Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

27.02.2017, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Evolution: Warum Huftiere im Neogen größer wurden
Bis zum Beginn des Pleistozäns wurden Huftiere immer größer; maßgeblich dafür verantwortlich ist das Prinzip der gerichteten Selektion, schreiben Senckenberg-Wissenschaftlerinnen im Fachjournal „Proceedings of the Royal Society B“. Größere Huftiere setzten sich demnach durch, weil sie öfter neue Arten bildeten und eine höhere Überlebensrate hatten. In der kürzlich veröffentlichten Studie wurde zum ersten Mal die Entwicklung von zwei Säugetierordnungen während des Neogens auf zwei Kontinenten verglichen. Die Autoren zeigen auf, dass die jeweilige Umgebung, in der Evolution stattfindet, Erklärungspotential für überregional ähnliche Muster liefert.
Was hält die Zukunft für Huftiere bereit? In der Vergangenheit – so scheint es zumindest – hat sich Größe ausgezahlt, denn mehrere Studien haben gezeigt, dass die Körpermasse von Säugetieren, zu denen auch Huftiere zählen, bis zum großen Aussterben während der Eiszeiten zugenommen hat. Oft fiel dies mit einer Abkühlung des Klimas zusammen. Heute hingegen sind Populationen großer Tierarten mehr als andere vom Landnutzungswandel bedroht. Einige Forscher halten es sogar für möglich, dass der Klimawandel Tierarten wieder kleiner werden lässt. Ein detaillierter Einblick in die Muster der Evolution der Körpermasse könnte dazu beitragen, die bevorstehenden Veränderungen vorherzusagen.
Dr. Shan Huang vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und ihre Kollegen haben dazu einen Satz von Fossilien großer Pflanzenfresser aus den Ordnungen der Paarhufer (Artiodactyla) und Unpaarhufer (Perissodactyla) analysiert. Die fossilen Überreste von etwa 500 Arten von Giraffen, Flusspferden, Nashörnern und den mittlerweile ausgestorbenen Chalicotherien stammen aus der Zeit des Neogens (vor 23 bis zwei Millionen Jahren). Dabei wurde zum ersten Mal die Entwicklung der Körpermasse der Huftiere während dieses Zeitraums sowohl in Europa als auch Nordamerika analysiert und verglichen.
Während bisherige Studien lediglich den durchschnittlichen Anstieg der Körpermasse betrachteten, lag das Augenmerk von Huang auf der Entwicklung der minimalen Körpermasse. „Insgesamt gesehen hat sowohl die minimale als auch die maximale Körpergröße während des von uns untersuchten Zeitraums signifikant zugenommen. Ein Anstieg der minimalen Körpermasse lässt darauf schliessen, dass der Grund gerichtete Selektion ist. Das heisst, die Tiere wurden im Lauf der Zeit nicht durch Zufall öfter größer als kleiner – wie früher angenommen wurde. Stattdessen verschwanden kleine Arten ganz, weil größere Arten grundsätzlich evolutionäre Vorteile im Wettbewerb um natürliche Ressourcen hatten“, sagt Huang.
Die Mechanismen der gerichteten Selektion werden laut den Forschenden zudem an zwei Ergebnissen deutlich: Erstens entwickelten sich im Verlauf der untersuchten zwanzig Millionen Jahre aus Paarhuferarten, die bereits vergleichweise große Körper hatten, öfter neue Arten als aus kleineren Paarhuferarten. Das erklärt auch, warum die Körpermasse der Tiere auf beiden Kontinenten insgesamt zunahm. “Mit zunehmender Größe war es wohl leichter, sich einem neuen Lebensstil anzupassen und Nischen, die zu der Zeit entstanden, zu besetzen. Letzteres ist oft die Grundlage von schneller Aufspaltung in neue Arten“, bemerkt die Ko-Autorin Dr. Susanne Fritz, Senckenberg Biodiversiät und Klima Forschungszentrum.
In Nordamerika waren größere Paarhuferarten zudem weniger vom Aussterben betroffen als kleinere. Dieses Muster traf auch auf die nordamerikanischen Unpaarhufer zu. Das Forscherteam spekuliert, dass dies dem abkühlenden Klima am Ende des Neogens geschuldet ist. Der nordamerikanische Kontinent war damals noch nicht mit Südamerika per Landbrücke verbunden, was eine Migration in wärmere Gefilde erheblich erschwerte. Arten mit größer Körpermasse waren vermutlich besser in der Lage, sich den neuen Umweltbedingungen und dem veränderten Nahrungsangebot anzupassen.
„Unsere Studie zeigt, dass überregional verbreitete evolutionäre Trends je nach Region durch verschiedene Prozesse hervorgerufen werden können. Ein einzelnes Merkmal – in unserem Fall die Körpermasse – kann je nach Region und Tierordnung unterschiedlich mit Artbildungs- und Aussterberaten verknüpft sein“, so Huang und fährt fort: “Wir müssen die Umgebung, in der Evolution stattfindet, stärker miteinbeziehen, um die großen Muster, nach denen sie abläuft, zu verstehen und letzlich als Basis für Zukunftsprognosen zu nutzen. Ein Ansatzpunkt wäre – wie von uns vorgemacht – makroökologische Studien stärker kontinentübergreifend auszulegen.“
Publikation
Huang, S. et al. (2017): Mammal body evolution in North America and Europe voer 20 million years: Similar trends generated by different processes. Proceedings of the Royal Society B. Doi: 10.1098/rspb.2016.2361

8.02.2017, Universität Regensburg
Fische als Ton-Ingenieure
Regensburger Wissenschaftler haben die Sprache von Glasmesserfischen erforscht.
Fische werden wohl überall auf der Welt geschätzt, vor allem auf dem Teller oder an der Sportangel. Die kognitiven Fähigkeiten dieser „niederen Wirbeltiere“ gelten jedoch als eher beschränkt, jedenfalls im Vergleich zu anderen Wirbeltieren; auch hätten sie nach herkömmlicher Meinung kein Schmerzempfinden. Zu Unrecht, findet J. Balcombe des Humane Society Institute for Science and Policy (Washington, D.C.) in seinem Bestseller „What a fish knows. The inner life of our underwater cousins“, in dem er zeigt, zu welch staunenswerten Sinnes-, Orientierungs-, Lern- und Intelligenzleistungen Fische fähig sind.
