Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

24.04.2015, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Neuer Brutvogelatlas liefert umfassenden Datenfundus
Die Kartierung von 80 Millionen Brutpaaren und damit mehr als 400.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit stecken in „ADEBAR“, dem neuen Atlas Deutscher Brutvogelarten. Damit liefert das Werk einen umfassenden Datenfundus zu allen 280 in Deutschland brütenden Vogelarten. Es belegt dabei unter anderem, dass Buchfink und Amsel die häufigsten Arten sind. Vorgestellt wurde der Brutvogelatlas heute von der Stiftung Vogelwelt Deutschland und dem Dachverband Deutscher Avifaunisten in Bonn.
Das 800seitige Werk entstand in mehr als zehnjähriger Arbeit und beschreibt die Verbreitung aller in Deutschland auftretenden Brutvogelarten. ADEBAR ist nicht nur das Ergebnis eines der größten Kartiervorhaben, zu dem jemals in Deutschland zur Mitarbeit aufgerufen wurde. Dem Projekt wurde eine Begeisterung entgegengebracht, die alle Erwartungen übertraf: Mehr als 4000 Ehrenamtliche beteiligten sich an den Bestandserhebungen. Im Durchschnitt steuerten jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter deutlich mehr als 100 Stunden Feldarbeit bei. Rund 600.000 ausgewertete Datensätze, die auf mehr als vier Millionen kartierten Vogelrevieren basieren, liegen den Verbreitungskarten zugrunde. „Ich bin beeindruckt, zu welchen Leistungen die Bürgerwissenschaft, neudeutsch auch ‚Citizen Science‘ genannt, fähig ist. Dank dieses enormen Engagements steht uns jetzt ein Datenfundus zur Verfügung, der umfassend Auskunft über den Zustand der Natur gibt und unverzichtbare naturschutzrelevante Erkenntnisse liefert“, erklärte Prof. Beate Jessel. Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) erwies allen Beteiligten an dem Mammutprojekt größte Anerkennung, als sie das Werk im Rahmen einer Festveranstaltung im Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Empfang nahm.
Auch die „nackten Zahlen“ zur Bestandssituation der heimischen Vogelarten sind beeindruckend: Aktuell brüten 280 Vogelarten in Deutschland, davon regelmäßig 248 einheimische Arten. Der Rest verteilt sich auf unregelmäßig brütende oder gebietsfremde Vogelarten. Insgesamt brüten hierzulande rund 80 Millionen Vogelpaare. Damit entfällt auf jeden Einwohner Deutschlands ein Vogelpaar. Die mit Abstand häufigsten Arten sind Buchfink und Amsel mit jeweils über acht Millionen Paaren, gefolgt von der Kohlmeise mit mehr als fünf Millionen Paaren. Zusammen mit 19 weiteren Arten, deren Bestände über eine Million Paare erreichen, machen sie 80 Prozent aller in Deutschland brütenden Vögel aus. Diese Arten sind nicht nur sehr häufig, sondern auch weit verbreitet. Etwa ein Fünftel aller einheimischen Brutvogelarten besiedelt mehr als 90 Prozent der Landfläche Deutschlands. Auf der anderen Seite stehen mit knapp 100 Arten etwa doppelt so viele, die auf weniger als zehn Prozent der Landesfläche brüten. Davon sind viele Arten stark gefährdet, wie der Seggenrohrsänger, dessen Bestände sehr stark abgenommen haben und nur mithilfe sehr großer Schutzanstrengungen vor dem Erlöschen bewahrt werden können.
„ADEBAR versetzt uns erstmals in die Lage, Veränderungen des Brutareals von Vogelarten seit etwa Mitte der 1980er-Jahre sichtbar werden zu lassen. Gleichermaßen beeindruckend wie alarmierend ist die Erkenntnis, wie sensibel Vogelarten auf Veränderungen in ihren Brutlebensräumen reagieren können“, wies Dr. Kai Gedeon, Vorsitzender der Stiftung Vogelwelt, auf die überraschend große Populationsdynamik einzelner Arten hin. „Die Art mit der größten Bestandsabnahme seit Mitte der 1980erJahre ist das Rebhuhn, die Art mit den größten Arealverlusten die Haubenlerche, dicht gefolgt vom Vogel des Jahres 2013, der Bekassine. Es gibt aber auch positive Entwicklungen: Das Schwarzkehlchen hat sich stark ausgebreitet“, bilanzierte Gedeon. Insgesamt überwiegt aber der Anteil an Arten, deren Brutareal schwindet.
