Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

20.01.2015, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Wiedehopfe „imprägnieren“ ihre Eier durch ein spezielles Bakteriensekret
Forscher der Universität Granada und des Obersten Rats für wissenschaftliche Forschung CSIC, der größten öffentlichen Forschungseinrichtung Spaniens, sowie weiterer Institute haben entdeckt, dass Wiedehopfe ihre Eier mit einem selbst produzierten Bakteriensekret ummanteln, um damit die Schlupfrate zu erhöhen. Das Sekret, das innerhalb einer speziellen Struktur der Eischale eingelagert wird, hilft dabei, die Eier vor Infektionen zu schützen.
Die Forscher hinderten in ihrer Studie mehrere weibliche Wiedehopfe am „Imprägnieren“ ihrer Eier mit der durch die Bürzeldrüse der Vögel erzeugten Substanz. Die festgestellte Menge pathogener Bakterien in nicht geschlüpften Eiern lag in diesen Fällen signifikant höher als bei Bruten, in denen kein solcher Eingriff stattgefunden hatte. Das Bakteriensekret stellt demnach offenbar eine Barriere für den Eintritt von Krankheitserregern ins Innere des Eis dar.
Besonders die Enterokokken-Bakterien dieses Sekrets sind offenbar vorteilhaft für die Entwicklung der Embryonen, da der Bruterfolg direkt mit der Menge dieser Enterokokken in den Eierschalen und in den Sekreten der Weibchen korrelierte. Je mehr Enterokokken enthalten waren, desto höher lag die Rate des Schlupferfolgs.
Die Bürzeldrüse der Wiedehopfe unterscheidet sich in großem Maße von der Drüse anderer Vogelarten. Darüber hinaus fanden die Forscher heraus, dass Wiedehopf-Eier eine außergewöhnliche Struktur aufweisen, die bislang noch bei keiner anderen Vogelart festgestellt worden ist. Die Oberfläche der Eier ist durch viele kleine Vertiefungen geprägt, die die Hülle jedoch nicht vollständig durchdringen und deren Funktion offenbar vor allem der Speicherung des Bakteriensekrets dient.
Die Ergebnisse der Studie wurden in der November-Ausgabe der renommierten Zeitschrift Journal of Animal Ecology veröffentlicht.
Martín-Vivaldi, M., J. J. Soler, J. M. Peralta-Sánchez, L. Arco, A. M. Martín-Platero, M. Martínez-Bueno, M. Ruiz-Rodríguez & E. Valdivia 2014: Special structures of hoopoe eggshells enhance the adhesion of symbiont-carrying uropygial secretion that increase hatching success.Journal of Animal Ecology, 2014; 83 (6): 1289–1301.

20.01.2015, Georg-August-Universität Göttingen
Artenvielfalt osteuropäischer Agrarlandschaften schützen
Ein Großteil der Artenvielfalt in Europa ist heute von der extensiven Nutzung in unseren Kulturlandschaften abhängig. Mit dem Schwund der traditionell bewirtschafteten Lebensräume durch landwirtschaftliche Intensivierung mit hohem Pestizid- und Mineraldüngereinsatz sterben viele Arten aus. Innerhalb der EU ist dieser Verlust in den östlichen neuen Mitgliedsstaaten noch nicht so weit fortgeschritten wie in den westlichen Staaten. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus 20 europäischen Ländern haben Ökologen der Universität Göttingen einen Aufruf zum Erhalt der Artenvielfalt in osteuropäischen Agrarlandschaften veröffentlicht, der in der Fachzeitschrift Diversity and Distributions erschienen ist.
Ökologen der Universität Göttingen fordern Verbesserung der Agrarpolitik für Osteuropa
Ein Großteil der Artenvielfalt in Europa ist heute von der extensiven Nutzung in unseren Kulturlandschaften abhängig. Mit dem Schwund der traditionell bewirtschafteten Lebensräume durch landwirtschaftliche Intensivierung mit hohem Pestizid- und Mineraldüngereinsatz sterben auch viele Arten aus. Innerhalb der Europäischen Union (EU) ist dieser Verlust in den östlichen neuen Mitgliedsstaaten wie Polen, Ungarn und Bulgarien noch nicht so weit fortgeschritten wie in den westlichen Staaten, insbesondere in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus 20 europäischen Ländern haben sechs Ökologen der Universität Göttingen einen Aufruf zum Erhalt der Artenvielfalt in osteuropäischen Agrarlandschaften veröffentlicht, der in der Fachzeitschrift Diversity and Distributions erschienen ist.
„Osteuropa bietet einen letzten Rückzugsort für viele seltene, anderswo ausgestorbene Lebensgemeinschaften“, sagt Prof. Dr. Teja Tscharntke, Leiter der Abteilung Agrarökologie der Universität Göttingen. Jedoch ist auch hier in den vergangenen Jahren der Trend zu einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft zu beobachten. Der nun erschienene Artikel geht auf eine Initiative von Dr. Laura Sutcliffe von der Abteilung Ökologie und Ökosystemforschung zurück. Sie behandelt in ihrer Doktorarbeit den Naturschutz in den Kulturlandschaften von Transsilvanien (Rumänien) und ist zu dem Schluss gekommen, dass zehn Jahre nach dem Beitritt der ersten osteuropäischen Mitgliedstaaten immer noch Forschungsergebnisse zur Artenvielfalt in osteuropäischen Agrarlandschaften fehlen. „Die Agrarumweltmaßnahmen der EU sind im Rahmen ihrer gemeinsamen Agrarpolitik wenig an diese extensiv genutzten Lebensräume angepasst“, sagt Dr. Sutcliffe.
„Europäische Wissenschaftler und Politiker sollten darüber hinaus eine stärkere Berücksichtigung der besonderen Herausforderungen für den Naturschutz in osteuropäischen Agrarlandschaften anstreben“, sagt Dr. Péter Batáry, Mitautor der Studie und Agrarökologe an der Universität Göttingen.
Originalveröffentlichung: Laura M. E. Sutcliffe et al. (2014) Harnessing the biodiversity value of Central and Eastern European farmland. Diversity and Distributions, DOI: 10.1111/ddi.12288. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ddi.12288/abstract

20.01.2015, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Der Parasit im Parasit – Neue Erkenntnisse zum rätselhaften Rückgang der Aalpopulation in Europa
Frankfurt, den 20.01.2015. Wissenschaftler des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums haben eine mögliche Ursache für die Bestandsabnahme des Europäischen Aals in deutschen Gewässern gefunden. Sie entdeckten eine neue Überlebensstrategie des eingewanderten Parasiten Anguillicoloides crassus, die es dem Schädling möglich macht ausgewachsene Aale zu befallen. Als Zwischenwirt des Parasiten fungieren Schwarzmundgrundeln – die derzeit häufigste invasive Fischart in Deutschland und Europa. Die Studie ist kürzlich im renommierten Fachjournal „Parasites & Vectors“ erschienen.
Der Aal ist ein dicker Fang: Der Körperfettanteil des Edelspeisefisches kann bis zu 30 Prozent betragen. Doch auch die besten Fettreserven helfen nicht, wenn jemand mitfrisst. „Seit den 1960er Jahren beobachten wir einen dramatischen Rückgang der europäischen Aalpopulationen“, erklärt Prof. Dr. Sven Klimpel vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Goethe Universität Frankfurt. Neben zunehmender Fischerei, Schadstoffbelastung, Habitatverlust und Fraßdruck durch Wasservögel macht besonders der Schwimmblasenwurm Anguillicoloides (syn. Anguillicola) crassus dem Aal das Leben schwer. „Dieser Parasit wurde in den 80er Jahren aus Asien nach Europa eingeschleppt – mittlerweile steht er auf der Liste der 100 schlimmsten invasiven Arten Europas“, ergänzt Klimpel.
Das Immunsystem der Europäischen Aale (Anguilla anguilla) ist nicht auf den neuen Parasiten eingestellt, der sich in der Schwimmblase der Wirte einnistet und damit deren Schwimmleistung massiv beeinträchtigt. „Durch innere Entzündungen werden die Tiere geschwächt. Während ihrer langen Reise zurück zu den Laichgründen in der Sargassosee verbrauchen sie zu viel Energie und verenden schließlich“, erklärt Klimpel.
Trotz der Entwicklung erster Antikörper durch den schlangenartigen Fisch sind die Befallsraten von Aalen mit dem Fadenwurm weiterhin hoch: Zwischen 50 und 90 Prozent der Fische sind aktuell befallen. „Wir haben uns immer gewundert, warum das so ist“, sagt der Frankfurter Parasitologe und fügt hinzu: „Anguillicoloides crassus benutzt eine Vielzahl von Zwischenwirten, wie beispielsweise Ruderfußkrebse oder kleine Fische, um in den gewünschten Endwirt – den Aal – zu gelangen. Normalerweise tötet das Immunsystem der Fisch-Zwischenwirte die Larven des Parasiten effektiv ab und eine Übertragung des Wurms auf den Aal ist damit unterbunden.“
Eher zufällig – bei einer Untersuchung der hochinvasiven und als Parasitenträger bekannten Schwarzmundgrundel (Neogobius melanostomus) – stießen die Wissenschaftler auf eine mögliche Lösung: „Als wir im Rahmen einer Studie Kratzwürmer aus einer Grundel isolierten, befreiten sich aus diesen nach einiger Zeit winzige lebende Larven des Schwimmblasenwurms“, erläutert der am Projekt mitarbeitende Wissenschaftler Sebastian Emde und ergänzt: „Um diesem Phänomen des ‚Parasiten im Parasiten‘ nachzugehen, führten wir eine Stichprobe mit 60 Grundeln aus dem Rhein durch.“ Das Ergebnis war überraschend: Insgesamt wies jede dritte Grundel mit Anguillicoloides crassus infizierte Kratzwurmzysten auf. Im Gegensatz zu anderen Fisch-Zwischenwirten trat der Parasit ausschließlich innerhalb der Kratzerwurmzysten, nicht aber in der Leibeshöhle oder der Schwimmblase der Fische auf. „Eine kluge Überlebenstaktik“, meint Klimpel und fährt fort: „So versteckt sich der Parasit vor dem Immunsystem des Wirtes und hat eine bessere Chance den erforderlichen Endwirt Aal zu erreichen.“
Diese neue Lebenszyklusstrategie der Parasiten kann auch die anhaltend hohen Befallszahlen der europäischen Aale durch Anguillicoloides crassus erklären: Die eingeschleppten Grundeln stehen auf dem Speiseplan des Aals und fungieren so für den tödlichen Parasiten als „trojanisches Pferd“.
„In folgenden Studien und Versuchen möchten wir herausarbeiten, welche immunologischen Prozesse und Wirkmechanismen für dieses Wirt-Parasiten-Gefüge verantwortlich sind und wie die Übertragung von Anguillicoloides crassus nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in der Natur funktioniert. Ferner werden wir untersuchen, ob diese neue Vorgehensweise des Parasiten auch bei weiteren Zwischenwirten nachgewiesen werden kann“, resümiert Klimpel.
Publikation
Emde et al.: Nematode eel parasite found inside
acanthocephalan cysts – a “Trojan horse” strategy? Parasites & Vectors
2014 7:504