Prof. Dr. Bernd Kramer, Institut für Zoologie an der Universität Regensburg, hat das hochentwickelte Kommunikationssystem südamerikanischer Glas-Messerfische „Eigenmannia virescens“ erforscht, die ein Beispiel für Balcombe’s These sind. Diese besitzen wie andere Messerfische (Gymnotiformes) ein elektrisches Organ, das lebenslang ein elektrisches Signal von sinusähnlicher Kurvenform und individuell variabler Frequenz zwischen 250 – 600 Hertz sendet. Die gesellig lebende, nachtaktive Eigenmannia überwacht ihre eigenen und die elektrischen Signale von Artgenossen mit Hilfe ihrer Elektrorezeptor-Organe, die dem Oktavo-Lateralis-Sinnessystem angehören. Dieses Sinnessystem umfasst auch die bei allen Fischen vorhandenen mechanosensiblen Seitenlinienorgane. Die „elektrischen Stimmen“ von „Eigenmannias“ Artgenossen sind jedoch nur als Überlagerung mit dem eigenen Signal verfügbar, ähnlich wie in einer gut besuchten Wirtschaft, in der man kaum sein eigenes Wort versteht. Trotzdem gelingt es „Eigenmannia“, nicht nur die Sende-Frequenz eines Artgenossen im Verhältnis zur eigenen zu bestimmen und – falls sie der eigenen zu ähnlich ist – ihr auszuweichen, sondern auch noch die Individuen zu unterscheiden. Jungtiere erzeugen ein fast reines Sinussignal mit nur wenigen, schwachen Harmonischen oder Obertönen, in der Klangfarbe einem stumpfen Flötenton vergleichbar (Obertöne sind nach J. Fourier, 1768 – 1830, ganzzahlige Vielfache der Grundfrequenz). Weibchen erzeugen mehr und intensivere Obertöne, nochmals gesteigert bei erwachsenen Männchen, deren hörbar gemachte Signale einem brillanten Geigenton ähneln. Damit korreliert die Signal-Kurvenform: vom beinahe symmetrischen Sinussignal der Jungtiere zu einer periodischen Folge breiter Pulse bei den Männchen (das Integral über die Zeit ist bei allen gleich Null). Diese und andere Kurvenformen rekonstruiert „Eigenmannia“ aus der elektrosensorischen Analyse des Überlagerungssignals, das eine minimale Differenzfrequenz besitzen muss, einer sog. Schwebung.
In futterbelohnten Dressurexperimenten mit synthetischen Signalen unterschied „Eigenmannia“ selbst Signale gleichen Obertongehalts, deren Harmonische lediglich gegeneinander zeitverschoben waren, und die sich daher in der Kurvenform unterschieden. Solche hörbar gemachten Signale können wir Menschen nicht unterscheiden, sonst hätte es keine HiFi-Schallplatten und Musik-Kassetten geben können, deren Aufnahmetechnik frequenzabhängige Phasenverschiebungen bedingt. Für „Eigenmannia“ wären diese Aufnahmen sehr wohl unterscheidbar und daher nicht gut genug.
Es ist nicht bekannt, wann und wie die Vorfahren der Messerfische, von denen es weit über 100 Arten gibt, darauf kamen, artspezifische Phasenverschiebungen der Obertöne des elektrischen Signals auszunützen um innerartliche und zwischenartliche Individualität zu kodieren. Kurvenform-Unterschiede hochfrequenter Signale können erst seit der Entwicklung des Oszilloskops, d. h. seit etwa 1930, dargestellt werden. J. Balcombe kann jedoch zugestimmt werden: was Fische alles wissen und können ist eine ganze Menge.

28.02.2017, Veterinärmedizinische Universität Wien
Nach Gebietseroberungen werden männliche Pfeilgiftfrösche zu Kannibalen
Im Tierreich kommt es in manchen Arten relativ häufig zum „Kindsmord“ an fremdem Nachwuchs. Zumeist hat dieser Kannibalismus einen rein sexuellen Hintergrund. Weibchen sollen dadurch schneller zur Paarung verfügbar gemacht werden. Eine Studie der Vetmeduni Vienna zeigte nun erstmals, dass auch männliche Pfeilgiftfrösche selektiv die Nachkommen ihrer Konkurrenten fressen, und zwar nach der Eroberung von deren Territorien. Im eigenen Territorium kümmern sie sich dagegen um jedes, also auch fremde Gelege. Damit zeigten die Forschenden, dass einfache Entscheidungen komplexe Verhaltensmuster wie Brutpflege koordinieren können. Die Studie wurde im Fachjournal Scientific Reports veröffentlicht.
Die Männchen der Pfeilgiftfroschart Allobates femoralis gelten eigentlich als äußerst fürsorgliche und umsichtige Väter. Verhaltensforscherin Eva Ringler und ihr Team konnten zeigen, dass sie sich zumeist um alle Gelege in ihrem Territorium kümmern, sogar wenn sie in den Wochen zuvor kein eigenes Gelege befruchtet hatten.
Diese Kinderfreundlichkeit legen sie allerdings rasch ab, wenn die Froschmännchen ein neues Gebiet erobern konnten, wie die aktuelle Studie des Forschungsteams gezeigt hat. In diesem Fall werden die hingebungsvollen Väter nämlich zu Kannibalen. Sie fressen alle Gelege in dem neuen Gebiet auf.
„Kindsmord“ nicht selten im Tierreich
Kannibalismus und Kindsmord sind keine Seltenheit im Tierreich. Derartiges Verhalten kommt unter anderem bei Raubkatzen, Primaten, Insekten, Fischen und Vögeln vor. Häufig steckt hinter dem Fressen von fremdem Nachwuchs eine sexuelle Motivation. Weibchen werden ohne den Nachwuchs meistens schneller wieder paarungsbereit. Dadurch schlagen die Kannibalen zwei Fliegen mit einer Klappe: sie vermindern den Fortpflanzungserfolg ihrer Konkurrenten, und erhöhen gleichzeitig die Chancen auf eigenen zukünftigen Paarungserfolg.
