Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

03.07.2017, Universität Ulm
Das Wildbienensterben stoppen: Unter welchen Bedingungen kehren die Bestäuber zurück?
Wildbienen haben eine wichtige Funktion im Ökosystem, doch zahlreiche Arten sind bedroht. Im Projekt BienABest erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Prof. Manfred Ayasse von der Universität Ulm, unter welchen Bedingungen die Bestäuber zurückkehren. Zudem erhoffen sie sich Rückschlüsse auf Ursachen des Massensterbens. Anhand der neuen Erkenntnisse sollen gemeinsam mit dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) bundesweit verfügbare VDI-Richtlinien festgeschrieben werden. Als weiteres Projektziel wird die breite Öffentlichkeit über den Nutzen der Wildbienen informiert.
Als Bestäuber erfüllen Wild- und Honigbienen in der Natur eine wichtige Aufgabe. Doch mittlerweile stehen mehr als die Hälfte der Wildbienenarten auf der Roten Liste: Vor allem in der Agrarlandschaft sind die Insekten und somit die Biodiversität stark gefährdet. Im Projekt BienABest wollen Ulmer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Professor Manfred Ayasse zusammen mit dem Verbundpartner Verein Deutscher Ingenieure (VDI e.V.) Wildbienenweiden sowie Nistgelegenheiten anlegen und so optimieren, dass die Bestände der gefährdeten Arten langfristig gesichert werden können. Im Zuge des Projekts erhoffen sie sich auch Rückschlüsse auf Ursachen des Bienensterbens – von fehlenden Nahrungspflanzen bis zu Pestiziden. Das sechsjährige Projekt BienABest wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz gefördert. Die Mittel stellt das Bundesumweltministerium zur Verfügung.
Wildbienen spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem – auch bei der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte. Dabei sind einige Arten hochspezialisiert und nutzen im Extremfall nur Blüten einer einzigen Pflanzenart zur Pollen- und Nektaraufnahme. Im Projekt BienABest untersucht die Gruppe um Ayasse an 20 Standorten in ganz Deutschland, unter welchen Bedingungen Wildbienen ausbleiben – und wann sie zurückkehren. In der Agrarlandschaft schaffen die Biologen deshalb ideale Bedingungen und legen insgesamt 60 „Wildbienenweiden“ mit heimischen Kräutern, einzelnen Kulturpflanzen und Nisthügeln in der Flugdistanz zu naturnahen wildkräuterreichen Wildbienenhabitaten an. Speziell für diese neu angelegten Flächen entwickeln sie idealtypische einheimische Saatgutmischungen. „An diesen Wildbienenweiden und an konventionellen sowie naturnahen Referenzflächen in der Umgebung werden Bienen beobachtet, erfasst und ihre Art mit bestandschonenden Methoden bestimmt“, erklärt Professor Manfred Ayasse vom Institut für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik der Universität Ulm. Darüber hinaus analysiert die Forschergruppe Bodenproben auf das Vorkommen von Pestiziden und erhebt weitere Umwelt- und Landnutzungsparameter. Mit den so gewonnenen Daten wollen sie zum einen das Bienenvorkommen an den verschiedenen Lokalitäten erfassen und zum anderen auf das ideale Nahrungs- und Nisthabitat der Insekten schließen. Anhand dieser Erkenntnisse sollen bisher eingesetzte wildbienenunterstützende Maßnahmen überprüft und Richtlinien für die Anpflanzung „idealer“ Bienenweiden erstellt werden.
Zusätzlich erlaubt die Untersuchung wichtige Rückschlüsse auf den Einfluss von intensiver Landnutzung oder etwa Umweltgiften.
