Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

09.02.2015, NABU International
Zahl der Tiger im indischen Valmiki-Reservat fast verdreifacht – Nach Zusammenbruch der Population sind Indiens Tiger auf dem Vormarsch
Nachdem der weltweite Tigerbestand im Jahr 2010 einen historischen Tiefpunkt erreichte, steigt die Population in Indien laut jüngster Zählungen wieder an. Dies bestätigen auch die neuesten Zahlen aus dem Projektgebiet der NABU International Naturschutzstiftung: Im Valmiki-Reservat am Fuße des Himalaya hat sich die Zahl der Tiger fast verdreifacht – 28 der seltenen Großkatzen duchstreifen heute das 900 Quadratkilometer große Gebiet. „Damit leistet das Projekt einen messbaren Beitrag zu dem internationalen Ziel, die Zahl der wildlebenden Tiger bis 2022 zu verdoppeln. Der Zuwachs von zehn auf 28 Tiger in acht Jahren zeigt, dass unsere Schutzmaßnahmen in Valmiki Erfolg haben“, freute sich Thomas Tennhardt, Vorsitzender von NABU International.
Der Verlust ihrer Lebensräume und die gnadenlose Jagd dezimierten die globale Tigerpopulation auf etwa 3.200 Individuen – ein Verlust um 97 Prozent in hundert Jahren. Dabei wurden die majestätischen Großkatzen auf weniger als sieben Prozent ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets zurückgedrängt. Mittlerweile gibt es mehr als doppelt so viele Tiger in Gefangeschaft als in Freiheit.
Eine besondere Verantwortung für den Erhalt von Tigern hat das Land Indien, welches rund 70 Prozent aller Tiger beheimatet. Seit 1970 gründete das Land 50 Tigerreservate, die heutzutage fachmännisch betreut und streng bewacht werden. Seither sind indische Tigerreservate dazu verpflichtet, regelmäßige Zählungen durchzuführen, deren Ergebnisse die Regierung alle vier Jahre als landesweite Bestandszahlen veröffentlicht. Während es 2006 etwa 1.400 Tiger in Indien gab, sind es aktuell 2.226. „Das Überleben der Tiger hängt davon ab, ob wir es schaffen, bestehende Naturräume effektiv zu schützen“, sagte Tennhardt. Und genau dies tut NABU International in Valmiki, einem Gebiet, das mit den angrenzenden Reservaten in Nepal eine 3.500 Quadratkilometer große, zusammenhängende Tigerschutzzone darstellt.
Bevor Valmiki 1990 zum Tigerreservat erklärt wurde, hatten jahrzehntelange unkontrollierte Jagd sowie die systematische Zerstörung natürlicher Lebensräume die Tier- und Pflanzenwelt stark geschädigt. „Als wir anfingen in Valmiki zu arbeiten, konnte die dortige Tigerpopulation nicht wachsen, da es an natürlichen Weideflächen für Beutetiere mangelte“, erklärte Barbara Maas, Leiterin internationaler Artenschutz von NABU International. „In Zusammenarbeit mit der Forstbehörde und den lokalen Gemeinden macht unser Projekt die Zerstörungen in Valmiki rückgängig, um das Potenzial des Tigerreservates voll auszuschöpfen.“
Dafür greift NABU International in Zusammenarbeit mit Wildlife Trust of India auf einen integrativen Ansatz zurück: Zerstörte Wald- und Weideflächen werden wieder restauriert und Rangertrupps sorgen für einen Rückgang der Wilderei. Die Menschen in der Region leben hauptsächlich von der Landwirtschaft und sind von dem Wald in Valmiki abhängig. Baumpflanzungen, holzsparende Kocher und Solarlampen verringerten den Holzverbrauch bereits um 77 Prozent und schaffen dem Tiger und seinen Beutetieren wieder einen Lebensraum. „NABU International arbeitet eng mit den Menschen in Valmiki zusammen, leistet Öffentlichkeitsarbeit für den Tigerschutz und entwickelt gemeinsam neue Ansätze und Schutzstrategien. So ist es uns gelungen, die Lebenssituation der lokalen Bevölkerung zu verbessern und eine Zunahme der Tigerpopulation zu erreichen“, sagte Maas.

10.02.2015, Veterinärmedizinische Universität Wien
Vogelmalaria betrifft auch Wildvögel in Österreich
Viele Wildvögel in Österreich tragen den Erreger der Vogelmalaria in sich, erkranken jedoch nicht. Sie sind an den Parasiten gewöhnt. Ein Pathologieteam an der Vetmeduni Vienna zeigte nun erstmals, dass österreichische Vögel an der Vogelmalaria auch erkranken können. Die erhobenen Daten wurden in der Fachzeitschrift Parasitology Research veröffentlicht.
Im Sommer der Jahre 2001 bis 2004 kam es in Österreich zu einem massiven Amselsterben. Forschende der Vetmeduni Vienna untersuchten damals mehr als 600 verstorbene Vögel und identifizierten das Usutu-Virus als Todesursache. Die Vögel wurden damals in einer groß angelegten Sammelaktion von der österreichischen Bevölkerung zusammengetragen und den WissenschafterInnen der Vetmeduni Vienna zur Verfügung gestellt.
Nun, über zehn Jahre später, griffen die Forschenden erneut auf das umfangreiche Probenmaterial zurück, um die damals verstorbenen Tiere auf Vogelmalaria zu untersuchen. Bislang dachte man, dass hierzulande nur Zoovögel von der Vogelmalaria betroffen seien. Und zwar jene Vögel, die aus Ländern stammen, in denen es keine Stechmücken gibt. Diese Tiere stammen aus der Antarktis oder aus dem hohen Norden und konnten sich im Laufe ihrer Entwicklung nicht an die Vogelmalaria gewöhnen. „So ist eine Infektion für Pinguine im Zoo beispielsweise lebensbedrohlich“, erklärt der Studienleiter Herbert Weissenböck. „Heimische Vögel haben sich evolutionär an die Blutparasiten angepasst. Sie tragen den Erreger meist in sich, erkranken aber nicht. Das dachten wir zumindest bisher.“
15 Prozent der untersuchten Vögel mit Vogelmalaria befallen
Die Forschenden untersuchten Organe wie Leber, Milz, Lunge und Gehirn von 233 toten Vögeln aus der damaligen Sammelaktion. Das Ergebnis: Etwa 15 Prozent der untersuchten Tiere waren so massiv mit Plasmodien befallen, dass auch ihre Organe bereits geschädigt waren. Die Forschenden gehen davon aus, dass die Vogelmalaria in diesen Fällen Todesursache war.
Für heimische Wildvogelpopulationen sieht Weissenböck jedoch kein Risiko. „Nur ein kleiner Teil der Population stirbt wahrscheinlich regelmäßig an der Vogelmalaria. Für die Gesamtheit spielt dies keine dramatische Rolle. Dass heimische Vögel überhaupt erkranken können, ist völlig neu.“
Drei verschiedene Plasmodienarten gefunden
Auf der ganzen Welt sind etwa 100 verschiedene Plasmodienarten bekannt. Weissenböck identifizierte gemeinsam mit der Erstautorin Nora Dinhopl drei Arten in den Vögeln: P. elongatum, P. vaughani sowie eine verwandte Art des südamerikanischen P. lutzi. Diese neue Art muss noch genau analysiert und zugeordnet werden. Eine vierte Unterart, die in Mitteleuropa eigentlich häufig vorkommt, P. relictum, haben die Forschenden in den toten Tieren überraschenderweise nicht gefunden. „Möglicherweise verursacht das bisher gefundene P. relictum weniger schwere Verläufe. Wir führen die Todesfälle auf die ersten drei Unterarten zurück“, so Weissenböck.
Diagnostische Methode entwickelt
Um die Organe der vor etwa zehn Jahren verstorbenen Vögel auf Malaria untersuchen zu können, wendeten Weissenböck und sein Team eine spezielle RNA-Färbemethode an. Ein Farbstoff bindet nur an jenen Stellen im Gewebe, wo sich tatsächlich auch RNA bestimmter Zellorganellen des Parasiten befindet.
In Zukunft wollen die PathologInnen diese Methode noch weiter verfeinern, um noch genauer zwischen einzelnen Parasitenunterarten differenzieren können. „Die Malaria weist man normalerweise im Blut nach. Fachleute können Plasmodien in den roten Blutkörperchen unterm Mikroskop nachweisen. Diese Möglichkeit hatten wir mit unseren archivierten Proben nicht mehr. Wir möchten unsere RNA-Färbung nun auch für Blutproben optimieren. Nur so können wir unterschiedliche Parasiten auch im Blut treffsicher unterscheiden“, betont Weissenböck.
Plasmodien dezimieren Stechmücken
Für Stechmücken scheint der Parasit auch problematisch zu sein. In einer vor kurzem veröffentlichten Studie zeigten litauische Kooperationspartner der der Vetmeduni Vienna, dass eine hohe Belastung mit Plasmodien auch den Insekten das Leben kostet (http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00436-013-3733-4). „Wahrscheinlich wird sogar die Stechmückenpopulation so jedes Jahr auf natürliche Weise reduziert“, so Weissenböck.
Der Artikel „In situ hybridization and sequence analysis reveal an association of Plasmodium spp. with mortalities in wild passerine birds in Austria” von Nora Dinhopl, Nora Nedorost, Meike M. Mostegl, Christiane Weissenbacher-Lang und Herbert Weissenböck wurde im Journal Parasitology Research veröffentlicht. http://link.springer.com/article/10.1007/s00436-015-4328-z

