Gebisses, als auch die horizontale Kopfhaltung lassen eine Bevorzugung von Nahrung aus Wäldern erkennen“, sagt Kahlke. Das etwas kleinere „Steppennashorn“ Stephanorhinus hemitoechus hingegen hatte eine abgesenkte Schädelhaltung – das und die Zahnmorphologie deuten darauf hin, dass die Tiere auf härtere Bodenvegetation spezialisiert waren.
Anhand zahlreicher Fundstellen hat das britisch-deutsche Team festgestellt, dass die ausgestorbenen Nashörner bei einem vielfältigen Nahrungsangebot zwar ihre Präferenzen hatten, bei einem eintönigen Angebot aber durchaus „über ihren „‘ökologischen Schatten‘ springen konnten und mit dem vorlieb nahmen was die Natur ihnen bot“, ergänzt Kahlke. Diese Überlebensstrategie – trotz Spezialisierung die Fähigkeiten zur Nahrungsumstellung beizubehalten – wurde erstmals so deutlich für eine Großsäugetiergruppe des Eiszeitalters nachgewiesen.
Auch Landschaftsrekonstruktion müssen hinsichtlich der überraschenden Ergebnisse überdacht werden. Der Weimarer Eiszeitforscher erläutert: „Eine Fundstelle mit vielen ‚Waldnashörnern‘ bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich die Fundstelle in waldreicher Umgebung bildete.“ Zudem schließt Kahlke Auswirkungen auf aktuelle Schutzkonzepte nicht aus: „Unsere Studie ist vielleicht ein Denkanstoß, um die Lebensräume heutiger Tierarten besser zu verstehen. Eventuell entspricht der Lebensraum heutiger bedrohter Arten nicht immer ihrem ökologischen Optimum, sondern resultiert aus einer ähnlichen Flexibilität, wie bei den pleistozänen Nashörnern.“
Publikation
Eline N. van Asperen, Ralf-Dietrich Kahlke: Dietary variation and overlap in Central and Northwest European Stephanorhinus kirchbergensis and S. hemitoechus (Rhinocerotidae, Mammalia) influenced by habitat diversity. Quaternary Science Reviews, Volume 107, 2015, Pages 47-61, ISSN 0277-3791, http://dx.doi.org/10.1016/j.quascirev.2014.10.001.

13.01.2015, HOBOS
Bienenforschung: Neues Wissen aus alten Stöcken
Neue Daten und neue Erkenntnisse – darum geht es in Jürgen Tautz‘ jetzt veröffentlichtem Bienenbuch „Die Erforschung der Bienenwelt“, das auf Basis der HOBOS-Messstation entstanden ist. Über das Internet www.hobos.de lassen sich die HOBOS-Bienenstöcke rund um die Uhr beobachten, so dass jeder Nutzer selbst Neues zur Honigbiene entdecken kann. Die Buchvorstellung findet am 20. Januar im Audi Konferenz Center in Ingolstadt statt.
Jürgen Tautz, Biologieprofessor an der Universität Würzburg und renommierter Bienenexperte, versammelt neue Fakten zur Honigbiene in dem 80-seitigen Buch, das die Audi Stiftung für Umwelt zusammen mit dem KLETT Mint Verlag herausgeben. Das HOBOS-Buch (Erstauflage: 15.000) umfasst vier Kapitel, wovon jedes neue Daten und Ideen enthält. Das erste Kapitel widmet sich dem Schwarmverhalten. „Neu sind die erstmals mit HOBOS aufgenommenen Daten aus dem Inneren eines Bienenstockes vor dem Aufbruch eines Schwarmes“, so Tautz. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem Wabenbau. Auch das dritte Kapitel zur Nestklimatisierung stützt sich auf erstmals völlig neue mit HOBOS aufgenommene Daten aus dem Bienenstock. Das vierte Kapitel handelt von der Zusammenarbeit der Honigbienen, z.B. bei der Tanzkommunikation. Zahlreiche Fotografien von Helga R. Heilmann bebildern den Band. Das Buch richtet sich an alle Bieneninteressierten. Und was bedeutet das Buch für das HOBOS-Projekt selbst? „Es stellt einen wichtigen Baustein auf dem Weg zu einem festen Bestandteil im Unterricht dar“, so Tautz.