20.01.2015, Veterinärmedizinische Universität Wien
Mensch-Hund-Beziehung basiert auf sozialen Fähigkeiten der Wölfe
Hund und Mensch sind Freunde, ja sogar Partner. Worauf diese gute Mensch-Hund-Beziehung basiert, haben Verhaltensforscherinnen des Messerli Forschungsinstitutes an der Vetmeduni Vienna und des Wolfsforschungszentrums untersucht. Sie fanden heraus, dass die Vorfahren der Hunde, die Wölfe, mindestens genauso achtsam gegenüber ihren Artgenossen und dem Menschen sind wie Hunde. Diese sozialen Fähigkeiten kristallisierten sich nicht erst mit der Domestizierung heraus, sondern waren bereits bei den Wölfen vorhanden. Die Zusammenfassung der Ergebnisse und ihre neue Theorie stellen die beiden Wissenschafterinnen im Journal Frontiers in Psychology vor.
Gängige Domestizierungs-Hypothesen besagen: „Hunde haben sich mit der Domestizierung zu toleranten und achtsamen Wesen entwickelt. Der Mensch hat diese Fähigkeiten gezielt selektiert und den Hund so zum kooperationsfähigen Partner des Menschen herangezogen.“
Friederike Range und Zsófia Virányi aus der Abteilung für Vergleichende Kognitionsforschung stellen diese Ansicht in Frage und entwickelten eine andere Hypothese. Ihre „Canine Cooperation Hypothesis“ besagt, dass bereits Wölfe tolerante, achtsame und kooperative Wesen sind. In der Beziehung der Wölfe zueinander liege der Grundstein der heutigen Mensch-Hund-Beziehung. Eine zusätzliche Selektion von Eigenschaften wie soziale Aufmerksamkeit und Toleranz war während der Domestizierung der Hunde nicht nötig.
Hunde akzeptieren den Menschen als Sozialpartner
Nach Ansicht der Forscherinnen sind Hunde keineswegs toleranter oder sozial aufmerksamer als Wölfe. Trotzdem kooperieren Hunde leichter mit dem Menschen als Wölfe, hauptsächlich deshalb, weil Hunde den Menschen eher als Sozialpartner akzeptieren und leichter ihre Angst vor ihm verlieren als Wölfe. Um ihre Hypothese zu prüfen, testeten Range und Virányi die soziale Aufmerksamkeit und Toleranz innerhalb von Wolfrudeln und Hunderudeln aber auch gegenüber dem Menschen.
Wölfe schneiden im Test mindestens so gut ab wie Hunde
In unterschiedlichen Verhaltenstests zeigten sie, dass sich Wölfe und Hunde in ihren sozialen Fähigkeiten sehr ähneln. Die Forscherinnen testeten beispielsweise wie gut Wölfe und Hunde Futter wiederfinden, das von einem Artgenossen oder von einem Menschen versteckt wurde. Wölfe wie auch Hunde nutzten Informationen des Menschen, um verstecktes Futter wiederzufinden.
In einer weiteren Studie zeigten sie, dass Wölfe dem Blick eines Menschen folgen. Um diese Aufgabe zu lösen, müssen die Tiere in der Lage sein, sich in die Perspektive des „Blickenden“ hineinzuversetzen. Wölfe können dies zum Beispiel sehr gut.
In einem weiteren Versuch hatten Hunde und Wölfe die Möglichkeit, Artgenossen dabei zu beobachten, eine Kiste zu öffnen. Waren schließlich die Beobachter selbst an der Reihe, zeigten sich die Wölfe als die erfolgreicheren Imitatoren. Sie öffneten die Kiste häufiger mit Erfolg als Hunde. Möglicherweise haben Hunde die Fähigkeit zu imitieren verloren, weil sie sich häufig auf den Menschen verlassen. „Insgesamt haben die Tests gezeigt, dass Wölfe sehr gut aufeinander und auf den Menschen achten. Hypothesen die besagen, dass Wölfe über weniger soziale Fähigkeiten verfügen als Hunde, sind also nicht korrekt“, betont Range.
Hunde- und Wolfsrudel im Test
Im Wolf Science Center im niederösterreichischen Ernstbrunn erforschen Range und Virányi das soziale Verhalten in Hunde- und Wolfsrudeln, die genau gleich aufgewachsen sind, nämlich gemeinsam mit Artgenossen und mit dem Menschen. Die Tiere sind es gewohnt, mit Artgenossen und mit dem Menschen zu kooperieren. „Um das Verhalten von Hunden und Wölfen überhaupt vergleichen zu können und Aussagen über die Effekte der Domestikation zu treffen, ist es wichtig, dass die Tiere unter denselben Voraussetzungen leben“, erklärt Autorin Virányi.
Der Artikel “Tracking the evolutionary origins of dog-human cooperation: the “Canine Cooperation Hypothesis”” von Friederike Range and Zsófia Virányi wurde im Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlicht. doi: 10.3389/fpsyg.2014.01582
http://journal.frontiersin.org/Journal/10.3389/fpsyg.2014.01582/abstract