Außerdem planen die Partner, im Zuge des Projekts eine standardisierte Erfassungsmethode und einen Wildbienen-Bestimmungsschlüssel zu entwickeln. Wie können Wildbienenbestände systematisch erhoben und bestimmt werden, ohne ihr Leben zu gefährden? „Hierzu wollen wir einen auf Fotos und Abbildungen basierenden Schlüssel als App für Smartphones und Tablet-PCs erstellen, der die Artbestimmung im Gelände ermöglicht und somit auf längere Sicht Aussagen über die Bestandsentwicklung erlaubt“, erklärt Ayasse. Zusammen mit dem Verein Deutscher Ingenieure sollen Erfassungsmethode und Feldbestimmungsschlüssel standardisiert und in bundesweit verfügbaren VDI-Richtlinien festgeschrieben werden. Zukünftig stehen diese Richtlinien als Grundlage für ein systematisches Langzeitmonitoring von Wildbienen zur Verfügung. Um den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Erfassung und Bestimmung von Wildbienen auszubilden, erstellen die Biologen zudem Schulungsunterlagen.
Darüber hinaus bauen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stark auf Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Erkenntnisse sollen nicht nur in Fachzeitschriften publiziert werden, sondern zum Beispiel auch – zielgruppengerecht aufbereitet – in den sozialen Medien. So wird die breite Bevölkerung über den Nutzen von Wildbienen und mögliche Schutzmaßnahmen informiert.
Das Gesamtprojekt „Standardisierte Erfassung von Wildbienen zur Evaluierung des Bestäuberpotentials in der Agrarlandschaft“ (BienABest) soll dazu beitragen, dass Wildbienen schon bald wieder alltäglich sind und ihrer wichtigen Aufgabe als Bestäuber nachkommen können. Ein Projektbeirat des VDI begleitet und evaluiert das Vorhaben.

04.07.2017, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Erst die Weibchen, dann die Männchen? Alters- und Geschlechterverhältnis bei Waldschnepfen auf dem Herbstzug
Die Waldschnepfe ist mit 20-26 Millionen Individuen die häufigste und mit einer jährlichen Jagdstrecke von 2,7 Mio. auch die am häufigsten geschossene Watvogelart in Europa. Über das Alter der Vögel ist bereits relativ viel bekannt, weniger erforscht ist hingegen das Geschlechterverhältnis, da sich Männchen und Weibchen optisch nicht unterscheiden lassen. Eine aktuelle Auswertung brachte nun interessante Details zum Zuablauf hervor.
In der Studie, die im European Journal of Wildlife Research veröffentlicht ist, wurden 327 in Dänemark geschossene Waldschnepfen aus zwei Jagdperioden (1.10.-31.1. 2012/13 und 2013/14) einer DNA-Analyse unterzogen. Es stellte sich heraus, dass insgesamt 37 % der geschossenen Waldschnepfen junge Weibchen betrafen. 27 % entfielen auf junge Männchen, 16 % auf adulte Weibchen und 20 % auf adulte Männchen. Besonders auffällig war ein starker Weibchen-Überschuss unter den Jungvögeln im Oktober, während zu keiner anderen Zeit oder bei Altvögeln ähnliche Verhältnisse auftraten. Unter Berücksichtigung weniger vergleichbarer Untersuchungen aus anderen Ländern Europas kommen die Forscher zu dem Schluss, dass der Herbstzug der Waldschnepfe mit einer Welle junger Weibchen beginnt, der junge Männchen und Altvögel folgen. Möglicherweise verharren die Männchen in Herbst und Winter grundsätzlich weiter nördlich als weibliche Vögel. Das ermittelte Durchzugsmuster lässt vermuten, dass ein späterer Beginn der Jagdzeiten den Abschuss von Weibchen reduzieren könnte. Dies könnte sich wiederum positiv auf die Reproduktion dieser polygamen Art auswirken.
Verbreitung und Bestandsentwicklung der Waldschnepfe in Deutschland sind – wie auch die Daten zu allen 279 weiteren Brutvögeln – im Atlas Deutscher Brutvogelarten beschrieben.