„Offenkundig ist, dass viele Arten der Agrarlandschaft weite Bereiche des noch in den 1980er Jahren besiedelten Brutareals geräumt haben“, betonte Bernd Hälterlein, Vorsitzender des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten. Betroffen sind vor allem Arten des Feuchtgrünlandes, aber auch solche des zunehmend industriell bewirtschafteten Ackerlandes. Uferschnepfe und Wiesenpieper haben bereits viele Brutgebiete aufgrund Entwässerung, Grünlandumbruch und der Intensivierung der Grünlandnutzung aufgegeben. Die Bestände vieler auf dem Boden brütenden Feldvögel, wie Kiebitz und Feldlerche, sind vor allem im zurückliegenden Jahrzehnt stark zurückgegangen. Regional oder lokal sind auch diese Arten bereits aus der Landschaft verschwunden. Hälterlein forderte: „Der sich in den letzten Jahren beschleunigende Niedergang auch ehemals häufiger Vogelarten der Normallandschaft — also in Allerweltslebensräumen jenseits der großen Naturschutzgebiete oder Nationalparks — muss allen gesellschaftlichen Akteuren eine Verpflichtung sein, umgehend gegenzusteuern.“
„Vogelarten sind darüber hinaus ausgezeichnete Indikatoren, mit deren Hilfe sich stellvertretend die Entwicklung der Artenvielfalt und die Landschaftsqualität messen lassen. Geht es ihnen schlecht, so sind auch viele andere Tiergruppen betroffen“, erklärte BfN-Präsidentin Prof. Jessel und forderte mehr Weitblick bei der Nutzung unserer natürlichen Ressourcen ein. „Die aktuellen Befunde verpflichten uns — abseits dringend notwendiger Analysen — dazu, nun auch Taten folgen zu lassen, um den Erhaltungszustand unserer Vogelwelt deutlich zu verbessern.“ Anderenfalls drohe ein dramatischer Verlust an Artenvielfalt, der weit über das Verschwinden einzelner Vogelarten hinausgehe. Der neue Atlas deutscher Brutvogelarten bietet hierfür belastbare Informationen und ausgezeichnete Argumentationshilfen.
Informationen zum „Atlas Deutscher Brutvogelarten“/ Bezug:
Format ca. 24,5 x 32,5 cm, gebunden, durchgehend 4-farbig, umfassende Informationen zur Brutverbreitung und zur Bestandsentwicklung zu 311 Brutvogelarten mit Verbreitungskarten. Illustrationen von Paschalis Dougalis, einführende Kapitel, Literaturverzeichnis, Namen aller Mitarbeiter, 800 Seiten.
ISBN-13: 9783981554335
Preis: 98,00 Euro.
Das Buch kann online bestellt werden.
Eine Leseprobe gibt es unter: www.dda-web.de/downloads/adebar/

27.04.2015, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)
Hummelgenom entschlüsselt
Eine Kollaboration von Forschenden unter ETH-Federführung hat das Genom von zwei kommerziell bedeutenden Hummelarten aufgeklärt. Die Resultate bieten unerwartete Einblicke in Ökologie und Evolution der Hummeln und auch der Honigbiene.
Hummeln gelten als friedfertig und fleissig. Nicht zuletzt seit es weltweit mit der Honigbiene bergab geht, ist der kommerzielle Wert dieser Insekten gestiegen. So werden sie heute im grossen Stil gezüchtet und als Bestäuberinnen von Nutz- und Kulturpflanzen eingesetzt. Doch auch um die putzigen Brummer, von denen es weltweit 250 verschiedene Arten gibt, steht es mancherorts schlecht. Der grosse Schatten, den das Bienensterben warf, verdeckte die Tatsache, dass in den USA und auch anderswo einige häufige Hummelarten in den vergangenen Jahren ebenfalls selten geworden sind oder aus ganzen Landstrichen komplett verschwanden.
Nicht zuletzt deshalb initiierten die beiden ehemaligen ETH-Forscher Seth Barribeau und Ben Sadd, zusammen mit Professor Paul Schmid-Hempel aus der Gruppe für Experimentelle Ökologie vor acht Jahren ein Hummel-Genom-Projekt. Es hatte zum Ziel, das Erbgut von zwei kommerziell bedeutenden Hummelarten, der europäischen Erdhummel, Bombus terrestris, und der amerikanischen Bombus impatiens, zu entschlüsseln. Die Genomdaten, so hofften die Forschenden, sollten Aufschluss geben über Biologie, Ökologie und Evolution der Hummeln.