20.01.2015, Forschungsverbund Berlin e.V.
Erstmals Embryonen des Afrikanischen Löwen aus Keimzellbank gezüchtet
Ein vor zwei Jahren gestorbener Afrikanischer Löwe könnte durchaus wieder Vater werden. Erstmals ist es jetzt Berliner Wissenschaftlerinnen gelungen, Embryonen durch künstliche Reifung unreifer Eizellen Afrikanischer Löwinnen und Injektion seiner in der Kryobank aufbewahrten und wieder aufgetauten Spermien zu produzieren. Zur Überraschung der Forscherinnen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) zeigte sich, dass sich Löwenembryonen sehr viel langsamer entwickeln als vergleichbare Embryonen der Hauskatze.
Die Methoden der assistierten Reproduktion (ART) werden für Programme zur Erhaltung gefährdeter Tierarten zunehmend wichtiger. Insbesondere die Etablierung von Keimzellbanken (auch Gametenbanken genannt) bietet die Möglichkeit der Integration von gefrierkonservierten Genreserven in die bestehenden Populationen unabhängig von Ort und Zeit.
„Gametenbanken können zur Lösung verschiedener Probleme der Erhaltungszuchtprogramme in zoologischen Gärten beitragen “, sagt Dr. Jennifer Zahmel vom IZW. Der gegenwärtig vielfältige Austausch und Transport von Tieren zur Blutauffrischung würde durch den Transport von Keimzellen und Embryonen in vielen Fällen überflüssig werden. Damit wäre auch eine mögliche Übertragung von Krankheiten eingeschränkt. Funktionierende Gametenbanken tragen so zur Reduktion der notwendigen Tierzahlen in Gefangenschaft bei und ermöglichen eine Verknüpfung von Maßnahmen zur Arterhaltung im ursprünglichen Lebensraum (in-situ) und in zoologischen Gärten (ex-situ), ohne eine Entnahme von Tieren aus der freien Wildbahn zu benötigen. Voraussetzung für die Nutzbarkeit von Gametenbanken ist die Weiterentwicklung reproduktiver Techniken von der Keimzellentnahme und -kultur über ihre Gefrierkonservierung bis zur künstlichen Besamung und dem Embryotransfer. „Obwohl diese reproduktiven Techniken in der Medizin und in der Landwirtschaft bereits mit Erfolg angewandt werden, ist für viele bedrohte Säugetiere aufgrund großer Unterschiede in Anatomie und Fortpflanzungsphysiologie noch eine umfassende Grundlagenforschung nötig“, erläutert Jennifer Zahmel.
Die Raubtierfamilie der Katzenartigen profitiert bei der Entwicklung von Reproduktionstechniken von der Forschung an Hauskatzen. Viele der bekannten Methoden der ART wurden dafür bereits erfolgreich entwickelt. Nun geht es darum, diese Erkenntnisse auch für gefährdete Katzenarten verfügbar zu machen. „Mit den im Reagenzglas (in-vitro) produzierten Embryonen vom Afrikanischen Löwen konnten wir zeigen, dass die bei der Hauskatze entwickelten Methoden auch beim Löwen funktionieren, obwohl die Unterschiede in der Entwicklungsgeschwindigkeit der Embryonen auf faszinierende Unterschiede zwischen den Arten hindeuten“, meint Abteilungsleiterin und stellvertretende Institutsdirektorin Prof. Katarina Jewgenow.
In der aktuellen Ausgabe der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Theriogenology berichten die Reproduktionsbiologinnen des IZW über den erfolgreichen Versuch, Eierstöcke von jungen Afrikanischen Löwinnen aus einem europäischen Zoo zur Gewinnung von Eizellen zu nutzen. Nach einem achtstündigen Transport konnten insgesamt 67 unreife Eizellen gewonnen werden, die im Reagenzglas in speziellen Medien für 1½ Tage kultiviert wurden. Mehr als ein Drittel der Eizellen reifte aus und wurde mittels intrazytoplasmatischer Spermieninjektion (ICSI) befruchtet. Für diese spezielle Befruchtungstechnik werden einzelne Samenzellen mit Mikronadeln direkt in die Eizelle injiziert. Hier standen eingefrorene Spermien eines bereits 2012 verstorbenen Löwen eines anderen europäischen Zoos zu Verfügung. Obgleich diese nach dem Auftauen eine eingeschränkte Lebensfähigkeit aufwiesen, war die Befruchtung einiger Eizellen erfolgreich. Dies wurde durch Furchungsteilungen nachgewiesen, durch die sich nach zwei Tagen 2-Zell-Embryonen, nach sechs Tagen „Maulbeerkeime“ (Morulae) und nach neun Tagen Blasenkeime (Blastozysten) entwickelten. Bei Hauskatzen werden schon nach 7 Tagen Blastozysten erwartet. Es bleibt also das Rätsel, ob die verlangsamte Embryonalentwicklung auf die Gewinnung von Keimzellen schon verstorbener Tiere oder den langen Transport zurückzuführen oder aber eine Besonderheit der Art ist. „Für den Artenschutz ist das erfolgreiche Anwenden der Methode der Eizellenreifung von ganz besonderer Bedeutung, da die Gewinnung befruchtungsfähiger Eizellen bei Wildtieren in der freien Wildbahn nur sehr eingeschränkt möglich ist. Ohne Eizellen funktioniert jedoch keine assistierte Reproduktion“, kommentiert Jewgenow.
Publikation:
Fernandez-Gonzalez L, Hribal R, Stagegaard J, Zahmel J, Jewgenow K (2015): Production of lion (Panthera leo) blastocysts after in vitro maturation and ICSI. Theriogenology. doi:10.1016/j.theriogenology.2014.11.037.

20.01.2015, Forschungsverbund Berlin e.V.
Neue Hoffnung für Orang-Utans auf Borneo trotz Klimawandels und Abholzung
Eine neue Untersuchung zeigt, dass trotz der Bedrohung durch Klimawandel und Abholzung große Waldgebiete auf Borneo geeignet sind, um Orang-Utans auch in den nächsten Jahrzehnten Lebensraum bieten zu können, wenn diese ausreichend geschützt werden.
Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass die auf Borneo lebenden und vom Aussterben bedrohten Orang-Utans durch zukünftigen Klimawandel und Landnutzungsveränderungen bis zu 74 % ihres Lebensraumes verlieren könnten.
Bei den Untersuchungen wurden jedoch auch Waldgebiete mit einer Gesamtfläche von bis zu 42.000 km² identifiziert, die als potentielle Zuflucht für die Orang-Utans auf Borneo dienen könnten. In diesen Gegenden könnten die Menschenaffen einen neuen Lebensraum finden.
Die unter dem Titel „Anticipated climate and land-cover changes reveal refuge areas for Borneo’s orang-utans“ im Fachjournal Global Change Biology veröffentlichte und vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) unterstützte Studie wurde von Wissenschaftlern am Durell Institute of Conservation and Ecology (DICE) der Universität Kent in Großbritannien und dem Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) durchgeführt. Weitere Mitwirkende waren englische, australische und indonesische Wissenschaftler aus dem Bereich der Biodiversitätsforschung, sowie führende Orang-Utan Experten aus den malaysischen und indonesischen Gebieten Borneos.
„Unser Hauptziel war es, Waldgebiete zu identifizieren, die einerseits in Zukunft klimatisch geeignet bleiben und andererseits nicht von Landnutzungskonflikten betroffen sein werden. Dazu haben wir mit Klima- und Landnutzungsszenarien Habitateignungsmodelle erstellt. Die Schnittmenge dieser Modelle sind die geeigneten Lebensräume, die es jetzt im Rahmen des Naturschutzes zu erhalten gilt, um Orang-Utans das Überleben auch langfristig zu ermöglichen“ kommentiert die Koautorin der Studie, Stephanie Kramer-Schadt (IZW).
„Die Studie zeigt, dass stetige Bemühungen, die Abholzung der tropischen Regenwälder auf Borneo zu stoppen, den Lebensraumverlust für Orang-Utans verzögern könnten. Das ist besonders für die Torf- und Sumpfgebiete im südlichen Teil von Borneo wichtig. Diese Gebiete sind nicht nur eine Heimat für viele Orang-Utans, sondern auch für andere bedrohte Arten, und stellen als Kohlenstoffspeicher einen Puffer gegen die Auswirkungen des Klimawandels dar“, sagt Matthew Struebig (DICE).
Publikation:
Struebig MJ, Fischer M, Gaveau DLA, Meijaard E, Wich SA, Gonner C, Sykes R, Wilting A, Kramer-Schadt S (2015): Anticipated climate and land-cover changes reveal refuge areas for Borneo’s orang-utans. GLOB CHANGE BIOL; DOI: 10.1111/gcb.12814.

20.01.2015, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Studie: Artenreiches Grasland wächst nach Flutkatastrophen besser als artenarmes
In den kommenden 100 Jahren wird die Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse zunehmen. In Europa kann das zu weiteren Hochwasserkatastrophen ähnlich der Flut im Jahr 2013 führen. Die Folgen solch extremer Wetterereignisse für Landschaften wie zum Beispiel das Grasland haben Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Technischen Universität München untersucht. Fazit: Artenreiches Grasland ist in der Lage, zusätzliche Substanzen, die durch die Flut in eine Region geschwemmt werden, in Pflanzenbiomasse umzuwandeln. Die Studie ist bei Nature Communications erschienen.
Anfang Juni 2013 war Mitteleuropa von einer Jahrhundertflut betroffen, die Schäden von weit über zwölf Milliarden Euro anrichtete. In Thüringen trat die Saale über die Ufer und überschwemmte dabei die ökologischen Freilandversuchsflächen des in der internationalen Fachwelt bekannten Jena Experiments. In den Saaleauen werden bereits seit 2002 die Auswirkungen des Artensterbens in Mahdwiesen untersucht.
Ein Team von Wissenschaftlern um Nico Eisenhauer, Professor am Forschungszentrum iDiv und der Universität Leipzig, nutzte das extreme Wetterereignis, um Hypothesen und Fragestellungen nachzugehen, die seit über 30 Jahren in der ökologischen Fachliteratur kursieren, bisher aber noch nie im Kontext starker Überflutungsereignisse überprüft werden konnten.
Die Experten fanden heraus, dass artenreiche Pflanzengemeinschaften zusätzliches Wasser und Nährstoffe effizienter nutzen konnten als artenarme Gemeinschaften. „Es zeigte sich erstmals ein Szenario, in dem erhöhte Biodiversität mit erhöhter Biomasseproduktion, aber auch mit reduzierter Stabilität einherging“, erklärt Dr. Alexandra Wright, iDiv-Wissenschaftlerin und Hauptautorin der Studie. Nico Eisenhauer führt ergänzend aus: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass artenreiche Pflanzengemeinschaften sehr variabel auf extreme Umweltereignisse reagieren können und dass Stabilität nicht unbedingt die wichtigste Eigenschaft sein muss, um die Funktionsweise eines Ökosystems zu bewerten.“
Bislang ging man davon aus, dass in artenreichen Gemeinschaften die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass darin vorkommende Individuen eine Störung tolerieren und die Auswirkungen abpuffern können. Nun stellte sich heraus, dass vor allem artenreiche Pflanzengemeinschaften flexibel auf Störungen reagierten. Das heißt, dass sie in ihrer Biomasseproduktion am stärksten von den Vorjahren abwichen.
„Die Flut traf das Jena Experiment im Juni 2013 völlig überraschend und einige Versuchsparzellen standen daraufhin für bis zu drei Wochen komplett unter Wasser“, berichtet Prof. Eisenhauer. Auch Prof. Dr. Wolfgang Weisser von der TU München und Sprecher des Jena Experiments erinnert sich an die kritische Situation: „Wir waren besorgt, dass das Experiment zerstört sein könnte aufgrund dieser starken Störung.“ Doch die Wissenschaftler machten aus der Not eine Tugend und studierten im Detail die Auswirkungen des Hochwassers. Dr. Anne Ebeling, Wissenschaftliche Koordinatorin an der Universität Jena: „Hierfür organisierten wir innerhalb kürzester Zeit viele zusätzliche Messungen und nutzten die Stärke des Jena Experiments: die Zusammenarbeit von Mitgliedern unterschiedlichster Expertise – von Pflanzenökologen, Bodenökologen, Hydrologen und Chemikern bis hin zu Zoologen.“
Das Jena Experiment ist eines der weltweit größten Biodiversitätsexperimente und das am längsten bestehende in ganz Europa. Auf dem ca. zehn Hektar großen Gelände in der Saaleaue werden seit 2002 die Zusammenhänge zwischen Pflanzendiversität und Ökosystemprozessen im Grasland untersucht. Auf 80 Versuchsflächen (á 30 Quadratmeter) studieren Wissenschaftler unterschiedliche Biodiversitätseffekte von ober- und unterirdischen Prozessen.
Publikation:
Flooding disturbances increase resource availability and productivity but reduce stability in diverse plant communities. Nature Communications (DOI: 10.1038/ncomms7092)