Am 20. Januar wird das Buch „Die Erforschung der Bienenwelt“ offiziell im Audi Konferenz Center Ingolstadt ab 18 Uhr präsentiert. Die Gesprächsrunde findet mit Professor Jürgen Tautz (Autor), Dr. Dagobert Achatz (Audi Stiftung für Umwelt) und Andreas Fingas (Moderation) statt. Bei Interesse an einer Teilnahme wird um Anmeldung über die E-Mail-Adresse gebeten. Das Buch „Die Erforschung der Bienenwelt“ ist über die Audi Umweltstiftung kostenfrei erhältlich.

14.01.2015, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Lebten uralte Skorpione im Wasser oder an Land?
Ein Forscherteam vom Royal Ontario Museum Kanada veröffentlichte zusammen mit Jason Dunlop vom Museum für Naturkunde Berlin, in der internationalen Fachzeitschrift Biology Letters den einzigartigen Fund einer Versammlung 430 Millionen Jahre alter Skorpione aus Ontario, Kanada. Besonders sind das Alter und die Menge der Fossilien, aber auch der moderne Bau der Laufbeine. Seit langem wird diskutiert, ob die ersten Skorpione im Wasser oder auf dem Land lebten. Manche uralten Skorpione hatten spitze, krabbenähnliche Beine und wurden dadurch als reine Meeresbewohner interpretiert. Die Neufunde aus Kanada hatten deutliche ‚Füße‘ und waren damit viel besser für ein Landleben angepasst.
Skorpione sind die ältesten bekannten Spinnentiere, die schon im Zeitalter des Silurs die Erde bevölkerten. Der älteste Fund stammt aus Schottland und ist 438 Millionen Jahre alt. Ein wenig jünger, aber viel besser erhalten, sind einige neu beschriebene 430 Millionen Jahre alte Skorpion- Fossilien aus der Bruce Penninsula in Ontario, Kanada. Eramoscorpius brucensis wurde neulich von einer Forschergruppe aus Kanada und Deutschland beschrieben, und bietet spannende Einblicke in die Anfangsphase der Evolution der Skorpione.
Eine wichtige Frage, die Wissenschaftler seit mehr als einhundert Jahren beschäftigt ist; ob die ältesten Skorpione im Meer oder an Land lebten. Es ist die grundlegende Frage, ob Skorpione eine der ältesten Tiergruppen waren, die den bedeutsamen Schritt vom Leben im Wasser zum Leben auf dem Land geschafft haben. Einige der uralten Skorpione findet man nur in Meeressedimenten, vergesellschaftet mit fossilen Meerestieren. Manche davon hatten kurze dicke Beine, die in einer spitzen Kralle endeten und damit sehr ähnlich wie die Beine von Krebsen aussahen. Tiere mit dieser Beinanatomie schienen nicht besonders geeignet für ein dauerhaftes Leben auf dem Land.
Eramoscorpius brucensis ist auch sehr alt, besaß aber Beine ähnlich den heutigen Skorpionen. Insbesondere war das letzte Beinglied (der Tarsus) relativ lang und konnte damit als ‚Fuß‘ flach auf dem Boden platziert werden. So ein Körperbau bot dem Spinnentier viel mehr Stabilität und Bewegungsfreiheit auf dem Land und war damit ein wichtiger Fortschritt auf dem Weg zu einem Lebensbereich unabhängig vom Wasser. Wo genau Eramoscorpius brucensis lebte bleibt unklar. Die Sedimente deuten auf ein Wassertier. Eine Möglichkeit wäre aber auch, dass die Tiere aus dem Wasser kamen um sich zu häuten. Vor rund 430 Mio. Jahren gab es kaum Fressfeinde auf dem Land, die die Skorpione während dieser empfindlichen Lebensphase hätten angreifen können
Veröffentlicht in: Waddington J, Rudkin DM, Dunlop JA. 2015. A new mid-Silurian aquatic scorpion—one step closer to land? Biology Letters 20140815. http://dx.doi.org/10.1098/rsbl.2014.0815

15.01.2015, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Warum haben Schlangen keine Beine?