0.02.2015, Justus-Liebig-Universität Gießen
Der Einfluss des Menschen auf das Artensterben
JLU-Biologe Prof. Dr. Thomas Wilke koordiniert Teil des EU-Großprojekts „PRIDE – Entstehung und Verlust von Biodiversität in der Pontokaspis“ – Internationales Forscherteam untersucht Region um Kaspisches Meer, Schwarzes Meer und Aralsee
Seit Jahrmillionen entstehen auf der Erde neue Arten und sterben aus natürlichen Gründen wieder aus. Mittlerweile hat das Artensterben aber weltweit besorgniserregende Ausmaße angenommen, zu einem erheblichen Teil versursacht durch den Menschen. Ein internationales Team unterschiedlichster Fachrichtungen – darunter der Biologe Prof. Dr. Thomas Wilke von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) – wird in den kommenden Jahren in einem EU-finanzierten Großprojekt („PRIDE – Entstehung und Verlust von Biodiversität in der Pontokaspis“) die natürlichen und die menschlichen Faktoren beim Werden und Vergehen von Arten genauer untersuchen. „Nur wenn der menschliche Einfluss genau benannt und quantifiziert werden kann, ist die zielgerichtete Etablierung von Schutzmaßnahmen möglich“, betont Prof. Wilke, der den biologischen Teil des Projekts koordiniert. Die Gesamtkoordination des Projekts liegt beim niederländischen Naturalis Biodiversity Center in Leiden.
Forschungsgebiet der PRIDE-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler ist die sogenannte Pontokaspis, die Region um Schwarzes Meer, Kaspisches Meer und den Aralsee. Sie gilt derzeit noch als eine der artenreichsten Brackwasserregionen der Erde, ist aber so stark vom Artensterben betroffen, dass bereits von einer „Pontokaspischen Biodiversitätskrise“ die Rede ist. Die Gewässer sind „Reste“ des subtropischen Urmeers Parathetys, das über Millionen von Jahren weite Teile Europas und Asiens bedeckte. In der Paratethys kam es durch globale Umweltveränderungen zur Entstehung von hunderten ja sogar tausenden neuen Arten, die dann durch natürliche Prozesse wieder ganz oder teilweise verschwunden sind.
Das unter anderem aus den Fachrichtungen Biologie, Paläontologie, Geologie und Ökologie zusammengesetzte Forscherteam hat sich zum Ziel gesetzt, die natürlichen und menschlichen Einflüsse bei der Artbildung, insbesondere aber beim Aussterben von Arten, in der Pontokaspis modellhaft zu quantifizieren und darauf aufbauend zielgerichtete und effiziente Maßnahmen zum Erhalt der verbleibenden Biodiversität abzuleiten. Das Projekt mit dem englischen Originaltitel „Drivers of Pontocaspian biodiversity Rise and Demise“ („PRIDE“) gehört zur Förderlinie der Marie Curie Initial Training Networks und gibt 15 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern die Möglichkeit, diese Fragestellungen gemeinsam und interdisziplinär zu bearbeiten. Es läuft über vier Jahre mit einem Gesamtvolumen von 3,8 Millionen Euro; die JLU erhält rund 750.000 Euro.
„Wir forschen seit fast 30 Jahren in der Pontokaspis, und der Verlust von Arten, den wir erleben müssen, ist erschreckend“, erklärt Prof. Wilke, Professor für Spezielle Zoologie und Biodiversitätsforschung an der JLU. „Um Artbildung und das Aussterben von Arten besser verstehen zu können, wollen wir diese Prozesse über einen Zeitraum von etwa zwei Millionen Jahren mit Hilfe von Fossilien rekonstruieren.“ Informationen erhalten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei auch durch den DNA-Vergleich von heute lebenden Arten und der Modellierung zurückliegender Ereignisse mit Hilfe sogenannter „molekularer Uhren“. Die Zeitpunkte des Entstehens und Aussterbens von Arten sollen im Anschluss mit geologischen Ereignissen und Klimaveränderungen abgeglichen werden, um deren Einfluss auf Evolutionsprozesse in einem komplexen Modell zu quantifizieren. „Dies hilft uns, natürliche Veränderungen in der Biodiversität über die Zeit zu verstehen. Das Modell wird dann genutzt, um den heutigen menschlichen Einfluss exakter zu quantifizieren und insbesondere die Faktoren zu bestimmen, die gegenwärtig den größten Einfluss auf die Biodiversitätskrise in der Pontokaspis haben“, erläutert Prof. Wilke das einzigartige Forschungsvorhaben.
Das EU-Großprojekt ist eine wertvolle Ergänzung des lebenswissenschaftlichen Schwerpunktbereichs der JLU. Insbesondere stelle dieses Vorhaben einen konsequenten Forschungstransfer aus dem von der JLU koordinierten DAAD-Exzellenzzentrum CEMarin dar, betont Prof. Wilke, der auch das CEMarin leitet. „Dort untersuchen wir natürliche und anthropogene Veränderungen in der südlichen Karibik. Die sich aus dem Projekt PRIDE ergebenden Impulse und Synergien, sowohl für die Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern als auch für das bessere Verständnis von evolutionsbiologischen Prozessen in Zeit und Raum sind faszinierend, aber auch herausfordernd.“

