Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

16.03.2015, Max-Planck-Institut für Ornithologie
Nächtliches Kunstlicht lässt Vögel früher singen
Unter dem Einfluss nächtlicher künstlicher Beleuchtung beginnen vier von sechs untersuchten Singvogelarten früher im Jahr zu singen. Das zeigen Gesangsaufnahmen von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen. Die Forscher verglichen vom Winter zum Frühjahr dunkle Lebensräume mit solchen, die von Straßenlaternen beleuchtet waren. Wie sie herausfanden, wirkt sich das Kunstlicht sowohl auf die morgendlichen als auch die abendlichen Gesänge aus. Besonders die Frühaufsteher unter den Vögeln singen früher im Jahr, sie scheint das Kunstlicht stärker zu beeinflussen. Ob das frühere Singen Konsequenzen für die Fitness der Tiere hat, muss weiter untersucht werden.
Vor allem in den Städten machen Straßenlaternen, Ampeln oder Wohnbeleuchtung die Nacht immer mehr zum Tag. Dass künstliches Nachtlicht negative Auswirkungen auf natürliche Populationen hat, ist mittlerweile unbestritten. So werden nachtaktive Tiere, zu denen auch Vögel während ihres Zuges gehören, durch Kunstlicht angezogen. Dies führt zur Desorientierung und millionenfach zum Tod durch Kollision mit beleuchteten Objekten.
Ein subtilerer, aber mit ökologischen und evolutionären Konsequenzen verbundener Effekt der künstlichen nächtlichen Beleuchtung sind Veränderungen des natürlichen Aktivitätsrhythmus vieler Tiere. Weil die innere biologische Uhr durcheinander gerät, sind tagaktive Tiere morgens früher oder bis in die Abendstunden hinein aktiv. Im Winter wurde in Städten sogar beobachtet, dass Vögel nachts auf Nahrungssuche gehen. Darüber hinaus ändern sich auch saisonale Verhaltensmuster, vor allem in der gemäßigten Zone. Dort etwa beginnen Amseln unter dem Einfluss von Kunstlicht bis zu einem Monat früher mit dem Brutgeschäft.
Arnaud Da Silva, Mihai Valcu und Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben nun die morgen- und abendlichen Gesänge der Männchen von sechs Singvogelarten in Süddeutschland untersucht: Rotkehlchen, Amsel, Singdrossel, Blaumeise, Kohlmeise und Buchfink. Alle diese Arten unterscheiden sich in ihrem saisonalen Gesang. Blau- und Kohlmeise singen generell als Erste im Jahr, manchmal ist ihr Gesang sogar schon im Winter zu hören. Buchfink und Amsel beginnen ungefähr ab Mitte Februar zu zwitschern; am Ende des Monats kommt dann das Rotkehlchen hinzu. Schlusslicht bildet die Singdrossel, sie kehrt nicht vor Anfang März aus den Wintergebieten zurück.
Die Wissenschaftler verglichen bei täglichen Gesangsaufnahmen zwischen Januar und April sechs dunkle Standorte mit sechs weiteren, die nachts von Straßenlaternen beleuchtet waren. „Interessanterweise hatte das künstliche Nachtlicht den größten Effekt auf das Rotkehlchen und die Amsel, die beide natürlicherweise lange vor Sonnenaufgang singen und so vom künstlichen Licht wohl am stärksten beeinflusst werden“, sagt Arnaud Da Silva, Erstautor der Studie. Kohlmeisen und tendenziell auch Blaumeisen begannen mit ihren Gesängen unter Lichteinfluss ebenfalls früher in der Saison. Die Singdrossel hingegen sang morgens unter Straßenbeleuchtung erst später im Jahr, möglicherweise, weil die Vögel diese Territorien zunächst mieden. Bei Buchfinken fanden die Wissenschaftler keinen Effekt. Bei allen Arten waren Morgen- und Abendgesang vom Wetter beeinflusst: An regnerischen und für die Jahreszeit zu kalten Tagen waren weniger Gesänge zu hören.