Mit einem Zürcher Kollegen entdeckte Ingmar Werneburg vom Museum für Naturkunde Berlin, wie Schlangen ihre Beine verloren haben. Die Ergebnisse wurden in der internationalen Fachzeitschrift Evolution veröffentlicht. In Wirbeltierembryonen bilden sich in bestimmten Reihenfolgen nacheinander die einzelnen Knochen des Körpers aus. Der Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Arten erlaubt Rückschlüsse auf Veränderungen der embryonalen Knochenbildung während der Evolution. Eine Stammbaum-Analyse zeigte, dass im Laufe der Evolution zahlreiche Knochen immer später erschienen, bis sie bei den Schlangen gar nicht mehr ausgebildet wurden. Das erklärt den Verlust der Beine.
Schlangen gehören zu den eindrucksvollsten Reptilien der Welt. Durch ihre ungewöhnliche Körperform und ihr Verhalten sind sie in den Mythologien und der Psyche des Menschen tief verankert. Heutige Schlangen haben keine Beine. Aber sie können sich schlängelnd oder schwimmend problemlos fortbewegen. Auch zahlreiche Schädelelemente sind reduziert, was nicht zuletzt eine große Beweglichkeit innerhalb des Kopfes ermöglicht. Schlangen können den Kiefer weit ausklappen und dehnen, um Objekte mit vielfacher Körpergröße zu verschlingen. Viele Arten haben in den Kiefern riesige Giftzähne, um ihre Beute zu lähmen oder zu töten.
Der Ursprung der Schlangen ist bis heute nicht geklärt. Entweder stammen sie von echsenartigen Landtieren, grabenden Formen oder von Meeresreptilien ab. Anatomische und genetische Untersuchungen liefern zu dieser Frage unterschiedliche Ergebnisse. Besonders beeindruckend ist die Tatsache, dass fossile Schlangen – und sogar noch wenige heutige Arten wie Pythons und Boas – Rudimente von Hüft- oder sogar Hinterbeinknochen aufweisen. Eine ungeklärte Frage war, wie es zum Verlust der Beine bei den Vorfahren der heutigen Schlangen kam. Wenn Fossilbericht und vergleichende Anatomie keinen Aufschluss über solche Probleme liefern können, lohnt sich immer ein Blick in die Embryonalentwicklung der Tiere. Die Forscher haben daher untersucht, wie sich das Muster der Verknöcherungssequenzen innerhalb der Reptilienevolution verändert hat. Dazu wurden Mikro-Computertomographie-Scans und angefärbte Skelettpräparate verschiedener Reptilienembryonen untersucht und die Daten in einem Stammbaumschema analysiert. Egal, welche Hypothese zum Ursprung der Schlangen verwendet wurde (terrestrisch, grabend oder marin), so war stets ein klares Muster bei allen Reptilien zu erkennen.
Im Vergleich zu ihren Vorfahren entwickeln sich bei den heutigen Reptilien sehr viele Knochen zeitlich verspätet. Das gipfelt letztlich in den Schlangen, bei denen zahlreiche Knochen extrem spät im Embryo erscheinen. Diese Knochen haben dann nur wenig Zeit, sich zu entwickeln und sind folglich im ausgewachsenen Tier nur klein – das erklärt die reduzierte Gestalt des gesamten Schlangenschädels. Das erste embryonale Erscheinen einiger Knochen ist im Laufe der Reptilienevolution zeitlich jedoch so stark nach hinten verschoben, dass sie bei den Schlangen am Ende gar nicht erst gebildet werden. Zu diesen Knochen zählen all jene des Schultergürtels und der Vorderbeine und letztlich auch des Beckens und der Hinterbeine. Die evolutionäre Tendenz embryonal spät erscheinender Knochen, die im ausgewachsenen Tier nur rudimentär ausgebildet sind, hängt mit dem Phänomen zusammen, dass viele Echsen im Laufe der Zeit eine grazile Körperform entwickelt haben. Die Schlangen stellen in diesem Aspekt einen Extremfall dar.