10.02.2015, Bundesamt für Naturschutz
Gefährdung des Feldhamsters nimmt weiter zu
Die Gefährdung des Feldhamsters in Deutschland schreitet weiter voran. Dies dokumentiert die BfN-Veröffentlichung „Bericht zum Status des Feldhamsters (Cricetus cricetus)“ im Skript 385. Die Veröffentlichung umfasst Statusberichte der Bundesländer und Ergebnisse eines nationalen Expertentreffens zum Schutz des Feldhamsters an der Internationalen Naturschutzakademie auf der Insel Vilm. Zusammengestellt wurde das Skript vom Deutschen Rat für Landespflege im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz (BfN).
Die Statusberichte enthalten Angaben zu Vorkommen, Bestandsentwicklung und Gefährdungsur-sachen, aber auch zu Schutzmaßnahmen. In Deutschland sind aktuell vier große Verbreitungs-schwerpunkte des Feldhamsters vorhanden. Sie liegen in Mitteldeutschland, im Rhein-Main-Gebiet, in Franken sowie im südwestlichen Nordrhein-Westfalen.
Die Bestandsentwicklung ist jedoch in neun von den elf berücksichtigten Bundesländern negativ, unabhängig von der jeweiligen Bestandsgröße. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wird der Bestand aktuell mit null angegeben, so dass die Experten davon ausgehen, dass der Feldhamster dort ausgestorben ist. In den beiden Bundesländern waren noch in den 1990er Jahren Feldhamster gemeldet worden. Als halbwegs stabil wird die Bestandsentwicklung derzeit lediglich in Sachsen-Anhalt und in Rheinland-Pfalz eingeschätzt. Doch ohne entsprechende Schutzmaßnahmen wird der Feldhamster nach Experten-Angaben auch in Rheinland-Pfalz in etwa zehn Jahren ausgestorben sein.
„Gefährdungsursache Nummer eins ist die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung“, sagte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. „Dies geht auch aus allen Länderberichten hervor.“ Denn der Feldhamster ist auf die Agrarlandschaft angewiesen. Er findet dort steppenartige Lebensräume, in denen er seine Erdhöhlen gräbt und reichhaltige Nahrung findet. Weil die moderne Landwirtschaft die Ernte jedoch immer früher und auch fast restlos einfährt, fehlt dem Feldhamster nicht nur Deckung und damit Schutz vor Feinden, sondern vor allem ausreichend Nahrung für die Überwinterung. Doch auch zunehmende Isolation und Zerschneidung der Lebensräume tragen zur Gefährdung des Nagers bei.
Die Experten fordern unter anderem, dass in allen Bundesländern mit Feldhamstervorkommen, soweit noch nicht vorhanden, umgehend Aktionspläne für die Art aufgestellt und vor allem konkrete Maßnahmen zu ihrem Schutz realisiert werden. „Die Umsetzung dieser Forderungen ist von größter Bedeutung für den Schutz des vom Aussterben bedrohten Nagers“, erklärte die BfN-Präsidentin. Der Feldhamster steht außerdem für eine Agrarlandschaft, die noch ein Mindestmaß an Strukturen und Fruchtfolgen aufweist. Deshalb profitieren von seinem Schutz auch viele weitere gefährdete Arten der heimischen Feldflur wie Rebhuhn, Feldlerche und Feldhase.
Skript 385 als Pdf-Download unter: http://www.bfn.de/0502_skripten.html

11.02.2015, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Ein Unterschied von Wolf und Hund – Haustiere zeigen rätselhafte Vielfalt
Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts in Gelnhausen haben gemeinsam mit spanischen Kollegen die molekularen Mechanismen untersucht, welche zur Entstehung einer enormen Vielfalt von Haustierrassen führen. Das Team konnte anhand von Vergleichen zwischen Wolf und Hund, Ziege und Steinbock sowie Schaf- und Mufflon die These widerlegen, dass Haustiere über eine höhere Rekombinationsrate ihrer DNA verfügen als Wildtiere. Diese Annahme galt lange als gültige Erklärung für die vielfältigen Erscheinungsformen von Haustieren. Die Studie ist kürzlich online im renommierten Fachjournal „Molecular Biology and Evolution“ erschienen.
Riesige Doggen, winzige Chihuahuas, knautschige Möpse und gepunktete Dalmatiner – es gibt fast 350 Hunderassen mit unterschiedlicher Größe, Aussehen und Temperament. „Wie es zu dieser außergewöhnlichen Vielfalt kam, ist noch ungeklärt“, sagt Dr. Violeta Munoz-Fuentes vom Senckenberg Forschungsinstitut in Gelnhausen und ergänzt: „Genetisch gesehen ist selbst ein Chihuahua eigentlich noch ein Wolf. Der Unterschied in der DNA zwischen Hunden und Wölfen ist minimal.“
Bisher ging man davon aus, dass der Mensch durch seine starke Selektion bei der Hundezucht eine erhöhte Rekombinationsrate der Hunde-DNA bewirkte, die wiederum zu der großen Vielfalt führte. Unter Rekombination versteht man die Neuanordnung von genetischem Material in Zellen, die zu neuen Gen- und Merkmalskombinationen führt. „Man ging davon aus, dass durch die menschliche Züchtung die Fähigkeit zur DNA-Rekombination von Generation zu Generation zunahm und sich so innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums – zwischen 15.000 und 100.000 Jahren vor heute – die heutige Vielfalt an Hundetypen entwickeln konnte“, erklärt Munoz-Fuentes.
Der Wolf dagegen blieb in dieser Zeitspanne nahezu unverändert im Aussehen und Verhalten. „Grund genug für uns einmal die Unterschiede in der Wolfs- bzw. Hunde-DNA hinsichtlich der Rekombinationsrate zu untersuchen“, ergänzt die Gelnhäuser Biologin. Und nicht nur die Familie Canis nahm Munoz-Fuentes gemeinsam mit Kollegen aus Spanien, Schweden und den USA unter die Lupe. Sie verglichen auch Ziegen mit Steinböcken und Hausschafe mit Mufflons. Durch den Vergleich zwischen Haus- und Wildtieren erhofften sich die Wissenschaftler einen Beweis für die Bestätigung der Rekombinationsraten-Theorie. Für die Gegenüberstellung von Wild- und Haustieren benötigten sie Zelltypen, welche in Fortpflanzungsorganen, in diesem Fall den Hoden der untersuchten Tiere vorkommen. „Es war gar nicht so einfach an die Hoden heranzukommen. Wir haben Tierärzte, Schlachter und Zoos kontaktiert und sogar Jagden besucht, wo uns die Jäger erlaubten Material zu sammeln“, erzählt Munoz-Fuentes.
Das Ergebnis des Vergleiches überraschte die Wissenschaftler: Es gab keinen Hinweis auf eine höhere Fähigkeit zur DNA-Rekombination bei Haustieren. „Stattdessen zeigt unsere Studie, dass Wildtiere eine höhere Rekombinationsrate in ihrer DNA besitzen, also das genaue Gegenteil der bisherigen Hypothese“, erläutert Munoz-Fuentes und resümiert: „Aber auch ein unerwartetes Ergebnis ist ein Erfolg: Wir konnten die bisherige These widerlegen. Nun ist weitere Forschung notwendig, um die Vielfalt unserer Haustiere zu entschlüsseln.“
Publikation
Violeta Muñoz-Fuentes, Marina Marcet-Ortega, Gorka Alkorta-Aranburu, Catharina Linde Forsberg, Jane M. Morrell, Esperanza Manzano-Piedras, Arne Söderberg, Katrin Daniel, Adrian Villalba, Attila Toth, Anna Di Rienzo, Ignasi Roig and Carles Vilà: Strong Artificial Selection in Domestic Mammals Did Not Result in an Increased Recombination Rate, Mol Biol Evol (2015) 32 (2): 510-523 first published online November 19, 2014 doi:10.1093/molbev/msu322