Das morgendliche und abendliche Gezwitscher dient sowohl der Verteidigung des Territoriums als auch dem Anlocken von Paarungspartnerinnen. „Es ist wahrscheinlich, dass die saisonale Verschiebung des Gesangs Konsequenz auf die Fitness der Tiere hat“, sagt Bart Kempenaers, Betreuer der Studie. Eine hohe Fitness würde bedeuten, dass die Vögel durch ihren veränderten Rhythmus mehr Nachkommen haben, beispielsweise dadurch, dass sie früher im Jahr brüten. Die Verschiebung könnte allerdings auch nachteilig sein – etwa wenn um diese Zeit für die Jungen noch nicht genügend Futter verfügbar ist. „Was wir jetzt brauchen, ist ein umfangreicheres Verständnis der Auswirkungen des künstlichen Nachtlichtes auf natürliche Populationen. Dies wird uns helfen, Strategien zur Minimierung der störenden biologischen Effekte zu entwickeln.“

16.03.2015, Deutsche Wildtier Stiftung
Top Secret! Die drei Geheimnisse des Osterhasen
Die Deutsche Wildtier Stiftung verrät Wissenswertes über den Feldhasen
Der Feldhase – das unbekannte Wesen. Es gibt viele spannende Geheimnisse rund um den „Osterhasen“, doch eines vorweg: Die bunten Eier bringt er nicht. Die Deutsche Wildtier Stiftung verrät Wissenswertes über den Feldhasen, denn wer weiß schon, dass Hasenkinder in einem Wurf gleich mehrere Väter haben können, der Osterhase definitiv kein Kaninchen ist und er sich seine Vitamin B1-Pillen selbst „legt“.
Sein reges Sexualleben und die große Hasen-Kinderschar machten den Feldhasen schon vor langer Zeit zu einem Symbol der Fruchtbarkeit. Wenn es um die Partnerwahl geht, achtet die Häsin auf gute Gene: Hasenväter müssen fit sein und das gerade jetzt vor Ostern auch mit spektakulären Wettläufen und Boxkämpfen unter Beweis stellen. Trotzdem gibt es oft auf dem Acker nicht nur einen „Mister Right“ bei der Hasenhochzeit: Innerhalb kürzester Zeit paart sich die Häsin nämlich gleich mehrmals und kann von mehr als einem Hasen trächtig sein. Das heißt auch: In ihrer Gebärmutter können sich Embryonen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden. „Dieses Wunder der Natur nennt man Superfötation“, sagt Dr. Andreas Kinser, Feldhasenexperte der Deutschen Wildtier Stiftung. Am Ende sind die Hasenkinder in einem Wurf keine echten „Geschwister“: Hasenkinder haben oft mehrere Väter…!
Dass der Osterhase kein Kaninchen ist, zeigen schon die langen Ohren und die staksigen Hinterbeine. Feldhasen sind außerdem größer und schwerer als Kaninchen. Ausgewachsene Exemplare wiegen bis zu fünf Kilo – ein Kaninchen bringt durchschnittlich 1,5 Kilo auf die Waage. Von Geburt an sind die Unterschiede zwischen Feldhase (Lepus europaeus) und Kaninchen (Oryctogalus cuninculus) unübersehbar. Kaninchen kommen nackt und blind in einer Erdhöhle auf die Welt; der Hasennachwuchs wird hingegen oberirdisch geboren und hat schon bei der Geburt ein Fell. Hasenjunge können sofort sehen und laufen. „Feldhasen sind Einzelgänger, Kaninchen hingegen lieben das Leben in Kolonien“, sagt Andreas Kinser. Doch eines haben beide gemeinsam: Sie können sich ihre Vitamin B1-Pillen selbst legen.
Morgens ein Müsli, mittags Erbsen oder Linsen und abends ein saftiges Stück Schweinefleisch – und schon ist der Vitamin B1-Vorrat bei Menschen über die Nahrung aufgefüllt. Vitamin B1 ist perfekte „Nervennahrung“, hält geistig rege und körperlich fit. Um auf dem Acker zu überleben und Fressfeinden zu trotzen, braucht auch der Feldhase jede Menge Energie. Vitamin B1 wächst dem Feldhasen in Form von Löwenzahn, Hafer, Weizen und Sonnenblumenkernen geradewegs vor der Nase. Doch der Hase hat ein Problem: Sein Körper nimmt B1 nicht direkt auf. Er muss seine „Hasen-Vitamine“ erst im Blinddarm aus der Nahrung ziehen, als vitaminreichen Nahrungsbrei wieder ausscheiden und erneut fressen, um die „Kot-Pille“ endgültig zu verdauen. Wissenschaftler sprechen von Coecotrophie. Kurz gesagt: Des Feldhasen Lösung bei der Aufnahme von Vitamin B1 ist seine Losung! Er ist – wie das Wildkaninchen – sein eigener Vitamin-Pillenproduzent.

