Die Domestikation des Hauspferds

Exmoor-Pony (Erlebniszoo Hannover)

Exmoor-Pony (Erlebniszoo Hannover)

Das Wildpferd, die Stammform des Hauspferdes, wurde wahrscheinlich um 3000 v. Chr. erstmals in Zentralasien domestiziert, einige Autoren gehen von einer Domestizierung bereits im 5. Jahrtausend v. Chr. aus. Es gibt einander widersprechende Befunde, wann und wo genau das Pferd vom Menschen nutzbar gemacht wurde. Eine Auswertung der mitochondrialen DNA von heutigen Hauspferden und von Fossilien ausgestorbener Arten wurde dahingehend interpretiert, dass die Domestikation des Pferdes nicht an einem Ort, sondern unabhängig voneinander an mehreren Orten stattgefunden hat. Wesentliches Indiz hierfür war die Breite der genetischen Variationen, die in beiden Testgruppen gleich groß war. Bei nur einem Domestikationsort wäre bei den Hauspferden eine geringere genetische Variationsbreite zu erwarten gewesen. Zudem wurde bei diesen Tests festgestellt, dass einige der ausgestorbenen Arten näher mit heutigen Arten verwandt waren, als einige heutige Arten untereinander.

Untersuchungen an mitochondrialer DNA haben 2002 gezeigt, dass es zumindest 77 Stammtypen an Stuten gab, was dahingehend gedeutet wurde, dass verschiedene Wildpferdepopulationen in unterschiedlichen Regionen der Erde unabhängig voneinander domestiziert worden sind, erheblich mehr als bei anderen Haustierarten.
2012 wurde jedoch auf Basis einer weiteren genetischen Analyse argumentiert, dass die Domestikation möglicherweise doch nur in einer einzigen Region – in der eurasischen Steppe – stattgefunden hat und erst im Verlauf der räumlichen Ausbreitung dieser Pferde lokale Bestände anderer Gebiete eingekreuzt wurden.
Nach einer Hypothese zur Abstammung des Hauspferdes, die u. a. von den Hippologen Ewart, d’Andrade, Speed, Etherington, Skorkowski, Ebhardt und Schäfer vertreten wird, entstand das Hauspferd aus vier verschiedenen Wildformen in Eurasien, die sich angeblich aus getrennten amerikanischen Einwanderungsgruppen gebildet hatten. Diese zumeist mit Typ 1–4 bezeichneten Wildformen des Equus ferus wurden durch Genanalysen jedoch bislang nicht bestätigt. Diese Hypothese findet kaum Akzeptanz unter Paläontologen und Zoologen, sondern kursiert eher im Kreis der Hippologen.
Typ 1 – Urpony/Nordpony
Typ 2 – Tundrenpferd
Typ 3 – Urwarmblüter/Steppenpferd
Typ 4 – Uraraber

Die Domestizierung des Pferdes brachte den Völkern einen außerordentlichen Vorteil. Weite Strecken waren in viel kürzerer Zeit zu überwinden, was das Aufrechterhalten großer Reiche einfacher machte. Des Weiteren wurden sie, wie vielfach auch heute noch, als Fleischlieferant genutzt und leisteten als wertvoller Helfer in kriegerischen Auseinandersetzungen gute Dienste. Neue Angriffs- und Kriegstechniken waren erst durch das Pferd möglich.

Alter Orient
Die frühen Großreiche der Assyrer und Hethiter, sowie die Hurriter im Mitanni-Staat profitierten von der Nutzbarmachung des Pferdes im Krieg. Pferde kamen hierbei sowohl als Reit- als auch als Zugtiere (z. B. von Streitwagen) zum Einsatz. Um das Jahr 1700 v. Chr. fielen die Hyksos in Ägypten ein, ein nomadisches Volk unbekannter Herkunft. Den Ägyptern waren Pferde bis dahin unbekannt, und sie waren den Hyksos im Kampf so weit unterlegen, dass diese Ägypten erobern konnten.

Steppenzone
Oft wird Dereivka in der Ukraine als ältester Beleg für die Pferdedomestikation genannt. David Anthony fand dort Pferdezähne mit Abnutzungsspuren, die auf den Gebrauch von Zaumzeug zum Reiten hinwiesen. Er ordnete sie der der Sredny-Stog-Kultur zu (4000 v. Chr.). (Lit.: Anthony, 1986, 1991). Später korrigierte er diese Zuordnung allerdings auf Grund präziser AMS-Daten auf die Zeit zwischen 700 v. Chr. und 200 v. Chr. und widerlegte damit seine These.
Die frühen nomadischen Völker Zentralasiens, aus denen später viele Reitervölker hervorgingen, erfanden bereits im dritten vorchristlichen Jahrtausend den Sattel und das Zaumzeug. Später berichtete der griechische Historiker Strabon über die außerordentlichen Reitkünste der Skythen.

