Ausgestorbene Katzenrassen – Die Angorakatze

Über ausgestorbene Hunderassen gibt es einiges im Blog zu lesen, aber es gibt auch einige Katzenrassen, die es (aus unterschiedlichen Gründen) nicht mehr gibt.
Dazu gehört z. B. die Angorakatze.
Der Begriff Angorakatze wird in verschiedenen historischen Zeitabschnitten unterschiedlich gebraucht:
Historische Bezeichnung für Katzen mit längerem Fell schlechthin. Gebräuchlich bis etwa zu Beginn der 1950er Jahre.
Bis heute landläufig volkstümliche Bezeichnung für alle Katzen mit längerem Fell. Insbesondere weiße Katzen mit längeren Haaren werden häufig als Angorakatze bezeichnet.
Türkisch Angora, eine heutige und von den Zuchtverbänden anerkannte Katzenrasse.

Angorakatze (Brehms Tierleben)

Angorakatze (Brehms Tierleben)

Die Angorakatze ist eine historische halblanghaarige Katzenrasse, deren erste Vertreter vermutlich aus der früheren Region Angora in Kleinasien stammten, in der sie als Hauskatze gehalten wurde. Sie gelangten etwa im 17. Jahrhundert nach Europa, zunächst an die Höfe des europäischen Adels. Sie galt lange Zeit als Urmutter der heutigen Perserkatzen. Genetische Untersuchungen, veröffentlicht 2014, haben jedoch ergeben, dass die Perserkatze aus Zufallsverpaarungen der Russischen Angorakatze entspricht, nicht aber mit orientalischen Katzenrassen verwandt ist. Als um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Vereine zur Rassekatzenzucht gegründet wurden, formulierten diese – insbesondere die englische Organisation GCCF – erstmals Zuchtstandards und vergaben Namen für Rassekatzen. Die langhaarigen Variationen wurden dort nun alle als Perserkatze geführt, deren Standard später häufig geändert wurde. Die reine Angorakatze wurde seitdem nicht mehr weiter gezüchtet. In Deutschland versuchte der Felinologe Schwangart um das Jahr 1930 herum, neben dem modernen Persertyp den traditionellen Angoratyp neu zu beleben, allerdings unter dem Namen „Deutsch Langhaar“, der außerdem seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch für eine Hunderasse Verwendung fand. Diese neue Katzenrasse hatte keinen Bestand. In der Rassekatzenzucht kommt der historische Begriff Angorakatze durch die Umbenennung in Perserkatze seitdem nicht mehr vor, wohl aber im internationalen allgemeinen Sprachgebrauch.
Nicht nur in Deutschland hält sich der Begriff „Angorakatze“ in der Bevölkerung hartnäckig. In Russland wird er ganz allgemein für weiße und blau-graue halblanghaarige Katzen gebraucht. Er ist jedoch nicht mit einer bestimmten, heute anerkannten Rasse gleichzusetzen.

Die ersten Langhaarkatzen gelangten im 17. Jahrhundert nach Europa. Neben den Angorakatzen aus dem Gebiet der heutigen Türkei sollen auch Katzen aus dem heutigen Iran eingeführt worden sein. Die Theorie, auf die sich die angebliche Herkunft der Perserkatze stützt, indem sie aus dem Khorassan importiert sein sollte, ist laut Enzyklopädia Iranica nicht haltbar. Pietro de la Valle, auf den sich die These stützt, war nie im Khorassan (östlich gelegene Region Persiens), aus dem er angeblich halblanghaarige Tiere von seiner Reise mitgebracht haben soll. Er beschrieb Jahre nach seiner Reise nach Isfahan und Täbris laut Georges-Louis Leclerc de Buffon lediglich eine Katze dem Hörensagen nach, die der Angorakatze bis auf jedes Detail ähnelte. Die geografische Nachbarschaft des Osmanischen Reiches (Türkei) und zum Beispiel Täbris in Persien (Iran) legt daher nahe, dass es sich um ein und denselben halblanghaarigen Hauskatzentyp gehandelt haben muss.
Nicolas Claude Fabri de Peiresc ließ sich die ersten Angorakatzen aus der Angora-Region von Damaskus aus nach Frankreich bringen, er sammelte seltene Pflanzen und Tiere. Von dort gelangten sie bald an den Hof Ludwig XIII. und dann nach England.