Ganz anders verhält es sich dagegen bei den Pfeilgiftfröschen. Hier sind die Männchen für die Brutpflege zuständig. Das Fressen fremder Gelege durch Männchen dient definitiv nicht der Manipulation von Weibchen, sondern eher der Vermeidung von Fürsorge fremder Nachkommen. Dabei scheinen Männchen sowohl bei der Brutpflege, als auch beim Kannibalismus einem einfachen Auslöser zu folgen.
Gebietseroberung macht Froschmännchen zu Kannibalen
In beiden Fällen – Brutpflege und Kannibalismus – ist das das Territorialverhalten der Männchen entscheidend. Im eigenen Gebiet, das die Männchen üblicherweise lautstark und vehement verteidigen, kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass eines der Gelege nicht ihres sein könnte. Deshalb werden all jene Kaulquappen, die sich innerhalb des Territoriums befinden, zu geeigneten Wasserstellen getragen, wenn die Zeit reif ist.
Erobern sie dagegen das Gebiet eines Rivalen, werden die männlichen Pfeilgiftfrösche zu Kannibalen und holen sich damit gleich mehrere Vorteil für sich selbst. Zum einen bereinigen sie das Gebiet komplett vom Rivalen, der damit nicht nur sein Gebiet, sondern auch seinen Nachwuchs verliert. Sämtliche Gelege des Vorgängers aufzufressen, bedeutet auch, dass die Männchen sich danach über die Vaterschaft aller zukünftigen Gelege sicher sein können. Außerdem stellen Gelege eine sehr nahrhafte Kost dar, und dienen sicher auch als wertvolle Energiequelle.
Einfache Verhaltensregel statt komplexen Entscheidungsverfahren
Der Nachweis dieses Verhaltens – initiiert durch eine einschlägige Beobachtung im Freiland – gelang Ringler und ihrem Team in einem Versuch, bei dem sie eine Gruppe Allobates femoralis Männchen in einem Terrarium quasi ein neues Gebiet erobern ließen. Eine zweite Gruppe verblieb in ihrem angestammten Revier. In beiden Fällen platzierten die Forscher fremde Gelege in den Terrarien. Während die Männchen in der „Eroberer“ Gruppe zu Kannibalen wurden und die fremden Gelege verschlangen, verschonten die Männchen in der Kontrollgruppe die fremden Eier und transportierten diese sogar mehrheitlich zu den angebotenen Wasserstellen.
Das Verhalten in der Natur sieht Ringler ähnlich konsequent. „Im natürlichen Lebensraum kommt es regelmäßig zu Revierstreitigkeiten und Gebietseroberungen. Es ist damit sehr wahrscheinlich, dass es in diesen Fällen häufig zu Kannibalismus kommt“, so die Forscherin. Mit dem kannibalistischen Verhalten wird dem Rivalen zudem ein weiterer Grund genommen, das Gebiet zurückzuerobern, da er seine Nachkommenschaft verliert.
Für Ringler ergibt sich durch ihre Ergebnisse ein neuer Blickwinkel auf das Auftreten Kannibalismus im Tierreich. „Bei den Pfeilgiftfröschen hat sich gezeigt, dass ein einfacher Auslöser reicht, um zwischen einer extrem destruktiven Handlung und elterlicher Fürsorge zu wechseln.“ Während in andere Tierarten Individuen aus sexueller Motivation oder Hunger zu Kannibalen werden, scheint bei Pfeilgiftfroschmännchen hingegen rein der Territoriumsstatus der Auslöser zu sein.
Das Verhalten der männlichen Pfeilgiftfrösche erinnert damit an Konflikte unter anderem im Mittelalter, bei denen bei Eroberungen nicht nur ein Herrscher gestürzt und getötet wurde, sondern auch gleich seine Nachkommen. Damit wurde verhindert, dass sie den Thron beanspruchen. „Allerdings kam es dabei nicht zum Kannibalismus“, schließt Ringler.
Service:
Der Artikel „Adopt, ignore, or kill? Male poison frogs adjust parental decisions according to their territorial status“ von Eva Ringler, Kristina Barbara Beck, Steffen Weinlein, Ludwig Huber und Max Ringler wurde in Scientific Reports veröffentlicht.
http://www.nature.com/articles/srep43544

28.02.2017, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Soziales Umfeld prägt männliche Meerschweinchen während der Adoleszenz
Verhaltensbiologen der WWU haben bei männlichen Meerschweinchen nun erstmals gezeigt, dass die Umweltbedingungen während der Adoleszenz das Verhalten der Tiere adaptiv formen: Anpassungen von Hormonstatus und Verhalten steigern den Fortpflanzungserfolg.
Die Zeit des Heranwachsens zwischen Kindheit und Erwachsenenalter – die Adoleszenz – ist bei Säugetieren und Vögeln eine Phase, in der der Organismus tief greifende Veränderungen durchläuft. Verhaltensbiologen der Universität Münster haben nun bei männlichen Meerschweinchen gezeigt, dass die Umweltbedingungen in dieser Zeit das Verhalten der Tiere formen – und zwar so, dass die Tiere an die soziale Umwelt, in der sie leben, besser angepasst sind. Grundlage sind Veränderungen von hormonellen Mechanismen. Die Studie ist online im Fachmagazin „Proceedings of the Royal Society of London B“ veröffentlicht.
Forscher wissen seit Längerem, dass die soziale Umwelt während der Adoleszenz einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie sich männliche Meerschweinchen im späteren Leben verhalten. Männchen, die während dieser Zeit nur mit einem Weibchen aufgewachsen sind, sind fremden Männchen gegenüber beispielsweise besonders aggressiv.
Die münsterschen Wissenschaftler prüften nun, ob derartige Verhaltensänderungen eine evolutionäre Anpassung sind. Dazu ließen sie männliche Meerschweinchen während der Adoleszenz – in einem Alter von etwa 30 bis 120 Tagen – entweder gemeinsam mit vielen Artgenossen oder paarweise mit einem Weibchen aufwachsen. Anschließend wurde jeweils ein Männchen aus der Gruppenhaltung und ein Männchen aus der Paarhaltung für einige Wochen mit zwei Weibchen in einer Vierer-Gruppe gehalten. Die beiden Männchen konkurrierten in dieser Zeit um die Weibchen. Die Biologen beobachteten das Verhalten der Tiere und bestimmten regelmäßig die Konzentration der Hormone Testosteron und Cortisol im Blut der männlichen Meerschweinchen. Weil die Anzahl der Nachkommen ein Maß für die evolutionäre Angepasstheit ist, prüften sie später durch Erbgutanalysen, von welchem der beiden möglichen Väter der Nachwuchs der Weibchen abstammte. Auf diese Weise testeten die Forscher 13 Vierer-Gruppen.
