Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

30.06.2015, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Das Haustier mit dem Giftstachel
„Ein nachhaltiges Miteinander in Gefahr“: Soziologe der Universität Jena veröffentlicht Buch über „Menschen und Bienen“
Als aggressive, angriffslustige Insekten in großer Zahl, die als Invasoren ihren Kontinent besiedelten und dabei Teile der heimischen Tierwelt ausrotten halfen. So erlebten die Indianer Nordamerikas den „Vogel des weißen Mannes“: die Honigbiene (Apis mellifera). Die vermutlich mit den ersten europäischen Siedlern ins Land gelangten Bienen trugen dazu bei, die beiden einzigen rezenten Sitticharten Nordamerikas – den Karolina- und den Louisianasittich – auszurotten. Eine ähnliche Rolle spielten die Bienen in Australien, wo sie als invasive Art die einheimische Flora und Fauna durcheinanderbrachten.
Trotz dieser Facetten genießt die Honigbiene ein hohes Ansehen. „Die Honigbiene wird in erster Linie als bedrohte Art wahrgenommen“, sagt der Soziologe Dr. Stephan Lorenz von der Universität Jena. Allgemein erfreuten sich Nachrichten über Bienen großer öffentlicher Resonanz, weil Mensch und Biene seit Jahrhunderten miteinander leben. Doch dieses Miteinander sei aktuell in Gefahr und die Nachrichten von einem Rückgang der Bienen mehren sich. Es gebe die Befürchtung, das Bienensterben sei Symptom einer tiefgehenden ökologischen Krise, die schon bald auf das Leben der Menschen durchschlägt, sagt Lorenz. Dabei seien die Ursachen des Bienensterbens noch nicht restlos geklärt. Umweltveränderungen, Insektizide und die Varroa-Milbe setzen den Bienenvölkern zu.
Stephan Lorenz erforscht das Verhältnis von Mensch und Biene in einem auf drei Jahre angelegten Projekt, das von der Volkswagenstiftung gefördert wird. Die Arbeit heißt „Bienensterben als Hyper Collapse Disorder? Prozedurale Verknüpfung von Gesellschafts- und Naturwissen.“ Erste Ergebnisse hat Lorenz jetzt gemeinsam mit Kerstin Stark (Universität Kassel) veröffentlicht. Das Buch trägt den Titel „Menschen und Bienen. Ein nachhaltiges Miteinander in Gefahr.“
Der Mensch habe ein besonderes Verhältnis zur Biene, sagt Stephan Lorenz. Schon Aristoteles habe Menschen und Bienen als Zoon politicon bezeichnet, als soziale Wesen. Das faszinierende Zusammenleben der staatenbildenden Insekten sei als Gleichnis auf das menschliche Miteinander betrachtet worden. Wirtschaftlich interessant waren zunächst Honig und Wachs. Erst vor etwa 200 Jahren wurde die Bestäubungsleistung der Bienen erkannt. Berechnungen zufolge liegt der Wert der weltweiten Bestäubungsleistung heute bei 153 Milliarden Euro im Jahr. Doch die Bienengefährdungen bedrohen zugleich den Bestäubungsnutzen für die Landwirtschaft.
Im Buch von Lorenz und Stark werden die Facetten der Diskussion beleuchtet. Es kommen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen zu Wort, sogar Autoren aus Pflanzenschutz-Industrie und Naturschutz sind vertreten. Klar wird in dem Buch, dass es vielfältige Gefahren für die fleißigen Bestäuber gibt. Zugleich gibt es hoffnungsvolle Ansätze, etwa der Trend zur Stadtimkerei, der für einen neuen Umgang mit den Bienen steht.
„Wir versuchen eine Gesamtschau vielfältiger Aspekte in der Diskussion um die Gefahren für die Honigbiene aufzuzeigen“, sagt Stephan Lorenz. Das garantiert eine spannende Lektüre.
Bibliographische Angaben: Stephan Lorenz, Kerstin Stark (Hg.): Menschen und Bienen: Ein nachhaltiges Miteinander in Gefahr, oekom Verlag, München 2015, 242 Seiten, 29,95 Euro, ISBN: 978-3-86581-713-6

29.06.2015, Universität Zürich
Sprach-Elemente im Vogelgezwitscher entdeckt
Das Gezwitscher eines Vogels im australischen Outback gleicht der Art und Weise, wie Menschen sinnvolle Wörter bilden. Der äusserst soziale Rotscheitelsäbler kann seine Laute neu ordnen, um eine andere Bedeutung zu vermitteln. Dies geht aus einer Studie von Evolutionsbiologen der Universität Zürich hervor.
