Ausgestorbene Wale

Über den neuzeitlich ausgestorbenen Chinesischen Flussdelfin habe ich bereits hier berichtet. Auch über die Vorfahren der heutigen Wale habe ich eine Übersicht veröffentlicht. Aber die Vorfahren der Wale sind formenreich und interessant, so dass sie es verdienen, vorgestellt zu werde (was aber an sich auf alle anderen ausgestorbenen Tiere zutrifft, vor allem, wenn sie ein Schattendasein neben den Dinosaurieren darstellen).

Basilosaurus isis (© N. Tamura)

Basilosaurus isis (© N. Tamura)

Vertreter der Gattung Basilosaurus dürften zu den bekanntesten Urzeitwalen zählen (jedenfalls war es der erste, von dem ich gehört habe). Ursprünglich hielt man sie für Meerechsen (der Name bedeutet Königsechse), abr inzwischen weiß man, dass es sich um Wale handelt.
Die Tiere lebten vor ungefähr 41 bis 35 Millionen Jahren im späten Eozän und hatten eine schlangenähnliche Gestalt. Sie besaßen eine Fluke wie die heutigen Wale, und äußere hintere Gliedmaßen, die aber wie bei den Dorudontidae sehr klein waren und bestenfalls bei der Paarung dienlich gewesen sein könnten, wie von einigen Wissenschaftlern heute vermutet wird, da man diesen rudimentären Hintergliedmaßen keine andere Bedeutung zuzuschreiben wusste. Basilosaurus war das größte Säugetier seiner Zeit und erreichte eine Länge von etwa 18 m. Davon maß der Kopf etwa 1,5 m, ein großer Teil der Gesamtlänge wurde von dem langen Schwanz gebildet.
Man vermutet heute, dass Basilosaurus ähnlich den heutigen Schwertwalen oder den mesozoischen Meeresreptilien wie dem Mosasaurus ein räuberisches Dasein führte und sich von Fischen und kleineren Meeressäugern ernährte. Zum Luftholen musste er im Gegensatz zu den modernen Walen stets den Kopf aus dem Wasser strecken, da er kein Blasloch besaß.
Bei der Entdeckung der Fossilien dachten die Forscher, dass sie Dinosaurierknochen gefunden hatten und gaben den Tieren einen für Saurier typischen wissenschaftlichen Namen. Als sich später herausstellte, dass die Fossilien zu Säugetieren gehörten, schlug Sir Richard Owen den passenderen Namen Zeuglodon vor. Nach wissenschaftlicher Nomenklatur gilt jedoch stets der zuerst vergebene Name als der maßgebliche, wenngleich der Zweitname Zeuglodon („Jochzahn“ wegen der Zähne mit Doppelwurzel, typisch für Meeressäuger) immer noch recht gebräuchlich ist. Andere Fossilien derselben Gattung wurden mit dem Namen Zeuglodon besetzt, welche aber eindeutig der zuvor entdeckten Gruppe Basilosaurus zugeordnet werden konnten und den Namen Zeuglodon hinfällig machten. Arten dieser Gattung waren Basilosaurus cetoides (die größte), Basilosaurus drazindai (in Pakistan gefunden), Basilosaurus isis (Ägypten), von dem zahlreiche Fossilien im Wadi al-Hitan, Tal der Wale, in Ägypten gefunden wurden.
1845 stellte der deutsche Sammler Albert Koch in New York City ein 35 Meter langes Skelett einer vermeintlichen Seeschlange aus, die er Hydrarchos nannte. Er behauptete, das Skelett in Clarksville, Alabama gefunden zu haben und es würde die Überreste in der natürlichen Ordnung darstellen, wie er sie gefunden habe. Koch wurde als Hochstapler entlarvt, als sich herausstellte, dass das Skelett aus Teilen von mindestens fünf verschiedenen Basilosaurus-Exemplaren zusammengesetzt war. Es wurde schließlich beim großen Brand von Chicago zerstört.