17.03.2015, Georg-August-Universität Göttingen
Vögel und Regenwald verbessern Schädlingskontrolle
Göttinger Agrarökologen untersuchen insektenfressende Vögel in Kakaoplantagen in Indonesien
Vögel haben eine große Bedeutung für die Schädlingsregulation und können somit zu erfolgreicheren Ernten beitragen – vor allem in den Tropen. Es ist jedoch weitgehend unbekannt, welche Arten und landschaftliche Faktoren für eine effektive natürliche Schädlingsbekämpfung wichtig sind. Agrarökologen der Universität Göttingen konnten jetzt zeigen, dass besonders die häufig vorkommenden Vogelarten und die Nähe von Wald eine erfolgreiche Schädlingsregulation bestimmen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Journal of Applied Ecology erschienen.
Die Göttinger Forscher untersuchten Kakaoplantagen auf der indonesischen Insel Sulawesi – einem der größten Produzenten von Kakao weltweit. Der Kakaobaum wird meist zusammen mit anderen Baumarten zur Beschattung angebaut, weshalb in solchen Agroforstsystemen eine relativ hohe biologische Vielfalt herrscht. „Methoden zur Nutzung dieser natürlichen Artenvielfalt und der damit verbundenen Funktionen, wie beispielsweise der Schädlingsregulation durch Vögel, könnten sowohl zur nachhaltigen Bewirtschaftung des Kakaos als auch zur Entlastung angrenzender Lebensräume und Arten beitragen“, sagt die Göttinger Agrarökologin und Leiterin der Studie, Dr. Bea Maas.
Die untersuchten Plantagen unterschieden sich in der Menge an lokal vorhandenem Schatten und in ihrer Entfernung zum angrenzenden Regenwald. Um den Erfolg der dort vorhandenen Vogelarten als Schädlingsbekämpfer zu bestimmen, verwendeten die Forscher aus Knetmasse geformte Larven, mit denen sich die Ereignisse von Vogelangriffen durch deren Schnabelabdruck in der Knetmasse nachweisen ließen. Larven von Schmetterlingen und Käfern zählen zu den häufigsten und schädlichsten Insektengruppen in Kakaoplantagen. „Von allen häufigen Vogelarten in den Kakaoplantagen, konnte nur der Molukken-Brillenvogel in Zusammenhang mit Larvenattacken gebracht werden“, so Dr. Maas. Die Häufigkeit der Brillenvögel, als auch die Aktivität der Räuber stiegen mit zunehmender Nähe zum vorhandenen Regenwald. „Die Nähe von Wald ist daher nicht nur wichtig für den Erhalt der biologischen Vielfalt, sondern auch für die wirtschaftlich bedeutsamen Dienste der insektenfressenden Vögel“, so Dr. Maas.
Die Wissenschaftler betonen die Bedeutung alternativer Landnutzungsmethoden als Alternative zum Einsatz von Pestiziden und anderen Chemikalien. „Dass vor allem der gemeine Brillenvogel von so großer Bedeutung für die Regulation von Schädlingen ist, vereinfacht die Umsetzung solch nachhaltiger Bewirtschaftungsmaßnahmen“, erklärt Dr. Yann Clough von der Universität Göttingen und ergänzt: „Durch entsprechende Aufklärungsarbeit, ein erhöhtes Angebot von geeigneten Nistplätzen für die Vögel und den Schutz der restlichen Wälder kann der Kakao vor Raupen geschützt werden, ohne Pestizide einzusetzen.“
Originalveröffentlichung: Bea Maas et al. Avian species identity drives predation success in tropical cacao agroforestry. Journal of Applied Ecology. Doi: 10.1111/1365-2664.12409

18.03.2015, Universität Leipzig
Die Rechnung, die Grillen fliehen lässt
Kämpfe unter Artgenossen sind völlig normal. Um Futter oder Partner konkurrieren die Tiere eben. Aber eine ernste Verletzung wollen sie partout vermeiden. Kosten und Nutzen einer Kampfhandlung sind abzuschätzen. Aber wie soll das gehen, wenn kein rationales Denken möglich ist? Für die besonders kampfeslustigen Grillen ist nun klar: Es gibt einen Mechanismus. Dabei werden wichtige Informationen sozusagen addiert – ist das Maß voll, entscheiden sich die Grillen zur Flucht. Kurios: Selbst der theoretisch starke Gewinner ist anschließend vor allem stark anfällig für negative Erfahrungen.