Nur ein Laut ändert sich, und aus der «T»atze wird eine «K»atze. Die menschliche Sprache zeichnet sich durch kleinste bedeutungsunterscheidende akustische Einheiten aus. Nun haben Evolutionsbiologen der Universitäten Zürich und Exeter entdeckt, dass auch der Rotscheitelsäbler, der im australischen Outback lebt, diese Fähigkeit hat. Er ordnet in seinen Rufen bedeutungslose Laute neu an und vermittelt dadurch eine andere Bedeutung.
Bereits frühere Studien wiesen darauf hin, dass Vögel verschiedene Laute als Teil eines komplexen Liedes aneinanderreihen können. Doch mangelt es diesen Liedern im Allgemeinen an einer spezifischen Bedeutung und die veränderte Lautanordnung in einem Lied scheint die Botschaft insgesamt nicht zu verändern. Im Gegensatz zu den meisten Singvögeln singen Rotscheitelsäbler nicht. Stattdessen zeichnet sich ihr umfassendes stimmliches Repertoire durch einzelne Rufe aus, die aus kleineren, akustisch getrennten einzelnen Lauten bestehen.
Bedeutungsvolle Unterschiede zwischen den einzelnen Ruflauten
Die Forscher bemerkten, dass die Rotscheitelsäbler bei bestimmten Verhaltensmustern zwei unterschiedliche Laute «A» und «B» in verschiedenen Anordnungen nutzten. Beim Fliegen produzierten die Vögel einen Flugruf «AB», beim Füttern der Jungen im Nest gaben sie dagegen die Aufforderungsrufe «BAB» von sich. Als die Forscher die Laute zurück spielten, konnten sie den verschiedenen Rufarten unterscheiden. Sie blickten in die Nester, wenn sie den Aufforderungsruf zum Füttern hörten und suchten nach ankommenden Vögeln, wenn sie einen Flugruf hörten. Dies war auch der Fall, als die Forscher die Elemente zwischen den beiden Rufen vertauschten: Sie machten Flugrufe aus Aufforderungselementen und Aufforderungsrufe aus Flugelementen.
Diese Beobachtungen weisen laut Sabrina Engesser, Evolutionsbiologin an der Universität Zürich, darauf hin, dass die beiden Rufe aus einer Neuanordnung derselben Laute erzeugt wurden. Mitautor Simon Townsend von der Universität Zürich ergänzt: «Auch wenn die beiden Vogelrufe strukturell sehr ähnlich sind, werden sie in total unterschiedlichen Verhaltenszusammenhängen produziert und zuhörende Vögel können sie unterscheiden.» Die Autoren gehen davon aus, dass beim Rotscheitelsäbler das erste Lautelement «B» offensichtlich die Bedeutung zwischen Flug- und Aufforderungsvokalisierung unterscheidet, ähnlich wie «mein» und «ein» im Deutschen, wo das «m» das bedeutungsunterscheidende Element oder Phonem darstellt. Laut Simon Townsend ist diese Phonem-Struktur zwar sehr einfach, trotzdem veranschaulicht sie, wie sich die Fähigkeit, neue Bedeutung zu erzeugen, anfangs beim Menschen entwickelt hat.
«Wir denken, dass das Kombinieren von zwei vorhandenen Lauten schneller ist als die Entwicklung eines neuen Lauts, und die Rotscheitelsäbler deshalb die Laute neu ordnen», schliesst Mitautor Andy Russell, Professor an der Universität Exeter.
Literatur:
Engesser S, Crane JMS, Savage JL, Russell AF, Townsend SW. Experimental Evidence for Phonemic Contrasts in a Nonhuman Vocal System. PLoS Biol 13(6). Doi:10.1371/journal.pbio.1002171

01.07.2015, Universität Basel
Die seltsamen Sexualpraktiken von Plattwürmern
Keinen Partner für die Paarung zu finden, stellt für jedes Tier ein existenzielles Problem dar. Die Plattwurmart Macrostomum hystrix zieht sich hier jedoch originell aus der Affäre. Zoologen der Universitäten Basel und Bielefeld haben herausgefunden, dass diese Würmer sehr weit gehen, um ihre Art zu erhalten: so weit, sich selbst Sperma in den Kopf zu spritzen. Die Forschungsresultate wurden im Wissenschaftsjournal Proceedings of the Royal Society B publiziert.
Das Fehlen eines Partners ist normalerweise das Ende für sich sexuell fortpflanzende Tiere. Es gibt jedoch auch simultane Hermaphroditen – Tiere, die sowohl weibliche als auch männliche Sexualorgane besitzen –, die eine Lösung für dieses Problem gefunden haben: die Selbstbefruchtung. Diese Lösung hat zwar den Nachteil, dass beim sogenannten Selfing alle Nachkommen durch Inzucht entstehen, aber das ist immer noch besser, als gar keine zu zeugen.