Immungene analysiert
Ein besonderes Augenmerk richteten Barribeau, Sadd und 80 weitere Forschende aus der ganzen Welt auf die Gene, die zum Immunsystem gehören. An der Arbeit beteiligten sich Evolutionsbiologen, Ökologinnen, Bioinformatiker und Genetikerinnen. Zudem verglichen die Forschenden bereits entschlüsselte Genome anderer Insekten, wie der Honigbiene, einer Erzwespe und der Essigfliege Drosophila melanogaster, mit denen der beiden Hummeln. Die Resultate ihrer Studien veröffentlichten die Wissenschaftler soeben in der Fachzeitschrift «Genome Biology».
Die Genome der beiden Hummeln gleichen einander stark und enthalten rund 20‘000 verschiedene Gene auf 18 Chromosomen. Davon entfällt nur ein geringer Anteil auf Gene, die in die Immunantwort involviert sind, wie die Wissenschaftler herausfanden: Das Genrepertoire für das Immunsystem umfasst bei beiden Hummelarten nur rund 150 Gene. Das sind verglichen mit Fliegen oder Mücken ziemlich wenige: Drosophila hat doppelt so viele. Allerdings haben auch die Honigbiene und die Erzwespe Nasonia nur ein kleines Immun-Gen-Repertoire.
Sozialorganisation spielt k(l)eine Rolle
Weshalb die sozial verhältnismässig schwach organisierten Hummeln ebenso wenige Immun-Gene haben wie die Honigbienen mit ihrer hohen sozialen Organisation, ist für Paul Schmid-Hempel rätselhaft. Bisher sei die Forschung davon ausgegangen, dass sich Insekten mit hoher sozialer Organisation ein schwächeres Immunsystem leisten können, sagt er. Umgekehrt würde ein simples Sozialsystem stärkere körpereigene Abwehr erfordern. Die bisherige Theorie nahm also an, dass hochsoziale Insekten andere Möglichkeiten zur Abwehr von Keimen haben als die Immunabwehr, etwa die gegenseitige Körperpflege bei Bienen.
Schmid-Hempel kann sich vorstellen, dass dieses schwache Immunsystem der Bienen und Hummeln mit ihrer Nahrung zusammenhängen könnte: Während Fliegen wie die Essigfliege Drosophila melanogaster Nahrung auf mit Bakterien und Pilzen verunreinigten Oberflächen wie verfaulten Früchten aufnehmen, können Bienen diesbezüglich saubere Nahrungsquellen, die Blüten von Pflanzen, anfliegen. Das dürfte das Infektionsrisiko und damit den Selektionsdruck für ein gut ausgebautes Immunsystem beträchtlich senken.
Doch nicht nur das schwache Immunsystem dürfte Hummeln (und Honigbienen) in der heutigen Zeit das Leben schwer machen: Die Forscher konnten auch nur wenige Gene identifizieren, die die Entgiftung des Körpers regeln. Dies könnte laut Schmid-Hempel dafür sprechen, dass diese Insekten auf Umweltgifte wie Pestizide aus der Landwirtschaft sensibel reagieren.
Genunterschiede machen Ökologie sichtbar
Die Genomanalysen zeigen aber auch deutliche Unterschiede zwischen Bienen und Hummeln. So haben Hummeln mehr Gene, die der Geschmacksbildung dienen, Bienen mehr solche, die zum Geruchssinn beitragen.
Dies macht Sinn: Hummeln vertrauen bei der Nahrungssuche auf ihren Geschmack, testen quasi jede Blüte, die sie anfliegen, mit ihrer Zunge. Honigbienen vertrauen hingegen auf ihren Geruchssinn, um die richtige Nahrung zu finden. Auch beim Schwänzeltanz, mit dem eine Biene ihren Artgenossinnen gute Nahrungsquellen mitteilt, spielt der Geruchssinn die tragende Rolle. «In den Genen lässt sich dieser fundamentale Unterschied in der Lebensweise der beiden Organismen deutlich erkennen», so Schmid-Hempel.