Weitere Informationen
Christensen et al. 2017: Seasonal variation in the sex and age composition of the woodcock bag in Denmark. Eur J Wildl Res 63: 52. doi:10.1007/s10344-017-1114-5

04.07.2017, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Wiesenweihen offenbaren erstaunliche Flugleistungen
Die beeindruckenden Strecken, die viele Langstreckenzieher wie die Küstenseeschwalbe zweimal pro Jahr zurücklegen, sind weit bekannt. Doch während man bei einigen Arten mittlerweile recht genau weiß, welche Strecken zwischen Brut- und Winterquartier zurückgelegt werden, haben sich bislang nur wenige Studien mit den Distanzen während der übrigen Zeit des Jahres beschäftigt. Mithilfe von GPS-Daten von 29 besenderten Wiesenweihen in Brutgebieten in Frankreich, den Niederlanden und Dänemark sind Wissenschaftler dieser Sache nun auf den Grund gegangen. Die Ergebnisse wurden im Wissenschaftsjournal Biology Letters veröffentlicht.
Insgesamt legten die Vögel im Jahresverlauf zwischen 35.000 und 88.000 Kilometer zurück – was der Strecke von ein bis zwei Erdumrundungen entspricht. Gerade einmal 28,5% dieser Strecke entfielen dabei auf den Zugweg. Im Herbst legten die Wiesenweihen pro Tag durchschnittlich knapp 300 km zurück, auf dem Frühjahrszug rund 250 km. Erstaunlicherweise flogen die Männchen auch während der Brutzeit vergleichbare Distanzen (217 km), während die Weibchen zu dieser Zeit nur deutlich kürzere Ausflüge machten (101 km). Bezogen auf die reine Flugleistung ist die Brutzeit für die Männchen also ähnlich fordernd wie der Zug in die afrikanischen Winterquartiere. Im Überwinterungsgebiet wurden bei beiden Geschlechtern weitaus kürzere Distanzen zurückgelegt als auf dem Durchzug (114 bzw. 128 km).
Weitere Informationen
Schlaich et al. 2017: A circannual perspective on daily and total flight distances in a long-distance migratory raptor, the Montagu′s harrier, Circus pygargus. Biol. Lett. 2017 13 20170073; doi: 10.1098/rsbl.2017.0073.

04.07.2017, Deutsche Wildtier Stiftung
Kaum geschlüpft, schon verhungert
Die Deutsche Wildtier Stiftung sagt, warum Rebhuhn-Küken in Deutschland kaum noch Überlebenschancen haben
Feld und Wiesen sind zurzeit eine einzige Kinderstube. Als Nesthäkchen aller Tiere kommen jetzt im Juli die Rebhuhn-Küken auf die Welt. Aber während Entenküken oder Jungtauben genug Futter finden, müssen Rebhuhn-Küken schon vom ersten Tag an ums Überleben kämpfen. „Die Küken-Sterblichkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestiegen“, sagt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Wildbiologen sind sich da einig: Der Mangel an geeignetem Lebensraum für Brut und Kükenaufzucht ist die Hauptursache für den Rückgang des Rebhuhnbestands in Deutschland. „Europaweit ist die Rebhuhnpopulation seit 1980 um 94 Prozent eingebrochen. Die Küken verhungern schlichtweg“, berichtet Kinser.
Als Nestflüchter folgen Rebhuhn-Küken ihren Eltern auf Schritt und Tritt und lernen so ganz schnell, wo sie ihr Futter finden. Der gerade erst geschlüpfte Nachwuchs lebt fast ausschließlich von tierischem Eiweiß. Vor allem Ameisenlarven stehen auf ihrem Speiseplan, die meist auf lichten Bodenstellen und an Feldrändern zu finden sind. Und genau hier liegt das Problem: Durch die intensive Landwirtschaft gibt es quasi keine offenen Bodenstellen mehr, auf denen Ameisen und andere Insekten existieren. Der häufige Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft gibt den letzten Insekten den Rest.