20.01.2015, Deutsche Wildtier Stiftung
Mit Fett, viel Luft und kalten Füßen warm durch den Winter
Deutsche Wildtier Stiftung: Überlebensstrategien der Wildtiere bei Eis und Schnee
Schluss mit milden Temperaturen und Frühlingsgefühlen im Januar. Die Meteorologen prophezeien: Der Winter kommt, um zu bleiben! Der Januar verabschiedet sich mit klirrend kalten Nächten, Schnee und eisigem Dauerfrost. Wie schützen sich Wildtiere bei diesem Pudelmützen-Wetter? Und warum kriegen Enten auf gefrorenen Wasserflächen keine kalten Füße?
Bei winterlichen Überlebensstrategien spielen Fett, viel Luft und kalte Füße eine große Rolle. Außerdem sind Energiesparer im Winter klar im Vorteil! „Enten bekommen keine kalten Füße; sie haben immer kalte Füße“, erläutert Eva Goris, Pressesprecherin der Deutschen Wildtier Stiftung. „Das ist gut so, denn mit warmen Füßen würden Wasservögel die Eisschicht, auf der sie stehen, erst antauen und dann im Schmelzwasser festfrieren.“ Durch Entenfüße strömt nur wenig Blut und das wird obendrein von etwa 40 Grad Körpertemperatur auf knapp sechs Grad heruntergekühlt. Kalte Füße sind für Enten also ein Normalzustand.
Mit Fett und viel Luft zur Wärmeisolation halten sich Wasservögel und viele andere Wildtiere im Winter warm. Vögel fetten ihre Federn ein, damit das Federkleid wasserabweisend vor dem Auskühlen schützt. „Das Fett wird eigens dafür in einer Fettdrüse am Stoß produziert“, erläutert Goris. „Mit dem Schnabel verteilen die Vögel das Fett im ganzen Federkleid.“ Obendrein plustern sie sich auf, um mit der Luft zwischen den Federn eine Isolationsschicht zu schaffen.
Auch Fellträger nutzen Luft als Kälteschutzmittel. Außerdem ist das Fell von Rot- und Rehwild, Fuchs und Feldhase sowie Wildschweinen im Winter besonders lang, dicht und hat – im Gegensatz zum Sommerfell – Haare mit einer gewellten Schaftstruktur. „Dicke Wollhaare wirken zusätzlich wie wärmende Unterwäsche unter den Deckhaaren“, sagt die Pressesprecherin. Außerdem haben sich Wildtiere schon vor dem Winter eine dicke Speckschicht angefressen, um genug Energie für kalte Tage zu haben.
„Übrigens sind Energiesparer unter den Wildtieren klar im Vorteil“, betont Eva Goris. Der Rothirsch beispielsweise ist ein großartiger Energiesparer: Er fährt seinen Stoffwechsel herunter und verharrt möglichst still, denn Hektik und Stress verbrennen unnötige Energie und die ist in der nahrungsarmen Zeit ohnehin knapp. „Brennstoffe“ wie Gräser und Kräuter können kaum aufgenommen werden.
Der Appell der Deutschen Wildtier Stiftung an alle Spaziergänger lautet deshalb: „Ruhe, bitte!“ Damit unsere Wildtiere stressfrei gut über den Winter kommen.

20.01.2015, WWF
Rückkehr des Dschungelkönigs / Über 2200 Tiger in Indien: Bestand ist um rund 30 Prozent gewachsen
Aktuellen Bestandszählungen zufolge ist es in Indien gelungen die nationale Tigerpopulation seit 2010 um rund 30 Prozent auf offiziell 2226 Tiere zu erhöhen. Das teilte die indische Regierung am Dienstag in Neu-Delhi mit. Die Umweltschutzorganisation WWF bezeichnete die neuen Zahlen in einer ersten Stellungnahme als Sensation und Mut machendes Signal für den Tiger und den Artenschutz allgemein.
„Der König des Dschungels feiert heute ein großartiges Comeback. Unser unermüdlicher Einsatz für den Tiger zahlt sich endlich aus“, freut sich der Geschäftsführende WWF-Vorstand Eberhard Brandes. Indien sei es als boomendes Schwellenland mit einer schnell wachsenden Bevölkerung gelungen, zum dritten Mal in Folge einen positiven Bestandstrend beim Tiger zu erreichen. Das zeige, dass sich ambitionierte Schutzmaßnahmen auszahlen.
„Artenschutz braucht einen langen Atem. Die neuen Tiger-Zahlen zeigen, dass wir dann Erfolg haben, wenn Behörden, Zivilgesellschaft und Umweltorganisationen wie der WWF gemeinsam und dauerhaft auf ein Ziel hinarbeiten“, so Brandes. Entscheidend sei, die Bevölkerung für den Tiger-Schutz zu gewinnen und den Menschen vor Ort eine Perspektive zu geben. Nur so könnten Mensch-Tier-Konflikte und Wilderei bekämpft werden.
Der WWF forderte die süd-ostasiatischen Tiger-Länder wie etwa Malaysia oder Indonesien auf, dem Vorbild Indiens zu folgen und die Schutzbemühungen zu intensivieren sowie endlich die eigene Anzahl an Tigern zu erfassen. Das möglichst exakte Monitoring von Wildtierbeständen ist laut WWF eine entscheidende Grundlage für die Ausweisung von Schutzgebieten und effektive Artenschutzarbeit. Außerdem lasse sich nur auf diese Weise seriös überprüfen, ob Schutzbemühungen erfolgreich seien.
„Mit modernen Beobachtungstechniken wie DNA-Tests und Kamerafallen können Tierzählungen zunehmend leichter und exakter gelingen“, so Brandes. Laut WWF-Angaben sind in Indien inzwischen mehrere hundert Tiger anhand ihrer individuellen Fell-Musterung eindeutig identifizierbar. Dies sei nur dank moderner Fotofallen-Technik gelungen und in diesem Umfang ein Novum im modernen Artenschutz.
Bedrohlich bleibt nach Einschätzung des WWF, dass die Tigerlebensräume in Indien weiter schrumpfen, so dass die Schutzgebiete zunehmend die einzigen Rückzugsräume bleiben. Hier gelte es die Abwärtsspirale zu durchbrechen. 2010 hatte sich die internationale Staatengemeinschaft auf dem Tiger-Gipfel in St. Petersburg verpflichtet, bis 2022 die Zahl der wild lebenden Tiger von etwa 3200 auf mehr als 6000 Tiere zu steigern. Hintergrundinformationen zu WWF-Projekten, Zählmethoden und Lebensräumen: www.wwf.de/tiger
Hintergrund: WWF-Projekt „Kuhmist für den Tiger“
Wenn die Menschen in den Wäldern nach Brennholz suchen, ihre Nutztiere dort weiden und der Tiger dort nach Beute sucht, dann drohen Konflikte. Diese können für beide Seiten schlimme Folgen haben – meist stirbt am Ende der Tiger. Wie Konfliktvermeidung mit einfachen Methoden möglich ist, zeigt ein WWF-Projekt, dass sich unter dem Schlagwort „Kuhmist für den Tiger“ zusammenfassen lässt. Dabei werden Holz-Öfen durch simple Biogasanlagen ersetze, die Bauern mit Kuhmist betreiben können. Durch Gärung entsteht Methangas, das als Brennstoff dient. Insgesamt will der WWF mehrere Tausend Biogas-Anlagen installieren. Je weniger Menschen zur Brennholzsuche in den Wald gehen, desto besser für den Tiger – und übrigens auch für das Klima. Pro Bauerfamilie, die Holz durch Biogas ersetzt, werden jährlich rund vier Tonnen CO2 weniger ausgestoßen. Das entspricht etwa 15.000 Autokilometern. Weitere Informationen zum Projekt: www.wwf.de/kuhmist-fuer-den-tiger

