Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

31.07.2017, Dachverband Deutscher Dachverband
Kappenammer und Brillengrasmücke – Zwei neue Brutvogelarten in Deutschland
In der Vogelwelt kommt es laufend zu Veränderungen von Arealen und Beständen. Einige Arten werden immer seltener, andere zeigen – oft dank intensiver Schutzmaßnahmen – positive Trends. Hin und wieder gelingen auch Brutnachweise von Arten, deren Hauptverbreitungsgebiete eigentlich hunderte Kilometer entfernt liegen. Es kann sich dabei um Einzelfälle oder Vorreiter einer Arealausweitung handeln. Die möglichen Ursachen sind vielfältig und meist kaum zu klären. In Deutschland gelangen 2017 zwei bemerkenswerte Brutnachweise von Arten, die vermutlich kaum jemand als potenzielle neue Brutvogelart auf der Rechnung hatte.
Kappenammern sind in Südosteuropa von Italien über Griechenland und die Türkei bis in den Iran verbreitet. Die nördlichsten Vorkommen liegen im Osten der Ukraine. In Deutschland ist die Kappenammer eine Ausnahmeerscheinung mit nur 13 Nachweisen seit 1977. Erstmalig wurde in der Nähe von Tübingen am 30. Mai 2017 ein singendes Kappenammer-Männchen festgestellt. Da es sich um ein sensibles Gebiet mit in Baden-Württemberg vom Aussterben bedrohten Brutvögeln handelte, wurde die Entdeckung intern gehalten und nicht veröffentlicht, um Störungen im Gebiet zu vermeiden. Während weiterer Beobachtungen in der Folgezeit stellte sich dann heraus, dass sich auch eine weibliche Kappenammer im Gebiet aufhielt und die beiden offenbar mit dem Nestbau beschäftigt waren. Von da an wurde das Verhalten der Vögel genau studiert und schließlich eine erfolgreiche Brut mit vier flüggen Jungvögeln dokumentiert. Im späten Stadium der Brut wurden durch die lokalen Gebietsbetreuer Führungen für Interessierte angeboten. Während der Zeit des Ausfliegens konnten so mehr als 100 Beobachterinnen und Beobachter die erste Brut der Kappenammer in Deutschland mit eigenen Augen verfolgen. Gesammelte Spenden kamen dem Landwirt zugute, auf dessen Acker die Ammern gebrütet haben. Seiner ökologischen Wirtschaftsweise ist es überhaupt zu verdanken, dass dort noch eine bemerkenswert hohe Dichte an Feldvögeln vorkommt. Es handelt sich um den ersten Brutnachweis der Kappenammer für Deutschland. Bemerkenswert ist auch die ebenfalls erste Brut für Ungarn im Sommer 2017.
Am 13. Juni 2017 sorgte die Entdeckung einer Brillengrasmücke im auf der Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel in Nordrhein-Westfalen für Aufsehen. Viele Beobachter konnten den über mehrere Wochen eifrig singenden Vogel beobachten, der mit der Zeit aber immer heimlicher wurde. Trotz fortwährender Beobachtung wurde erst am 13. Juli von zwei Beobachtern unabhängig von einander entdeckt, dass das Brillengrasmücken-Männchen offenbar einen Partner gefunden hatte. Dank intensiver Nachsuche konnte der Brutnachweis am 19. Juli schließlich sicher dokumentiert werden: Neben dem bereits am Entdeckungstag beringten Männchen wurden sechs weibchenfarbige Brillengrasmücke gesehen und fotografisch belegt, wobei es sich dem Verhalten nach um das Weibchen und fünf flügge Jungvögel handelte. Drei der Jungvögel konnten gefangen und beringt werden. Dabei wurden auch DNA-Proben genommen, die letzte Sicherheit für eine artreine Brut geben sollen. Es handelt sich um den ersten deutschen und vierten mitteleuropäischen (nach drei Bruten in der Schweiz) Brutnachweis.

31.07.2017, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Neues Ranking: Welche eingeschleppten Arten stören uns am meisten?
Durch den Menschen eingeschleppte invasive Arten können in ihrer neuen Heimat große Schäden verursachen. Sie können nicht „nur“ zum Aussterben heimischer Arten beitragen und Ökosysteme schädigen, sondern auch die Gesundheit und die Lebensumstände des Menschen direkt beeinträchtigen. Ein internationales Forscherteam hat nun ein Einstufungssystem entwickelt, das aufzeigt, welche eingeschleppten Arten uns das Leben besonders schwer machen und eingedämmt werden sollten.
Ein bekanntes Beispiel für solch eine „störende“ Art ist die Tigermücke (Aedes albopictus), die ursprünglich aus Südostasien stammt. Sie verbreitet Krankheiten wie das Denguefieber und stellt inzwischen rund um den Globus eine Gefahr für die menschliche Gesundheit dar. Aber nicht nur Krankheiten können für den Menschen zum Problem werden: Die Aga-Kröte (Rhinella marina) etwa – die ursprünglich in Australien eingeführt wurde, um Pflanzenschädlinge auszurotten – ist nach und nach außer Kontrolle geraten und hat in die indigene Kultur eingegriffen. Der Appetit der Riesenkröte auf kleine Beutetiere hat die Buschfleischjagd, eine Tradition der Ureinwohner Australiens, zum Erliegen gebracht.
Veränderte menschliche Gewohnheiten als Informationsquelle
Den direkten Auswirkungen invasiver Arten auf die Lebensumstände und das Wohlbefinden von Menschen wurde bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt oder sie wurden unterschätzt, wenn sie nicht monetär abgebildet werden konnten. Unter der Leitung von Professor Sven Bacher von der Universität Freiburg (Schweiz) und unter Mitwirkung von Jonathan Jeschke, Professor für Ecological Novelty am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Freien Universität Berlin, hat ein internationales Forscherteam ein neues sozio-ökonomisches System zur Klassifizierung eingeschleppter Arten entwickelt: Socio-economic impact classification of alien taxa, kurz SEICAT. Es klassifiziert eingeführte Arten nach deren Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Anhand einer 5-Punkte-Skala wird erfasst, wie groß die Einschränkung einer bestimmten Aktivität oder Gewohnheit durch eine eingeschleppte Art ist.
Durch den Fokus auf die Veränderungen der menschlichen Aktivitäten erfasst SEICAT auch jene Auswirkungen invasiver Arten auf das menschliche Wohlbefinden, die von einem rein ökonomischen System übersehen würden. Die Einflüsse auf das menschliche Wohlbefinden – von der Gesundheit über die materielle Situation und Sicherheit bis hin zu sozialen und kulturellen Belangen – werden in SEICAT alle in derselben „Währung“ gemessen und erlauben so den direkten Vergleich und die Einstufung. Verglichen mit ökonomischen Messsystemen ist SEICAT nicht auf große Datenmengen angewiesen und ermöglicht in kurzer Zeit ein Ranking invasiver Arten.
Wofür ist so ein Ranking gut?
„Da die Bekämpfung aller eingeschleppten Arten finanziell und logistisch unmöglich ist, gilt es zu entscheiden, welche Arten prioritär bekämpft werden müssen. Hierbei kann SEICAT als Werkzeug zum Vergleich eingeschleppter Arten helfen“, erklärt Jonathan Jeschke die Relevanz des neuen Rankingsystems. Dieses soll das existierende EICAT-Rankingsystem (Environmental impact classification of alien taxa) ergänzen, das die Auswirkungen eingeschleppter Arten auf die Biodiversität erfasst. In der Kombination bilden EICAT und SEICAT also die ökologischen UND sozio-ökonomischen Auswirkungen ab.
Studie:
Bacher S, Blackburn TM, Essl F, Genovesi P, Heikkilä J, Jeschke JM, Jones G, Keller R, Kenis M, Kueffer C, Martinou AF, Nentwig W, Pergl J, Pyšek P, Rabitsch W, Richardson DM, Roy HE, Saul W-C, Scalera R, Vilà M, Wilson JRU, Kumschick S. (2017): Socio-economic impact classification of alien taxa (SEICAT). Methods in Ecology and Evolution. DOI: 10.1111/2041-210X.12844