Damit das Rebhuhn wieder auf die Beine kommt, unterstützt die Deutsche Wildtier Stiftung ein Projekt der Universität Göttingen. „In unseren Untersuchungsgebieten legen Landwirte strukturreiche Blühflächen für die Rebhühner an.“, erklärt Projektleiter Dr. Eckhard Gottschalk von der Abteilung Naturschutzbiologie der Universität Göttingen. „Das Besondere daran ist, dass es einen Teil mit älterer Vegetation gibt, in dem die Vögel genügend Deckung zum Brüten finden, und einen frisch eingesäten, lichten Vegetationsbereich, in dem sich die Küken an Spinnen und Larven satt futtern können“, so Gottschalk weiter. In den frisch eingesäten Bereichen der Blühflächen ist die Insektendichte vier Mal höher als in einem Getreideacker.
Als sogenannte Agrarumweltmaßnahmen werden diese freiwilligen Artenschutzleistungen der Landwirte mit einem finanziellen Ausgleich des Landes Niedersachsen oder durch Projektmittel honoriert.
Allerdings: Die öffentlichen Mittel für solche wertvollen Leistungen sind knapp bemessen und nur wenige Landwirte nehmen an Agrarumweltmaßnahmen teil. „Der Löwenanteil der landwirtschaftlichen Förderung wird im Moment per Gießkanne verteilt. Damit wird es keine Trendwende beim Rebhuhn geben“, so Andreas Kinser. „Wir fordern eine gezielte Unterstützung von Landwirten, die bei der Produktion Rücksicht auf Wildtiere nehmen!“

04.07.2017, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Was macht eine erfolgreiche Art aus?
Bisherige Studien beschäftigten sich hauptsächlich mit bedrohten Arten, obwohl die Gewinner von Umweltveränderungen die Zusammensetzung zukünftiger Ökosysteme bestimmen werden. Mareike Hirschfeld und Mark-Oliver Rödel aus dem Museum für Naturkunde Berlin erforschten daher die Gründe für das erfolgreiche Überleben von Arten in gestörten Regenwäldern. Hierzu untersuchten sie die Vorkommen von Froscharten in unberührten und anthropogen veränderten Wäldern sowie deren Eigenschaften, um die Arten, die die Regenwälder in einer vom Menschen dominierten Welt dominieren werden, zu identifizieren.
Tropische Regenwälder sind die diversesten terrestrischen Ökosysteme der Erde und beherbergen Millionen von verschiedenen Pflanzen- und Tierarten. Gleichzeitig sind diese Regionen die am stärksten gefährdeten Lebensräume weltweit. Sie haben den höchsten Prozentsatz an endemischen Arten und viele von ihnen sind daher als Biodiversitäts-Hotspots aufgeführt. Unberührte tropische Wälder nehmen mit dramatischer Geschwindigkeit ab und oft bleiben nur noch Mosaike von kleinen Fragmenten, die in landwirtschaftlichen Gebieten und menschlichen Siedlungen eingebettet sind. Diese dramatische Umwandlung von unberührten Waldlebensräumen ist ein weltweites Phänomen und ein wichtiger Grund für die aktuelle Biodiversitätskrise. Viele Arten haben in den letzten Jahrzehnten enorm in ihrer Häufigkeit abgenommen oder sind sogar ausgestorben. Allerdings sind nicht alle Arten rückläufig, einige überleben erfolgreich, andere nehmen in diesen stark gestörten Lebensräumen sogar in Abundanz zu.
Aufgrund ihrer semipermeablen Haut und ihres meist zweiphasigen Lebenszyklus mit aquatischen Kaulquappen und terrestrischen Adulten werden die Amphibien besonders durch die sie umgebende Umwelt beeinflusst. So machen der Verlust und die Veränderung ihrer natürlichen Lebensräume, aber auch der zunehmende Klimawandel sie besonders anfällig. Amphibien sind aktuell die am stärksten bedrohte Wirbeltierklasse, aber nicht alle Arten verschwinden in menschlich veränderten Landschaften. Warum reagieren verschiedene Arten auf Umweltveränderungen so unterschiedlich?