Deutsches Reitpony (Thüringer Zoopark)

Deutsches Reitpony (Thüringer Zoopark)

Mitteleuropa
Aus Europa sind Pferdereste seit der Altsteinzeit belegt und brechen auch nach der Wiederbewaldung nach der letzten Eiszeit nicht ab. Ab wann das Pferd in Europa domestiziert wurde, ist wegen der schwierigen Unterscheidung zwischen Haus- und Wildtierknochen umstritten.
Bei Ergolding, Landkreis Landshut, wurde zusammen mit Keramikresten eine knöcherne Trense gefunden, die auf 1400 v. Chr. datiert werden konnte, ein ähnliches Objekt stammt aus Füzesabony in Ungarn (1500 v. Chr.). Dieser Fund ist der erste Hinweis für die nun kommende Zeit des Pferdes und der Reiter. In der Urnenfelderzeit (ca. 1300/1200–800/750 v. Chr.) finden sich sodann die berühmten Wagengräber, bisher z. B. St. Winghardt, ein Wagengrab der späten Bronzezeit von Poing. Eine Pfeilspitze in einem Pferdewirbel, gefunden in einer Höhle des Blauen Bruches in Kaisersteinbruch im Burgenland, Österreich – ist Beweis für älteste schwere Hauspferde – erzählt von ersten Besiedlungsspuren um 800–700 v. Chr. Somit lässt sich die Verwendung des Hauspferdes in Süddeutschland in die Urnenfelder- oder Jüngere Bronzezeit datieren.
Aus keltischen Heiligtümern sind Belege für Pferdeopfer bekannt (z. B. Gournay-sur-Aronde, Frankreich).
Bei den Germanen dienten Pferde als Orakel, ein Brauch, der auch von den frühmittelalterlichen Slawen belegt ist (Jaromarsburg). In Tacitus‘ Germania (ca. 98 n. Chr.) ist Folgendes über Pferde bei den Germanen vermerkt:
„Und der verbreitete Brauch, Stimme und Flug von Vögeln zu befragen, ist auch hier bekannt; hingegen ist es eine germanische Besonderheit, auch auf Vorzeichen und Hinweise von Pferden zu achten. Auf Kosten der Allgemeinheit hält man in den erwähnten Hainen und Lichtungen Schimmel, die durch keinerlei Dienst für Sterbliche entweiht sind. Man spannt sie vor den heiligen Wagen; der Priester und der König oder das Oberhaupt des Stammes gehen neben ihnen und beobachten ihr Wiehern und Schnauben. Und keinem Zeichen schenkt man mehr Glauben, nicht etwa nur beim Volke: auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute.“

Antike
In den Homerischen Epen der Antike ziehen Pferde vor allem Streitwagen, wie dies auch im ägyptischen Neuen Reich und bei den Assyrern und Hethitern üblich gewesen war. Bei der Bestattung des Patroklos (Ilias 23, 163) wurden auch Pferde geopfert: „…vier halskräftige Rosse warf er stracks auf das Scheitergerüst mit heftigem Stöhnen…“ Das Pferd galt in der griechischen Antike darüber hinaus als symbolisch mit dem Tod verbunden. Auf Heldenabbildungen durchs Fenster schauend dargestellte Pferde deuten den Tod des Helden voraus.
Seit der geometrischen Zeit kommen Streitwagen außer Gebrauch. Kavalleristen auf immer größer gezüchteten Pferden erwiesen sich mit zunehmender Reitkunst als schneller, wendiger und damit effektiver als Kämpfer auf Streitwagen. Bereits in der griechischen Antike hatte die Pferdezucht ein hohes Niveau erreicht, obwohl keine Hinweise auf die Zucht verschiedener Schläge vorliegen. Griechische Reitpferde erreichten eine Schulterhöhe von bis zu 140 cm, in Ausnahmefällen auch bis zu 147 cm. Ähnlich groß waren römische Pferde, sowie germanische Pferde der römischen Kaiserzeit.
Bei den Olympischen Spielen der Antike waren traditionell am zweiten Tag die Disziplinen Wettreiten und Wagenrennen vorgesehen.
Der griechische Historiker Xenophon schrieb im 4. Jahrhundert v. Chr. das Werk Peri hippikes („Über die Reitkunst“), in der er das Wissen über Pferde und Reiten zusammentrug. Die meisten Ratschläge aus diesem Werk haben auch heute noch Gültigkeit.
Das Hufeisen war bereits den Römern bekannt und wurde im 5. Jahrhundert während der Völkerwanderung nach Europa gebracht. Der genaue Ursprung dieser Erfindung ist unbekannt. Dagegen gelang es den Römern nicht, ein für Pferde geeignetes Lastgeschirr zu entwickeln. Geeignete Methoden für den Lasttransport mit Pferdekarren kamen erst sehr viel später auf.