In früheren Studien konnte gezeigt werden, dass die Plattwurmart Macrostomum hystrix in der Lage ist, sich durch Selfing fortzupflanzen, wenn keine Paarungspartner vorhanden sind. Dieses Verhalten kann bei vielen, aber längst nicht allen simultanen Hermaphroditen beobachtet werden. In ihrer neuen Studie beschreiben Dr. Lukas Schärer von der Universität Basel und sein Team die seltsamen, aber bemerkenswerten Strategien, die Macrostomum hystrix anwendet, um sich ohne Partner zu vermehren.
Eine Ejakulation in den Kopf
Die untersuchten Plattwürmer sind praktisch durchsichtig, so dass die Vorgänge in ihrem Innern leicht unter dem Mikroskop beobachtet werden können. Dabei entdeckten die Zoologen, dass bei isolierten Würmern unter Selfing-Bedingungen, wenn sie also ihre eigenen Eier mit ihrem eigenen Sperma befruchten müssen, sehr wenige Spermien im hinteren Körperteil vorhanden ist. Bei Würmern, die in Gruppen gehalten werden, befinden sich die meisten Spermien hingegen in diesem hinteren Körperteil, nämlich dort, wo die Befruchtung stattfindet. Im Gegensatz dazu tragen isolierte Würmer die meisten Spermien im vorderen Körperteil, inklusive der Kopfregion.
Dies deutet auf einen eher seltsamen Befruchtungsweg hin: Ein isolierter Wurm verwendet sein nadelartiges männliches Geschlechtsorgan, um sich selbst Sperma in den vorderen Körperteil zu spritzen, von wo es durch den Körper zu den Eiern wandert. «So weit wir wissen, ist dies das erste Beispiel von subkutaner Selbstinjektion von Sperma in den Kopf. Uns Menschen erscheint dies eher abartig, aber für diese Plattwürmer ist es die beste Methode um sich fortzupflanzen, wenn sie keinen Partner finden», erklärt Dr. Steven Ramm, Erstautor der Studie.
Der komplizierte Weg ist nötig, weil die Würmer zwar Hermaphroditen sind, aber dennoch keine Verbindung zwischen den männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen besitzen.
Originalartikel
Ramm SA, Schlatter A, Poirier M, Schärer L (2015)
Hypodermic Self-Insemination as a Reproductive Assurance Strategy
Proceedings of the Royal Society B | doi:10.1098/rspb.2015.0660

01.07.2015, Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut e.V. (FLI)
Vorteil: Jugend. Im Alter nimmt Regenerationsfähigkeit ab
Regenerationsprozesse ermöglichen es, dass Wunden heilen und verletzte oder fehlende Organteile aus dem übrigen Gewebe nachwachsen können. Während Plattwürmer, Salamander und Fische in der Lage sind, defekte Körperteile nahezu vollständig wieder nachzubilden, ist die Regenerationsfähigkeit beim Menschen eingeschränkt und verringert sich mit zunehmendem Alter. Forscher des Leibniz-Instituts für Altersforschung in Jena haben nun in einer Studie mit dem Türkisen Prachtgrundkärpfling (N. furzeri) untersucht, welchen Einfluss das Alter auf die Regenerationsfähigkeit der Schwanzflosse des Fisches hat. Es zeigte sich, dass – wie beim Menschen – die Fähigkeit zur Regeneration im Alter stark abnimmt
Viele Tiere sind in der Lage, nach Verletzung oder Verlust voll funktionsfähige, identisch geformte und sogar sehr komplexe Körperteile nachwachsen zu lassen. Plattwürmer können zum Beispiel einen kompletten Organismus aus einem Stück Schwanz oder aus einem Stück Kopf generieren; Zebrafische erneuern ihre Schwanzflossen und Wassermolchen wachsen abgetrennte Beine binnen weniger Monate vollständig nach. Dieser Prozess wird als Regeneration bezeichnet.
Von solchen Selbstheilungskräften können wir Menschen nur träumen: nur wenige Organe und Gewebe in unserem Körper sind in der Lage, sich fortlaufend zu regenerieren, wie z.B. die Darmschleimhaut, das Blut, der Skelettmuskel, die Leber und die Haut. Mit zunehmendem Alter lässt diese Fähigkeit nach. Warum das so ist und welche Prozesse dafür verantwortlich sind, ist Gegenstand der aktuellen Forschung.
