Mensch und Leopard

Chinaleopard (Tierpark Cottbus)

China-Leopard (Tierpark Cottbus)

Berührungspunkte zwischen Leopard und Menschen gab es bereits in der Frühzeit der Menschwerdung. Schon in der Olduvai-Schlucht in Nord-Tansania wurden während umfangreicher Ausgrabungen Skelette von Leoparden neben denen von Frühmenschen gefunden. Nach anthropologischen Forschungen ist es durchaus wahrscheinlich, dass diese Vorfahren der heutigen Menschen ihren Fleischbedarf als marginale Aasfresser deckten. Sie ernährten sich von den Resten der Beute aller Raubtiere sowie auch von verendet aufgefundenen Tieren.
Sie nahmen dabei wohl auch dem Leoparden seine Beute ab. Da er ein Einzeljäger ist, dürfte es wesentlich leichter gewesen sein, einen Leoparden von seinem Riss zu vertreiben als ein Löwenrudel von seiner Beute.

Der altägyptische Panther gehörte in der ägyptischen Mythologie zu den göttlichen und heiligen Tieren. Der König (Pharao) setzte deshalb sein Wirken dem eines Panthers gleich. Ergänzend trug er in mehreren Ritualen das Pantherfell. In diesem Zusammenhang steht der Ausdruck „Panther“ sowohl als Synonym für den Gepard als auch den Leopard.
Die in Ägypten und Mesopotamien verwendeten Jagdleoparden sind abgerichtete Geparde.

Seit 186 v. Chr. wurden Leoparden meist aus Afrika und Kleinasien für Venationen und Tierkämpfe nach Rom geliefert. Die Leopardenjagd wurde bereits von Homer beschrieben. Zum Fang dienten Fallgruben und Giftpfeile. Gezähmte Leoparden kannte man in Indien, in den Diadochenstaaten und am römischen Kaiserhof.

In den letzten Jahrhunderten waren die Beziehungen zwischen Leopard und Mensch überwiegend durch die wirtschaftlichen Interessen des Menschen bestimmt. Einmal gefährdete der Leopard die Haustiere und man hielt ihn sogar für einen gefährlichen menschenfressenden Nachbarn, dann war sein Pelz ein begehrenswertes Handelsobjekt für luxuriöse Kleidung. Schließlich war die Sportjagd überseeischer Großwildjäger eine Einnahmequelle für die Landeigner, in deren Regionen Leoparden vorkamen. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann man die außerordentliche Ästhetik dieser eleganten, geschmeidigen Großkatze zu würdigen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts interessieren sich inzwischen viele Menschen mehr für die faszinierende Lebensweise und die Eleganz des Leoparden, als für dessen Abschuss aus Mode- oder Statusgründen. So gehört er zum Beispiel zu den Big Five, den fünf Hauptattraktionen einer Afrika-Safari.

Nachdem durch das Artenschutzabkommen der Fellhandel unter Kontrolle gekommen ist und sich das Modebewusstsein gewandelt hat, konnte auch die Wilderei auf Leoparden in Afrika deutlich eingedämmt werden. In vielen afrikanischen Ländern wurden Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung eingeführt, die durchaus erfolgreich sind. Dagegen hat sich der Druck durch Besiedelung und Zerstörung des Lebensraumes auf den Leoparden verstärkt.

Jim Corbett mit dem erlegten „Leopard von Rudraprayag“, 1925

Jim Corbett mit dem erlegten „Leopard von Rudraprayag“, 1925

Normalerweise gehen Leoparden dem Menschen aus dem Weg, doch gelegentlich kommt es vor, dass einzelne Leoparden Menschen töten und auch fressen. Oft handelt es sich bei menschenfressenden Leoparden um kranke oder altersschwache Tiere, deren Jagdvermögen eingeschränkt ist.
Als Menschenfresser berühmt wurde der Leopard von Rudraprayag in Indien, dem in den Jahren 1916 bis 1925 angeblich über 125 Menschen zum Opfer fielen, die in seinem Revier auf Pilgerschaft unterwegs waren. Der berühmte Großwildjäger Jim Corbett erlegte ihn 1925.
Im Ort Punani auf Sri Lanka tötete 1924 ein Leopard 12 Menschen.

