Frei Otto ist tot

11.03.2015, Tierpark Hellabrunn
Frei Otto, Architekt der Hellabrunner Großvoliere, ist gestorben
Am 31. Mai wäre Frei Otto 90 Jahre alt geworden. Der Tierpark Hellabrunn hatte anlässlich des Geburtstages eine Pressekonferenz mit dem weltbekannten Architekten geplant. Nun ist Frei Otto am Montag, dem 9. März, in Warmbronn bei Stuttgart gestorben.
Frei Otto war ein Visionär unter den Architekten, Dächer der besonderen Art zu entwerfen seine Leidenschaft. Sein Motto: Frei, schön, leicht, elegant. Ganz so ist auch die Anmutung der Großvoliere in Hellabrunn, die ein Areal von 5.000 Quadratmeter überspannt und 1980 eröffnet wurde. Ein Jahr später erhielt das luftige Bauwerk den Bayerischen BDA-Architekturpreis des Bunds Deutscher Architekten. Bis heute setzt es architektonische Maßstäbe. In München steht noch ein weiterer Bau von Frei Otto: die weltberühmte Dachkonstruktion des Olympiastadions.
Für Zoodirektor Rasem Baban als studiertem Architekten zählt Frei Otto zu den herausragendsten Vertretern der Baukunst des 20. Jahrhunderts: „Mit Frei Otto ist einer der ganz großen Architekten gestorben. In Hellabrunn war er zusammen mit Jörg Gribl verantwortlich für den Bau der spektakulären, fast 22 Meter hohen Großvoliere. Sie gehört mit ihrem dünnmaschigen und technisch anspruchsvoll verknüpften Edelstahlgewebe zu den spannendsten Bauwerken in Hellabrunn.“
Auch Christine Strobl, Bürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende des Tierparks, ist begeistert von Frei Ottos Architektur: „Ich bin ein absoluter Fan der Hellabrunner Großvoliere. Trotz ihrer Größe wirkt sie federleicht. Ursprünglich war man lediglich von einer 20-jährigen Nutzungszeit ausgegangen. Aber bis heute zeigt die Anlage keinerlei Mängel. Im Gegenteil: Die Voliere ist das Bauwerk in Hellabrunn, das uns am wenigsten Sorgen bereitet. Die ‚kleine Schwester‘ des Olympiadachs ist nahezu wartungsfrei.“
Frei Otto erhält als „Visionär und Utopist“ posthum den wichtigsten Preis der Architektur, den Pritzker-Preis. Die Auszeichnung gilt als Nobelpreis für Architektur. Otto ist der 40. Träger des Pritzker-Preises und erst der zweite Deutsche, der die Auszeichnung erhält.

Und auch wenn Frei Otto nicht im direktn Zusammenhang zu Tieren steht, möchte ich diesen tollen Architekten genauer vorstellen, eben weil er einer meiner Lieblingsorte geschaffen hat: Die Vogelvoliere im Tierpark Hellabrunn.

Frei Paul Otto (* 31. Mai 1925 in Siegmar; † 9. März 2015 in Warmbronn) war ein deutscher Architekt, Architekturtheoretiker und Hochschullehrer. Seine Arbeiten im Leichtbau, mit Seilnetzen, Gitterschalen und anderen zugbeanspruchten Konstruktionen machten ihn zu einem der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er zählt neben Richard Buckminster Fuller und Santiago Calatrava zu den wichtigsten Vertretern einer biomorphen Architektur (organische Architektur).
Sein Vorname Frei geht auf seine Mutter zurück, was ihr Lebensmotto gewesen war. Ottos Eltern waren Mitglieder im Deutschen Werkbund. Ursprünglich wollte Frei Otto wie sein Vater und Großvater auch Bildhauer werden. Auf der Handelsschule kam Otto durch seinen Lehrer mit dem Segelfliegen und dem Modellbau in Kontakt. Beim Erwerb des Segelflugscheins konnte er seine Kenntnisse über Leichtbauweisen und rahmengespannte Membranen vertiefen. 1943 trat er sein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Berlin an, das durch seinen Kriegsdienst unterbrochen wurde. Noch im selben Jahr wurde er als Kampfpilot ausgebildet und eingesetzt.

