Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

12.05.2015, Forschungsverbund Berlin e.V.
Koalas ernähren sich eigenartig – aber haben sie auch eigenartige Bakterien?
Koalas ernähren sich fast ausschließlich von Eukalyptusblättern. Benötigen sie deshalb spezifische Mikroorganismen, die ihnen bei der Verdauung ihrer Nahrung helfen? Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) haben die Zusammensetzung von Bakteriengemeinschaften in verschiedenen Verdauungsorganen untersucht. Sie fanden bei Koalas jedoch keine ungewöhnlichen oder speziellen Mikrobengemeinschaften, wenn sie diese mit jenen anderer Säugetiere verglichen.
Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass nichtinvasive Proben wie z.B. Kotproben, die üblicherweise zur Untersuchung der Zusammensetzung von Mikrobengemeinschaften verwendet werden, wohlmöglich keine präzise Beschreibung des Darmmikrobioms des Wirtes liefern. Die Studie wurde nun in dem wissenschaftlichen Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlicht.
Der Koala (Phascolarctos cinereus) ist ein baumbewohnendes Beuteltier, welches eine einzigartige Ernährungsweise hat, die fast ausschließlich aus Eukalyptusblättern besteht. Das Blattwerk des Eukalyptusbaumes gilt eigentlich als sehr ungünstige Nahrung, da es nicht nur nährstoffarm ist, sondern auch viele Verbindungen enthält, die für die meisten Tiere giftig sind. Es wird angenommen, dass Bakterien eine wichtige Rolle bei der Verdauung von Eukalyptusblättern spielen. Dennoch ist nicht bekannt, ob eine so exklusive Ernährungsweise die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaften, oder Mikrobiome, bei Koalas beeinflusst.
Ein internationales Team von Wissenschaftlern der Abteilung für Wildtierkrankheiten des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, der University of the Sunshine Coast (Australien), der University of Illinois at Urbana-Champaign (USA) und des Tiergarten Schönbrunn in Wien haben das Koala-Mikrobiom mittels DNA-Sequenzierung (Next Generation Sequencing) charakterisiert. Die Forscher fanden heraus, dass sich das orale sowie das Darmmikrobiom von Koalas ähnlich zusammensetzen wie die Mikrobiome der gleichen Körperregionen anderer Säugetierarten. Folglich scheint die einzigartige Ernährungsweise der Koalas die Mikrobengemeinschaften in den Verdauungsorganen nicht zu beeinflussen. Des Weiteren wurden Rektalabstriche und Kotproben zum ersten Mal mittels Hochdurchsatzsequenzierung verglichen, um zu prüfen, ob diese Probentypen das Koala-Darmmikrobiom gleichwertig beschreiben. Rektalabstriche enthielten die gesamte Vielfalt der auch in Kotproben enthaltenen Bakterien und noch zusätzliche Gattungen bzw. Arten. Dies deutet darauf hin, dass Bakteriengemeinschaften im Kot lediglich einen Bruchteil der komplexen darmbewohnenden Mikrobengemeinschaften repräsentieren. Darüber hinaus wurden die Kotmikrobiome der in Gefangenschaft gehaltenen Koalas mit vorhandenen Daten von wilden Koalas verglichen, um zu testen, ob die Gefangenschaft wesentliche Veränderungen im Koala-Mikrobiom hervorruft. Da sich laut den Ergebnissen die Profile der gefangenen und wilden Koalas ähnelten, scheint die Gefangenschaft die mikrobielle Gesundheit von Koalas nicht zu beeinträchtigen.
Auch das Mikrobiom der Koala-Augen wurde untersucht, da Koalas häufig unter Augenkrankheiten leiden, die durch Chlamydieninfektionen verursacht werden. Die Ergebnisse zeigten eine sehr vielfältige Mikrobengemeinschaft, ähnlich den Augenmikrobiomen anderer Säugetierarten. Dabei traten jedoch Bakterien einer bestimmten Familie, die bei anderen Säugetieren nicht beobachtet wurde, in ungewöhnlich hoher Zahl auf. Um festzustellen, ob dies die Anfälligkeit von Koalas für Chlamydieninfektionen bedingt, sind weitere Untersuchungen notwendig.