Bisherige Studien beschäftigten sich hauptsächlich mit den bedrohten Arten, den Verlierern von aktuellen Umweltveränderungen. Obwohl die Gewinner höchstwahrscheinlich zukünftige Ökosysteme dominieren werden, wurden diese bisher wenig beachtet. Mareike Hirschfeld und Mark-Oliver Rödel aus dem Museum für Naturkunde Berlin waren daher daran interessiert, die Gründe für das erfolgreiche Überleben von Arten in gestörten Lebensräumen aufzudecken. Hierzu nutzen sie einen pantropischen Datensatz über das Vorkommen von Froscharten in unberührten und anthropogen veränderten Wäldern und testeten, ob Lebenslauf-Merkmale, ökologische Merkmale oder die Größe ihres Verbreitungsgebiets die Überlebenswahrscheinlichkeit einer Art in gestörten Gebieten beeinflusst. Durch die Kombination verschiedener statistischer Ansätze zeigen sie, dass Arten mit einer direkten Entwicklung (Arten mit Kaulquappen), solche mit einem großen Verbreitungsgebiet, solche die unabhängig von Flüssen und in der Laubstreu leben am besten Veränderungen ihrer natürlichen Habitate tolerieren. Arten, die diese Eigenschaften teilen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in den gestörten tropischen Waldsystemen bestehen bleiben. So lassen sich zukünftige Froschgemeinschaften vorhersagen und damit die Arten mit einer zunehmenden Wirkung auf die Ökosysteme in der vom Menschen dominierten Welt zu identifizieren.
Publikation:
Hirschfeld & Rödel: What makes a successful species? Traits facilitating survival in altered tropical forests. BMC Ecology 2017 17:25; DOI:10.1186/s12898-017-0135-y
https://bmcecol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12898-017-0135-y

04.07.2017, Universität Basel
Gottesanbeterinnen machen weltweit Jagd auf Vögel
Eine Studie von Zoologen aus der Schweiz und den USA zeigt: Bei Gottesanbeterinnen rund um den Globus stehen auch Vögel auf dem Speiseplan. Die Fachzeitschrift «Wilson Journal of Ornithology» hat die Resultate soeben veröffentlicht.
Gottesanbeterinnen sind mit kräftigen Fangbeinen ausgestattete Raubinsekten, welche sich grösstenteils von Gliederfüssern wie Insekten und Spinnen ernähren. Eher selten wurden diese Tiere beim Fressen von kleinen Wirbeltieren wie etwa Fröschen, Eidechsen, Salamander oder Schlangen beobachtet. Eine neue Studie der Zoologen Martin Nyffeler (Universität Basel), Mike Maxwell (National University, La Jolla, California) und James Van Remsen (Louisiana State University) zeigt nun, dass Gottesanbeterinnen auch kleine Vögel töten und fressen.
Fressen von Vögeln hat weltweite Verbreitung
Die Forscher trugen eine Vielzahl von Vorfällen von vogelfressenden Gottesanbeterinnen zusammen. In einer Übersichtsstudie zeigen sie auf, dass Gottesanbeterinnen aus zwölf Arten und neun Gattungen im Freiland beim Fressen von Vögeln beobachtet wurden. Dokumentiert ist dieses aussergewöhnliche Fressverhalten in 13 verschiedenen Ländern auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis. Auch bei den Opfern herrscht Vielfalt, so weist die Studie nach, dass 24 unterschiedliche Vogelarten aus 14 Familien zur Beute des Raubinsekts zählen. «Dass das Fressen von Vögeln bei Gottesanbeterinnen dermassen weitverbreitet ist – geographisch und im Hinblick auf die Vielzahl der beteiligten Arten – ist eine spektakuläre Entdeckung», kommentiert Martin Nyffeler von der Universität Basel und Leiter der Studie.