Otto geriet in Nürnberg schließlich in französische Kriegsgefangenschaft. Noch während seiner Gefangenschaft war er an der Gestaltung eines Kriegsgefangenenlagers in Chartres mit mehreren Bauten in einer kostengünstigen Leichtbauweise beteiligt. Eine Inspiration war für ihn der tägliche Anblick der steinernen Leichtbauweise in Gestalt der Kathedrale von Chartres. 1948 nahm er das Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Berlin wieder auf. 1950 wurde er als Stipendiat von seiner Fakultät ausgewählt, um für ein halbes Jahr in den Vereinigten Staaten studieren zu können. Auf seiner Amerikareise konnte er die führenden Architekten seiner Zeit und ihre Bauten kennenlernen: Erich Mendelsohn, Ludwig Mies van der Rohe, Richard Neutra, Frank Lloyd Wright und Fred Severud. Aus dieser Studienreise erwuchs seine Freundschaft mit Ludwig Mies van der Rohe. Später korrigierte er auf dessen Anfrage die Statik der Neuen Nationalgalerie in West-Berlin, indem er die vier Hauptstützpfeiler um zwei unscheinbare Streben an jeder Seite ergänzte. 1954 erschien seine Dissertation mit dem Titel „Das hängende Dach“, die die Bautechnik zugbeanspruchter Flächentragwerke darstellt.

1952 eröffnete Otto in Berlin-Zehlendorf ein eigenes Architekturbüro, und 1957 gründete er eine Entwicklungsstätte für den Leichtbau. Ab 1958 war er als Gastdozent an der Hochschule für Gestaltung in Ulm tätig, an der er eine Reihe von Projekten leitete. Im selben Jahr wurde er Mitglied der visionären Architektengruppe Groupe d’étude d’architecture mobile (GEAM). An der Technischen Hochschule Berlin gründete er 1961 die Forschungsgruppe Biologie und Bauen. Das Institut für Leichte Flächentragwerke (IL), das Otto 1964 an der Technischen Hochschule Stuttgart gründete, diente als Modell für den deutschen Pavillon bei der Expo 67 in Montreal. In seinem Institut entwickelte er im Austausch mit Biologen wie Johann-Gerhard Helmcke, Medizinern und Paläontologen natürliche Konstruktionen, die auf pneumatischen und biologischen Konstruktionsprinzipien basieren. So etwa gestaltete er 1960 einen freistehenden Glockenturm einer Kirche in Berlin-Schönow / Zehlendorf nach dem Vorbild des Skeletts einer Kieselalge. 1969 wurde er zum Leiter des Sonderforschungsbereichs 64 Weitgespannte Flächentragwerke der Deutschen Forschungsgemeinschaft ernannt.

Es gibt nicht viele Bauwerke, für die Otto allein verantwortlich zeichnet; viele seiner Bauwerke sind in Zusammenarbeit mit Kollegen und unter Einbeziehung der Nutzer entstanden. Otto selbst bezeichnete sich vor allem als Ideengeber. „Ich habe wenig gebaut. Ich habe viele ‚Luftschlösser‘ ersonnen.“

Frei Otto war bis zu seinem Tode noch als Architekt in seinem Atelier in Warmbronn bei Leonberg tätig, zusammen mit seiner Frau Ingrid und seiner Tochter Christine Kanstinger. Seit den 1980er Jahren realisierte Otto mit seinem Schüler Mahmoud Bodo Rasch und dessen Architekturbüro Rasch + Bradatsch (SL Rasch GmbH) u. a. Zeltdachkonstruktionen im islamischen Raum.

Die zeltartigen Dachkonstruktionen gehören zu den bekanntesten Bauwerken Ottos. Die optimale Form seiner Dächer entwickelte Otto anhand von Experimenten mit Drahtmodellen, die er in Seifenlauge tauchte, und die dann von einer Seifenhaut mit dem geringstmöglichen Flächeninhalt, einer Minimalfläche, überspannt wurden. Diese Grundform stellt jedoch nur einen Teil seiner Ideen und Bauten dar, als weitere elementare Formen sind der Pneu, Gitterschalen und Seilnetze zu nennen. Er übertrug jenes natürliche Formungsprinzip dann auf die Seilnetze, indem er diese Netze aufhängte, deren Form stabilisierte und sie schließlich umkippte. Eine seiner ersten Zeltdach-Konstruktionen war 1957 das Sternwellenzelt im Kölner Tanzbrunnen. Nach diesem Verfahren der Formgebung gestaltete er auch Gitterschalen aus langen Holzlatten wie weltweit erstmals mit der Multihalle in Mannheim.