31.07.2017, Georg-August-Universität Göttingen
Spielplatz für die Evolution
Der Begriff „Genom“ bezeichnet das gesamte Erbgut, das in jeder einzelnen Körperzelle hinterlegt ist und die Information für die arttypische Ausbildung von Merkmalen enthält. Beispielsweise ist im Genom einer Fruchtfliege hinterlegt, dass diese Flügel ausbildet, während im Genom einer Spinne die Information zur Entwicklung von Spinn- und Giftdrüsen enthalten ist. Bisher wurde lediglich bei Wirbeltieren eine Verdopplung des Erbguts festgestellt. Wie ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Universität Göttingen nun erstmals herausgefunden hat, haben die Genome von Spinnen und Skorpionen ebenfalls eine Genomduplikation durchlaufen.
Göttinger Biologen entdecken Genomverdopplung in Spinnen und Skorpionen
Um die Vielfalt in der Natur und deren evolutive Mechanismen zu verstehen, setzen Evolutionsbiologen auf die vergleichende Analyse von Genomen. Der Begriff „Genom“ bezeichnet das gesamte Erbgut, das in jeder einzelnen Körperzelle hinterlegt ist und die Information für die arttypische Ausbildung von Merkmalen enthält. Beispielsweise ist im Genom einer Fruchtfliege hinterlegt, dass diese Flügel ausbildet, während im Genom einer Spinne die Information zur Entwicklung von Spinn- und Giftdrüsen enthalten ist. Bisher wurde lediglich bei Wirbeltieren eine Verdopplung des Erbguts festgestellt. Wie ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Universität Göttingen nun erstmals herausgefunden hat, haben die Genome von Spinnen und Skorpionen ebenfalls eine Genomduplikation durchlaufen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift BMC Biology erschienen.
Tatsächlich besitzen Menschen zwei Kopien von zahlreichen Genen, während Fische oft sogar vier Kopien aufweisen. Die Evolutionsbiologen vermuten, dass solche Verdopplungen des Erbguts auf einen Schlag reichhaltiges genetisches Material für Neuentwicklungen zur Verfügung stellen. Sie sprechen dabei von einem „Spielplatz für die Evolution“. Ein Wissenschaftlerteam unter der Leitung der Oxford Brookes University, des Baylor College of Medicine/Human Genome Sequencing Center und der Universität Göttingen hat die Genome einer Spinne und eines Skorpions entschlüsselt und mit denen anderer Tiere verglichen. „Wir haben jetzt endlich eine Tiergruppe identifiziert, in denen Genomverdopplungen unabhängig von denen der Wirbeltiere entstanden sind“, sagt Prof. Alistair McGregor von der Oxford Brookes University. „Somit können wir erstmals den Einfluss dieses faszinierenden biologischen Phänomens auf die Entstehung von Innovationen vergleichend untersuchen.“
„Wir konnten am Beispiel von Faktoren, die an der Embryonalentwicklung aller bisher untersuchten Tiere beteiligt sind, eindrucksvoll zeigen, wie die Verdopplung des genetischen Materials im Verlauf der Evolution schrittweise zur Ausprägung neuer Funktionen beitragen kann“, so Dr. Nico Posnien von der Universität Göttingen. Das Team hat damit die Basis für zukünftige Projekte gelegt: „Jetzt können wir zum Beispiel verstehen, wie Spinnen faszinierende Strukturen und neuartige Organe, wie zum Beispiel Spinndrüsen zur Herstellung von Spinnenseide, ausbilden konnten“, so Dr. Nikola-Michael Prpic-Schäper von der Universität Göttingen.
Originalveröffentlichung: Evelyn E. Schwager et al. The house spider genome reveals an ancient whole-genome duplication during arachnid evolution. BMC Biology. https://bmcbiol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12915-017-0399-x

01.08.2017, Deutsche Wildtier Stiftung
Adieu Sommer: Die ersten Zugvögel machen den Abflug
Mauersegler starten schon im August Richtung Süden
Oh nein, bitte nicht! Die ersten Zugvögel machen sich für den Abflug in ihre Winterquartiere bereit. In dieser Woche starten die Mauersegler Richtung Südhalbkugel durch. Heißt das, der Sommer ist schon zu Ende…? „Sobald die Rufe dieser rastlosen Vielflieger nicht mehr zu hören sind, naht der Spätsommer“, sagt Michael Tetzlaff, Ornithologe der Deutschen Wildtier Stiftung. Mauersegler gehören zu den Frühfliegern unter den Zugvögeln. Obwohl sie erst im Mai in Deutschland gelandet sind, gehen sie bereits Anfang August schon wieder auf die Reise nach Südafrika. Viele sind mit leichtem Gepäck am Start: Mauersegler werden mit winzigen GPS-Datenrucksäcken ausgestattet, damit Forscher nachvollziehen können, welche Route die Vögel genau nehmen.
Auch Feldlerchen machen sich vom Acker: Sie zählen ebenfalls zu den „Frühbuchern“ unter den Zugvögeln. Trauerseeschwalbe, Kiebitz, Wespenbussard, Nachtigall und Kuckuck bereiten sich erst in ein paar Wochen auf ihre Reise vor. Junge Mehl- und Rauchschwalben wurden von dem Ornithologen der Deutschen Wildtier Stiftung vor ihrem Abflug in die Winterquartiere beringt. „Mit Hilfe dieser Kennzeichnung, die die Vögel nicht beeinträchtigt, ist es möglich, sie später zu identifizieren und im nächsten Frühjahr festzustellen, ob sie zu uns zurückgekehrt sind“, erklärt Michael Tetzlaff.
Für die „Gruppenreisenden“ unter den Vielfliegern gibt es Sammelplätze, an denen sie sich zu gut organisierten Schwärmen zusammenschließen. Auf Wiesen und Äckern sammeln sich jetzt Kiebitze, Störche und Stare. „Wie auf ein geheimes Kommando beginnt dann über unseren Köpfen das faszinierende Spektakel und Milliarden Vögel gehen auf die Reise“, sagt Tetzlaff. Gemeinsam sind anstrengende Langstrecken leichter zu bewältigen. Ein beliebter „Traveller-Trick“ der Vögel: „Kräftige Tiere fliegen außen oder an der Spitze des Schwarms. Sind sie erschöpft, wird nach einer Weile innerhalb der Formation die Stellung gewechselt.“ Schwächere Tiere haben eine weniger anstrengende Position innerhalb des Schwarms.
Die Vögel flüchten übrigens nicht vor dem schlechten Sommerwetter: Insektenfresser wie Rohr- und Laubsänger, Grasmücken und Mehlschwalben finden nur im Frühjahr und Sommer in Deutschland genug Nahrung; sie würden im Winter verhungern. Deshalb machen sie sich auf die beschwerliche Reise.

Rekonstruktion des Federpolyps †Xianguangia sinica, eines ausgestorbenen Stammlinienvertreters der Nesseltiere (Copyright: Huanzhen Li & Qiang Ou)

Rekonstruktion des Federpolyps †Xianguangia sinica, eines ausgestorbenen Stammlinienvertreters der Nesseltiere (Copyright: Huanzhen Li & Qiang Ou)

01.08.2017, Universität Kassel
Kasseler Gastwissenschaftler löst Geheimnis um kambrische Fossilien
Drei Fossilien aus dem Frühkambrium, die der Wissenschaft lange Zeit Kopfzerbrechen bereitet haben, gehören zu ein und demselben Ur-Tier. Das zeigen Untersuchungen neuer, über 500 Millionen Jahre alter Funde aus der sogenannten Chengjiang-Lagerstätte. Maßgeblich beteiligt war der Paläontologe Dr. Qiang Ou, Gastwissenschaftler bei Prof. Dr. Georg Mayer an der Universität Kassel. Die Entdeckung liefert neue Erkenntnisse über die Evolution der Artenvielfalt während der sogenannten kambrischen Explosion.
Nach Erkenntnissen von Ou, Mayer und weiteren Ko-Autoren gehört das vor etwa 520 Millionen Jahren lebende Ur-Wesen †Xianguangia sinica, anders als bislang angenommen, zur Stamm-gruppe der Nesseltiere, zu denen heute etwa auch Quallen, Korallen und Seeanemonen zählen. Das Tier war circa fünf Zentimeter groß, ähnelte einem Polypen, besaß aber eine zusätzliche Leibeshöhle, die offenbar als Hydroskelett diente, sowie eine Ankervorrichtung an der Körper-basis. Charakteristisch waren federartige Tentakel, die mit zahlreichen Wimpern besetzt waren und wohl der Nahrungsaufnahme dienten. „Der Federpolyp“, wie die Wissenschaftler †X. sinica nun umgangssprachlich getauft haben, „war ein sogenannter Suspensionsfresser“, stellt Mayer fest. Das heißt, dass es organisches Material durch Wimpernschlag aus dem Wasser filterte und so in Richtung Mund beförderte. Bislang hatte man nämlich angenommen, dass sich †X. sinica, wie die meisten rezenten Nesseltiere, mithilfe der Cnidozyten (= Nesselzellen) räuberisch ernährte.
Die Wissenschaftler konnten auch die bis dato widersprüchliche Einordnung der Fossilien †Chengjiangopenna wangii (einer vermeintlichen Seefeder) und †Galeaplumosus abilus (des angeblich ältesten Hemichordaten) eindeutig klären: Demnach handelt es sich bei diesen Fossi-lien lediglich um Körperfragmente von †X. sinica, die zuvor fälschlicherweise als zwei selbst-ständige Arten identifiziert und beschrieben wurden.
Die detaillierte Rekonstruktion des Körperbaus von †X. sinica wurde durch 85 neue, zum Teil ausgesprochen gut erhaltene Exemplare aus der chinesischen Chengjiang-Lagerstätte ermög-licht. Ou, Mayer und Kollegen untersuchten diese u.a. mithilfe der Licht- und Rasterelektro-nenmikroskopie (REM) sowie der energiedispersiven Röntgenspektroskopie (EDX). Anschließend führten die Wissenschaftler zudem phylogenetische Analysen durch, um die fossile Art im Stammbaum der Tiere einzuordnen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Vielfalt der Kör-performen und Ernährungsweisen der urzeitlichen Nesseltiere größer war als bisher angenom-men.
Entscheidende Teile dieser Studie wurden an der Universität Kassel durchgeführt, wo Dr. Qiang Ou (40) seit Juli 2016 als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung am Fachgebiet Zoologie forscht.
In der Chengjiang-Lagerstätte sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche bisher unbekannte Fossilien entdeckt worden, die nun eine neue Dimension für unser Verständnis der Evolution der Artenvielfalt im kambrischen Zeitalter eröffnen. Viele dieser Fossilien sind jedoch noch nicht vollständig und eindeutig ausgewertet. Unter dem Begriff kambrische Explosion versteht man das massive Auftreten neuer Arten im kambrischen Zeitalter vor etwa 530 Millionen Jahren.
Die Ergebnisse sind jetzt im angesehenen Journal „Proceedings of the National Academy of Sci-ences of the United States of America“ (PNAS) veröffentlicht worden: http://www.pnas.org/content/early/2017/07/26/1701650114.abstract

01.08.2017, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg
Artenzahl – ein falscher Freund? Wissenschaftler wollen Biodiversität besser bewerten
Wer den Zustand eines Ökosystems nur danach beurteilt, wie sich die Zahl der Arten darin kurzfristig verändert, kann falsche Schlüsse ziehen. Darauf weist eine Untersuchung eines internationalen Forscherteams um Prof. Dr. Helmut Hillebrand vom Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität (HIFMB) an der Universität Oldenburg hin. Um in der Praxis Ökosysteme sinnvoll zu bewerten, sollten Experten vielmehr beschreiben, wie sich Arten innerhalb eines Systems austauschen. Zu diesen Ergebnissen kamen die Forscher, indem sie ein mathematisches Modell nutzten und vorhandene Umweltdaten auswerteten. Die Studie ist online im Fachmagazin „Journal of Applied Ecology“ erschienen.
Immer mehr Arten sind weltweit vom Aussterben bedroht – gerade auch angesichts globaler Umweltveränderungen. Diese Biodiversitätskrise einzudämmen, ist Ziel politischer Instrumente, wie beispielsweise der internationalen Convention on Biological Diversity oder der europäischen Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie. In der Praxis bietet sich an, die Zahl der Arten als einfaches Maß zu nutzen, um den Zustand eines Ökosystems zu beschreiben. „Doch dieses Maß hat seine Tücken, denn es spiegelt Veränderungen im System nicht richtig wider“, sagt der Oldenburger Biodiversitätsexperte Hillebrand.
Vielmehr führen den Modellrechnungen der Wissenschaftler zufolge negative Einflüsse auf ein Ökosystem nicht unmittelbar dazu, dass die Artenzahl abnimmt. Auch umgekehrt steigt die Zahl der Arten nicht sofort an, sobald sich ein Ökosystem von einem menschlichen Eingriff erholt. Der Grund: „Die Artenzahl ergibt sich aus einem Gleichgewicht zwischen Einwanderung und Aussterben von Arten“, erläutert Hillebrand. Beides laufe aber nicht gleich schnell ab: Wenige Individuen einer Art können schnell in ein lokales Habitat einwandern und es so besiedeln. Dagegen dauert es mehrere Generationen, bis eine Art von einer neuen, konkurrenzstärkeren Art verdrängt wird oder aufgrund der veränderten Bedingungen ausstirbt. „Ob also über einen langen Zeitraum mehr oder weniger Arten in einem Ökosystem verbleiben, kann man anhand von kurzfristigen Trends nicht verlässlich sagen“, betont Hillebrand, und ergänzt: „Die Artenzahl kann also ein falscher Freund sein.“
In ihrer Publikation empfehlen die Wissenschaftler daher, genauer zu betrachten, wie viele Arten in ein System einwandern, wie viele auswandern und wie viele Arten häufiger beziehungsweise seltener werden. Mit dieser Methode analysierten die Wissenschaftler beispielhaft Langzeit-Messungen aus unterschiedlichen Ökosystemen – wie Daten von treibenden Mikroalgen (Phytoplankton) aus dem niederländischen Wattenmeer und aus nordamerikanischen Seen sowie Daten aus Grasland-Ökosystemen auf sechs Kontinenten.
„Wir können zeigen, dass sich die Identitäten der Arten teilweise oder sogar komplett austauschen – selbst wenn sich über die Zeit die Artenzahl überhaupt nicht verändert“, sagt Hillebrand. „Das ist eine große Veränderung der Biodiversität, die sich in der reinen Artenzahl gar nicht abbildet.“ Überspitzt hieße das: Wenn in einem Wald die Baumarten durch ebenso viele Grasarten ersetzt würden, wäre die Artenzahl gleich geblieben, der Wald jedoch fort, erläutert der Ökologe. Für ihre Analysen nutzten die Forscher explizit Daten, die Naturschützer ohnehin als Teil von Umweltüberwachungsprogrammen erheben. So wollen die Wissenschaftler gewährleisten, dass ihr Werkzeug auch mit in der Praxis oft begrenzten Ressourcen einsetzbar ist. „Wir hoffen, so auch eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und Naturschutzpraxis zu schlagen“, sagt Hillebrand.
Originalpublikation: Helmut Hillebrand, Bernd Blasius et al. (2017). Biodiversity change is uncoupled from species richness trends – consequences for conservation and monitoring. Journal of Applied Ecology. DOI:10.1111/1365-2664.12959