Gottesanbeterinnen als Bedrohung für kleine Vögel
Die Forscher trugen 147 dokumentierte Fälle dieses Fressverhaltens aus der ganzen Welt zusammen – mehr als 70 Prozent ereigneten sich in den USA. Gottesanbeterinnen erbeuten dort oft Vögel an Kolibri-Zuckerwasserschalen, die in Hausgärten hängen, oder lauern ihrer Beute an Pflanzen auf, die von Kolibris bestäubt werden. So sind es denn auch hauptsächlich Kolibris – und ganz besonders häufig der Rubinkehlkolibri (Archilochus colubris) – welche den Gottesanbeterinnen zum Opfer fallen.
Vor Jahrzehnten wurden in Nordamerika mehrere grosse, nichtheimische Arten von Gottesanbeterinnen (z.B. Mantis religiosa und Tenodera sinensis) zur biologischen Schädlingsbekämpfung freigelassen. Diese eingeschleppten Arten stellen nun für Kolibris und kleine Sperlingsvögel eine Gefahr dar. Allerdings sind unter den vogelfressenden Gottesanbeterinnen auch grosse einheimische Arten. «Die Studie macht deutlich, welch grosse Gefahr Gottesanbeterinnen für den Bestand der Vögel darstellen. Bei der Freilassung von Gottesanbeterinnen zur Schädlingsbekämpfung ist deshalb Vorsicht geboten», sagt Nyffeler.
Originalartikel
Martin Nyffeler, Michael R. Maxwell, J. V. Remsen, Jr.
Bird predation by praying mantises: a global perspective
The Wilson Journal of Ornithology (2017) 129(2): 331-344 | DOI: 10.1676/16-100.1

06.07.2017, Ludwig-Maximilians-Universität München
Parasitismus: Die Strategien der Wurzelkrebse
Je dicker der Wirt, desto wohlgenährter sind auch die Gäste – das gilt jedenfalls, wenn die Gäste parasitische Krebstiere sind. Eine neue Studie zeigt diesen Zusammenhang und weist darauf hin, mit welcher Strategie die Parasiten am Anfang der Evolution Erfolg hatten.
Wurzelkrebse (Rhizocephala) sind parasitische Verwandte der Seepocken, die Zehnfußkrebse befallen. Sie bestehen aus zwei Teilen: Einer äußeren sackähnlichen Struktur, die die Reproduktionsorgane enthält, und einem wurzelähnlichen Netzwerk, mit dem sie das Innere ihres Wirts durchdringen. Diese Art des Parasitismus ist selten und macht die Gesamtgröße der Wurzelkrebse schwer messbar. Wissenschaftler um die LMU-Biologin Christina Nagler und Professor Henrik Glenner (Universität Bergen, Norwegen) konnten nun mithilfe sogenannter Mikro-Computertomographie (mikro-CT) erstmals nicht-invasiv das Volumen von Parasit und Wirt bestimmen und nachweisen, dass beide positiv korrelieren: Je größer der Wirt, desto größer war auch der Parasit. Zudem konnten die Wissenschaftler mit der neuen Methode Hinweise auf die Lebensstrategie der Wurzelkrebse gewinnen und Rückschlüsse auf deren Evolution ziehen.