Forscher um den Neurobiologen Paul Stevenson von der Universität Leipzig erklären diese Phänomene mit der Freisetzung des natürlichen Botenstoffs Stickoxid ins Gehirn. Ihre Erkenntnisse haben sie in der Online-Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht.
„Entscheidend für den Ausgang eines Kampfes ist nicht unbedingt, ob eine Grille wirklich stärker ist als ihr Kontrahent – sondern wie viel der bereit ist einzustecken“, erläutert Stevenson. „Selbst eine Grille, die blind ist oder ihre kräftigen Mandibeln, ihre Mundwerkzeuge, nicht benutzen kann, tritt zum Kampf an. Und ihr scheinbar klar überlegener Gegner gibt oft auf, ohne ersichtlichen Grund.“
Der Engländer glaubt, den Grund nun zu kennen. „Auch die eigentlich unterlegene Grille teilt aus, mit Drohgebärden, Geräuschen, Schlägen. Ihr Gegner addiert diese Informationen – bis zu einem gewissen Punkt. Ist der erreicht, beendet er den Kampf, gegebenenfalls als Verlierer.“ Im Grillenkörper werde bei jedem Negativerlebnis ein Enzym aktiviert, das wiederum ein Gas freisetze: Stickoxid. „Dieser Botenstoff macht Tiere weniger aggressiv, auch bei Säugetieren ist das so. Die Gleichung ist einfach: Je mehr davon zusammenkommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit der Flucht.“
Die Wissenschaftler haben nun in ihren Versuchen das Freisetzen des Stickoxids bei je einer Grille blockiert. Mit der Blockade im Körper bleibt eine blinde Grille lange aggressiv genug, um als Sieger aus dem Kampf hervorgehen zu können – und selbst eine Grille mit gelähmten Mandibeln kann gewinnen. Die Treffer, die sie einsteckt, können zahlreich sein – aber beim Kontrahenten ist schneller der Punkt erreicht, an dem er aufgibt.
Was macht der Gegner? Wie viel Stickoxid wird freigesetzt? Darum gehe es, so der Leipziger Forscher. Doch in dem Fachartikel, den Stevenson und sein Co-Autor Dr. Jan Rillich von der Freien Universität Berlin verfasst haben, gibt es noch ein zweites Thema: die Phase direkt nach dem Grillenkampf. „Normalerweise ist der Sieger besonders aggressiv und geht sozusagen gestärkt aus dem Kampf hervor“, sagt Stevenson. „Aber nicht bei einem direkten Folgekampf gegen einen neuen Konkurrenten, dann gibt er schnell auf.“ Die Gleichung aus Kampf Nummer eins gelte noch immer, zumindest für eine kurze Zeit. „Die neuen Gegentreffer werden zu den bisherigen addiert.“ Die Aggression, die nötig sei, um sich dem Kampf zu stellen, werde unterdrückt – es sei denn, eine Stickoxid-Blockade wirkt.
„Grillen haben also eine Strategie, der aber keine höhere kognitive Leistung zugrunde liegt, sondern eine Addition gegnerischer Reize“, fasst Paul Stevenson die neuen Erkenntnisse zusammen. „Dieser Mechanismus hat mit Stickoxid zu tun.“ Nun ließe sich zum Beispiel fragen, wie sich das bei anderen Tieren verhält, oder auch bei Menschen. Ist eine Denkleistung entscheidend oder sind es vielleicht auch solch simpel anmutende Prozesse? Denkbar sei, so Stevenson, dass Ergebnisse wie die jetzt präsentierten irgendwann zum Beispiel bei der Behandlung posttraumatischer Belastungen eine Rolle spielen können.

Toxodon platensis lebte vor zehn bis zwanzigtausend Jahren in Südamerika.  Peter Schouten (aus "Biggest, Fiercest, Strangest", W. Norton Publishers, in Produktion)

Toxodon platensis lebte vor zehn bis zwanzigtausend Jahren in Südamerika.