Sowohl in zahlreichen Regionen seines Verbreitungsgebiets als auch weit darüber hinaus hat der Leopard die Vorstellungskraft des Menschen bewegt − mal als Symbol von Eleganz und Kraft, mal als Zeichen von Sünde und Wollust.
Durch seine Ausstrahlung von Stärke, Gerissenheit und Mut wurde er in vielen Kulturen zum Symbol für Krieger und Herrscher − noch heute gilt etwa in Benin das Leopardenfell vielerorts als Kennzeichen des Häuptlings. Besonders stark war die Verbindung zum Leopard bei den Dahomey, deren Könige sich auf eine Vereinigung zwischen einem Menschen und einer Leopardin zurückführten; das Volk bezeichnete sich selbst daher manchmal als „Leopardenkinder“. Bei den Ibo herrschte der Glaube, dass die Besten der Gesellschaft als Elefanten oder Leoparden wiedergeboren werden.
Die Ägyptische Mythologie stellt den Gott Osiris mit einem Leopardenfell bekleidet dar; der Leopard war ihm und seinen Priestern als Attribut zugeordnet. Eine prominente Stellung hat der Leopard auch im Judentum − einer Legende gemäß erhielten die beiden ersten Menschen Adam und Eva nach dem Sündenfall einen Schurz aus Leopardenfell, der später in die Hände des Jägers Nimrod gelangte. Dieser nutzte es, um bei Gefahr wilde Tiere zur Hilfe zu rufen und galt daher auch als Leopardenzähmer (nimr lässt sich mit „Gefleckter“ übersetzen). Im Alten Testament tritt der Leopard ansonsten oft als gefährliches Raubtier auf, etwa wenn der Prophet Jeremia (5,6 EU) schreibt:
„Darum schlägt sie ein Löwe aus dem Wald, ein Wolf der Steppen überwältigt sie, ein Leopard lauert an ihren Städten: jeder, der aus ihnen hinausgeht, wird zerrissen.“
Eine ähnliche Vorstellung findet sich in der utopischen Vorstellung des Propheten Jesaja (11,6 EU), die offenbar als Gegenbild der Realität konzipiert ist:
„Und der Wolf wird beim Lamm weilen und der Leopard beim Böckchen lagern.“
In chinesischen Fabeln und Märchen wird der Leopard dagegen in positiver Weise als mutig und kriegerisch charakterisiert, eine Vorstellung, die sich auch in der mittelalterlichen Heraldik finden lässt, wo der Leopard als auf drei Pfoten laufendes Wappentier mit vorgestreckter Vorderpfote Eingang fand − so findet man ihn noch heute auf zahlreichen Wappen, darunter dem englischen. Dass sich die kriegerische Symbolik bis in die Moderne gehalten hat, lässt sich auch daran erkennen, dass der Leopard Namensgeber für eine Reihe von Kampfpanzern wurde. Lediglich der griechische Philosoph Aristoteles stimmte in diese beinahe einstimmige Lobpreisung der heroischen Charaktereigenschaften des Leoparden nicht ein: In seinem Werk De partibus animalium (Über die Teile der Tiere) Band 3 stellt er den Leoparden in eine Reihe mit Hase, Maus, Hyäne oder Esel − aus seiner Sicht allesamt Tiere, die durch Ängstlichkeit und Feigheit auffallen.

Ein Motiv, das die Fantasie des Menschen in Hinblick auf den Leoparden besonders stark bewegt hat, ist die Fleckung des Felles. Sie hat die Namen anderer Tiere und selbst Pflanzen inspiriert, etwa des Leopardenhais oder der Leopardenlilie und Fragen nach dem Ursprung der Zeichnung aufkommen lassen. Der englische Schriftsteller Rudyard Kipling hat zu ihrer „Beantwortung“ eigens eine seiner „Just so stories“ erfunden; nach ihm passte der Leopard seine Fellmaserung der düsteren Umgebung des Dschungels mit ihrem Gemisch aus Hell und Dunkel willentlich an. Der Glaube, der Leopard könne seine Gestalt nach Belieben wandeln, ist jedoch älter und tritt meist zusammen mit der Vorstellung auf, er versuche Menschen in die Irre zu führen und vom richtigen Weg abzubringen.