21.01.2015, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Wildbienen am Kilimandscharo auf der Spur
Warum Biologen bunte Suppenschälchen auf den Kilimandscharo stellen – und wie sie damit unter anderem herausfinden, dass Bienen sogar noch auf einer Höhe von 4550 Metern leben: Neue Erkenntnisse aus der Biodiversitätsforschung.
Spätestens seit den detaillierten Reiseberichten Alexander von Humboldts (1769-1859) ist bekannt, dass der Artenreichtum auf der Erde nicht gleichmäßig verteilt ist. Während sich in tropischen Regenwäldern meist mehrere tausend Arten auf wenigen Quadratmetern tummeln, sind die Artenzahlen in den gemäßigten Klimazonen schon überschaubarer. Zu den Polen hin nehmen sie dann immer mehr ab.
Warum sind die Tropen so artenreich und die Pole nur so dünn besiedelt? Die Wissenschaft hat diese Frage nie vollständig geklärt. Um ihr weiter auf den Grund zu gehen, forscht ein Team vom Biozentrum der Universität Würzburg in Tansania am Kilimandscharo, dem höchsten freistehenden Berg der Erde (5895 Meter).
Was den Kilimandscharo für die Forschung interessant macht
Was hat der Kilimandscharo mit der Artenvielfalt in unseren Breitengraden zu tun? „Eine ganze Menge“, sagt Professor Ingolf Steffan-Dewenter, Leiter des Würzburger Lehrstuhls für Tierökologie und Tropenbiologie: „Wenn man einen Berg hinaufsteigt, fällt die Temperatur pro Höhenkilometer um circa sechs Grad Celsius – das ist rund tausend Mal schneller, als wenn man sich vom Äquator in Richtung der Pole bewegt.“
Auch andere Umweltfaktoren, die sich entlang der Breitengrade nur langsam verändern, variieren entlang von Höhenunterschieden relativ schnell – zum Beispiel die Produktivität von Ökosystemen. Damit sind hohe Berge regelrechte „Experimentierwerkstätten“. An ihnen lassen sich Faktoren, die den Artenreichtum in den globalen Klimazonen bestimmen, auf kleinem Raum studieren.
Wie der Artenreichtum von Wildbienen bestimmt wird
Die Würzburger Tropenforscher wollten wissen, welche Faktoren den Artenreichtum von Wildbienen beeinflussen. Warum gerade Wildbienen? „Wildbienen gehören zu den wichtigsten Bestäubern unserer Ökosysteme. In den Tropen treten sie mit einer Diversität auf, die für uns noch handhabbar ist. Und ihre Futterressourcen, Nektar und Pollen, sind im Vergleich zu denen anderer Insekten relativ klar definiert. Das macht Wildbienen zu tollen Studienorganismen“, so Bienenkenner Steffan-Dewenter.
Um den Artenreichtum von Bienen am Kilimandscharo zu erfassen, nutzten die Forscher einfache Suppenschälchen aus Plastik. Sie sprühten sie mit blauen, gelben oder weißen Farben an, die das UV-Licht reflektieren. Die Bienen denken dann, das Schälchen sei eine Blüte, und fliegen direkt in die mit Wasser und Seife gefüllte Falle hinein. Die Seife setzt die Oberflächenspannung des Wassers herunter, so dass die Insekten auf den Grund der Falle sinken.
„Wenn man in den Tropen arbeitet, sind die einfachen Methoden oft die Besten“, erklärt Afrikaspezialist Andreas Hemp von der Universität Bayreuth. „Teures Equipment muss aufwändig bewacht werden. Farbschalen dagegen locken vielleicht höchstens ein paar neugierige Schulkinder auf die Untersuchungsflächen.“
Wo die Forscher ihre Insektenfallen platzierten
Die Wissenschaftler installierten die Farbschalen im Lauf von zwei Jahren dreimal auf je 60 Untersuchungsflächen am Kilimandscharo. Die Hälfte der Flächen war nur über teils lange Fußmärsche zu erreichen. Die höchste lag 4550 Meter über dem Meeresspiegel, genau an der Vegetationsgrenze des Kilimandscharo.
„Da geht einem schon mal die Luft aus“, erinnert sich Doktorandin Alice Claßen. „zudem liegt die Jahresmitteltemperatur dort oben bei nur etwa drei Grad Celsius. Am anstrengendsten war es während der Trockenzeit. Da mussten wir zum Teil auch das Wasser für die Fallen den Berg hinauf tragen. Das geht nur im Team und mit der Hilfe von tollen Feldassistenten“.
Die Farbschalen blieben jeweils 48 Stunden lang stehen. Diese Zeit nutzten die Forscher, um auf den Untersuchungsflächen am Berg wichtige Informationen über Temperatur, Niederschlag, Blütenanzahl und Landnutzungsintensität zu sammeln.
Was die Wissenschaftler herausfanden
Die Mühe hat sich gelohnt: Am Ende konnte das Forschungsteam zeigen, dass der Artenreichtum von Bienen stetig mit der Höhe abnimmt. Eine große Überraschung war, dass selbst auf 4550 Metern Höhe noch eine stark angepasste Bienenart aus der Gattung der Furchenbienen (Lasioglossum, Halictidae) lebt.
Was den Artenreichtum selbst angeht, so wusste man bisher, dass er von Ressourcen und Temperatur kontrolliert wird. „Das mit den Ressourcen lässt sich gut mit einem Kuchen vergleichen“, erklärt der Würzburger Postdoc Marcell Peters: „Je größer der Kuchen, desto mehr Individuen können davon essen und desto größere Populationen können aufrechterhalten werden. Je größer die Populationen, desto geringer ihr Aussterberisiko“.
Bei der Temperatur sei die Sache dann schon etwas komplizierter. Hohe Temperaturen wie in den Tropen sorgen dafür, dass Artbildungsprozesse – etwa über erhöhte Mutationsraten oder ökologische Mechanismen – schneller ablaufen. Weil der Kilimandscharo aber geologisch noch sehr jung ist, können höhere Artbildungsraten dort nicht das komplette Muster der Artenvielfalt erklären.
Wie die Ressourcennutzung von der Temperatur abhängt
Tatsächlich konnten die Forscher zeigen, dass es die Kombination von Temperatur und Ressourcen ist, die eine wichtige Rolle spielt: „Wir fanden einen deutlichen Effekt der Temperatur auf den Artenreichtum, der über eine Vergrößerung der Populationen gesteuert wurde“, so Peters. „Außerdem konnten wir zeigen, dass Bienen bei niedrigen Temperaturen weniger Blüten anfliegen als bei hohen Temperaturen, selbst wenn die Blüten in Massen vorhanden sind. Die Temperatur scheint also die Zugänglichkeit der Ressourcen zu kontrollieren und spielt damit eine viel größere Rolle als die Ressourcenverfügbarkeit.“ Erstaunlicherweise sei dieser Mechanismus bei der Erklärung von Artenmustern bisher wenig berücksichtigt worden.
Was für Wildbienen gilt, sollte zumindest auch für andere wechselwarme Tiere gelten. Aber auch der Artenreichtum gleichwarmer Tiere, die sich häufig von wechselwarmen Tieren ernähren, könnte durch die temperatur-abhängige Ressourcennutzung gesteuert werden. Die Frage, welche Mechanismen den Artenreichtum auf der Erde nun kontrollieren, ist damit zwar nach wie vor nicht vollständig gelöst. Aber zumindest konnte ein neues Puzzleteil ins große Gesamtbild eingefügt werden.
Diese Forschungsergebnisse sind im Rahmen der Forschergruppe „Kilimanjaro ecosystems under global change“ entstanden. Finanziell gefördert wird die Gruppe von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG); Professor Ingolf Steffan-Dewenter ist ihr Sprecher.
Classen, A., Peters, M. K., Kindeketa, W. J., Appelhans, T., Eardley, C. D., Gikungu, M. W., Hemp, A., Nauss, T. and Steffan‐Dewenter, I. (2015), Temperature versus resource constraints: which factors determine bee diversity on Mount Kilimanjaro, Tanzania? Global Ecology and Biogeography. doi:10.1111/geb.12286, online publiziert am 19. Januar 2015