Dies ist die erste Studie, welche die Zusammensetzung des Augenmikrobioms einer nichtmenschlichen Säugetierart mithilfe von Hochdurchsatzsequenzierung beschreibt. Sie zeigt den gesunden Grundzustand des Koala-Auges, mit welchem künftig die Mikrobiome von Krankheitszuständen verglichen werden können.
Publikation:
Alfano N, Courtiol A, Vielgrader H, Timms P, Roca AL, Greenwood AD (2015): Variation in koala microbiomes within and between individuals: effect of body region and captivity status. SCI REP. Doi: 10.1038/srep10189.

13.05.2015,Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Artenvielfalt auf dem Display – Neue Smartphone-App „Map of Life“ zum Download bereit
Frankfurt/New Haven, den 13.05.2015. Wissenschaftler des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt haben gemeinsam mit Kollegen von der Yale-Universität und weiteren Institutionen die Smartphone-App „Map of Life“ entwickelt. Die Anwendung erlaubt es mit dem Mobiltelefon Arten zu erkennen, die Umgebung auf Tier- oder Pflanzenarten zu überprüfen sowie eigene Beobachtungen zu dokumentieren und zu teilen. Heute wurde die App zum kostenlosen Download veröffentlicht.
112 Schmetterlinge, 173 Vögel und 60 Säugetiere – das sind unter anderem die „Arten in meiner Umgebung“, wenn man in Frankfurt die Smartphone-App „Map of Life“ befragt. Zu jeder der Tier- und Pflanzenarten gibt es einen Steckbrief mit Informationen zur Verbreitung, dem Aussehen der Art und Fotos. „Mit der heute neu erschienenen App kann man sich die Tiere in seiner unmittelbaren Umgebung anzeigen und erläutern lassen – und das weltweit“, erklärt Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese, Direktorin am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt und ergänzt: „Ein Eichhörnchen erkennt wahrscheinlich jeder, die Unterscheidung von einer Wald- und einer Feldspitzmaus ist aber schon schwieriger.“
Die von der Universität Yale in Zusammenarbeit mit Senckenberg und weiteren Institutionen entwickelte App ist nicht nur ein digitales Nachschlagewerk. Böhning-Gaese hierzu: „Jeder Nutzer kann seine Tierbeobachtungen direkt dokumentieren und leistet so einen wichtigen Anteil an der Erfassung der Artenvielfalt.“ Aktuell sind bereits über 31.000 Arten in der App dokumentiert. In der hinter der Anwendung stehenden Datenbank des „Map of Life“-Projektes sind es knapp eine Millionen erfasste Arten. „Es gibt aber nach wie vor große ‚weiße Flecken‘ auf der Weltkarte. Langfristig wollen wir Informationen über die Verbreitung aller bekannten Tier- und Pflanzenarten bündeln und visualisieren. Das wird uns zeigen, wie viel oder wie wenig wir über ihr Vorkommen überhaupt schon wissen“, so Böhning-Gaese.
Darüber hinaus lassen sich anhand der „Map of Life“ Hotspots der biologischen Vielfalt und der Bedrohung von Arten besser identifizieren. Damit können zum Beispiel im Naturschutz und -management leichter Prioritäten gesetzt werden. „Die Welt verändert sich schnell und Arten verschwinden, bevor wir überhaupt wussten, wo es sie gab, welche Rolle sie spielten und wie wir sie hätten schützen können. Unser Wissen ist auf zu wenige Gebiete und Arten beschränkt. Weltweit Arten zu erkennen und zu dokumentieren birgt ein großes Potential für eine geographisch und taxonomisch vollständige Erfassung der Artenvielfalt“, fasst Dr. Walter Jetz, Professor an der Universität Yale und Leiter des „Map of Life“-Teams zusammen.
Die kostenlose App ist in sechs Sprachen für Apple- und Android-Smartphones unter https://mol.org/mobile verfügbar.

15.05.2015, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Neue Saison für den „Mückenatlas“ – Stechmückenbeobachtung in Deutschland geht weiter
Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, auf der Insel Riems bei Greifswald, setzen den seit 2012 erfolgreich laufenden „Mückenatlas“ fort. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) fördert die weitere Erforschung von Stechmücken in Deutschland für die kommenden drei Jahre. Zu den geförderten Maßnahmen gehören die Erfassung der Stechmückenarten in Deutschland durch das gezielte Aufstellen von Fallen im Bundesgebiet und das Citizen Science-Projekt Mückenatlas.