01.08.2017, Universität Leipzig
Ruderfußkrebse entwickeln Giftcocktail mit bisher unbekannten Toxinen
Der Evolutionsbiologe Dr. Björn Marcus von Reumont von der Universität Leipzig hat den bisher nur wenig erforschten Ruderfußkrebsen (Remipedia) ein Geheimnis entlockt: Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Großbritannien und Australien fand er in Studien über diese Höhlenkrebsart heraus, dass diese etwa vier Zentimeter großen, blinden Tiere einen eigenen Giftcocktail mit bisher unbekannten Toxinen entwickeln. Diesen injizieren die Krebse ihrer Beute und lähmen sie, damit sie diese in den überwiegend nahrungsarmen Höhlen nicht wieder verlieren. Die Wissenschaftler haben ihre neuen Erkenntnisse über die Remipedia soeben im Fachjournal „Toxins“ veröffentlicht.
Diese Ruderfußkrebse leben in Höhlensystemen in der Karibik, auf den Kanaren und in Australien, die unterirdisch mit dem Meer verbunden sind und deshalb eine Salz- und eine Süßwasserschicht haben. „Über die Biologie der Remipedia ist auch durch diesen schwierig zu erforschenden Lebensraum noch wenig bekannt, ihre Evolution und Verbreitung auch noch nicht vollständig erklärt“, sagt von Reumont, der selbst ausgebildeter Höhlentaucher ist und den Lebensraum der Remipedia in 20 bis 25 Metern Tiefe erforscht. Vor seinen Studien mit Kollegen aus London und Brisbane sei sogar unklar gewesen, ob die Tiere tatsächlich Gifte besitzen. Es wurde immer aufgrund ihres hundertfüßerartigen Aussehens vermutet, dann aber auch wieder angezweifelt.
„In ihrer dunklen Umgebung macht der Einsatz einer der wichtigsten evolutionären Entwicklungen im Tierreich – Gift – durchaus Sinn. Unsere neuen Ergebnisse zeigen, dass sie dabei ein Multikomponenten-Gift mit 32 verschiedenen Toxin-Proteinen verwenden. Einige der Proteine sind strukturell bekannten Neurotoxinen ähnlich und lähmen die Beute vermutlich zunächst. Dann werden andere Toxine injiziert, die unter anderem die innere Struktur der Beute auflösen. Am Ende kann dann die verflüssigte Beute eingesaugt werden“, erklärt der Biologe.
Neu sei die Erkenntnis, dass Remipedien offensichtlich eigene Toxine entwickelt haben. Diese Peptide sind von Reumont zufolge bisher von keiner anderen Art bekannt. Der Giftcocktail enthalte auch ein potentielles Nervengift, das dem von Trichternetzspinnen sehr ähnlich ist. Gerade diese Strukturen sind jüngst in den Fokus der angewandten Forschung gerückt, weil sie bei der Entwicklung hochspezifischer Insektizide oder pharmazeutischer Wirkstoffe verwendet werden. Der Leipziger Forscher war auch der Erste, der mit molekularen Analysen herausfand, dass die Remipedien am engsten mit den Insekten verwandt sind und nicht, wie ursprünglich wegen ihrer äußeren Gestalt vermutet, die ältesten Krebse sind. Die Ruderfußkrebse wurden erst in den 1980er Jahren entdeckt.
Originaltitel der Veröffentlichung in „Toxins“:
„Venomics of Remipede Crustaceans Reveals Novel Peptide Diversity and Illuminates the Venom’s Biological Role“, Doi: 10.3390/toxins9080234

01.08.2017, Georg-August-Universität Göttingen
Schuppentier-Populationen unter Druck
Die Jagd auf Schuppentiere, die derzeit am häufigsten illegal gehandelten Säugetiere der Welt, ist in Zentralafrika zwischen 1970 und 2014 um 150 Prozent gestiegen. Das hat ein internationales Wissenschaftlerteam unter der Leitung der Universität Sussex und unter Beteiligung der Universität Göttingen herausgefunden. Die auch von Naturschutzorganisationen gesammelten empirischen Daten zeigen, dass bis zu 2,7 Millionen Schuppentiere jährlich aus den Wäldern Kameruns, der Zentralafrikanischen Republik, Äquatorial-Guineas, Gabuns, der Demokratischen Republik Kongo und der Republik Kongo verschwinden. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Conservation Letters erschienen.
Schuppentier-Populationen unter Druck
Internationales Forscherteam diagnostiziert dramatischen Anstieg der Jagd in Zentralafrika
Die Jagd auf Schuppentiere, die derzeit am häufigsten illegal gehandelten Säugetiere der Welt, ist in Zentralafrika zwischen 1970 und 2014 um 150 Prozent gestiegen. Das hat ein internationales Wissenschaftlerteam unter der Leitung der Universität Sussex und unter Beteiligung der Universität Göttingen herausgefunden. Die auch von Naturschutzorganisationen gesammelten empirischen Daten zeigen, dass bis zu 2,7 Millionen Schuppentiere jährlich aus den Wäldern Kameruns, der Zentralafrikanischen Republik, Äquatorial-Guineas, Gabuns, der Demokratischen Republik Kongo und der Republik Kongo verschwinden. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Conservation Letters erschienen.
Das Wissenschaftlerteam nutzte Daten von 113 Regionen in 14 afrikanischen Ländern, um jährliche Jagdstrecken lokal ansässiger Jäger zu schätzen. „Besorgniserregend ist, dass die sich langsam reproduzierenden und stärker als Elfenbein nachgefragten Schuppentiere einen immer stärkeren Anteil an allen in Zentralafrika bejagten Arten ausmachen“, so Privatdozent Dr. Matthias Waltert, Naturschutzbiologe an der Universität Göttingen und Co-Autor der Studie. Die Forscherinnen und Forscher stellen zudem fest, dass Schlingen immer noch zum Fang genutzt werden, obwohl diese Jagdmethode in den meisten zentralafrikanischen Ländern illegal ist.
Afrikanische Schuppentiere werden in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet sowohl zur Nahrungsversorgung als auch im Rahmen traditioneller Medizin genutzt. „Neueste Studien zeigen auch, dass es einen zunehmenden Handel afrikanischer Schuppentiere in einige asiatische Staaten gibt“, so Waltert. Laut der Studie stieg der Preis für Schuppentiere in städtischen Märkten seit den 1990er-Jahren an. „Für die am stärksten nachgefragte Art, das Riesenschuppentier, stieg der Preis trotz hohem Schutzstatus sogar um das 5,8-fache an.“
Die Wissenschaftler fordern die Regierungen des afrikanischen Kontinents dazu auf, die Kapazitäten zur Durchsetzung der internationalen Handelsbeschränkungen zu erhöhen, entsprechende Naturschutzerziehung und Öffentlichkeitsarbeit zu forcieren sowie den Zustand von Schuppentierpopulationen regelmäßig zu erfassen. „Afrikanische Schuppentiere sind bedroht und könnten ähnlich drastische Rückgänge erfahren wie ihre asiatischen Verwandten, wenn nicht bald sowohl auf Ebene der Regierungen als auch lokal gehandelt wird“, so die Forscher. „Dringend notwendig ist zudem Freilandforschung zum Bestand gefährdeter Arten, um zum Schutz speziell der vom Wildfleischhandel betroffenen Regenwaldarten beizutragen. Ihre Populationen können nur durch Geländearbeit erfasst und ihre Gefährdung durch Befragungen von Jägern abgeschätzt werden“, so Waltert.
Originalveröffentlichung: Daniel J. Ingram et al. Assessing Africa-Wide Pangolin Exploitation by Scaling Local Data. Conservation Letters, online http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/conl.12389/epdf