22.01.2015, Forschungsverbund Berlin e.V.
Können Borneos Säugetiere trotz Abholzung und Klimawandel überleben?
Borneo ist nicht nur die drittgrößte Insel der Welt und die größte Insel Asiens, sondern zugleich ein Hotspot der biologischen Vielfalt (Biodiversität). Die zahlreichen einzigartigen Wildtiere Borneos sind vom Aussterben bedroht. Dennoch besteht – bei Einsatz von gezielten Erhaltungsmaßnahmen – nach Angaben von Wissenschaftlern Hoffnung. Diese haben Veränderungen in der Landschaft Borneos mit Hilfe von Modellen für die nächsten 65 Jahre vorhergesagt. Die aktuellen Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht.
„Zusätzlich zu bereits bestehenden geschützten Arealen und Reservaten wäre lediglich eine kleine Fläche auf Borneo – ungefähr 28.000 km² oder vier Prozent der Insel – notwendig, um viele Säugetiere vor den Gefahren der Abholzung und des Klimawandels zu schützen“, sagt Matthew Struebig von der Universität Kent in England.
„Da geeignete Habitate sich in Zukunft ins Hochland verlagern, gewinnen Waldgebiete in höher gelegenen Regionen an Bedeutung“, fügt Andreas Wilting vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) hinzu. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil des besagten Landes kommerziell für die Holzwirtschaft genutzt wird, ist die Holzwirtschaft auch in der Lage, eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung der Artenvielfalt zu spielen.
Um die Zukunft der Säugetiere in Borneo einschätzen zu können, haben die Wissenschaftler einen neuen Ansatz gewählt. „Nur wenige Prognosen für den Artenschutz untersuchen sowohl die Effekte des Klimawandels als auch die von Landnutzungsveränderung auf die tropische Artenvielfalt. Das liegt daran, dass sich zukünftige Landnutzungsänderungen oft nicht großräumig verlässlich vorhersagen lassen“, erklärt die IZW Wissenschaftlerin Stephanie Kramer-Schadt.
Die Wissenschaftler jedoch überwanden diese Hürde, indem sie zunächst eine Vorhersage erstellten, welche die Waldgebiete identifiziert, die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahrzehnten in Nutzflächen umgewandelt werden. Darüber hinaus etablierten sie ein globales Netzwerk von über 60 Wissenschaftlern, die die Säugetiere Borneos erforschen. Nur durch diese Zusammenarbeit konnten für jede einzelne Säugetierart auf Borneo Waldgebiete ausfindig gemacht und dokumentiert werden, die auch in Zukunft den jeweiligen Anforderungen gerecht werden.
Die aktuelle Studie zeigt, dass durch den Klimawandel jede dritte Säugetierart auf Borneo bis zum Jahr 2080 etwa 30 % ihres Lebensraumes verlieren könnte. Rechnet man den Verlust durch Holzeinschlag noch hinzu, bedeutet das für nahezu die Hälfte aller Säugetiere auf Borneo einen Lebensraumverlust von bis zu 30 % in den nächsten sechs Jahrzehnten.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Abholzung und Klimawandel besonders die Tieflandregenwälder Borneos treffen werden. Diese Wälder und die damit verbundenen Torf- und Sumpfgebiete sind von großer Bedeutung für bedrohte Arten wie die Otterzivette und die Flachkopfkatze. Höher gelegene Waldgebiete spielen hingegen eine entscheidende Rolle als zukünftig geeignete Lebensräume, die für viele bedrohte Arten die Auswirkungen des Klimawandels begrenzen könnten.
Mit den neuen Ergebnissen hoffen die Forscher, grundlegende Veränderungen für den angewandten Naturschutz in der Praxis herbeiführen zu können. Im Rahmen der „Borneo Futures“ Initiative (http://www.borneofutures.org/about.html) wird das aus Wissenschaftlern, Vertretern von Naturschutzorganisationen und Regierungseinrichtungen bestehende Team seine Ergebnisse Regierungsvertretern in Indonesien, Malaysia und Brunei vorstellen. So können die wissenschaftlichen Ergebnisse auch von den lokalen Entscheidungsträgern berücksichtigt werden, damit auch in Zukunft die Vielfalt der Säugetiere auf Borneo erhalten bleibt.
Publikation:
Struebig MJ, Wilting A, Gaveau DLA, Meijaard E, Smith RJ, The Borneo Mammal Distribution Consortium, Fischer M, Metcalfe K, Kramer-Schadt S (2015): Targeted Conservation to Safeguard a Biodiversity Hotspot from Climate and Land-Cover Change. CURRENT BIOLOGY 25, 1–7. http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2014.11.067.

22.01.2015, Nationales Bernstein Netzwerk Computational Neuroscience
Wie sich Rennmäuse im Licht der untergehenden Sonne orientieren
Hellbraun bleibt hellbraun: Die Fellfarbe ihrer Artgenossen erscheint für Rennmäuse auch unter verschiedenen Lichtverhältnissen gleich. Münchner Neurobiologen weisen erstmals die Fähigkeit der Farbkonstanz bei Nagetieren nach. Die Studie ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Vision erschienen.
Ein grüner Apfel ist grün – das Grün ist aber nicht immer gleich. Ändern sich die Lichtverhältnisse – wie etwa beim Sonnenuntergang – so ändert sich auch das Wellenlängenspektrum, das von der Frucht reflektiert wird und auf unsere Netzhaut fällt. Trotzdem erkennen wir die Farbe des Apfels als grün. Das menschliche Gehirn sorgt für eine Kompensation der äußeren Lichtverhältnisse, indem es die Farb- und Helligkeitszusammensetzung des gesamten Sichtfelds auswertet. Diese Fähigkeit ist als Farb- und Helligkeitskonstanz bekannt und hilft, Objekte zu identifizieren. Forscher am Bernstein Zentrum München und der Ludwig-Maximilians-Universität München um Kay Thurley und Thomas Wachtler haben nun untersucht, ob auch Nagetiere diese bemerkenswerte Wahrnehmungsleistung zeigen.
In der Studie zeigten die Forscher Rennmäusen Farbfelder auf andersfarbigem Hintergrund. Die Tiere saßen dabei vor einer Leinwand auf einer Kugel, die wie ein Laufrad funktionierte. Sie konnten sich damit virtuell auf die Zielreize zubewegen und einen davon als Antwort auswählen. Während des Experiments sollte die eine Hälfte der Tiere das Objekt wählen, bei dem das Testfeld im Vergleich zu seinem Hintergrund eher grünlich erschien. Die andere Hälfte sollte das Farbfeld angeben, das als bläulicher wahrgenommen wurde. Gaben die Nagetiere die richtige Antwort, so erhielten sie eine Futterbelohnung.
„Trotz wechselnder Farbzusammensetzung in den einzelnen Versuchsdurchläufen wählten die Rennmäuse zuverlässig das richtige Farbfeld“, beschreibt Thomas Wachtler das Ergebnis. Ein grüner Apfel oder eine braune Fellfarbe erscheint den Nagetieren somit unter verschiedenen Lichtbedingungen als grün oder braun. Auch die Helligkeit eines Objektes nehmen die Tiere trotz wechselnder Lichtverhältnisse gleichbleibend wahr, wie die Forscher in einem weiteren Experiment zeigten. Die Rennmäuse sind damit die ersten Nagetiere, bei denen die Fähigkeit der Farb- und Helligkeitskonstanz nachgewiesen wurde. Die Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass diese grundlegende Wahrnehmungsleistung im Tierreich weit verbreitet ist.
„Für die tag- und dämmerungsaktiven Rennmäuse ist es überlebenswichtig, Objekte unter wechselnden Lichtverhältnissen zu erkennen. Sie orientieren sich anhand ihres Sehsinns um Futter zu finden oder Artgenossen zu erkennen “, erklärt Kay Thurley, Hauptautor der Studie. Aber auch für die Neurobiologie hat das Ergebnis große Bedeutung: „Rennmäuse werden gerne als Tiermodell für die Untersuchung des Hörsinns genommen. Sie haben im Gegensatz zu anderen Nagern aber auch einen gut ausgeprägten Sehsinn. Gerade für Experimente in virtuellen Realitäten eignen sich die Nager daher gut“, so Thurley.
Originalpublikation:
C. Garbers, J. Henke, C. Leibold, T. Wachtler & K. Thurley (2015): Contextual processing of brightness and color in Mongolian gerbils. Journal of Vision, 15(1), 1 – 13.
doi: 10.1167/15.1.13