Unwandelbar erschienen seine Flecken dagegen dem Propheten Jeremia (13,23 EU), der sie als Zeichen für die Halsstarrigkeit der Judäer deutete:
„Kann ein Schwarzer seine Haut ändern, ein Leopard seine Flecken? [Dann] könntet auch ihr Gutes tun, die ihr an Bösestun gewöhnt seid.“
Die Verbindung des Leoparden mit dem Bösen ist wahrscheinlich nicht zufällig − jedenfalls galt er in späteren Zeiten als Ausgeburt der Schande, die Offenbarung des Johannes (13,1-2 EU) bringt ihn sogar in direkten Bezug zum Antichrist:
„Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther.“
Doch Johannes war nicht der erste, der den Leoparden in solch monströser Form erblickte, bereits der Prophet Daniel (7,6 EU) hatte eine ähnlich greuliche Vision des Tieres:
„und siehe, ein anderes [Tier], wie ein Leopard: das hatte vier Vogelflügel auf seinem Rücken. Und das Tier hatte vier Köpfe, und Herrschaft wurde ihm gegeben.“
Woher diese Abneigung gegen den Leoparden rührte, ist nicht eindeutig festzustellen. Die Verfolgung der frühen Christen, die zum Beispiel im römischen Kolosseum mit wilden Tieren, darunter wohl auch Leoparden, kämpfen mussten, mag zu seinem negativen Bild in der frühen Christenheit beigetragen haben, daneben spielte aber wohl auch die sexuelle Symbolik eine Rolle − neben Mut und Schläue eine dritte Konstante in der menschlichen Sicht dieses Tieres.

Woman with a Floral Wreath in a Leopard Dress (Charles Edward Perugini)

Woman with a Floral Wreath in a Leopard Dress (Charles Edward Perugini)

So verleiht das Leopardenfell seinem Träger bis heute auch den Nimbus männlicher Potenz − schon die Griechen sahen ihren Gott der Fruchtbarkeit und der sexuellen Ausschweifung, Dionysos, dermaßen gekleidet. Es ist insofern nicht verwunderlich, dass der Leopard in Gesellschaften, die mit Sexualität weniger freizügig umgingen, einen schlechten Ruf erhielt; die Flecken auf seinem Fell wurden so schnell zur „Be-Fleckung“, zum Zeichen der Sünde.
Damit im Zusammenhang steht auch die Herkunft des deutschen Namens, der sich aus dem Griechischen leon für Löwe und pardos für (vermutlich) Panther zusammensetzt. Er weist darauf hin, dass man den Leoparden als Bastard einer illegitimen Kreuzung der beiden vorgenannten Tiere sah, eine Auffassung die durch den römischen Naturhistoriker Plinius den Älteren in seiner Naturalis historia (Band 8, 17) bestätigt wird. Auch damit ließ sich also die Musterung des Felles mit ihren dunklen Flecken auf hellem Grund erklären, was dem Leoparden zusätzlich den Ruf zweifelhafter Abstammung aus einer moralisch anrüchigen Verbindung einbrachte.

Der italienische Dichter Dante Alighieri griff diese Symbolik in seiner Göttlichen Komödie (Comedia Divina) auf. Dort verhindert der Leopard neben dem Löwen und dem Wolf den Aufstieg des Dichters zum Gipfel des Lichts (L’inferno Teil 1, Vers 11):
„Sieh, beim Beginn des steilen Weges schier, Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder, Gewandt und sehr behend ein Panthertier. Nicht wich’s von meinem Angesichte wieder, Und also hemmt es meinen weitern Lauf, Daß ich mich öfters wandt’ ins Tal hernieder.“

Daher muss er erst mit Vergil als Führer in die Hölle absteigen, bevor er später das Paradies betreten darf. In dem von allegorischen Anspielungen durchdrungenen Werk Dantes steht der Leopard mit seinem befleckten Stammbaum für die Wollust, die den Menschen vom Weg zum Göttlichen Licht abbringt.

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