Die bestehenden Zuchtlinien des Wisents

Wisent (Wildpark Lüneburger Heide)

Wisent (Wildpark Lüneburger Heide)

In Europa gab es neben dem eigentlichen Wisent (Bison bonasus), manchmal auch Flachlandwisent genannt, noch den Bergwisent (Bison caucasicus), der aber ausgestorben ist (teilweise wird er auch nur als Unterart des Wisents angesehen und dann mit Bison bonasus caucasicus bezeichnet). Der Bergwisent existiert heute lediglich noch als Mischform (Hybride) mit dem Flachlandwisent in der Flachland-Kaukasus-Linie.

In der Wisentzucht unterscheidet man drei Zuchtlinien:

Alle Wisente der Flachlandlinie oder Flachland-Bialowieża-Linie sind reinblütige Vertreter der Unterart Bison bonasus bonasus, des sogenannten Flachlandwisent.
Innerhalb der Flachlandlinie wird die sogenannte Pleß-Linie separiert. Es handelt sich dabei um reinblütige Flachlandwisente, die auf einen Bullen und vier Kühe zurückgehen, die 1865 als Geschenk für Hans Heinrich XI. von Hochberg, den Fürsten von Pleß, aus dem Urwald von Białowieża in die Pleßer Wälder gebracht wurden. Sie wurden hier über einige Jahrzehnte isoliert gezüchtet. Große Bedeutung hat in der heutigen Erhaltungszucht der Bulle Plisch mit der Zuchtbuchnummer 229, der 1936 von Pleß wieder nach Białowieża zurückgebracht wurde. Von ihm stammen fast alle zurzeit im Urwald von Białowieża lebenden Wisente der Flachlandlinie ab.

Alle Tiere der Flachland-Kaukasus-Linie tragen neben Erbgut von Flachland-Wisenten auch Bergwisent-Erbgut in sich. Alle heute lebenden Tiere gehen auf Verpaarungen des Bergwisent-Bullen Kaukasus mit Flachlandwisentkühen zurück..
Seit ein hinreichender Bestand an Wisenten nachgezüchtet worden ist, wird auf den Erhalt der reinblütigen Flachlandwisente stärker Wert gelegt. Deswegen kreuzt man Tiere der Flachlandlinie nicht mehr mit Tieren der Flachland-Kaukasus-Linie verpaart.

Bergwisent (EK Yutnera)

Bergwisent (EK Yutnera)

Im Gegensatz zu den anderen beiden Linien besteht die Hochland-Linie nicht nur aus Nachkommen europäischer Wisente, sondern hat auch Anteile an Amerikanischen Bisons (Bison bison).
Bereits ab 1930 versuchte man in der Sowjetunion, den Wisent auf ihrem Territorium nachzuzüchten, der an das Leben in höheren Gebirgslagen angepasst ist. Bei diesen Bemühungen standen den dortigen Wissenschaftlern nur Zootiere zur Verfügung, da der Bestand in freier Wildbahn ausgerottet war. Einem Vorschlag des Forschers I. S. Bashkirov folgend, wurde ein Zuchtstamm aus mischerbigen Tieren gebildet und mit amerikanischen Bisons ergänzt. Die Gründergruppe bestand somit aus reinrassigen Wisenten der Flachlandlinie, Wisent-Abkömmlingen der Flachland-Kaukasus-Linie – einer älteren Zuchtlinie mit Hybriden aus dem Wisent und dem zu diesem Zeitpunkt bereits ausgestorbenen Bergwisent (Bison caucasicus) – sowie drei Amerikanischen Bisons. Diese Herde wurde im Reservat Askania Nova in der Ukraine halbwild gehalten. Später war geplant, durch Verdrängungszucht daraus wieder reinerbige Wisente zurückzuzüchten. Im Jahr 1940 wurden fünf Individuen der zweiten und dritten Generation dieser Hybridlinie zwischen Wisent und Bison (B. bonasus × B. caucasicus × B. bison) im Westkaukasus wieder angesiedelt. Die Tiere paarte man untereinander und mit Bullen der ebenfalls dort eingebrachten Flachland-Kaukasus-Linie. Die daraus entstandenen männlichen Nachkommen beachtete man für die weitere Zucht nicht, die weiblichen wurden bis 1950 weiter verpaart. Daraus ergab sich, dass der Anteil an Amerikanischen Bisons in der Folgezeit um einige Prozent zurückging. Ab 1960 wurden die Tiere dann im Kaukasus-Naturreservat ausgewildert. Bis 1985 hatten sich die Tiere 140.000 Hektar Bergwälder und alpine Wiesen zurückerobert. Mit fast 1.400 Tieren entwickelte sich die Population im Kaukasus-Naturreservat zur größten Wisentpopulation weltweit. Aufgrund der Wirren während der Auflösung der Sowjetunion ging der Bestand von 1.400 Tieren auf 240 Tiere zurück. Das circa 300.000 Hektar große Naturreservat wurde im Jahr 1999 zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt. Die Zahl der in Freiheit lebenden Wisente der Hochlandlinie (teilweise auch „Bergwisent“ genannt) ist 2010 im Vergleich zu den Vorjahren um rund zehn Prozent auf 540 Tiere angewachsen. Sie werden seit 2001 von der NABU International Naturschutzstiftung gemeinsam mit der Schutzgebietsverwaltung wissenschaftlich untersucht.
Weitere Bemühungen, durch Einkreuzen und selektiven Abschuss die genetische Struktur in „ursprüngliche“ Richtung zu beeinflussen, hatten nur geringen Erfolg. Die heutige Hybridherde ist nach wie vor, anders als der ausgestorbene Bergwisent selbst, nur unvollkommen an die montanen Klimabedingungen angepasst. So ziehen die Tiere jeden Winter in die Tallagen ab und erleiden in strengen Wintern Verluste bis zu 30 Prozent des Bestands.

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