Verbreitung und Bedrohung des Tigers

Verbreitung des Tigers 1900 und 1990

Verbreitung des Tigers 1900 und 1990

Das heutige Verbreitungsgebiet des Tigers erstreckt sich von Indien ostwärts bis China und Südostasien und nordwärts bis über den Amur hinaus ins östliche Sibirien. Im Südosten dringt er bis nach Indonesien vor, wo er die Insel Sumatra bewohnt. Auf Java kam der Tiger noch bis in die 1970er Jahre vor. Bis in die 1930er Jahre erreichte er sogar die Insel Bali. Aus Borneo ist der Tiger aus dem Pleistozän und durch subfossile Funde aus dem Holozän belegt. Einst waren Tiger auch westlich von Indien in Vorderasien und Zentralasien weit verbreitet, doch ist die Art hier seit den 1970er Jahren höchstwahrscheinlich ausgerottet.

Einzelne Tiger können bisweilen erhebliche Strecken zurücklegen, daher muss man zwischen dauerhaft besiedelten Gebieten und solchen, in denen Tiger nur gelegentlich auftreten, unterscheiden. Auch in Gebieten, in denen der Mensch die Tiger ausrottete, treten immer wieder umherstreifende Einzeltiere auf.

Vermutlich war der Tiger im Mittelalter, insbesondere im 10. und 11. Jahrhundert, im östlichen Transkaukasus und den Vorbergen des Kleinen und Großen Kaukasus verbreitet. Damals könnten sie entlang der Westküste des Kaspischen Meeres weit nach Norden vorgedrungen sein. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass der Tiger damals in Gebiete nördlich des Kaukasus, möglicherweise sogar bis zum Don und Dnepr vorgedrungen ist. So könnte das in der russischen mittelalterlichen Literatur genannte „ljuty swer“ (russisch лю́тый зверь, grimmiges, wildes Tier) ein Tiger gewesen sein. Bisweilen wird dahinter aber auch ein Löwe oder Leopard vermutet. Höchstwahrscheinlich kam der Tiger damals zumindest in den nördlichen Ausläufern des Kaukasus vor.

Die westlichsten Vorkommen lagen in der Neuzeit an den Südhängen des Kaukasus, vornehmlich im Ostteil des Gebirges. Von dort aus drangen Einzeltiere noch im 18. bis 20. Jahrhundert bis auf etwa 70 km ans Schwarze Meer vor und erreichten Armenien, Tiflis, die obere Kura sowie den mittleren Rioni und Kivirili. Im Nordosten erreichte der Tiger im Kaukasus die Gebiete um Baku und sogar Derbent an der Küste des Kaspischen Meeres. Ebenso bewohnte die Art damals die Südosttürkei und Transkaukasien, insbesondere das Talysch- und Lenkoran-Gebiet, von wo aus sich das Verbreitungsgebiet durch den Iran entlang des Kaspischen Meeres und des Elburs-Gebirges nach Osten bis zum Atrek-Fluss erstreckte. Im Süden des Irans kam der Tiger dagegen nie vor.

Am Atrek-Fluss ging das Gebiet des Tigers ins heutige Turkmenistan über, wo er im Südwesten des Landes vorkam. Die Berge des westlichen Kopet-Dag wurden regelmäßig von Tigern aufgesucht, aber offenbar nicht dauerhaft besiedelt. Die östlichen Bereiche sind für Tiger dagegen ungeeignet. Noch weiter östlich, am Tedzen und Murgab-Fluss, reichte das Verbreitungsgebiet des Tigers ebenfalls ins südliche Turkmenistan hinein. Hier bestand auch eine Verbindung zu den iranischen Vorkommen sowie zu den Populationen Afghanistans. In Afghanistan bewohnte der Tiger lediglich den äußersten Norden, nach Südosten hin war das Areal des Tigers hingegen durch die Gebirgskämme des Hindukusch und Pamir begrenzt. Ein einzelner Nachweis existiert darüber hinaus aus dem Nordirak.