Wissenschaftler des Jenaer Leibniz-Institutes für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) haben nun am Tiermodell Nothobranchius furzeri (Türkiser Prachtgrundkärpfling) erstmals über den gesamten Bereich der Lebensspanne hinweg untersucht, welchen Einfluss das Alter auf die Regenerationsfähigkeit der Schwanzflosse hat und welche Zellen dafür verantwortlich sind. Die Forschungsergebnisse wurden jetzt in dem Fachjournal „Aging Cell” veröffentlicht.
„Ein beliebtes Modell zur Untersuchung von Regenerationsprozessen ist die Schwanzflosse von Knochenfischen“, berichtet Prof. Dr. Christoph Englert, Forschungsgruppenleiter am FLI. „Für unsere Studien verwendeten wir daher den Türkisen Prachtgrundkärpfling (N. furzeri), das kurzlebigste Wirbeltier, das im Labor gehalten werden kann und das dem FLI als neues Tiermodell für die biomedizinische Altersforschung dient“. Die Lebensspanne des ostafrikanischen Fisches variiert je nach Fundort und Dauer der Regenzeit zwischen 4 bis 14 Monaten. Untersucht wurden vier verschiedene Gruppen von Fischmännchen der langlebigeren Stämme im Alter von 8, 20, 36 und 50-60 Wochen.
Regeneration im Alter
„Mit Zunahme des Alters stellten wir einen kontinuierlichen Rückgang der Regenerationsfähigkeit fest“, erklärt Dr. Nils Hartmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Englert. „Während die 8-Wochen alten Jungfische innerhalb von nur vier Wochen ihre Schwanzflosse nahezu vollständig regenerieren konnten, gelang den sehr alten Fischen nur, die Hälfte ihrer ursprünglichen Schwanzgröße wiederherzustellen“. Dieser Unterschied der Wachstumsrate zwischen den sehr jungen und sehr alten Fischen ist bereits nach 3 Tagen signifikant ausgeprägt. „Das unterstreicht, dass die jungen Fische bei der Regeneration klar im Vorteil sind und die älteren Exemplare diesen zeitlichen Verlust auch nicht mehr aufholen können“.
Von Fischen lernen
Darüber hinaus konnte im Flossengewebe der jungen Fische ein hoher Anteil an sich teilenden (proliferierenden) Zellen nachgewiesen werden, während im Gewebe der alten Fische mehr absterbende (apoptotische) Zellen zu finden waren. „Das deutet darauf hin, dass der altersbedingte Unterschied in der regenerativen Fähigkeit sich aus der höheren Anzahl von proliferierenden Zellen und der erhöhten Zellteilung ergibt“.
Diese neuen Erkenntnisse führen zu einem besseren Verständnis der Vorgänge während der Regeneration bei Wirbeltieren und könnten zur Aufklärung der Frage beitragen, warum Menschen nur bedingt regenerationsfähig sind. „Denn obwohl Schwanzflossen auf den ersten Blick wenig mit uns Menschen zu tun haben, befinden sich doch alle relevanten Zelltypen in ihr, die auch für uns Menschen von Bedeutung sind: von Knochen-, Nerven-, Muskel- und Hautzellen bis hin zum Bindegewebe“.
„Noch stehen wir jedoch am Anfang unserer Forschung, aber wir haben mit der Etablierung dieses Regenerationsmodells nun die Möglichkeit, in Zukunft mehr über die Zellen und Faktoren zu lernen, die an der Altersabhängigkeit der Regeneration beteiligt sind, denn letztlich wollen wir die Regenerationsfähigkeit des Menschen verbessern“, so die Jenaer Wissenschaftler. Dafür scheint der Türkise Prachtgrundkärpfling ein gutes Modell zu sein.
Publikation
Wendler S, Hartmann N, Hoppe B, Englert C. Age-dependent decline in fin regenerative capacity in the short-lived fish Nothobranchius furzeri. Aging Cell 2015. doi: 10.1111/acel.12367.

Nahezu in Echtzeit lassen sich die Bewegungen der Basstölpel durch die Übertragung per Mobilfunk verfolgen  (© T. A. G.)

Nahezu in Echtzeit lassen sich die Bewegungen der Basstölpel durch die Übertragung per Mobilfunk verfolgen
(© T. A. G.)

02.07.2015, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Bewegungsprofile von Basstölpeln per Mobilfunk
Im Rahmen des gemeinsamen Projektes „Track A Gannet“ des Alderney Wildlife Trust, des British Trust for Ornithology (BTO) und der Universität Liverpool wurden auf der britischen Kanalinsel Alderney Basstölpel mit GPS-Sendern ausgestattet, die erstmals durch Übertragung per Mobilfunk die direkte Verfolgung der Flugstrecken, die die Vögel bei der Nahrungssuche zurücklegen, ermöglichen. Die auf den Schwanzfedern der Basstölpel befestigten Sender speichern die Positionen der Vögel und senden diese, immer wenn sich die Vögel in einem Bereich mit entsprechender Netzabdeckung befinden, direkt an eine Internetseite. Nie zuvor konnte das Verhalten von Seevögeln so unmittelbar verfolgt werden.