Mit Günter Behnisch und dessen Architekturbüro verwirklichte er von 1968 bis 1972 die Überdachung des Hauptsportstättenbereiches am Olympiagelände in München. Die gewählte Dachkonstruktion basiert letztlich auf seinen Entwürfen, nachdem sich Behnisch aufgrund unerwarteter Schwierigkeiten an den Ideengeber selbst wandte. Das Architekturmagazin Häuser wählte 2003 dieses Ensemble zum wichtigsten deutschen Gebäude aller Zeiten. Dennoch fiel Otto die Dachkonstruktion wegen unbeachteter statischer Erfordernisse viel zu massiv aus. Letztlich war es der Stuttgarter Bauingenieur Jörg Schlaich, der den Entwurf baubar machte. Viel eher entspricht dagegen die luftige und fast unsichtbare Großvoliere im Münchner Tierpark Hellabrunn seinen Vorstellungen vom leichten Bauen. Diese Anlage ist mittlerweile zu einem Wahrzeichen des Tierparks geworden. Mit der Vergänglichkeit und Schönheit seiner Werkstoffe illustrierte er 1977 auch eine Tournee von Pink Floyd in Form von riesigen umgestülpten Schirmen. Für das Projekt Stuttgart 21 entwarf er die Lichtaugen. Im August 2010 erklärte er, dass wegen des geologisch schwierigen örtlichen Untergrunds und daraus resultierenden Gefahren für Leib und Leben das Bauprojekt gestoppt werden solle.

Von Frei Otto stammen verschiedene Brückenbauten, die auffallend leicht sowohl in der Aufhängung als auch in der Seitenflächengestaltung sind. Ein Beispiel findet sich im Ruhrgebiet: die Fußgängerbrücken im Landschaftspark Mechtenberg.

Ehrungen und Auszeichnungen
1967: Berliner Kunstpreis für Baukunst
1968: Ehrenmitgliedschaft / Honorary Member of the American Institute of Architects (AIA)
1974: Thomas Jefferson Medal in Architecture von der University of Virginia und der Thomas Jefferson Foundation
1980: Aga Khan Award for Architecture
1982: Großer BDA-Preis
1990: Ehrendoktorwürde der Universität Essen
1990: Honda-Preis / Tokio (dotiert mit 120.000 DM)
1996: Großer Preis des Deutschen Architekten- und Ingenieurverbandes
1996/97: Wolf-Preis für Architektur
1998: Aga Khan Award for Architecture
2000: Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
2000: Ehrenbürgerwürde der Stadt Leonberg
2000: Sonderpreis der VII. Internationalen Biennale für Architektur für sein Lebenswerk
2003: Olympiadach – wichtigstes deutsches Bauwerk aller Zeiten nach einer Umfrage des Architekturmagazins HÄUSER
2005: Royal Gold Medal vom Royal Institute of British Architects (RIBA) für sein Lebenswerk
2005: Ehrendoktorwürde der Technischen Universität München wegen seiner „außergewöhnlichen Leistungen auf dem Gebiet des leichten und ökologischen Bauens“
2005: Ausstellung zu seinem Lebenswerk im Architekturmuseum der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne (Frei Otto – Leicht bauen, natürlich gestalten. 26. Mai – 28. August 2005)
2006: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse
2006: Praemium Imperiale (Nobelpreis der Künste) in der Sparte Architektur
2013: Nike: Klassik-Nike Architekturpreis des BDA für Olympiapark München. Anlagen und Bauten für die Olympischen Spiele 1972 zusammen mit Behnisch & Partner et al.
2015: Pritzker-Architektur-Preis (Anerkennung zu Lebzeiten, Verleihung posthum)

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