In den ehemaligen Sowjetrepubliken kam der Tiger neben den kaukasischen und den südturkmenischen Populationen vor allem am Amu Darja, Wachsch, Syr Darja und Ili-Fluss vor. Die Vorkommen im Bereich des Amu Darja und Wachsch waren mit jenen in Afghanistan verbunden, die Bestände am Ili-Fluss und damit auch jene um den Balchasch- und Alaköl-See reichten dagegen nach Westchina herüber. Hier erreichte er zumindest den Bosten-See. Die Tiger des Syr-Darja-Systems waren durch große Trockenzonen von jenen des Amu Darja-Flusses einerseits und jenen des Ili-Balchasch-Gebiets andererseits isoliert. Dennoch durchwanderten einzelne Tiere in der Vergangenheit immer wieder diese für Tiger eigentlich ungeeigneten Gebiete, wodurch ein Austausch der Populationen gewährleistet war.

Die nördlichsten dauerhaften Bestände im westlichen Asien lagen am Südrand des Altaigebirges am Saissansee, am Schwarzen Irtysch und im Kurchum-Tal in Kasachstan und Westchina. Von dort drangen einzelne Exemplare sehr weit nach Norden vor und wurden etwa bei Akmolinsk, Barnaul und Bijsk erlegt. Berichten zufolge sollen Einzeltiere sogar den Acit-Nuur-See in der Westmongolei erreicht haben.

Sibirischer TIger (Tiergarten Nürnberg)

Amurtiger (Tiergarten Nürnberg)

Aus Gebieten weit östlich des Altaigebirges, etwa der Baikalseeregion, liegen kaum Nachweise aus dem 19. und 20. Jahrhundert vor. Dennoch deutet die kürzlich festgestellte enge genetische Verwandtschaft des Kaspischen und Sibirischen Tigers darauf hin, dass sich das Verbreitungsgebiet einst kontinuierlich von Vorderasien bis Ostsibirien ausdehnte. Zumindest einzelne Tiger sind noch in der Neuzeit in diesen Gebieten belegt. Ein Tiger wurde im Jahr 1828 am Oberlauf der Angara nachgewiesen, ein anderer 1834 am Baikalsee. Noch weiter östlich im Bereich der Flüsse Onon und Argun kamen Tiger zumindest noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts regelmäßig als umherstreifende Einzeltiere vor. Von dort aus folgte das dauerhafte Verbreitungsgebiet dem Amurfluss gleich einem Band nach Osten, wobei die nördlichsten Bestände in historischer Zeit an den Südhängen des Stanowoigebirges, um 45° N bestanden. An der Küste lag die Nordgrenze dauerhafter Besiedlung bei etwa 50° N. Von dort aus drangen Einzeltiere immer wieder sehr weit in den Norden vor. Ein Tiger wurde etwa im Jahr 1905 am Aldanfluss auf 60° nördlicher Breite erlegt. Ein anderer wurde 1944 auf 56° N festgestellt. Südlich des Amur kam der Tiger an den Westhängen des Großen Chingangebirges in China vor. Im Westen erreichte er dort sogar das Gebiet des Buir-Nuur-Sees an der mongolischen Grenze. Das Verbreitungsgebiet erstreckte sich von dort aus über die Sungari-Ebene nach Korea und schließlich weiter südwärts über große Teile Ostchinas bis Vorder- und Hinterindien. Das westlichste Vorkommen eines Tigers in Mittelchina wird durch ein einzelnes Exemplar markiert, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Oberlauf des Minjiang in Sichuan auftauchte. Südwärts war der Tiger über ganz Hinterindien bis zur Malaiischen Halbinsel verbreitet. Auch auf Sumatra, Java und Bali kam die gestreifte Katze vor. Darüber hinaus besiedelte er einst nahezu den gesamten indischen Subkontinent von der Südspitze bis zu den Hängen des Himalaya im Norden. Lediglich im äußersten Nordwesten Indiens, wo die Trockengebiete der Wüste Tharr beginnen, fehlt der Tiger natürlicherweise. Auch auf der Insel Sri Lanka sind Tiger historisch nicht vorgekommen. In Pakistan kam der Tiger lediglich im Industiefland vor, welches er vermutlich von Indien her kommend erreicht hat. Von den westasiatischen Vorkommen, die im Norden Afghanistans begannen, waren die Populationen des Industales durch ausgedehnte Trockengebiete und Bergketten isoliert.