Mit Hilfe des Mobilfunknetzes 3G konnten dabei enorme Distanzen ermittelt werden, die die Vögel beim Fischfang auf sich nehmen. Die Daten enthüllten bereits einen Nahrungsflug über mehr als 800 Kilometer durch den Ärmelkanal, ein weiterer auf der Kanalinsel Alderney brütender Vogel wurde bis in die Themse-Mündung verfolgt. Die anhand der Besenderung gewonnenen Ergebnisse können wichtige Informationen zur Bewertung der Auswirkungen von Offshore-Windparks auf Vögel liefern.
Neben Karten der Flugwege der besenderten Basstölpel offenbart die Internetseite des Projektes auch per Webcam einen Blick in die rund 2200 Paare starke Seevogelkolonie, die Großbritanniens südlichsten Brutplatz von Basstölpeln darstellt.

02.07.2015, Georg-August-Universität Göttingen
Bessere Impfversorgung von Nutztieren schützt den Persischen Leoparden
Naturschutzbiologen legen Studie zu Konflikten rund um den Golestan Nationalpark im Iran vor
Am Rande von Schutzgebieten für Wildtiere gibt es immer wieder Konflikte, weil Weidevieh von Raubtieren gerissen wird. Ein Beispiel ist der Golestan Nationalpark im Iran, in dem die größte Teilpopulation des gefährdeten Persischen Leoparden lebt. Ein deutsch-iranisches Forscherteam unter Leitung von Wissenschaftlern der Universität Göttingen hat in den 34 Dörfern rund um den Nationalpark untersucht, was die Risse von Nutz- und Haustieren begünstigt. Die Naturschutzbiologen fanden heraus, dass Konflikte um getötete Weidetiere und Hunde umso wahrscheinlicher sind, je unzufriedener die Anrainer mit den staatlichen Impf-Teams sind. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift PLoS ONE veröffentlicht.
Die Anrainer des Nationalparks sind auf ihr Weidevieh als Einkommensquelle angewiesen, bei substanziellen Verlusten richtet sich die Stimmung gegen die Leoparden als Verursacher. In Gesprächen mit der Landbevölkerung über den Schutz ihrer Lebensgrundlage als auch der Großkatze rückte die medizinische Versorgung der Nutztiere in den Vordergrund. „Überraschenderweise war die Zufriedenheit mit der Arbeit von Veterinärmedizinern der einzige Faktor, der die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Konflikten um getötete Weidetiere und Hunde bestimmte“, sagt der Leiter der Studie, Dr. Igor Khorozyan vom Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen.
Die Rinder, Schafe und Ziegen in der Region leiden unter Maul- und Klauenseuche, Hufinfektionen, dem Befall mit Egeln und Bandwürmern sowie an durch Zecken übertragenen Krankheiten. „Möglicherweise beschränken Hufinfektionen das Fluchtverhalten der Nutztiere in einer Weise, die sie für Leoparden besser exponieren“, so Dr. Khorozyan. „Die Tierhalter beklagten, dass staatliche Impf-Teams oft erst erscheinen, wenn die Krankheiten sich bereits ausgebreitet haben und eine Behandlung bereits ineffektiv ist. Die Dienste von privaten Tiermedizinern sind für die Viehhalter in der Region zumeist unerschwinglich.“ Die Naturschutzbiologen untersuchten zudem die Risse von Hunden, die in der Regel nicht geimpft sind. Die Hunde können die durch erkrankte Weidetiere angelockten Leoparden mit Krankheiten wie Staupe, Tollwut, Tuberkulose und Räude infizieren.