Peter Schouten (aus „Biggest, Fiercest, Strangest“, W. Norton Publishers, in Produktion)

18.03.2015, Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Ausgestorbene Säugetiere: Toxodon und Macrauchenia gehören zu den Huftieren
Analysen von fossilem Knochenkollagen zeigen, dass die in Südamerika einheimischen Huftiere eng mit Pferden, Nashörnern und Tapiren verwandt sind und nicht mit Elefanten
Charles Darwin entdeckte vor 180 Jahren in Uruguay und Argentinien als Erster Knochen der in Südamerika heimischen Huftiere Toxodon und Macrauchenia. Ihr genauer Platz im Stammbaum der Säugetiere wurde in Wissenschaftlerkreisen seit langer Zeit heftig debattiert. Ein internationales Forscherteam der Universität York und des Naturkundemuseums in London, des Amerikanischen Naturkundemuseums in New York und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat jetzt das evolutionäre Rätsel um die laut Darwin „seltsamsten jemals entdeckten Tiere“ gelöst. Es ist den Forschern gelungen, Lebewesen mithilfe von Proteinsequenzen aus dem Pleistozän stammesgeschichtlich einzuordnen – eine technische Meisterleistung, die ein neues Kapitel in der Paläontologie einleiten könnte.
Das Natural History Museum und das American Museum of Natural History haben ein Forscherteam damit beauftragt, das Rätsel um die stammesgeschichtliche Einordnung der Fossilien von Toxodon und Macrauchenia, zweier in Südamerika heimischer Huftierarten, zu lösen. Macrauchenia erinnerte äußerlich an ein Kamel und starb vor zehn bis zwanzigtausend Jahren aus. Toxodon wog wohl bis zu zwei Tonnen und glich einer Art Nashorn mit Flusspferdkopf. Bisher war unklar, ob die vor 180 Jahren von Darwin in Uruguay und Argentinien entdeckten Fossilien, einen einzigen Ursprung hatten oder mehrere. Auch ob sie vor oder nach der Kreidezeit entstanden sind innerhalb der Klasse der Säugetiere derselben Ordnung wie Elefanten oder derselben Ordnung wie Rinder und Pferde angehören, war nicht bekannt.
Zunächst haben die Forscher vergeblich versucht, die Herkunft der beiden Huftierarten durch morphologische Untersuchungen von Knochenfunden und die Analyse alter DNA zu bestimmen. Letzteres schlug fehl, weil die Fossilien keine identifizierbare Säugetier-DNA enthielten. Vermutlich ist das auch bei zahlreichen anderen wichtigen Fossilien aus tropischen oder gemäßigten Ablagerungsgebieten der Fall, denn der Erhalt der DNA hängt von den Temperaturen ab, denen das fossile Material im Laufe der Zeit ausgesetzt war.
Das Strukturprotein Kollagen hingegen kann etwa zehnmal länger überleben als DNA. In einem nächsten Schritt untersuchten die Forscher 48 Huftier-Knochenproben, die im 19. Jahrhundert in demselben Gebiet gefunden worden waren, in dem zuvor auch Darwin fündig wurde. Die erzeugte Sequenz umfasste mehr als 90 Prozent des Kollagen-Moleküls und lieferte den Wissenschaftlern einen stammesgeschichtlichen „Barcode“ für die beiden Tierarten.
Die Kollagen-Sequenzen zeigten, dass Toxodon und Macrauchenia eng mit Pferden, Nashörnern und Tapiren verwandt sind. „Mithilfe der bisher umfangreichsten Sequenzierung dieser Art konnten wir jetzt die taxonomische Einordnung der beiden Säugetierarten klären und eine Frage beantworten, die Paläontologen seit mehr als einem Jahrhundert beschäftigt hat“, sagt Jessica Thomas von der Universität York.