Veröffentlicht in: Werneburg I, Sánchez-Villagra. 2015. Skeletal heterochrony is associated with the anatomical specializations of snakes among squamate reptiles. Evolution 69(1): 254–263. doi: 10.1111/evo.12559

15.01.2015, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
560 Bienenarten genetisch erfasst – Großer Erfolg im DNA-Barcoding-Projekt
Am 15. Januar diesen Jahres veröffentlichen die Wissenschaftler der Zoologischen Staatssammlung München, die Teil der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) ist, die Ergebnisse ihrer mehr als fünfjährigen Forschungen über die Genetik deutscher Wildbienen. Insgesamt konnten sie dabei 503 der insgesamt 571 deutschen Wildbienenarten sowie weitere 58 Arten benachbarter Länder genetisch analysieren und in einer zentralen Gendatenbank erfassen. Dies ist die weltweit erste umfassende genetische Katalogisierung eines Landes dieser für die Bestäubung von Kulturpflanzen so wichtigen Insektengruppe.
Das DNA-Barcoding-Projekt der Zoologischen Staatsammlung München feiert einen weiteren großen wissenschaftlichen Erfolg. Am 15. Januar diesen Jahres veröffentlichen die Wissenschaftler der Münchener Institution, die Teil der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) ist, die Ergebnisse ihrer mehr als fünfjährigen Forschungen über die Genetik deutscher Wildbienen. Insgesamt konnten sie dabei 503 der insgesamt 571 deutschen Wildbienenarten sowie weitere 58 Arten benachbarter Länder genetisch analysieren und in einer zentralen Gendatenbank erfassen. Dabei werteten sie mehr als 4000 Individuen aus. Dies ist die weltweit erste umfassende genetische Katalogisierung eines Landes dieser für die Bestäubung von Kulturpflanzen so wichtigen Insektengruppe.
Die Gensequenzierung erfolgte im Rahmen der Projekte „Barcoding Fauna Bavarica“ und „Barcoding Fauna Germanica“. In diesem Projekten erfassen die Münchener Forscher den Gencode aller bayerischen, beziehungsweise deutschen Tierarten in einer Online-Bibliothek und stellen ihn damit für Fachleute zur Verfügung. Das Projekt ist Teil des „international Barcode of Life“ Projektes mit Sitz in Kanada. Es verfolgt das ehrgeizige Ziel, alle Tierarten weltweit genetisch zu erfassen. „Mit diesen genetischen Daten lassen sich künftig fast alle deutschen Wildbienenarten auf einfache Weise bis zur Art bestimmen. Bisher war das nur mit Hilfe hoch spezialisierter Fachleute möglich“, bringt Christian Schmid-Egger, Projektkoordinator für die Wildbienen, die Vorteile der neuen Methode auf den Punkt.
Wildbienen spielen eine bedeutende Rolle bei der Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen. Sie besitzen damit eine zentrale Rolle für die Biodiversität und sichern gleichzeitig die Erträge zahlreicher Kulturpflanzen. Vor allem im Obst- und Beerenanbau werden Wildbienen bereits gezielt gezüchtet und zur Bestäubung eingesetzt. Zudem setzen Ökologen Wildbienen vielfach beim Monitoring für Zwecke des Naturschutzes und der Landschaftsplanung ein. Ihr Einsatz wird mit genetischen Methoden künftig deutlich erleichtert. Die Bestände von vielen Wildbienenarten sind derzeit in Deutschland stark bedroht, zahlreiche Arten stehen auf der Roten Liste bedrohter Tierarten.