„Wir drängen daher auf die Verbesserung der Effektivität von veterinärmedizinischen Maßnahmen, um die Verluste von Weidetieren und Hunden aufgrund von Krankheiten und Leopardenrissen zu minimieren“, so Privatdozent Dr. Matthias Waltert, Naturschutzbiologe an der Universität Göttingen und Koordinator des deutsch-iranischen Forscherteams. Für eine zeitnahe Impfung, Diagnostik und Behandlung von Nutztieren bedürfe es einer funktionierenden Verwaltung. „Eine bessere Versorgung steigert die öffentliche Akzeptanz für den Naturschutz und schafft so notwendige Synergien zwischen ländlichem Lebensunterhalt und funktionierenden Schutzgebieten.“
Originalveröffentlichung: Khorozyan, I., Soofi, M., Hamidi, A.K., Ghoddousi, A. & Waltert, M. (2015): Dissatisfaction with veterinary services is associated with leopard (Panthera pardus) predation on domestic animals. PLoS One, 10(6): e0129221, doi:10.1371/journal.pone.0129221

03.07.2015, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Neue Rundbriefe der internationalen Forschungsgruppen zu Schwänen und Kormoranen erschienen
Mehr als 400 Schwan-Experten aus 38 Ländern haben sich in der Internationalen Schwan-Forschungsgruppe (Swan Specialist Group, SSG) von Wetlands International zusammengefunden, um das Monitoring, die Forschung und den Schutz der Schwäne der Welt gemeinsam zu koordinieren. Auf diese Weise können gemeinsame Forschungsprojekte initiiert, Wissenslücken identifiziert und internationale Schutzmaßnahmen koordiniert werden. Die Forschungsgruppe bildet darüber hinaus durch die Herausgabe eines Newsletters die Möglichkeit der Publikation von Ergebnissen aus Studien zu Schwänen. Die elfte Ausgabe der „Swan News“ berichtet u.a. über das 5. Internationale Schwan-Symposium, das im Februar 2014 in Easton/USA abgehalten wurde. Darüber hinaus wird vom Internationalen Arten-Aktionsplan zum Zwergschwan, über internationale Zählungen von Sing- und Zwergschwänen in Nordwest-Europa und deren Zugwege berichtet. Die aktuelle Ausgabe der „Swan News“ kann kostenlos auf der Internetseite der Internationalen Schwan-Forschungsgruppe heruntergeladen werden.
Internetseite der Internationalen Schwan-Forschungsgruppe
Mitchell, C.D. (Hrsg.) (2015): Swan News issue no 11/ May 2015. Newsletter of the Wetlands International/IUCN SSC Swan Specialist Group. 28 S.
Die 1993 in Polen gegründete Internationale Kormoran-Forschungsgruppe (Cormorant Research Group, CRG) von Wetlands International hat das Ziel, den Austausch von Informationen zur Ökologie und Biologie zu den Kormoranarten der Welt durch regelmäßige Treffen und Workshops sowie durch die Herausgabe eines gemeinsamen Rundbriefes zu intensivieren. Die achte Ausgabe dieses Rundbriefes wurde nun veröffentlicht. Erstmals wird das Magazin dabei nur noch in digitaler Form verbreitet. Kern des Berichtes bilden die Zusammenfassungen der Beiträge der 9. Internationalen Kormoran-Konferenz in Osijek/Kroatien im April 2014. Darüber hinaus liefert der Rundbrief Informationen zu den aktuellen Aktivitäten der internationalen Forschungsgruppe. Die aktuelle Ausgabe des „Cormorant Research Group Bulletin“ kann kostenlos auf der Internetseite der Internationalen Kormoran-Forschungsgruppe heruntergeladen werden.
Internetseite der Internationalen Kormoran-Forschungsgruppe
van Rijn, S., D. N. Carss & M. R. van Eerden (Hrsg.) (2015): Cormorant Research Group Bulletin, No. 8, May 2015. 51 S.

03.07.2015, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Aktuelle Trends der Wasservogel-Bestände im Wattenmeer veröffentlicht
Das trilaterale, von den Wattenmeer-Anrainerstaaten Niederlande, Deutschland und Dänemark gegründete Wattenmeersekretariat (Common Wadden Sea Secretariat, CWSS) koordiniert seit 1985 den Schutz des Wattenmeers der Nordsee. In zwei neuen Berichten werden Bestandsentwicklungen sowohl für rastende und überwinternde Vogelarten, als auch für die Brutvögel des Wattenmeeres dargestellt.
Die Publikation „Trends of Migratory and Wintering Waterbirds in the Wadden Sea 1987/1988-2011/2012“ beschreibt die Veränderungen der Rast- und Überwinterungsbestände von 34 Vogelarten und 10 Unterarten sowohl kurzfristig (10-Jahres-Zeitraum) als auch langfristig (25-Jahres-Zeitraum). Es wird darüber hinaus auch der Anteil der im Wattenmeer auftretenden Vögel an der biogeographischen Population angegeben. Bei der Ringelgans nutzen im betrachteten Zeitraum der Jahre 2002/03-2011/12 so beispielsweise rund 85 % der Population das Wattenmeer. Sehr interessant sind auch kombinierte Trends, differenziert nach der Nahrung und dem zur Nahrungssuche genutzten Habitat, der Brut- sowie der Überwinterungsgebiete.