„Wir haben jetzt das Potenzial, viele weitere Herausforderungen anzunehmen und den evolutionären Prozess weiter als bisher in die Vorgeschichte hinein zurückzuverfolgen“, sagt Matthew Collins, der das Yorker Forscherteam leitet. Frido Welker vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und der Universität York ergänzt: „Wir entwickeln neue Techniken zur Analyse von Proteinen und wenden diese auf archäologische und paläoanthropologische Funde an. Eine Sequenz von 90 Prozent für beide Arten zu erhalten, ist wirklich fantastisch, wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen und wie lange die Knochen in der Erde ruhten.“
„Unsere langjährige Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern von Bruker Daltonics hat ermöglicht, diese Proben mithilfe modernster massenspektrometrischer Instrumente zu untersuchen“, sagt Jane Thomas-Oates, Direktorin des Yorker Exzellenzzentrums für Massenspektrometrie. „Die hervorragende Qualität der Daten war für uns bei der Bestimmung der Kollagen-Sequenzen eine wichtige Voraussetzung.“
„Die Untersuchung fossiler Proteine ist neben der Sequenzierung alter DNA ein völlig neuer Ansatz zur Erforschung der Evolution bereits ausgestorbener Säugetiere, einschließlich der Homininen“, sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.
Originalpublikation:
Frido Welker, Matthew J. Collins, Jessica A. Thomas, Marc Wadsley, Selina Brace, Enrico Cappellini, Samuel T. Turvey, Marcelo Reguero, Javier N. Gelfo, Alejandro Kramarz, Joachim Burger, Jane Thomas-Oates, David A. Ashford, Peter Ashton, Keri Rowsell, Duncan M. Porter, Benedikt Kessler, Roman Fisher, Carsten Baessmann, Stephanie Kaspar, Jesper Olsen, Patrick Kiley, James A. Elliott, Christian Kelstrup, Victoria Mullin, Michael Hofreiter, Eske Willerslev, Jean-Jacques Hublin, Ludovic Orlando, Ian Barnes & Ross D. E. MacPhee
Ancient proteins resolve the evolutionary history of Darwin’s South-American ungulates
Nature, 18. März 2015, DOI: 10.1038/nature14249

Ein brauner Zwergbarsch (links) und sein harmloses Vorbild, eine Ambon-Demoiselle (William E Feeney)

Ein brauner Zwergbarsch (links) und sein harmloses Vorbild, eine Ambon-Demoiselle (William E Feeney)

19.03.2015, Universität Basel
Lug und Trug im Korallenmeer: Wie ein kleiner Fisch seine Beute austrickst
Basler Zoologen sind einem Geheimnis der farbenprächtigen Korallenriffe auf der Spur: Sie haben vor Australien Zwergbarsche entdeckt, die ihre Farbe ändern, um andere Fische zu imitieren – und um dann deren Jungen leichter fressen zu können. Der Farbwechsel hilft den Zwergbarschen auch, sich vor eigenen Fressfeinden zu schützen. Die Arbeit wird in der aktuellen Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins «Current Biology» vorgestellt.
Tropische Korallenriffe wie das Great Barrier Reef vor Australien gehören zu den farbenprächtigsten Lebensräumen der Erde. Doch diese Farbenvielfalt stellt die Wissenschaft immer noch vor Rätsel: Wieso kommen gerade dort so viele bunte Organismen wie Korallen, Krustentiere und Fische auf engstem Lebensraum vor?
Besonders viele Farbvarianten weist etwa der braune Zwergbarsch Pseudochromis fuscus auf, der zum Teil auch noch die Farbe wechseln kann. Doch warum Zwergbarsche, die bis 10 Zentimeter gross werden können, mehrere Farbformen haben und ihre Farbe wechseln, blieb lange ungeklärt.
Einem internationalen Forschungsteam um die Basler Evolutionsbiologen Dr. Fabio Cortesi und Prof. Walter Salzburger ist es nun gelungen, die ökologischen und evolutionären Grundlagen des Farbwechsels bei den Zwergbarschen aufzuklären. Bisher wurde angenommen, dass ihre Farbenvielfalt genetisch bedingt ist – dass sich also die verschiedenfarbigen Zwergbarsche an unterschiedliche Hintergrundfarben anpassen. Die Zoologen zeigten nun aber, dass Zwergbarsche ihre Farbe aktiv und innerhalb von relativ kurzer Zeit ändern können. Ihr Ziel dabei: andere Fischarten in ihrer Umgebung zu imitieren, um sich dann an deren Nachkommen gütlich zu tun.
«Wölfe im Schafspelz»
Lug und Trug sind im Tierreich alltäglich und dienen dazu, sich Zugang zur Nahrung oder Partnern zu erleichtern oder um sich vor Feinden zu tarnen. Wird allerdings zu oft oder im falschen Moment getäuscht, dann riskieren die Betrüger, aufzufliegen. Die Basler Forscher konnten bei den Zwergbarschen nun ein besonders raffiniertes Vorgehen beobachten: Die Fische imitieren abwechselnd verschiedene harmlose Fischarten in ihrer Umgebung, um zu verhindern, dass sie von ihrer Beute, den Jungen der imitierten Fische, erkannt werden.
«Diese Strategie ist dem klassischen Beispiel des Wolfs im Schafspelz sehr ähnlich. Die Zwergbarsche nutzen aber zusätzlich den Vorteil aus, ihr Aussehen kurzerhand wechseln zu können, wenn die Beutefische Verdacht schöpfen und achtsam werden», kommentiert Erstautor Dr. Fabio Cortesi die Befunde. Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit Kollegen in Australien, Grossbritannien, Kanada und Schweden im Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens durchgeführt.
Forscher trainieren Fische
Der Farbwechsel bringt den Zwergbarschen jedoch auch noch weitere Vorteile ein – sie können sich damit besser tarnen. So trainierten die Forscher die etwas grösseren Forellenbarsche darauf, Bilder von Zwergbarschen vor verschiedenen Hintergründen anzugreifen. Dabei zeigte sich, dass die Forellenbarsche weniger auf Fischbilder losgingen, die zur Farbe des natürlichen Hintergrunds jener Fische passte, welche die Zwergbarsche jeweils imitierten. «Die Zwergbarsche haben also eine ausgeklügelte Form der Tarnung entwickelt, die ihnen nicht nur einen räuberischen Vorteil verschafft, sondern sie gleichzeitig auch noch vor ihren eigenen Fressfeinden schützt», fasst Cortesi die Resultate der Studie zusammen.
Ein Teil des Rätsels der Farbenpracht der tropischen Korallenriffe scheint damit gelöst. Ihre Bewohner zeigen eine fast unglaubliche Vielfalt an Farben und Formen, von denen viele die Funktion des Warnens und Tarnens haben, wie bekannt ist. So imitieren Steinfische ihre Umgebung, um sich neugierigen Blicken zu entziehen, marine Nacktschnecken kündigen ihre Widerwärtigkeit durch grelle Warnsignale an und Tintenfische wechseln blitzschnell ihre Farben, um je nach Situation Partner zu umwerben oder sich vor Feinden zu tarnen.
Originalbeitrag
Fabio Cortesi, William E. Feeney, Maud C. O. Ferrari, Peter A. Waldie,
Genevieve A. C. Phillips, Eva C. McClure, Helen N. Sköld, Walter Salzburger, N.
Justin Marshall, and Karen L. Cheney
Phenotypic plasticity confers multiple fitness benefits to a mimic
Current Biology, published online 19 March 2015, doi: 10.1016/j.cub.2015.02.013

20.03.2015, Georg-August-Universität Göttingen
Schüler taufen ihre Luchse
Hessische Schulen beteiligen sich an Göttinger Forschungsprojekt
Forscher der Universität Göttingen wollen das Leben der nordhessischen Luchse ergründen und die Mindestzahl der im hessisch-niedersächsischen Grenzgebiet lebenden Tiere schätzen. Dazu haben sie seit November 2014 in einem etwa 650 Quadratmeter großen Areal südöstlich von Kassel an insgesamt 20 Standorten automatische Kameras, sogenannte Fotofallen, aufgestellt. Seither sind drei Luchse in die Falle getappt: Braunie, Felux und Laxy. Ihre Namen haben sie von Schülerinnen und Schülern der Frau-Holle-Schule in Abterode sowie der Anne-Frank-Schule in Eschwege erhalten, die gemeinsam mit vier weiteren nordhessischen Schulen an dem Forschungsprojekt der Universität Göttingen teilnehmen. Das einjährige Projekt wird in Zusammenarbeit mit den Forstämtern Hessisch Lichtenau und Melsungen sowie dem Arbeitskreis Hessenluchs durchgeführt und von der Heidehof Stiftung mit rund 15.000 Euro gefördert.
Jede Schule hat die Patenschaft eines der Fotofallen-Standorte übernommen und bekommt regelmäßig eine Auswahl der an diesem Standort aufgenommenen Wildtierfotos zur Verwendung im Unterricht zugesandt. So nehmen die Schüler aktiv an der Forschung teil. „Die Idee hierbei ist, ein Stück hessischen Waldes anschaulich in die Klassenzimmer der Region zu transportieren“, erklärt Projektleiter Dr. Markus Port von der Universität Göttingen.
Sobald ein Luchs in die Fotofalle tappt, dürfen die Schülerinnen und Schüler „ihrem“ Luchs einen Namen geben. Die Forscher sind sich sicher, dass es sich bei Braunie, Felux und Laxy auch tatsächlich um unterschiedliche Tiere handelt: „Luchse können anhand ihrer Fellmuster gut voneinander unterschieden werden“, erklärt Ralf Meusel, Luchsbeauftragter am Forstamt Hessisch Lichtenau. An den beteiligten Schulen wurden die Fotos mit großer Euphorie entgegen genommen. Besonderes Glück hatte die Anne-Frank-Schule, der außer Felux und Laxy noch insgesamt sechs weitere Tierarten in die Fotofallen getappt sind. „Mit so tollen Fotos hätten wir niemals gerechnet“, sagt Heike Schwanz, die das Projekt an der Anne-Frank-Schule begleitet. Und während einige Schulen noch immer ihrem ersten Luchs entgegenfiebern, freuen sich die Kinder derweil auch über Fuchs, Hase und Dachs. An der Gesamtschule Melsungen beispielsweise fertigen die Schülerinnen und Schüler Steckbriefe der fotografierten Tiere an und lernen auf diese Weise anschaulich die Tierwelt der heimischen Wälder kennen.
Wie viele Luchse in Nordhessen ansässig sind, ist derzeit noch nicht bekannt. „Auch an anderen Standorten wurden Luchse aufgenommen. Um wie viele Tiere es sich jedoch insgesamt handelt, wird erst die genaue Analyse der Fotos zeigen“, so Dr. Port. Auch der Arbeitskreis Hessenluchs ist mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden: „Jedes Foto eines freilebenden Luchses ist ein wichtiger Beitrag zur Dokumentation des Luchsvorkommens“, erläutert Thomas Norgall vom BUND Hessen und Gründungsmitglied des Arbeitskreises Hessenluchs. Die Kenntnis der Anzahl der im Untersuchungsgebiet lebenden Luchse ist die Voraussetzung, um die Stabilität der noch sehr jungen nordhessischen Population beurteilen zu können. „Und ein langfristig stabiles Luchsvorkommen im hessisch-niedersächsischen Grenzbereich ist ein wichtiger Schritt zur Ausbreitung und Rückkehr des Luchses in Deutschland“, so Thomas Norgall.
Eine Auswahl der an den Patenstandorten aufgenommenen Wildtierfotos ist auf der Homepage des Göttinger Luchsprojektes unter http://www.luchs.uni-goettingen.de zu finden.

20.03.2015, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Bericht „Seltene Brutvögel in Bayern 2009—2013“ veröffentlicht
Die Arbeitsgemeinschaft Seltene Brutvögel in Bayern (AGSB) hat in OTUS, der Zeitschrift des gleichnamigen Vereins für Feldornithologie in Bayern, jüngst ihren 4. Bericht zu seltenen bayerischen Brutvögeln veröffentlicht. Aufgrund des langen behandelten Zeitraums und der damit verbundenen Fülle an Daten wird der Bericht in zwei Teilen veröffentlicht. Der nun vorliegende erste Teil behandelt auf 70 durchgehend farbigen und durch zahlreiche Karten, Diagramme und Fotos reich illustrierten Seiten die Brutvorkommen von 45 Nichtsperlingsvogel-Arten von Nonnengans bis Wiedehopf. Der Erfassungsgrad vieler Arten konnte durch die Einführung des Internetportals ornitho.de erheblich verbessert werden. Zu den besonders bemerkenswerten Brutereignissen zählen der erste gesicherte Brutnachweis des Steinhuhns seit 1979, der vierte bis sechste bayerische Brutnachweis des Stelzenläufers sowie neue Brutnachweise der Sumpfohreule.
Der Bericht ist im Heft 6 der Zeitschrift OTUS erschienen. Die Ausgabe enthält darüber hinaus Beiträge zum ersten Nachweis eines Gleitaars für Bayern und einer Mischbrut von Silber- und Mittelmeermöwe an der ostbayerischen Donau. Weitere Informationen und Bestellung unter www.otus-bayern.de.

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