Keine «Sozialgene»
Zu ihrer Überraschung konnten die Forscher der sozialen Organisation und dem Sozialverhalten vergleichsweise wenige spezifischen Gene zuordnen. «Die Gene dafür sind bei Hummeln und Bienen nicht sehr verschieden», so Schmid-Hempel. Dafür entdeckten die Wissenschaftler bei diesen Insekten komplett verschiedene Sätze von sogenannten Mikro-RNAs, also winzigen Schnipseln von Ribonukleinsäuren. Diese miRNAs regulieren Gene, indem sie Gen-Abschriften, die in den Zellen als Bauplan von Proteinen dienen, blockieren. Erst diese Art der Gen-Regulation macht aus einem «normalen» wenig sozialen Insekt wie der Hummel ein hochsoziales Wesen wie die Honigbiene.
Literaturhinweise
Sadd, B, Barribeau, SM, Bloch, G, Graaf, D, Dearden, P, Elsik, C, et. al The genomes of two key bumblebee species with primitive eusocial organization. Genome Biology. (in press)
Barribeau SM, et al. A depauperate immune repertoire precedes evolution of sociality in bees. 2015, 16: 83, published online 24th April 2015, DOI: 10.1186/s13059-015-0628-y

27.04.2015, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ BILD und/oder AMAZONLINK
Runderneuert: 3. Auflage des Naturführers für Schmetterlinge erschienen
Tagfalter haben sich als wertvolle Indikatoren für den Zustand der Artenvielfalt erwiesen. Sie sind deshalb in Deutschland sowie vielen weiteren Ländern Europas zum zentralen Bestandteil von Langzeitprojekten geworden, an denen Wissenschaftler und Bürgerforscher beteiligt sind (Citizen Science). Die gerade erschienene 3. Auflage des Naturführers “Schmetterlinge – Die Tagfalter Deutschlands“ liefert allen Beteiligten dieser Projekte und allen Interessierten eine Fülle von Informationen zu heimischen Tagfaltern.
Das Buch zeigt alle 144 heimischen außeralpinen Tagfalter. Die Schmetterlinge werden mit Farbfotos von Ei, Raupe und Falter vorgestellt. Dank der Verbreitungskarten und Grafiken zum Lebenszyklus erfährt der Leser auf einen Blick, wo und wann jede Art zu finden ist. Ergänzt werden Informationen über Lebensweise, Vorkommen, Gefährdung und Schutz der Arten. Außerdem zeigen Bildtafeln die Ober- und Unterseite aller Schmetterlinge lebensgroß und im direkten Vergleich. So lassen sich die Unterscheidungsmerkmale schnell und sicher erkennen. Die Angaben zu Raupenfraßpflanzen, Habitatpräferenzen und Flugzeiten laden dazu ein, den Führer im praktischen Taschenformat mit in die Natur zu nehmen.
Alle fünf Autoren sind ausgewiesene Schmetterlingsexperten und Kenner der Schmetterlingsfauna Deutschlands. Mit den Biologen PD Dr. Josef Settele und Dr. Reinart Feldmann kommen zwei davon vom UFZ. Das hat sich im Verlaufe von mehr als 20 Jahren in vielen Bereichen der Biodiversitätsforschung große und international anerkannte Kompetenz erarbeitet. Ausdruck dessen ist bspw. die Mitarbeit in den Autorenteams von Weltklimarat (IPCC) und Weltbiodiversitätsrat (IPBES) bzw. die enge Verbindung mit dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig.
Ein wichtiges Projekt im Bereich der Langzeit-Schmetterlingsforschung ist das “Tag-falter-Monitoring Deutschland“ (TMD). Zum Zeitpunkt des Erscheinens der 1. Auflage hatten die Buchautoren Settele und Feldmann im Frühjahr 2005 zur “Volkszählung“ der Schmetterlinge aufgerufen, die seither an zirka 400 Orten in Deutschland jedes Jahr von Freiwilligen durchgeführt wird. Mittlerweile liegen über eine Million Datensätze vor, die es erlauben, die Entwicklungstrends vieler Arten zu interpretieren und damit erste Rückschlüsse auf den Einfluss von Landnutzung, aber auch Klimaschwankungen auf die Biodiversität zu ziehen.
Die umweltpolitische Relevanz solcher Daten zeigt sich, in dem sie zum Beispiel – für die beteiligten europäischen Länder zusammengefasst – in den “Grassland Butterfly Indicator“ einfließen. Er ist eine Grundlage für die Arbeit der Europäischen Umweltagentur (EEA) in Kopenhagen. Erst die Beobachtung über viele Jahre hinweg lässt hinter kurzfristigen Schwankungen die eigentlichen Trends zum Vorschein kommen. So zeigt dieser Indikator für sieben häufige und zehn spezialisierte Grünland-Falterarten einen Rückgang von 30 Prozent im Zeitraum 1990 bis 2014.
Publikation:
Schmetterlinge: Die Tagfalter Deutschlands
J. Settele, R. Steiner, R. Reinhardt, R. Feldmann, G. Hermann.
Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart. 3. Auflage 2015. 256 S., 755 Farbfotos, 170 farbige Verbreitungskärtchen, ISBN 978-3-8001-8332-6. € 16,90

28.04.2015, Deutsche Wildtier Stiftung
Wieder auf Sendung! Mit Adler-TV per Mausklick live dabei
Mit der Deutschen Wildtier Stiftung verfolgen Sie in den kommenden Wochen unter www.Schreiadler.org das Brutgeschehen im Adler-Horst
Sie ist in diesem Jahr spät dran: Das Schreiadler-Weibchen ist heute mit Verspätung in ihrem Adler-Horst im lettischen Naturreservat Teici gelandet. Was zur Verzögerung beim Rückflug aus dem südlichen Afrika führte, kann nur vermutet werden. Das „Catering“ ließ wohl kurz vor der Abreise zu wünschen übrig. „Durch eine lange Dürre war das Nahrungsangebot der Schreiadler in ihrem Überwinterungsgebiet eher dürftig“, sagt Dr. Andreas Kinser, Schreiadler-Experte der Deutschen Wildtier Stiftung. „Viele Schreiadler haben auf dem 10.000 Kilometer langen Rückflug längere Zeit in Zentralafrika verbracht, wahrscheinlich um Energie zu tanken.“
Über eine versteckte Kamera kann ab heute jeder unter www.Schreiadler.org die Greifvögel bei der Familiengründung beobachten.
Bei der Deutschen Wildtier Stiftung warten alle gespannt darauf, wann das männliche Tier landet, das Schreiadler-Paar Eier legt und mit dem Brüten beginnt. Die Beobachtung per Webcam ist nicht nur als „voyeuristische Attraktion“ zu verstehen: „Die Übertragung ist Teil eines lettischen Forschungsprojektes, das gemeinsam mit Dr. Ugis Bergmains, dem lettischen Schreiadler-Experten und Kooperationspartner der Deutschen Wildtier Stiftung, durchgeführt wird. Dabei geht es unter anderem um die Nahrungszusammensetzung der seltenen Vögel. In Deutschland sind die Schreiadler vom Aussterben bedroht. Insgesamt gibt es nur noch 110 Paare, die in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg brüten. Damit ist der Schreiadler weit davon entfernt, von der Roten Liste gestrichen zu werden. Die Bedrohung des Schreiadlers hängt unter anderem mit der Intensivierung in der Land- und Forstwirtschaft zusammen. In einem Modellprojekt, das durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert wird, erprobt die Deutsche Wildtier Stiftung derzeit gemeinsam mit den Landbewirtschaftern, wie eine Schreiadler-gerechte Landbewirtschaftung aussehen könnte.

28.04.2015, Bundesamt für Naturschutz
Hotspot-Projekt „Alpenflusslandschaften“ gestartet
Mit einem Alpenfluss-Erlebnistag in der Stadthalle Weilheim hat der WWF Deutschland zusammen mit regionalen Partnern am Dienstag den Start eines im Alpenraum bisher einmaligen Projekts zum Schutz und Erhalt von Alpenflüssen gefeiert.
Im Rahmen des sogenannten Hotspot-Projekts „Alpenflusslandschaften – Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“ sollen bis zum Herbst 2020 Alpenflüsse renaturiert, Auwälder an Wasserläufe angebunden, Moore revitalisiert und bereits verloren geglaubte Tier- und Pflanzenarten wieder angesiedelt werden. An dem Projekt beteiligen sich 18 Organisationen aus den Bereichen Naturschutz, Verwaltung, Wirtschaft und Soziales. 16 von ihnen erhalten eine finanzielle Förderung vom Bund und vom Freistaat Bayern.