Die Ergebnisse: Von insgesamt 51 Nachkommen stammten 41 von den zuvor paarweise gehaltenen männlichen Meerschweinchen ab. Dieser signifikant größere Fortpflanzungserfolg resultierte daher, dass sich diese Männchen ihren Konkurrenten gegenüber deutlich aggressiver verhalten hatten als die ursprünglich in Gruppen gehaltenen, weniger dominanten Männchen. Die Forscher maßen bei den aus Paarhaltung stammenden Männchen eine deutlich höhere Konzentration von Testosteron und Cortisol im Blut. Diese Hormone sind bekannt dafür, dass ihre verstärkte Ausschüttung im Organismus ein aggressives beziehungsweise dominantes Verhalten fördert.
„Wir wussten, dass die in Gruppen gehaltenen männlichen Meerschweinchen den Vorteil haben, dass sie sich relativ problemlos in fremde Gruppen integrieren können“, berichtet Tobias Zimmermann, Doktorand bei Prof. Dr. Norbert Sachser an der WWU und Erstautor der Studie. „Wir haben nun gezeigt, dass es auch Bedingungen gibt, unter denen das aggressivere Verhaltensprofil von Vorteil sein kann und zu mehr Nachwuchs führt – nämlich dann, wenn die Tiere unmittelbar mit einem einzelnen Konkurrenten um Weibchen konkurrieren. Die Männchen aus der paarweisen Haltung sind dementsprechend besser an eine geringe Populationsdichte angepasst als Männchen aus der Gruppenhaltung.“
Auch wenn es in anderen Studien bereits vereinzelte Hinweise gab, dass solche Anpassungseffekte während der Adoleszenz auftreten könnten, sei dies der bislang klarste Beleg dafür, dass die Umwelt in diesem Zeitfenster die evolutionäre „Fitness“ – also den Fortpflanzungserfolg – der Tiere beeinflusst. Bisherige Studien hatten sich zudem zumeist auf die frühen Lebensphasen während der Schwangerschaft beziehungsweise unmittelbar nach der Geburt konzentriert und hier Umwelteinflüsse auf die Anpassung an die Lebensumstände nachgewiesen.
Die Arbeiten wurden im Rahmen der Forschergruppe „FOR 1232: Reduction of Phenotypic Plasticity in Behavior by Early Experience: Functional Consequences of an Adaptive Mechanism?“ von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
Originalpublikation:
Tobias D. Zimmermann, Sylvia Kaiser, Michael B. Hennessy, Norbert Sachser (2017): Adaptive shaping of the behavioural and neuroendocrine phenotype during adolescence. Proceedings of the Royal Society of London B; DOI: 10.1098/rspb.2016.2784

02.03.2017, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Schlüsselgene für das Immunsystem von Honigbienen aufgedeckt
Ein internationales Wissenschaftlerteam hat wichtige Schlüsselgene identifiziert, die bei Honigbienen an der Abwehr von Krankheiten beteiligt sind. Die neuen Erkenntnisse ermöglichen weitergehende Studien zur Gesundheit von Honigbienen. Sie könnten dabei helfen, künftig Honigbienen zu züchten, die widerstandsfähiger gegen Viren und Parasiten sind. Die Studie entstand im Rahmen einer internationalen Arbeitsgruppe am Forschungszentrum iDiv. Daran beteiligt war unter anderem die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Erschienen ist sie jetzt im Fachjournal BMC Genomics.
„Im letzten Jahrzehnt haben die Bestände an Honigbienen schwere Rückgänge in der gesamten nördlichen Hemisphäre verzeichnet – hervorgerufen hauptsächlich durch Krankheiten wie Pilze und Viren“, sagt Dr. Vincent Doublet, der am Synthesezentrum sDiv des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) die Arbeiten koordiniert hat und inzwischen an der Universität Exeter in Großbritannien forscht. „Die Gene, die wir identifizieren konnten, bieten die Chance für eine neue Generation von Honigbienen, die künftig resistent gegen diese Krankheitserreger sein könnte.“ Wesentlichen Anteil hatten dabei zwei Workshops, die 2013/14 von sDiv ausgerichtet wurden und zu denen sich das internationale Forscherteam im Rahmen des Projektes „TRANs-BEE“ in Leipzig traf.