Langfristig nehmen die Zahlen von 14 Arten ab, bei 13 Arten zeigen sich keine Veränderungen und bei sechs Arten nehmen die Bestände zu. Zu den Arten mit stark abnehmenden Beständen gehören Kampfläufer, Seeregenpfeifer, Austernfischer und Dunkler Wasserläufer. Ihre Zahlen gingen in den letzten 25 Jahren um mehr als 50 Prozent zurück. Zu den 13 beständigen Arten gehören Kiebitzregenpfeifer, Rotschenkel und Großer Brachvogel. Im Bestand deutlich zugenommen haben u.a. Löffler, Kormoran und Weißwangengans. Da die Bestände der Eiderente erst seit 1993 standardisiert erfasst werden, konnte für diese Art kein langfristiger Trend ermittelt werden. Die Gründe für die unterschiedlichen Entwicklungen sind vielfach noch unklar. Es gibt jedoch Hinweise, dass garnelen- und fischfressende Arten sowie pflanzenfressende Arten zunehmen, während Rastvögel, die sich von Würmern und Schalentieren ernähren, abnehmen.
Über die Entwicklung der Brutvogelzahlen im Wattenmeer wird im Bericht „Trends of Breeding Birds in the Wadden Sea 1991-2013“ berichtet. Für 26 Brutvogelarten werden die durchschnittlichen Bestandsveränderungen pro Jahr im Zeitraum der letzten 21 Jahre dargestellt. Zum ersten Mal wurden dabei neben den Großregionen Dänemark, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und den Niederlanden auch gesonderte Trends für sieben Regionen des Wattenmeeres berechnet.
Bezogen auf das gesamte Wattenmeer nahmen demnach innerhalb der letzten 21 Jahre 5 Arten stark zu (Kormoran, Löffler, Schwarzkopfmöwe, Herings- und Mantelmöwe) und 15 Arten moderat ab. Zu diesen zählen u.a. Säbelschnäbler, Sandregenpfeifer, Kiebitz und Flussseeschwalbe. Auch zwischen Trends von Arten unterschiedlicher Bruthabitate und mit unterschiedlichen Ernährungsformen wird differenziert. Für sieben seltene Brutvogelarten, für die keine Trends angegeben werden konnten, werden die Gesamtbestände 1991-2006 dargestellt. Diese zeigen, dass die Bestände von „Neubürgern“ wie Seidenreiher und Weißwangengans steigen, während Alpenstrandläufer und Kampfläufer mittlerweile kurz vor dem vollständigen Verschwinden als Brutvogel stehen. Steinwälzer und Zwergmöwe brüten derzeit nicht mehr im Wattenmeer.
Als Datengrundlage für die Trendberechnungen dienten die seit 25 Jahren jährlich durchgeführten systematischen Rastvogelzählungen im Wattenmeer, an denen mehrere Hundert vorwiegend ehrenamtliche Vogelzähler teilnehmen. Die Zählungen sind Teil des Trilateralen Monitoring- und Assessment-Programms im Wattenmeer (TMAP), das gemeinsam von den Umweltministerien Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande zur Überwachung des Wattenmeers durchgeführt wird.
Die beiden neuen Statusberichte liefern den bislang vollständigsten Überblick über die Entwicklungen der Bestände von Rast- und Brutvögeln im Wattenmeer der Nordsee. Beide Publikationen können auf der Internetseite des Wattenmeersekretariats kostenlos heruntergeladen werden.

Dreidimensionales Computermodell des winzigen, aber komplexen Gehirns von Victoriapithecus, einem Altweltaffen, der vor 15 Millionen Jahren lebte. (MPI f. evolutionäre Anthropologie/ F. Spoor)

Dreidimensionales Computermodell des winzigen, aber komplexen Gehirns von Victoriapithecus, einem Altweltaffen, der vor 15 Millionen Jahren lebte.
(MPI f. evolutionäre Anthropologie/ F. Spoor)

03.07.2015, Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Komplexität vor Größe: Altweltaffe hatte ein winziges aber komplexes Gehirn
Victoriapithecus hatte ein im Verhältnis zur Körpergröße kleines Gehirn mit einem etwa dreimal so großen „Riechlappen“ wie vergleichbar große heute lebende Affenarten
Der älteste Vertreter der Altweltaffen, der Victoriapithecus, machte im Jahre 1997 erstmals Schlagzeilen, als sein versteinerter Schädel auf einer Insel innerhalb des Viktoriasees in Kenia gefunden wurde, wo das Äffchen vor 15 Millionen Jahren lebte. Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und dem University College London (UCL) in Großbritannien machten jetzt erstmals sein Gehirn sichtbar: Das winzige aber erstaunlich faltenreiche Gehirn verdeutlicht, dass sich im Stammbaum der Primaten die Komplexität des Gehirns vor dessen Größe entwickelt haben könnte. Besonders auffallend war die Größe des Riechlappens: Er war bei Victoriapithecus etwa dreimal so groß wie bei heute lebenden Affenarten.