Doch die Münchener Forscher erzielten mit dem DNA-Barcoding auch eine Reihe höchst bemerkenswerter wissenschaftlicher Ergebnisse. „Die fast vollständige genetische Durchforstung des Artenbestandes in ganz Deutschland versetzt uns in die Lage, Arten völlig neu zu bewerten oder gar problematische Artenpaare zu identifizieren“, sagt Stefan Schmidt, Projektleiter im Barcoding-Projekt. So konnten die Wissenschaftler bei 56 Arten eine unerwartet hohe genetische Variabilität feststellen. Das könnte einen Hinweis auf neue, noch unbekannte Arten geben, die sich bisher unter den bekannten Arten versteckt hatten, erläutert der Forscher. In den kommenden Jahren ist es Aufgabe des Projektes, diesen Fällen nachzugehen und sie zu klären. Daraus werden sich noch viele spannende Nachfolgeprojekte ergeben, freut sich Schmidt.
Die aktuelle Fachpublikation erscheint in der sehr renommierten Fachzeitschrift Molecular Ecology Resources und zeigt, welch hohen Stellenwert die genetische Forschung der Münchener Insektenspezialisten in der Fachwelt inzwischen genießt. Besonders freuen sie sich darüber, dass sie Paul Hebert, Leiter des weltweiten DNA-Barcoding-Projektes aus Guelph in Kanada, als Mitautor für die Veröffentlichung gewinnen konnten.
Die Zoologische Staatssammlung beherbergt rund 25 Millionen zoologische Objekte und gehört, als Teil der SNSB, weltweit zu den größten naturkundlichen Sammlungen. Die Barcoding-Projekte der ZSM werden gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, und das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

15.01.2015, NABU
Ausstellung „Die letzten 300“ eröffnet im Meeresmuseum Stralsund
Umweltverbände werben für besseren Schutz des Ostseeschweinswals
Vom 15. Januar bis zum 19. April zeigen NABU, WDC, OceanCare und das Kleinwalschutzabkommen ASCOBANS die künstlerischen Beiträge des Kreativwettbewerbs „Die letzten 300“ in einer Ausstellung im Deutschen Meeresmuseum Stralsund. Mit der Ausstellung machen die Verbände auf die kritische Lage des Ostseeschweinswals aufmerksam. Nur noch wenige Hundert Tiere leben in der zentralen Ostsee. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist Schirmherrin der Ausstellung.
Die Ausstellung ist eine zusätzliche Anerkennung für die Teilnehmer des Wettbewerbs und bietet den Besuchern eine etwas andere Möglichkeit, sich mit Deutschlands einzigem heimischem Wal, dem Schweinswal, seiner Bedrohung und seinem Schutz auseinanderzusetzen. Jüngsten wissenschaftlichen Schätzungen zufolge leben noch etwa 450 Tiere in der zentralen Ostsee östlich der Halbinsel Darß. Die Weltnaturschutzunion stuft sie als vom Aussterben bedroht ein. Insbesondere der ungewollte Beifang in Fischernetzen und der zunehmende Unterwasserlärm machen den sympathischen Walen das Leben schwer. Mit der Ausstellung schicken die Umweltverbände auch ein klares Signal an die Bundesregierung: Der Ostseeschweinswal braucht effektiven Schutz – und zwar jetzt!
Die offizielle Eröffnung findet am 15. Januar um 11 Uhr statt. Neben den vielfältigen Malereien, Illustrationen, Filmen und Skulpturen werden auch verschiedene Multimediaarbeiten zu sehen sein. Zudem feiert ein eigens für den Schweinswal kreiertes Theaterstück von Fräulein Brehms Tierleben – dem einzigen Theater der Welt für bedrohte Tierarten – Premiere. Begleitet wird die Ausstellung durch Fachvorträge der beteiligten Verbände. Am 12. Februar um 19:00 Uhr stellt der NABU sein aktuelles Forschungsprojekt zu alternativen, umweltschonenden Fischereigeräten vor.
Ausstellung „Die letzten 300“ – Was bedeuten dir Schweinswale?
Meeresmuseum Stralsund, Katharinenberg 14-20
15. Januar bis 19. April 2015

Das vollständige Ausstellungsprogramm gibt es auf www.schweinswal.eu.

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