Den Wissenschaftlern zufolge haben jüngste Fortschritte in der DNA-Sequenzierung zahlreiche Untersuchungen von Genen ermöglicht, die an der Immunabwehr von Honigbienen gegen Krankheitserreger beteiligt sind. Diese große Menge an Daten war jedoch bisher zu umfangreich und speziell, um umfassende Muster in der Immunabwehr von Honigbienen entdecken zu können. „Viele Studien haben genetische Ansätze genutzt, um zu verstehen, wie Bienen auf Viren und Parasiten reagieren. Allerdings war es bisher schwierig, diese Studien untereinander zu vergleichen, um die Schlüsselgene und –prozesse herauszufinden, die den Bienen helfen, die Erreger zu bekämpfen“, sagt Prof. Christina Grozinger, Direktorin des Zentrums für Bestäuberforschung an der Penn State University in den USA. „Unser Team schuf ein neues Bioinformatikwerkzeug, das uns ermöglichte, Informationen von 19 verschiedenen genetischen Datensätzen zu verarbeiten, um die Schlüsselgene zu identifizieren, mit denen Honigbienen auf Krankheiten reagieren.“
Das Team von 28 Wissenschaftlern aus acht Ländern erstellte extra eine neue Statistiktechnik, die sie zielgerichtete Rang-Produkt-Analyse nannten. Die neue Technik erlaubte ihnen, die Gene zu identifizieren, die in den 19 Datensätzen ähnlich angesprochen wurden. Die Wissenschaftler fanden so heraus, dass diese ähnlich arbeitenden Gene die Proteine kodieren, die für die Zerstörung von Gewebe durch Krankheitserreger verantwortlich sind und die unter anderem Enzyme kodieren, die an der Verstoffwechselung von Kohlenhydraten beteiligt sind. Ein Rückgang bei letzteren könnte die Folgen der Infektion für den Organismus widerspiegeln, schlussfolgerten die Forscher. „Bisher wurde angenommen, dass Honigbienen auf verschiedene Krankheitserreger auch unterschiedlich reagieren, aber wir haben festgestellt, dass sie sich hauptsächlich auf einen Kernsatz an Genen verlassen, die an- oder abgeschaltet werden, um auf alle wesentlichen Krankheiten zu reagieren“, erklärt iDiv-Mitglied Prof. Robert Paxton von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Wir können jetzt die physiologischen Mechanismen erkunden, mit denen Krankheitserreger ihren Wirt überwältigen wollen und wie die Honigbienen sich dagegen wehren.“
Der Nutzen der neuen Erkenntnisse ist jedoch nicht auf Honigbienen beschränkt. Das Team fand heraus, dass die Schlüsselgene Teil eines sehr alten Evolutionspfades sind: Diese Gene bildeten sich im Laufe der Evolution und sind daher auch bei anderen Insekten vorhanden. Diese Gene sind daher wichtig, um die Wechselwirkungen von Krankheitserregern mit anderen Insekten wie Hummeln zu verstehen und Krankheitserreger zu nutzen, um Schädlinge wie Blattläuse oder bestimmte Motten zu bekämpfen. „Unsere Analyse bietet einen beispiellosen Einblick in die Mechanismen der Interaktionen zwischen Insekten und ihren Krankheitserregern“, sagt Vincent Doublet. „Mit dieser Analyse haben wir eine Liste an Genen geschaffen, die wahrscheinlich eine wichtige Quelle für künftige Studien sein wird, um widerstandsfähigere Honigbienen zu züchten und aufkommenden Bienenkrankheiten entgegen zu wirken.“
Publikation (iDiv-Mitarbeiter und –Mitglieder fett):
Vincent Doublet, Yvonne Poeschl, Andreas Gogol-Döring, Cédric Alaux, Desiderato Annoscia, Christian Aurori, Seth M. Barribeau, Oscar C. Bedoya-Reina, Mark J. F. Brown, James C. Bull, Michelle L. Flenniken, David A. Galbraith, Elke Genersch, Sebastian Gisder, Ivo Grosse, Holly L. Holt, Dan Hultmark, H. Michael G. Lattorff, Yves Le Conte, Fabio Manfredini, Dino P. McMahon, Robin F. A. Moritz, Francesco Nazzi, Elina L. Niño, Katja Nowick, Ronald P. van Rij, Robert J. Paxton and Christina M. Grozinger (2017): Unity in defence: honeybee workers exhibit conserved molecular responses to diverse pathogens. BMC Genomics, Open Access online, 02 Mar 2017. doi: 10.1186/s12864-017-3597-6
http://dx.doi.org/10.1186/s12864-017-3597-6

02.03.2017, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
Insekten lieben Sturmflächen
Auf Waldflächen, die durch Stürme verwüstet wurden, gibt es rund doppelt so viele Insektenarten wie in unversehrten Wäldern, wie eine Studie der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL aufzeigt. Denn viele gefährdete Waldinsekten profitieren von den offenen Waldflächen, welche die Stürme hinterlassen.
Vivian, Lothar oder Kyrill: Stürme sind der häufigste natürliche Störungsfaktor in europäischen Wäldern und eine treibende Kraft der Walddynamik. Windwürfe verändern Lebensräume, indem sie zuvor schattige Standorte öffnen und sich dadurch das lokale Klima sowie die Vegetation verändert. Ausserdem erzeugen Stürme viel Totholz, auf das etwa ein Viertel aller im Wald lebenden Organismen angewiesen ist.
Die WSL-Forscher erfassten nun die Artenvielfalt von Insekten auf drei Waldflächen, die der Orkan Lothar im Jahr 1999 zerstört hatte: Einen Buchenwald in Sarmenstorf (AG), einen Fichtenwald in Messen (SO) sowie einen Mischwald in Habsburg (AG). Dort sammelten sie während zwei Sommern Insekten mit Flug- und Bodenfallen und bestimmten die Arten im Labor. Als Kontrollflächen dienten vom Sturm unversehrte, benachbarte Wälder.
Meist ernten Waldbesitzer nach Stürmen das liegende Stammholz, um es zu verkaufen. Dies beeinflusst jedoch die natürliche Waldentwicklung, weil dabei beispielsweise das für Insekten wichtige Totholz entfernt wird. Deshalb eruierten die Forscher innerhalb der drei Sturmflächen die Insektenvielfalt sowohl auf von Sturmholz geräumten als auch auf ungeräumten Flächen.
Exklusive Arten auf Windwurfflächen
Auf Windwurfflächen leben Arten sowohl des Waldes als auch der offenen Landschaft. Dies erhöht nicht nur die absolute Menge von Insekten, sondern, wie die Forscher herausfanden, auch die Zahl der Arten. Durchschnittlich beheimateten Windwurfflächen doppelt so viele Arten wie intakte Wälder; Bienen-, Wespen- und Wanzenarten gab es sogar fast viermal mehr.
„Ausserdem locken Windwurfflächen viele gefährdete Käfer an, vor allem solche, die auf Totholz angewiesen sind“, erklärt Beat Wermelinger, Waldentomologe an der WSL und Erstautor der Studie. „Die intakten Wälder beherbergen hingegen eher weniger exklusive Insekten“, sagt er. Dort seien zum Beispiel Lauf- und Borkenkäfer häufig, wobei 72 % der Borkenkäfer zur Art des Schwarzen Nutzholzborkenkäfers gehören – einer eingeschleppten Spezies.
Mosaik-Räumung erhöht die Biodiversität
Die geräumten und ungeräumten Sturmflächen unterschieden sich kaum, was die Artenvielfalt betraf – einzig die Anzahl der nicht zu den Insekten gehörenden Spinnenarten war auf ersteren höher. Die Artenzusammensetzung jedoch unterschied sich deutlich: Weniger als zwei Drittel der Arten kamen gleichzeitig auf beiden Räumungstypen vor. Denn durch die Holzräumung verschwinden zwar Lebensräume für holzbewohnende Insekten, jedoch entstehen neue Mikrohabitate, etwa für Bienen oder Wespen.