Den Forschern Fred Spoor und Lauren Gonzales von der Duke University ist es mithilfe modernster Bild gebender Verfahren jetzt erstmals gelungen, in den Schädel eines Altweltaffen der Art Victoriapithecus hinein zu schauen. Die Wissenschaftler erstellten ein dreidimensionales Computermodell des Affengehirns und berechneten, dass das Gehirnvolumen des Tieres nur etwa 36 Kubikzentimeter betrug. Es war also weniger als halb so groß wie die Gehirne von heute lebenden Affen derselben Körpergröße; eine Pflaume im Vergleich zu einer Orange, was die Größe betrifft.
„Als Lauren Gonzalez die Scans analysiert hatte, rief sie mich an und sagte: ‚Du wirst nicht glauben, wie das Gehirn aussieht‘“, erinnert sich Co-Autorin Brenda Benefit von der New Mexico State University, die den Schädel gemeinsam mit ihrem Kollegen Monte McCrossing zuerst entdeckt hatte. „Diese Studie belegt die Stärke moderner digitaler Bild gebender Methoden, wenn es darum geht, wertvollen Fossilien wesentliche Informationen zu entlocken, die ansonsten unerkannt geblieben wären“, fügt Fred Spoor hinzu, ein Experte für die Erforschung fossiler Funde mithilfe von Computertomografie und 3D-Visualisierung.
Trotz seiner eher kümmerlichen Proportionen erwies sich das Gehirn des Äffchens als überraschend komplex. CT-Scans offenbarten zahlreiche markante Falten und Mulden. Der sogenannte „Riechlappen“, der Bereich im Gehirn, der der Verarbeitung von Gerüchen dient, war etwa dreimal so groß wie erwartet. „Victoriapithecus verfügte wahrscheinlich über einen besseren Geruchssinn als viele heute lebende Affen- und Menschenaffenarten“, erklärt Lauren Gonzales von der Duke University. „Bei heute lebenden höheren Primaten ist das Gehirn sehr groß und der Riechlappen sehr klein. Mit einem besseren Sehvermögen ließ möglicherweise der Geruchssinn nach. Statt einen Kompromiss zwischen Riechen und Sehen einzugehen, könnte sich Victoriapithecus beide Fähigkeiten erhalten haben“, sagt Gonzalez.
Die Ergebnisse geben neue Einblicke in die frühe Evolution des Gehirns bei Primaten während einer Epoche, aus der nur sehr wenige Fossilien vorhanden sind. „Dies ist der älteste Schädel eines Altweltaffen, der bisher gefunden wurde, und fast der einzige Fund, anhand dessen wir die frühe Evolution des Gehirns von Altweltaffen überhaupt erforschen können“, sagt Benefit.
In Ermangelung von Fossilbelegen war sich die wissenschaftliche Gemeinschaft bisher uneins, ob Primatengehirne erst größer und anschließend komplexer wurden oder umgekehrt. „Für den Teil des Primaten-Stammbaums, dem auch Menschenaffen und Menschen zugeordnet sind, nimmt man an, dass die Gehirne erst größer und dann komplexer wurden“, sagt Gonzales. „Unsere Studie belegt jetzt, dass es sich bei Affen umgekehrt verhielt: Erst kam die Komplexität, dann die Größe.“
Darüber hinaus unterstützt die Studie die Behauptung, dass die geringe Gehirngröße des menschlichen Vorfahrens Homo floresiensis, dessen 18.000 Jahre alter Schädel im Jahre 2003 auf einer entlegenen indonesischen Insel gefunden wurde, längst nicht so erstaunlich ist, wie es den Anschein hat. Trotz eines Gehirns von der Größe von etwa einem halben Maß Bier konnte Homo floresiensis bereits Feuer machen und Steinwerkzeuge benutzen, um große Tiere zu töten und zu zerlegen. „Gehirngröße und -komplexität müssen sich nicht zusammen und zur selben Zeit entwickeln: Sie können sich auch unabhängig voneinander entwickeln“, sagt Benefit.
Originalpublikation:
L. Gonzales, B. Benefit, M. McCrossin and F. Spoor
Cerebral Complexity Preceded Enlarged Brain Size and Reduced Olfactory Bulbs in Old World Monkeys
Nature Communications, 3 July 2015 (DOI: 10.1038/ncomms8580)

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft/Naturschutz abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen