Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

13.07.2015, Deutsche Wildtier Stiftung
Mehr „Land zum Leben“: Rotmilan-Schutzprojekt geht in die zweite Runde
Gute Nachrichten für Deutschlands heimlichen Wappenvogel: Das Verbundprojekt „Land zum Leben“ zum Schutz des Rotmilans wird offiziell bis September 2019 verlängert. In acht Bundesländern werden landwirtschaftliche Betriebe weiterhin beraten, damit der in Not geratene Rotmilan bessere Lebensbedingungen in der modernen Agrarlandschaft findet. Mehr als die Hälfte aller Rotmilane weltweit brütet in Deutschland. Ihr Lebensraum ist die Agrarlandschaft, weswegen die Landwirtschaft beim Schutz dieser Art eine Schlüsselrolle spielt. Der elegante Greifvogel hat ein sehr kleines Verbreitungsgebiet und kommt nur in Europa vor.
„Für den Schutz und Erhalt des Rotmilans haben wir in Deutschland eine besondere Verantwortung. Ich freue mich darüber, dass die Rahmenbedingungen in den beteiligten Bundesländern für Maßnahmen in der Landwirtschaft nun gegeben sind, die den Bestand des Rotmilans sichern helfen. Damit kann die Projektlaufzeit verlängert werden“, sagt BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel.
Kern des Projektes ist die persönliche und individuelle Beratung von Betrieben durch Landschafts-pflegeverbände und andere Expertinnen und Experten. Die Fachleute des Projektes beraten, wie Maßnahmen in der Landwirtschaft, die dem Rotmilan zugutekommen aussehen und angewandt werden können. Darüber hinaus werden Nestschutzzonen geschaffen und zukünftige Brutbäume gepflanzt.
So greifen Artenschutz und nachhaltige Landnutzung ineinander. Der Erfolg des Vorhabens ist von den landwirtschaftlichen Förderprogrammen der Länder abhängig, die die Umsetzung besonderer Maßnahmen für den Artenschutz in der Landwirtschaft honorieren.
„Im Zuge der weiteren Intensivierung der Landwirtschaft hat auch der Rotmilan Probleme, ausreichend Nachwuchs flügge zu bekommen, weil wichtige Flächen für die Nahrungssuche wie Grünland und Brachen fehlen. Ganze Landstriche bestehen heute oft nur noch aus dicht stehendem Getreide und Raps. Beutesuche Fehlanzeige! Darüber hinaus setzen ihnen Fressfeinde während der Brutzeit zu“, so Peer Cyriacks, Biologe der Deutschen Wildtier Stiftung. Der Deutsche Verband für Landschaftspflege, DVL, koordiniert das Gesamtprojekt. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten, DDA, wertet die Maßnahmen wissenschaftlich aus und führt Begleituntersuchungen durch. Der breiten Öffentlichkeit wird der Rotmilan und das Artenschutzprojekt durch die Deutsche Wildtier Stiftung nahegebracht. „Land zum Leben“ wird im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit bis September 2019 mit insgesamt etwa 5,5 Mio. € gefördert. Ein Ziel des Bundesprogramms ist es, den Rückgang der Biologischen Vielfalt aufzuhalten und das gesellschaftliche Bewusstsein für die Artenvielfalt zu stärken.

Eines der raren Museumsexemplare von Pseudobiston pinratanai befindet sich in der Schmetterlingssammlung des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart (Copyright: SMNS)

Eines der raren Museumsexemplare von Pseudobiston pinratanai befindet sich in der Schmetterlingssammlung des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart (Copyright: SMNS)

16.07.2015, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Entdeckung einer neuen Familie der Großschmetterlinge
Ein Schmetterling sucht seine Verwandten: Nach langem Rätseln um einen Nachtfalter haben Wissenschaftler mithilfe der Methoden der integrativen Taxonomie nun die neue Schmetterlingsfamilie Pseudobistonidae beschrieben.
Eine neue Familie der Großschmetterlinge „Pseudobistonidae“ wurde von einem internationalen Forscherteam, unter ihnen Biologen aus den Naturkundemuseen in Stuttgart und Bonn, beschrieben und jetzt in der Fachzeitschrift Zoologica Scripta veröffentlicht.
Von der Entdeckung einer Art über ihre wissenschaftliche Beschreibung bis hin zu ihrer verwandtschaftlichen Einordnung können viele Jahre vergehen. Bei der neuen Großschmetterlingsfamilie Pseudobistonidae dauerte die Erforschung 26 Jahre. Die Ausdauer der Wissenschaftler wurde belohnt. Die letzte Beschreibung einer neuen Familie der Großschmetterlinge liegt über 20 Jahre zurück. Daher ist es für die Biologen eine Sensation, dass nun wieder eine neue Familie entdeckt wurde. Erst neue wissenschaftliche Untersuchungsmethoden konnten das Rätsel um die Schmetterlinge lüften.
Das erste Exemplar des Schmetterlings Pseudobiston pinratanai wurde bereits 1989 in Nordthailand gefangen und 1994 von einem japanischen Schmetterlingsexperten beschrieben. Es handelte sich bei dem Tier um eine bisher unbekannte Art und Gattung. Unklar war aber, zu welcher Familie die neue Gattung gehörte. Die Merkmalskombination von Pseudobiston pinratanai ließ keine widerspruchsfreie Einordnung in das System der Großschmetterlinge zu. Da zunächst kein genetisches Material für Analysen zur Verfügung stand, kamen die Wissenschaftler lange Zeit einer Lösung des Rätsels um den Schmetterling nicht näher. Dies änderte sich in den letzten Jahren. Für eine umfassende Studie konnten die Biologen sowohl morphologische Analysen (aus dem Vergleich von Merkmalen) als auch genetische Daten verwenden.
„Die Untersuchungen zeigen, wie wichtig die Synthese vergleichender und molekulargenetischer Verfahren bei der Bestimmung von Arten ist. Das Zusammenspiel von verschiedenen Methoden, die integrative Taxonomie, ist eine Kernkompetenz der naturkundlichen Forschungsmuseen. Die Entdeckung von Pseudobistonidae macht außerdem deutlich, wie gewinnbringend Kooperationen der Naturkundemuseen untereinander sind. Ich gratuliere den Kollegen zu diesem großartigen Erfolg“, so Johanna Eder, die Direktorin des Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart. „Integrative Taxonomie ist muss gleichzeitig als wichtiges und innovatives Instrumentarium gesehen werden, das geeignet ist, neue ökologische Fragestellungen zu erkennen“, ergänzt Prof. Dr. Bernhard Misof, stellvertretender Direktor am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn.
Wie gingen die Wissenschaftler genau vor? Zunächst integrierten sie die aus den Genen der Schmetterlingsart gewonnen Daten in die bisherigen genetischen Vergleichsstudien der Großschmetterlinge und berechneten deren Verwandtschaftsverhältnisse neu. Das Ergebnis bestätigte, was die Experten bereits vermutet hatten: Pseudobiston pinratanai gehörte nicht in die Schmetterlingsfamilie der sogenannten Spanner (Geometridae). Stattdessen – und dies war eine große Überraschung – legten die Ergebnisse eine enge Verwandtschaft mit einer artenarmen asiatischen Familie, den Epicopeiidae, nahe. In einem zweiten Teil der Studie versuchte das Team, gemeinsame morphologische Merkmale zu finden, um die Ergebnisse aus der genetischen Untersuchung zu bestätigen. So verglichen sie den kompletten Körperbau, besonders Merkmale auf Kopf, Brust und Flügeln fast aller Familien der Großschmetterlinge miteinander. Die Forscher fanden bei dieser Untersuchung zum einen Merkmale, welche die enge Verwandtschaft zu den Epicopeiidae tatsächlich bestätigte. Zum anderen konnten sie für Pseudobiston pinratanai einzigartige Merkmale nachweisen, die zu dessen Klassifizierung in eine ganz neue Familie der Schmetterlinge, den Pseudobistonidae, führte.
Zusammen mit Kollegen aus den Naturkundemuseen in Bonn und Paris sowie den Universitäten in Wien und Turku arbeitete auch der Schmetterlingsexperte am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart, Dr. Hossein Rajaei, ab 2012 an der Erforschung der rätselhaften Art mit. „Durch die umfangreichen Untersuchungen konnten wir verwandtschaftliche Beziehungen und weitere Merkmale erforschen, was uns in der Evolution und Stammesgeschichte der Schmetterlinge neue Hinweise geliefert hat. Die Entdeckung der neuen Großschmetterlingsfamilie ist für mich natürlich spektakulär“, freut sich der Entomologe. Zwei Exemplare der neuen Familie befinden sich in den Sammlungen des Stuttgarter Naturkundemuseums.
Quelle: Hossein Rajaei, Carola Greve, Harald Letsch, Dieter Stüning, Niklas Wahlberg, Joël Minet und Bernhard Misof: Advances in Geometroidea phylogeny, with characterization of a new family based on Pseudobiston pinratanai (Lepidoptera, Glossata). Zoologica Scripta. Volume 44, Issue 4, pages 418–436, July 2015.
doi:10.1111/zsc.12108