11.02.2015, Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten Rheinland-Pfalz
Höfken: Rückkehr des Wolfs mit Schäfern, Jägern und Naturschützern vorbereitet
Rheinland-Pfalz hat gemeinsam mit Schäfern, Tierhaltern, Jägern und Naturschützern einen Wolfsmanagementplan erarbeitet und abgestimmt.
Umweltministerin Ulrike Höfken stellte den Plan heute zusammen mit Gundolf Bartmann, Vizepräsident des Landesjagdverbands, mit Werner Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der Schaf- und Ziegenhalter sowie Cosima Lindemann vom Naturschutzverband NABU in Rheinland-Pfalz vor. „Mit dem Wolfsmanagementplan bereiten wir uns auf die Rückkehr des Wolfes vor und schaffen geeignete Rahmenbedingungen.
Wir stellen Ansprechpartner und unterstützen Landwirtschaft und Schafshalter“, erklärte die Ministerin. So würden Vorsorgemaßnahmen gefördert und im Schadensfall entschädigt. Höfken betonte: „Es wird keine aktive Auswilderung des Wolfes erfolgen. Der Wolf wird als wildlebende Art auf ganz natürlichem Wege wieder zurück finden. Wir freuen uns, dass sich unsere Natur so entwickelt hat, dass ehemals heimische Tiere wie der Wolf wieder hier leben könnten“. Ob sich Wölfe schon in Rheinland-Pfalz aufhalten, könne man nicht sagen. Sowohl aus den Vogesen, wie auch aus dem Siegerland gab es Hinweise auf Wölfe.
In Rheinland-Pfalz wurde 2012 im Westerwald der erste Wolf nach über 100 Jahren nachgewiesen. Wenige Wochen später wurde er illegal erschossen. Das Ministerium habe unmittelbar danach alle betroffenen Gruppen an einen Tisch geholt und in den letzten beiden Jahren den Wolfsmanagementplan erstellt. Rheinland-Pfalz sei damit eines der wenigen Bundesländer mit einem Management, ohne dass bereits Wölfe im Land ansässig sind. „Wir werden weiter an unserem Wolfsmanagement arbeiten und neue Anregungen aufgreifen. Der runde Tisch wird dazu weiter kontinuierlich mindestens einmal im Jahr tagen“, kündigte Höfken an.
Der Wolfsmanagementplan benennt Vorsorgemaßnahmen für Gebiete, wenn sich dort Wölfe angesiedelt haben. So können in Wolfsgebieten zum Beispiel Herdenschutzhunde oder der Bau von Zäunen gefördert werden. Das Land übernehme dafür 90 Prozent der Kosten. Sollte es vorkommen, dass Wölfe ein Nutztier töten, bekommen die Tierhalter den Wert des Tieres erstattet, erläuterte Höfken.
Zudem erfasst ein Monitoring landesweit Hinweise auf Wölfe. Dazu wurde ein Netz von ehrenamtlichen sogenannten “Großkarnivoren-Beauftragten“ eingerichtet. Für alle Fälle im Umgang mit Wölfen hat das Umweltministerium eine zentrale Hotline eingerichtet: Unter der Telefonnummer 06306 911 199 erhält man Beratung bei Präventionsmaßnahmen, bei einem Schaden an Nutztieren, Jagd- oder Hütehunden – oder kann Hinweise melden, informierte Ministerin Höfken.

12.02.2015, Veterinärmedizinische Universität Wien
Hunde können Emotionen in menschlichen Gesichtern unterscheiden
KognitionsforscherInnen der Vetmeduni Vienna wiesen erstmals nach, dass Hunde zwischen fröhlichen und zornigen Menschengesichtern unterscheiden können. Voraussetzung dafür: Die Hunde müssen diese Emotionen zuvor beim Menschen gelernt haben. Diese Fähigkeit könnte das Resultat der engen Mensch-Tier-Beziehung sein, in der Hunde gelernt haben, Aspekte der nonverbalen Kommunikation der Menschen zu verstehen. Die Ergebnisse werden in der renommierten Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht.
Hunde können die Gesichter verschiedener Menschen auf Bildern unterscheiden. Diese Fähigkeit haben die Forschenden des Messerli Forschungsinstitutes bereits 2013 nachgewiesen. (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3807667/) Ob Hunde auch Emotionen in Gesichtern von Artfremden wahrnehmen können, wurde bisher noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen.
Hunde unterscheiden menschliche Emotionen via Touch-Screen
Corsin Müller und Ludwig Huber vom Messerli Forschungsinstitut haben diese Fähigkeit gemeinsam mit Kolleginnen im Clever Dog Lab an der Vetmeduni Vienna erforscht. Sie präsentierten 20 Hunden jeweils ein fröhliches und ein zorniges Frauengesicht nebeneinander auf einem Touch-Screen.
Hunde der einen Testgruppe wurden in der Übungsphase darauf trainiert, nur fröhliche Gesichter anzustupsen. Eine andere Gruppe sollte nur zornige Gesichter auszuwählen.
Um auszuschließen, dass sich die Tiere lediglich an auffälligen Bildunterschieden wie den hervorscheinenden Zähnen oder den Zornesfalten zwischen den Augen orientieren, zerteilten die Forschenden die Bilder horizontal. Die Hunde bekamen währen der Trainingsphasen also entweder nur die Augen- oder die Mundpartie zu sehen.
Und tatsächlich waren die Treffer nicht zufällig. Die meisten Hunde lernten zwischen fröhlichen und zornigen Gesichtshälften zu unterscheiden und schafften anschließend die korrekte Zuordnung auch spontan für komplett neue Gesichter, ebenso wie für die Gesichtshälften, die sie in der Übungsphase nicht zu sehen bekommen hatten.
Hunde erlernen das Erkennen von fröhlichen Gesichtern schneller
Hunde, die auf fröhliche Menschengesichter trainiert waren, erlernten ihre Aufgabe wesentlich schneller, als jene, die nur die zornigen Gesichter anzeigen sollten. „Es sieht so aus, als würden die Hunde Hemmungen haben, zornige Gesichter anzustupsen“, erklärt der Studienleiter Ludwig Huber.
„Wir gehen davon aus, dass die Hunde bei dieser Übung aus ihrer Erinnerung schöpfen. Sie erkennen einen Gesichtsausdruck, den sie bereits abgespeichert haben“, erklärt der Erstautor Corsin Müller. „Wir vermuten, dass Hunde, die keine Erfahrungen mit Menschen haben, schlechter abschneiden würden oder die Aufgabe gar nicht lösen könnten.“
Hunde sind unterschätzte Tiere
Hunde verfügen zwar über einen höher entwickelten Geruch- und Gehörsinn als der Mensch, der Sehsinn der Vierbeiner ist jedoch etwa sieben Mal schlechter entwickelt. „Dass Hunde die menschliche Gefühlswelt auf diese Art wahrnehmen können, war bisher noch nicht bekannt. Um die Entwicklung dieser Fähigkeiten noch besser zu verstehen, wollen wir diese Tests am Touch-Screen in Zukunft auch mit Wölfen am Wolf Science Center durchführen“, so Huber.
Seit drei Jahren forscht das Team um Ludwig Huber im WWTF-Projekt „Like me“ daran, ob sich Hunde in die Gefühlswelt von Artgenossen oder Menschen einfühlen können. Projektpartner an der MedUni Wien und der Universität Wien erforschen entsprechend die empathischen Fähigkeiten der Menschen.
Der Artikel “Dogs Can Discriminate Emotional Expressions of Human Faces” von Corsin A. Müller, Kira Schmitt, Anjuli L. A. Barber und Ludwig Huber wird am 12. Februar 2015 um 18:00 Uhr MEZ im Journal Current Biology veröffentlicht.