01.08.2017, Georg-August-Universität Göttingen
Wildkatzen-Population in Nordhessen erforscht
Göttinger Wissenschaftler und Naturschützer setzen Fotofallen zur Bestandserfassung ein
Seit einigen Jahren streifen wieder Luchse durch die Wälder im Norden Hessens. Diese Wälder sind auch die angestammte Heimat der Europäischen Wildkatze. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Universität Göttingen und des hessischen Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) soll nun die Wildkatzen-Population in Nordhessen untersucht werden.
Seit Herbst 2014 setzen die Göttinger Forscher automatische Kameras, sogenannte Fotofallen, ein, um den Bestand des Luchses in der Region zu überwachen. „Neben den Luchsen tappen natürlich auch viele andere Wildtiere in unsere Fotofallen, darunter erstaunlich viele Wildkatzen“, erklärt Dr. Markus Port vom Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen. Daher werden die Kameras von Juli bis einschließlich Oktober in einem speziell auf die Erfassung der Wildkatze zugeschnittenen Untersuchungsdesign zur Bestandserfassung eingesetzt.
Dabei kommt eine Methode zum Einsatz, die die Göttinger Forscher bereits beim Luchs ausgiebig erprobt haben: „Ähnlich wie Luchse können auch Wildkatzen anhand ihrer Fellmuster individuell voneinander unterschieden werden“, erklärt Lynne Werner vom BUND, die die Untersuchung maßgeblich durchführt. „Wenn wir die Tiere unterscheiden können, können wir sie zählen und so ihren Bestand schätzen,“ ergänzt Werner. Anders als Luchse waren Wildkatzen in Deutschland nie völlig ausgestorben. Doch viele Jahre mussten sie in der Roten Liste für Deutschland als „vom Aussterben bedrohte Tierart“ geführt werden.
Auch heute gilt der Bestand der Wildkatze in Deutschland noch immer als gefährdet. Effektive Schutzmaßnahmen haben in den vergangenen Jahren aber dazu geführt, dass sich die scheuen Waldbewohner neue Lebensräume erschließen. Über eine gesunde Wildkatzen-Population in Nordhessen freut sich auch Jan Stetter, Leiter des HessenForst-Forstamts Melsungen, auf dessen Fläche die Untersuchung durchgeführt wird. „Auf allen Waldflächen, die wir betreuen, haben wir auch den Naturschutz im Blick. Dadurch entstehen viele Lebensräume und Biotope, die es ohne zielgerichtete Waldpflege so nicht geben würde“, so Stetter. „Dass sich die Wildkatze in unseren Wäldern wohlfühlt, zeigt, dass unser integrativer Naturschutz ein wichtiges und erfolgreiches Instrument für den Schutz bedrohter Tierarten ist.“
Die Wildkatzen-Studie wird durch die Heinz-Sielmann-Stiftung sowie das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie finanziell unterstützt. Der BUND setzt sich schon seit vielen Jahren erfolgreich für den Schutz der Wildkatze ein. Mit seinem „Rettungsnetz Wildkatze“ hat er sich das Ziel gesetzt, bestehende Wildkatzen-Lebensräume durch die Pflanzung grüner Korridore miteinander zu vernetzen.

03.08.2017, NABU
Junge Schreiadler brauchen Altvögel um das Winterquartier zu erreichen
Forschungsprogramm liefert neue Erkenntnisse zum Zugverhalten und Schutz der Art
Mit Hilfe von modernen Satellitensendern hat der NABU neue Erkenntnisse über das Zugverhalten der Schreiadler herausgefunden. Die Ergebnisse zeigen, dass abziehende Jungvögel, die grundsätzlich ohne ihre Eltern in das Winterquartier aufbrechen, unterwegs auf die Erfahrung von Altvögeln angewiesen sind, um die beste Route über den Bosporus um das Mittelmeer herum zu finden. „Treffen sie unterwegs keine Altvögel, fliegen sie meist einfach nur in südliche Richtungen und kommen dann beim Versuch um, das Mittelmeer zu überfliegen. Denn über dem Meer gibt es keine thermischen Aufwinde, auf die Adler als Segelflieger dringend angewiesen sind“, sagt Bernd-Ulrich Meyburg, Leiter des NABU-Programms.
Die Forschungsergebnisse konnten nun erstmals in einem Artikel im Fachmagazin „Journal of Experimental Biology“ veröffentlicht werden. „Der NABU profitiert enorm von solchen Forschungen, um den Schutz des vom Aussterben bedrohten Schreiadlers zu verbessern. Den Tieren fehlen ungestörte Brutwälder und nahrungsreiche Feuchtwiesen, aber auch schlecht platzierte Windenergieanlagen im Schreiadlergebiet minimieren weiterhin den Bestand“, sagte Olaf Tschimpke, NABU-Präsident.
Die winzige Restpopulation des Schreiadlers in Deutschland ist vom Aussterben bedroht. Die verbliebenen gut 100 Brutpaare in Nordost-Deutschland bilden zugleich die Westgrenze der Verbreitung dieser fast ausschließlich in Europa brütenden Vogelart. Um die Population zu stützen, führt der NABU ein Programm zur Handaufzucht und Auswilderung zweitgeborener Schreiadler-Küken durch. Diese hätten ohne Hilfe keine Überlebenschance, da Schreiadler grundsätzlich nur eines von zwei Jungen aufziehen. Seit 2004 wurden so bereits 86 zusätzliche Jungadler in Brandenburg ausgewildert, 36 davon stammten aus der Region. 50 weitere wurden dagegen aus Lettland importiert, wo der Schreiadler noch in größerer Zahl vorkommt. Der natürliche Bruterfolg der Schreiadler Brandenburgs konnte so in diesem Zeitraum um über 70 Prozent erhöht werden.
Für das Forschungsprogramm konnte Bernd Meyburg für ein einzigartiges Orientierungsexperiment 15 lettische und acht brandenburgische Jungadler sowie neun brandenburgische Altvögel mit GPS-Satellitensendern ausstatten. Insbesondere sollte untersucht werden, ob die von ihrem Geburtsort um 940 km nach Südwesten gebrachten lettischen Adler vielleicht eine andere, weniger geeignete Zugroute einschlagen würden als die heimischen Jungvögel aus Brandenburg. „Wenn die lettischen Jungvögel durch die Umsiedelung im Nachteil wären, würde das den Erfolg des Aufzuchtprogramms schmälern“, so Meyburg.
Es zeigte sich aber, dass die eingeschlagenen Zugwege nicht durch die Herkunft der Jungvögel, sondern durch das Abzugsdatum bestimmt werden. Diejenigen Jungadler, die deutlich vor den lokalen Altvögeln abzogen, flogen allgemein in südliche Richtungen und landeten meist im Mittelmeer. Die etwas später gleichzeitig mit Altvögeln aus der Region abziehenden Jungvögel flogen dagegen auf dem richtigen Zugweg Richtung Bosporus nach Südosten. Junge Schreiadler, gleichgültig ob aus Deutschland oder Lettland stammend, müssen die optimale Zugroute also von fremden älteren Adlern erlernen, im Gegensatz etwa zu vielen nachts ziehenden Kleinvögeln, denen die angeborene Zugrichtung und -länge zur Orientierung ausreichen. Insgesamt erreichten nur 55 Prozent der Jungvögel Afrika.
„Die Chance bei südlichem Abzug auf erfahrene ziehende Altvögel aus westlichen Teilen des Verbreitungsgebietes zu treffen, ist bei osteuropäischen Schreiadlern groß“, erklärt Meyburg. „Anders sieht dies für Jungvögel am westlichen Rand des Verbreitungsgebietes in Deutschland aus: Sie haben nur ganz am Anfang ihres Zuges eine Chance sich erfahrenen Schreiadlern anzuschließen, was ihre Überlebenschancen deutlich mindert. Gleichzeitig wissen wir nun, dass die aus Deutschland nach Südosten ziehenden Schreiadler als ‚Einsammeldienst‘ für östliche Jungvögel besonders wichtig sind – ein Grund mehr, sich für die verbliebenen Schreiadler am westlichen Rand des Verbreitungsgebiets in Deutschland einzusetzen.“
Herausragend für die Forscher war auch die Erkenntnis, dass die importierten lettischen Vögel die Auswilderungsregion und nicht den Geburtsort als Heimat betrachten. Einige der ausgewilderten Jungvögel konnten nämlich später als Brutvögel in Deutschland und im benachbarten Polen festgestellt werden. Ein ursprünglich aus Lettland stammendes Männchen besetzte sogar ein Revier in nur wenigen Kilometern Entfernung von der Auswilderungsstation. Dank der Studie konnte der NABU in diesem Jahr neben Jungvögeln aus Brandenburg erstmals auch wieder acht Zweitküken aus Südost-Polen in das Auswilderungsprogramm aufnehmen.
Literaturangabe zur Veröffentlichung:
Meyburg, B.-U., Bergmanis, U., Langgemach, T., Graszynski, K., Hinz, A., Börner, I., Meyburg, C. and Vansteelant, W. M. G. (2017). Orientation of native versus translocated juvenile lesser spotted eagles (Clanga pomarina) on the first autumn migration. Journal of Experimental Biology 220: 1-12. doi: 10.1242/jeb.148932 0
Der Artikel ist frei zugänglich unter http://jeb.biologists.org/