16.07.2015, Deutsche Wildtier Stiftung
Betörte Böcke machen den Verkehr unsicher
Verliebte Rehe: Deutsche Wildtier Stiftung warnt Autofahrer vor Wildunfällen
Gerade jetzt in der Urlaubszeit sind viele Autofahrer auf Landstraßen unterwegs. Die Deutsche Wildtier Stiftung warnt vor vermehrten Wildunfällen, denn „verliebte Rehe“ machen den Verkehr unsicher. „Die Rehbrunft beginnt in den nächsten Tagen. Bis Mitte August können immer wieder liebestolle Ricken und Böcke die Straßen kreuzen. Autofahrer müssen deshalb vor allem in der Dämmerung, aber auch tagsüber mit völlig unvermuteten Begegnungen rechnen“, sagt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung.
Es sind die Hormone, die die Tiere so verrückt machen. Die weiblichen Rehe sondern ein Sekret mit Botenstoffen ab, das wie ein Aphrodisiakum auf die Böcke wirkt. Dieses „Reh-Parfüm“ wird in den Duftdrüsen produziert, diesen Sexuallockstoffen kann sich kein Bock entziehen…
Zusätzlich lockt die Ricke ihre Verehrer mit Fiep-Lauten und signalisiert so, dass sie paarungsbereit ist. Überrumpeln lässt sich eine Ricke aber nicht: Sie will erobert werden. Hat ein männliches Reh die Witterung seiner „Herzensdame“ aufgenommen, folgt er ihr in einem großen Abstand ungeduldig kilometerweit über Wiesen, Felder – und auf die Straße. Aber erst wenn die Ricke entschieden stehenbleibt, ist sie paarungsbereit.
Mehr als 200 000 Rehe verenden im Straßenverkehr, weil Autofahrer nicht schnell genug bremsen können. Die Dunkelziffer ist hoch – denn nicht jeder Wildunfall wird angezeigt. Häufig reißen Autofahrer instinktiv das Lenkrad herum, sobald ein Reh auf die Straße springt. Das ist besonders gefährlich, denn so geraten die Fahrer leicht in den Gegenverkehr oder prallen an einen Baum oder die Leitplanke. Besser ist es, kontrolliert abzubremsen, die Scheinwerfer abzublenden und zu hupen. „Dann kann das Tier das Weite suchen. Auch die nächsten 200 Meter sollten Autofahrer aufpassen: Denn es ist nicht sicher, ob nicht noch ein zweiter Bock hinterherrennt – auch bei Rehwild ist die Konkurrenz groß“, rät Kinser.

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