Bei der Eröffnung des Erlebnistages wies Prof. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), auf die große Bedeutung des Projektes für den Naturschutz hin. „Trotz vieler Eingriffe und Veränderungen übernehmen die alpinen Flüsse mit ihren Auen noch immer eine extrem wichtige Funktion im Biotopverbund und beheimaten wertvolle Lebensraumtypen sowie gefährdete oder sogar vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Sie sind von herausragender Bedeutung für den Naturschutz in Deutschland und damit auch für das Bundesprogramm Biologische Vielfalt“, sagte Prof. Beate Jessel.
Als „ökologische Juwele“ bezeichnete Christoph Heinrich, Mitglied der Geschäftsleitung beim WWF Deutschland, die deutschen Alpenflüsse. „Wir müssen sie in ihrer Einmaligkeit für unsere Kinder erhalten.“ Doch Naturschutzprojekte könnten, so Heinrich, nur dann erfolgreich sein, wenn die Menschen vor Ort mitgenommen und begeistert werden. Das Bürgerfest sei daher der Auftakt für eine breit angelegte Aufklärungskampagne. Mit Diskussionsrunden und Aktionstagen für Jung und Alt soll zukünftig das Bewusstsein für die besonderen Naturschätze der Region weiter gestärkt werden.
Das gemeinschaftliche Engagement für Flussseeschwalbe, Alpen-Knorpellattich und viele weitere Tier- und Pflanzenarten in den Wildflusslandschaften der Alpen freut auch die Bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf: „Der Erhalt der Artenvielfalt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Projekt ist ein Musterbeispiel, wie verschiedene Akteure gemeinsam Verantwortung für die Natur übernehmen. Die Naturschutzverbände, Gebietskörperschaften und die vielen weiteren Ehrenamtlichen leisten einen wichtigen Beitrag für die Vielfalt und den Erhalt der bayerischen Alpenflüsse.“ Mit den unterschiedlichen Einzelmaßnahmen und der breit angelegten Bildungs- und Informationsarbeit füge sich das Hotspot-Projekt vorbildlich in die Handlungsfelder und Ziele der Bayerischen Biodiversitätsstrategie ein.
Während viele Flüsse laut WWF in der Vergangenheit aufgestaut, kanalisiert und ihrer natürlichen Dynamik beraubt wurden, haben Ammer, Lech, Wertach, Isar und Loisach in einigen Abschnitten noch ihren Wildflusscharakter bewahrt. Besonders erhaltenswerte Bereiche finden sich etwa an der Litzauer Lechschleife, im Bereich der Linder, in der Ammerschlucht, an der oberen Isar vor dem Sylvensteinspeicher und in der Pupplinger Au. Aufgrund des großen Spektrums an unterschiedlichen Lebensräumen – von den artenreichen Tal- bis in die wenig erschlossenen Gebirgslagen – hat das Bundesamt für Naturschutz in der Region zwischen Ammersee und Zugspitze zwei „Biodiversitäts-Hotspots“ ausgewiesen. Mithilfe des Bundesprogramms Biologische Vielfalt sollen diese Naturjuwele erhalten und gefördert werden.
Erste Artenschutzmaßnahmen haben bereits im Frühjahr stattgefunden. So wurden an der Litzauer Schleife Tamariskenstecklinge ausgebracht und im Bereich der Pupplinger Au Floßattrappen als Bruthilfe für die Flussseeschwalbe installiert.
Das Projekt „Alpenflusslandschaften – Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“ wird mit rund 3,5 Mio. Euro im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gefördert. Weitere 700.000 Euro steuert der Bayerische Naturschutzfonds bei. Der Förderzeitraum erstreckt sich von 15. Oktober 2014 bis 30. September 2020; die abschließende Evaluierung läuft bis 30. September 2022. Koordiniert wird das Verbundprojekt vom WWF Deutschland, der eine zentrale Anlaufstelle in Weilheim in Bahnhofsnähe unterhält. Das 3-köpfige Team steht Interessierten für Fragen jederzeit gerne zur Verfügung. Weitere regionale Anlaufstellen befinden sich in Wolfratshausen (Anlaufstelle Isar und Loisach des Landesbunds für Vogelschutz in Bayern) und in Schongau (Anlaufstelle Lech des Vereins Lebensraum Lechtal).