„Mosaikartige Bewirtschaftung ist eine exzellente Basis für eine hohe Artenvielfalt“, schliesst Wermelinger aus den Forschungsresultaten, die nun im Fachjournal Forest Ecology and Management erschienen sind. Mosaikbewirtschaftung bedeutet, dass nach grossen Sturmereignissen im Gebiet verteilt sowohl geräumte als auch ungeräumte Flächen vorgesehen werden sollten, um die Biodiversität eines Waldes gezielt zu erhalten und zu fördern.
Auswirkungen erst langfristig beurteilbar
Dass der Artenreichtum auf ungeräumten Windwurfflächen nicht nennenswert höher ist, mag erstaunen. „Grund dafür ist wahrscheinlich, dass auch nach einer Stammholzräumung immer noch ausreichend Totholz liegen bleibt“, erklärt der Insektenexperte. „Anders als zum Beispiel in Skandinavien, wo nach Sturmholzernten nur etwa zehn Kubikmeter pro Hektare Holz liegen bleiben, gibt es in Schweizer Wäldern danach immer noch rund fünfzig Kubikmeter davon.“ Im Schnitt befinden sich im Schweizer Wald auf einer Hektare gut 24 Kubikmeter Totholz.
Trotzdem: Dicke Totholz-Baumstämme sind in Wäldern und auf geräumten Sturmflächen kaum mehr vorhanden. Viele totholzbewohnende Käferarten sind aber auf solche grossen Holzdimensionen angewiesen, da die morschen Stämme langfristig stabile und ausreichend feuchte Lebensräume bieten. „Deshalb können wir die effektiven Auswirkungen von Sturmholzernten wohl erst in einigen Jahrzehnten beurteilen“, sagt Wermelinger.

03.03.2017, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Gemeinsam für den Artenschutz: Vom Feld bis an die Ladentheke
Rund 28.000 Tier- und Pflanzenarten gelten weltweit als gefährdet. Ein Problem, das uns zunehmend auch auf den heimischen Wiesen und Feldern begegnet. Denn wo der Mensch das Land intensiv bearbeitet, bleibt weniger Platz für Ackerwildkräuter, Feldvögel und Insekten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. verbinden im Modellprojekt »Landwirtschaft für Artenvielfalt« jetzt die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirte mit dem Naturschutz und erhalten hierbei Unterstützung von einem der größten Lebensmittelhändler Deutschlands.
Sie sind die Jubelsänger des Frühlings, doch ihr Gesang ist immer seltener zu hören. In den letzten 30 Jahren ist der Bestand der Feldlerche dramatisch zurückgegangen, in manchen Regionen sogar um 90 Prozent. Seit 1980 haben sich die Gesamtbestände von Agrarvögeln in Europa halbiert, ein ähnlicher Trend ist auch bei anderen Artengruppen wie den Tagfaltern zu beobachten. Mit jeder ausgestorbenen Tier- oder Pflanzenart gehen nicht nur Gene, Farben, Formen und Geräusche unwiederbringlich verloren. Auch wichtige Ökosystemleistungen sind dadurch bedroht, wie die Bestäubung vieler Nahrungspflanzen durch Insekten, die klimaregulierende Funktion von Pflanzen oder auch die heilsame Wirkung einer durch natürliche Vielfalt geprägten Landschaft auf den Menschen.
In Deutschland sind inzwischen jede achte Vogelart, ungefähr 130 Ackerwildkrautarten, jede dritte Amphibie und die Hälfte der Insekten gefährdet. »Das Artensterben geht in beängstigendem Tempo voran«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger vom Institut für Landnutzungssysteme des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. »Mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Das schafft Lebensräume für Tiere und Pflanzen, stellt gleichzeitig aber auch eine Gefährdung dar.« Ein Grund: Felder und Wiesen werden ausgerechnet dann bearbeitet, wenn sich Pflanzen und Tiere fortpflanzen. »Der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und mineralische Stickstoffdüngemittel im Ökolandbau ist schon eine gute Voraussetzung für den Naturschutz. Wenn wir das Artensterben aufhalten wollen, müssen wir aber noch mehr Bereiche in der landwirtschaftlichen Bearbeitung unter Naturschutzaspekten überprüfen, Bewirtschaftungsalternativen aufzeigen und diese auch bewertbar machen«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger. Was bisher fehlt, ist ein geeigneter und anerkannter Maßstab für die Praxis. Hier setzt das Modellprojekt »Landwirtschaft für Artenvielfalt« an, das 2012 unter wissenschaftlicher Leitung des ZALF gemeinsam von der Umweltorganisation WWF Deutschland und dem ökologischen Anbauverband Biopark initiiert wurde. Bisher sind 60 Biobauernhöfe in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt aktiv dabei.
Ein Katalog von Naturschutzleistungen
In den letzten Jahren hat ein Team vom ZALF unter Leitung von Diplom-Biologe Frank Gottwald und Dr. Karin Stein-Bachinger untersucht, welche Auswirkungen bestimmte Naturschutzmaßnahmen auf wildlebende Tiere und Pflanzen sowie die Landwirtschaft haben. »Ornithologen haben immer wieder in Tarnzelten gesessen, um Feldvögel zu beobachten«, erzählt Frank Gottwald. »Diese nisten gerne im Kleegras, das auf Biohöfen zur Futtergewinnung und Bodenverbesserung angebaut wird«, scheinbar gute Voraussetzungen für Feldvögel. Aber das Kleegras wird gemäht, wenn die Jungvögel noch nicht fliegen können – nur wenige überleben das. Acker-Lichtnelke und Acker-Schwarzkümmel sind heute nur noch selten auf den Feldern zu finden. Sie blühen erst im Sommer, wenn das Getreide schon reif ist. Ihr Problem: Die Äcker werden sofort nach der Ernte bearbeitet. Damit werden auch die Kräuter untergepflügt, bevor sie Früchte bilden können. Ihre Beobachtungen haben die Experten ausgewertet und Vorschläge entwickelt, wie diese Konflikte gelöst werden können. »Wird das Kleegras später gemäht oder bleibt sogar ein Teilbereich stehen, werden die Nester der Feldvögel nicht zerstört. Das hilft auch Junghasen, Amphibien, Tagfaltern und Heuschrecken, die in der höheren Vegetation Nahrung und Deckung finden.« Mehr als 100 Naturschutz-ideen für Felder, Wiesen und Weiden, die Pflege der Landschaft und den Schutz einzelner Arten haben die Experten zusammengetragen. Speziell geschulte Naturschutzberater helfen den Landwirten genau jene herauszufiltern, die für ihren Standort und ihre Betriebsabläufe sinnvoll sind.