12.02.2015, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Wisente waren keine Waldbewohner – Heutige Schutzkonzepte müssen überarbeitet werden
Der Paläontologe Prof. Dr. Hervé Bocherens vom Senckenberg Center for Human Evolution and Paleoenvironment (HEP) und dem Fachbereich Geowissenschaften der Universität Tübingen hat gemeinsam mit deutschen und polnischen Kollegen die ältesten bekannten Wisentknochen Europas untersucht. Dabei stellten sie fest, dass Wisente „Gemischtesser“ waren und das Leben in offenen Landschaften einem Leben im Wald vorzogen. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf heutige Schutzkonzepte der vom Aussterben bedrohten Tiere. Die zugehörige Studie ist heute im renommierten Fachjournal PLOS ONE erschienen.
Etwa 3000 freilebende Wisente gibt es derzeit in Europa. Seit 2013 lebt eine kleine Herde der dunkelbraunen Kolosse auch wieder in Deutschland.
„Für das Wisent wäre es beinah knapp geworden“, erzählt Prof. Dr. Hervé Bocherens vom Senckenberg Center for Human Evolution and Paleoenvironment (HEP) und dem Fachbereich Geowissenschaften der Universität Tübingen und ergänzt: „In Deutschland wurde 1775 der letzte freilebende Wisent geschossen. 1927 kam im Kaukasus der letzte wilde Wisent Europas durch eine Gewehrkugel ums Leben.“ Damit waren beide Unterarten in ihrem ursprünglichen Lebensraum ausgerottet: der Flachlandwisent und der Bergwisent.
Nur Wiederansiedlungsprogramme mit Tieren aus Zoos, Tier- und Nationalparks haben die europäischen Wisente vor dem Verschwinden gerettet. Die heute veröffentlichte Studie unter Federführung des Tübinger Wissenschaftlers zeigt aber, dass die Schutzkonzepte für Wisente überarbeitet werden müssen: „Wir haben die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten dieses größten europäischen Säugetiers anhand von etwa 12.000 bis 10.000 Jahre alten Wisentknochen aus Norddeutschland, Dänemark und Südschweden untersucht“, erklärt Bocherens und fügt hinzu: „Die Kernfrage, die wir uns dabei gestellt haben: Sind Wälder der bevorzugte und geeignete Lebensraum für die europäischen Wisente?“.
Bisher ging man davon aus, dass europäische Wisente – anders als ihre steppenbewohnenden Verwandten in Nordamerika – sich überwiegend in Wäldern wohl fühlen. Anhand von Isotopenuntersuchungen an den uralten Knochen der Großsäuger konnten Bocherens und sein Kollege Prof. Dr. Rafal Kowalczyk vom „Mammal Research Institute“ im polnischen Białowieża belegen, dass Wisente „Gemischtesser“ waren. „Das Verhältnis der Kohlenstoff- und Stickstoffisotope in den Knochen zeigt uns, dass auf dem Speiseplan der Wisente im frühen Holozän sowohl Blätter als auch Gras und Flechten standen. Sie hielten sich demnach keineswegs nur in Wäldern auf“, erläutert Bocherens.
Dank dieser flexiblen Ernährung standen die Wisente mit den stärker spezialisierten Auerochsen und Elchen nicht in Konkurrenz und konnten auch harte Winter überstehen.
Als die offenen Landschaften – bedingt durch Klimawandel, wachsende Waldflächen und zunehmende landwirtschaftliche Aktivität des Menschen – schrumpften, wurde der Wisent in die Wälder zurückgedrängt. Bocherens ergänzt: „Dort nahm die Population der Wisente so stark ab, dass die Tiere fast vollständig ausstarben.“
Heute überleben die wilden Wisente in Europa im Winter nur durch menschliche Hilfe. Der Wald bietet den stattlichen Tieren in der kalten Jahreszeit nicht ausreichend Nahrung. „Bessere Chancen hätten die stark bedrohten Wisente, wenn sie – wie in der Vergangenheit – offene Landschaften bewohnen könnten und damit auch ein breiteres Nahrungsangebot hätten“, meint der Tübinger Biogeologe und resümiert: „Die Schutzkonzepte für Wisente müssen daher grundlegend überarbeitet werden.“
Publikation
Bocherens, H., Hofman-Kamińska, E., Drucker, D.G., Schmölcke, U., Kowalczyk, R., 2014. European bison as a refugee species? Evidence from isotopic data on Early Holocene bison and other large herbivores in northern Europe. PLOS ONE

13.02.2015, Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMLF)
Der Wildkatze auf der Spur
Mit einem gemeinsamen Monitoring-Projekt wollen Forstministerium, BUND Naturschutz in Bayern (BN) und Bayerische Staatsforsten mehr über die Verbreitung der Wildkatze in Südbayern erfahren.Den Startschuss gaben am heutigen Freitag im niederbayerischen Neuburg am Inn Forstminister Helmut Brunner und BN-Vorsitzender Professor Hubert Weiger. „Die naturnahe Bewirtschaftung der Wälder in Bayern kommt den Ansprüchen der Wildkatze sehr entgegen“, sagte der Minister. Während das scheue Tier in Nordbayern bereits nachgewiesen wurde, ist bislang die Verbreitung in Oberbayern, Niederbayern und Schwaben kaum bekannt.
Das soll das bis April angesetzte Monitoring jetzt ändern. Der Freistaat unterstützt das Projekt mit 130.000 Euro. Es ist Teil des Aktionsplans Wildkatze, den das Forstministerium 2010 gemeinsam mit BUND Naturschutz, Bayerischem Jagdverband und weiteren Partnern auf den Weg gebracht hat, um die Wildkatze im Freistaat wieder heimisch zu machen. Im Rahmen des Monitoring werden in den südbayerischen Staatswäldern mehr als 500 mit Baldrian getränkte Holzstöcke aufgestellt.
Der für Katzen unwiderstehliche Duft lockt die scheuen Tiere an. Wenn sie sich an den Stöcken reiben, hinterlassen sie Haare, die anschließend genetisch analysiert werden. Mit den Ergebnissen rechnet der Minister bereits im Sommer. Für Brunner ist das Wildkatzenmanagement in Bayern ein herausragendes Beispiel einer langjährigen erfolgreichen Kooperation zwischen Naturschützern, Jägern, Grundbesitzern und Staatsforsten. „Nur gemeinsam und mit ehrenamtlichen Helfern lässt sich ein solcher Aktionsplan umsetzen“, so der Minister.