Weitere Informationen zum Projekt unter: http://www.alpenflusslandschaften.de/

29.04.2015 Ludwig-Maximilians-Universität München
Evolution – Die harte Schale der Armfüßer
LMU-Wissenschaftler haben zum ersten Mal die molekularen Mechanismen der Schalenbildung bei Armfüßern umfassend untersucht. Der Vergleich mit anderen Tiergruppen zeigt, dass dieser Prozess evolutionär tief verankert ist.
Armfüßer (Brachiopoden) sind wirbellose Meerestiere, die vor allem im Erdaltertum weit verbreitet waren. Die Gruppe ist wegen ihres Fossilreichtums berühmt: Bisher sind etwa 30.000 fossile Arten bekannt, von denen die ältesten aus dem Kambrium stammen, also etwa 500 Millionen Jahre alt sind. Heute gibt es vergleichsweise nur noch wenige Arten, die verschiedene Meeresbereiche besiedeln. Ein Kennzeichen der Armfüßer ist ihre zweiklappige Kalkschale. „Wie diese Schale gebildet wird, war bisher ungeklärt“, sagt Professor Gert Wörheide vom Department für Geo- und Umweltwissenschaften und Geobio-Center der LMU, „Wir haben nun die erste umfassende Studie von Genen und Proteinen durchgeführt, die an der Schalenbildung beteiligt sind.“ Über ihre Ergebnisse berichten die Forscher im Fachjournal Genome Biology and Evolution.
Obwohl Armfüßer auf den ersten Blick Muscheln ähneln, sind sie mit diesen nicht verwandt. Im Gegensatz zu Muscheln ist ihre zweiklappige Schale nicht rechts-links symmetrisch, sondern sie besteht aus einer Ober- und einer Bauchseite, wobei die bauchseitige Schale meist größer ist. Die Schale ist entweder aus Calciumcarbonat (Calcit) oder Calciumphosphat sowie aus verschiedenen Proteinen und Kohlenwasserstoffen aufgebaut, die während der enzymatisch gesteuerten Schalenbildung abgesondert und mit in die Schale eingebaut werden. „Daher können in die Schale eingeschlossene Proteine wertvolle Hinweise über den Ablauf der Schalenbildung liefern“, sagt Wörheide.
Einblick in die Evolution der Schalenbildung
Um die Schalenbildung bei Armfüßern aufzuklären, haben die Wissenschaftler am Beispiel des südamerikanischen Armfüßers Magellania venosa nicht nur die Gesamtheit der in der Schale eingeschlossenen Proteine identifiziert, sondern auch untersucht, welche Gene – die die Baupläne für die Proteine codieren – bei der Schalenbildung heutiger Armfüßer aktiv sind. „Dies war das erste derartige Screening überhaupt für einen Armfüßer. Erst durch die Kombination beider Methoden können die molekularen Komponenten der Schalenbildung identifiziert werden“, sagt Wörheide.
Die Ergebnisse des Screenings sind besonders interessant im Hinblick auf andere schalenbildende Organismen, etwa Korallen, Seeigel oder Mollusken (Weichtiere): Sieben der am häufigsten in der Magellania-Schale gefundenen Proteine kommen zwar nur bei Armfüßern vor, haben aber biochemische Eigenschaften, die denen von Proteinen ähneln, die bei den anderen Tiergruppen vergleichbare Funktionen erfüllen. Andere Proteine wiederum stimmen in ihrem Aufbau mit denen der anderen Tiergruppen signifikant überein. Die Wissenschaftler schließen aus ihren Daten, dass ein Teil der genetischen Ausstattung und der molekularen Mechanismen für die Biomineralisation – also des Prozesses, mit dem Organismen mineralische Komponenten bilden – evolutionär tief verankert und ähnlich auch bei anderen wirbellosen Tieren zu finden ist. „Unsere Ergebnisse ermöglichen damit einen ganz neuen Einblick in die Evolution der Schalenbildung bei Armfüßern“, sagt Wörheide, „diese Daten werden auch für zukünftige Studien sehr wertvoll sein.“
(Genome Biology and Evolution 2015)
Originalpublikation:
The Magellania venosa biomineralizing proteome: a window into brachiopod shell evolution
Daniel J. Jackson, Karlheinz Mann, Vreni Haussermann, Markus Schilhabel, Carsten Lüter, Erika Griesshaber, Wolfgang Schmahl, Gert Wörheide
Genome Biology and Evolution 2015
doi: 10.1093/gbe/evv074
http://gbe.oxfordjournals.org/content/early/2015/04/24/gbe.evv074.abstract

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