02.08.2017, Universität Bern
Lichtverschmutzung bedroht die Bestäubung
Künstliches Licht stört nachtaktive Insekten beim Bestäuben von Pflanzen und reduziert die Anzahl produzierter Samen und Früchte. Dieser Verlust der nächtlichen Bestäubungsleistung kann auch durch tagaktive Bestäuber nicht kompensiert werden. Pflanzen werden dadurch in ihrer Fortpflanzung beeinträchtigt, wie Ökologinnen und Ökologen der Universität Bern erstmals nachweisen konnten.
Der Bestand an Bienen und anderen tagaktiven Bestäubern nimmt weltweit ab – wegen Krankheiten, eingeschleppten Parasiten, Pestiziden, dem Klimawandel und dem fortschreitenden Verlust von Lebensräumen. Nun zeigt ein Team um Eva Knop vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern erstmals, dass durch künstliches Licht auch nachtaktive Bestäuber beeinträchtigt werden. Dadurch reduziert sich ihre Bestäubungsleistung. «Nachtaktive Blütenbesucher wurden von der Forschung in der Diskussion um die bekannte weltweite Bestäuberkrise bisher vernachlässigt», sagt Knop. Die nachtaktiven Bestäuber sind jedoch zahlreich und spielen für die Pflanzen eine wichtige Rolle, wie die Studie nach Experimenten in den Berner Voralpen zeigt. Das Team um Knop stellte fest, dass Blüten unter künstlicher Beleuchtung um rund zwei Drittel weniger häufig von Bestäubern besucht wurden als solche, die in der Dunkelheit lagen. Dies hat Auswirkungen auf die Samenbildung und somit Fortpflanzung von Pflanzen. Die Studie wurde nun im Fachmagazin «Nature» publiziert.
Verlust nächtlicher Blütenbesucher
Die Lichtemissionen haben in den letzten zwanzig Jahren um 70 Prozent zugenommen, insbesondere im Siedlungsraum. «Da in Regionen mit grosser Lichtverschmutzung lichtempfindliche Insekten möglicherweise bereits verschwunden sind, sind wir in die noch relativ dunklen Voralpen ausgewichen», erklärt Knop. Dort konnten die Forschenden zeigen, dass nachts auf unbewirtschafteten Flächen ohne künstliche Beleuchtung insgesamt fast 300 Insektenarten die Blüten von rund 60 Pflanzenarten besuchten. Auf sieben Flächen mit experimentell aufgestellten Strassenlampen hingegen lagen die Nachtbestäuber-Besuche um 62 Prozent tiefer als auf den unbeleuchteten Flächen. Die verwendeten LED-Lampen werden in der Schweiz standardmässig für die öffentliche Strassenbeleuchtung eingesetzt.
Folgen für die Biodiversität
Dieser Verlust an nächtlichen Blütenbesuchern führt zu einer Reduktion der Samenbildung von Pflanzen, wie die Forschenden am Beispiel der Kohldistel (Cirsium oleraceum) erstmals nachweisen. Die blassen Blütenkörbchen der Kohldisteln sind eine reichliche und gut zugängliche Pollen- und Nektarquelle für zahlreiche Insektenarten und gehören sowohl bei Tag als auch bei Nacht zu den am häufigsten besuchten Pflanzen. Das Team untersuchte insgesamt 100 Kohldisteln, die an fünf Standorten mit Lampen, sowie fünf Standorten ohne künstliches Licht wuchsen. Auch hier wurden die Pflanzen im Lichtkegel einer Lampe nachts sehr viel seltener von bestäubenden Insekten besucht, als solche im Dunkeln. Der Rückzug der Bestäuber hatte einen deutlichen Einfluss auf die Fortpflanzung der Kohldisteln: am Ende der Testphase war die durchschnittliche Anzahl von Früchten pro Pflanze um rund 13 Prozent geringer. «Die Bestäubung am Tag kann die Verluste der Nacht offensichtlich nicht kompensieren», sagt Knop.
Auch Tagbestäuber betroffen
Die Studie zeigt weiter, dass die Nachtbestäuber indirekt auch die Tagbestäuber fördern können, indem sie dieselben Pflanzen besuchen. Die darunterliegenden Mechanismen sind noch unbekannt – eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Pflanzen dank Nachtbestäuber einen Fitnessvorteil haben und dadurch den Tagbestäubern mehr Nahrung bieten. Ein Verlust der Nachtbestäuber aufgrund zunehmender Lichtverschmutzung könnte sich also auch indirekt negativ auf die Tagbestäuber auswirken. Dies müsse laut Knop jedoch noch im Detail erforscht werden, ebenso wie die langfristigen Folgen der Bestäubungsausfälle für die Biodiversität.
Aufgrund der Erkenntnisse fordern die Forschenden zum Handeln auf: «Es müssten dringendst Massnahmen entwickelt werden, um die negativen Folgen der jährlich zunehmenden Lichtemissionen für die Umwelt zu reduzieren», sagt Knop. Dies sei durchaus eine grosse Herausforderung, da künstliches Licht aus besiedelten Gebieten kaum wegzudenken ist.
Angaben zur Publikation:
Knop E., Zoller L., Ryser R., Gerpe Ch., Hörler M., Fontaine C. (2017) Artificial light at night as a new threat to pollination. Nature, 02. August 2017, doi:10.1038/nature23288