Malaiischer Tiger (Tierpark Berlin)

Malaiischer Tiger (Tierpark Berlin)

Insbesondere durch die zunehmende Besiedlung vieler Gebiete sowie durch die verstärkte Jagd, die sowohl die Tiger- als auch die Beutetierbestände dezimierte, erlitt der Tiger seit dem späten 19. Jahrhundert drastische Gebietsverluste. Ein frühes Opfer wurden die Tiger der Insel Bali. Das letzte Exemplar des Balitigers ist aus dem Jahr 1937 nachgewiesen. Im südlichen Kaukasusgebiet und in Transkaukasien waren Tiger noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts relativ häufig, dann nahmen die Bestände stark ab und erloschen um die Mitte des 20. Jahrhunderts ganz. Lediglich einzelne Tiere wanderten später noch gelegentlich aus dem Iran über das Talyschgebirge in den Kaukasus ein. Die letzten dürften in den 1960er Jahren diesen Weg genommen haben. Aus den meisten Teilen der ehemaligen Sowjetunion verschwand der Tiger am Ende des 19. Jahrhunderts oder am Beginn des 20. Jahrhunderts. Am unteren Ili-Fluss lebten noch im Jahr 1936 einige Tiger. Am Syr Darja wurde der letzte im Jahr 1945 registriert, am Ili im Jahr 1948. Am längsten hielten sich Tiger im Süden der ehemaligen Sowjetunion im Grenzgebiet zu Afghanistan. Im südlichen Bereich des Amu-Darja-Gebietes nahe der Mündung des Wachsch, im Bereich des Tigrowaja-Balka-Naturreservats, sowie im benachbarten Tal des Pjandsch zogen Tiger noch in den 1930er Jahren ihren Nachwuchs groß. Um 1950 lebten dort allerdings nur noch einzelne Exemplare. Seit den 1950er bis 1960er Jahren scheint der Tiger im Westteil der damaligen Sowjetunion, höchstwahrscheinlich auch in Afghanistan, ausgerottet zu sein. Am längsten hielt er sich im Südosten der Türkei, wo bis in die 1970er Jahre einzelne Tiere überlebten. Heute gilt er in ganz Vorderasien als ausgestorben, damit ist der Kaspische Tiger als Unterart erloschen. Die javanische Unterart des Tigers starb vermutlich ebenfalls in den 1970er Jahren aus. Aus China ist der Tiger heute nahezu völlig verschwunden. In allen anderen Vorkommensgebieten schrumpfte das Verbreitungsgebiet ebenfalls im Verlauf des 20. Jahrhunderts bis auf wenige inselartige Reliktpopulationen zusammen.

Auch in der jüngsten Vergangenheit verlor der Tiger weiter an Boden. Allein zwischen 1995 und 2005 hat sich das Verbreitungsgebiet des Tigers in Asien um 40 % verringert, sodass die Tiere heute nur noch sieben Prozent ihres ursprünglichen Habitats besiedeln. Man findet Tiger heute nur noch im Fernen Osten Russlands sowie angrenzenden Teilen Nordchinas, weiterhin auf dem indischen Subkontinent und in entlegenen Regionen Südostasiens von der chinesischen Provinz Yunnan im Norden bis zur Malaiischen Halbinsel im Süden. Die einzige größere Insel, auf der Tiger noch vorkommen, ist Sumatra.

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