Wurzelkrebse gehören zu den parasitischen Kastrierern, die von ihnen befallenen Wirte verlieren ihre Fortpflanzungsfähigkeit. Dies ist für den Parasit vorteilhaft, da er dann die Energie, die der Wirt ansonsten in die Fortpflanzung stecken würde, für seine eigene Vermehrung nutzen kann. Grundsätzlich können die parasitischen Wurzelkrebse in zwei Gruppen eingeteilt werden, die sich in ihrer Strategie unterscheiden: Kentrogoniden und Akentrogoniden. Kentrogoniden durchlaufen ein freies Larvenstadium, bevor sie den Wirt befallen. Sie reproduzieren sich mehrmals und bilden morphologisch unterschiedliche Eier. Das erhöht die Chance, Wirte in anderen Umweltbereichen zu besiedeln. Akentrogoniden-Larven dagegen befallen nach dem Schlüpfen direkt den Wirt und sind dadurch vor Räubern geschützt. Allerdings wird das Verbreitungsgebiet durch die verkürzte Larvenphase eingeschränkt. Die Wissenschaftler verglichen jeweils eine kentrogonide und eine akentrogonide Art. Dabei zeigte sich, dass die akentrogonide Art eher hohe Reproduktionsraten hat und vergleichsweise viele, kleine Eier produziert (die sogenannte r-Strategie). Die kentrogonide Art setzt auf eine vergleichsweise geringe Nachkommenzahl mit weniger, größeren Eiern (die sogenannte K-Strategie).
„Aus molekular-phylogenetischen Studien wissen wir, dass sich die Kentrogeniden vor den Akentrogeniden entwickelt haben. Aus unseren Ergebnissen folgern wir daher, dass Wurzelkrebse zunächst die K-Strategie ihrer Vorfahren, der Seepocken, übernommen haben. Seepocken entwickelten diese Strategie aufgrund ihres gleichbleibenden Habitats mit stabilen Lebensbedingungen“, sagt Nagler. „Später entstanden dann auch Wurzelkrebse mit r-Strategie, die bei wechselnden Umweltbedingungen vorteilhaft sein kann.“ Als nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler mikro-CT auch bei weiteren Tierarten in Bezug auf die Wirt-Parasit-Interaktion anwenden.
Publikation:
The bigger, the better? Volume measurements of parasites and hosts: parasitic barnacles (Cirripedia, Rhizocephala) and their decapod hosts.
Christina Nagler, Marie K. Hörnig, Joachim T. Haug, Christoph Noever, Jens T. Høeg, Henrik Glenner
PLOS ONE 2017

07.07.2017, Veterinärmedizinische Universität Wien
Neue Dinge mögen gewöhnungsbedürftig sein, allerdings nicht für jeden Vogel gleich
Bislang galten Vögel, die Neuartiges eher meiden, auch als kaum erkundungsfreudig. Neugierige Vögel wie Krähen oder Papageien, die neue Dinge oder Situationen interessieren, dagegen schon. Das Misstrauen gegenüber Neuartigem wurde damit bislang als artspezifisches Merkmal und als Hemmschuh für die Erkundungsfreude angesehen. Ein internationales Team um ForscherInnen der Vetmeduni Vienna konnte nun zeigen, dass das Misstrauen nur den Zeitpunkt des Erkundens verzögert und dass das Verhalten nicht ausschließlich artspezifisch, sondern individuell verschieden ist. Die Ergebnisse der Studie wurden in Scientific Reports publiziert.
Auch bei den Vögeln werden Arten unterschieden, die für neuartige Situationen oder Dinge Interesse oder Abneigung zeigen. Jene, die mit neophobem Verhalten reagieren, Neuem also eher misstrauen, werden häufig auch als weniger erkundungsfreudig angesehen. Für Arten, die offen sind für Neuartiges, wie die Keas, die aus Neugier auch Autos in ihrer Heimat, Neuseeland,zerlegen“, gilt das Gegenteil. Neue Studien fanden jedoch heraus, dass das Erkunden und der Respekt vor neuen Dingen von unterschiedlichen Reizen ausgelöst werden und damit kein direkter Zusammenhang zwischen den beiden Verhaltensmustern besteht.
Ein internationales Team um Forschende des Messerli Forschungsinstitutes der Vetmeduni Vienna untersuchte nun mittels eines Touchscreen-Tests an vier Krähen- und fünf Papageienarten, welche Faktoren den „Abenteurergeist“ und die Erkundungsfreudigkeit beeinflussen. Das Experiment zeigte, dass das Verhalten der Vögel nicht artspezifisch ist und dass das Misstrauen gegenüber Neuem nicht vom Erkunden neuer Situationen oder Dinge abhält, sondern es lediglich hinauszögert.