Durch Einsendungen von Bürgerinnen und Bürgern konnten die Forscher des ZALF und des FLI bereits zwei Stechmückenarten nachweisen, die bisher in Deutschland nicht als etabliert galten: die Asiatische Buschmücke Aedes japonicus und die Asiatische Tigermücke Aedes albopictus. Die Asiatische Buschmücke hat sich seit 2012 in Westdeutschland stark ausgebreitet. Neben der Verbreitung der Buschmücke untersuchen die Forscher in diesem Sommer insbesondere, ob Exemplare der Tigermücke, die 2014 im Raum Freiburg in Baden-Württemberg gefunden wurden, überwintert haben.
„Sollten es die eher wärmeliebenden Tigermücken geschafft haben, den Winter am Oberrhein zu überstehen, besteht eine günstige Ausgangsposition für den Aufbau einer gefestigten Population dieser Stechmückenart in Süddeutschland“, sagt Projektleiterin Doreen Werner vom ZALF. „Angesichts der milden Temperaturen im vergangenen Winter ist das nicht unwahrscheinlich.“
Aedes albopictus hat sich seit dem Erstnachweis Ende der 1980er Jahre in Südeuropa weit verbreitet und drängt immer weiter nach Norden vor. Nördlich der Alpen wurden bislang noch keine etablierten Populationen dokumentiert. Die Asiatische Tigermücke gilt als potenzieller Überträger zahlreicher Krankheitserreger und führte in Südfrankreich, Kroatien und Norditalien zur Übertragung des Erregers für Chikungunya- und Dengue-Fieber.
Die Asiatische Buschmücke ist von Natur aus bestens an das mitteleuropäische Klima angepasst, für viele Erreger aber bisher nur aus dem Labor als Überträger bekannt. Ob sie zukünftig im europäischen Raum als Überträger eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten. Doch auch das geografische und saisonale Auftreten einheimischer Arten ist für die Bewertung des zukünftigen Risikos der Übertragung von Krankheitserregern durch Stechmücken wichtig.
Der Mückenatlas
Um die Verbreitung von Mückenarten in Deutschland flächendeckend erfassen zu können, haben Wissenschaftler des ZALF und des FLI im Jahr 2012 das Citizen Science-Projekt „Mückenatlas“ ins Leben gerufen. Das Forscherteam bittet darin um die Einsendung von Stechmücken aus allen Gebieten Deutschlands. Die Stechmücken sollen unbeschädigt eingefangen, tiefgefroren und anschließend an das ZALF geschickt werden. Die Mückenfänge werden in eine zentrale deutsche Datenbank eingegeben, mit deren Hilfe die räumliche und geografische Verbreitung der Stechmückenarten Deutschlands kartografiert wird. Die erhaltenen Daten dienen der Bewertung des Risikos, das von der Übertragung von Krankheitserregern durch Stechmücken in Deutschland ausgehen könnte. Seit April 2012 wurden über 25.000 Stechmücken aus 41 Arten eingeschickt. Mehr Informationen zum „Mückenatlas“ und dem Fangen von Mücken sind unter www.mueckenatlas.de zu finden.

15.05.2015, DEUTSCHE UMWELTHILFE E.V.
Zum Tag des Ostseeschweinswals am 17. Mai: Bund und Länder versagen beim Schutz der letzten Ostseeschweinswale – Umweltorganisationen fordern bessere Regulierung von Fischerei und Unterwasserlärm
Gemeinsame Pressemitteilung von Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), DEEPWAVE, Deutscher Naturschutzring (DNR), Deutsche Umwelthilfe (DUH), Greenpeace, NABU, Whale and Dolphin Conservation (WDC) und WWF
Acht deutsche Umweltverbände fordern die Bundesregierung und die Länder Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein auf, endlich die letzten Ostseeschweinswale zu schützen, um das Aussterben des einzigen deutschen Ostseewals zu verhindern. Die Population in der zentralen Ostsee ist auf maximal 450 Tiere zusammengeschrumpft und gilt als stark vom Aussterben bedroht.