Artenschutz geht uns alle an
»Naturschutz bedeutet für die Landwirte in der Regel einen zusätzlichen Aufwand«, erklärt Dr. Karin Stein-Bachinger. »Dieser investiert nicht nur Zeit, er nimmt auch Ertragseinbußen in Kauf. Um hierfür einen Ausgleich zu schaffen, bedarf es auch der Unterstützung des Lebensmittelhandels und der Verbraucherinnen und Verbraucher.« Den Landwirten zahlt das Handelsunternehmen EDEKA daher einen Aufpreis für bestimmte Produkte, quasi als Naturschutz-Bonus. Für den Verbraucher entstehen keine Mehrkosten. Ein eigens entwickeltes Logo »Landwirtschaft für Artenvielfalt« kennzeichnet die Produkte.
Um diese Zertifizierung zu erreichen, müssen die Betriebe Naturschutzpunkte sammeln. Dazu haben die Forscher am ZALF gemeinsam mit einem Team von 40 Experten aus den Bereichen Naturschutz, Landwirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung jede Naturschutzmaßnahme mit Punkten bewertet. »Die Punktzahl richtet sich danach, wie effektiv die Maßnahme für den Schutz von wildlebenden Tier- und Pflanzenarten sowie deren Lebensräume ist. So gibt es für die spätere Bodenbearbeitung nach der Ernte bis zu einem Punkt pro Hektar, acht Wochen ohne Nutzung während der Brutzeit im Kleegras bringt drei Punkte pro Hektar, und wenn Teilflächen über Winter sogar stehengelassen werden, ist das gleich zehn Punkte wert.« Für das Naturschutzzertifikat muss der Betrieb eine Mindest-punktzahl pro Hektar erfüllen. Das System ermöglicht daher sowohl eine Bewertung sehr kleiner, aber auch sehr großer Betriebe. Mehr als 50 Ökobetriebe in Nordost-Deutschland sind bereits zertifiziert.
Diese Naturschutzbewertung für Landwirtschaftsbetriebe ist deutschlandweit bisher einzigartig. Es wird kein klassischer Einzelarten- oder Einzelflächen-Naturschutz betrieben. »Mit den bisher beteiligten Landwirten können wir auf einer Gesamtfläche von ca. 40.000 Hektar erstmals großflächigen und umfassenden Naturschutz gemeinsam mit der Landwirtschaft realisieren«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger. Eine Fachjury zeichnete das Projekt dafür im Jahr 2016 als weg-weisendes Projekt der UN-Dekade »Biologische Vielfalt« aus. Nun ist der Kunde gefragt. Mit dem Kauf der Produkte kann jeder einen Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt leisten. Über einen Tracking Code gelangt man auf die Website des Projektes www.landwirtschaft-artenvielfalt.de und kann sich dort informieren und erfahren, welche Leistungen die Betriebe für den Naturschutz erbringen. Bisher gibt es die Naturschutz-Produkte nur in den EDEKA-Nord-Märkten. »Unser Ziel ist es, dass weitere Ökobetriebe aus anderen Regionen Deutschlands mitziehen«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger. Das Modell macht Schule: In Süddeutschland werden ab 2017 Untersuchungen auf zehn Pilotbetrieben durchgeführt.

03.03.2017, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Clownfrösche: neu entdeckt und schon bedroht? Verborgene Artenvielfalt im Amazonasgebiet aufgedeckt
Ein Team unter Mitwirkung des Senckenberg-Wissenschaftlers Dr. Martin Jansen hat im Amazonasgebiet zwei neue Clownfrosch-Arten entdeckt. Die bunt-gefärbten Amphibien wurden bisher fälschlicherweise zu einer anderen Art gezählt. Die neuentdeckten Arten sind aufgrund ihrer kleinen Verbreitungsgebiete wahrscheinlich bedroht, die Ermittlung des Schutzstatus der neuen Arten steht aber noch aus. In ihrer heute im Fachjournal PloSONE publizierten Studie machen die Wissenschaftler deutlich, dass eine komplette Arteninventur nur in internationaler Zusammenarbeit möglich ist.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden mehr als 810.000 Quadratkilometer Regenwald im Amazonasgebiet zerstört, täglich verschwinden dort Arten aller Tierstämme. „Durch unsere neue Studie zeigen wir einmal mehr, dass wir die tatsächliche Artenvielfalt der Frösche Südamerikas noch nicht im Ansatz kennen, und dass auch vermeintlich weit verbreitete Arten gefährdet sein können“, erklärt Mitautor Dr. Martin Jansen vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fährt fort: „Wir haben die als ‚Allerweltsarten’ bekannten Clownfrösche Dendropsophus leucophyllatus und Dendropsophus triangulum bei Expeditionen in sechs Länder Amazoniens genau unter die Lupe genommen und konnten darlegen, dass es sich nicht um zwei, sondern um mindestens fünf, vielleicht sogar sieben Arten handelt. Zwei davon konnten wir als neu beschreiben.“
Clownfrösche sind eine Gruppe vor allem im Amazonasbecken weit verbreiteter Frösche, die aber auch in den angrenzenden Savannen vorkommen, ihren Populärnamen tragen sie aufgrund ihrer auffällig schönen Färbung. Die neuendeckten Arten leben in Bolivien und Peru und konnten erst mit Hilfe der „integrativen Taxonomie“ als eigenständige Arten entlarvt werden. „Wir haben sowohl morphologische und genetische Informationen, als auch die Rufe der Frösche miteinander verglichen – durch eine Kombination der verschiedenen Methoden konnten wir die beiden neuen Arten dann abgrenzen und zeigen, dass hinter den bisherigen zwei Arten eigentlich ein ganzer Artenkomplex steckt “, erläutert Jansen. Ganz besonders freut ihn die Entdeckung der neuen Art im Gebiet der Forschungsstation „Chiquitos“, die von Senckenberg mitbetrieben wird: „Dieser schöne Frosch ist eine Art „Flaggschiff“, die zeigt, wie wichtig biologische Feldstationen sind und dass es sich auszahlt, die Natur eines Gebietes über Jahre hinweg zu beobachten, besonders in den unerforschten Regionen der Megadiversitätsländer.“