Der Name „Angora“ kann auf die frühere anatolische Provinz Region Angora des Osmanischen Reiches (heute Türkei) zurückzuführen sein. Da auch die Angoraziege und das Angorakaninchen aus dieser Region der heutigen Türkei stammen, ist eine Übertragung des Namens wegen des ebenso langen und seidigen Fells auf die Angorakatze wahrscheinlich.
Angora war früher als allgemeine Bezeichnung für Tiere mit längerem Haar gebräuchlich und ist es heute auch noch, zum Beispiel für das Angorakaninchen. So erscheint dieser Begriff im ausgehenden 19. Jahrhundert in Lexika ebenso wie 1915 in Brehms Tierleben oder 1927 in Die Angorakatze vom 1. Deutschen Angora-Katzen Zucht- und Schutzverein.

Es scheint, als sei die Angorakatze aus Gewinnabsichten in Perserkatze umbenannt worden, zumal, außer in der Fellfarbe, kaum Unterschiede zwischen den bis zur Umbenennung unter Langhaarkatzen geführten Angorakatzen bestanden. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass es einer 2014 vorgelegten Studie zufolge im Zeitraum zwischen der Einfuhr aus Kleinasien nach Europa ab Ausgang des 17. Jahrhunderts bis zur Gründung von Katzenvereinen Anfang des 20. Jahrhunderts Einkreuzungen von langhaarigen russischen Katzen gab. Katzen für Genuss und Gewinn hieß eines der Bücher von Mary Frances Simpson, in denen sie um Verzeihung bittet, dass sie die Angorakatze nun zu Gunsten der Perserkatze ignoriere. Dies hatte wohl auch mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Untergang des Osmanischen Reiches (1923 Türkei mit Hauptstadt Ankara, früher Angora) und der Beziehung Englands mit dem bis dahin Persischen Reich, später Iran, zu tun.
Die damalige Hochburg für Katzenzucht England hatte Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff Angorakatze bereits zu Gunsten der neuen Bezeichnung „Perserkatze“ aufgegeben und führte sie nicht mehr namentlich als eigenständige Rassekatze. Im 19. Jahrhundert waren für die langhaarigen Angorakatzen noch Bezeichnungen nach deren Fellfarbe gebräuchlich : Angorakatze (weiß), Russische Katze (getigert), Malteserkatze (hellgrau-blau), Kartäuserkatze (dunkelgrau-blau) oder französisch Chartreux (blau-grau) sowie Chinesische Katze (gelb). Fortan gab es zwei Kategorien: 1. Kurzhaarkatzen mit mehreren Rassen sowie 2. Langhaarkatzen, der, als nunmehr einzige Rasse die Perserkatze zugeordnet war.

Angorakatze (Jean-Jacques Bachelier)

Angorakatze (Jean-Jacques Bachelier)