22.01.2015, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Der Wildkatze in die Gene geschaut
• Bundesamt für Naturschutz (BfN), Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) stellen Gendatenbank zur Europäischen Wildkatze vor
• Wildkatzen vor allem in West- und in Mitteldeutschland verbreitet
• Hinweise auf Ausbreitungsbarrieren liegen vor
Nach mehr als drei Jahren intensiver Arbeit im Projekt Wildkatzensprung haben das Bundesamt für Naturschutz (BfN), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) heute die Ergebnisse der neuen Gendatenbank zur Europäischen Wildkatze in Deutschland vorgestellt. Entstanden ist unter der Projektleitung des BUND eine weltweit einzigartige Datenbasis zu einer gefährdeten Art. Sie liefert wertvolle Erkenntnisse für den Natur- und Artenschutz und stellt einen Wissensschatz für Menschen im Naturschutz, in Forschung und in der Politik dar. Das Projekt wird im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert und vom BfN fachlich betreut.
Besonders viele Wildkatzen-Populationen konnten in den großen Waldgebieten im Westen, vor allem in Eifel und Hunsrück, sowie im Leine-Weser-Bergland, Harz und Hainich nachgewiesen werden. Dies zeigt, dass sich die Bestände in diesen Kerngebieten der Wildkatzenbestände in den letzten Jahren gut erholt haben, nachdem sie durch Jagd und deutliche Verkleinerung ihres Lebensraums, naturnahen Wäldern, nahezu verschwunden waren. Dennoch sind viele für die Wildkatze geeignete Wälder im Süden und Osten Deutschlands noch nicht wieder von ihr besiedelt. Zudem konnten deutliche genetische Unterschiede zwischen den Beständen einzelner Regionen nachgewiesen werden. Damit liegen durch das Gendatenbank-Projekt erstmals wissenschaftliche Hinweise auf Ausbreitungsbarrieren vor, die die Wildkatzen nicht überwinden können.
„Das Förderprojekt Wildkatzensprung mit seiner neuen Gendatenbank unterstützt im hohen Maße die Bundesstrategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt“, sagte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. „Es ist einzigartig, denn wir erhalten hier bundesweit das erste Mal solch umfangreiche genetische Informationen über eine bedrohte Säugetierart. Mit dem Wissen zur genetischen Struktur und zum Wanderverhalten der Wildkatze können wir unsere Aktivitäten zur Vernetzung von Lebensräumen und zur Umsetzung der nationalen Biodiversitätsstrategie noch effektiver gestalten“, so Jessel.
„Die Erfassung der genetischen Daten der Wildkatzen ist für den Schutz dieser Art unverzichtbar. Die Daten liefern Erkenntnisse über die genetischen Unterschiede zwischen den Beständen in verschiedenen Regionen. Daraus lässt sich schließen, was die Wildkatzen an ihrer Ausbreitung hindert. Dieses Wissen trägt dazu bei, Wälder und andere für die Wildkatzen geeignete Lebensräume besser miteinander zu verbinden“, sagte der Prof. Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND.
„Für die Biodiversitätsforschung ist die Datenbank ein einzigartiger Meilenstein. Bislang konnte über die Barrieren, die die Ausbreitung von Tierarten verhindern, nur spekuliert werden. Jetzt haben wir eine Datenbasis, mit der wir erstmals fundierte Aussagen zu dem Bestand und den Wanderungen der Wildkatzen in Deutschland machen können“, sagte Prof. Volker Mosbrugger, Generaldirektor der SGN.
Der Erfolg der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Naturschutz findet sich in den Zahlen der Datenbank wieder: Rund 3.000 gesammelte Haarproben wurden bereits analysiert. Darüber gelang der Nachweis von 519 einzelnen Wildkatzen – eine beachtliche Bilanz, die für die Qualität der Arbeit der rund 600 Ehrenamtlichen spricht, die die Haarproben sammelten. In sämtlichen Regionen, in denen Wildkatzen vorkommen, wurden seit 2011 sogenannte Lockstöcke aufgestellt. Dies sind mit Baldrian besprühte Holzlatten, deren Duft die Wildkatzen insbesondere in der Paarungszeit anzieht. Sie reiben sich am Holz und hinterlassen dabei Haare, die von den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern gesammelt und zur Analyse an die Senckenberg Forschungsstation in Gelnhausen weitergeleitet werden. Die Datenbank ist damit auch Ergebnis eines bis dato einzigartigen „Citizen Science-Forschungsprojekts“ zum Schutz der Biologischen Vielfalt mit Beteiligung hunderter Freiwilliger.
Ausgehend von den Erkenntnissen der Datenbank kann die Wiedervernetzung von Wäldern und anderen Lebensräumen künftig noch gezielter vorangetrieben werden. Im Rahmen des Projekts „Wildkatzensprung“ werden in sechs Bundesländern Waldverbindungen als Pilotprojekte gepflanzt oder Wirtschaftswälder aufgewertet. Mit grünen Korridoren aus Bäumen und Büschen werden dabei Wälder, in denen die Wildkatze heimisch ist, mit wildkatzenleeren Wäldern verbunden, so dass sich die Europäische Wildkatze wieder ausbreiten kann.
Die Wildkatze gehört zu den sogenannten Leitarten für den Schutz der Artenvielfalt in Wäldern. Wenn sich die Wildkatze ausbreiten kann und wieder einen festen Platz in den Wäldern findet, ist die ein besonderer Erfolg des Naturschutzes.
Hintergrundinformation: Das Projekt „Wildkatzensprung“ wird seit 2011 und bis 2017 im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gefördert.
Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter www.bund.net/wildkatzensprung und www.biologischevielfalt.de/bp_pj_wildkatzensprung.html.

23.01.201, Forschungsverbund Berlin e.V.
Geschlechtskrankheiten bei Wildtieren: stärkt sexuelle Freizügigkeit die Immunkompetenz?
Für alle Säugetiere galt bisher die Annahme, dass eine erhöhte Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten durch sexuelle Freizügigkeit die Immunkompetenz stärkt. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) zeigten jetzt in einer aktuellen Studie, dass diese Annahme nicht auf Nagetiere zutrifft. Bei Nagetieren haben eher Lebensumstände und Umweltfaktoren einen wesentlichen Einfluss auf die Ausbildung des Immunsystems. Die Studie wurde im wissenschaftlichen Fachjournal „FUNCTIONAL ECOLOGY“ veröffentlicht.
Das Immunsystem schützt Organismen vor Krankheiten. Daher ist es für die medizinische und tiermedizinische Forschung von großem Interesse, welche Faktoren das Immunsystem beeinflussen. Eine der bisher am häufigsten diskutierten Hypothesen war, dass der häufige Kontakt mit Geschlechtskrankheiten ein bestimmender Faktor für die Ausbildung des Immunsystems bei Säugetieren ist. Darauf deuteten zumindest erste Forschungsergebnisse bei Primaten und Raubtieren hin, die Anlass für die Vermutung gaben, dass diese Vorstellung auch auf andere Säugetierarten zutrifft.
Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) konnten nun zeigen, dass diese Annahme nicht für Nagetiere gilt. Immerhin gehören 40 % der heute lebenden Säugetierarten zu den Nagetieren.
Um die Hypothese der Rolle der Geschlechtskrankheiten für die Ausprägung des Immunsystems zu überprüfen, werteten die Wissenschaftler Daten von 145 publizierten wissenschaftlichen Untersuchungen an Nagetieren aus. Zur Erfassung der Immunkompetenz nutzten sie die Gesamtzahl der weißen Blutkörperchen, wobei wenige weiße Blutkörperchen eine geringe und viele eine hohe Immunität bedeuteten. Das Risiko, Geschlechtskrankheiten ausgesetzt zu werden, wurde anhand der relativen Größe der Hoden bestimmt, da diese artübergreifend ein guter Indikator über die durchschnittliche Anzahl der Geschlechtspartner ist: Dicke Hoden sind ein zuverlässiger Hinweis auf viele Partnerinnen, dünne auf wenige. Zusätzlich wurden der Einfluss des Körpergewichtes und der Lebensumstände (freie Wildbahn oder Leben in menschlicher Obhut) in die Analyse mit einbezogen.
Die Ergebnisse zeigten, dass große Nagetierarten eine hohe Anzahl an Immunzellen aufwiesen. Individuen von in Gefangenschaft lebenden Populationen hatten mehr weiße Blutkörperchen als ihre in der freien Wildbahn lebenden Artgenossen. Dagegen spielte die Hodengröße als Indikator für sexuelle Freizügigkeit keine Rolle für die Immunität. Das deutet darauf hin, dass Geschlechtskrankheiten keine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Immunsystems von Nagetieren spielen.
„Zwischen verschiedenen Säugetiergruppen kann sowohl die Verbreitung von sexuell übertragbaren Erregern als auch die Immunität variieren. Der Einfluss von Geschlechtskrankheiten auf das Immunsystem muss daher nicht der einzige bestimmende Faktor für alle Säugetiere sein“, erklärt Jundong Tian vom IZW, Erstautor der Studie.
„Zusätzlich gibt es umfangreiche Beweise dafür, dass die Lebensumstände, also Leben in menschlicher Obhut oder in freier Wildbahn, einen Einfluss auf die Physiologie von Organismen hat. Erkenntnisse, die aus der Forschung mit in Gefangenschaft lebenden Tieren gewonnen werden, sind daher mit Vorsicht zu genießen, wenn wir genau verstehen wollen, wie evolutionäre Kräfte über Jahrmillionen auf das Immunsystem gewirkt haben“, kommentiert Gábor Czirják vom IZW, Leiter der Studie.
Studien an Nagetieren sind von besonderer Bedeutung, da Mäuse und Ratten – die Hauptvertreter dieser Säugetiergruppe – als wichtigstes Tiermodell für die biomedizinische Forschung dienen.
„In der immunologischen Forschung ist es sehr wichtig, Faktoren zu identifizieren, die die Immunität von Mensch und Tier beeinflussen. Im besten Fall können dadurch große Fortschritte in zukünftigen medizinischen Behandlungen erreicht werden“, sagt Alex Greenwood, Leiter der Abteilung Wildtierkrankheiten am IZW.
Publikation:
Tian JD, Courtiol A, Schneeberger K, Greenwood AD, Czirják GÁ (2015): Circulating white blood cell counts in captive and wild rodents are influenced by body mass rather than testes mass, a correlate of mating promiscuity. FUNCTIONAL ECOLOGY.Doi:10.1111/1365-2435.12394