04.08.2017, Veterinärmedizinische Universität Wien
Saisonaler Effekt: „Winterkinder“ sind kleiner als im Sommer geborene Fohlen
Jahreszeitliche Veränderungen beeinflussen Lebensweise, Stoffwechsel und Fortpflanzung vieler Tiere. Auch bei Pferden zeigt sich eine saisonale Abhängigkeit. Im Winter verändert sich selbst bei Hauspferden der Stoffwechsel. Obwohl der Effekt bei Stuten bekannt ist, blieben Auswirkungen auf trächtige Tiere und Föten bisher unerforscht. ExpertInnen der Vetmeduni Vienna konnten nun erstmals beweisen, dass die Veränderungen in kalten Monaten auch die Entwicklung der geborenen Fohlen beeinflussen. Sie sind nach der Geburt kleiner und können diesen Unterschied über zwölf Wochen im Vergleich zu den im Sommer geborenen Fohlen nicht aufholen. Veröffentlicht in der Fachzeitschrift Theriogenology;
Jahreszeiten und der Tag-Nachtwechsel beeinflussen den Lebenszyklus vieler Tierarten. Das betrifft Wildtiere, wie das Przewalski-Pferd, aber auch domestizierte Pferde, bei denen die saisonale Anpassung noch genetisch verankert ist. In den Wintermonaten reduzieren Pferde ihren Stoffwechsel, auch die Wärmeproduktion und die ausgestrahlte Wärme verringern sich.
Obwohl saisonale Einflüsse auf Stuten schon in mehreren Studien gezeigt wurden, waren die Auswirkungen auf die Trächtigkeit und damit Konsequenzen für ungeborene Fohlen bislang unklar. ExpertInnen der Vetmeduni Vienna bestätigten nun erstmals, dass Fohlen, die im Winter geboren werden, kleiner sind als im Sommer geborene Pferde.
Stoffwechselumstellung trifft bei Wintergeburten entscheidende Entwicklungsphase
In den letzten Wochen vor der Geburt machen Pferdeföten den größten Entwicklungsschub durch. Dieser Zeitraum ist damit ein Schlüsselmoment für die Entwicklung der Fohlen. „Bei einem Geburtstermin in der kalten Jahreszeit liegt der Schluss nahe, dass sich der saisonale Einfluss, also die Stoffwechselumstellung der Stute, auch auf den Fötus auswirkt“, erklärt Projektleiterin Christine Aurich.
Zur Bestätigung der Hypothese teilten die Forschenden 27 Stuten und ihre Fohlen am Graf Lehndorff Institut für Pferdewissenschaften, das von der Vetmeduni Vienna und dem Brandenburgischen Staatsgestüt gemeinsam geführt wird, nach Geburtszeitpunkt in drei Gruppen auf. Die erste Gruppe hatte den Termin Februar bis Anfang März, die zweite März bis Anfang April und die dritte April bis Anfang Mai. Von allen Fohlen wurden körperliche Parameter, wie Gewicht und Größenmerkmale, erfasst. Zusätzlich wurde nach der Geburt die Plazenta gewogen und vermessen.
„Winter-Fohlen“ kleiner: Saisonaler Einfluss anhand der Körpergröße feststellbar
„Wir verglichen den Brustumfang, die Widerristhöhe, den Abstand vom Fesselgelenk zum Vorderfußwurzelgelenk und dann zum Ellenbogen, sowie die Länge des Kopfes vom Genick bis zur Nase. Anhand dieser Größenmerkmale zeigte sich eindeutig, dass die im Februar geborenen Jungtiere der ersten Gruppe kleiner waren, als die im Frühsommer geborenen“, so Erstautorin Elisabeth Beythien. „Die „Winterkinder“ hatten auch zwölf Wochen nach der Geburt diesen körperlichen Rückstand noch nicht komplett aufgeholt.“
Beim Geburtsgewicht konnten die Forschenden dagegen keinen Unterschied feststellen, obwohl sowohl das Gewicht, als auch die Oberfläche der Plazenta der wintergebärenden Stuten geringer waren als die der anderen Tiere. „Der kleinere Mutterkuchen deutet die Stoffwechselumstellung an, die Versorgung der Föten scheint aber auch im Winter aufgrund des gleichen Körpergewichts absolut ausreichend zu sein. Die Plazenta ist damit zwar ein Faktor, aber nicht der einzige oder entscheidende“, so Beythien. Auch die sogenannte Parität, die Geburtenzahl einer Stute, spielte keine Rolle. Der Effekt war auch bei erstgebärenden Tieren vorhanden.
Wintergeburten in der Zucht häufiger als in der Natur
Im Normalfall sind Wintergeburten eigentlich eine Seltenheit. Die meisten Stuten sind nur über einen begrenzten Zeitraum im Frühjahr und Sommer paarungsbereit. Dadurch erfolgen in der Natur die meisten Pferdegeburten erst in den wärmeren Monaten. Durch moderne Zuchtmethoden werden Wintergeburten aber vor allem bei Renn- und Sportpferden häufiger. Die genetisch verankerten saisonalen Änderungen kann man mit künstlichem Licht, hormoneller Behandlung aber auch bereits mit einer Optimierung von Fütterung und Haltung verschieben oder reduzieren. Das hat einen wirtschaftlichen Aspekt. „Auch wenn die Winterkinder mehr als zwölf Wochen brauchen, um im Vergleich mit den im Sommer geborenen Fohlen gleichzuziehen, so sind sie ihnen insgesamt Wochen oder Monate in der weiteren Entwicklung voraus. Dieses Zeitfenster kann vor allem bei Wettbewerben eine Rolle spielen, da alle Jungpferde, die im gleichen Jahr geboren wurden, auch in der gleichen Wertungskategorie antreten“, erklärt Studienleiterin Aurich.
Einen Einfluss der Fütterung konnte das Forschungsteam ausschließen. Alle Stuten wurden während ihrer Trächtigkeit mit dem gleichen Futter und der gleichen Menge gefüttert. „Das bestätigt, dass die Stoffwechselumstellung saisonal und genetisch bestimmt ist, und die Nährstoffversorgung der Föten und damit die Auswirkung auf ihre Größe durch diesen Effekt bestimmt wird, so Beythien.
Service:
Der Artikel „Effects of season on placental, foetal and neonatal development in horses“ von Elisabeth Beythien, Christine Aurich, Manuela Wulf und Jörg Aurich wurde in Theriogenology veröffentlicht.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0093691X17301875?via%3Dihub