17.02.2015, Universität Wien
Auch Tiere komponieren
Musik ist ein wesentlicher Bestandteil aller menschlichen Kulturen. Sie scheint aber nicht nur ein rein kulturelles Phänomen darzustellen, sondern auch tief in unserer biologischen Veranlagung verankert zu sein. Diesen Schluss zieht ein internationales ForscherInnenteam rund um Marisa Hoeschele vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien auf Basis verschiedener evolutionsbiologischer Studien. Anhand der Forschung des natürlichen Verhaltens von Tieren könnte es möglich sein, die Fundamente der menschlichen Musikalität zu entschlüsseln. Ihr Aufsatz dazu erscheint aktuell in der renommierten Fachzeitschrift „Philosophical Transactions of the Royal Society B“.
Die verschiedensten menschlichen Kulturen haben unabhängig voneinander einzigartige musikalische Systeme entwickelt. Trotz der Einzigartigkeit jeder einzelnen Tonwelt haben viele Kulturen bestimmte Aspekte der Musik gemein, wie etwa welche Notenintervalle als angenehm empfunden werden. Basierend auf zahlreichen Studien kommt nun ein internationales ForscherInnenteam um die Kognitionsbiologin Marisa Hoeschele von der Universität Wien zur Erkenntnis, dass die Forschung mit Tieren von zentraler Bedeutung sein könnte, wenn es darum geht zu entschlüsseln, welche Aspekte der menschlichen Musik rein kulturelle Phänomene sind und welche in unserer Biologie verwurzelt sind.
Mit Verhaltensforschung Musikalität ergründen
In ihrem Übersichtsartikel im Fachjournal „Philosophical Transactions of the Royal Society B“ erklären die WissenschafterInnen, dass es mithilfe der Verhaltensforschung von Tieren möglich ist, die Fundamente der menschlichen Musikalität zu rekonstruieren. Mittels Vergleich kann untersucht werden, ob Tierarten bestimmte musikalische Merkmale, die auch Teil der menschlichen Musikalität sind, mit uns gemeinsam haben. Dabei wird neben dem natürlichen Verhalten von Tieren auch das Verhalten unter künstlichen Laborbedingungen berücksichtigt.
Vom Piepmatz zum Komponisten
„Wenn alle Menschen musikalische Systeme entwickeln und diese Systeme zudem klare Parallelen zueinander aufweisen, dann liegt der Schluss nahe, dass die Musik ein biologisches Phänomen der menschlichen Spezies ist“, erläutert Hoeschele. Genauso wie es Parallelen in der Musik verschiedener Kulturen gibt, so finden sich auch Ähnlichkeiten in den Lauten und der Wahrnehmung zwischen verschiedenen Tierarten. Beispielsweise müssen Singvögel, die ihre Bezeichnung aufgrund ihrer liedähnlichen Laute tragen, als Jungvögel ihre Gesänge erlernen – dies ist in der Tierwelt eine relativ seltene Fähigkeit und Voraussetzung dafür, dass neue Gesänge entstehen können.
Einige Singvögel können sogar als Erwachsene neue Laute und Gesänge erlernen. Hierzu gehören etwa Papageien, die, wie Forschung erst kürzlich gezeigt hat, auch einen Rhythmus identifizieren und sich im Takt dazu bewegen können. Solche Beispiele zeigen deutlich, dass einige Tierarten über biologische Anpassungen verfügen, die den menschlichen recht ähnlich sind.
Tiere mit Musikgeschmack
Einige Tierarten können also, ähnlich wie die Menschen, Musik ihrem Komponisten und/oder ihrem Genre zuordnen. Bislang wurde hierzu nur wenig erforscht, aber es scheint, dass es in der Tierwelt nicht nur viele Parallelen in den musikalischen Fähigkeiten gibt, sondern auch, dass viele Tierarten Bestandteile der Musik so wahrnehmen wie wir auch, und dass wenigstens einige ähnliche Aspekte wie wir in der Musik genießen. „Unser Überblicksartikel umreißt, was in diesem sich rasant entwickelnden Forschungsgebiet bereits erforscht wurde und in welche Richtung es sich zukünftig entwickeln sollte, um letztendlich die Frage über den Ursprung der menschlichen Musikalität beantworten zu können“, sagt Hoeschele.
Publikation in Philosophical Transactions of the Royal Society B:
Hoeschele, M., Merchant, H., Kikuchi, Y., Hattori, Y., ten Cate, C. (2015). Searching for the origins of musicality across species. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 370(1664).
DOI: 10.1098/rstb.2014.0094

16.02.2015, Georg-August-Universität Göttingen
Urzeitliche Farbstoffe in heutigen Tiefseebewohnern
Göttinger Geobiologe weist charakteristische Farbstoffe in fossilen und heutigen Seelilien nach
Ursprüngliche organische Farbstoffe sind bei Fossilien in aller Regel nicht erhalten. Deshalb gibt es zur einstigen Verbreitung von Farbstoffen in einzelnen Tiergruppen oder gar zur tatsächlichen Färbung von Urzeittieren kaum Informationen. Auch die Naturstoffe von heutigen Organismen aus der Tiefsee sind bislang nur wenig erforscht. Dr. Klaus Wolkenstein vom Geowissenschaftlichen Zentrum der Universität Göttingen konnte jetzt sowohl bei einer Vielzahl von fossilen Seelilien und Haarsternen (Crinoiden) aus der Jura- und Trias-Zeit als auch bei noch heute lebenden Seelilien aus der Tiefsee die gleiche Gruppe von Chinon-Farbstoffen (Hypericine) nachweisen. So konnte er erstmals zeigen, dass diese Farbstoffe in den mit Seeigeln und Seesternen verwandten Meerestieren seit mindestens 240 Millionen Jahren weitverbreitet vorkommen und sich im Laufe der Crinoiden-Evolution fast nicht verändert haben. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA (PNAS) erschienen.
„Die große Beständigkeit und weite Verbreitung der Hypericine in der Entwicklungsgeschichte der Crinoiden deutet darauf hin, dass die Stoffe für die Crinoiden wichtige Funktionen erfüllten und etwa der Fraßabwehr oder dem Schutz vor Bewuchs durch andere Organismen dienten“, sagt Dr. Wolkenstein. Die verblüffende Übereinstimmung von fossilen und heutigen Crinoiden-Farbstoffen ermöglicht darüber hinaus Rückschlüsse auf die tatsächliche Färbung der Crinoiden in der Urzeit.
Hypericine können, je nachdem in welcher chemischen Form sie vorliegen, eine violette oder grünliche Färbung aufweisen. Heutige durch Hypericine gefärbte Crinoiden sind häufig dunkelgrün gefärbt. „Deshalb könnte es sein, dass Crinoiden in der Urzeit nicht, wie gelegentlich in Lebensdarstellungen im Museum zu sehen ist, leuchtend rot oder orange gefärbt waren, sondern dunkelgrün wie ihre heutigen Nachfahren in der Tiefsee“, so Dr. Wolkenstein.
Originalveröffentlichung: Klaus Wolkenstein (2015): Persistent and widespread occurrence of bioactive quinone pigments during post-Paleozoic crinoid diversification. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA. Doi: 10.1073/pnas.1417262112.

17.02.2015, Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft
Große Bedeutung für die Vogelwelt an der Ostsee: Das Naturschutzgebiet „Kleiner Binnensee und angrenzende Salzwiesen“ wird vergrößert
Das Naturschutzgebiet „Kleiner Binnensee und angrenzende Salzwiesen“ im Kreis Plön wird vergrößert. Das Gebiet an der Ostsee in der Gemeinde Behrensdorf wächst um 150 Hektar auf nun 255 Hektar. Eine entsprechende Verordnung hat Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck unterzeichnet, wie das Ministerium jetzt mitteilte. Das Gebiet steht seit 1957 unter Naturschutz.- Mit der Erweiterung erhöht sich die Gesamtfläche aller Naturschutzgebiete im Kreis auf 3.169 Hektar, das sind rund 2,8 Prozent der Kreisfläche, verteilt auf 21 Naturschutzgebiete.
Bei den Erweiterungsflächen handelt es sich um den dem Naturschutzgebiet vorgelagerten Bereich der Ostsee auf einer Breite von etwa 500 Metern und die südlich an den Kleinen Binnensee angrenzenden Salzwiesen. Zusammen mit dem Großen Binnensee und dem Sehlendorfer Binnensee gehört der Kleine Binnensee zu einer Kette von Strandseen in der Hohwachter Bucht, die alle eine herausragende Bedeutung für Brut-, Rast- und Wintervögel haben.
Da das Naturschutzgebiet Teil des europäischen Schutzgebietssystems NATURA 2000 ist, hat Schleswig Holstein eine besondere Verpflichtung, den guten Zustand des Gebietes zu erhalten oder wiederherzustellen. Der Binnensee hat vor allem eine sehr hohe Bedeutung für die Vogelwelt. Daher sind jetzt unter anderem die Wasservogeljagd auf dem Kleinen Binnensee und dessen fischereiliche Nutzung nicht mehr zulässig. Die langjährigen Konflikte mit den Sportanglern konnten durch die Ausweisung einer etwa 470 Meter langen Angelzone entlang des Ostseestrandes, wovon sich 230 Meter im nordwestlichen Bereich des Naturschutzgebietes befinden, beigelegt werden.
Das Naturschutzgebiet „Kleiner Binnensee und angrenzende Salzwiesen“ besteht aus einem Mosaik von Lebensräumen wie Strandseen, Salzwiesen, Trockenrasen, Dünen und Stränden. Es bietet vielen Vogelarten Rastmöglichkeiten. Im Sommer nutzen Watvögel wie Alpenstrandläufer die Schlickflächen zur Nahrungssuche. Von Herbst bis Frühjahr können zahlreiche Gänse- und Entenarten im Gebiet beobachtet werden.
Interessierte Besucher können das Naturschutzgebiet ganzjährig besichtigen. An beiden „Enden“ des Naturschutzgebietes befinden sich Parkmöglichkeiten (Parkplatz am Gelben Tor in Behrensdorf oder Parkplatz Lippe). Von hier aus können sie das Gebiet auf dem Strandweg hinter dem Strandwall durchwandern und einsehen. Es führen auch mehrere Übergänge zum Strand. Das Betreten des Strandes ist bis auf einen im Sommerhalbjahr wegen der dort brütenden Vögel gesperrten Strandabschnitt ebenfalls zugelassen. Das Gebiet wird seit vielen Jahrzehnten vom NABU Schleswig-Holstein betreut.