„Der Schweinswal-Bestand der zentralen Ostsee wird nicht mehr zu retten sein, wenn Bund und Ostsee-Küstenländer nicht entschlossen handeln“, kritisieren die Verbände. Ausgerechnet die schutzbedürftige Walpopulation in der Ostsee wird besonders vernachlässigt. So bezieht sich das sog. Schallschutzkonzept des Bundesumweltministeriums (BMUB) zum Schutz von Schweinswalen bei der Errichtung von Offshore-Windkraft-Anlagen nur auf die Nordsee. Im Interesse eines effektiven Schutzes der Tiere muss es vor allem endlich zu einer Einigung zwischen dem BMUB und dem für Fischerei zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) kommen, die den Walen wirklich nützt. Denn bisher blockiert vor allem das BMEL die notwendigen Maßnahmen in Schutzgebieten.
„Die Offshore-Meeresschutzgebiete in der Ostsee existieren seit acht Jahren auf dem Papier, aber die Fischerei ist dort in keiner Weise eingeschränkt. Dabei verenden unzählige Tiere als ungewollter Beifang in Stellnetzen“, kritisieren die Umweltorganisationen. „Und auch die Küstenländer versagen beim Schutz der Schweinswale.“ Während in Schleswig-Holstein nur freiwillige Vereinbarungen in einer ohnehin schwachen Küstenfischereiverordnung gelten, bleibt Mecklenburg-Vorpommern völlig untätig und versteckt sich hinter dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Zugleich gefährden dort Pläne zur Ausweitung der Offshore-Windkraft in sensiblen Naturräumen im Landesraumentwicklungsprogramm Schweinswale sowie den Vogelzug.
Es entsteht der Eindruck, dass Bund und Länder einen massiven Verstoß gegen ihre Erhaltungspflichten aus EU-Recht und – noch viel schlimmer – das Aussterben der Ostseeschweinswale bewusst in Kauf nehmen. „Obwohl die Bundesregierung das Thema Meeresschutz beim G7 Gipfel auf die Agenda setzt, nimmt sie es offenbar nicht ernst, wenn konkrete Maßnahmen vor der eigenen Haustür gefordert sind“, kritisieren die Meeresschützer.
Ende Januar hatte eine Allianz von Umweltorganisationen Klage gegen den Bund wegen der Nicht-Umsetzung von Fischereiregelungen in den deutschen Meeresschutzgebieten eingereicht. Und gerade erst Mitte April hat diese Allianz den unzureichenden Entwurf des deutschen Maßnahmenprogramms der Europäischen Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) durch die Bundesregierung massiv kritisiert. „Insbesondere fehlen nutzungsfreie Zonen in den Schutzgebieten, die bedrohten Arten wie dem Schweinswal als echte Refugien dienen“, fordern die Verbände und verweisen auf eine Vielzahl weiterer, dringend notwendiger Vorschläge zum Meeresschutz.
Die sog. Schattenliste der Umweltverbände skizziert die drängendsten Herausforderungen zum Schutz der deutschen Nord- und Ostsee und steht zum Download bereit unter http://ow.ly/MTrCa. Das Maßnahmenprogramm der Bundesregierung steht für die öffentliche Beteiligung offen. Die Unterlagen können unter www.meeresschutz.info heruntergeladen werden.
Hintergrund:
Der Schweinswal (Phocoena phocoena), ein Verwandter der Delfine, ist die einzige in Deutschland heimische Walart und steht unter dem strengen Schutz der Habitat-Richtlinie der EU. Sein Vorkommen ist einer der Gründe für die Ausweisung von Schutzgebieten in Nord- und Ostsee. Viele tot angeschwemmte Tiere sind in Folge menschlicher Aktivitäten gestorben. Zu den häufig festgestellten Todesursachen zählen Stellnetze, in denen die Tiere verenden, sowie massive Gehörschädigungen in Folge von Rammschall, der durch den Bau von Offshore-Windkraftanlagen, die Sprengung von Alt-Munition oder seismische Untersuchungen mit Schallkanonen sowie militärisches Sonar entsteht.
Jedes Jahr zum 17. Mai ruft das von Deutschland unterzeichnete Kleinwalschutzabkommen ASCOBANS zum Tag des Ostseeschweinswals auf, um auf seine Bedrohung aufmerksam zu machen. In den vergangenen Jahrzehnten ist der Bestand der Schweinswalpopulationen insbesondere östlich des Darß dramatisch zurückgegangen.

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