Mittelalter
Am Übergang der Antike ins Mittelalter, also in der Völkerwanderungszeit nahm die Größe der Pferde geringfügig zu. Aus den zahlreichen Pferdegräbern dieser Zeit ergibt sich eine Widerristhöhe von etwa 120 bis 150 cm. Spätestens seit dem 8. Jahrhundert lässt sich eine gezielte Zucht von Streitrossen beziehungsweise Gebrauchspferden, etwa Zeltern nachweisen. Im frühen Mittelalter breitete sich der Steigbügel allmählich in Mitteleuropa aus, der vermutlich von den Awaren eingeführt wurde, aber sich offenbar nur allmählich verbreitete.
Der Einsatz des Pferdes als Arbeitstier wurde erst im 9. Jahrhundert durch die Einführung des Kummets möglich. Das Kummet ist ein gepolsterter Halskragen und wurde in China erfunden. Die bis dahin üblichen Geschirre schnürten den Pferden bei großer Zugkraft die Luft ab und waren nur für leichtlaufende Wagen, nicht aber für schwere Arbeit geeignet. Vorher wurden in der Landwirtschaft vor allem Ochsen eingesetzt, denen das Zuggeschirr am Schädel befestigt wurde. Durch das Kummet konnten Pferde zum Beispiel zum Ziehen eines Pfluges eingesetzt werden. Da ihre Arbeitsleistung bedeutend größer als die von Ochsen war, bedeutete dies zusammen mit anderen Neuerungen wie der Dreifelderwirtschaft eine landwirtschaftliche Revolution. Ochsen blieben jedoch vielerorts die vorwiegenden Zugtiere von schwerem Ackergerät. Das zur gleichen Zeit eingeführte Brustblattgeschirrs verbesserte die Zugleistung des Pferdes vor einem Wagen.
Gab es im Frühen Mittelalter nur relativ geringe preisliche Unterschiede, waren Reittiere im Hochmittelalter wesentlich teurer als Zugpferde und nahezu ausschließlich dem Adel vorbehalten. Durch den Einsatz von berittenen Kämpfern in Schlachten bildete sich die Schicht der Ritter heraus. Aus dieser zunächst rein militärisch begründeten Tradition des Reitens entstand später die klassische höfische Reitkunst.
Als älteste Pferderasse kann der Araber gelten, der auf der Arabischen Halbinsel gezüchtet wurde. Bereits im 9. Jahrhundert kamen einige dieser wertvollen Tiere nach Europa. In Mitteleuropa begann sich die Pferdezucht verschiedener Rassen erst im späten Mittelalter stärker zu entwickeln. So wurden für die durch ihre Panzerung immer schwerer werdenden Ritter größere, kräftigere und damit auch eher grobknochige Pferde benötigt. Das klassische Ritterpferd des 14. Jahrhunderts ist das Resultat dieser Bestrebungen. Vereinzelte Funde von sehr großen Pferden mit einer Schulterhöhe von 160 cm belegen diese Versuche sehr große Pferde zu züchten. Die spätmittelalterlichen Ritterpferde waren allerdings keine Kaltblutpferde. Diese riesigen Tiere sind eine Züchtung der Neuzeit und erst seit dem 19. Jahrhundert weiter verbreitet.

Neue Welt
Auf dem amerikanischen Doppelkontinent gab es keine domestizierten Pferde. Zwar hatte es ursprünglich auch in Amerika Wildpferde gegeben, diese aber waren vor einer möglichen Domestikation ausgestorben. Erst die Europäer brachten das Hauspferd nach Amerika. In Nordamerika entliefen einige der Pferde und bildeten Herden frei laufender Mustangs. Hierdurch begegneten die Indianer erstmals Pferden. Der Kontakt veränderte die Lebensweise mancher Völker radikal. Vor allem die Völker der Prärie konnten durch die Schnelligkeit des Pferdes die Bisons leichter erbeuten und durch ihre höhere Mobilität weitere Jagdzüge unternehmen und so mehr Büffel erlegen als zuvor.

Shetland-Pony (Jurazoo Neumarkt)

Shetland-Pony (Jurazoo Neumarkt)

Neuzeit
Aus dem großen, schweren Pferdetypus der mittelalterlichen Ritter gingen nach dem Niedergang der Ritterzeit die heutigen Barockpferde hervor. Seit der Barockzeit waren spanische Pferderassen wie die Andalusier sehr beliebt geworden. Sie waren aus der Veredelung von einheimischen spanischen Pferderassen mit Araberpferden entstanden. Im Jahr 1562 importierte Kaiser Maximilian II solche Pferde nach Österreich. Aus diesen Tieren entstanden später die bekannten Lipizzaner. Nur wenige Jahre später, im Jahr 1572, begann auch die Tradition der Spanischen Hofreitschule in Wien.
Eine ganz andere Art von Pferd ist das englische Vollblut, dessen Zucht in England im 17. Jahrhundert begann, indem importierte orientalische Hengste mit englischen Rennpferden gekreuzt wurden. Ihr Temperament, ihre Ausdauer und Schnelligkeit lässt sie bis heute den prestigeträchtigen Galopprennsport dominieren.
Die Erfindung von Automobil und Traktor machte im Verlauf des 20. Jahrhunderts das Pferd als Transportmittel und als Arbeitstier in den Industrieländern überflüssig.

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