Livyatan melvillei (© N. Tamura)

Livyatan melvillei (© N. Tamura)

Pottwale gehören zu den größten lebenden Raubtieren. Der Pottwal kann eine Länge von 20 Metern und ein Gewicht von 50 Tonnen erreichen. Ausgestorbene Vertreter blieben kleiner. Der größte Vertreter dürfte bisher Livyatan melvillei sein.
Livyatan stammt aus dem mittleren Miozän vor 13 bis 12 Millionen Jahren. Die einzige bislang bekannte Art, Livyatan melvillei, wurde 2010 anhand eines zu 75 % erhaltenen Schädels und eines mit Zähnen besetzten Unterkiefervorderteils beschrieben. Die Fossilien wurden 2008 in der Pisco-Formation im südlichen Peru (35 km südwestlich von Ica) gefunden.
Die Gattung wurde nach dem biblisch-mythologischen Seeungeheuer Leviathan und die Art Livyatan melvillei nach dem Autor des Romanes Moby Dick, Herman Melville benannt. Da der Gattungsname Leviathan bereits 1841 eingeführt worden war (heute als Synonym für die Gattung Mammut Blumenbach, 1799 betrachtet), wurde der Gattungsname von den Beschreibern wenig später in die hebräische Form Livyatan geändert.
Der Schädel hat eine Länge von drei Metern und ist an der breitesten Stelle 1,9 Meter breit, die Zähne in Ober- und Unterkiefer erreichen einen Durchmesser von 8,1 bis 12,1 Zentimetern und eine Maximallänge von 36 Zentimetern. Es sind die größten Zähne eines Tetrapoden, die jemals gefunden wurden. In jedem Unterkieferast (Dentale) befinden sich elf tiefe Zahnfächer (Alveolen), in jedem Maxillare neun. Das Prämaxillare ist zahnlos. Mit Ausnahme einiger Individuen des Zwergpottwals hatte Livyatan damit von allen Pottwalverwandten die wenigsten Zähne.
Die Schnauze ist kurz und nur wenig länger als der Hinterschädel. Sie ist an der Basis breit und läuft spitz zu. Eine große konkave Struktur auf dem Vorderschädel von Livyatan könnte ein mit Walrat gefülltes Organ beinhaltet haben. Das Schädelfenster ist sehr groß und unterscheidet sich deutlich vom kleineren Schädelfenster des Pottwals. Die Gesamtlänge des Wals wird auf 13,5 bis 17,5 Meter geschätzt.
Wegen der starken Bezahnung vermuten die Forscher, dass Livyatan melvillei sich ähnlich wie der zur selben Zeit lebende große Hai Carcharocles megalodon von größeren Wirbeltieren ernährte; unter anderem von großen Fischen, Robben und Bartenwalen. Das Miozän bildete einen Höhepunkt für die Diversität der Bartenwale, bisher sind mehr als 25 Gattungen nachgewiesen, und an der Fundstelle von Livyatan wurden mehr als 20 Skelette eines bisher nicht beschriebenen Bartenwals aus der Familie der Cetotheriidae gefunden. Livyatan nahm also eine völlig andere ökologische Nische ein als der sich von tiefseebewohnenden Kopffüßern ernährende Pottwal. Mit dem Ende des mittelmiozänen klimatischen Optimums ging die Artenvielfalt der Bartenwale zurück und die räuberisch von Großwirbeltieren lebenden Pottwalverwandten starben aus. Ihre ökologische Rolle wurde später von den Schwertwalen übernommen.
Das trifft im Übrigen auch auf viele andere ausgestorbene Vertreter der Pottwale zu.

Von Hoplocetus ritzi, dessen Fossilien in Groß Pampau, Schleswig-Holstein, gefunden wurden, gibt es kaum Informationen. Die Abkaumuster seiner Zähne ähneln denen des Schwertwales, was auf ein ähnliches Beuteschema und Fressverhalten hindeuten kann. Hoplocetus ritzi lebte im mittleren bis späten Miozän. Er ist nicht der einzige seiner Gattung, aber (meines Wissens nach) der letzte bisher beschriebene (2006).

Zygophyseter varolai aus dem späten Miozän ist ein weiterer Pottwalverwandter, dessen beinahe vollständiges Skelett in Süditalien gefunden wurde. Er hatte sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer sehr gut entwickelte große Zähne, die ebenfalls auf ein Leben als aktiver Räuber hinweisen und mehr als nur Kalmare als Nahrung vermuten lassen.
Zygophyseter varolai hatte eine Länge von 5-6 m, also so viel wie ein Schwertwal.

Es wäre interessant zu wissen, wann sich die Pottwale von gefürchteten Raubtieren zu Kalmarfressern entwickelt haben und was zu dieser Veränderung in der Nahrung geführt hat.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite werden automatisch über Google personenbezogene Daten erhoben. Diese Daten werden ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung nicht an Dritte weitergegeben. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung (http://www.beutelwolf.martin-skerhut.de/impressum/). Mit dem Abschicken eines Kommentars wird die Datenschutzerklärung akzeptiert.