Die heute erschienene Studie zeigt, dass die Zahl der Froscharten insbesondere in den Neotropen noch weit unterschätzt wird. Gründe hierfür sind die enorme Größe des Amazonasbeckens und das Fehlen einer flächendeckenden wissenschaftlichen Sammlung. Marcel Caminer, Erstautor der Studie von der Universidad Católica del Ecuador hierzu: „Amazonien ist von vielen Einflüssen bedroht: Zum einen die Abholzung, der Bergbau, und die Erdölförderung, zum anderen der Klimawandel. Deshalb ist es wichtig, eine komplette Bestandsaufnahme der Arten zu haben, um dann die notwendigen Schritte zum Schutz der Biodiversität zu unternehmen.“
Auch die beiden neuentdeckten Clownfroscharten sind wahrscheinlich bereits bedroht: ihre Verbreitungsgebiete sind räumlich stark begrenzt und durch Habitatzerstörung gefährdet. Jansen ergänzt: „Erst wenn wir alle Arten und ihre Verbreitungsräume wirklich kennen, können wir fundierte Aussagen über Auswirkungen wie zum Beispiel des Klimawandels machen. Die größte Bedrohung der Amphibien weltweit ist aber immer noch die Lebensraumzerstörung. Unsere Studie zeigt, dass wir für effektive Schutzmaßnahmen die tatsächliche Vielfalt der Arten, vor allem aber auch ihre tatsächliche räumliche Verbreitung erst noch erforschen müssen. Dazu brauchen wir aber mehr Experten – die taxonomische Forschung wird heute mehr denn je gebraucht.“
Publikation
Caminer MA, Milá B, Jansen M, Fouquet A, Venegas PJ, Chávez G, et al. (2017) Systematics of the Dendropsophus leucophyllatus species complex (Anura: Hylidae): Cryptic diversity and the description of two new species. PLoS ONE 12(3): e0171785. doi:10.1371/journal.pone.0171785

03.03.2017, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Forscher der Universität Münster rekonstruieren Stammbaum der Biber
Der Stammbaum des Bibers ist erstmals rekonstruiert. Dies gelang einem Team um Dr. Liliya Doronina von der Universität Münster. Gemeinsam mit Kollegen vom Institut für Experimentelle Pathologie der Medizinischen Fakultät und von der Technologie-Plattform „Genomik“ der Fakultät verglich Liliya Doronina Teile des Biber-Erbguts mit dem Erbgut anderer Nager. Konkret nahmen die Forscher dabei springende Gene in den Blick.
Sie sind nachaktiv und auch ihr Stammbaum lag bisher weitgehend im Dunkeln: Biber. Weil ihre Kaumuskeln denen von Eichhörnchen ähneln, sahen Biologen sie lange als Hörnchenverwandte (Sciuromorpha). Doch durch molekulare Analysen ist inzwischen bekannt, dass die beiden Nager nur entfernte Cousins sind. Ein Team um Dr. Liliya Doronina von der Universität Münster konnte den Nagetier-Stammbaum nun erstmals rekonstruieren – die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“, einem Ableger der „Nature“, nachzulesen.
Biber (lateinischer Gattungsname: Castor) verbreiteten sich vor 33 Millionen Jahren von Nordamerika aus in Asien und Europa. Vor 24 Millionen Jahren lernten diese Tiere schwimmen und begannen, sich durch geschicktes Baumfällen ihren eigenen Pool zu stauen. Damit entwickelte sich ihre auffällige Kaumuskulatur, die lange zu einer falschen Familienzuordnung führte. Heute gibt es zwei Arten: den Eurasischen Biber und den Kanadischen Biber, der vermutlich von eurasischen Auswanderern vor acht Millionen Jahren abstammt.
Um den Stammbaum bibersicher zu rekonstruieren, verglichen Liliya Doronina und Kollegen aus der Gruppe von Jürgen Schmitz vom Institut für Experimentelle Pathologie der Medizinischen Fakultät – unterstützt von Andreas Huge aus der Technologie-Plattform „Genomik“ der Fakultät – Teile des Biber-Erbguts mit dem Erbgut anderer Nager. Konkret nahmen die Forscher springende Gene in den Blick. Das sind Erbgutabschnitte, die sich selbst kopieren und neue Positionen im Erbgut einnehmen können. Wenn solche springenden Gene bei zwei Tieren an der gleichen Stelle des Erbguts vorkommen, weist das auf einen gemeinsamen Vorfahren und damit auf eine enge Verwandtschaft hin.
Allerdings: Das Erbgut des Bibers ist bislang nicht vollständig entschlüsselt; in Datenbanken stehen lediglich Erbgutfragmente mit einer Länge von etwa 100 Basenpaaren zur Verfügung. Um herauszufinden, ob sich springende Gene tatsächlich an gleicher Stelle im Erbgut zweier Tiere befinden, werden aber längere Sequenzen von 500 bis 700 Basenpaaren benötigt. Die Forscher schafften es, aus dem kurzen Sequenzen längere Abschnitte zusammenzusetzen, die insgesamt rund drei Prozent des Bibererbguts ausmachen. Das Ergebnis des Vergleichs mit dem Erbgut anderer Nager: Biber und Taschennager (Geomyoidea) gehören auf einen Abstammungsast (Castorimorpha) und bilden die älteste Abspaltung innerhalb der mausverwandten Arten. Damit sind sie weit entfernt von den Eichhörnchen.
Das genaue Vorgehen und ein neuer Stammbaum der Nagetiere sind am 3. März in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht worden.
Originalpublikation:
Scientific Reports: The Beaver’s Phylogenetic Lineage Illuminated by Retroposon Reads, Liliya Doronina, Andreas Matzke, Gennady Churakov, Monika Stoll, Andreas Huge & Jürgen Schmitz 7:43562 (DOI: 10.1038/srep43562).

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