In Deutschland wurden bis zur 3. Katzenausstellung Berlin 1929 alle langhaarigen Katzen weiterhin als Angorakatzen bezeichnet. Das Hauptaugenmerk bei der Zucht der langhaarigen Katzen galt damals weniger dem Typ, als der Fellfarbe. Bereits 1928 fand auch die erste Reichsausstellung für Edelpelztiere in Berlin statt, auf der sogenannte Pelzkatzen als „geschätzte Pelztiere … das Interesse wirtschaftlich eingestellter Pelztierzüchter gefunden haben“ (Auszug aus Vorrede aus selbigem Katalog von P. Schöps, Leipzig). Allerdings ist anzumerken, dass Pelze langhaariger Katzen in der Pelzindustrie damals nicht verwendet wurden, da sie als minderwertig galten.
Der deutsche Biologe Friedrich Schwangart ordnete daher 1929 die Tiere nach ihrem Typ in Anlehnung an das englische Zuchtziel einer gedrungenen rundköpfigen Perserkatze die deutschen Angorakatzen entweder der Perserkatze zu oder Tiere im traditionellen Typ der von ihm neu benannten Deutsch Langhaar statt Angorakatze. In Anlehnung an den aufkeimenden Nationalsozialismus verfasste Schwangart heute fragwürdige Literatur wie Zur Rassebildung und Züchtung der Hauskatze. Die 3. Katzenausstellung in Berlin 1929 war die erste Ausstellung, in der die Katzen nach dem neuen Standard bewertet wurden. Der Begriff Angora wurde neben den Persern, auch in Klammersetzung, in der Literatur später ebenfalls noch verwendet. In der Literatur findet man in Unsere Katzen von Otto Fehringer aus dem Jahr 1942 Überschriften wie „Langhaarrassen oder Angora“, auf Abbildungen jedoch stets die Unterschrift Deutsch Langhaar. In der Fachwelt setzten sich die neuen Begriffe Perser und Deutsch Langhaar offensichtlich auch nicht durch. So ist zum Beispiel bei Fachtierarzt von Knebel in Hund und Katze ebenso wie bei Otto Fehringer in seinem Neuen Katzenbuch für alle ausschließlich von Angorakatzen die Rede.
Es ist anzunehmen, dass der Begriff Angora sich daher nur als Rassebezeichnung wegen der Streichung und des Ersatzes durch die Deutsch Langhaar nicht halten konnte.
Dadurch konnte sich die Perserkatze etablieren, insbesondere seit den 1970er Jahren durch den Hochzuchtperser mit dem „Peke-Face“ (Pekinesengesicht). Im Sprachgebrauch jedoch konnte Angorakatze Jahrzehnte noch überleben. Die Deutsch Langhaar dagegen verblasste so schnell, wie sie auftauchte, womöglich der Zeit geschuldet, in der sie erschaffen wurde. England und Frankreich stellten Anfang des 20. Jahrhunderts (vor 1928) alle langhaarigen Katzen unter den Standard der Perserkatze, weswegen es in der Rassekatzenzucht keine Angorakatze mehr gab.
Ab 1950 interessierten sich Katzenzüchter wieder vermehrt für die Zucht langhaariger Katzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand die Deutsch Langhaar aus den aktiven Katzenzuchtprogrammen und wurde erst 1968 durch eine Familie Aschemeier angeblich wieder gezielt gezüchtet. Aus im Zoo von Ankara noch gehaltenen, als Angorakatzen bekannte Tiere alter Abstammung, wurden nun zur Rasse Türkisch Angora, die 1970 offiziell anerkannt wurde. In Großbritannien entstand die Rasse Britisch Angora, die allerdings in keinem Zusammenhang mit der historischen Angorakatze oder der Türkisch Angora steht und die im Jahr 2002 in Orientalisch Langhaar umbenannt wurde. Seit 2009 ist die Britische Langhaar anerkannt (FIFe, TICA). Familie Aschemeier wird seit 2005 durch eine Züchtergruppe in ihrem Bestreben unterstützt, die Deutsch Langhaar, nun unter dem Namen Deutsche Langhaarkatze wieder zu etablieren. Hierzu überreichte sie im April 2009 fünf ihrer Zuchttiere dieser Züchtergruppe. Das Projekt Arche Angorakatze widmet sich dagegen einer Abbildzüchtung, insbesondere die der Malteserkatze, da es zweifelhaft scheint, dass die historische Angorakatze, oder im Zuge ihrer Umbenennung in Deutsch Langhaar, mehr als 60–80 Jahre züchterisch nachweisbar überdauern konnte.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten auf Ausgestorbene Katzenrassen – Die Angorakatze

  1. Simone sagt:

    Ein sehr guter recherchierter Beitrag, der sich mit vielen deckt, was ich 2015/2016 über die Perser und Deutsch Langhaar heraus gefunden habe.
    Vielleicht noch zur Ergänzung: Prof. Friedrich Schwangart war Zoologe. Er züchtete keine Katzen selbst. Er war der „Begründer“ der Deutsch Langhaar, in dem er einen Standard schuf, der den alten Typ beschrieb. Er wollte nicht den Standard der Engländer übernehmen, sondern schuf i.A. „Eine Katze für das deutsche Volk“.

  2. Martin sagt:

    Hallo Simone,
    vielen Dank für den Hinweis, bzw. die Ergänzung.

  3. Denise sagt:

    Familie Aschemeier züchtete nicht gezielt Deutsch Langhaar Katzen. Sie hatten auf ihrem Hof langhaarige Hauskatzen, deren Bestand Frau Aschemeier erhalten wollte, da einige der Tiere ihr durch eine Freundin geschenkt wurden.

    Frau Aschemeier hat selber nie behauptet, sie hätte eine Rassekatzenzucht. Diese Tiere, die sie dort erhielt, erhielt sie in Erinnerung an ihre Freundin. Bisher wurde durch die DLH Züchter auch kein Nachweis angetreten, dass Frau Aschemeier in irgendeiner Form die Verpaarungen notierte und in Form eines Zuchtbuches etc. dokumnetierte.

    Wie auf Bauernhöfen üblich, liefen auch die Tiere frei herum. Es sind daher nichts anderes als die langhaarige Version der Europ. Kurzhaar Katze.

    Frau Aschemeier, seit langer Zeit desorientiert und dement, hat auch keine Tiere Züchtern übergeben. Erst die Schwiegertochter nahm diese Tiere und gab sie an Menschen weiter, die damit eine angebliche „Erhaltungszucht“ aufzubauen. Mit Bauernhofkatzen!