04.08.2017, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Bechsteinfledermäuse altern nicht
Die Bechsteinfledermaus hat bis ins hohe Alter eine geringe Sterblichkeit. Dies fanden Biologen der Universität Greifswald gemeinsam mit Forschern des Max-Planck-Instituts für Demographische Forschung (MDIPR) aus Rostock heraus. Die Studie erscheint heute in der Fachzeitschrift Scientific Reports.
Für fast alle Lebewesen gilt: Nicht in jedem Alter ist die Mortalität, also die Wahrscheinlichkeit zu sterben, gleich hoch. Für viele Säugetiere ist sie kurz nach der Geburt hoch, fällt dann ab und steigt am Ende der Lebensspanne wieder. Doch bei den Bechsteinfledermäusen (Myotis bechsteinii) ist dies anders. Die MPIDR-Forscher Alexander Scheuerlein und Jutta Gampe haben gemeinsam mit den Biologen Toni Fleischer und Gerald Kerth von der Universität Greifswald herausgefunden, dass die Mortalität der Bechsteinfledermäuse nach dem ersten Lebensjahr über die ganze Lebensspanne hinweg gleichbleibend hoch ist. Oder anders gesagt: Sie altern nicht. Ihre Ergebnisse publizierten die Forscher in einem Artikel, der heute in der Fachzeitschrift Scientific Reports erschienen ist.
„Jedes Tier hat, aus evolutionärer Sicht, das Bestreben möglichst viele Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Um das zu erreichen gibt es verschiedene evolutionäre Anpassungsstrategien. Bei den kleinen Säugetieren ist es häufig so, dass sie nicht sehr lange leben und in dieser kurzen Lebensspanne viele Junge bekommen”, erklärt Alexander Scheuerlein. Diese Arten nehmen also in Kauf, dass nicht alle Nachkommen überleben – sie setzen eher auf Masse, als auf das einzelne Tier. Größere und langlebigere Arten, wie zum Beispiel der Elefant, leben deutlich länger und bekommen wenige Junge, für die sie dann aber ihre ganzen Ressourcen einsetzen.
Nicht so die Bechsteinfledermäuse, sie haben sich eine andere evolutionäre Strategie angeeignet. Sie sind klein (rund 10 Gramm schwer), aber trotzdem langlebig – das älteste je erfasste Tier brachte es auf stolze 21 Jahre, eine verwandte Art, die Brandt-Fledermaus wurde sogar mindestens 42 Jahre alt. Bechsteinfledermäuse bekommen maximal ein Junges pro Jahr und ihre Sterblichkeit nimmt bis ins hohe Alter kaum zu. „Für kleine Säugetiere ist das sehr untypisch, dieses Muster ähnelt eher dem vom Meeresvögeln, oder Großsäugern”, sagt Alexander Scheuerlein.
„Von den rund 1.000 Fledermaus-Arten, die es weltweit gibt, sind schätzungsweise ein Viertel langlebig. Bei denen vermuten wir, dass sie ähnliche Muster in der Alterung aufzeigen. Eng miteinander verwandt sind diese langlebigen Arten aber nicht. Vermutlich hat sich die Langlebigkeit der Fledermäuse mehrere Male unabhängig im Lauf der Stammesgeschichte der Fledermäuse entwickelt”, sagt Alexander Scheuerlein.
Wie die Fledermäuse es schaffen, so außerordentlich alt zu werden, dafür haben die Forscher mehrere mögliche Erklärungen. Eine ist, dass die langlebigen Arten vor allem in den temperierten Zonen vorkommen und einen Winterschlaf machen, bei dem sie ihre Körpertemperatur massiv herabsetzen, nämlich auf etwa zwei bis zehn Grad Celsius. Der Stoffwechsel ist bei diesen Temperaturen extrem heruntergefahren, was zu einer Verringerung der molekularen Schäden und demnach zu einer Verlangsamung der Alterung führen könnte. Allerdings werden auch tropische Fledermausarten ungewöhnlich alt, so dass noch andere Mechanismen die hohe Lebenserwartung von Fledermäusen bewirken müssen.
Die Erkenntnisse der Forscher sind nicht nur für die Altersforschung wichtig, sondern auch, um die Tiere besser schützen zu können. „Wir konnten erstmals zeigen, dass Alter, Größe und Jahreszeit kaum einen Einfluss auf die Mortalität der Fledermäuse hat”, erklärt Gerald Kerth. Nur ungewöhnliche Naturereignisse seien ein Faktor, der die Sterblichkeit beeinflusse: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Tiere hoch sensibel auf unvorhersehbare äußere Veränderungen reagieren“, sagt Toni Fleischer. Die Bechsteinfledermaus lebt im Sommer in Kolonien in Baumhöhlen. Im Winter halten sie einen Winterschlaf in Felshöhlen. Im Sommer suchen die Tiere sich fast täglich andere Tagesquartiere aus. Deswegen sind sie auf wenig oder unbewirtschaftete Wälder mit viel Totholz angewiesen, denn alte und absterbende Bäume bieten besonders viele Hohlräume. Die Kolonien sind mit zehn bis fünfzig Tieren relativ klein im Vergleich zu den Kolonien anderer Fledermaus-Arten. „Vermutlich sind sie auch deswegen so anfällig für außergewöhnliche Naturereignisse”, vermuten die Autoren der Studie. „Wenn es nur ein paar Tiere in einer kleinen Kolonie erwischt, kann es leicht geschehen, dass die Kolonie nicht mehr groß genug ist um erfolgreich Nachkommen zu produzieren.”
Für ihre Studie beobachteten die Forscher 248 Fledermäuse über den Zeitraum von 19 Jahren. 180 der Tiere starben in dem Zeitraum, das ältestes wurde 15 Jahre alt. Im Winter 2010/2011 starben außergewöhnlich viele Tiere, ein Phänomen, das in diesem Jahr auch in anderen Fledermauspopulationen beobachtet wurde. Welche Naturereignisse für dieses Sterben verantwortlich sein könnten, ist noch unklar.
Weitere Informationen
Artikel im Scientific Reports (04.08.2017): http://www.nature.com/articles/s41598-017-06392-9

04.08.2017, Bundesamt für Naturschutz
Rücksicht auf die Haselmaus beim Ausbau von Windenergie
BfN veröffentlicht bundesweite Empfehlungen zum Schutz des Tieres des Jahres
Die Haselmaus ist die kleinste Vertreterin der Schlafmäuse in Deutsch-land und zugleich Tier des Jahres 2017. Obwohl die Haselmaus nur daumengroß ist, sind die Art und ihr Lebensraum unter anderem durch den Bau von Windenergieanlagen beeinträchtigt. Dabei ist besondere Vorsicht geboten, denn diese Tierart ist zugleich nach der europäischen FFH-Richtlinie (Anhang IV) und dem Bundesnaturschutzgesetz besonders und streng geschützt. Nun gibt es erstmals deutschlandweite Empfehlungen zum Umgang mit der Haselmaus bei Windenergieplanungen.
Sie sind im Rahmen eines durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) geförderten Projektes entstanden und wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Natur und Landschaft“ veröffentlicht.
„Thematisiert werden nicht nur die artenschutzrechtlichen Vorgaben und daraus abgeleitete Standards für die Erfassung der Haselmaus sowie die Bewertung ihrer Beeinträchtigung durch Windkraft. Auch Maßnahmen zur Vermeidung und Minderung von Beeinträchtigungen sowie Kompensationsmöglichkeiten werden aufgezeigt. Die Fachempfehlungen unterstützen Projektierer, Gutachter und auch Behörden dabei, die artspezifischen Anforderungen der streng geschützten und im Verborgenen lebenden Haselmaus bei der Planung von Windenergieanlagen zu berücksichtigen. Dies stellt einen weiteren Schritt hin zu einer naturverträglichen Energiewende dar“, so die Präsidentin des BfN, Prof. Beate Jessel.
Die Haselmaus (Muscardinus avellanarius) ist in Deutschland vor allem in den waldreichen Hügelländern und Mittelgebirgen verbreitet. In diesen Gebieten lassen einige Bundesländer die Nutzung durch Windenergie prinzipiell zu. Ihre Lebensräume befinden sich aber nicht nur in Wäldern, sondern unter anderem auch in heckenreichen Landschaften Norddeutschlands, in denen ebenfalls eine Nutzung durch Windenergieanlagen stattfindet.
Die Haselmaus gilt in Deutschland als bestandsgefährdet. Um sie bei Eingriffen vor Verletzungen oder dem Tod zu schützen, aber auch um die Beschädigung oder Zerstörung ihrer Lebensstätten insbesondere durch Rodung und Fällung von Gehölzen zu verhindern, ist zunächst die systematische Erfassung der dämmerungs- und nachtaktiven Kletterkünstler wesentlich. Dabei lässt sich durch die Kombination geeigneter Maßnahmen die Auffindewahrscheinlichkeit des Bilches steigern. Der Nachweis kann unter anderem durch die Suche nach Freinestern in Sträuchern, Fraßspuren an Haselnüssen sowie die Kontrolle von Nistkästen oder -röhren gelingen. Die Erfassung sollte in der Regel mindestens eine Saison umfassen und einem bestimmten Ablauf folgen.
Um die Tiere vor direkten Schäden durch den geplanten Eingriff zu bewahren, kommen die Umsiedlung oder die Vergrämung der Individuen auf andere Flächen in Frage. Damit die Haselmaus diese Flächen als neue Lebensräume nutzen kann, müssen sie zuvor in der Regel entsprechend gestaltet werden, etwa durch eine Erhöhung der Arten- und Strukturvielfalt von Gehölzbeständen. Durch die Vernetzung der Landschaft mit Hecken- und Saumstrukturen, eine angepasste Bewirtschaftung von Nieder- und Mittelwäldern, durch welche die Entstehung kleinflächiger Mosaike geeigneter Entwicklungsformen begünstigt wird, und die Förderung höhlenreicher Altbaumbestände können Haselmauslebensräume, die durch den Bau von Windenergieanlagen unattraktiv geworden sind, kompensiert werden.
Bezugshinweis:
Büchner, S., Lang, J., Dietz, M., Schulz, B., Ehlers, S. und Tempelfeld, S. (2017): Berücksichtigung der Haselmaus (Muscardinus avellanarius) beim Bau von Windenergieanlagen. How to consider the Hazel Dormouse (Muscardinus avellanarius) in the planning and construction of wind turbines. Natur und Landschaft 92(8): 365-374.

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