18.02.2015, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Zwergsäger: EU-Vogelschutzgebiete begünstigen klimatisch bedingte Verlagerungen der Winterverbreitung
Viele Vogelarten reagieren auf die globale Erwärmung mit Änderungen ihrer Verbreitung. Das ist auch beim Zwergsäger der Fall, dessen europäische Überwinterungsgebiete sich in den vergangenen 25 Jahren deutlich nach Nordosten verlagert haben. Das ist ein Ergebnisse einer Studie von Wissenschaftlern aus 16 Ländern, die die Daten der Internationalen Wasservogelzählung auswerteten. Die Ergebnisse zeigen auch: Das Netz der EU-Vogelschutzgebiete wirkte sich dabei begünstigend aus, es zeigten sich aber auch große Lücken im Schutzgebietsnetz vor allem im Norden des Überwinterungsgebiets.
Derzeit überwintert rund ein Drittel des Weltbestands des Zwergsägers in Nordosteuropa, noch vor zwei Jahrzehnten waren es gerade einmal 6 %. Dabei stiegen die Bestände innerhalb der EU-Vogelschutzgebiete in den letzten 25 Jahren doppelt so stark an, wie in Gebieten ohne Schutzstatus. Die Studie bestätigte damit vorhergehende Analysen u.a. bei Brutvögeln, die zeigten, dass Netzwerke von Schutzgebieten wie das der EU-Vogelschutzgebiete bei der Anpassung von Vogelarten an sich ändernde klimatische Bedingungen eine wichtige Rolle spielen.
Die Studie deckte allerdings vor allem im Norden des Überwinterungsgebiets auch große Lücken im Netzwerk der EU-Vogelschutzgebiete auf. Viele Gebiete wurden bereits vor mehr als 20 Jahren unter Schutz gestellt, als noch nicht mit so raschen Umweltveränderungen gerechnet wurde. Mehr als acht von zehn der in Lettland und Schweden überwinternden Zwergsäger hielten sich außerhalb der Schutzgebiete auf, in Finnland sogar fast alle Individuen. Die klimatisch bedingten Verschiebungen werden sich auch in Zukunft fortsetzen. Es ist deshalb dringend notwendig, das Netzwerk an Schutzgebieten an die veränderten Bedingungen anzupassen, da sich entsprechende Verlagerungen der Winterverbreitung auch bei anderen Wasservogelarten zeigten.
Die Autoren betonen jedoch, dass auch die bereits ausgewiesenen Schutzgebiete in den „traditionellen“ Überwinterungsgebieten im Südwesten des Verbreitungsgebietes weiterhin gesichert werden müssen. Bei der Vereisung etwa der Ostsee sind die Vögel gezwungen, kurzfristig großräumig auszuweichen. In diesen Extremsituationen sind sie besonders auf ein intaktes Netzwerk geschützter Gebiete angewiesen. Die Etablierung und Aufrechterhaltung eines flächendeckenden Netzes von Schutzgebieten ist das erklärte Ziel der EU-Vogelschutzrichtlinie und des Natura-2000-Netzwerks. Um dieses Ziel tatsächlich zu erreichen, sind zusätzliche Ressourcen nötig.
Die in der Fachzeitschrift Diversity and Distributions veröffentlichten Ergebnisse der Studie basieren auf den Daten der Internationalen Wasservogelzählung aus 16 Ländern seit 1990. Aus Deutschland sind die Daten aus dem vom DDA koordinierten Monitoring rastender Wasservögel eingeflossen. Mit ihrem Engagement bei oft widrigen Witterungsbedingungen haben viele Tausend ehrenamtliche Zählerinnen und Zähler die Grundlage für diese wichtige Auswertung gelegt. Ihnen gebührt unser ganz besonderer Dank!

19.02.2015, Österreichische Bundesforste AG
Tal der Fledermäuse: Urwald-Fledermaus nachgewiesen
Forschungsprojekt von Land NÖ und ÖBf in Europaschutzgebiet – 22 seltene Fledermausarten – Sensationeller Nachweis des Veilchenblauen Wurzelhalsschnellkäfers
Ob Bechstein- oder Mopsfledermaus, Scharlachkäfer oder Großer Eichenbock: Die klingenden Namen so mancher geschützter Käfer- und Fledermausarten sind in heimischen Wäldern selten geworden. In einem mehrjährigen Forschungsprojekt haben das Land Niederösterreich und die Österreichischen Bundesforste (ÖBf) die Untersuchung heimischer Fledermaus- und Käferarten im Europaschutzgebiet „Kamp- und Kremstal“ in den Fokus gestellt. Allein im Kremstal konnten 22 Fledermausarten und 5 Käferarten laut Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie nachgewiesen werden. Es stellt damit eine der artenreichsten Regionen Österreichs dar, kein anderes Europaschutzgebiet beherbergt mehr dieser seltenen und teils hochgradig gefährdeten Fledermaus- und Käferarten. In den oft mehrere hundert Jahre alten Eichen- und Buchenwäldern, zahlreiche davon auf ÖBf-Flächen, finden die Tiere ideale Lebensraum- und Rückzugsbedingungen vor. Sie leben bevorzugt in Urwald-artigen Wäldern, alten Bäumen und großen Baumhöhlen, die sie oft ihr Leben lang nicht verlassen.

Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkaefer (Peter Mueckstein)

Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkaefer (Peter Mueckstein)

Sensationeller Nachweis des Veilchenblauen Wurzelhalsschnellkäfers
Zu dieser Spezies zählt auch der Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer, ein besonderes Naturjuwel und eine in ganz Europa vom Aussterben bedrohte Art, deren Vorkommen nun im Kremstal erfolgreich nachgewiesen werden konnte. Der Holz bewohnende Käfer mit dem einprägsamen Namen verbringt sein Leben in kleinen Mulden und Ritzen am Fuß mächtiger Buchen und Eichen, die mittlerweile selten geworden sind und damit auch diese Art an den Rand ihres Aussterbens gedrängt haben. Drei Viertel der in Österreich bekannten Vorkommen leben im Kremstal. „In unserer Umgebung verbirgt sich oft eine unglaubliche Fülle an Naturreichtum, der erst bei genauerem Hinsehen zum Vorschein kommt. Wir im „Naturland Niederösterreich“ können uns glücklich schätzen über diese Vielfalt und sind uns auch unserer Verantwortung dafür bewusst“, zeigt sich Naturschutzlandesrat Dr. Stephan Pernkopf von den Ergebnissen beeindruckt. Neben dem Veilchenblauen Wurzelhalsschnellkäfer konnten im Rahmen des Projektes auch Vorkommen vier weiterer seltener Käferarten wie Hirschkäfer, Eremit, Scharlachkäfer und Großer Eichenbock festgemacht werden.