    Eine Katzenrasse die es nie gab, sondern nichts anderes war als ein umbenannter Perser, bedarf keiner Erhaltungszucht.

    Und wenn man sich heute anschaut, wie DLH-Züchter ihre angeblich fast ausgestorbene Urdeutsch Katzenrasse züchten, wird auch genau deutlich was es ist. Eine Zucht von Katzenmixen aufgebaut auf Bauernhofkatzen, Perserkatzen, Maine Coons, Norwegischen Waldkatzen, Ragdolls, Türkisch Angora.

    Eine der zur Zeit bekanntesten Zuchten begann die DLH Zucht mit einem Tier aus dem Tierschutz (Kater), sowie einer Maine Coon Kätzin, gekauft ohne Papiere.

    Und nun will man uns erzählen, so erhalte man eine eine Katzenrasse, die aber nie existierte?

    Es wird aber noch einfacher. Man muss nur die oben aufgelisteten Rassen mixen, am besten ohne Papiere erworben, und schon nennt man sie „Foundation“. Und man reist sogar nach Polen bis knapp vor die russische Grenze um dort ganze Würfe einzusammeln, die man dann in Deutschland als DLH und Keltisch Kurzhaar in einem Zuchtverein eintragen ließ….

    So einfach ist das…..

  4. Martin sagt:

    Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich werde nicht anfangen Angora oder Deutsch Langhaar zu verteidigen, oder mich zu Zuchtmethoden diverser Züchter äußern. Es gibt einige (anerkannte) Katzenrassen, die Vorfahren unbekannter Herkunft/Rasse haben. Und über den Sinn und Unsinn von Erhaltungs- und/oder Abbildzüchtungen kann man auch streiten.
    Die „Gründerkatzen“ der „Deutsch Langhaar“ sind langhaarige Katzen unterschiedlicher Abkunft, deren Phänotyp mit dem Deutsch Langhaar Standard übereinstimmt. Die Zuchtbestrebungen dürften demnach auch nur Abbildzüchtungen sein und keine Erhaltungszucht (welcher Rasse auch immer)

  5. Denise sagt:

    Richtig. Nur, das ist leider den Züchtern dieser Rasse zu wenig, nicht umsonst wird eine „Erhaltungszucht“ immer wieder nachdrücklich betont.

    Festhalten muss man, dass die Deutsch Langhaarkatze nie eine existierende Rasse war. Es waren die weniger typvollen Perserkatzen, denen Prof Dr. Schwangart nur eben nach seinem Gusto im Sinne des Zeitgedanken Nationalsozialismus einen neuen Namen gab. Er hat dies auch nie verschwiegen, schreibt er in seinen Arbeiten ja selber davon, wie er diesen Teil der Perserkatzen nur mit neuem Namen versah und erst die Jahrzehnte die nach ihm folgen sollten, vielleicht aus der Deutsch Langhaar eine eigenständige Katzenrasse machen sollten.

    Nur dies wird gerne verschwiegen, dass auch Schwangart genau um den Ursprung seiner in DLH umbenannten Tiere wußte. Und wenn ich heute Thaikatzen züchte, ihnen einfach einen neuen Namen gebe, sie bleiben Thaikatzen.

    Fakt ist, es gab in Deutschland keine ureigene Katzenrasse, sie starb auch nie aus. Man gab den weniger typvollen Persern im Katzenverein der Nationalsozialisten einfach einen neuen Namen.

    Leider sind die Zuchtbestrebungen keine in Richtung „Abbildzüchtung“. Denn diese erfolgte bereits vor der DLH und zwar in Form der German Angora. Es sind nachweislich ausschließlich als „Erhaltungszucht“ titulierte Zuchtbestrebungen die auf den echten Schwangart-Katzen von Frau Aschemeier basieren sollen.

    Dazu wurde umfangreiches Infomaterial recherchiert was unter beigefügtem Link nachzulesen ist (auch Originaldokumente in Auszügen von Schwangart!). Dort wird die Legende der DLH wirklich beinhaltet aufgedeckt und diese Rasse ein Märchen, ein Fabelwesen war. Entstanden während des Nationalsozialismus. Kommerz ist wenn man trotzdem lacht und eine angeblich ausgestorbene Katzenrasse erhält, die es nie gab und die daher auch nie aussterben konnte.

    https://www.facebook.com/Deutsch-Langhaar-Katzen-eine-echte-Katzenrasse-1118534888157624/?fref=ts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.