Misstrauische Vögel untersuchen Neues erst nach einer Gewohnheitsphase
Für den Touchscreen-Versuch wurden Vögel wie Raben, Krähen oder Goffini-Kakadus ausgewählt, da bekannt ist, dass diese Arten ein „Technikverständnis“ haben. Keines der Tiere hatte jedoch zuvor mit einem Touchscreen gearbeitet. Nach einem Vorversuch wurden den Vögeln insgesamt 16 Formen wiederholt gezeigt und zusätzlich unbekannte Formen eingeführt. Das Forschungsteam analysierte, wann die Tiere diese neuen Muster akzeptierten und ab welchem Zeitpunkt sie sie auch näher untersuchten.
Es zeigte sich im Versuch, dass es einen zeitlichen Faktor gab. Vögel, die gegenüber neuen Formen misstrauisch waren, begannen ganz einfach später mit der Untersuchung der neuen Formen. Sie brauchten eine bestimmte Gewöhnungsphase, bevor sie bereit waren, sich mit den unbekannten Formen zu beschäftigen.
Das Individuum und nicht die Art ist entscheidend
Zusätzlich erkannten die ForscherInnen einen starken individuellen Charakter, unabhängig von der Art, wann die Vögel unbekannte Formen genauer untersuchten. Dabei spielte sowohl der Rang in der Gruppe eine Rolle, als auch das Alter. „Zwischen den Arten gab es kaum Unterschiede, bis auf die jugendlichen Aaskrähen“, so Erstautor Marc O’Hara. Bei allen anderen Vogelarten konnten die Forschenden dagegen einen deutlichen Unterschied zwischen den einzelnen Tieren erkennen. „Die Jungkrähen interessierten sich schneller für die unbekannten Formen als alle anderen Vögel“, so O’Hara.
Damit scheinen vor allem die Hierarchie und auch der Erfahrungswert eine Rolle zu spielen. „Der Mut oder der Wille etwas zu erkunden, hat vor allem mit der aktuellen Notwendigkeit, Informationen zu sammeln, zu tun. Deshalb vermuteten wir auch einen Zusammenhang mit dem Alter“, so Ludwig Huber, Leiter der Abteilung für Verhaltensforschung des Messerli Forschungsinstitutes der Vetmeduni Vienna. Umweltfaktoren, wie eine stärkere Bedrohung durch Raubtiere, scheinen geringeren Einfluss zu haben. „Das konnte durch Vergleich der diesbezüglich stark variierenden Krähen- und Papgeienarten geschlossen werden“, so Huber. „Goffini-Kakadus und Keas leben etwa auf Inseln, auf denen sie keine Gefahr durch Räuber in einer neuen Situation fürchten müssen, aber Kolkraben fressen Aas, das von gefährlichen Raubtieren wie Wölfen oder Bären erlegt wurde.“ Die Ergebnisse der Studie sollen das Verständnis erhöhen, durch welche Prozesse das Verhalten unterschiedlicher Tierarten kontrolliert wird, wenn sich ihr gewohntes Umfeld verändert.
Die Studie wurde von einem Forschungsteam des Messerli Forschungsinstitutes der Vetmeduni Vienna, der Universität Wien, des Max Planck-Instituts für Ornithologie, Deutschland und der University of Lincoln, UK, durchgeführt.
Service:
Der Artikel „The temporal dependence of exploration on neotic style in birds“ von Mark O’Hara, Berenika Mioduszewska, Auguste von Bayern, Alice Auersperg, Thomas Bugnyar, Anna Wilkinson, Ludwig Huber und Gyula Koppany Gajdon wurde in Scientific Reports publiziert.
https://www.nature.com/articles/s41598-017-04751-0

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