Bechsteinfledermaus (Axel Müller)

Bechsteinfledermaus (Axel Müller)

Bechsteinfledermaus eine der seltensten Urwald-Fledermäuse
In großflächig naturnahen Wäldern, wie sie stellenweise im Kremstal noch vorkommen, fühlen sich Fledermäuse besonders wohl – so wohl, dass neben Mopsfledermaus, Wimpernfledermaus und Kleiner Hufeisennase sogar die Bechsteinfledermaus, eine der seltensten Urwaldfledermäuse in Österreich nachgewiesen werden konnte. Auf dem Projektgebiet wurde auch die größte Fledermauskolonie des Landes Niederösterreich ausgemacht: In einer Kirche bei Obermeisling finden sich Jahr für Jahr etwa 3.000 Weibchen des Großen Mausohrs ein, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Sie finden in den Wäldern der Umgebung ideale Jagdbedingungen und erbeuten jeden Sommer mehr als 5.000 kg Insekten.
Naturnahe Wälder fördern Artenvielfalt
Das Forschungsprojekt von Land Niederösterreich, den Österreichischen Bundesforsten und coopNATURA, das von der Europäischen Union und dem Land Niederösterreich finanziell unterstützt wurde, ist nunmehr abgeschlossen. Das Naturerbe mit seiner Artenvielfalt zu bewahren und an die nächsten Generationen weiterzugeben, sehen die Projektpartner auch weiterhin in ihrer Verantwortung. „Voraussetzung ist eine umsichtige und naturnahe Waldbewirtschaftung, die den ökologischen Anforderungen, den gesellschaftlichen Bedürfnissen und den wirtschaftlichen Erfordernissen gleichermaßen Rechnung trägt“, betont Georg Erlacher, Vorstand der Österreichischen Bundesforste, abschließend.

Beispiele entdeckter Arten: (v links oben n. rechts unten): der Tausendfüßer Aphistogoniulus infernalis, Schwebfliege Palpada prietorum, Maikäfer Neoserica sapaensis, Erzwespe Dibrachys verovesparum (ZFMK, Bonn)

Beispiele entdeckter Arten: (v links oben n. rechts unten): der Tausendfüßer Aphistogoniulus infernalis, Schwebfliege Palpada prietorum, Maikäfer Neoserica sapaensis, Erzwespe Dibrachys verovesparum (ZFMK, Bonn)

20.02.2015, Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere
1000 neue Arten wissenschaftlich beschrieben
Sechs Wissenschaftler der Abteilung Arthropoda (Gliedertiere) am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn haben in den letzten zehn Jahren über tausend neue Arten beschrieben.
Während sich das Interesse der Öffentlichkeit zunehmend auf mögliches Leben außerhalb unseres Planeten richtet, ist die Artenvielfalt auf unserem Planeten erst zu einem Bruchteil bekannt. Aktuellen Schätzungen zufolge existieren weltweit wohl über 8 Millionen Arten von Lebewesen. Davon sind bisher weniger als 2 Millionen wissenschaftlich bekannt und beschrieben.
Sechs Wissenschaftler der Abteilung Arthropoda (Gliedertiere) am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn leisten ihren Beitrag, diese Lücke zu füllen und haben in den letzten zehn Jahren über tausend neue Arten beschrieben. Die aus aller Welt stammenden Arten umfassen vor allem Maikäfer, Zitterspinnen, Tausendfüßer, Schwebfliegen und Spanner-Schmetterlinge. Während zahlreiche Arten von den Wissenschaftlern selbst auf Expeditionen gesammelt wurden, stammen andere aus den Sammlungen des Museums in Bonn oder anderer Museen.
In diesen „Schatztruhen“ warten die Arten nicht selten Jahrzehnte auf ihre Beschreibung. Der Prozess, eine Art als neu zu erkennen und wissenschaftlich zu beschreiben dauert oft lange und ist mit der akribischen Suche eines Kriminalisten zu vergleichen. Es muss sichergestellt werden, dass die Art sich tatsächlich von allen ähnlichen, bereits beschriebenen Arten unterscheidet. Im Zweifelsfall zeigt nur der Vergleich mit den Exemplaren, die ursprünglich für die Beschreibung der fraglichen Arten verwendet wurden, den sogenannten Typusexemplaren, ob es sich um eine bereits bekannte oder tatsächlich um eine neue Art handelt.
Gerade deswegen haben wissenschaftliche Einrichtungen wie das Museum Koenig eine wichtige Rolle als Archive der Biodiversität in Raum und Zeit.
Aufgrund der Umweltzerstörung verschwinden Arten in neuerer Zeit schneller als in den Millionen Jahren zuvor. Taxonomen oder Artenkenner befinden sich in einem Wettlauf mit der Zeit möglichst viele Arten zu beschreiben und zu dokumentieren bevor ein Teil dieser Vielfalt verschwindet.
Dabei sind nicht nur Arten, sondern auch Taxonomen im Aussterben begriffen. Für viele Tiergruppen mangelt es zunehmend an Artenkennern, und damit an Forschern, die das Fundament liefern für die Biologie und für verwandte Disziplinen. Natur- und Umweltschutz sind ebenso auf die Ergebnisse der Taxonomie angewiesen wie die Landwirtschaft, Teile der Medizin und die Evolutionsforschung. Die Vernachlässigung der taxonomischen Ausbildung an den Universitäten sowie fehlende Arbeitsstellen und unzureichende finanzielle Unterstützung sind nur drei von vielen Gründen für den Mangel an Taxonomen.
Gemeinsam mit Kollegen weltweit versuchen die Bonner Taxonomen hier gegenzusteuern. Traditionelle Ansätze der Erforschung unentdeckter Tierarten werden zunehmend mit moderner Technologie kombiniert. In einem integrativen Ansatz werden morphologische und molekulare Daten erhoben, die gemeinsam zur Charakterisierung von Arten verwendet werden. Zum Beispiel versuchen die Bonner Forscher durch die Nutzung der genetischen Fingerabdrücke jeder einzelnen Art die Bestimmung und Entdeckung zu beschleunigen. Die nächsten tausend Arten sollen nicht mehr zehn Jahre brauchen.

Eine kleine Anmerkung zum Schluß: Ich weiß nicht, warum ich nicht schon viel früher auf den Gedanken gekommen bin, die Pressemitteilungen mit Fotos aufzupeppen. Bisher war das nur der Fall, wenn von Buchveröffentlichungen die Rede war, aber vielen Pressemitteilungen bieten kostenfreie Bilder zum Download an.
Die Verwendung dieser bereichert nicht nur den Beitrag an sich, sondern auch meinen Blog im Ganzen, da so auch Tiere (lebend oder tot) gezeigt werden können, die ich sonst nicht vor die Kamera bekomme, beispielsweise Fledermäuse und diverse Insekten. Im Rahmen der Pressemitteilungen wird es nun öfter Bildmaterial geben. Ich habe allerdings keinerlei Rechte an diesen und werde diese auch nur innerhalb dieser Pressemitteilungen verwenden.
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