23.01.2015, Veterinärmedizinische Universität Wien
Sei mein Schwarm – Buntbarschschwestern schwimmen gemeinsam, um ans Ziel zu kommen
Im Schwarm zu schwimmen bietet vielen Fischen Schutz. Wer aber mit wem schwärmt, ist von Art zu Art unterschiedlich. Ein Forschungsteam vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Vetmeduni Vienna hat Buntbarsche im zentralafrikanischen Tanganjikasee untersucht.Die Forschenden beobachteten, dass Weibchen sich im Laufe ihres Lebens weiter vom Geburtsort entfernen als Männchen. Um Risiken zu minimieren und die Verbreitung der eigenen Erbinformation zu sichern, schwimmen die Weibchen dabei häufig mit ihren Schwestern im Schwarm. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Oecologia veröffentlicht.
Wie und wohin sich Tiere nach dem Verlassen ihres Nests verbreiten, hängt von der Tierart und den ökologischen Umständen ab. Viele Fische bilden einen Schwarm, um nicht vom nächstbesten Feind gefressen zu werden. Schwimmen Verwandte miteinander im Schwarm, ist der Vorteil noch größer, da der gemeinschaftliche Schutz den eigenen Verwandten zu Gute kommt. Das fördert das Weiterbestehen und die zukünftige Verbreitung der eigenen Erbinformation.
Franziska Lemmel-Schädelin, Wouter van Dongen, Yoshan Moodley und Richard Wagner vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung untersuchten Buntbarsche (Neolamprologus caudopunctatus) im zweitgrößten See Afrikas und zweit tiefsten See der Erde, dem Tanganjikasee. Seine Oberfläche beträgt rund 33.000 Quadratkilometer. Das entspricht etwa der Größe von Niederösterreich und Oberösterreich zusammen. Die Forschenden untersuchten dort, wie das Geschlecht und die Größe der Fische ihre Verbreitung und ihr Schwarmverhalten beeinflussen.
Weibchen verbreiten sich weiter als Männchen
Während zahlreicher Tauchgänge im Oktober und November 2008 untersuchten Lemmel-Schädelin und ihre KollegInnen das Migrationsverhalten und die Verwandtschaftsverhältnisse von mehr als 900 Buntbarschen. Dazu sammelten die TaucherInnen DNA-Proben der Rückenflossen und dokumentierten Körpergrößen sowie Geschlecht der Barsche. Nach Analyse der Daten zeigte sich, dass sich Weibchen im Laufe ihres Lebens viel weiter von ihren elterlichen Bruthöhlen entfernen als Männchen.
„Um Inzucht oder den Wettkampf um begrenzte Ressourcen zu vermeiden, ist es bei vielen Tieren grundsätzlich so, dass sich ein Geschlecht weiter vom Geburtsort weg bewegt als das andere. Bei Säugetieren sind das meist die Männchen, während die Weibchen eher in der Nähe der Nester bleiben. Im Gegensatz dazu sind es bei der untersuchten Buntbarschart offenbar die Weibchen, die abwandern “, erklärt Verhaltensbiologin Lemmel-Schädelin.
Verwandtschaft im Schwarm fördert Verbreitung der eigenen Gene
Ein weiteres Phänomen fanden die Forschenden bei der Untersuchung der Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Schwärme. Kleine, und deshalb wahrscheinlich jüngere, Weibchen schwimmen im Schwarm eher mit ihren Schwestern. Kleine Männchen tun das nicht, sondern suchen sich Schwärme mit nicht verwandten Männchen. Bei größeren und somit älteren Fischen findet sich diese Bevorzugung von Schwärmen mit Verwandten nicht mehr.
Richard Wagner erklärt dieses Verhalten so: „Weibchen entfernen sich etwa elf Mal weiter von ihrer Elternhöhle als Männchen. Das ist natürlich mit einer gewissen Gefahr für die Weibchen verbunden. Wir beobachteten, dass sich Weibchen eher mit ihren Schwestern im Schwarm umgeben. Wahrscheinlich, um die Gefahren einer Reise in die Ferne möglichst gering zu halten und die Chancen, dass es wenigstens eine aus der Familie schafft, zu erhöhen.“
„Die Forschung an Buntbarschen ist aus evolutionsbiologischer Sicht besonders interessant“, meint Lemmel-Schädelin. „In den drei größten afrikanischen Seen, dem Victoriasee, dem Tanganjikasee und dem Malawisee leben Buntbarscharten, die von arten- und anzahlarmen Gründerpopulationen abstammen. Diese Stammtiere gelangten über Flüsse in die Seen. Sie fanden dort verschiedene ökologische Nischen vor und entwickelten sich daraufhin sehr unterschiedlich. Aus diesem Grund lässt sich in diesen Gewässern sozusagen der Evolution über die Schulter schauen und besonders die Bildung neuer Arten sowie ein reiches Repertoire an unterschiedlichsten Verhaltensweisen erforschen“, schwärmt Lemmel-Schädelin.
Service:
Der Artikel “Sex biases in kin shoaling and dispersal in a cichlid fish” von Wouter F. D. van Dongen, Richard H. Wagner, Yoshan Moodley und Franziska Lemmel-Schädelin wurde im Journal Oecologia veröffentlicht.
doi: 10.1007/s00442-014-3079-3 http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00442-014-3079-3

22.01.2015, Technische Universität Wien
Mensch oder Affe? Der Unterschied liegt in der Hand
Bereits vor Millionen Jahren dürfte Australopithecus africanus Werkzeuge verwendet haben. Das konnte nun mit Hilfe von Computertomographie und Software der TU Wien herausgefunden werden.
In vielen Punkten sind wir unseren affenartigen Vorfahren recht ähnlich – aber unsere Hände benutzen wir auf ganz andere Weise als sie. Wenn sich Affen von Ast zu Ast schwingen oder wenn sie gestützt auf die Fingerknöchel auf allen Vieren laufen, dann werden die Handknochen dabei ganz anders beansprucht als beim Werkzeuggebrauch. Das lässt sich auch nach Millionen Jahren noch an Knochenfossilien feststellen.
Ein Forschungsprojekt, geleitet von der Universität Kent in Großbritannien, konnte nun zeigen, dass der Australopithecus africanus vor zwei bis drei Millionen Jahren seine Hände schon ganz ähnlich benutzte wie wir und die Fähigkeit zur Benutzung von Werkzeugen hatte. Einen wesentlichen Beitrag zu dem Ergebnis leistete die TU Wien, wo spezielle Computeralgorithmen für die Auswertung von Computertomographie-Aufnahmen von Knochen entwickelt wurden. Ebenfalls am Projekt beteiligt waren das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und das University College London. Die Forschungsergebnisse wurden nun im Journal „Science“ veröffentlicht.
Der Knochen passt sich der Belastung an
Wir Menschen verwenden unsere Hände für kraftvolles Greifen und Präzisionsbewegungen, etwa wenn wir einen Schlüssel benutzen. Solche Belastungen beeinflussen den ständigen Knochenumbau und hinterlassen somit ihre Spuren in den sogenannten Trabekeln, feinen Strukturen im schwammartig aufgebauten Innenbereich des Knochens, welche Millionen von Jahren überdauern. „Diese Strukturen richten sich im Lauf der Zeit so aus, dass sie die täglich auftretenden Belastungen möglichst gut aufnehmen können“, sagt Prof. Dieter Pahr vom Institut für Leichtbau und Struktur-Biomechanik der TU Wien. Neben anderen Einflussfaktoren ist die mechanische Belastung hauptsächlich für die Veränderung des Knochens beim einzelnen Individuum verantwortlich.
Mit Computertomographen lässt sich ein dreidimensionales Bild des Knocheninneren herstellen – und mit der Software, die an der TU Wien entwickelt wurde, kann man daraus berechnen, wie dicht der schwammartige Knochen ist und in welcher Richtung der Knochen bevorzugt belastet wurde. Somit lässt sich das Geheimnis lüften was eine Spezies vor Jahrmillionen mit den Händen gemacht hat. Das Softwarepaket „medtool“ wird mittlerweile von einem Spin-Off der TU Wien vertrieben und in der Medizintechnik und klinischen Forschung eingesetzt.
Hatten unsere Vorfahren eher Menschenhände oder Affenhände?
Zwischen Mittelhand- und Daumenknochen von Menschen und von Schimpansen ist ein sehr deutlicher Unterschied festzustellen. Dadurch ist es auch möglich, Aussagen über das Verhalten unserer älteren Verwandten zu machen: Neandertaler verwendeten bereits Steinwerkzeuge – daher zeigen ihre Knochen erwartungsgemäß die typisch menschlichen Belastungsmuster. Unklar war bisher allerdings, ob dasselbe auch für den viel älteren Australopithecus africanus gilt.
Tatsächlich konnte nun gezeigt werden, dass fossile Knochen des Australopithecus dem menschlichen Knochenbelastungsmuster entsprechen und sich von denen des Zwergschimpansen deutlich unterscheiden. Australopithecus africanus dürfte seine Zeit also weniger mit dem Klettern auf Bäumen, sondern eher mit der Verwendung von Werkzeugen verbracht haben. Diese Ergebnisse stärken nun die in letzter Zeit aufgekommene Vermutung, dass die Verwendung von Steinwerkzeugen menschheitsgeschichtlich deutlich weiter zurückreicht als man früher dachte. Schon vor Millionen Jahren verwendeten unsere Vorfahren ihre Hände ganz ähnlich wie wir.
Originalpublikation: Human-like hand use in Australopithecus africanus, (Matthew M. Skinner, Nicholas B. Stephens, Zewdi J. Tsegai, Alexandra C. Foote, N. Huynh Nguyen,Thomas Gross, Dieter H. Pahr, Jean-Jacques Hublin,Tracy L. Kivell) is published on 23 January in Science magazine.

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